7. FEB 2018 Britten und Bridge Musik aus England · PDF fileBritten und Bridge – Musik...

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  • P H I L 2 0 1 7 / 1 8

    D E U T S C H E S H YG I E N E - M U S E U M

    7. FEB 2018

    Britten und Bridge Musik aus England

    P H I L 2 0 1 7 / 1 8

  • P R O G R A M M

    Frank Bridge (1879 – 1941) Suite für Streicher e-Moll (1909/10)

    Prelude: Moderato Intermezzo: Allegretto grazioso

    Nocturne: Adagio molto Finale: Allegro vivo

    Benjamin Britten (1913 – 1976) „Lachrymae — Reflections on a Song of Dowland“ op. 48 für Viola und Streicher (1950)

    „Variationen über ein Thema von Frank Bridge“ op. 10 für Streichorchester (1937) Introduction and Theme

    Adagio March: Presto alla marcia

    Romance: Allegretto grazioso Aria italiana: Allegro brillante

    Bourrée classique: Allegro e pesante Wiener Walzer: Lento – Vivace Moto perpetuo: Allegro molto

    Funeral March: Andante ritmico Chant: Lento

    Fugue and Finale: Allegro molto vivace

    Wolfgang Hentrich | Leitung Matan Gilitchensky | Viola

    Philharmonisches Kammerorchester Dresden

    Im Anschluss an das Konzert Getränke und Snacks in der Wandelhalle

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    „Das Land ohne Musik“ – unter diesem Titel veröffentlichte der deutsche Schriftsteller Oskar Adolf Hermann Schmitz 1904 einen antibritischen Essay. Seine Auffassung, die Engländer seien „das einzige Kulturvolk ohne eigene Musik (Gassenhauer ausgenommen)“, war zu diesem Zeitpunkt allerdings schon etwas überholt. Gewiss hatte die Insel seit Generationen keinen Komponisten mehr hervorgebracht, dessen Bedeutung auch nur annähernd der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Macht des Empires ent- sprach – und das war vielen Engländern schmerzlich bewusst. Doch das Land besaß durchaus fähige Komponisten – etwa Hubert Parry, Charles Villiers Stanford, Edward Elgar, Frederick Delius oder den ausge- sprochen vielseitigen Frank Bridge, der gerade sein Studium am Royal College of Music abgeschlossen hatte. Danach machte Bridge zunächst als Bratschist und Kammer- musiker auf sich aufmerksam: Er war ab

    VOLKSTÜMLICH UND RAFFINIERT B R I D G E : S U I T E F Ü R S T R E I C H E R

    1904 Mitglied des Grimson-Quartetts, das die englische Erstaufführung von Debussys Streichquartett übernahm, ersetzte 1906 bei einer England-Tournee des legendären Joachim-Quartetts den erkrankten Emanuel Wirth und gehörte 1907 bis 1915 dem English String Quartet an. Zunehmend hatte er auch Erfolg als Orchesterleiter, und vor allem machte ihn seine rasche Auffassungsgabe zum beliebten Gastdirigenten, der selbst nach sehr kurz- fristigen Absagen berühmter Pultstars einspringen konnte. In der Musiköffentlich- keit trug ihm das den scherzhaften Beinamen „Ambulance Conductor“ ein. Daneben muss Bridge ein sehr guter Lehrer gewesen sein. Er unterrichtete zwar nicht regelmäßig, doch sein bekanntester Kompositionsschüler Benjamin Britten verdankte ihm nach eigener Einschätzung viel. In seinen eigenen reifen Kompositionen wandte sich Bridge zwar eher kontinentalen

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    Vorbildern wie Skrjabin, Schönberg oder Berg zu, doch viele seiner früheren Werke haben etwas von dem folkloristischen Charakter, den zeitgenössische Musikschrift- steller mit dem Begriff „English Musical Renaissance“ verbanden. Gemeint war damit eine Emanzipation von übermächtigen fremden (vor allem deutschen) Einflüssen und die Rückbesinnung auf eigene Traditionen. Ein Beispiel dafür findet sich gleich zu Beginn der um den Jahreswechsel 1909/10 entstandenen Streichersuite: Man hört im Unisono der ersten Violinen und Bratschen eine „modale“ Melodie – eine Melodie also, die auf Tonskalen beruht, wie sie in der älteren Kirchenmusik und in Volksliedern üblich sind. Ähnliche Stellen enthält auch das anmutig-verspielte Intermezzo, ebenso das dunkel-elegische Nocturne und vor allem das quirlige Finale. Alle vier Sätze verbinden diese Züge jedoch mit einer raffinierten, durchaus fortschrittlichen Harmonik und einer meisterhaften Formdisposition. Bridges Suite wurde bei ihren ersten Auf- führungen noch recht kühl aufgenommen. Sie erlebte ihren Durchbruch erst bei einem vom Komponisten selbst geleiteten Proms- Konzert am 8. Oktober 1920 in der Londoner Queen’s Hall. Seitdem konnte sie sich als eines seiner populärsten Werke im Repertoire behaupten.

