18 19 .PRO UND CONTRA So kann es kaum sein. Mahler komponierte die Vierte zu einer Zeit, als er...

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  • TEODOR CURRENTZIS

    DO 21. / FR 22. FEBRUAR 2019, 20 UHR STUTTGART, LIEDERHALLE SO 24. FEBRUAR 2019, 19 UHR FREIBURG, KONZERTHAUS

    18 ·19

  • PROGRAMM

    GEORGE CRUMB *1929

    ANCIENT VOICES OF CHILDREN Liederzyklus nach Texten von Federico García Lorca

    für Mezzosopran, Knabensopran und Kammerensemble I. »El niño busca su voz«

    [Das Kind sucht seine Stimme] Dances of the Ancient Earth

    II. »Me he perdido muchas veces por el mar« [Ich habe mich oftmals im Meer verirrt] III. »¿De dónde vienes, amor, mi niño?«

    [Woher kommst du, Geliebtes, mein Kind?] Dance of the Sacred Life-Cycle

    IV. »Todas las tardes en Granada, todas las tardes se muere un niño« [An jedem Nachmittag in Granada, an jedem Nachmittag stirbt ein Kind]

    Ghost Dance V. »Se ha llenado de luces mi corazón de seda«

    [Mit Lichtern gefüllt hat sich mein seidenes Herz]

    27‘

    Sophia Burgos, Sopran Johannes Rempp, Knabensopran

    (Knabenchor collegium iuvenum Stuttgart) Philippe Tondre, Oboe

    Denise Wambsganß, Mandoline Renie Yamahata, Harfe

    Jochen Schorer, Schlagzeug und Singende Säge Franz Lang, Schlagzeug und Pauke

    Markus Maier, Schlagzeug Christoph Grund, elektrisches Klavier und Spielzeugklavier

    SWR Experimentalstudio, Elektronische Realisation Michael Acker, Klangregie

    Pause

  • GEORGE CRUMB · US-amerikanischer Komponist · wurde am 24. Okto- ber 1929 in Charleston, West Virginia, geboren · erhielt von seinem Vater (Bandleader und Klarinettist) im Alter von sieben Jahren ersten Klarinettenunterricht · wechselte später zum Klavier · erste Komposi- tionsversuche 1939, orientiert an der europäischen Romantik · spielte während der High School in Jazz-Combos · Studium am Mason College of Music and Fine Arts, an der University of Illinois, an der University of Michigan und bei Boris Blacher in Berlin · unterrichtete an der Univer- sity of Colorado in Boulder und von 1965 bis 1997 an der University of Pennsylvania in Philadelphia · erhielt 1968 den Pulitzer-Preis · wurde 1975 in die American Academy of Arts and Letters, 1985 in die American Academy of Arts and Sciences und 1993 in die Akademie der Künste in Berlin aufgenommen GUSTAV MAHLER · österreichischer Komponist und Dirigent · wurde am 7. Juli in Kalischt, Böhmen, geboren · mit 15 Jahren Musikstudium am Wiener Konservatorium · Privatunterricht bei Anton Bruckner · ab 1880 Tätigkeit als Kapellmeister in kleineren Städten Deutschlands · 1883 bis 1885 Kapellmeister in Kassel · danach Opernkapellmeister am Deut- schen Landestheater in Prag und am Stadttheater in Leipzig · 1888 bis 1891 Leiter der Oper in Budapest · 1891 bis 1897 Erster Kapellmeister am Hamburger Stadttheater · 1897 Direktor der Wiener Hofoper · leite- te von 1898 bis 1901 die Wiener Philharmoniker · trat 1907 vom Amt des Direktors der Wiener Hofoper zurück · nahm eine Stelle als Gast- dirigent an der Metropolitan Opera und des Philharmonic Orchestra in New York an · kehrte 1911 herzkrank nach Wien zurück · starb am 18. Mai 1911 im Alter von 51 Jahren in Wien

    KURZINFO ZUM HEUTIGEN KONZERT CRUMB · MAHLER

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    KONZERTEINFÜHRUNGEN · Stuttgart 19 Uhr und Freiburg 18 Uhr mit Reinhard Ermen LIVESENDUNG · Fr 22. Februar ab 20.03 Uhr in SWR2 VIDEO LIVESTREAM · Fr 22. Februar ab 20.03 Uhr auf SWRClassic.de VIDEO ON DEMAND · ab Mi 27. Februar auf SWRClassic.de

    GUSTAV MAHLER 1860 – 1911

    SINFONIE NR. 4 G-DUR FÜR GROẞES ORCHESTER MIT SOPRAN-SOLO

    Bedächtig, nicht eilen

    In gemächlicher Bewegung, ohne Hast

    Ruhevoll (Poco adagio)

    Sehr behaglich (»Wir genießen die himmlischen Freuden«,

    Sopran-Solo nach Worten aus »Des Knaben Wunderhorn«)

    55‘

    Christina Gansch, Sopran SWR Symphonieorchester

    Dirigent: Teodor Currentzis

  • KINDSKÖPFE

    Spontan, naiv, kindisch eben. Erwachsene finden schon mal ihre Worte für die Welt der Kinder. Distanz schwingt bei solchen Attributen mit, manchmal auch die Kühle jenes Beobachters, der meint, diese komi- schen Phasen namens Kindheit oder Pubertät längst hinter sich zu ha- ben. Nun, es gibt auch andere Stimmen: die von George Crumb zum Beispiel oder die von Gustav Mahler. Beide Komponisten blicken nicht herab aufs »Infantile«. Beide sehen auch Kehrseiten ihres Erwach- sen-Seins, denen sie – auf je eigene Art – Ausdruck geben. Mal klingt es heute Abend wehmütig, mal zerrissen oder melancholisch. Künstler sind Kinder geblieben, heißt es. Aber vielleicht haben Künstler nur fei- nere Antennen, können sich mehr einfühlen in kindliche Welten, die ihre Reize haben, letztlich aber nicht mehr erreichbar sind. Heute eine Probe aufs Exempel: Gustav Mahlers großer Weltenentwurf der vier- ten Sinfonie und George Crumbs so phantasievoll-intime Ancient Voices of Children.

