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Abenteuerreise durch Peru und Bolivien im Juli/August 2015 EL CONDOR PASA Teil 1: Lima – Arequipa – Colca Canyon – Titicaca See – Potosi – Dali Wüste – Laguna Verde – Siloli Wüste – Salar de Uyuni Reisebericht von Beate Strobel und Norbert Klesel

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Abenteuerreise durch Peru und Bolivien

im Juli/August 2015

EL CONDOR PASA Teil 1: Lima – Arequipa – Colca Canyon – Titicaca See – Potosi – Dali Wüste – Laguna Verde – Siloli Wüste – Salar de Uyuni

Reisebericht von Beate Strobel und Norbert Klesel

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Meinem lieben Klassenlehrer Klaus Kayser

zu seinem 90. Geburtstag gewidmet

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FRÜHSTÜCK, NICHT BEI TIFFANY Montag, der 27. Juli 2015 Majestätisch schweben elf voluminöse, äußerst farbenprächtige Exemplare aus der Familie der Cyprinidae über unserem Frühstückstisch, blicken uns aus riesigen Glupschaugen an, denen wir nur mit müdem Lächeln und trägen Augenlidern begegnen können. Nanu? Wo gibt’s denn das, bereits zum Frühstück Zierkarpfen? Und dann gleich elf an der Zahl? Außerdem, wie geht das denn: „Schweben über unserem Frühstückstisch?“ Sind wir etwa abgetaucht? Besuchen wir gerade ein Aquarium? Oder aber, bereits zu Tagesbeginn, ‘n Fischrestaurant? Oder was? Oder wie? Oder wo? Alles halb so dramatisch. Zwar sind wir von zwei überlangen Flügen (wie auch vom Alter) gezeichnet, (nicht aber von Dali gemalt), so dass wir folglich alles andere als ausgeschlafen in den frühen Vormittag blinzeln. Auch befinden wir uns nun ganz in der Nähe des größten und tiefsten Gewässers unserer Mutter Erde, d.h. am südöstlichen Ufer des Pazifiks, sitzen sogar in einem Restaurant, löffeln dort jedoch keineswegs ‘ne Fischsuppe, sondern haben Brötchen und Rührei auf den Teller geladen und versuchen nach der viel zu kurzen Nacht und der Reise um die halbe Welt wieder halbwegs zu Kräften zu kommen. Und dieses kleine, nette Restaurant, in dem wir im Augenblick sitzen und unser Frühstück genießen, liegt im Allpa Hotel in Miraflores, einem mondänen Vorort im Südwesten Limas, der Hauptstadt Perus. Mittags wandelt sich das Restaurant dann zum japanischen ‚Tanaki-Restaurant‘, in dem dann statt Brötchen, Marmelade und Ei Sushi und andere Köstlichkeiten aus der fernöstlichen – hier eigentlich fernwestlichen – Küche kredenzt werden. Vielleicht deshalb dieser bunte Schwarm der elf riesigen knallbunten Plastikkarpfen, die an der Decke baumeln, den Raum in zwei nahezu gleichgroße Hälften teilen und ihm ein fernöstliches/fernwestliches Flair verleihen.

Peru, genauer gesagt Südperu, verzeichnen wir also diesmal auf unserer Urlaubs-liste. Seine landschaftlichen und kulturellen Höhepunkte wollen wir in den nächsten Wochen per Touristenbus aufsuchen. Zudem steht eine vierzehntägige Geländewagen-Tour in die Yungas Nordboliviens und zu den Vulkanen, Salars und Lagunas an der chilenisch-bolivianischen Grenze an, bevor – zurück in Peru – die Reise in Cusco, selbstredend in Machu Picchu sowie zu guter Letzt im Amazonas-Regenwald am Heath River ausklingt. Soweit der Plan. Organisiert wurde die Tour diesmal nicht selbst per PC und Telefon von zuhause aus, sondern äußerst perfekt und professionell durch Markus Mathys‘ SuedamerikaReisen aus Langenthal in der Schweiz. Markus selbst hat über ein Dutzend Jahre in Peru gelebt, dort Reisen im Westen Südamerikas organisiert und sie auch begleitet.

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Wir sind diesmal wiederum zu dritt. Nicht etwa, dass unseres Sohnemann Jan der jeweils zu Beginn der Semesterferien einsetzende Klausur-Lawine ausgewichen ist.. Sie zwingt ihn ja nun schon den zweiten Sommer zu ausgiebigem Pauken und Zuhausebleiben, während die beiden Familienälteren sich – wie stets in den Sommerferien – die weite Welt anschauen. Der Dritte im Bunde ist Gerhard, dessen jahrzehntelang zurückliegenden Peru- und Bolivienkenntnisse dringend der Auffrischung bedürfen, während für uns zwei, Beate und Norbert, beide Länder absolutes Neuland sind.

Keineswegs dem Jetlag Vorschub leisten lautet die Devise. Also treffen wir uns nach dem Zähneputzen im Foyer des Hotels und gehen in diesem relativ sicheren Stadtteil Limas auf unsere erste Entdeckungstour. Zudem gilt es die Devisen aufzufrischen und an einem Cajeta automatico die ersten peruanischen Pesos abzuheben. Der verkehrsreiche Óvalo de Miraflores wird sicher überquert. Im Parque Central de Miraflores/Parque Kennedy entdecken wir die vielen verwilderten Katzen, die jetzt, am Vormittag, die Nischen, Ecken und Astgabeln an Gebäuden und Bäumen besetzt halten und dort friedlich vor sich hindösen. Auch die am Park liegenden Iglesia Virgen Milagrosa besuchen wir, wundern uns allerdings, dass es in Peru so gut wie immer verboten ist, in Kirchen zu fotografieren. Doch hauptsächlich wollen wir ja die Birne freibekommen, was man bekanntlich besser an der frischen Luft als im Inneren einer Kirche mit ihren hochgeistlichen Weihrauchdüften erreicht. „Und eigentlich wäre ‘ne frische Meeresbrise jetzt genau das Richtige!“ Nach Verlassen der Kirche biegen wir instinktiv in die Avenida Jose Larco ein und siehe da, bereits ein halbes Stündchen später stehen wir am Meer. Am Steilufer des Pazifischen Ozeans. Weit geht der Blick hinüber nach Barranco – dem zweiten der mondänen Vororte in Limas Südwesten – und seinem mit Antennen gespickten Uferberg, geht hinaus aufs Meer fällt auf die Isla San Lorenzo, auf die ehemalige Gefängnisinsel El Fronton sowie auf eine Reihe von ins Meer gebauten Piers und Wellenbrechern. Doch es ist Wintertime hier auf der Südhalbkugel. So ist‘s ein Blick ins Graue. Tief hängt der Nebel über Stadt und Meer, hat seine trübe Farbe auch aufs Wasser übertragen. Nur die weißen Gischtkronen der stetig anbrandenden Wellen lockern diese Rhapsodie in Grau etwas auf. Mehr als siebzig Meter unter uns zieht sich das Asphaltband des Circuito de Playas, des Uferhighways, an der Costa Verde entlang. Natürlich in Grau. Und selbst der schmale Saum der verschiedenen Badestrände zwischen Highway und Ozean hat wegen der fehlenden Sonne seine Leuchtkraft eingebüßt und präsentiert sich heute lediglich in mattem Gelb. Nicht gerade das, was man sich allgemein unter tropischem Badewetter vorstellt. Trotzdem tummeln sich Dutzende von Surfern am Strand und im Wasser und genießen den kurzen Ritt auf den augenblicklich mäßig hohen Brandungswellen.

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Genießen? Brrr! Allein vom Zuschauen wird‘s einem in seiner warmen Kleidung eisig kalt, zumal man ja auch weiß, dass es mit den Wassertemperaturen nicht so weit her sein kann, und das nicht nur wegen des augenblicklich völlig vernebelten Südwinters. Denn auch der kalte Humboldtstrom, der über Tausende von Kilometern, von der Südspitze Chiles bis hin zum Äquator, an der Westküste Südamerikas entlang verläuft, bringt antarktische Tiefenwasser herbei. Dieses eiskalte, antarktische Ursprungswasser zieht es nach sich, dass die durchschnittliche Wassertemperatur an der Westküste Südamerikas bis zu acht Grad Celsius niedriger ist als ihr Pendant im freien Ozean auf gleicher geografischer Breite. Ganze 12°C soll sie hier lediglich noch betragen. Folglich sind selbst um die schöne Weihnachtszeit herum, wenn hier in Lima die heiße Tropensonne vom Himmelszelt brennt, die pazifischen Wassertemperaturen mehr als gewöhnungsbedürftig. Der Avenida Jose Larco, auf der wir ans Ufer des Pazifiks gekommen sind, verdankt auch das modern gestaltete Einkaufs- Vergnügungs- und Restaurantzentrum Larcomar seinen Namen. Larco bezieht sich auf die Avenida bzw. deren Namensgeber und mar aufs Meer, an dessen Steilküste es liegt. Auch ein Kino, eine Bowlingbahn, ein Museum und für die vielen Touristen natürlich auch Souvenirläden verstecken sich in diesem ausgedehnten Zentrum.

Wir belassen es auch hier bei einem flüchtigen Besuch und setzen unsere Wanderung auf dem Weg zwischen Steilufer und der oberen Uferstraße, der Malacón de Reserva, fort. Von unten – auf einem weit in den Ozean hinausragenden Damm und eine Pier – grüßen bald darauf die blauen Dächer des Restaurants ‚La Rosa Nautica‘ und anderer Gebäude. Auf der Malacón 28 de Julio, deren Name an den Tag der Unabhängigkeitsproklamation Perus durch seinen Freiheitshelden José de San Martin am 28. Juli 1821 erinnert, ist bald darauf der Parque Kennedy wieder erreicht.

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Eigentlich wollen wir dem Indio-Markt noch einen kurzen Besuch abstatten, landen aber stattdessen im Mercado N°1 de Surquillo, dem größten und bekanntesten Markt weit und breit. Selbst Meisterköche suchen hier ihre Ingredienzien. Ein buntes Gewirr von Gassen und Verkaufsständen nimmt uns auf. Sofort ist der Jetlag vergessen. Erwartungsvoll werden die Kameras hervorkramt, und hinein geht’s ins Getümmel. Wahre Unmengen von Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Muscheln und andere Meerestiere, Gewürze, Brot und Gebäck, schier alles, was den lateinamerikanischen Küchenchef erfreut, wird hier wohlgeordnet präsentiert und wartet auf den kundigen Käufer. Dazu die überbordende Geräuschkulisse, eine exotische Kakophonie der Stimmen und Laute. Und mitten drin Orte der Stille und Besinnung: In einem Glaskasten die Jungfrau Maria mit Kind. Viele der angebotenen Waren sind auch in der europäischen Küche bekannt, manches jedoch ist absolut neu für uns. Eine Pyramide schraubförmig gedrehter, gelblicher Knollen erregt Beates Interesse und lässt sie nach deren Namen fragen. „Patatas, Señora!“ist die prompte Antwort und erregt großes Erstaunen. “Wie, was! Das sollen Kartoffeln sein? Die seh’n ja ganz anders aus!” Nun, auch wenn recht skurril anmutend, ist es nur eine der über 3000 hier bekannten Kartoffelsorten.

Nicht nur Lebensmittel können erstanden werden. Auch Pfannen, Töpfe, Geschirr, Besteck und sogar Kleidung warten auf ihre Käufer. Und in der angrenzenden Calle Narciso de la Colina regen an verschiedenen Ständen schmackhafte einheimische Gerichte den Gaumen manch hungrigen Gastes an. Wir allerdings haben gut gefrühstückt und kehren erst einmal zum Hotel zurück. Erst am Abend brechen wir erneut auf und lassen uns bereits nach ein paar Schritten in einem von Miraflores’ zahlreichen Lokalen zum ausgiebigen Vespern nieder.

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Dienstag, der 28. Juli 2015 Alles klappt heute Morgen wie am Schnürchen. Bereits um fünfe stehen wir unter der Dusche, was uns wegen des Jetlags gar nicht so schwer fällt, denn in Old Germany ist jetzt ja bereits high noon. Punkt halb sieben sitzen wir im Auto und nach längerem Warten am Busbahnhof steigen wir kurz vor acht in den doppelstöckigen Reisebus in Richtung Paracas. Viel Platz in bequemen Sitzen im ‚Obergeschoß‘ hinter getönten Scheiben. Was will man mehr?

Lima bleibt im Nebel zurück. Lurin mit seinen tristen Häusern und Fabriken an der Carretera Panamericana del Sur wird durchfahren. Erst Tage später, in Bolivien erfahren wir, weshalb viele der Gebäude unverputzt sind und bleiben: Der exorbitant hohen Steuern für fertiggestellte (gleich verputzte) Häuser wegen. Lieber hässlicher Backstein statt schicker Putz, statt dem Staat die Kröten hinterher-zuschmeißen lieber ‘ne halbfertige Hütte, heißt scheinbar auch hier in Peru landauf landab die Devise. FIESTAS PATRIAS Und dann ist er da, der Stille Ozean. Die getönten Fahrzeugscheiben verleihen ihm heute einen noch finsteren Touch. Zudem durchfahren wir nun Kilometer für Kilometer ausgesprochen öde Landschaften. Es fehlt an Palmen, Hibiskus, an Sträuchern und Bäumen, einfach an jeglicher Vegetation, die wir ansonsten in unserer Vorstellung mit einem tropischen Strand verbinden. Und die Erde war wüst und leer. Nur vereinzelt lockern bewässerte Felder und Gärten die Wüstenei etwas auf. Erst in Höhe von San Vincente de Cañete an den Ufern des Rio Cañete, einem aus den Anden kommenden Fluss, taucht für Augenblicke wieder intensiveres Grün am Straßenrand auf. Doch bald darauf liegt die Flussoase hinter uns, und wir müssen uns erneut an die absolute Kargheit der Costa gewöhnen. Ursache ist weiterhin der kalte Humboldtstrom. Regenfälle sind zwischen Lima und Santiago de Chile im gesamten Jahresverlauf ein äußerst seltenes Ereignis. An der Grenze zu Chile beginnt zudem die Atacama, die trockenste Wüste der Erde. Kurz vor Mittag biegt der Bus von der Panamericana ab. Kurz darauf wird der Busbahnhof in Paracas – mehr ein versandeter Hinterhof als ein Bahnhof – erreicht, wo uns eine Mitarbeiterin von Solmar Tour in Empfang nimmt und uns zum Hotel begleitet. Es ist noch viel Zeit bis zu unserem Ausflug auf die Halbinsel Paracas am frühen Nachmittag. Also stellen wir nur kurz unser Gepäck in den etwas zu klein geratenen Zimmern des ‚Gran Palma‘ ab und stürzen uns in den Trubel am Strand. Trubel hier im kühlen Winternebel in einem kleinen Kaff und öder Küstenwüste? Und dazu

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noch an einem Dienstag. Nun, dazu muss man wissen, dass für jeden Peruaner heute ein besonderer Tag und in diesem Zusammenhang Paracas ein ganz besonderer Ort ist. Denn genau hier in der Baia de Paracas landete vor fast 195 Jahren der argentinische General José de San Martin mit einem chilenisch-argentinischen Heer, um – wie zwei Jahre vorher die Unabhängigkeit Chiles – nun die Unabhängigkeit Perus von den Spaniern zu erkämpfen. Er besiegte die Spanier im Dezember 1820 bei Pisco, versicherte sich zunächst der Unterstützung durch eine starke Adelspartei und besetzte erst dann Lima, wo er am 28. Juli 1821 die Unabhängigkeit Perus ausrief und zum Protektor des Landes ernannt wurde. Der fortgesetzte Widerstand der Spanier in Peru und Streitigkeiten innerhalb seiner Armee veranlassten ihn, den venezolanischen General und Revolutionär Simón Bolívar um militärische Unterstützung zu bitten. Die beiden Revolutionäre waren sich allerdings in Fragen der Regierungspolitik uneinig. Während San Martín eine Monarchie anstrebte, hielt Bolívar an der Errichtung einer Republik fest. Am 26. und am 27. Juli 1822 versuchten die beiden führenden Personen der Unabhängigkeitskriege die Differenzen bei Treffen in Guayaquil letztlich ohne Erfolg zu beseitigen, San Martín trat daraufhin zugunsten Bolívars zurück. Bis heute ist unklar, ob San Martín aus freiem Willen zurücktrat, in der Hoffnung, dass dem Weg in die Unabhängigkeit durch Bolívar besser gedient wäre, oder ob Bolívar diesen Schritt zur Bedingung für seine Hilfe in Peru gemacht hatte. 1824 ging San Martín nach Europa, wo er am 17. August 1850 in Boulogne (Nordfrankreich) starb. Im Haus Nummer 113 der dortigen Grande Rue, das heute ein ihm gewidmetes Museum beherbergt, hatte er die letzten beiden Jahre seines Lebens verbracht. 1880 wurden seine sterblichen Überreste nach Argentinien gebracht und in der Kathedrale von Buenos Aires in einem Mausoleum beigesetzt (wikipedia, 09.11.2015).

Hier also, an der Bucht von Paracas, ist der Ort des großen Sieges gegen die Kolonialherren im Dezember 1820. Es ist sozusagen das Mekka Perus. Jeder Peruaner sollte diesen Geburtsort des modernen Perus wenigstens einmal in seinem Leben besucht haben. Zudem bedeutet Paracas auf Quechua Sturmwind und so kommt es uns auch vor. Zudem ist heute der 28. Juli, wie schon erwähnt der Tag der Ausrufung der Unabhängigkeit Perus durch San Martin vor 194 Jahren. Und nicht nur dieser Tag, sondern auch gleich der darauffolgende wurde zu den Fiestas Patrias, zu Perus Nationalfeiertagen, ernannt, an denen laut Gesetz jeder Hausbesitzer mindestens vier Tage lang die rot-weiße Nationalflagge zu hissen hat. Deshalb also tummeln sich heute hier Hunderte, ja Tausende von Besuchern auf Paracas‘ Strandpromenade, warten geduldig auf ein freies Plätzchen in einem der Restaurants oder in einem der Boote, die zu den Islas Ballestas hinüberschippern. Dümpelnde Kähne im Hafen, spielende Kinder am Strand, Musikanten, Artisten, Feuerschlucker, promenierende Pärchen, ganze Familien-Clans. Ein euphorisches Nationalfeiertags-tägliches Tohuwabohu im Küstennebel.

Dieser feierliche Augenblick an dem so geschichtsträchtigen Ort muss natürlich unbedingt fotografisch festgehalten und mittels eines Smartphones in Pixel übersetzt werden. Wie heutzutage allgemein üblich geschieht das meist nicht durch eine zweite Person, sondern mit weit von sich gestreckter Hand oder Sticks zwecks eines oder mehrerer Selfies. Daher sorgt so mancher der vielen, vielen Feiertagsbesucher unverhofft für einen individuellen Extrastau in dem allgemeinen Ufergeschiebe. Die paar Fotoapparate, die ebenfalls eingesetzt werden, erscheinen dagegen schon fast als Anachronismen aus dem letzten Jahrtausend.

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Der Zutritt zur Pier wird durch einen grimmig dreinblickenden Indiopriester verwehrt. Ist der echt oder aus Plastik? Erst auf den zweiten Blick erkennt man in ihm die Statue und nicht den gut geschminkten Schausteller. Um jede Verwechselung von vornherein auszuschließen, zwingt sich daher unser Silberrücken auf dem gemeinsamen Konterfei zu einem müden Lächeln. Zudem beheimatet das Seegebiet vor Pisco einen der reichsten Fischgründe des Pazifiks. Deshalb also die umfangreiche Trawler-Flotte hier in Paracas’ windgeschützter Bucht. Unmittelbar neben dem Steg halten Dutzende von Chile-Pelikanen (Pelecanus thagus) den Strand besetzt und lauern auf den nächsten Fisch aus dem Eimer eines Strandwärters. Der ständige Streit um die besten Happen wird meist zu Gunsten der größeren, äußerst farbenprächtigen Männchen entschieden. Chile-Pelikane sind zudem wesentlich größer als ihre nahen Verwandten, die Braunen Pelikane, und haben ein mehr graues statt braunes Gefieder. Ausgewachsene Vögel sind an Hals und Kopf weiß, ihr Kehlsack ist bläulich, der Schnabelansatz schwarz, die Schnabelspitze rötlich, schwarzer Kehlsack. Im Gegensatz zu seinem Vetter, dem Braunen Pelikan brütet der Chile-Pelikan nicht auf Bäumen, sondern in Felsnischen an der Felsküste. Durch den El Niño von 1998 wurde er stark in Mitleidenschaft gezogen, so dass seine Gesamtpopulation heute auf nur noch 500.000 Vögel geschätzt wird.

Pünktlich um 14 Uhr holen uns Abel und ein Fahrer zu unserem Ausflug auf die Paracas-Halbinsel ab. Ein ganzer Bus für uns drei Hanseln! Zusammen mit den Ballestas-Inseln, die wir morgen früh besuchen wollen, sowie einem großen Küstengebiet südlich der Halbinsel bildet sie die Reserva Nacional de Paracas.

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Im Naturkundehaus am Eingang zum Reservat erhalten wir einige Informationen zur Geologie und Biologie des Gebiets. Demnach war es vor 32 Millionen Jahren noch Teil des Ozeans. Seine Küste war bevölkert von riesigen Pelikanen und

Pinguinen. Infolge der Plattentektonik – die ozeanische Nazcaplatte wird unter die nach Westen driftende Südamerikaplatte subduziert – zog sich das Meer zurück und hinterließ eine aride Küsten-landschaft, wie wir sie gestern ja schon vielerorts beobachten konnten. Auf früheren Touren – ob nun in Afrika, Asien oder Nordamerika – haben wir bereits so manche Wüste dieser Erde erlebt. Doch eine so trockene, so absolut vegetationslose Gegend wie dieser Küstenstreifen war uns bisher noch nicht untergekommen. Weit und breit kein Strauch, kein Pflänzchen. Ja, noch nicht einmal

ein trockener Grashalm ist hier irgendwo zu entdecken. Das einzige Grün was in dieser einzigartigen Öde auftaucht, stammt von Grünalgen auf den meeresumspülten Felsen direkt an der Küste. Trotz der unendlichen Wassermassen des Pazifiks im Westen ansonsten so weit das Auge reicht nur ein in Nebel gehülltes bizarres, absolutes Nichts. Und die Erde ward öd und leer. Allein das Medium Sand gibt’s ringsherum in wahrem Übermaß.

Trotz dieser lebensfeindlichen Ödnis wurden an mehreren Stellen der Halbinsel Spuren von menschlicher Besiedlung gefunden, die Zeugnis von einer hochrangigen Kultur, der sogenannten Paracas-Kultur, ablegen. Wie uns auch Abel sehr ausführlich und gut erläutert, war um 3000 v. Chr. die Paracas-Halbinsel von einer Bevölkerung besiedelt, die weder Baumwolle noch Keramik kannte. Die Ernährungsgrundlage war vor allem der Fischfang und Muschelsammeln. Diese Lebensweise führte zu riesigen Muschelhaufen, die bis zu 100 m lang und 10 m hoch sein konnten. Die Toten bestattete man aber schon in Schilfmatten und manchmal in Lamafellen. Gegen 1000 v. Chr. lebte dort eine Gesellschaft, die zwar immer noch keine Keramik kannte, denen aber Mais, Maniok, Baumwolle und Bohnen nicht unbekannt waren. Außerdem hatten sie die Bestattungsrituale weiterentwickelt. Gegen 700 v. Chr. wurde diese Region von der Chavín-Kultur beeinflusst. Zur selben Zeit wurde dort auch die Keramik bekannt. Aus dem Chavín-Einfluss entwickelte sich ein ganz eigener Stil, der den religiösen und kulturellen Eigenheiten des Paracas-Gebietes angepasst war. Dem peruanischen Archäologen Julio C. Tello fielen in den zwanziger Jahren schöne Textilien in privaten Sammlungen auf. Er wollte wissen, woher diese Stücke stammten und begann 1925 eine lange Grabungsaktion an den Hängen des Cerro Colorado, eine der auffälligsten Landmarken auf der Paracas-Halbinsel. Der Cerro Colorado ist eine rötlich schimmernde Erhebung aus Rosengranit. In den Berghängen fand Tello 2 Gräberfelder: Cavernas und Necropolis. Aufgrund der Lage und des trockenen Klimas waren die Gräber völlig unversehrt geblieben und anhand der Funde konnte man die Paracas-Kultur in zwei Stilrichtungen untergliedern, Paracas-Cavernas und Paracas-Necropolis. Cavernas stammt aus der Zeit 600-400 v.