    FRANK BRIDGE * 26. Februar 1879 in Brighton (East Sussex, Großbritannien) † 10. Januar 1941 in Eastbourne (East Sussex)

    S U I T E F Ü R S T R E I C H E R E - M O L L

    Entstehung 1909 / 10 Spieldauer ca. 20 Minuten

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    Benjamin Britten war wohl der bedeutendste englische Komponist seit Henry Purcell. Doch als betont englisch fühlender Künstler wollte der erklärte Kosmopolit und Pazifist gerade nicht verstanden werden. Volks- melodien, die als Ausdruck von Nationalstolz gedeutet werden konnten, setzte Britten deshalb auch zurückhaltender ein, als es noch die Komponisten der vorangegangenen Generation getan hatten. Mehrfach wandte er sich gegen „musikalischen Nationalismus“ – was ihn jedoch nicht daran hinderte, sich intensiv mit seinen eigenen Wurzeln ausein- anderzusetzen, mit der englischen Literatur und Geschichte, aber auch mit den musikali- schen Traditionen seiner Heimat. So schrieb er eine ganze Reihe von Werken, die direkt durch seinen großen Vorgänger Purcell beeinflusst sind – 1945 zum Beispiel sein

    HULDIGUNGEN AN VORGÄNGER UND LEHRER

    B R I T T E N : „ L A C H R Y M A E “, „V A R I A T I O N E N Ü B E R E I N T H E M A V O N F R A N K B R I D G E “

    zweites Streichquartett oder im folgenden Jahr das berühmte pädagogische Stück „�e Young Person’s Guide to the Orchestra“, das auf einem �ema aus Purcells Schauspiel- musik „Abdelazer“ beruht. Ein weiterer englischer Musiker, den Britten sehr bewunderte, war John Dowland (1563–1626), der berühmteste Lautenist seiner Zeit. Der notorisch schwermütige Dowland, der seine Manuskripte mit „Jo: dolandi de Lachrimae“ („... von den Tränen“) zu unterzeichnen pflegte, ließ 1604 eine Sammlung unter dem Titel „Lachrymae“ drucken. Sie enthielt einige seiner berühm- testen Lieder in Versionen für Consort (Instrumentalensemble). Britten wiederum schrieb 1950 seine „Lachrymae“ für Viola und Klavier und gab ihnen den Untertitel „Reflections on a Song of Dowland“.

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    In diesem Werk versammelte er eine Reihe von Charakterstücken, die jeweils auf einem melodischen Fragment aus Dowlands Lied „If my Complaints Could Passion Move“ beruhen. Gegen Ende klingt noch ein weiteres berühmtes Dowland-Lied an („Flow my Tears“), bevor „If my Complaints“ erstmals in Dowlands originaler Harmonisierung erscheint. Britten schrieb seine „Lachrymae“ für den US-amerikanischen Violavirtuosen William Primrose, der gemeinsam mit dem Komponisten auch die Uraufführung (1950 im Rahmen von Brittens Aldeburgh Festival) spielte. In seinem letzten Lebensjahr 1976 erstellte Britten noch eine Fassung mit Streichorchester statt Klavier; sie erklingt im heutigen Konzert. „Als Student war ich eher eine Niete“, erinnerte sich Britten einmal. „Das Problem war, dass

    ich schon von früh an bei Frank Bridge studiert hatte. Bridges Ansatz war der eines hochprofessionellen internationalen Musikers. Die Haltung der meisten Studenten am Royal College of Music dagegen war eher amateurhaft und volkstümelnd. Mich ließ das eine ausgesprochen intolerante Haltung einnehmen.“ Tatsächlich war Britten, als er mit knapp 17 Jahren ein Stipendium für die renommierte Musikhochschule gewann, bereits ein erfahrener Komponist. Schon mit fünf hatte er erste Musikstücke notiert, und von den Arbeiten des 13-Jährigen war Bridge so beeindruckt, dass er sich bereit erklärte, ihn als seinen Schüler anzunehmen. Die ersten Begegnungen mit dem älteren Komponisten beschrieb Britten so: „Wir ver- standen uns prächtig und gingen am nächsten Vormittag einiges von meiner Musik durch.

    „Er brachte mir bei, dass ich mir bei jeder Passage, bei jeder Fortschreitung, bei jeder Linie soviel Mühe wie

    möglich geben musste.“

    Benjamin Britten über den Unterricht bei Frank Bridge

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    [...] Von da an kam ich regelmäßig zu ihm nach Eastbourne oder, in den Ferien, nach London. [...] Es waren sehr ernsthafte und professionelle Studien, die Unterrichtsein- heiten waren gewaltig [...] Bridge bestand auf einer absolut klaren Beziehung zwischen meiner Vorstellung und dem Niedergeschrie- benen. Er pflegte mich auf die andere Seite des Raums zu schicken; dann spielte er, was ich geschrieben hatte und fragte, ob es wirklich das war, was ich meinte.“ Bridge vermittelte dem Jungen die nötigen kompositionstechnischen Grundlagen, und er ließ ihn immer wieder zeitgenössische Werke aus anderen Ländern Europas hören, las mit ihm Partituren, ging Klavierauszüge am Instrument durch. Das Studium von 1930 bis 1933 bei John Ireland bot Britten dagegen mehr Frustration als Anregung. Ireland vertrat ebenso wie der am Royal College of Music sehr einflussreiche Ralph Vaughan Williams eine konservative Linie;

    beide orientierten sich an spätromantisch- impressionistischen Klängen und englischen Traditionen. Daher trafen Brittens Versuche, einen weiteren Horizont zu gewinnen und seinen eigenen Stil zu finden, auf wenig Gegenliebe