    OFFENE BEWUSSTSEINSSTRÖME GEORGE CRUMBS ANCIENT VOICES OF CHILDREN

    »Manchmal ist es für einen Komponisten interessant, einen ›origina- len Impuls‹ oder so etwas wie einen kreativen Keim eines kompositori- schen Projekts wieder neu zu entdecken. Im Fall von Ancient Voices of Children spürte ich diesen Impuls vor allem in den letzten Worten des letzten Liedes: ›… und ich werde sehr weit wandern … um Christus den Herrn zu bitten, er möge mir die meine alte Kinderseele wiedergeben.‹«

    Offen äußert sich der amerikanische Komponist George Crumb über seine Vertonung der Texte von Federico García Lorca. Schon in der 1963 George Crumb

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  • Offenheit für Klänge jeglicher Couleur trägt dazu bei, aber sicherlich auch das Spielzeugklavier, das gegen Ende eine kleine Passage aus Johann Sebastian Bachs Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach zu Gehör bringt. García Lorcas Texte kreisen vor allem um den schmerz- haften Verlust der Kindheit. Im ersten Satz El niño busca su voz (Der Junge sucht nach seiner Stimme) fordert Crumb nichtsdestotrotz einen unaffektierten, ja fast naiv wirkenden Knabensopran. Aus der Ferne tönen die Worte: »Ich will die Stimme nicht, um zu reden; ich will einen Ring aus ihr machen, damit er mein Schweigen um seinen klei- nen Finger tragen kann.«

    PARADIES ODER PARODIE? GUSTAV MAHLERS VIERTE SINFONIE

    »Wir genießen die himmlischen Freuden, drum tun wir das Irdische meiden.« Auch wenn sie erst im vierten Satz kommen, scheinen die Worte der Sopranistin alles zu sagen: hier das harmonische Jenseits, dort das schwer zu ertragende Diesseits. Es sind Engel, die »hüpfen und springen, tanzen und singen« und die all jene Schönheiten besingen, die ihnen das Himmelsreich bietet: Spargel haben sie, Hechte, Forellen, und, nicht zu vergessen: die Musik. Tröstlich könnte das alles sein für uns Lebende und Sterbende. Nach dem Tod wird ja, wie es heute heißt, »alles gut«.

    Gustav Mahlers Vierte sei die fröhlichste, die klassizistischste all seiner Sinfonien. Als Beweis könnten die ersten Takte dienen. Kindlich un- schuldig läuten Schellen das Werk ein. Dann spielen Streicher eine liebliche Melodie über harmonisch gesetzte Kontrabässe. »Aus Kind- heitsträumen steigt das Bild einer fernen, unsäglich friedvollen, unbe- schwerten Welt auf«, schreibt der kluge Mahler-Kenner Paul Bekker schon 1921. Vom ersten bis zum letzten Satz also eine einzige Feier des Lebens und eines ach so schönen Jenseits?

    entstandenen Night Music 1 ließ sich Crumb inspirieren von Gedichten des spanischen Lyrikers. Danach arbeitete sich Crumb regelrecht ab an diesen Texten, die ganz eigentümliche Welten öffnen: Insbesondere deren surrealistisch-symbolbeladene Tiefenschichten faszinierten. Bei Lorca fand der Komponist jene Ausdrucksformen des Unbewussten, die seine Musik, ja sein ganzes musikalisches Denken stark beeinfluss- ten: »Auch wenn technische Fragen für einen Komponisten interes- sant sind«, schrieb Crumb 1980, »vermute ich doch, dass die wahren magischen und spirituellen Kräfte der Musik aus tieferen Schichten unserer Psyche kommen.«

    JENSEITS DER TECHNIK

    Wahrlich kommt man diesen Ancient Voices of Children kaum näher, wenn man sich nur auf Kompositionstechniken beruft. Eher gleicht das Stück einem vom irischen Literaten James Joyce so genannten »stream of consciousness«, einem freien Bewusstseinsstrom. Der intim-per- sönliche Charakter hat mit dem meist solistischen Einsatz der Stim- men und der Instrumente zu tun. Mal singt die Sopranistin in den Flü- gel hinein und bringt die Saiten dezent zum Schwingen, mal fordert George Crumb von ihr virtuose, kaum zu bewältigende Staccato-Passa- gen, dann wieder kommen lang gezogene, wunderbare Melodien auf Vokale oder Wörter, die im Sinne eines Rezitativs schon mal gespro- chen werden. Ungeheuer phantasievoll setzte Crumb auch die Instru- mente ein. Originär südamerikanische Maracas oder die in buddhisti- schen Ritualen gebräuchlichen Steine geben dem Werk etwas Karges, auch eine weltumfassende Note. Den Eindruck stilistischer Offenheit unterstreichen manche »groovenden Passagen«, die an den Boléro Maurice Ravels erinnern oder an die Rock-Sphäre.

    Naiv kann man das alles nicht nennen – aber diese Ancient Voices of Children haben zumindest einen kindlichen Touch. Die fast verspielte

  • PRO UND CONTRA

    So kann es kaum sein. Mahler komponierte die Vierte zu einer Zeit, als er zunehmend auf inhaltliche, programmatische Angaben verzichtete. Auffallend oft betonte er deren »innere Zusa