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Chr. Die andere Nekropole ist jünger. Ähnliche Gräber fand man auch in den nahen Küstentälern von Ica, Pisco, Chincha und Nazca. Im Gipfelbereich des Cerro Colorado fand man flaschenähnliche, unterirdische Schachtgräber, die deshalb den Namen Cavernas ("Kavernen") erhielten. Die dortigen Gräber enthielten 30-40 Leichname (Männer, Frauen und Kinder), deren sozialer Status an den Grabbeigaben erkennbar war. Die Ärmsten trugen nur ein einfaches Baumwollgewand und hatten ein Kürbisgefäß mit Nahrungsmitteln bei sich. Die sozialer höherstehenden waren auch in eleganteren, reicher vierzierten Stoffen beigesetzt und man fand auch mehr Grabbeigaben, wie Keramikgefäße, Goldschmuck und anderes. Bei Männern und Frauen waren die Schädel deformiert und an fast der Hälfte der Schädel hatte man eine Trepanation vorgenommen. Neben wunderschönen Textilien fand man auch Keramiken, die uns helfen diese Kultur zeitlich einzuordnen und mehr über sie zu lernen. Typischerweise waren die Keramiken dieser Zeit mit Farbpigmenten verziert, die in Harz gelöst und nach dem Brennen aufgetragen wurde. Anhand der Art der Keramik und der Motive (bspw. Kugelgefäße mit Steigbügelhenkel und einer eingeritzten Raubkatze) kann man erkennen, dass es Verbindungen zu dem Zeremonialzentrum Chavín de Huántar gab. Dieser Einfluss verblasste aber im Laufe der Zeit und war während der Necropolis-Phase nicht mehr zu spüren. Necropolis ("Totenstadt") befindet sich an der Nordspitze von Cerro Colorado und bestand aus unterirdischen Kammern mit echten Wänden. Sie enthielten zahlreiche Mumienbündel. Tello fand 429 mumifizierte Körper von erwachsenen Männern. Manche trugen über 100 farbenfrohe Baumwollkleidungsstücke. Deshalb nimmt man an, daß diese Begräbnisstätte für ranghohe Personen gedacht war. Die Mumien fand man in einer fötusartigen Haltung. Aufgrund dieser Funde ist man inzwischen in der Lage zu sagen, dass der Höhepunkt der Paracas-Kultur zwischen 550 v. Chr. und 100 n. Chr. lag. Diese Kultur ist das erste Beispiel einer komplex strukturierten Gesellschaftsform an der südperuanischen Küste. Das die Gräber nach ca. 2500 Jahren so gut erhalten geblieben sind, haben wir dem extrem trockenen Klima auf der Paracas-Halbinsel zu verdanken. Neben den Baumwollstoffen fand man auch gut erhaltene Holzgegenstände wie Pfeile und Webstühle sowie Reste pflanzlicher Nahrungsmittel in Körben. Der Übergang zur Nasca-Zeit verlief schleichend zwischen 200 und 100 v. Chr. Die Veränderungen der Kultur sind eventuell auf die Ankunft neuer Völker zurückzuführen. Bedeutende Änderungen sind vor allem bei der Herstellung der Keramik zu beobachten. Diese wurde nun vor dem Brand bemalt und erhielt leuchtende Farben und eine hochglänzende Oberfläche. (aus www.indianer-welt.de)

Kaum zu glauben, dass vor zweieinhalbtausend Jahren in dieser Marslandschaft eine kulturell so hochstehende Kultur existiert hat, denn abgesehen von den kurzzeitigen Stippvisiten der Touristen scheint hier jegliches dauerhafte tierische und pflanzliche Leben unmöglich und von vornherein zum Untergang verdammt.

Erst in einer weit entfernten Lagune entdecken wir tierisches Leben: Flamingos (Phoenicopterux chilensis) – Parihuanas wie sie auf Spanisch heißen – und später an der sturmumtosten Südküste des Reservats auch dunkelgefiederten, rotschnäbligen Inka-Seeschwalben (Larosterna inca) sowie verschiedene Möwen wie die Belchers oder die Grauen Möwen (Larus belcheri bzw. Leucophaeus modestus). Auch die uns schon bekannten Chile-Pelikane werden dort gesichtet.

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Von der ‚Kathedrale von Paracas‘ jedoch, in früheren Tagen eine äußerst beein-druckende Felsformation und Wahrzeichen des Reservats, sind nur noch kümmer-liche Reste verblieben. Ihr markanter Rundbogen wurde Opfer des verheerenden Erdbebens der Stärke 8,0 an Mariä Himmelfahrt, dem 15. August 2007. Erst mit beginnender Dämmerung verlassen wir das Wüsten-Reservat, kehren zum Hotel zurück, bedanken uns herzlich bei Abel für die ausgezeichnete Führung. „ ¡Adios y hasta mañana!“ Noch haben wir ‘ne halbe Stunde später den Mumm, uns zu einem der Restaurants an der Strandpromenade zu schleppen. Dann aber locken uns keinerlei Vögel mit noch so prächtigem Gefieder mehr, sondern nur noch die Drahtfedern der Bettmatratze. Präputia satis! Vorhäute genug!

Mittwoch, der 29. Juli 2015 Gleich zwei Überraschungen erwarten uns heute. Eine gute und eine schlechte. Die gute zuerst: Draußen erwartet uns blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Sie heben gleich die Stimmung und halten sogar den ganzen Tag an. Was will man mehr? Frohgemut sitzen wir auf der Dachterrasse des ‚Gran Palma‘, genießen das reichliche Frühstück mit herrlichen Maracujas, Ei und Bratkartoffeln und den herrlichen Ausblick auf die vielen Fischerboote in der Bucht, das blaue Meer, die jetzt wie leergefegte Strandpromenade. Norbert kann es sich nicht verkneifen, nochmals seine Kamera aus dem Zimmer zu holen und das wunderbare Hafenpanorama erneut zu fotografieren. Die Hiobsbotschaft folgt auf den Fuß. An der Rezeption erwartet uns Abel und bringt uns die schlechte Nachricht, dass der Bootsausflug zu den Islas Ballestas leider ein Opfer des heftigen Windes und des hohen Wellengangs geworden ist. Kein Boot bekommt heute die Auslauferlaubnis! „Wieso? Wie das? Hier in Paracas weht doch nur ein sanftes Lüftchen und die Boote in der weiten Bucht dümpeln ruhig vor sich hin!“ Draußen vor der Bucht sei es dagegen heftig, erläutert uns Abel und vertröstet uns auf neun Uhr. Vielleicht besteht ja dann die Möglichkeit zum Auslaufen. Doch auch eine Stunde später ist die Kunde immer noch die gleiche. Die Mähnenrobben und Seevögel wie auch die riesige Geoglyphe ‚El Candelabro‘ zu erblicken bleibt uns verwehrt. Also machen wir es den anderen Touristen nach, die sich nun wieder in großer Zahl am Strand und Uferpromenade eingefunden haben, flanieren am Hafen entlang und machen nun bei strahlendem Sonnenschein viele der Bilder erneut, die wir bereits gestern bei Nebel geschossen haben. Um elf Uhr bringt uns dann Abel zum Busbahnhof, und eine dreiviertel Stunde später nehmen wir mit einem weinenden und lachenden Auge Abschied von Paracas und seinem Hafen.

Die Panamerica verlässt nun den direkten Küstenbereich und steigt langsam, fast unmerklich zu der Provinzhauptstadt Ica in 406 m über dem Meeresspiegel empor.

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Umrahmt von hohen Dünen verdanke Ica und seine 220.000 Einwohner ihre Existenz dem Wasser des Rio Ica, an dessen Ufern reger Garten- und Feldanbau betrieben wird. Kaum zu glauben, hier inmitten einer der trockensten Wüsten der Welt, wird auf den Feldern Obst und Gemüse angebaut. Artischocken, Spargel und Weintrauben sind wichtige Exportgüter. Und wer hätte das gedacht, auch der unfruchtbare Sand ringsum wird von Icas geschäftstüchtigen Bewohnern zu Geld gemacht! Nur wenige Kilometer westlich von Ica liegt inmitten 100 Meter-hohen Dünen die Oase Huacachina. Das ganze Jahr über können dort für Sandralleys auf den Dünen 4x4-Buggys mit Fahrer angemietet werden. In Ermangelung von Schnee wird der Sand zudem auch fürs Sandboarding auf sogenannten Sandboards genutzt. Sie sind ebenfalls für gutes Geld in Ica zu mieten oder gar zu kaufen. Ebenfalls besuchenswert ist südlich von Ica der Canon de los Perdidos am Rio Seco, einem ausgetrockneten Nebenfluss des Rio Ico. Unser Bus macht allerdings nur einen kurzen Stopp in der Provinzhauptstadt, nimmt neue Passagiere an Bord und setzt dann seine Fahrt fort. Kurz hinter San Antonio verlässt die Panamericana das fruchtbare Oasental des Rio Ica, verläuft durch eine ausgedörrte Ebene, führt auf eine sandumwehte, vom Wüstenlack schwarzgefärbte Bergkette zu. Wieder wird eine kleine Flussoase durchfahren, wieder umgeben uns windzerzauste, finstere Gebirgszüge. In Serpentinen geht es hinunter ist Tal des Rio Grande, der auf einer Brücke überquert wird. Erneut windet sich die Straße über die Berge, führt hinab in das fruchtbare, grüne Tal des Rio Palpa. Eine zweite kurze Pause, diesmal in Palpa.

Bald darauf hat uns die Wüste wieder. Eine Welt aus Fels, Sand und Geröll. Wieder ein plötzlicher Wechsel, als die Flussoase des Rio Ingenio gequert wird. Rechterhand lädt das Museum Maria Reiche zum Besuch. Und dann ist sie erreicht, die Pampa de San José, Teil der Pampa Colorada. Eine öde, düstere Schotterebene, eingerahmt von schwarzen Bergrücken. Wie andere ist die Pampa Produkt eiszeitlicher Starkregen vor ca. 50 000 Jahren, durch die die Andentäler mit Schotter verfüllt wurden. So entstand der charakteristische Wechsel von grünen Flussoasen und ariden Hochflächen, auf die heute so gut wie keine Niederschläge mehr fallen – weniger als 5 mm pro Jahr. Die reißenden Flüsse von damals sind längst zu spärlichen Rinnsalen verkümmert. Die Ebenen sind heute menschenleer und ohne jegliche Vegetation. Hätten sie eine Melodie, dann wäre sie melancholisch und leise. Und trotzdem birgt die Pampa Colorada auf über 500 km² einen riesigen Schatz, der seit 1994 UNESCO-Weltkulturerbe ist: Die Scharrbilder, die Geoglyphen von Nazca. Rechts der Straße bleibt der Beobachtungsturm zurück, den Maria Reiche zum Schutz der empfindlichen Fläche und zur Vorbeugung gegen weitere Zerstörungen 1976 errichten ließ, denn unmittelbar dort, wo der Turm steht, wird beispielsweise die ca. 1000 Meter lange Geoglyphe eines Leguans von der Panamericana durchschnitten.

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DIE GEOGLYPHEN VON NAZCA

Maria Reiche (*15. Mai 1903 in Dresden; † 8. Juni 1998 in Lima) ist die Protagonistin der Scharrbildforschung. 1932 verließ sie wegen der massiven Verschlechterung des politischen Klimas ihre Heimat Deutschland, wo sie 1928 ihr Studium der Mathematik, Physik, Geographie und Pädagogik in Dresden und Hamburg mit dem Staatsexamen abgeschlossen hatte. Zusammen mit dem amerikanischen Kunsthistoriker Paul Kosok, der 1939 beim Überflug über die Wüste bei Nazca die bereits 1924 erstmals entdeckten Scharrbilder wiederentdeckt hatte, übernahm Reiche 1941 einen Forschungsauftrag zur Untersuchung der geheimnisvollen Geoglyphen. Seit 1946 führte sie mit ungeheurer Willenskraft, beeindruckendem Forschergeist und Mut – oft ganz auf sich allein gestellt – deren Erforschung und Schutz fort. U.a. dadurch, dass sie bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts ein Gebiet von mehr als 150 Quadratkilometern systematisch zu Fuß untersuchte, sich allein mit Maßband und Sextant ausgerüstet akribisch Meter für Meter durch die Wüste arbeitete, Spenden und Gelder für ihr Projekt beschaffte, Wachpersonal einstellte, 1955 ein Bewässerungsprojekt für Baumwollanbau in der Pampa Colorada verhinderte und um wissenschaftliche Aufmerksamkeit kämpfte, stets davon überzeugt: „...wenn es gelingt, alle Maße in Zeitangaben zu übersetzen, können wir in der Pampa lesen wie in einem riesigen Geschichtsbuch.“ Über fünfzig Jahre ihres Lebens widmete Maria Reiche den Bodenzeichnungen von Nazca und selbst im Rollstuhl setzte sie ihr Lebenswerk noch fort, das nur vier Jahre vor ihrem Tod mit der Aufnahme in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes gekrönt wurde. Statt mit Metermaß und Sextant werden Maria Reiches wissen-schaftliche Untersuchungen heutzutage mittels hochauflösender Luftaufnahmen, Laserscanning und/oder des Global Positioning Systems (GPS) fortgesetzt.

Der Bus bringt uns weiter, denn erst morgen Vormittag werden auch wir – dann aus der Luft – dieses ‚Bilderbuch der Wüste‘ betrachten. Bald darauf ist sie erreicht, die an den Ufern der selten wasserführenden Rio Tierras Blancas und Rio Aja, 520 Meter über dem Meeresspiegel liegende Provinzhauptstadt Nazca, deren 23.000 Einwohner den wirtschaftlichen Aufschwung ihrer Stadt ganz den Scharrbildern in der Pampa Colorada verdanken.

Wie bereits gewohnt, werden wir am Busbahnhof schon erwartet, checken bald darauf im adretten ‚Casa Andina‘ an der Avenida Bolognesi ein, bevor wir in einem Restaurant am nahgelegenen Plaza de Armas zu Abend essen. Donnerstag, der 30. Juli 2015 Erneut frühes Aufstehen. Noch etwas belämmert besteigen wir den kleinen Shuttle-Bus, der uns zum Flugplatz bringen soll, denn heute naht der große Augenblick . . . Vom Fahrer werden wir stolz auf den Cerro Blanco aufmerksam gemacht, auf dem

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sich einige Kilometer entfernt mitten zwischen den Gipfeln der Küsten-Cordillere die höchste Düne der Welt erhebt (Gesamthöhe 2078 m, Höhe der Düne: 924 m – zurück in der Heimat erfahren wir allerdings, dass in Argentiniens Sierra de Zapata eine noch höhere Düne existiert, die auf einem Berg von 1615 m Höhe aufbaut und bis auf 2845 m über dem Meeresspiegel emporragt, folglich eine Höhe von 1230 m aufweist). Wie dem auch sei, Sandboarding ist auf beiden Sandgebilden möglich und wird auch durchgeführt. Nanüchen, der Flughafen bleibt rechts liegen. Der Bus fährt weiter, biegt in einen holprigen Sandweg ein. Erst als wir im Hof eines mondänen Landguts halten, das sich als Hotel – Hotel ,Majolo’ – entpuppt, merken wir, dass heute auch noch andere Leute den herrlichen Sonnenschein nutzen und in die Luft steigen möchten. Allerdings sind es nur zwei, zwei Spanier, die schließlich reichlich verschlafen an Bord klettern.

Am Flughafen geht’s bereits sehr geschäftig zu. Alle paar Minuten wird eine neue Gruppe aufgerufen und zu ihrem Flugobjekt geleitet. Für uns jedoch folgen noch die üblichen Vorbereitungen auf den Flug wie das eigene Gewicht wiegen, bezahlen der Flughafensteuer, gefolgt von der Flugeinweisung sowie einer Belehrung über das Verhalten an Bord. Auch die Platznummer wird uns mitgeteilt. Wir sind zu elft: Zwei Spanier aus Gran Canaria, drei Deutsche aus Hessen und sechs Griechen von der Pelepones. Und dann geht es los. Pünktich um halb neun hebt die Cessna ab, fliegt auf Nazca zu, wendet, fliegt an vegetationslosen, schroffen Bergrücken vorbei, über grüne Felder am Rio Tierras Blancas und dann auf die gleichförmige Schotterlandschaft der Pampa San José hinaus. Die Spannung steigt. Das Flugzeug legt sich auf die rechte Seite. Der Copilot plärrt irgendwas Spanisches ins Mikrophon. Und dann liegt es unter uns, das erste Scharrbild, mit weitaufgerissenen Maul und riesigem Auge eindeutig als Wal zu erkennen. Der Pilot wendet. Die Cessna legt sich auf die linke Seite. Jetzt kommt auch Norbert zum fotographischen Schuss und hat gleich darauf den gigantischen Trockenfisch im Kasten. Unter uns tauchen zwei riesige, spitzwinklige Dreiecke auf, in denen Erich von Däniken also die Landebahnen für die Raumschiffe von Außerirdischen erkannt hat. Schwierigkeiten haben wir beim sogenannten Astronauten. Die Einweisung des Copiloten ist zwar ausführlich, doch das Scharrbild liegt im Schatten eines Berges und gleitet völlig an Beate und Gerhard vorbei. Nur Norbert gelingt es im letzten Augenblick, ihn zu erhaschen und wenigstens ein Teilbild von der Geoglyphe zu machen. Es folgen ein überdimensional großer Affe mit geringeltem Schwanz und ein hundeähnliches Scharrbild, bevor direkt am Beobachtungsturm von Maria Reiche die Hände, der Baum und – weiter weg – die Spinne und der Condor überflogen werden. Natürlich drängen sich beim Betrachten erneut jene Fragen auf, die sich in dem Kanon: Von wem? Wann? Wie? Wofür? zusammenfassen lassen. Ähnliche Motive wie auf den Hochflächen von Nazca und Palpa wurden auch auf Keramiken der

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Nazca-Kultur gefunden, so dass ein Großteil der Geoglyphen dieser Kultur zuzurechnen sind, die ihre Blütezeit zwischen 200. v. Chr. und 600 n. Chr. hatte. Scharrbilder sind allerdings auch schon aus der Paracas-Kultur bekannt. Daher glaubt man, dass die ältesten Bilder bereits zwischen 800 und 200 v. Chr. entstanden sind. Ihre mysteriösen Zeichner lebten in den tiefeingeschnittenen Tälern des Río Názca, Río Pálpa und Río Ingénio.

Folgt man Viola Zetsche, der wir eine lesenswerte Biographie über Maria Reiche verdanken, so wurden „im Verlauf von über 1000 Jahren [. . .] die Hochebenen zu gestalteten Landschaften. Die

Menschen gingen in Gruppen hinauf, um Geoglyphen anzulegen. Baumhoch aufragende Pfosten waren Sichtmarken in der endlosen Weite. Bis zu zwanzig Kilometer lange Linien oder große Flächen freizulegen dauerte Monate, vielleicht sogar Jahre. Schon das Anlegen war vermutlich ein Teil der Zeremonie. An kleinen Sakralbauten, Wendepunkten von Spiralen und an den Enden von Trapezen wurden Muscheln, Perlen, Früchte und Wasser geopfert und Tongefäße zerschlagen. Die

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Geoglyphen waren Manifestation der Weltsicht und Zeichen der Macht der Menschen der Paracas- und Nasca-Zeit und ihrer Religion.“ (aus Spektrum der Wissenschaft, 12/ 2005)

Doch wie sind diese Scharrbilder nun entstanden? Auch in anderen Wüsten unserer schönen Mutter Erde sind Felsformationen, ja, ganze Gebirgszüge oder riesige Geröllfelder anzutreffen, deren sonnenzugewandte Oberfläche von einem dunkel-braunen bis schwarzen Belag überzogen ist, dem sogenannten Wüstenlack, einem Gemisch aus Mangan- und Eisenoxiden. Dreht man nun in diesem farblich trostlosen Wüsteneinerlei einen Stein oder eine Felsplatte um, so stellt man mit Erstaunen fest, dass darunter wesentlich helleres Gestein zum Vorschein kommt. Ja, selbst die Unterseite des umgedrehten Gerölls scheint farblich von ganz anderer Kongruenz zu sein als die gerade noch der Sonne zugewandte Oberseite. Und genau durch Abräumen des oberen, von Wüstenlack überzogenen Gesteins sind die hellen Linien der Scharrbilder entstanden.

Maria Reiche interpretierte die Zeichnungen als gigantische astronomische Kalenderanlage. Ihr Leben lang versuchte sie die mathematischen Beziehungen zwischen den Figuren und den Sternkonstellationen nachzuweisen und astronomische Beobachtungslinien zu identifizieren. Gegen Ende ihrer Forschertätigkeit zog sie auch die Möglichkeit in Betracht, dass die Linien auf zyklisch wiederkehrende Wetterphänomene wie El Niño Bezug nehmen könnten. Reiches ursprünglicher Ansatz, einen riesigen aufgezeichneten Kalender in den Figuren zu sehen, wird heute nur noch bedingt geteilt. Zumeist wird eine Kombination aus agrikultureller, astronomischer und religiöser Bedeutung der Linien angenommen. So gibt es deutliche Zusammenhänge zwischen den Richtungen mancher Linien und Sonnwendpunkten. Von den Tierfiguren wird angenommen, dass sie als rituelle Pfade bei Zeremonien dienten und dass auf ihnen Opfergaben hinterlegt wurden (wikipedia, 24.11.2015).

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Unser Rundflug geht weiter. Auf die Schnelle nicht interpretierbare Linien werden vom Copiloten als der Papagei benannt. Und dann ist er da, gestochen scharf und gut sichtbar, der Kolibri. Die irreversiblen Schäden, die ihm im Dezember letzten Jahres durch einen fragwürdigen Public-Relations-Coup von überkandidelten Greenpeace-Aktivisten beigebracht worden sind, können wir beim sekundenkurzen Überflug nicht erkennen. Auch dem Flamingo in Nähe des grünen Tals des Rio Ingénio machen wir unsere Aufwartung, bevor das Ende unserer Besuchszeit gekommen ist, der Pilot nach Nazca zurückkehrt und die Maschine sicher auf dem Flugfeld aufsetzt. Fünfunddreißig intensive Kultur-minuten liegen hinter uns. In einer Urkunde wird unser Rundflug über Nazcas Scharrbilder nochmals bestätigt.

Zurück im Hotel haben wir noch jede Menge Zeit, bis zur Bus-Abfahrt um 15:00 Uhr und nutzen sie, Nazca nochmals näher zu erkunden. So genießen wir die ruhige Atmosphäre auf der Plaza de Armas und stürzen uns anschließend in das quirlige Gedränge auf Nazcas Markt.

Dort lernen wir die kleine Juliane kennen. Mit großen, dunklen Augen schaut sie die wild mit ihren Kameras herumhantierenden drei Fremden aus dem Morgenland an – zumindest von Peru aus gesehen ist Old Germany Morgenland. Juliane, ein in

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diesen Breiten eigentlich ungewöhnlicher Name. Ungewöhnlich nur, bis Beate der Name Juliane Koepke einfällt, deren 2011 veröffentlichtes Buch Als ich vom Himmel

fiel sie kurz vor unserer Tour gelesen hat. Darin schildert Juliane Koepke die dramatischen Ereignisse am Heiligabend 1971 und die Tage danach: An jenem 24. Dezember wollte die damals 17-Jährige zusammen mit ihrer Mutter von Lima, wo sie einen Schulabschlussball besucht hatte, nach Pucallpa fliegen, um dort ihren Vater zu treffen. [. . .] Nachdem der erste Teil des Fluges normal verlaufen war, zog eine schwere Gewitterfront auf. Statt dieser Front auszuweichen, blieb der Pilot auf der planmäßigen Route. Das Flugzeug geriet in schwere Turbulenzen, wurde schließlich von einem Blitz getroffen, zerbrach noch in der Luft und stürzte in den Regenwald. Juliane Koepcke fiel, noch auf dem Flugzeugsitz festgeschnallt, aus etwa 3000 m Höhe der Erdoberfläche entgegen. Vermutlich durch starke Aufwinde innerhalb des Gewitters und durch die stoßmildernde Wirkung der Blätter der Urwaldpflanzen wurde der Aufprall soweit abgefangen, dass Juliane Koepke das Unglück mit relativ leichten Verletzungen [. . .] überlebte. Nachdem sie nach mehreren Stunden aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht war, suchte sie nach dem Flugzeugwrack und weiteren Überlebenden, insbesondere ihrer Mutter, allerdings ohne Erfolg. Durch ihre Expeditionen mit den Eltern in den Regenwald und ihr Leben in der Forschungsstation ihres Vaters war ihr der Dschungel nicht fremd, und so hielt sie gezielt Ausschau nach einem Wasserlauf, um von dort an einen größeren Fluss zu gelangen, wo die Wahrscheinlichkeit, auf menschliche Siedlungen zu treffen, am höchsten war. Trotz ihrer Verletzungen wanderte und schwamm Juliane Koepcke zehn Tage durch den Regenwald, bis sie an einem Flussufer ein Boot und einen Unterstand von Waldarbeitern entdeckte. Diese fanden das völlig entkräftete Mädchen am Abend des folgenden Tages, versorgten seine Wunden und brachten es zur nächstgelegenen Siedlung [. . .], wo es ärztlich versorgt wurde. Von hier wurde Juliane Koepke in das Krankenhaus von Pucallpa geflogen, wo sie ihren Vater wiedertraf. Sämtliche anderen Passagiere einschließlich ihrer Mutter und des Bordpersonals [. . .] kamen bei dem Unglück ums Leben. Juliane Koepkes Geschichte erzeugte Anfang 1972 ein großes Medienecho. [. . .] Der Regisseur Werner Herzog drehte 1998 den Dokumentarfilm „Wings Of Hope“ (deutscher Titel „Julianes Sturz in den Dschungel“, alternativ „Schwingen der Hoffnung“), für den er mit Juliane Koepke an den Absturzort zurückkehrte und sie unter anderem mit im Urwald verstreuten Wrackteilen der Lockheed Electra konfrontierte. Auch der US-amerikanisch-italienische Film „I miracoli accadono ancora“ (wörtlich übersetzt „Wunder kommen immer noch vor“, deutscher Titel „Ein Mädchen kämpft sich durch die grüne Hölle“) des italienischen Regisseurs Giuseppe Maria Scotese (1916–2002) aus dem Jahr 1974 basiert auf den Erlebnissen Juliane Koepkes (aus Wikipedia, 24.11.2015).

Nun, in knapp vier Wochen wollen auch wir über die Anden in den Urwald fliegen. Doch heute schauen wir uns vorerst am Óvalo de Nazca die prächtigen Wandreliefs sowie die Abbildungen von einigen der Scharrbilder an. Mitten auf dem Óvalo steht das Standbild irgendeiner lokalen Größe, deren Haupt nicht von einem – bei der momentan herrschenden irren Hitze durchaus angebrachten – Hut gekrönt wird, sondern von einem Piepmatz mit auffallend feuerrotem Brust und Bauchgefieder. Es ist ein ‚rubinio‘, wie uns eine vorbeieilende Frau aufklärt. Bei uns ist dieser zu den Sperlingsvögeln zählende Vogel als

Rubintyrann, Rubinköpfchen oder Purpurtyrann (Pyrocephalus rubinus Unterart: Pyrocephalus rubinus ardens) bekannt. Das Männchen, um das es sich hier zweifelsfrei handelt, ist an Kopf, Brust und Unterseite karminrot, an Rücken, Flügel, Bürzel, Schwanz und Maske braunschwarz gefärbt.

Auf jeden Fall bleibt Gerhards und Norberts Kamera nicht eingepackt, und es gelingt uns manch nettes Foto von dem so nett herausgeputzten Vögelchen. Kurze Zeit darauf sitzen wir in einem netten Restaurant an Nazcas Hauptstraße und

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nochmals anderthalb Stunden später in den geräumigen Liegesitzen im Untergeschoß eines Touristenbusses in Richtung Arequipa. Nach anfangs berauschend schöner Fahrt entlang an Dünen und Meer, später dann durch die stockdunkle Nacht kommen wir am Busbahnhof der mit 1,3 Millionen Einwohnern zweitgrößten Stadt Perus an. Morgen ist bereits zu heute geworden und heute zu gestern. Kalt ist‘s hier oben in 2353 Meter Höhe, eisig kalt! Es ist kurz nach zwei frühmorgens, als wir endlich todmüde auf die Matratzen des San Augustin Posada del Monasterio sinken, einem ehemaligen Kloster, dessen nordöstlicher Teil heute als Hotel Verwendung findet.

AREQUIPA Freitag, der 31. Juli 2015 Gemütliches Frühstück unter klösterlichen Rundbögen. Danach will Gerhard einfach nur noch pennen und später dann Wäsche waschen. Beate und Norbert

machen die paar Schritte die Calle Santa Catalina hinunter zum Plaza de Armas und sind dort trotz anhaltender Müdigkeit sofort hell begeistert. Vor uns liegt ein belebtes Idyll unter Palmen. Auch jetzt schon, am frühen Vormittag, ist der Platz

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Treffpunkt von allerlei Volks, von Touristen und Einwohnern, ist – wie die ganze Altstadt – Weltkulturerbe und Mittelpunkt Arequipas. Arequipa, die Stadt der vier Jahreszeiten: Nachts ist – wie heute bereits schon erlebt – Winter. Jetzt, am Vormittag herrscht strahlender Frühling vor, und mittags ist Sommer, der am Nachmittag in den Herbst übergeht. Die mächtige Kathedrale, die die ganze Nordseite des Platzes einnimmt, ist leider geschlossen und wird heute auch nicht mehr ihre Tore öffnen. Sie ist eine der wenigen Kirchen weltweit, denen es erlaubt ist, die Fahne des Vatikans zu hissen.

Das ehemalige Kirchengebäude von 1629 wurde im 19. Jhdt. ein Raub der Flammen. Ihr heutiger Bau wurde 1844 fertiggestellt, musste aber seitdem mehrere schwere Erdbeben überstehen. Bis zu zwölf Erdbeben verschiedener Stärke können tagtäglich in Arequipa registriert werden. Überquert man die Plaza de Armas und geht auf die Municipalidad, das Rathaus, zu, werden die Spitzen der Erdbeben-Verursacher sichtbar: Der Nevado Chachani (6075 m) im Norden, der Volcán El Misti (5821 m) im Nordosten und der Volcán Pichu Pichu (5571 m) im Osten. Alle drei sind alles andere als friedliche Zeitgenossen, jedoch gleichzeitig auch Wasserspender für das stets durstige Umland. So entspringen an ihren Flanken beispielsweise der Rio Chili, der Rio Sabandia, der Rio Chiguata, der Rio Socabaya und der Rio Yarabamba, die die Regionshauptstadt mit dem nötigen Nass versorgen. Schon mal vor Ort, wollen wir wenigstens der Iglesia de la Compañía de Jesús einen Besuch abstatten. Doch auch sie hält momentan ihre Tore verschlossen. Sie ist eine der ältesten Kirchen der Stadt (erbaut von 1595 bis 1698) und ein Symbol des Mestizo-Stils, andererseits aber auch der Standfestigkeit, hat sie doch bisher alle Erdbeben schadlos überstanden. Voll der vielen Eindrücke und gar nicht mehr so müde kehren wir zum Hotel zurück.

Pünktlich um halb eins holt uns der Kleinbus zu einem typisch peruanischen Mittagessen ab, und nach einiger Fahrerei durch Arequipas schöne Altstadt finden wir uns nur ein paar Einbahnstraßen weiter auf der Gartenterrasse des ‚Sol de Mayo‘ an der Calle Jerusalén wieder. Norbert ist in Probierlaune und bestellt cuy, Meerschweinchen, in stiller Erwartung, dass Millionen von Peruanern, die das Nagetier als Delikatesse betrachten, sich ja wohl nicht täuschen können. Doch sie tun es! Zumindest das ledernde Etwas mit Knochen, das Norbert da präsentiert bekommt, gibt zum Andersdenken Anlass. Äußerst erfolgreich widersetzt es sich seiner Bearbeitung mit Messer und Gabel und gibt selbst nach langen Mühen lediglich zwei Fitzelchen Fleisch her. Zu wenig, um die Geschmackspapillen auch nur zu irritieren. „Heute Mittag bleibst‘e hungrig, alter Knabe!“ Auf jeden Fall ist ab jetzt klar: Cuy wird auf dieser Reise nicht mehr bestellt. Um zwei taucht, wie angekündigt, unser Guide für die Stadterkundung heut’ Nachmittag auf: Melchior, eine Mischung aus Vornehmheit und Bildung,

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präsentiert uns in gedrechseltem Deutsch, das er sich selbst beigebracht hat, seine Stadt. Außerdem könne er noch Englisch, Französisch, Italienisch und natürlich Spanisch sowie Quechua, klärt er uns auf, als wir gerade im Bus auf der neuen, erst vor sechs Monate eingeweihten Brücke über das tiefeingeschnittene Tal des Rio Chili rollen. Bereits Minuten später wandeln wir erneut unter Palmen auf der kleinen, aber sehr schönen Plaza de Yanahuara, kommen an der Iglesia San Juan Bautista (1750 eingeweiht) vorbei, stellen uns dort zu ein, zwei Fotos auf, schlendern dann auf die weißen Sillar-Bögen des Mirador de Yanahuara (Sillar =

weiße Tuffgestein-Quader) zu. Weit geht der Blick hinunter auf das Häusermeer von Arequipa, hinüber auf den zum Greifen nahen, alles dominierenden Kegel des ‚El Misti‘. „Mensch, watt is’ datt schön!“ Selbst Melchior schweigt für Augenblicke und lässt uns die phantastische Kulisse genießen.

Über San Jancinto fahren wir hinüber nach Carmen Alto im Norden der Stadt. Auch hier gibt es einen Aussichtspunkt mit spektakulärem Blick auf den Nevado Chachani, die grünen Felder an den Ufern des Rio Chili, die Häuser und Straßen von Alto Selva Alegre, den mächtigen Volcán Misti. Zu unseren Füßen am anderen Flussufer leuchtet in hellem Gelbbraun und Minarett-artigem Turm der große Wohnblock des Altersheims Johannes Paul II. herüber, das Casa De Retiros Juan Pablo Segundo. Vielleicht ist‘s ‘ne geeignete Bleibe für Gerhard und Norbert, doch Beate will nicht mitkommen und hält die Beiden zurück.

Zurück in der Altstadt lässt uns der Fahrer in Nähe der Iglesia de San Francisco in der Calle Melgar aussteigen. Er hat für heute seine Schuldigkeit getan, den Rest der Stadttour werden wir nun per pedes apostolorum bewältigen. In der Calle Catalina ist Melchior gut bekannt, grüßt ständig nach rechts und links und hält kleine Pläuschchen, führt uns – ganz Reiseführer – in mehrere Wolle-Boutiquen, wo uns Alpaka- und Vikuña- Pretiosen zu horrenden Preisen offeriert werden, zeigt uns eine Bäckerei und ein gutes Restaurant, in dem er uns schon als potentielle Gäste ankündigt. Auch dem 1738 von Tristan del Pozo errichteten Kolonialhaus, das lange Zeit Sitz des Erzbischofs und Anfang des 19. Jh. dann sogar im Besitz von Paul Gauguins Großmutter gewesen ist, statten wir einen Besuch ab. Nächstes Ziel ist die Iglesia de la Compañía de Jesús, die nun ihre Tore weit geöffnet hat. Auch der ehemaligen Sakristei, jetzt San Ignatius-Kapelle, besichtigen wir kurz. Besonders ihre mit prächtigen Fresken geschmückte Kuppel fasziniert uns. Doch leider ist ausgerechnet hier in der Kapelle das Fotografieren verboten. Dass Norbert trotzdem ein wunderschönes Foto erhält, weil beim Hinsetzen seine Kamera auslöst, ist nun wirklich reiner Zufall…oder? Ein paar Schritte weiter erreichen wir das ehemalige Jesuitenkloster, das Claustro Jesuita, das mit einem wunderschönen, barocken Kreuzgang aufwartet.

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Den Höhepunkt einer jeden Altstadttour in Arequipa, das Monasterio Santa Catalina, erreichen wir erst mit einsetzender Dämmerung kurz vor fünf. Nachdem er uns einer Fremdenführerin vorgestellt hat, verabschiedet sich Melchior mit einem herzlichen ¡Buenas tardes! von uns, wünscht uns noch ¡Mucha suerte! und ¡Buen viaje! und ist verschwunden. Das Monasterio verdankt seine Gründung nur vier Jahrzehnte nach Eroberung der Inka-Siedlung ‚ari que pay‘ (Quechua: ‚hier bleiben wir‘) durch Pizarros Konquistadoren dem eigentümlichen Drang vieler spanischen Damen, sich vom weltlichen Leben zu verabschieden und ins Kloster zu gehen. Um dem Andrang gerecht zu werden, wurde daher vom Rat der Stadt beschlossen, ein sehr großes Kloster, ja eine Stadt in der Stadt, mit einer Gesamtfläche von 20.426 m² zu bauen.

Das Kloster und die Kirche sind der hl. Katharina von Siena geweiht. Die etwa zwanzig derzeit im Kloster lebenden Nonnen wohnen in einem Seitenflügel, der zur Klausur gehört. Der überwiegende Teil der Klostergebäude kann besichtigt werden. Das Kloster wurde 1579 von der wohlhabenden Witwe María de Guzmán gegründet. Der Vizekönig von Peru, Francisco de Toledo, hatte zuvor den Bau genehmigt. Am 2. Oktober 1580 wurden Kloster und Kirche der hl. Katharina geweiht und den ersten Schwestern die Erlaubnis erteilt, den Habit anzulegen. Santa Catalina erstreckte sich über 20.000 m² in dem als „weiße Stadt“ bekannten Arequipa und wurde 1582 und in den 1960er Jahren mehrmals durch Erdbeben stark beschädigt. Das im Mudéjarstil erbaute Kloster zeichnet sich durch seine in lebhaften Farben getünchten Mauern aus. Ursprünglich war das Kloster eine Internatsschule für die Töchter reicher spanischstämmiger Familien, die von den Nonnen unterrichtet wurden. Die Tradition jener Zeit zufolge sah vor, dass jeweils die zweite Tochter oder der zweite Sohn einer Familie ins geistliche Leben eintrat, und Santa Catalina akzeptierte später nur Kandidatinnen aus wohlhabenden Familien.

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Als Mitgift hatten diese, wenn sie Chorschwestern werden wollten, dem Kloster eine Mitgift in Höhe von etwa 2400 Silbermünzen zu übergeben, dazu zahlreiche auf einer Liste vermerkte Gegenstände wie etwa eine Statue, ein Gemälde, eine Lampe und Gewänder. An der Ausstattung der Zellen der Nonnen ist erkennbar, dass die meisten sehr wohlhabend waren. Santa Catalina beherbergte zeitweise bis zu 150 Nonnen und 300 Bedienstete. Die Dienstboten wuschen die Wäsche der Nonnen und erledigten für sie den Einkauf, da die Nonnen in Klausur leben. [ . . . ] Papst Pius IX. entsandte im Jahre 1871 Sr. Josefa Cadena OP, eine für ihre Regeltreue bekannte Dominikanerin, nach Santa Catalina, um das Kloster zu reformieren. Sr. Josefa ließ die üppigen Aussteuern nach Europa zurücksenden, entließ die Dienstboten und gab Sklavinnen die Freiheit. Sie stellte beide vor die Wahl, entweder künftig als Schwestern im Konvent zu leben oder aber das Kloster zu verlassen. Seit einer Renovierung des Klosters im Jahre 1970 sind Teile des Klosters Santa Catalina der Öffentlichkeit zugänglich. Seither gehört das Kloster zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten im Süden Perus. Die Gassen der Anlage sind nach spanischen Städten benannt. (aus wikipedia, 30.11.2015)

Und nun durchstreifen wir die ganz in Karminrot getünchten Gassen dieser Stadt in der Stadt, betrachten die prachtvollen Fresken im Kreuzgang, dessen Säulen durch ihr intensives Blau auffallen. Auch den einstigen Zellen der Nonnen und ihrer Bediensteten gilt unser Besuch. Später kommen wir an den großen Becken vorbei, der Waschmaschine des Klosters, in denen einst die Textilien gewaschen wurden. Quasi im letzten Tageslicht genießen wir zum krönenden Abschluss von einem der Dächer die herrliche Aussicht auf Arequipas nördliche Vororte, und im Hintergrund die Gletscher des Chachani.

Voll der klösterlichen Eindrücke verabschieden wir uns von unserer Fremdenführerin und gehen zu unserm ‚Kloster-Hotel‘ gleich vis-à-vis hinüber, wo wir diesen wahrlich kulturreichen Tag ausklingen lassen. Samstag, der 01. August 2015 Morgendliche Geduldsprobe. Zwar sitzen wir bereits seit kurz vor acht im Innenhof unseres Hotels und warten auf den Bus, der uns nach Chivay und morgen weiter in den Colca-Canyon bringen soll, doch kurz vor neun sitzen wir immer noch bei unseren gepackten Taschen und warten. Andere Touristen haben da wesentlich mehr Glück und finden nach kurzer Zeit einen Guide, der sie zur Stadttour abholt. Auch Beates Anruf bei Solmar Tours bringt nur ein Vertrösten auf die nächste Viertelstunde. Der Bus sei unterwegs. Vergessen wurden wir also nicht. Doch auch besagte Viertelstunde verstreicht, ohne dass sich irgendwas tut. Dann endlich erneutes Bimmeln am Tor. Eine kleine adrette Peruanerin – sogar Beate überragt sie um Haupteslänge – stürmt auf uns zu, stellt sich als Sandra vor und entschuldigt sich tausendmal für das lange Warten. Arequipas Verkehr sei heute mal wieder übermäßig. Noch einige Dutzend Meter Gepäckschlepperei bis zu einem Kleinbus. Taschen und Seesack werden auf der Rückbank verstaut, und auch wir finden jeder für sich ein Plätzchen: Gerhard ganz vorne neben Sandra, Beate in der Mitte und Norbert auf einem Einzelsitz hinten am Gang. Elf andere Touristen halten die anderen Sitze bereits besetzt: Eine Familie aus Deutschland, zwei Brasilianer, zwei Asiatinnen, ein Schweizer Ehepaar und zwei Boys aus den USA sind mit von der Tour. Doch Platz für die Füße und Knie wurde in dem engen Gefährt scheinbar vergessen.

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Arequipa liegt bald hinter uns. Die Straße steigt nun ständig an, führt parallel zur Eisenbahn nach Puno an der Westflanke des Nevado Chachani entlang, ihn halb umrundend, bevor sie wieder strikt nach Norden verläuft. Inzwischen ist die in 3800 Meter über dem Meeresspiegel gelegene Pampa Canahuas erreicht. In ihren einleitenden Worten hat uns Sandra dort die Begegnung mit jeder Menge Lamas, Alpakas und Vikuñas in Aussicht gestellt. Und da steht sie auch schon – nur durch ein schmales Wasserloch und die Straße von der neugierigen Touristenmeute getrennt – eine ganze Herde von sieben, acht Vikuñas, die sich malerisch in der Pfütze spiegeln, aber misstrauisch in Richtung der so plötzlich aufgetauchten Menschen wittern. Einige Kilometer weiter ein erneuter Stopp. Diesmal sind es Alpakas und Lamas, die sich da unter Obhut eines Hirten am mageren Gras und Gesträuch der Pampa Canahuas gütlich tun. Gekennzeichnet durch verschiedenfarbige Wollborten an den Ohren sind sie gut ihrem jeweiligen Besitzer zuzuordnen.

Unverhofft tauchen einige flache, windzerzauste Gebäude und ein Kirchlein in der Pampa-Eintönigkeit auf: Patahuasi, Wegkreuzung und Bushaltestelle für die Busse nach Puno und Juliaca. Wir wählen die Straße nach links, die Ruota corta in Richtung Chivay, halten aber gleich darauf für ein Päuschen in El Chinito, einem Rasthaus am Straßenrand. Auch andere Busse fahren diesen Haltepunkt an. Was Wunder, dass sich besonders vor dem Häuschen mit der Aufschrift Señoras schnell ‘ne lange Schlange bildet. Auch das Buffet im Restaurant wird fürs zweite Frühstück von so manchem Reisenden gerne aufgesucht. Von Wind und Wetter skurril verformte Felsen und Steine grüßen vom Berghang gegenüber. Es ist El Bosque de Piedras, der Wald der Steine.

Die Ruota corta führt nun ständig bergauf. Die Pampa Canahuas liegt nun hinter uns. Die 4000, dann die 4500 Höhenmeter werden erklommen. Bald ist der höchste Punkt erreicht: Der Passo Patapampa, wie uns Sandra verrät. Er wird nicht nur der höchste Punkt auf diesem Straßenstück, sondern mit 4910 Höhenmetern auch die Klimax unserer gesamten Reise sein. Allein das schon zwingt zum erneuten Halt, zum erneuten Ausstieg, zumal ein Mirador mit schönem großen Parkplatz und den obligatorischen Souvenirs-Verkaufsständen direkt dazu einlädt. Nicht so sehr die dort angebotenen Mützen, Schals und Tücher aus bunter Lama-, Alpaka- oder

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Vikuñawolle sind sehenswert, sondern der Blick auf die Landschaft ist – zumal bei der Höhe – einfach atemberaubend. Rechterhand zieht sich ein weites Geröllfeld den Hang empor. Fast jeder der Felsbrocken ist mit einer kleinen Steinpyramide gekrönt. Eine Referenz an Pachamama. Besonders bei den Quechua und Aymara, aber auch bei vielen indigenen Völkern Südamerikas ist sie die personifizierte Mutter Erde, ist die Vermittlerin zwischen Ober- und Unterwelt, die allen Kreaturen das Leben schenkt, sie ernährt und schützt. Pachamama, die allmächtige Göttin, Garant für Identität, sozialpolitischen Ausgleich und die Hoffnung auf ein besseres Leben. Im Jahre 2008 wurde sie sogar als Grundprinzip mit in die neue Verfassung von Ecuador aufgenommen. Nach Westen haben wir einen fabelhaften Blick auf eine Bergkette erhabener Sechstausender. Eine 20 Kilometer lange Nord-Süd-Kette gewaltiger Stratovulkane. Ganz im Norden der erloschene Nevado Hualca Hualca (6025 m), im Süden der vergletscherte Ampato (6288 m) und in ihrer Mitte der ständig qualmende Sabancaya, Perus aktivster Vulkan, der bis zu 5976 Meter emporragt. Auch sein Gipfel ist von Gletschereis überzogen. Eine halbe Stunde später verlassen wir das unwirtliche Hochland. In etlichen Serpentinen schwingt sich die Straße ins Tal des Rio Colca hinab, im Norden begrenzt von der 5200 Meter hohen Kulisse des Qullqiri und dem 5597 Meter hohen Mismi, beide Teil der Cordillera de Ch'ila. Bis weit bergauf sind die Hänge nun wieder in zahllose Terrassen für den Anbau von Patatas – Kartoffeln –, Quinoa und Mais zergliedert. Selbst einzelne Bäume tauchen auf. Dann sind sie erreicht, die engen Gassen der Distrikthauptstadt Chivay in 3635 m Höhe, Ausgangspunkt für unsere morgige Tour zum Colca-Canyon und zum Cruz de Condor.

Zunächst ist das große (Fr)essen am Buffet eines peruanischen Restaurants angesagt. Anschließend werden die Businsassen auf Chivays einzelne Etablissements verteilt. In einer Banda des ‚Casa Andina‘ erwischen wir ein nettes Zimmer. Und auf welch wackligem Grund wir uns bewegen, merken wir dann nicht nur in der Lobby des Haupthauses, wo ein Schild – wie in fast allen Restaurants und Hotels in Peru und Bolivien – darauf hinweist, wieviel Leute sich wegen der ständigen Erbengefahr in einem Raum jeweils nur aufhalten dürfen, sondern auch drei Kilometer entfernt später gegen Abend, als wir unsere Hintern in das warme

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Wasser einer Therme tunken, die ihr Wasser aus heißen Vulkanquellen bezieht. Welche Herausforderungen für unseren Kreislauf und das alles an einem Tag: Erst die Höhe am Mittag, dann die Wärme, ja Hitze im Wasser der Therme und gleich darauf die eisige Kälte der Nacht. Was Wunder, dass wir heute schon bald ins Bettchen hüpfen.

LA CRUZ DEL CONDOR Sonntag, der 02. August 2015 Muss das sein? Kalt ist‘s, eisig kalt. Am liebsten würde sich ein jeder nach dem viel zu frühen Frühstück nochmals unter die dicken Decken seines Hotelbetts zurückziehen und von den sommerlich heißen Tagen im fernen Europa träumen. Doch Sandra hatte gestern Abend für heute ein sehr frühes Abholen der Buspassagiere kurz nach Sonnenaufgang versprochen. Nur morgens vor neun hätte man ‘ne Chance, die Kondore am Cruz del Condor am Colca-Canyon zu erleben. Und das bedeutet nun mal ‘nen frühen Start hier in Chivay. Als wir den Ort endlich verlassen, grüßt im Westen der Ampato strahlend schön im Morgenlicht. Auch der Sabancaya ist, energisch rauchend, kurzzeitig zu sehen. Sandra ist schon richtig aufgekratzt und berichtet ihrem müden Publikum, dass wir gleich als erstes das kleine Dorf Achoma aufsuchen und dort eine Tanzvorführung in den regionstypischen Trachten erleben werden. Wie, was, wann? Haben wir richtig gehört oder spielt uns die Müdigkeit einen Streich? Jetzt, am heiligen Sonntagmorgen um halb sieben schon ‘ne Tanzvorführung, und das bei dieser Eiseskälte? Ungläubig wird der Sitznachbar angeschaut, doch auch der hat nichts anderes gehört. Und tatsächlich, kurze Zeit später entlässt unser Bus seine Insassen auf der Plaza de Armas von Achoma nach draußen, wo sie sich gleich unter die staunenden Touristen anderer Busse mischen und das bunte Treiben beobachten. Frauen in prächtiger Tracht. Ein farbenfroher Markt, auf dem Mützen, Hüte, Tücher und Kleider feilgeboten werden. Alpakas sowie Agujas (Blaubussarde, Geranoaetus melanoleucus) und Rotrücken-Bussarde, (Buteo polyosoma), die darauf warten, zusammen mit ihrem Besitzer und Touristen abgelichtet zu werden. Und tatsächlich: Tanzende Mädchen, die um den Markt-brunnen ihre Kreise ziehen. Dazu als Hintergrund die beeindruckende Kulisse der Iglesia de Nuestra Senora de Belen. Auch ihr statten wir einen kurzen Besuch ab und wundern uns, hier in der Kleidung der dargestellten Heiligen die gleichen Trachten wie die der Leute draußen auf dem Platz zu entdecken. Hinter Maca endet der feste Asphalt. Die Piste steigt nun ständig an, wird immer mäßiger, die Aussicht jedoch immer prächtiger. Langsam wurmt es uns mehr und mehr, dass der Fahrer – wie schon gestern – nur noch ein Ziel zu kennen scheint und hurtig nach vorne prescht. Als wir schließlich doch mal für ‘n paar Fotos und Selfies halten, ist es Sandra, die zur Eile drängt.

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In Pinchollo erneuter Halt, diesmal zur Ticketkontrolle und zum hastigen Toilettenbesuch. Schon reihen wir uns wieder in die Schlange wartender Fahrzeuge ein, die am Kontrollposten auf das O.k. zur Weiterfahrt warten. Und dann endlich erschallt der Ruf: „Kondor!“ Doch es sind nicht nur ein, zwei oder drei Vögel, die sich auf einem hervorstehenden Felsen niedergelassen haben, sich erneut in die Lüfte erheben und geschickt den Aufwind nutzend, majestätisch ihre Kreise ziehen. Nein, es sind Dutzende! Kaum hat unser Bus ‘nen Parkplatz gefunden, stürmen wir hinaus, reihen uns in die Schar der anderen Touristen ein und fotografieren drauflos, was das Zeug hält. „Mensch, Kondore, und gleich so viele und so nah! Und dabei hatte Sandra doch gesagt, wir hätten Glück, wenn wir überhaupt welche sehen würden!“ Wir wissen gar nicht, was Sandra zum Ablauf des heutigen Morgens noch alles gesagt hat, fotografieren unsere Kondore – es sind meist dunkelgraubraun gefärbte Jungvögel, denen wir hier unsere Aufwartung machen, nähern uns auf einem gut ausgebauten Weg der Aussichtsterrasse, lassen auch von uns ein paar Fotos machen, genießen ehrfürchtig den Blick in den zweittiefsten Canyon der Welt.

Ja, nicht der allseits bekannte und äußerst vielbesuchte Grand Canyon in den USA ist die tiefste Einbuchtung auf unserer Mutter Erde, und auch nicht der Cañón del Colca, an dessen südlichem Rand wir augenblicklich entlangwandeln, ist es, sondern der ihm fast benachbarte Cañón del Cotahuasi, ca. 100 Kilometer westlich von Arequipa (wir befinden uns augenblicklich ca. 100 km nördlich von Perus zweitgrößter Stadt). Mit einer Tiefe von 3354 Meter ist der Cañón del Cotahuasi fast doppelt so tief wie der Grand Canyon ist, dessen tiefste Stelle bei Grand Canyon Village 1800 Meter beträgt, während der Colca Canyon bei gleicher Breite vom höchsten Berggipfel der Cordillera de Ch'ila nahe der Schlucht bis zum Bett des Río Colca eine Tiefe von 3269 Meter aufweist. Soviel zur Geographie.

Irgendwie haben wir vor lauter Begeisterung beim Blitzausstieg vorhin nicht mitbekommen, wie‘s denn hier weiter gehen soll. Am Cruz del Condor sind wir auf jeden Fall noch nicht. Sollen wir nun dahin laufen oder geht‘s mit dem Bus dahin? Die Sonne lacht vom Himmelszelt, der Wind ist zwar nicht übermächtig, aber unsere Müdigkeit ist plötzlich wie weggeblasen. Andere Touristen der Busbesatzung sind auf einmal nicht mehr zu entdecken. Auch von Gerhard ist nichts zu sehen. „Nanüchen, haben wir zu viel fotografiert? Sind die uns alle schon voraus? Oder zum Bus zurück? Was nun?“

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Kurzentschlossen machen wir uns auf den Weg und werden alles andere als enttäuscht. Ganz im Gegenteil, unser Begeisterung feiert Hochzeit. An jedem Mirador eröffnen sich neue, phantastische Ausblick, hinein in die Schlucht, auf die Berge, auf Fauna und Flora. Vor allem die die Morgenthermik über der Schlucht geschickt ausnutzenden Kondore, die mal über, mal auf gleicher Höhe, mal in der Schlucht unter uns majestätisch dahingleiten, verhindern, dass wir den Finger vom Auslöser der Kamera nehmen. Mit jedem Vogel mehr fühlen wir uns als Teil einer formvollendeten Choreographie.

Nach dem Wanderalbatros und zusammen mit dem afrikanischen Marabu zählen ausgewachsene, männliche Andenkondore (Vultur gryphus) zu den flugfähigen Vögeln mit der größten Flügelspannweite (von bis zu 3,2 Meter). Die Weibchen sind kleiner und leichter als die bis 16 kg schweren Männchen, die sich zudem auch durch einen ausgeprägten Kamm sowie einen faltigen Kehllappen unterhalb des Schnabels von den Weibchen unterscheiden.

Langsam nähern wir uns dem eigentlichen Mirador Cruz del Condor. Die Kondore werden mehr, aber auch die Zahl der Touristen nimmt reichlich zu. Plötzlich ist Sandra hinter uns und fordert uns zur Eile auf. Der Bus würde nicht mehr lange warten. Doch soll der etwa ohne ‘ne Reiseleiterin nach Chivay zurückfahren? Trotzdem beschleunigen auch wir unsere Schritte und nehmen nicht mehr jeden anfliegenden Kondor ins Visier. Am Mirador selbst haben wir allerdings dann doch noch jede Menge Zeit, um in Ruhe noch manches Foto zu schießen, zu trinken und unser Käsebrot zu essen. Und siehe da, bei der Rückfahrt lässt sich selbst der Busfahrer mehr Zeit, hält an so manchem Aussichtspunkt, an dem er vorhin noch vorbeigeprescht ist und lässt seine Busbesatzung zu ihren Fotos kommen. Nur schade, dass sich mancher der

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grandiosen Ausblicke jetzt in ganz anderem – meist schlechterem – Fotolicht präsentiert als noch heute Morgen. Auch auf den Nevado Misti werden wir von Sandra nochmals aufmerksam gemacht. An seinem Nordhang befindet sich die mündungsfernste Quelle des wasserreichsten

Flusses der Erde, des Amazonas. Der Quellfluss trägt verschiedene Namen, wie Rio Carhuasanta, Rio Lloquera, Rio Callamayo und schließlich Río Hornillos, wird zum Río Ene und Río Tambo und schließlich zum Río Ucayali, der sich oberhalb von Iquitos, ebenfalls noch hier in Peru, mit dem anderen Quellfluss Rio Marañón zum Amazonas vereinigt.

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Auch in Maca, an dem wir heute Morgen noch eiligst vorbeigerauscht sind, wird ein kurzer Stopp eingelegt, der zum Probieren eines grünen Kaktusfruchtsafts („Kiwi peruana“ genannt), zum Besuch des Marktes und der Iglesia de Santa Ana reicht. Wie Beate erstaunt feststellt, tragen die dort ausgestellten Heiligenfiguren ganz andere Trachten als die in der heute Morgen besuchten Kirche in Achamo. Nun denn, wenn‘s der Frömmigkeit dient. AM TITICACASEE Große Aufregung in Chivay an der Bushaltestelle. Was ist passiert? Nach dem gemeinsamen Mittagessen hastiger Abschied von Sandra und dem Fahrer. Beim Einchecken herrscht großer Andrang, denn neben unserem M4-Bus nach Puno sollen zwei weitere um 13 Uhr von hier abfahren. Gleich nach Erhalt seiner Fahrkarte steigt Gerhard voreilig in den erstbesten Bus, der gerade vor der Tür steht, deponiert dort seinen Rucksack und Trinkflaschen und sucht nochmal schnell die Toilette auf. Anschließend gesellt er sich zu uns, die wir zusammen mit anderen Fahrgästen im Innenhof auf unseren Puno-Bus warten. Plötzlich sucht Gerhard den roten Bus, der doch gerade noch vorm Haus stand, aber inzwischen abgefahren ist. „Ach duˬu Herrˬjeˬmiˬne!! Wo ist der denn hin?? Da sind doch meine ganzen Sachen drin. Der Rucksack, der Laptop, die Trinkflaschen!“ Völlig aufgelöst stürmt Gerhard auf den Eincheckschalter zu, fragt aufgeregt nach dem roten Bus, erntet von der Dame am Schalter ein strahlendes Lächeln und . . . seinen Rucksack samt seinem Laptop sowie seinen Flaschen. Alles wurde doch noch rechtzeitig entdeckt und wieder ausgeladen. Puˬuˬh!! Tiefes Durchatmen. Sowas kostet Nerven!

Dann endlich schwingt sich der richtige Bus mit uns dreien als Passagiere die Serptinen hinter Chivay empor, klettert durch die grandiose Bergwelt zum Patapampa Pass empor und hält zur Rast in El Chinito, das wir ja ebenfalls schon von der Hinfahrt kennen. Bald darauf ist die Pampa Canahuas erreicht, und der Bus biegt ab auf die Carretera Interoceanica in Richtung Juliaca und Puno.

Alexis, unser Reisebegleiter, ist von der ganz lockeren Art. Im schnoddrigen Ton berichtet er uns von der Geschichte und Geographie des Altiplano, weist uns immer

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wieder auf Sehenswürdigkeiten am Straßenrand hin und erzählt so ganz neben bei von den ‚señoras gordas y grasientas’, hier oben auf dem Altiplano in Peru und Bolivien. Norbert versteht kaum Spanisch und bleibt ruhig. Gerhard und Beate glauben zuerst nicht richtig verstanden zu haben. “Hä? Señoras gordas y grasientas?” Dann prusten sie los. Die dicken und fettleibigen Damen des Altiplano. Kurzer Stopp an der Laguna Lagunillas, die sich im letzten Tageslicht malerisch unter uns ausbreitet. Selbst Flamingos tummeln sich hier in ihrem kalten Wasser in 4174 Meter Höhe. Noch wissen wir nicht, dass wir diese Watvögel in Bolivien in noch größerer Höhe erleben werden.

Juliaca wird bereits im Dunkeln durchfahren. Dann geht es in Serpentinen hinab nach Puno. Punkt sieben am Abend sind wir am Busbahnhof, sind am Titicaca-See. Der Bus ist mal wieder überpünktlich und das ist ausnahmsweise mal zu unserem Nachteil. Vergeblich halten wir nach einem Schild mit unserem Namen Ausschau. Erst ‘ne halbe Stunde später stürzt Milton auf uns zu, entschuldigt sich vielmals und schleppt mit uns das Gepäck zum wartenden Kleinbus. Bisher ist es ihm so gut wie noch nie vorgekommen, dass ein Bus pünktlich oder gar verfrüht ankommt, ist Miltons Erklärung für seine Verspätung. Schnelles Einchecken im ‚Casina Plaza‘. Morgen wartet der See auf uns. Montag, der 03. August 2015 Frühes Frühstück. Bereits um sieben holt uns Milton in der Lobby ab, bringt uns hinunter zur Pier, von der die Ausflugsboote zu den Inseln im Titicaca-See starten.

Wie bereits gestern von Alexis gehört, vernehmen wir erneut die Story – und werden sie noch öfters vernehmen, dass der Titi-Teil des Sees zu Peru gehört und der Caca-Teil zu Bolivien. Der Name des Sees soll sich von den beiden Aymara-Wörtern ‚ titi‘ gleich ‚Große Katze‘ oder ‚Puma‘ und ‚kaka‘ für grau herleiten. Auf Quechua bedeutet ‚ titi‘ Blei oder „bleifarben“ und ‚qaqa‘ ist der Felsen. Titicaca bedeutet also

bleierner oder bleifarbener Felsen. Den Mythos nach ist Manco Cápac, der erste Inka, einst über den ‚Titi-Karka‘ oder ‚Puma-Felsen‘ auf der Sonneninsel – der mit etwas Phantasie dem Kopf eines Puma ähnelt – auf die Erde herabgestiegen: Vor Urzeiten wohnten an den Ufern des Titicacasees unzivilisierte Menschen. Menschen, die weder Religion noch Gerechtigkeit kannten und die nicht wussten, wie sie das Land um sich herum bearbeiten könnten, um sich davon zu ernähren. Inti, der Sonnengott und Urvater der Inkas, bat seinen Sohn Manco Capac und dessen Schwester Frau Mama Ocllo zu diesen Menschen hinabzusteigen und das von ihm gewünschte Imperium zu gründen. An der Isla del Sol, der Sonneninsel, tauchten die beiden aus den Wassern des Titicacasee hervor und machten sich auf ihren Weg. Glaubt man dieser Legende,

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begann so im 12. Jahrhundert das Inka Reich. Die Sonneninsel und der Titicacasee gelten seither als heilige Orte. (aus: Don Benito und die "dunkle Jungfrau" von Erika Harzer, Deutschlandfunk 25.01.2015)

Mit einer Fläche von 8288 km² reiht sich der Titicacasee an achtzehnter Stelle in die Reihe der größten Seen der Welt ein. Er ist mehr als zwölfmal so groß wie der Bodensee. 4.916 km² im Westen des Sees gehören zu Peru, 3.372 km² im Osten zu Bolivien. Der See ist bis 195 km lang und 65 km breit sowie 281 m tief. Er liegt hier auf 3810 m über dem Meeresspiegel mitten im Altiplano und ist somit der höchstge-legene, kommerziell schiffbare See der Welt. Dutzend kleiner Flüsse und Bäche münden im See, doch nur der Rio Desaguadero, der in Boliviens Altiplano versiegt, ist sein einziger Abfluss.

Am Kai herrscht bereits großer Andrang, denn viele andere Reisegruppen zieht es hinaus auf den See, zum Glück nicht alle auf die gleichen Inseln. Dann endlich können wir an Bord und ergattern drei bequeme Plätze ganz vorne beim Steuer-mann. Dann sind alle Mann (und Frauen) an Bord. Das Boot legt ab, gleitet hinaus auf den See. Direkt auf ausgedehnte Schilfflächen zu, die große Teile der Bucht be-decken. Wir tauchen ein in eine Welt aus Schilf. Es ist Totora-Schilf (Schoenoplectus

californicus), eine Binsenart die in Amerika von Kalifornien bis Argentinien und auch – wie man sieht – in diesen hochalpinen Höhenlagen vorkommt.

Drei Seemeilen weiter. Durch einen schmalen Kanal im Dickicht gelangen wir zu einer großen Freifläche, quasi einem See im See. Boote, Hütten tauchen auf, sind – wie sollte es anders sein? – aus Schilf. Und auch die Inseln, auf denen Letztere gebaut sind, bestehen aus vielen Lagen des gleichen Materials. Wir dringen ein in die Welt der Urus, eine indigene Ethnie, die sich bereits Jahrhunderten in diese schwimmenden Welten zurückgezogen hat. Ihr stolzes Volk war das einzige, das von den Inka nicht unterworfen werden konnte. Näherten sich feindliche Krieger, flüchteten die Urus flugs auf ihre Reet-Inseln, lösten deren Verankerungen und zogen sich samt ihres wackligen Untergrunds auf den Titicaca-See zurück. Die heutige Bevölkerung sind allerdings Nachkommen der Urus, die sich mit Aymara und Quechua vermischt haben. Die letzte reinblütige Uru starb 1959. Nur einige hundert der ungefähr 2000 Urus hausen derzeit noch auf den 49 Islas flotantes, den schwimmenden Inseln im Titicaca-See. Drei Schulen, eine Post, einen Supermarkt und eine Kirche gibt es auf den Islas flotantes – alle sind aus Schilf auf dem Schilf errichtet und schwimmen auf dem Wasser, wie uns Alex, unser heutiger Guide, berichtet. Die Mehrzahl der Insulaner ist heutzutage zwar aufs Festland gezogen, Hauptwohnsitz bleibt aber meist ihr schwimmender Untergrund, da die Urus hier – sehr zum Ärger ihrer Landsleute – keine Steuern bezahlen müssen. Vor allem Männer sieht man nur wenige. Neben der Fischerei, der Jagd auf Enten und den Wurzeln der Totora-Binsen, die reich an Jod sind, leben die letzten Insulaner heute im Wesentlichen von den Einnahmen aus dem Tourismus, beispielsweise vom Verkauf von Decken, Mützen und allerlei Souvenirs sowie von den Tips für Fotos von und mit den Touristen.

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Buntgekleidete Frauen grüßen uns vom Ufer verschiedener Inseln herüber. Das Boot dreht bei, legt an. Wir sind auf Apu Inti, der Insel des Sonnengottes Inti bzw. stehen kurz davor, diese Insel zu entern. „Kamisaraki“ – „Wie geht es euch?“ – werden wir von den vier Frauen am ‚Kay‘ freundlich begrüßt. „Walliki“ – „Gut!“ wäre eigentlich die richtige Antwort, doch wir sind des Aymara leider nicht mächtig. Schnell leert sich das Boot. Auch wir springen hinüber auf den federnden Untergrund der künstlichen Insel. Ein eingesprungener Auerbach mit leichtem Nachzittern, dann sind wir von Bord, dann sind wir drüben. Doch was heißt hier leicht? Denn jeder Schritt auf den 24 m² dieses künstlichen Inselchens ist mit erheblichem Nachzittern verbunden. So ähnlich dürfte man auch auf Watte oder ‘ner Wolke wandeln. Gegen das ständige Schwanken hilft nur eines: Ein breitbeiniger Seemannsgang, den Norbert seit seiner Barras-Zeit ja noch zu Genüge kennt und schnell wieder drauf hat.

Bereits Alexis hatte uns gestern gewarnt, für ein paar Dollar mehr, auf einem der Schilfboote anzuheuern und sich auf den See herausrudern zu lassen. Es lohne schlichtweg nicht. So halten sich Beate und Norbert vornehm zurück, steigen lieber auf den wackligen Aussichtsturn, begutachten die ausgelegten Stoffe und Pretiosen, unterhalten sich mit den Insulanern (Beate) und erkunden auch sonst die 24 m² Eiland ausgiebig. Gerhard jedoch geht wie alle anderen Schilfbootsüchtige seinem Seemannsdrang nach und lässt sich ein paar Dutzend Meter aufs Wasser hinausrudern, bevor die ganze Bootsgesellschaft ein viertel Stündchen später wieder anlandet. Auch Gerhard meint nun, dass Alexis’ gestrige Aussage wohl richtig war. Kaum vorstellbar, aber fünfundvierzig Urus sollen noch auf Apu Inti leben, doch während unseres kurzen Besuchs begegnen wir lediglich acht der Insulaner, nämlich zwei Männern, vier Frauen und zwei jungen Mädchen.

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Polizei ist nicht vorhanden. Alles muss zwischen den Familien selbst geregelt werden und manchmal, wenn nichts mehr hilft, auch radikal. Sind beispielsweise die Differenzen partout nicht beizulegen, wird eine Schilfinsel schon mal in zwei Teile zersägt. Und so mancher nachbarliche Streit wird auf noch rigorosere Weise gelöst. Dann wird zu nachtschlafender Zeit dem Widersacher schon mal die Verankerung seiner Plattform am Seeboden durchschnitten, die dann anschließend mit dem Motorboot ein Stück weiter auf den See hinaus gezogen wird. Zwar ein mehr als fragwürdiges Prozedere, das jedoch immerhin den Vorteil hat, dass sich auf diese Weise außerdem auch das eigene Seegrundstück vergrößert.

Mittels frisch geschnittenen Totora-Schilfs demonstrieren uns die beiden auf Apu Inti verbliebenen Uru-Männer, unterstützt von unserem Guide Alex, eingehend den Aufbau und die Ausbesserung einer solchen Isla flotante. Drei Jahre hält so eine Plattform in der Regel, bevor die unteren Schichten zu faulen beginnen. Daher muss ca. alle vierzehn Tage eine neue Lage Reet auf den alten Untergrund aufgetragen werden. Ein permanentes Schneiden, Binden und Basteln.

Auch zeigen die Männer uns, welche Teile des Schilfs denn nun genießbar sind, raten uns aber gleichzeitig, aufkommenden Hunger doch lieber auf andere Weise zu stillen. Es sei denn wir wollen einen gehörigen Durchfall riskieren. Die Frauen und Mädchen übernehmen die Aufgabe, uns zum Kauf der dargebotenen Pretiosen zu überzeugen, führen uns dann aber auch in das Innere ihrer Schilfbehausungen. Bilder, Textilien, Kissen, Decken, Matten, ja sogar ein Computer und ein Fernseher – angetrieben mit Solarstrom – gehören in verschiedenen Hütten zum Inventar. Gerade erst an Bord zurück, geht‘s gleich darauf schon wieder auf ein weiteres Schilf-Eiland. Gegen ein geringes Entgelt und ganz offiziell kann man sich dort sogar einen Stempel in den Pass drücken lassen. Viel Schilf um nichts. Ein viertel Stündchen später verlassen wir die enge Schilfbucht um Puno mit ihren Wohnplattformen, gleiten hinaus aufs freie Wasser des riesigen Sees und weiter an den felsigen Ufern der Peninsula Chucuito vorbei. Nach weiteren siebzig Minuten grüßt von links Capachica, eine weitere Halbinsel. Erst jetzt ist der eigentliche el Lago Titicaca erreicht. Erst jetzt wird uns seine wahre Größe bewusst. Wellen, spiegelndes Wasser soweit das Auge reicht. Ein riesiges Binnenmeer auf 3810 Höhenmetern. Dann erscheint ein schmaler Streifen Land am Horizont, Berge, Terrassen, felsige Hügel. Die Insel Taquile – oder Intika, wie sie auf Quechua genannt wird, das zweite Ziel unserer heutigen Bootstour. Wie der Rücken eines Wals soll ihre Insel nach Meinung der Taquileños aus der Ferne aussehen. Die beiden höchsten Erhebungen Uray K'ari und Hanan K'ari ragen bis zu 4050 m über NN empor, also bis zu 240 Meter über die Seeoberfläche.

Trotz der seit Jahren steigender Touristenzahlen und dem dadurch bedingten Kontakt nach außen verläuft der Alltag der ca. 1500 Taquileños weiterhin sehr traditionell. Die alten Bräuche und Regeln aus der Inkazeit haben auch heute noch

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Geltung. Die Vorfahren werden verehrt, die alten Überzeugungen geachtet. Ihre Insel steht unter dem Schutz von Pachamama und ist zudem von einem heiligen See umgeben. Alle Machtbefugnis liegt seit jeher in den Händen des Ältestenrats. Ihre eigentliche traditionelle Tracht zu tragen, wurde den Insulanern zwar schon zur Kolonialzeit verboten, doch übernahmen sie einfach die spanische Bauerntracht, die sie heute immer noch anlegen und als ihre indianische Tracht ausgeben. Hierzu gehört für den Mann neben dem weißen Hemd, der kurzen schwarzen Jacken und der schwarzen Hose auch die gestrickte Mütze (chullo)und ein Gürtel, „chasmo“, auf dem Vielerlei aus der Magie und dem täglichen Leben abgebildet ist. Aus dem Muster und den Farben der wasserdichten „chullo“ ist auf den Rang ihres Besitzers in der insularen Hierarchie zu schließen. Die Frauen tragen einen dunklen Rock, mehrere Unterröcke, einen Pullover oft in leuchtendem Rot sowie ein schwarzes Kopftuch mit kunterbunten Bommeln. Die Einnahmen aus dem Tourismus fließen in die Gemeindekasse. Ansonsten ist man größtenteils Selbstversorger, lebt vom Fischfang sowie vom Ertrag auf den Terrassenfeldern, die überall auf der Insel zu entdecken sind und auf denen meist Kartoffeln und Gemüse angebaut werden. Elektrizität war bis vor kurzem unbekannt, wird heutzutage aber mittels Generatoren sowie durch Solarzellen produziert, fließendes Wasser ist nicht vorhanden. Zum Kochen und heizen wird mit Feuerholz verwendet. Motorfahrzeuge wie auch Hunde und Katzen sind verboten, so dass lediglich das Blöken und Gemecker von Schafen und Ziegen gelegentlich die idyllische Stille stören. Einige der Bootspassagiere steigen bereits im Puerto Alonso aus, während die meisten anderen, so auch wir, noch bis zur Bootsanlegestelle Muelle Chilcano, drei Kilometer weiter, an Bord bleiben. Und dort sehen wir zum ersten Mal einen Vertreter jener Zunft, der Taquile ihren Beinamen als Insel der strickenden Männer verdankt. Geschickt bewegt der ältere Herr, der uns an der Pier erwartet, die dünnen, kurzen Nadeln in seinen Händen. Offensichtlich strickt er an einer „chullo“, einer Mütze. Sie werden manchmal so eng gestrickt, dass in ihnen sogar Wasser transportiert werden kann. Gleich nach dem Landgang heißt es Treppensteigen. 536 Stufen – einmal Kölner Domturm – geht es gleich hinter dem Bootsanleger steil empor. Und das 4000 Meter über NN. Was Wunder, dass wir bereits am Torbogen der Freundschaft schon gehörig ins Schnaufen gekommen sind und der Schweiß uns unter der Hutkrempe hervorquillt. Die Tropensonne meint ‘s heute aber auch zu gut mit uns. Langsam gewinnen wir an Höhe. Der fleißige Stricker an der Pier soll nicht der einzige bleiben, den wir bei unserer Wanderung über die Insel beobachten. Auf einem Plateau treffen wir gleich mehrere ältere Taquileños an, die ihre Stricknadeln wirbeln lassen. Ein weiterer ist an einem breiten, horizontalen Webstuhl mit der Anfertigung eines prächtig bunten Tuchs beschäftigt, eskortiert von vier Taquileñas, die sich an wesentlich schmaleren Webstühlen ebenfalls der Webkunst hingeben.

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Verdrehte Welten! Strickende – und webende – Männer, während das Spinnen selbstredend den Frauen überlassen bleibt. „Ama suwa, ama llulla, ama qilla“ – nicht stehlen, nicht lügen, nicht faul sein – ist seit Urzeiten das Gebot für einen jeden auf der Insel. Gestrickt wird daher, wo man gerade steht und geht. Bereits als Kinder lernen die Taquileños das Stricken und lassen – so sagt man auf der Insel –erst mit ihrem Tod die Nadeln fallen. Gewebt und gestrickt wird mit Lama-, Alpaka- und Schafwolle. Die roten, schwarzen, grauen, weißen und creme Farben zum Färben der Wolle werden aus Pflanzen – beispielsweise aus Zulina und Chillca – sowie einem Mineral namens Yanacuipa gewonnen.

Immer noch schnaufend wird endlich die Plaza Principal, Hauptplatz und kulturelles Zentrum der Insel, erreicht. Hier herrscht buntes Treiben, denn augenblicklich ist Fiesta Santiago Apóstol, mit dem vom 25. Juli bis zum 05. August die Taquileños jedes Jahr aufs Neu ihren Schutzpatron feiern. Zur gleichen Zeit findet auf der Insel die Feria artesanal statt. Eine Messe für Kunsthandwerk, von der die vielen Stände mit Stickereien, Gewebtem, Gestricktem, Keramik etc. am Rande des riesigen Platzes zeugen. Die textile Kunst der Taquileños wurde 2005 von der UNESCO ja immerhin in ihre „Liste der Meisterwerke des

mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“ aufgenommen und drei Jahre später in die „Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“. Es ist Mittagszeit, Zeit zum alltäglichen Treff auf de Plaza Principal während der Fiesta Santiago. Im dezenten Schwarz und Mützen mit großen bunten Ohrenklappen lauschen die Herren des Ältestenrates im Schatten eines Verwaltungsgebäudes einer Tanz- und Musikgruppe und bedenken sie ab und an mit ihrem spärlichen Applaus. Und in der prallen Sonne, im Osten des Platzes, ein traditioneller Rundtanz, eine äußerst farbige Melange aus Getrommel und dissonantem Flötenspiel, bunten Bändern und Hüten, Musikanten in traditionellem Outfit und nicht minder prächtig gekleideten Tänzerinnen. Gerhard treibt sich in der Nähe der Tänzer und Musikanten herum. Beate und Norbert wählen das Teleobjektiv und den Schatten hinter den Stuhlreihen des Ältestenrates und versuchen von dort zu guten Bildern von dem exotisch bunten Treiben zu kommen. Viel zu schnell geht die Zeit vorüber. Unser Guide Alex drängelt zum Aufbruch, doch schon in der ersten Gasse lassen uns ganz anders gekleidete Damen bereits wieder zur Kamera greifen. Besonders die flachen, dreieckigen Hüte mit zwei großen, bunten Wollbommeln links und rechts sind es wert, fotografisch festgehalten zu werden. Auf der Terrasse eines Familienrestaurants finden wir uns zum Mittagessen ein. Die Aussicht auf den strahlend blauen See – wohlweislich behalten wir die Sonnenbrillen auf – und bis zur Cordillera Real, die bereits in Bolivien liegt, ist einfach phantastisch. Alex klärt uns auf, dass auf Taquile alle Touristen mit dem gleichen Menu verköstigt werden und so serviert man auch uns zunächst eine Quinoa-Suppe und anschließend gebratene Forelle mit Reis und einer Kartoffel.

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Anschließend wird es wieder ethnokulturell. Alex erklärt uns, wie man an den Trachten erkennt, ob das Gegenüber ledig oder verheiratet ist. So tragen ledige Frauen bunte Bommeln an ihrem Kopftuch, verheiratete dagegen rote.

Junggesellen tragen eine halb bunte, in der Spitze weiße „chullo“, während sie bei den verheirateten Herren der Schöpfung durch und durch bunt ist. Ihre Form ähnelt übrigens den „Cantuta“-Blüten, von denen wir gleich neben dem Esstisch einige betrachten können. Verheiratete Männer tragen zudem den breiten, symbolreichen „chasmo“ (Gürtel), der von den Frauen gewebt wird, und den sie bei der Hochzeit ihrem frisch Vermählten überreichen. Mehrere Gürtel werden uns zur Begutachtung herumgereicht.

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Es folgt ein längerer Spaziergang bis hinunter zum Puerto Alonso, wo wir nach längerem Warten wieder auf unser Boot steigen, mit dem es zurück nach Puno geht. Am Hafen erwartet uns bereits Milton, um uns zum Hotel zu geleiten. Zwar machen wir am Abend noch einen kurzen Rundgang über die Plaza de Armas und durch angrenzende Fußgängerzone, doch die Kühle mit schnell einbrechender Dunkelheit lässt uns bald zum „Casina Plaza“ zurückkehren. Dienstag, der 04. August 2015 Schon wieder stehen wir um halb sieben auf der Matte, haben bereits gefrühstückt und den Rucksack mit Dreckwäsche und der Sommerkleidung für die fünf Tage Urwald am Ende der Tour im Hotel deponiert. In vierzehn Tagen wollen wir ja aus Bolivien zurücksein. Ziel heute Vormittag ist erst einmal der peruanisch-bolivianische Grenzübergang Desaguadero, ca. zweieinhalb Stunden von hier. Pünktlich steigen wir zu Milton ins Auto und los geht‘s. Bis Chucuito verläuft die 3S parallel des Seeufers, lässt den See dann links zurück, erreicht Plateria, Acora und Ilave, um kurz vor Juli sich wieder dem See zu nähern. In all diesen Orten fallen uns die überaus prächtigen Kirchen auf, was Milton dazu veranlasst, uns einiges über die Missionierung der peruanischen Urbevölkerung durch die Spanier zu erzählen. Die Methoden waren mehr als drastisch und verliefen nicht selten nach dem Motto: Werd’ katholisch oder stirb! Weder mit Worten noch mit Geld wurde gespart, was teilweise dazu führte, dass in manchem Städtchen oder Dorf gleich mehrere Kirchen errichtet wurden: Für jede Ethnie eine. Zu dem adretten Städtchen Juli erzählt er uns ‘ne Story, die sich hier vor zehn Jahren zugetragen haben soll. Ihr Bürgermeister fiel damals einem aufgebrachten Mob zum Opfer, nur weil er den Wünschen der Bürgerschaft nicht Folge leistete. Auch über die vielen Forellenzuchtstationen im Titicaca-See lässt sich Milton ausgiebig aus, lässt den Fahrer halten und erklärt uns vom hohen Steilufer des Sees herab ausgiebig das Zuchtverfahren. Pinkelpause in Pomata. Die prächtige Iglesia de Santiago Apóstol ist leider mal wieder nur von außen zu bewundern. Stattdessen kommen wir mit zwei Indiofrauen ins Gespräch, die sich am Rande der Plaza de Armas ausgiebig unterhalten, von denen die eine Brot verkauft und die andere gerade Brot gekauft hat. Ein Foto von den beiden Cholitas ist uns nur nach einem Brotkauf erlaubt. Chola oder cholita werden in Bolivien, Chile und Peru die traditionell gekleideten Frauen genannt. Ihre Kleidung besteht aus dem Überrock pollera, aus bis zu zehn Unterröcken Je nach finanzieller Ausstattung ihrer cholita und Region differieren diese polleras sehr in Länge, Stoff und Anzahl der Volants. Hinzu kommt ein Schultertuch und der typischen Hut. Erst in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kam der Wandel zum heutigen, männlichen Huttyp. Damals hatte ein italienischer Huthersteller gerade versehentlich eine große Lieferung von Herrenhüten nach Bolivien exportiert, die bei Männern allerdings keinen Anklang

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fanden. Daher begann die Importfirma sie stattdessen an arme Frauen zu vermarkten, indem die Exponate im Bowler- oder Melonestil als jüngste italienische Frauenmode angepriesen wurden. Somit begann die bis heute andauernde Tradition. Die vielen Lagen an Kleidung betonen die meist schon eh sehr rundliche Figur ihrer Trägerin. So auch hier bei unseren beiden cholas im Dorf Pomata. (siehe hierzu auch Aussage von unserem Busbegleiter Alexis vor anderthalb Tagen). En vogue ist es heutzutage auch, sich als cholita das Gebiss vergolden zu lassen.

Unser Reisebegleiter Milton ist ein studierter Mann, der u.a. auch Ethnologie studiert hat. Als wir gerade den Cerro Qhapiya (4809 m), einen erloschenen Vulkan, passieren, erzählt er von der Feldforschung, die er hier über ein Jahr lang betrieben hat. In der indigenen Bevölkerung geht hartnäckig das Gerücht um, dass unter den Opfergaben, die dem Qhapiya in regelmäßigen Abständen an seinem Kratersee dargebracht werden, neben Schafen, Hühnern, Früchten, Gemüse und Getreide auch regelmäßig Menschen befinden. Niemand will eigentlich das wirklich glauben, doch auch Milton hat darüber einiges erfahren. So verschwinden in diesem Landstrich immer wieder Menschen spurlos. Von ihnen heißt es dann, dass sie dem Qhapiya geopfert wurden. Auf jeden Fall ging auch Milton während seines Forschungsaufenthalts letztendlich dazu über, seine Fenster und Zimmertür abends und des nachts gründlich abzuschließen. Zudem ist fester Volksglaube, dass das Fett der Geopferten zu mancher Wunderheilung beigetragen hat. Sehr viel schwarze Magie wird hier betrieben, ja, bisweilen sogar von den katholischen Priestern.

Dann endlich wird Desaguadero erreicht. Es ist Markt, es ist dichter Verkehr, es ist die Grenzstation nach Bolivien. Übermorgen, am 06. August, ist der bolivianische Nationalfeiertag, und den will man zuhause feiern. Dementsprechend groß ist der Andrang. Dementsprechend groß ist das allgemeine Chaos. Der Fahrer kommt nicht mehr weiter, hält mitten im Gedränge. Also steigen wir aus, schultern das Gepäck, trotten durchs Gewühl, immer hinter Milton hinterher, ehrfürchtig an der elendig langen Schlange der Wartenden entlang. „Wollen die etwa alle nach Bolivien rüber?“ Sie wollen! Milton versucht uns zwar noch an dem Grenzbeamten vorbei an den Abfertigungsschalter zu mogeln, doch der Polizist kennt kein Pardon. Ab nach ganz hinten, 250 Meter zurück. Milton bleibt mit dem Gepäck in Nähe des Abfertigungsgebäudes zurück. Wir trollen uns und gehen zurück. Vorher jedoch

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lernen wir noch Javier kennen, der in den nächsten vierzehn Tagen in Bolivien unser Fahrer und Guide sein wird. Nolens volens reihen wir uns ganz hinten in die Riesenschlange der Wartenden ein, weichen der tropischen Höhensonne aus, wo auch immer es geht, nutzen folglich jeden noch so kleinen Schatten, beobachten das lebhafte Marktleben und den hektischen Straßenverkehr zu unserer Rechten und rücken nur langsam, ganz langsam – und dann meist nur schubweise – aufs Abfertigungshäuschen zu. Doch so ‘n richtiges Vorwärtskommen ist das eigentlich gar nicht. Zumindest ist kaum was zu merken. Und wenn, dann eigentlich nur daran, dass die Schlange vor uns kaum kürzer, die hinter uns aber immer länger wird. Die erste halbe Stunde verstreicht, die zweite beginnt und verstreicht ebenfalls. Auf jeden Fall haben wir schon mal die erste schattenspendende Hausecke erreicht und sind daher dem Himmelsgestirn nicht mehr so völlig bedingungslos ausgeliefert. Aus der Wanduhr rinnt die Zeit, stehst am Fenster, schaust auf Steine . . . Doch wir stehen hier am Straßenrand, quälen uns hinter den Marktständen höchstens an den Hauswänden und den Straßengräben lang. Irgendwie schlagen hier die Uhren anders. Wie in Afrika: Es gibt von nichts so viel wie von der Zeit. In Bolivien sind‘se den Peruanern ja sowieso ‘ne Stunde voraus, aber im Augenblick scheint die Zeit völlig stehengeblieben zu sein. Rien ne va plus! „Was ist denn da vorne los? Machen die Grenzbeamten Mittagspause? Haben sich da Leute vorgeschmuggelt?“ Um mal vorne, dort wo Milton mit unserem Gepäck steht, nach dem Rechten zu schauen, lässt Beate Gerhard und ihren Herzallerliebsten stehen, zwängt sich nach vorne, kommt nach ‘nem geraumen Weilchen zurück und berichtet. Natürlich haben sich welche vorgedrängelt, und zwar gleich ‘ne ganze Schulklasse samt ihrer erwachsenen Begleiter. Das ist schlimm und zeitraubend genug. Doch ein weiterer Punkt ist geradezu desaströs: Da die 25 Knäblein und Weiblein alle durch die Bank unter 18 Jahre alt sind, benötigen sie für den Grenzübertritt ein Erlaubnisschreiben ihrer Eltern, was auch alle haben, aber kurioserweise auch eines ihrer Großeltern, Onkel oder Tanten, was so gut wie alle nicht haben. Folglich muss jetzt erst einmal umständlich bei Opa und Oma angerufen werden, von denen dann bei Anwesenheit eine E-Mail oder ein Fax mit der entsprechenden Erlaubnis fürs Enkelchen angefordert wird. Auch ein Zeichen von Höhenkrankheit! Sachen gibt‘s auf dieser Welt, die gibt’s nicht! Die Sache spricht sich rum. Unruhe und Empörung kommen auf. Auf jeden Fall geht in der dritten halben Stunde gar nichts mehr. Dann erst machen wir mal wieder ‘nen Schub nach vorne. Doch die Hoffnung war verfrüht. Wieder langes Warten, wieder Gemoser und Gemecker. Einige Jugendliche hängen immer noch fest, haben von Oma und Opa, Onkel oder Tante immer noch keine erlösende Nachricht erhalten, die ihrem Pass den weiterführenden Stempel einbringt.

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Sage noch einmal einer was gegen Schengen! Trotz alledem erreichen auch Gerhard und Norbert letztendlich den Treppen-aufgang zum Abfertigungsschalter. Beate gesellt sich dazu, und endlich stehen wir dem Grenzbeamten vis-à-vis. Unsere Abfertigung dauert nur wenige Augenblicke. Der Rest ist Formsache. Als wir uns herzlich von Milton verabschieden und mit Javier sowie dem Gepäck über die Grenzbrücke schreiten, stürmen auch gerade die letzten Jugendlichen aus dem Grenzhäuschen. Wie schon gesagt: Irgendwie gehen hier die Uhren anders!

Wir sind nun vorgewarnt und erwarten an der bolivianischen Grenzstation eigentlich das gleiche Desaster wie soeben in Peru erlebt. An einer flachen Hütte gibt uns Javier ein Zeichen. Durch diese Tür müssen wir hindurch. Was uns dahinter erwartet, entzieht sich zwar unseren Blicken, doch scheint der Ansturm hier nicht gar so groß wie auf der anderen Seite der Brücke. Folglich hoffen wir nicht gar so lange auf die Grenzabfertigung warten zu müssen. Auch erklärt sich Javier bereit, unser Gepäck schon mal zum Auto zu bringen. Eine Sorge weniger! Die besagte Tür wird nach ‘ner halben Stunde durchschritten. Und im Gebäude – wie sollt es auch anders sein? – jede Menge Volks mit dem gleichen Begehr wie wir. Das kann ja heiter werden, doch inzwischen hat sich die Schlange der Wartenden hinter uns enorm verlängert, während sie sich vor uns schnell verkürzt. Dann endlich erschallt ein dreimaliges Stempelklatschen in unsere Pässe. Wir drängen nach draußen, wundern uns noch, welche Ausmaße die Schlange der Wartenden inzwischen angenommen hat, und folgen auf den während mehr als drei Stunden Warterei krumm-gestandenen Beinen Javier zu dem bulligen Landcruiser, der für die nächsten vierzehn Tage nun unser fahrbarer Untersatz sein wird.

Das Gepäck ist ja bereits verstaut. Schnell ist zudem ausgemacht, dass zwischen uns drei tagtäglich ein Platzwechsel stattfindet, um einen jeden regelmäßig in den Genuss des Beifahrersitzes zu bringen. Das Gedrängel an der Grenze und Desaguadero liegen bald hinter uns. Verspätete Mittagspause auf der Straßenterrasse eines Lokals in Tiwanaku in knapp über 4000 Meter Höhe. Schräg gegenüber liegt eine der wichtigsten archäologischen Stätten in ganz Bolivien, das gleichnamige Tiahuanaco („Setz dich nieder kleines Lama“), heißende Ruinenfeld einer Prä-Inka-Kultur und seit dem Jahr 2000 Weltkulturerbe der UNESCO. Seit dem 16. vorchristlichen Jahrhundert wurde hier gesiedelt, zwischen 600 bis 900 n. Chr. war hier ein religiöses und kulturelles Zentrum, dessen Einfluss von der pazifischen Küste, bis zur heutigen Provinz Cochabamba und zum Norden Argentiniens reichte. Ende des 10. Jh. wurde Tiahuanaco Opfer einer langanhaltenden Dürreperiode und war zu Inkazeiten bereits verlassen. Bis heute sollen lediglich ein Prozent des Ruinenfeldes ausgegraben sein, was uns wegen des bedenklich weit fortgeschrittenen Nachmittags einen hastigen

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Blitzbesuch erlaubt. Das berühmte Sonnentor und die „El Fraile“, der Mönch, genannte Monolithfigur liegen leider voll im Schatten. Besser dagegen sind die Reliefgesichter im „Versunkenen Hof“ auszumachen. Bereits ein dreiviertel Stündchen später begeistert uns ein ganz anderes, ein hochalpines Relief, und zwar das der bolivianischen Cordillera Real. Ihre tiefverschneiten Bergspitzen heben sich nun im Osten klar vom blauen Himmel ab. Sieben Sechstausender nennt die 120 km lange und 20 km breite Kordillere ihr Eigen. Geduldig beantwortet Javier unsere Fragen und nennt uns immer wieder die Namen der schnee- und eisbedeckten Bergriesen, und zwar den des Pico del Norte (6070 m), des Illampú (6368 m), des Ancohuma (6427 m), des Chearoco (6127 m) und des Chachacomani (6074 m) im Norden. Im Augenblick scheinen wir direkt auf den Huaya Potosi (6088 m) zuzufahren, bevor wir die ersten Häuser El Altos erreichen und rechterhand die drei Gipfel des Illimani (6438 m) auftauchen, des höchsten Sechstausenders in der Cordillera Real. Linkerhand daneben erhebt sich nicht weniger spektakulär der Mururata (5864 m). Auch sein Gipfel ist tief verschneit und von Gletschern überzogen.

Der Verkehr wird merklich dichter. El Alto, die überwiegend von Indigenos bewohnte und mit 842.378 Einwohnern (2012) nach Santa Cruz (1.453.549 Einwohner) zweitgrößte Stadt Boliviens, ist erreicht. Sie ist damit größer als ihre öst-liche Nachbarstadt La Paz, in der bei der Volkszählung 2012 nur 757 184 Einwohner gezählt wurden. Ein hoch aufragender, ganz aus Schrauben und Eisen-teilen bestehender Che Guevara wird umfahren. Immer wieder ‘n Feierabendstau.

Und dann liegt er vor uns, eingebettet in einen tiefen Talkessel, der höchstgelegene Regierungssitz der Welt: La Paz. Knapp tausend Meter Höhenmeter liegen zwischen dem höchsten und niedrigsten Punkt der Stadt, ihre mittlere Höhe beträgt 3600 m über NN. Wohnviertel reiht sich an Wohnviertel, ziehen sich dichtgedrängt die steilen Wände des Talkessels empor. Und umgekehrt als in manch anderer Stadt existiert eine eindeutige Relation zwischen dem sozialen Status eines Paceñas und der Höhenlage seines Viertels: je höher die Lage seines Hauses oder Wohnviertels, desto prekärer der soziale Status seiner Bewohner. Erst sieht es ganz so aus, als wolle Javier absolut nicht halten und achtlos vorüberbrausen, doch dann findet sich ganz in der Nähe der nagelneuen – roten – Hochseilbahn doch noch eine Parkbucht. Javier hält, wir hechten hinaus und genießen einen der spektakulärsten Ausblicke in ganz Bolivien. Plätze, Parks, Kirchen, Hochhäuser, Regierungs- und Prachtbauten am Grunde des weiten Kessels, während sich die, da meist unverputzt, roten, oft ziemlich heruntergekommenen Wohnsilos sich Wand an Wand die steilen Talflanken emporwuchten.

Und seit dem vorigen Jahr gondeln dazwischen die drei Seilbahnen in Rot, Grün und Gelb, den Nationalfarben Boliviens. Sie haben eine Gesamtlänge von zehn

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Kilometern, elf Stationen und 443 Gondeln. 234 Millionen Dollar betrugen die Bau-kosten. Sechs weitere Bahnen mit 23 Stationen sollen für weitere 450 Millionen US-$ bis 2019 gebaut werden. Ein Netz aus 1400 Seilbahnkabinen von über 30 km Gesamtlänge würde dann La Paz überspannen. Der Stahl für ihren Bau stammt aus Deutschland, die Masten aus Österreich, die Kabel und Gondeln aus der Schweiz. Das Bauprojekt ist eines von Evo Morales, des ersten indigenen Präsidenten Südamerikas, Prestigeobjekten. Die Baukosten wurden bisher durch den Ertrag aus dem Erdgassektor beglichen, doch sind die Rohstoffpreise in letzter Zeit drastisch eingebrochen. Obwohl eine Fahrt lediglich drei Bolivianos kostet, sollen die drei bisherigen Linien kostendeckend laufen. Was immerhin darauf hindeutet, dass Evos Seilbahnen von den Paceñas voll angenommen worden sind.

Javier kennt sich hier prima aus, ist doch auch er ein Paceña. Auf Schleichwegen verlassen wir in der aufkommenden Abenddämmerung La Paz. Die nächsten dreißig Kilometer geht es durch aufkommenden Nebel, aber auf guten Asphalt nun ständig bergauf. Aufkommende Dunkelheit und nichts als Gegend draußen. Die Cordillera Real wird auf dem Paso Abra La Cumbre (4650 m) überschritten. Wir bleiben auf dem Asphalt, denn jetzt, im Dunkeln, die „carretera de la muerte“ zu befahren, ist wenig einladend und zudem viel zu riskant. Außerdem wollen wir Fahrt auf der Straße des Todes ja auch genießen und viele Fotos machen, was jetzt im Stock-dunkeln ja wohl kaum möglich ist.

Viele Kurven, Brücken und Tunnel später wird es merklich wärmer. Draußen ist tropischer Wildwuchs zu erkennen. Puente Yolosa wird erreicht. 3450 Meter sind wir hier tiefer als auf dem Paso Abra La Cumbre. Es geht wieder mehr als 550 Meter hinauf, bis wir das kleine Städtchen Coroico erreicht haben, wo wir weitere zwei Kilometer außerhalb mitten im Grünen im „El viejo Molino“ unterkommen.

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LA CARRETERA DE LA MUERTE Mittwoch, der 05. August 2015 Üppiges Frühstück nach warmer Nacht und tiefem Schlaf bei offenem Fenster Kaum zu glauben nach den eisigen Nächten auf der Hochebene. Doch hier sind wir in den Yungas, in nur noch knapp 1800 m Höhe. Mit den bolivianischen Yungas Nord und Süd wird eine parallel zur Cordillera Real verlaufende Übergangsregion am Ostrand der Anden bezeichnet. Dieser Landstrich ist gekennzeichnet durch steilaufragende Bergzügen, zwei langgestreckte Täler und mehrere Seitentäler. Klimamäßig bilden die Yungas den Übergang zwischen dem wüstenhaft trockenen andinen Hochland und dem feuchtheißen Amazonasbecken, und wegen der hier vorherrschenden milden Temperaturen sowie der reichlichen Regenfälle können u.a. Kaffee, Obst und Coca angebaut werden. Der Blick aus dem Fenster ist hier ein Blick ins Grüne, auf üppig wuchernde Vegetation an steilen Berghängen und ins tiefeingeschnittene Tal des Rio Coroico. Schmetterlinge gaukeln im Morgenwind. Sittiche fliegen kreischend vorbei. Nach kalten Tagen in großer Höhe nun ein tropisches Idyll. Auch die Uhren gehen hier anders, was wir schon daran merken, dass uns unser heutiger Guide Juan erst um neune und bei schönstem Sonnenschein zu einer mehrstündigen Wanderung im Tal des Rio Vagante abholt. Vorbei an kleinen Bauernkaten, an Gemüsegärten, Äckern und auch zwei Coca-Feldern geht es hinter Coroico auf holpriger Piste ständig bergab. Soweit die Blätter des Coca-Strauches, so erklärt es uns Juan, für medizinische Zwecke oder die Herstellung des „Mate de Coca“-Tees genutzt werden, ist der Coca-Anbau in Bolivien erlaubt. Bevor er Gewerkschaftsfunktionär und Politiker wurde, verrichtete auch der heutige Präsident Evo Morales sein Tagwerk als Coca-Bauer. Kurz darauf fordert uns Juan zum Austeigen auf, stellt seinen Honda am Pistenrand ab. Bevor wir aufbrechen, gönnt er uns noch einen Blick hinunter ins tiefe Tal des Rio Vagante und verspricht uns noch, dass wir in ein paar Stunden genau hier, an dieser Stelle den Steilhang emporklettern werden. Na, dann mal Tau! Das kann ja lustig werden! Hurtig wandern wir die Piste entlang. Ins Schnaufen kommen wir auf dieser Höhe nicht. Zudem geht es ja ständig bergab. Ins Schwitzen schon eher, wofür schon allein die hochstehende Tropensonne sorgt. Bald gieren wir regelrecht nach etwas Schatten, den die dichterwerdende Vegetation am Pistenrand liefert. Plötzlich ist Schluss mit lustig. Juan zeigt auf einen schmalen Einschnitt im dichten Unterholz des Hangs, fordert uns auf, ihm zu folgen und ist verschwunden. Notgedrungen steigen wir hinterher. Im wahrsten Sinne geht es über Stock und Stein steil bergab. „Is’ schon ‘n komischer Wanderweg!“ Zumal er kaum zu sehen ist, und unsere ganze Aufmerksamkeit erfordert. Dann endlich, 150 Meter weiter, sind wir unten, sind am Rio Vagante.

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Im Flusswasser stehend fordert uns Juan auf, unsere wasserfesten Schuhe anzuziehen. Schließlich geht‘s nun zwei, drei Stunden durchs Wasser flussaufwärts. Verdutzt schauen wir uns an: „‘Ne Badehose haben wir zwar mit, doch welche wasserfesten Schuhe? Davon war bisher nicht die Rede.“ Andere Wanderschuhe als die an unseren Füßen haben wir nicht dabei. „Sollen wir‘s etwa mit denen versuchen?“ Nach kurzer Diskussion entscheiden wir uns dagegen. Juan disponiert um, will uns stattdessen noch in einem Seitental einen Wasserfall zeigen, bevor wir uns dann an einer Badestelle im Fluss zur Mittagspause niederlassen. Also heißt es jetzt, am gleichen Hang zurückzugegen, und das wird schwierig. Nun ist es nicht mehr die Sonne, die uns den Schweiß aus allen Poren treibt. Zu allem Überfluss schrammt sich Beate an einem Ast auch noch die Haut auf. Aua, das tut weh! Schon das Hinsehen ist schmerzhaft. Dann endlich ist der feste Pistenboden wieder erreicht. Wir sind wieder oben, um gleich wieder nach unten zu gehen.

Der Fluss ist bald wieder erreicht, kann hier sogar trockenen Fußes auf einer Brücke überschritten werden. Juan weist jedoch nach rechts in ein Seitental, auf einen alten Inka-Pfad, wie er uns erzählt. Zu sehen ist von ihm nur noch wenig. Dafür geht es vorbei an einem rauschenden Wasserfall und bald auch wieder steil bergauf. Erneut ist zu reichlichem Schwitzen Anlass. Und dann sind wir da, stehen vor einem zwar hohen, doch augenblicklich relativ wasserarmen Wasserfall. Da ist der weiter unten doch schon imposanter.

Abseits des Inkapfads führt uns Juan zurück an den Bach, bringt uns auch an eine Badestelle, ein Felsbecken mit schönem Ufersand, doch der Platz ist bereits besetzt. Man spricht Deutsch: Drei junge Studenten – genauer gesagt zwei Studentinnen

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und ein Student – tummeln sich bereits im Wasser. Sie kommen aus München, fragen uns nach dem Woher und Wohin, erzählen uns begeistert von der Carretera de la Muerte, die sie gestern mit dem Mountainbike hinunterjongliert sind. Später gesellt sich noch ein junger Bolivianer zu uns. Auch wir wagen uns ins Wasser, Beate bis zu den Knöcheln, Norbert immerhin bis zur Badehose, welche Gerhard erst gar nicht mithat, folglich sich auch nicht zum Baden auszieht. Das Wasser ist zwar herrlich klar, doch schaurig kalt, so dass sich auch der Silberrücken eilig aus dem Bach zurückzieht.

Ganze Trauben von Schmetterlingen, die sich im Sand tummeln, nehmen bald Gerhards Aufmerksamkeit gefangen. Auch Juan leiht sich Beates Kamera aus und verfolgt damit die bunte Schar. Besonders auf den 89-Falter (Diatheria neglecta) und den orange-gefleckten Herzogenfalter (Sisime neurodes) macht er uns aufmerksam. Schmetterlinge anderer Arten beteiligen sich am bunten Reigen und dem munteren Mineralienschlecken. Doch auch noch andere, weniger bunte, dafür umso heimtückischere Insekten sind heute mit von der Partie: Sandmücken. Erst als es an gleich mehreren unbedeckten Hautpartien, an den Füßen, den Beinen, den Armen und anderen edlen Körperteilen, ganz schrecklich zu brennen anfängt, registrieren wir deren Anwesenheit. Überall dort bilden sich bald knallrote Pusteln, die auch tage-, ja wochenlang später noch recht unangenehm jucken und zum Teil auch eitern. Schleunigst schmeißen wir uns in die Klamotten, verabschieden uns von den Münchnern und nehmen Reißaus, um uns nahe des ersten Wasserfalls und der Brücke zum Mittagsmahl niederzulassen. Aus der Lunch-Box gibt es Hühnchen, Pommes, Reis und als Nachtisch ‘ne Maracuja. Ein Hund gesellt sich zu uns, der uns auch den weiten, schweißtreibenden Weg bergauf bis zum Auto begleitet. Zurück im Hotel lockt Beate und Norbert ein fauler Nachmittag am Pool, während sich Gerhard mal wieder über seine Bilder hermacht, sie schon mal vorsortiert und einordnet. Den Abend ausklingen lassen wir in einem kleinen Lokal an Coroicos Plaza de Armas mit Pizza, Jubel, Trubel, Heiterkeit und überlauter Musik. Es ist Nationalfeiertag in Bolivien, und so auch in Coroico, der Verwaltungshauptstadt der Nord Yungas am Ostabhang der Anden. Donnerstag, der 6. August 2015 Trotz Spannung und Vorfreude genießen wir ein gemütliches Frühstück, fragen uns jedoch, ob wir wegen der vielen Wolken heute Morgen ‘ne gute Aussicht haben werden auf der Carretera de la Muerte, der Straße des Todes. Zumindest das Tal des Rio Corioco ist momentan völlig dicht und uneinsehbar. Nur die Bergspitzen nippen aus dem Nebel. Javier jedoch ist guten Mutes, und wir lassen uns schließlich von ihm anstecken. Als wir um halb neun aufbrechen, sieht‘s schon wesentlich besser aus. Der Nebel ist verschwunden und auch die Wolken haben sich rar gemacht.

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Bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel erreichen wir sieben Kilometer nach Coroico und auf nur noch 1233 Höhenmetern das kleine Dorf Puente Yolosa, „La Puerta“ zur Todesstraße. Für Augenblicke verwehrt uns ein aufgeregter Gockel mit puterrotem kahlem Kopf und Hals die Weiterfahrt, wendet sich aber dann doch wieder seinen Hennen zu und gibt die Piste frei. Unser Abenteuer auf der gefährlichsten Straße der Welt kann beginnen.

Doch was hat es denn nun eigentlich mit dieser Straße auf sich? Weshalb hat sie diesen makabren Ruf? Und weshalb zieht es gerade deshalb Jahr für Jahr tausende von Touristen an – so wie uns –, sie zu befahren, sie zu erkunden, sie zu erleben? In den Jahren 1932 bis 1935 war Bolivien mit seinem östlichen Nachbarn Paraguay in einen Krieg um das Gebiet des Gran Chaco im Amazonas-Becken verwickelt. Noch während des Chaco-Krieges wurde durch paraguayische Kriegsgefangene damals dieser „el camino a las yungas“ gebaut, eine ca. 63 Kilometer lange Straßenverbindung zwischen dem Regierungssitz La Paz und dem nordöstlich gelegenen Verwaltungssitz der Provinz Nor Yungas, der 4000 Seelengemeinde Coroico, aus der wir erst vor einer halben Stunde aufgebrochen sind. Sie ist eine der – auch heute noch lediglich drei – Straßen, die La Paz mit dem Amazonas-Regenwald verbinden. Erst Ende 2006 wurde dann die moderne, zwar 16 km längere, aber wesentlich verkehrssicherere Umgehungstraße freigegeben, an der 12 Jahre lang gebaut wurde. Auf ihr sind wir vorgestern Abend nach Coroico gefahren. Bolivien verlor übrigens 1935 den Chaco-Krieg und musste damals große Gebiete an den Sieger Paraguay abtreten.

Aufgrund der sich schnell häufenden tödlichen Unfälle wurde „El camino a las yungas“ im Volksmund bald nur noch „la carretera de la muerte“, die Todesstraße, genannt. Auch sprach man schnell von ihr als die Rache ihrer kriegsgefangenen, paraguayischen Erbauer. Weit über tausend Tote hat die Straße in den 80 Jahren ihres Bestehens bisher gefordert. Besonders während der Regenzeit, wenn große Abschnitte der Straße unterspült sind, wird sie zur Mutter aller Höllenstraßen und zur unberechenbaren Todesfalle. Beispielweise stürzte am 24. Juli 1983 ein vollbesetzter Bus 900 Meter in die Tiefe und riss einhundert Menschen mit in den Tod, bis dato Boliviens schlimmster Verkehrsunfall. Bis zur Eröffnung der neuen Straße Ende 2006 verunglückten einer Schätzung zufolge zwei Fahrzeuge pro Monat und starben 200 bis 300 Reisende per annum auf der „carretera de la muerte“. Ein wahrlich tödlicher Tribut. Auch mindestens 25 Mountainbiker sollen bisher auf ihr zu Tode gekommen sein.

Und nun also wollen unbedingt auch wir diese abenteuerliche Piste befahren. Es prickelt, die Spannung steigt. Wenigstens bei uns, während von Javier, der auf der carretera ja schon dutzende Mal unterwegs war, ‘ne stoische Ruhe ausgeht. Zudem herrscht auf den nächsten 31 Kilometern Piste Linksverkehr, was bei Gegenverkehr den Bergauffahrer – also auch uns – den Vorteil verleiht, am Berg und nicht direkt

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am Abgrund entlangjonglieren zu müssen. Die restlichen 32 Kilometer bis zum La Cumbre-Pass verlaufen dann wieder zweispurig auf festem Asphalt. Doch auf den ersten Kilometern zeigt sich die Piste alles andere als eine berüchtigte „carretera de la muerte“, sondern mehr als „el camino a los yungas“, der sich breit und bequem in weiten Kurven bergauf schwingt und uns phantastische Ausblicke in die Täler präsentiert. Selbst entgegenkommende Laster und Busse sind hier tagsüber nicht zu fürchten. Denn, wie uns Javier erklärt, ziehen die meisten Lkw-Fahrer die tödliche Piste weiterhin der neuen, durchgehend asphaltierten Straße vor. Nicht weil das am gegenüberliegenden Hang verlaufende Asphaltband nun mal länger ist die Todesstraße. Auch nicht, weil die Fahrer weiterhin den gewissen Kick suchen – das überlassen sie nun seit Jahren schon lieber der anwachsenden Schar der Pkw- und Mountainbike-Touristen. Der Grund ist wirklich mehr als makaber, denn es ist wieder mal das leidige Geld, das die Lasterfahrer dazu verleitet, weiterhin alles aufs Spiel zu setzen: Das Befahren der neuen Straße ist nämlich mit ‘ner Gebühr verbunden, und nur um die paar Bolivianos einzusparen, riskieren die Fahrer ihr Leben! Und zu allem Überfluss fahren sie auch noch nachts, bei Nebel, im Stockdusteren oder höchstens bei Mondschein, weil sie und ihre Kollegen dann das Terrain ganz für sich alleine haben und sie dann kein übereifriger „el paco“ vielleicht zu einem Bußgeld nötigt und doch noch auf den teuren Asphalt zwingt.

Erneuter Halt am „Mirador Cerro Rojo“ in 1554 Meter Höhe. Ein breiter Parkplatz und eine kleine Lokalität laden zum Verweilen ein. Bei Beate macht sich zudem der reichlich genossene Morgentee bemerkbar und zwingt sie ins Hüttchen. Für Gerhard und Norbert erübrigt sich diese Suche meist. Ihnen bleibt weiterhin die freie Natur. Weit geht der Blick hinunter in die tiefeingeschnittenen Yungas-Täler, hinüber bis zu den ersten weißen Spitzen der Cordillera Real.

Zunächst gestaltet sich die Weiterfahrt bei schönstem Sonnenschein wie gehabt. Beiderseits des „caminos“ dichte tropische Vegetation. Eine unbefestigte Straße ohne viele Schlaglöcher, die stetig bergauf führt und breit genug um entgegenkommende Pkws vorbeizulassen. Wie‘s allerdings bei ‘nem breiten Bus oder Lkw sowie bei Regen und dichtem Nebel hier aussieht, wollen wir erst gar nicht wissen. Zudem: Ausweichstellen gibt‘s zumindest auf diesen Teil der Piste immer noch genug. Doch jetzt lacht die Sonne vom Himmelszelt und weder Pkws, Lkws noch Busse sind uns in der letzten dreiviertel Stunde entgegengekommen. Aber irgendwie fehlt was. Irgendwie wird la carretera bisher ihrem ach so makabren Namen nicht gerecht. Nicht etwa, dass wir plötzlich zu Adrenalinjunkies mutiert sind und nun Javier dazu verleiten wollen, zur Abwechslung doch mal Schlangenlinien zu fahren oder öfters mal ganz nach rechts zu wechseln, damit wir besser in den mehrere hundert Meter tiefen Abgrund schauen können. Aber trotz der großartigen Landschaft, dem vielen Grün fehlt der Straße bisher irgendwie das

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gewisse Etwas. Allzu gemächlich, allzu gleichmäßig geht‘s auf dem jetzt doch schmäler werdenden camino bergan.

Erst ganz allmählich geht uns auf, dass sich doch was geändert hat. Zudem hupt Javier jetzt gleich mehrmals vor jeder Kurve. Und tatsächlich, der gerade noch so gemütlich zu befahrende camino a los yungas wandelt sich jetzt rasant zur carretera de la muerte, der man alle Bösartigkeiten und Schlechtigkeiten dieser Welt zutraut.

Plötzlich wuchtet sich linkerhand der nackte Fels dutzende Meter empor, ja, an mancher Felswand verläuft die immer schlechter und enger werdende Piste sogar in einer Höhlung. Plötzlich wird so manche Kurve zur Haarnadel, die den Fahrer ausgiebig hupen lässt und seine volle Konzentration verlangt. Der Untergrund wird

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merklich schlechter. Steinhaufen zeugen von kleinen Erdrutschen. Trotzdem hält Javier, soweit möglich, immer wieder an, ja, lässt uns sogar aussteigen und ein Stück bergauf gehen, damit wir die urige Landschaft fotografisch dokumentieren können. Die Szenerie wechselt nun nach jeder Kurve. So manche Steilwand präsentiert sich in sattem Grün, bewachsen mit Farnen, Moosen, Sträuchern und Blumen. Ja, selbst kleine Bäume krallen sich in den bloßen Fels. Rechts der Straße geht’s, nicht weniger grün, hunderte von Metern in die Tiefe.

Und dann ist sie da, die Teufelsbrücke, eine gigantische Felswand, in die ein verspielter Riese eine Kerbe gekratzt hat. Und eben in diesem Kratzer verläuft la carretera. Auch jetzt, in der Trockenzeit, stürzt sich ein Wasserfall aus der Wand, fällt als nasser Schleier auf die Piste, sammelt sich zu Pfützen und einem dünnen Rinnsal, fließt über die Straßenkante und stürzt hunderte von Metern weiter in den bodenlosen Abgrund. Alles in allem eine feuchte Angelegenheit. Doch jetzt, wie gesagt, ist Trockenzeit. Wie ist es hier zur Regenzeit, nach Gewitterstürmen und stunden-langen Regenfällen? Wie präsentierten sich Straße und Wasserfall dann? Lieber nicht weiter darüber nachdenken! Ausgerechnet vor diesem Spektakel hält Javier in einer Ausweichbucht, lässt uns aussteigen und sagt noch, wir sollten schon mal vorausgehen. ‘N halben Kilometer weiter kommt ‘n Mirador. Dort wird er uns wieder aufpicken. Also los. Und das mit Sandalen an den Füßen und ohne Regenschirm. Zum Glück sind wir ja nicht aus Zucker. Und eigentlich ist es ja genau das, auf das wir seit anderthalb Stunden Fahrt sehnsüchtig gewartet haben. Der Abschnitt der Ruta de la Muerte, dem diese Bezeichnung am ehesten gilt. Und wenn Kameraleute zwecks einer neuen Dokumentation über die gefährlichste Straße der Welt ihr Gerät auspacken, dann ist es genau hier, wie uns auch Javier versichert. Zwei entgegenkommende Kleinwagen, die sich mühsam und bedächtig durchs Terrain quälen, verzögern für Momente unseren Aufbruch. Dann sind wir dran, tasten uns vorsichtig vorwärts, weichen Morast und Pfützen aus, schießen immer wieder Fotos. Um gleich darauf die Kameras wieder gut zu verpacken, denn jetzt kommt das Getröppel von oben. Auch das wird relativ gut und eiligst überwunden. Kreuze stehen rechts an der Abbruchkante, markieren Unfallstellen mit tödlichem Ausgang. In einer weiten Rechtskurve geht es bergan. Eine zerdepperte Leitplanke – selbst sowas gibt‘s am camino heutzutage gelegentlich – weist darauf hin, dass Sicherheit auf dieser Straße nur trügerisch ist bzw. sein kann. Dann sind wir oben und warten auf Javiers Auto, nicht ohne es auf der „Teufelsbrücke“ mehrmals fotografiert zu haben. Weitere Kurven, Leitplanken und Kreuze weiter treffen wir am Mirador San Juan auf eine bolivianische Familie. Besonders mit Sandra, der Tochter des Hauses, ist Gerhard bald in ein angeregtes Gespräch vertieft. Auf Spanisch – alle Achtung. Auf

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2321 Meter Höhe befinden wir uns unterdessen, wie die Landkarte am Aussichtspunkt verrät. Über 1100 Meter höher als am Ausgang der Fahrt über die carretera, in Puente Yolosa, sind wir hier also schon. Nach weiteren dutzenden von Felswänden, Abgründen und Kurven schießen uns – mit Helm und gut sicherheitsverpackt – die ersten Mountainbiker entgegen, stürmen in rasantem Tempo zu Tal, dem jetzt immerhin schon fast 2000 Meter tiefer gelegenen Ziel Puente Yolosa entgegen.

Und dann sind wir fast „oben“, stehen am auf 3013 m Höhe am Mirador Chuspipata und blicken zurück ins tropische Tal, an dessen rechten Steilhängen sich die berüchtigte „carretera de la muerte“ entlangwindet und an seiner Linken die neue, asphaltierte Straße nach Coroico. Zwar ist der höchste Punkt, quasi der Eingang zur carretera, immer noch nicht erreicht, doch wir stehen hier auf einem Bergeinschnitt, auf einem Buckel, was uns auch den Blick nach Westen, auf die Cordillera Real, erlaubt. Von dort grüßt der vergletscherte Sattel des Mururata, den wir vorgestern ja auch schon von Westen aus betrachtet haben. Hier herrscht reges Treiben. Drei, vier mit Mountainbikes vollbepackte Kleinbusse treffen ein, erleichtern sich um ihre menschliche und materielle Fracht. Dann gibt’s nochmals letzte Instruktionen auf Spanisch und weniger gutem Englisch, ein letzter Blick, ob der Helm und sonstige Ausrüstung richtig sitzt und los geht’s. Auch wir fahren weiter, nur in entgegengesetzte Richtung. Immer wieder begegnen uns jetzt Mountainbiker, die wohl den Paso La Cumbre als Startpunkt ihrer rasanten Abfahrtstour gewählt haben. Hals und Beinbruch. Nix für uns, die Bolzerei auf nur zwei Reifen durch die Schlaglöcher dort runter, denn wir drei sind zusammen ja immerhin schon 190 Jahre alt, mit Javier sogar 224. 60 Jahre jünger, dann würden wir vielleicht auch hier mit ‘nem Bike hinunterrasen. Großes Erstaunen, als wir sogar auf Deutsch begrüßt werden. Heh, wie das? Sehn wir jetzt schon so aus, dass wir nur aus Deutschland kommen können? Dann erst geht uns ein Lichtlein auf: Auf dem Schild, das Javier hinter die Windschutzscheibe geklemmt hat, steht ERLEBNISREISEN MARKUS MATHYS. Die sind zwar aus der Schweiz, doch ERLEBNISREISEN ist ‘n deutsches Wort.

Wieder wird ein Bergeinschnitt erklommen. Ein Hochtal wird erreicht. Schlagartig hört die gerade noch dichte Vegetation auf, geht von jetzt auf gleich ins wüstenhafte über. Und es sind auch nur noch ein paar Kilometer, dann ist er erreicht, der Eingang zur Todesstraße, zur carretera de la muerte. DEATH ROAD KEEP YOUR

LEFT CONSERVE SU IZQUIERDA G.A.M. COROICO ist auf einem gelben Schild in schwarzer Schrift zu lesen. Ein dicker Pfeil weist nach unten, in die Richtung, aus der wir gerade gekommen sind. Weshalb wir aber gerade unsere Linke hätten halten sollen, bleibt uns schleierhaft. Nur noch ein paar Meter Fahrt, dann hört es schlagartig auf, das ständige Pistengerüttel: Wir sind auf dem Asphalt der neue Straße, dem Teil der Carretera,

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den 32 Kilometern, die seit 2007 den Zusatz de la muerte nicht mehr verdienen. Viele Serpentinen weiter und 1450 Höhenmeter später stehen wir bei schönstem Sonnenschein auf dem Paso Abra la Cumbre. Es pfeift ein kalter Wind. Doch trotz der Kälte ist hier oben ganz schön was los. Sogar Zelte sind auf den flachen Kuppen zu sehen. Jubel, Trubel, Heiterkeit. Javier klärt uns auf: gestern war Feiertag. Da wurden hier oben auf Bergeshöh der Pachamama Dankopfer dargebracht. Zudem Musike, Tanz, Festessen, Feuerwerk und der ganze Klimbim. Und einmal so richtig beim Feiern können die Bolivianos halt nicht so schnell wieder aufhören. Deshalb auch heute noch der Trubel hier. Ein halbes Stündchen später quälen wir uns bereits durch den Stop and Go-Verkehr von La Paz, kommen vorbei am Valle de la Luna und halten im „Hôtel Oberland“ (unter Schweizerischer Leitung) im südöstlichen Vorort Mallasa. In seinem Garten genießen wir ein reichliches, typisch bolivianisches Mittagsmenü, das Javier bereits während der Fahrt für uns bestellt hat, trinken Ananassaft und lassen es uns gut gehen. Fast mehr noch als für Speis und Trank interessiert sich Norbert als alter Ethnologe für bunte Karnevalsmasken, die in einem Nebenraum äußerst grimmig von den Wänden schauen. Unsere nachmittäglichen Versuche am „Tarjeteria“ – so heißen hier die Automatic Teller Machines (ATMs) – der benachbarten Bank unser Bares aufzufrischen, schlagen fehl. Nur auf Beates Credit Card antwortet der Automat und spukt einige Bolivianos aus. POTOSI In Kurven windet sich die Straße aus dem Talkessel von La Paz. Wolkengekrönt und hellglänzend grüßen im Osten die Gletscher der beiden Bergriesen Mururata und Illimani, kontrastieren mit dem hellblau des Himmels und Graubraun der Bergflanken der Cordillera Real.

Erneut durchfahren wir El Alto, den Stadtmoloch, der den Talkessel von La Paz mit einem westlichen Halbrund umklammert. Dann endlich ist die vierspurige Autovia 1 erreicht. Trotz heftigem Gegenwind geht‘s von nun an zügig voran. Und dann hat er uns wieder, der Altiplano, Boliviens und Perus Hochebene zwischen den beiden

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Gebirgsketten der Anden, der Cordillera Oriental im Osten und der Cordillera Occidental im Westen. Doch wie ist diese wellige Hochebene einst entstanden? Nun, durch die seit dem Jura andauernde Subduktion der ozeanischen Nazca-Platte unter die kontinentale Südamerikaplatte wurden der Altiplano in Jahrmillionen auf ca. 3600 m bis 4100 m Höhe emporgehoben, ein Prozess, der ca. seit dem Oligozän, also seit mindestens 38 Millionen Jahren, andauert. Mit einer Breite und Länge von ca. 200 bzw. 1000 km sowie einer Fläche von etwa 170.000.km² ist diese Hochebene in etwa doppelt so groß wie die Alpenrepublik Österreich und nach dem Tibet-Plateau das zweitgrößte Hochplateau der Erde. Hier, im mittleren und südlichen Altiplano Boliviens, herrscht wüsten- und halbwüstenhaft Klima mit wechselnden Jahresniederschlägen vor, die oft unter 200 mm liegen. Vor allem jetzt, während der augenblicklichen Trockenzeit von Mai bis August, ist es meist sehr kalt, mit eisigen Nachttemperaturen, die häufig unter dem Gefrierpunkt liegen. Also, Kameraden, zieht euch warm an! Typische Vegetationsform im Altiplano ist die sogenannte Puna seca mit seinen überall wuchernden Stachelbüscheln des Ichu-Gras‘ (Jarava ichu). Die Haupt-wirtschaftsform ist Weidewirtschaft mit Lamas und Alpakas. Hauptsächlich angebaute Kulturpflanzen sind auch in dieser Höhe noch Kartoffeln, Gerste (Hordeum vulgare) und die Knollenfrucht Maka (Lepidium meyenii).

Bereits am Spätnachmittag wird das Häusermeer von Oruro erreicht, mit 265.000 Einwohnern die fünfgrößte Stadt des Landes und bis zur Schließung der Minen Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts neben Potosi das bedeutendste Bergbauzentrum Boliviens. Vor allem Zinn und Kupfer, aber auch Silber, Gold, Wolfram, Antimon, Borax und Schwefel wurden in Boliviens wichtigstem Verkehrsknotenpunkt abgebaut. Zwar haben sich einige mineros zu Kooperativen zusammengeschlossen, die den Erzabbau weiterhin betreiben, doch verdienen die meisten Orureños heutzutage in anderen Gewerben ihr tägliches Brot. Beispielsweise werden heute vermehrt Feldfrüchte wie Kartoffeln, Bohnen, Quinoa, Gerste oder Oca angebaut oder Viehzucht betrieben, wobei neben Alpakas und Lamas auch Pferde, Kühe und Schweine gehalten werden. Zudem haben sich neue Betriebe und Industrien zur Produktion von Seifen Schuhen, Nudeln sowie Industriekeramik in Oruro angesiedelt. Vertreten sind auch metallverarbeitende Betriebe und Mühlen.

Kaum hat uns Javier nach langem Suchen im Gewirr der Einbahnstraßen im „Gran Sucre“ abgesetzt, wird uns ein weiteres Charakteristikum Oruros, ja eigentlich des ganzen bolivianischen Altiplano gewahr, und das ist ihr Tageszeitenklima. Heute Mittag, im Schweizer Lokal in La Paz, war Sommer. Da war es so warm, dass wir uns unter einen Sonnenschirm retten mussten. Jetzt, mit einsetzender Dämmerung,

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aber geht der Herbst so schlagartig in den Winter über, dass wir schleunigst unsere Jacken und uns vor den eisigen Temperaturen ins Hotel retten und dort gleich die Heizung aufdrehen. Trotz Tropen soll es hier in Oruro, in 3710 m Höhe, nachts manchmal bis zu – 17°C kalt werden.

Auf jeden Fall kramen Beate und Norbert heute auch zum ersten Mal ihre Schlafsäcke hervor. Nicht, dass die ab jetzt standardmäßig sechs bis acht Decken im Hotelbett als Wärmepolster nicht ausgereichen würden. Das schon, aber die Dinger sind so was von schwer, dass wir ab jetzt doch lieber unsere kuschlige Schlafhüllen ihnen vorziehen. Freitag der 07. August 2015 Heute lassen wir‘s gemütlich angehen – zumindest was die Zeit angeht, nicht jedoch die Zimmer-temperatur. Denn es ist mal wieder lausig kalt in unserem Zimmer. Zwar schmeißen wir bereits frühmorgens die Heizung an, doch erst die volle Blase treibt uns dann endgültig aus dem Schlafsack. Vor dem Hotelfenster sieht‘s allerdings gar nicht so eisig aus. Die strahlende Sonne im Osten, ein wolkenloser blauer Himmel und von rechts, auf dem Hügel Santa Barbara, grüßt in strahlendem Weiß Oruros riesige Marienstatue mit dem Christuskind auf dem Arm. Ganze 45,40 Meter hoch ist das am 01. Februar 2013 errichtete Monumento a la Virgen del Socavón. Alleine die Aluminium- Krone der Maria hat eine Höhe von 4,80 und einen Durchmesser von vier Metern sowie ein Gewicht von zehn Zentnern, während die gesamte Konstruktion 1500 Tonnen wiegen soll. 1,3 Millionen Dollar soll sie gekostet haben. Das Restaurant unseres Hotels, das wir zwecks „desayuno“ eingemummt in unsere Anoraks aufsuchen, versprüht den Charme einer ungeheizten Bahnhofshalle, was allerdings zum Frühstück passt, das ein wenig kläglich ausfällt. So sind wir froh, als

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wir ‘ne Stunde später zu Javier ins Auto klettern und kurz darauf gen Süden brausen. Allerdings verspricht die eingeschlagene Himmelsrichtung hier auf der Südhalbkugel keineswegs mehr Wärme. Auch geht die Reise keineswegs der Sonne entgegen, denn die haben wir zur Mittagszeit im Rücken. Kaum liegt das Häusermeer von Oruro hinter uns, grüßt zur rechten eine riesige Wasserfläche: Der Lago Uru Uru. Mit 260 km² ist er zwar ca. halb so groß wie der Bodensee, an seiner tiefsten Stelle allerdings nur anderthalb Meter tief. Trotzdem ist er ein beliebtes Ausflugsziel der Orureños. Wie der Poopó-See, dessen kümmerlichen Reste wir ein halbes Stündchen später erblicken, wird der Uru-Uru-See vom Rio Desaguardo gespeist, dem einzigen Abfluss des Titicacasees. Allerdings kommt heute kaum noch ein Tropfen Wasser im letzten Glied der Kette an, so dass der Lago Poopó offiziell als ausgetrocknet erklärt wurde. Nur noch seine gleißende Salzoberfläche blinkt aus der Ferne herüber. In Challapata, gute 100 Kilometer nach Oruro knickt die Ruta Numero 1 nach Osten ab und läuft schnurstracks auf die hintereinander gestaffelten Bergketten der Cordillera Azanaques zu. Abrupt ändern sich nun Landschaft und Straßenverlauf. Mal prägen tiefeingeschnittene Täler und Canyons das Bild. Dann wieder windet sich die Ruta durch eine tiefeingeschnittene Schlucht. Und immer wieder unterbricht Javier die Fahrt, lässt uns aussteigen und Fotos schießen.

Und dann sehen wir sie das erste Mal: Die rötlich leuchte, 4829 Meter hohe Bergpyramide des Cerro Rico, des „reichen Berges“, dessen Reichtum an Silber Potosí, die Stadt zu seinen Füßen, einst zu einer der reichsten und größten Städte auf dem Erdball machte. So zählte Potosí, dessen Name P'utuqsi in Quechua „Lärm“ bedeutet, Ende des 16. Jahrhunderts über 200.000 Einwohnern und war damit die zweitgrößte Stadt der Welt. Seit 1545 wird im Cerro Rico nun Silber abgebaut und über 45.000 Tonnen des Edelmetalls wurden bisher aus dem Berg herausgeholt. So schier unermesslich schienen seine Silberschätze, dass beispielsweise während der Festivitäten zum Fronleichnam 1658 sogar die Hauptstraße Potosís mit Silberbarren gepflastert wurde. Ganze, von den Spaniern zwangsrekrutierte Indio-Dorfschaften schufteten sich in seinen Stollen zu Tode – allein bis zum Beginn des 18. Jahrhundert sollen es über acht Millionen Mineros gewesen sein. Blei, Kupfer, Wolfram, Zinn und Zink sind weitere Erze, die seit dem vorigen Jahrhundert in den Minen des heutzutage

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wie ein Schweizer Käse durchlöcherten Sumaq Urqu, des „Heiligen Berges“ (Quechua) gefördert werden.

Bald darauf sind die ersten Häuser der in 4067 Meter Höhe gelegenen Großstadt erreicht, die nach einem Tief von lediglich 10.000 Menschen im 19. Jahrhundert heutzutage wieder 170.000 Einwohner zählt. Es dauert allerdings dann doch noch eine Weile, bis wir in dem Gewirr der vielen Einbahnstraßen in Potosís Altstadt die Calle Ayacucho mit unserem Santa Teresa Hotel gefunden haben.

Der strahlende Sonnenschein und der blaue Himmel treiben Beate und Norbert vors Hotel. Gerhard dagegen geht’s geruhsam an und macht sich mal wieder über seine Bilder her. Doch auch die beiden Hofheimer kommen nicht allzu weit, denn bereits der Torre de la Compañía de Jesús zieht sie magisch an. Erst recht, als wir von den jungen Damen der Info Tur im Erdgeschoss erfahren, dass der Torre, der Turm, durchaus zu besteigen ist. „Also, nichts wie rauf!“ Eine der Hostessen begleitet uns auf den endlosen Stufen nach oben. Und dann endlich eröffnet sich ein einmaliger Rundblick über die 1987 als Weltkulturerbe geadelte Altstadt von Potosí. Allein drei Dutzend Kirchen zieren ihr Stadtbild, so die Iglesia Santa Teresa, Iglesia San Augustin, Iglesia San Bernardo, Iglesia La Capilla de Jerusalén, Iglesia Santo Domingo. Doch all’ die Kirchen und Kirchtürme werden majestätisch überragt vom markanten Bergkegel des Cerro Rico.

Auch dem im letzten Abendlicht liegenden Plaza 10 de Noviembre statten wir einen kurzen Besuch ab. Die an ihn grenzende Catedral ist natürlich wieder mal geschlossen, so dass wir zum „Santa Teresa“ zurückkehren und in der Hotellounge mit zwei großen Flaschen „Jugo natural“, Pfirsich- und Apfelsaft versuchen, unseren brennenden Durst zu löschen. Mit durchschlagendem Erfolg! Samstag, der 08. August 2015 Kurz nach Mitternacht. Ein schreckliches Rumoren im Gedärm. Gleichzeitig wächst der Druck, steigert sich, wird schier unerträglich. Schließlich bleibt nur noch der Run, der Run zur Toilette. Der Sprung aus Koje. Die Hatz zum Klo: Diarrhoe! Und was für eine. Durchfall von der allerersten Sorte! Der „Jugo natural“ hatte keineswegs nur durstlöschende Wirkung, zeigt nun Stunden später sein wahres Naturell! Doch es bleibt nicht bei dem einen Toilettengang. Kaum zurück im Bett, fängt ‘s von vorne an, und das bei uns beiden! Norbert lässt zwar Beate meist den Vortritt, doch ansonsten geben wir uns die Klinke in die Hand. Die Nacht ist gelaufen. Mit zum Glück länger werdenden Pausen zeigen beide stundenlang, was in ihnen steckt und fallen erst kurz vorm Aufstehen in einen unruhigen Schlaf.

Ziemlich gerädert treffen wir Gerhard an Frühstückstisch. Ihm geht‘s heute recht passabel, hat er doch auch seinen gestrigen Durst nur mit Wasser und nicht mit „Jugo natural“ gelöscht. Zwar fällt auch in diesem Hotel das Frühstücksbuffet mal

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wieder recht mager aus, doch wir geben heute Morgen, außer den dargebotenen Haferflocken, sowieso nur unseren Kohle- und Elektrolyttabletten sowie einem durst- und dranglöschenden Magen-/Darm-Tee den Vorzug.

Nichtsdestotrotz wählen wir gleich die erste – da englische – Führung durch die Casa de la Moneda, über Jahrhunderte wichtigstes Gebäude Potosís, ja im ganzen Kolonialreich Spaniens in Lateinamerika. Sie wollen wir trotz der wackligen Knie und der mauen Birne besuchen, zumal es bis zur Casa nur eine wenige Schritte die Calle Ayacucho aufwärts in Richtung Plaza 10 de Noviembre sind. Es ist schaurig kalt im Hof und den Räumen des Riesengebäudes, denn Silber eingeschmolzen und Münzen geprägt werden hier schon lange nicht mehr. So sind die beiden Durchfälligen heilfroh, wenigstens ihre warmen Jacken am Leib zu tragen.

Wegen des Silberabbaus am Berg Cerro Rico und des schnellen Wachstums des spanischen Kolonialreichs im 16. Jahrhundert entstand in der Stadt Bedarf nach einer Münzprägeanstalt. 1542 wurde der Prägebetrieb in einem ersten provisorischen Gebäude aufgenommen. Der Bau in seiner heutigen Form wurde von Vizekönig Francisco de Toledo angeregt und ab 1572 unter der Leitung des Architekten Jerónimo de Leto in der Nähe des königlichen Palastes an der Plaza del Regocijo (heute: Plaza 10 de Noviembre) innerhalb von drei Jahren fertiggestellt. Damals war die Casa de la Moneda eines

der größten Bauprojekte Spaniens und kostete Spanien 8321 Pesos und einen Goldbarren. Der Bau gilt heute als eines der bedeutendsten Beispiele spanischer Kolonialarchitektur in Lateinamerika.

In Potosí geprägte Münze von 1768

Zwischen 1759 und 1772 wurde die Casa de la Moneda um einen umfangreichen Neubau zur nahegelegenen Plaza del Gato hin erweitert; bis zu dessen Einweihung am 31. Juli 1773 fand die Münzherstellung aber noch im Altbau statt. Zwei Jahre nach Gründung der Republik Bolivien (1825) wurden 1827 erstmals republikanische Münzen in der Casa de la Moneda geprägt; die

Münzpresse blieb bis 1909 in Betrieb. Aus dem 19. Jahrhundert stammt El Mascaron, die Maske über einem Durchgang im Innenhof des Gebäudes. Sie wird als Darstellung des römischen Gottes Bacchus interpretiert, häufig aber auch als indigener Südamerikaner gesehen, der den das Land verlassenden Spaniern hinterherlacht. Während des Chacokrieges (1932–1935) zwischen Bolivien und Paraguay diente die Casa de la Moneda zeitweise als militärisches Hauptquartier der bolivianischen Streitkräfte. Später wurde sie von Bauern umliegender Dörfer als Stall benutzt, wenn sie ihr Vieh nach Potosi zum Markt trieben. Heute ist in dem Gebäude ein Museum untergebracht. Neben religiöser Kunst werden hier hauptsächlich Münzen und die einst von afrikanischen Sklaven bedienten Prägemaschinen, sowie die besonders aufwändig gesicherten Kisten für den Transport der Münzen nach Europa ausgestellt. Darüber hinaus sind Gemälde aus der kolonialen und republikanischen Zeit zu besichtigen, ebenso indigene Textilien und Exponate aus der Zeit des Chacokrieges. Die Casa de la Moneda wird heute als

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eines der bedeutendsten Museen in Bolivien betrachtet und ist ein wichtiger Teil des UNESCO-Welterbes Potosís. Das aus den Minen gewonnene Material wurde bis zur Verflüssigung erhitzt und anschließend in eine aus Metall bestehende Form gegossen. Mit dem Hammer wurde der meist eckige Rohling rundlich geschlagen. Nach mehreren Tagen Abkühlzeit wurde dieser erneut leicht erhitzt und mit einer Schere in kleinere Rohlinge geschnitten, anschließend wurden die noch meist eckigen Enden der Rohlinge zur Mitte der Münze hin aufgerollt, so dass man eine runde Form erhielt. Nach erneutem Erhitzen wurde die Münze mit einem Schleifblech in eine runde Form geschliffen. In noch erhitztem Zustand wurden die nun runden Münzen mit einem vorgefertigten Abdruck der heiligen Krone Spaniens beidseitig bedruckt. Diese Art der Münzprägung war zu dieser Zeit noch nicht weit verbreitet. (aus wikipedia, 03.03.2015)

Außer den in passablem Englisch vorgetragenen Erläuterungen des Führungs-personals wird in unserer Besuchergruppe fast nur Deutsch gesprochen. Mit wahrhaft gigantischen Maschinen aus Holz wurden hier damals, im 16. bis 18. Jahrhundert, Münzen geprägt, wobei besonders drei ineinandergreifende Zahnräder und eine Silberwalze, die von deutschen Zimmerleuten gebaut wurde, erwähnenswert sind.

Ganze zwei Stunden dauert die durchaus sehr interessante Führung. Doch dann endlich hat uns die wärmende Morgensonne wieder. Gerhard geht sofort zum Hotel zurück. Beate und Norbert machen auf wackligem Geläuf noch die paar Schritte zum Plaza 10 de Noviembre hinüber, genießen dort auf ‘ner Bank noch ein paar Sonnenstrahlen, bevor sie sich mit einer justement erworbenen 2 Liter-Buddel Mineralwasser zum Hotel zurückschleppen und dort erschöpft aufs Bett kippen.

Erst drei Stunden später rappeln wir uns auf. Zum ersten Mal regt sich heute der Hunger, knurrt der Magen mal nicht wegen aufkommender Diarrhoe. Nochmals werden Kohlecompretten und ‘ne Elektrolytlösung geschluckt. Dann machen wir uns ein drittes Mal auf in Richtung Plaza 10 de Noviembre, die bereits im Licht der Spätnachmittagssonne liegt. Auch wenn ‘n paar freie Bänke locken, ruhen wir uns dort diesmal nicht aus, sondern erst in einem kleinen Lokal in der Fußgängerzone in der Calle Padilla. Die Bedienung ist um diese Uhrzeit zwar ‘n bisschen schleppend, doch wir haben Zeit, und es ist ruhig und warm hier. Zudem sind die nach einiger Verzögerung servierten Lasagne und Spaghetti mit Tomatensoße genau nach unserem Geschmack, und – beim Essen immer wieder beobachtet vom fünfzehn Monate alten Filius des Wirtes – kommt endlich wieder Leben auf in unseren ausgemergelten Astralleibern. Auf jeden Fall geht es uns schon viel besser, als wir, zurück im „Santa Teresa“, den Tag ausklingen lassen. Diesmal ohne die nicht nur durstlöschende Wirkung des „Jugo natural“. Sonntag, der 09. August 2015 Heute Morgen treibt uns ein wahrer Mordshunger aus der Koje, ins Bad und ins Restaurant, wo wir gemeinsam mit Gerhard und anderen Hotelgästen das nach wie vor magere „bufete de desayuno“ weitgehend plündern. Pünktlich um neune sitzen wir erneut in Javiers Landcruiser. Bald darauf schlängeln wir uns durch das Straßengewirr der westlichen Vororte und erreichen den neuen Asphalt der RN 5, die erst am 19. August 2012 von Presidente Evo

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Morales persönlich für den Verkehr freigegeben wurde. Stolze 220 Millionen US-Dollar hat damals der Bau der knapp 200 Kilometer Straße verschlungen. Ein letzter Blick zurück auf die Stadt und, rechts davon, den imposanten Kegel des Cerro Rico. Auf dem platten Asphalt der neuen Straße geht es hurtig voran. Aller-dings sollte es doch nicht der allerletzte Blick auf Potosis „Reichen Berg“ gewesen sein, denn als Javier ein viertel Stündchen später anhält und der Blick zur neuen Mine von Lipez-Orco schwenkt, bildet der Cerro Rico erneut den Hintergrund. Zudem soll es heute nicht unser einziger Halt bleiben, denn auf diesen 200 Kilometer neuer Straße durch das Departemento Potosí sind die Bergzüge der Cordillera Chichas zu queren. Auf eine Länge von ca. 120 km und einer Breite von 50 km durchziehen sie in nordwest-südöstlicher Richtung Boliviens Altiplano. Ihre höchsten Erhebungen sind der Huanchaca (5950 m) ganz im Nordwesten und der Minenberg Chorolque (5641 m) im Südosten. Und da auf der Fahrt nach Uyuni gleich mehrere Bergketten zu queren sind, erwartet uns ein kontrastreicher, oft gewundener und kurvenreicher Straßenverlauf. Es ist ein ständiger Wechsel aus steilen Bergab- oder -auffahrten, flachen Hochtälern, ausgetrockneten, versandeten Flussbetten und den mit Ichu-Grasbüscheln durch-setzten Pampas. Dazwischen immer wieder kleine Salzflächen, „Baby-Salars“, wie sie von Javier schelmisch genannt werden.

Mal begeistern uns über die vielen Lamas in der Pampa Chaquilla, ein grüner Farbklecks an den Ufern des momentan nicht Wasser führenden Rio Siquilli. Dann wieder hat der tiefeingeschnittene Canyon des Rio Tumusla unsere volle Aufmerksamkeit. Vor allem aber das „Valle de Cactus“ – wie es Javier nennt, mehrere von Opuntien und Riesenkakteen bestandene Hügel seitlich der Straße, verleitet uns zu vielen Fotos und erfordert einem längeren Aufenthalt.

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Zwar betrachten wir Lamas in den grasbestandenen Pampas und Kakteen auf den Hügeln am Straßenrand, sehen graue, strohgedeckte Hütten und steinummauerte Viehgatter, doch von ihren Erbauern, von der Spezies Mensch begegnet uns während der vier Stunden Fahrt kaum ein Individuum. Selbst da, wo eine größere Ansammlung von Behausungen wie in Yura und in Ticatica auf eine größere Bevölkerungszahl hinweist, lässt sich kaum jemand blicken. Auch Gegenverkehr haben wir auf der ganzen Fahrt so gut wie keinen.

Des Öfteren queren wir auch die Schienen der Eisenbahn von Sucre und Potosi, die hauptsächlich dem Transport von Erzen und Mineralien dient. In Rio Mulato, nördlich von Uyuni trifft sie dann auf die 1152 km lange Gebirgsbahn, die von La Paz über Oruro und Uyuni zur bolivianisch-chilenischen Grenzstation Ollagüe verläuft, in Ascotán in Chile mit 3956 m ihren Scheitelpunkt erreicht und weiter bis zur chilenischen Hafenstadt Antofagasta führt.

Kalt ist‘s. Wind ist aufgekommen, heftiger Wind. Die Sonne ist nun meist verdeckt, zeigt sich nur noch sporadisch. Der Himmel verfinstert sich zusehends. Sand treibt über die Straße, schlägt knisternd gegen die Karosse und Scheiben unseres Autos. Urplötzlich rast eine grau-braune Wand auf uns zu. Das Knistern verstärkt sich, wird zum Prasseln. Augenblicklich, als hätte irgendein Schlechtwettergeist sein Kapuze über uns gezogen, wird es dunkel. „Sandsturm!“ kommentiert Javier lakonisch die Szenerie, schaltet das Licht ein und nimmt den Fuß etwas vom Gas. Dann, für kurze Augenblicke reißt die graue Hülle auf, gibt den Blick auf Sonnenschein und ein blaues Stück Himmel frei. Sofort aber werden wir von der Düsternis erneut verschluckt. „Mann, oh Mann! Sowas hab ich noch nicht mal in der Sahara erlebt!“ sind sich Gerhard und Norbert einig. Sicht nach vorne und zur Seite sind maximal ein paar Meter. Wie sich unser Fahrer orientiert bleibt uns im wahrsten Sinne schleierhaft. Wahrscheinlich tut er‘s an der weißen Straßenmarkierung. Eigentlich sollte rechts jetzt bald Pulacayo auftauchen, doch die kleine Minenstadt bleibt wie vom Erdboden verschluckt und vom Winde verweht rechts liegen. Wieder reißt kurzzeitig die Hülle auf. Eine Herde Vikuñas grast am Straßenrand, nimmt vor dem sich nähernden Auto Reißaus. Gleich darauf wieder sandfarbene Düsternis. „Mensch, irgendwann muss das doch mal nachlassen. Javier beantwortet unsere Frage nach der Dauer von so ‘nem Sandsturm mit einem Lächeln. „Morgen ist gutes Wetter“, verspricht er uns. Na, hoffentlich hat er Recht!

Noch zehn km bis Uyuni. Eine unbesetzte Kontrollstation bleibt hinter uns. Dann endlich die ersten Häuser, ein sturmumtoster, verwaister Spielplatz. Endlich ist Uyuni erreicht, mit über 18.000 Einwohnern größter Ort in der Provinz Antonio Quijarro im Departemento Potosí und zudem auch Sitz der Provinzverwaltung. 1889 wurde der Ort vom damaligen Präsidenten Aniceto Acre als militärischer Stützpunkt

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gegründet. Im gleichen Jahr war er auch vorläufiger Endpunkt der Eisenbahn „Ferrocarril de Antofagasta a Bolivia“, die heutzutage von Antofagasta bis nach La Paz führt. Antofagasta selbst war bereits im Februar 1879, vor Beginn des Salpeterkrieges, von chilenischen Truppen besetzt worden und im Vertrag von Valparaíso vom April 1884 Chile zugesprochen worden. Bolivien verlor dadurch eine Provinz und wurde zum Binnenstaat, war bzw. ist seitdem ohne direkten Zugang zum Pazifik.

Zwar ist die Sicht hier etwas besser als draußen vor der Stadt, doch viel zu sehen gibt‘s in Uyuni wenig, wenn man mal von mal von Standbildern und rostigen Lokomotiven in der Avenida Ferroviaria absieht. Ansonsten scheint der Ort wie ausgestorben. Tote Hose, kaum Verkehr, nur einige, tief vermummte Gestalten, die auf den Bürgersteigen gegen den nach wie vor heftigen Wind ankämpfen. Als wir uns an der Avenida Acre zum Lunch rüsten und notgedrungen das Auto verlassen, müssen wir uns plötzlich nicht nur gegen die heftigen Böen, sondern auch noch vor umherfliegenden Plastikstühlen schützen, die der Sturm hochwirbeln lässt. Nach einigen Metern Vorwärtskämpfen retten wir uns in ein gemütliches Lokal, werden dort von einer dicken Mama in einer Vielzahl von Röcken sowie dem aufgeregten Geplapper junger Leute aus Frankreich und Amerika freundlich empfangen und genießen ein Viertelstündchen später dann in relativer Ruhe und gemütlichem Ambiente unser verspätetes Mittagsmahl. Draußen dagegen scheint der Sturm sogar noch einen Zahn zugelegt zu haben. So verlängern wir unseren Aufenthalt in Mutters nettem Lokal. Doch es hilft alles nichts. Für heut Nacht haben wir immer noch kein sicheres Dach über dem Kopf. Das ist zwar vorgebucht in Colchani, doch bis dahin sind es immer noch 22 km.

Unwillig zahlen wir, verlassen den sicheren Hort und treten vor die Tür. Kaum draußen packt uns der Wind, treibt uns vor sich her, peitscht uns regelrecht zum Auto zurück. Selbst die Autotüren zu schließen wird jetzt zum Gewaltakt. Im Augenblick ist die Sicht eigentlich ganz passabel. Trotzdem tastet sich Javier recht bedächtig aus der Stadt heraus, tastet sich vorwärts. Und kaum verlässt er den Windschatten des letzten Hauses, da packt uns die nackte Gewalt! Sturm und heftige Böen! Ein Ächzen und Stöhnen, Pfeifen und Jaulen! Weltuntergang! Das volle Inferno! Um uns herum eine dichte Packung aus Dreck, Staub, Salz und Sand! Die Sicht ist absolut Null. Selbst Javier resigniert nach ein paar Metern, lenkt den Landcruiser auf einen buckligen Seitenstreifen links der Straße. Für Momente nur ein kurzes Durchatmen. Die Sicht verlängert sich auf ein paar Meter. Mit aufgeblendeten Scheinwerfern dringen kurz hintereinander zwei Autos aus dem Gemenge hervor, tasten sich vorbei, retten sich hinüber in den Windschatten der Häuser. Javier macht es ihnen nach, wendet, fährt auf den

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Asphalt zurück. Zwischen den Häusern wird die Sicht schlagartig besser. Tiefes Durchatmen verkneifen wir uns jedoch, denn auch hier, innerhalb des Gehäuses, liegt jede Menge Staub in der Luft. Schon mal in der Stadt steuert Javier gleich die erstbeste Tankstelle an, doch die Tanks sind leer. Kein Sprit bei dieser Adresse. Auch der zweite Versuch scheitert. Also versucht‘s Javier ein drittes Mal und erntet zumindest eine Zusage. Momentan sei der Strom ausgefallen, aber gegen vier soll er wieder da sein und dann könnte getankt werden. Also warten. Draußen faucht, tobt, jault der Sturm, mit unverminderter Gewalt, jagt alles, was nicht niet- und nagelfest ist, vor sich her. Plastiktüten und Pflanzenteile aus der hier, in 3671 m Höhe, mehr als spärlichen Botanik sind den Böen mehr als willfährige Spielobjekte. Andere Autofahrer fahren vor, versuchen an den Zapfsäulen ihr Glück, erhalten aber stets die gleiche Antwort: „Caída de corriente!“ Stromausfall. Enttäuscht machen sich die Fahrer wieder von dannen. Wir aber warten. Und siehe da. Sogar vor der angesagten Zeit scheint es mit dem Tanken wieder zu klappen. Auf jeden Fall gelingt es dem Fahrer, der sich vor ein paar Minuten vorgemogelt hat, seinen Tank zu füllen. Zehn Minuten später ist auch unser fahrbarer Untersatz wieder aufgefüllt, und erneut versuchen wir auf der Straße nach Colchani unser Glück.

Der Wind hat sich ein wenig gelegt. Die Sicht ist nun einigermaßen passabel, was jetzt nicht mehr einen nur wenige Zentimeter, sondern gleich einen dutzende von Metern weiten Rundblick erlaubt. Selbst die Sonne kämpft nun immer erfolgreicher gegen die Staubschwaden an. Von links grüßt die endlos weite Fläche des Salar de Uyuni, mit 10.580 km² der größte Salzsee der Welt und ca. zwanzigmal so groß wie der Bodensee. Erst in ein paar Tagen werden wir ihm unsere Aufwartung machen. Und siehe da, bereits zwanzig Minuten nach unserem Start in Uyuni taucht eine trostlose Ansammlung flacher, farbloser Häuser auf. Wir sind in Colchani. Nur mehrere aus Salz geformte Standbilder vor einigen Souvenirläden lockern das düstere Ortsbild etwas auf. Hier also soll irgendwo unser heutiges Ziel liegen. Doch erst vier, fünf Kilometer mäßiger Piste in öder, wüstenhafter Landschaft später sind wir wirklich vor Ort: Am Hotel de Sal Cristal Samaña. Besonders an der Luvseite des Landcruisers gestaltet sich das Aussteigen heute zum Gewaltakt und bedarf ganz besonderer Anstrengung. Mit im Sturm flatternden Jacken und Jeans hetzen wir zum Hoteleingang hinüber, öffnen die Tür, stehen in einer Welt aus Salz. Begrüßt werden wir von zwei Flamingos aus Salz. Die Wände, der Tresen sind aus Salz. Unter unseren Schuhen knirscht Salz. Ein junger Mann aus Fleisch und Blut führt uns vorbei an verschiedenen Figuren wie einem Pfeife rauchenden bärtigen Gnom aus Salz und einem sitzende Bären aus Salz, durch mehrere Gänge mit Salzboden und Salzwänden, vorbei an Rundbögen,

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Wand-Dekorationen und einer Treppe aus Salz zu unserem Zimmer – selbstverständlich aus Salz, zumindest was die verzierten Wände, den Fußboden, die Betten und die Sitzgelegenheiten im „Wohnzimmer“ angeht. Selbst die Temperaturen in dem weitläufigen Etablissement sind gesalzen – gesalzen eisig. Doch zum Glück gibt‘s ‘ne funktionierende Heizung im Zimmer und, siehe da, heißes Wasser im Bad.

Bis zum Dinner haben wir noch reichlich Zeit. So schnappen sich Beate und Norbert ihre Kameras und gehen auf fotografische Entdeckungsreise durch das scheint’s recht neue Hotel. So sind manche Durchgänge immer noch von Plastikplanen abgedeckt, an denen der draußen nach wie vor brausende Sturm rüttelt und zerrt. Auch einen Sonnenuntergang über dem Salar de Uyuni kriegen wir von unserem „Wohnzimmerfenster“ noch mit. Wer hätte das nach dem gesalzenen Sandsturm heute Mittag noch erwartet?

Auch im noblen Restaurant des Hauses – das wir dick vermummt und erst spanisch spät, um halb acht, aufsuchen können – besteht das meiste Mobiliar aus Salz. Zwar brennt die Heizlampe auf Vollgas, doch nur ganz allmählich und nach zwei Tassen Tee tauen wir auf. ‘Ner Gruppe Jugendlicher am Nebentisch scheint‘s sogar noch eisiger vorzukommen, nehmen sie doch das edle Mahl sogar behandschuht und mit Ohrschützern ein. Gereicht wird Pique Macho Boliviano, ein bunter Mix aus Rind-fleisch, Wiener Würstchen, Bratkartoffeln, Tomaten, Paprika, Oliven und Zwiebeln.

Zurück auf dem Zimmer kriechen wir gut gesättigt unter die Decken auf unseren Salzbetten – natürlich bestehen auch die Matratzen und die Bettwäsche aus anderem Material. Auch heute Nacht müssen wir mehrmals hinaus auf die Toilette in unserem Salzbad, denn so ganz vorbei ist‘s mit unserem Durchfall immer noch nicht.

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DIE WÜSTE RUFT ! Montag, der 10. August 2015 Wie Javier gestern geweissagt hat, herrscht heute Morgen eitel Sonnenschein. Kein Wölkchen steht am Himmelszelt. Der Blick aus dem „Wohnzimmerfenster“ auf die blinkende, glitzernde Fläche des Salar de Uyuni ist einfach grandios. Ihm werden wir erst in vier Tagen einen ganztägigen Besuch abstatten. Heute gilt unsere Aufmerksamkeit dem wilden Südwesten Boliviens. Der Wind hat sich weitgehend gelegt, auf jeden Fall ist‘s kein Vergleich zu gestern Nachmittag. Nur eisigkalt ist es weiterhin, denn in dieser hochandinen Höhe kommt auch der schönste Sonnenschein gegen die Kälte nicht an. Zudem ist im Augenblick Trockenzeit, ist August, vergleichbar mit unserem Februar – vor der Klima-erwärmung.

Preußisch pünktlich um neun bringt uns Javier zurück nach Colchani, das auch bei Sonnenschein nichts von seiner wüstenhaften Trostlosigkeit verloren hat. Kurzer Stopp bei Juan, der uns in seinem Betrieb in die Geheimnisse der Salzverarbeitung einweiht. Gemeint ist die Kochsalzgewinnung. Der Rohstoff liegt ja vor der Tür. Auf ca. zehn Milliarden Tonnen wird die Salzmenge des Salar de Uyuni geschätzt, von denen jährlich ca. 25.000 Tonnen abgebaut werden. Nach dem Trocknen und Zusatz von Jod ist das Salz ein ganz passables Speissalz, das da produziert wird, und von dem sich „unsere Hausfrau“ Beate gleich nach Abschluss von Juans fachmännischer Demonstration ein Beutelchen ersteht.

Ein weitaus größerer Schatz als Mutters Kochsalz ist allerdings das Vorkommen von Lithium im Salz des Salars, das auf ca. 5,4 Millionen Tonnen geschätzt wird. Lithium findet heutzutage in vielerlei elektronischen und elektrischen Gerätschaften Anwendung, beispielsweise in Lithium-Ionen-Akkumulatoren in der Autoindustrie.

Trotz Sonnenschein und säuselndem Wind hat Uyuni nur wenig an Charme hinzugewonnen. Allerdings wartet es drei Kilometer außerhalb der Stadtgrenze doch noch mit einem touristischen Sahnehäppchen auf, und das ist sein „cementerio de trenes“, der Eisenbahnfriedhof. Mit Aufkommen von Dieselloks Mitte des 20. Jahrhunderts wurden hier alte ausrangierte Waggons und Dampfloks einfach in der Wüste aufs Nebengleis geschoben und rosten langsam, aber sicher ihrem endgültigen Verfall entgegen. Zudem sind sie Zeichen des großen Minensterbens in den 1940er, als die Erzvorkommen erschöpft waren und die stählernen Transportmittel nicht mehr benötigt wurden. Die Ende des 19. Jahrhunderts von britischen Ingenieuren angelegten Trassen sowie die Züge wurden damals einfach ihrem rostigen Schicksal überlassen. Eine echte Atmosphäre vom Friedhof und Wildwest liegt in der Luft. Fehlt nur noch, dass John Wayne und Charles Bronson – beide selig – sich hier ein

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Stelldichein geben. Zudem ist der „cementerio de trenes“ ein wahrer Tummelplatz nicht nur ausgebuffter Eisenbahnfreaks, sondern auch für ganz normale Touristen wie wir. Dutzende von Dampfloks, oft ihres Kessels beraubt, stehen hier in Reih und Glied und wollen erobert und erforscht werden. Gerippe ehemaliger Waggons, durch die der Wind pfeift. Und alles ist keineswegs mit einem Eintrittsobolus belegt, sondern freigegeben zum Erklettern und Erkunden, wovon auch wir ausgiebig Gebrauch machen. Beate erfreut sich zudem noch an einer alten Schaukel, die im Gerippe einer ausrangierten Dampflok hängt und dort auf ihre Benutzer wartet.

John Wayne und Charles Bronson zeigen sich heute Morgen nicht. Folglich verlassen wir den verflossenen Charme von Uyunis „cementerio de trenes“ und wenden uns gen Südwest, weiteren landschaftlichen Höhepunkten in Boliviens Departemento Potosi entgegen.

Der südliche Altiplano südlich von Uyuni: Eine platte, wüstenhafte Ebene in knapp 3700 m Höhe. Lediglich 140 mm Niederschlag, die in nennenswerten Mengen nur in den Südsommermonaten November bis März fallen, werden hier pro Jahr gemessen. Allgemein spricht man bei Landschaften mit Niederschlägen unter 250 mm von Wüste. So gut wie keine Vegetation, keine Fauna! Das absolute Nichts, unter strahlend blauem Himmel. Und die Erde war öd und leer! Umso überraschter sind wir daher, als ein paar Kilometer südlich des „cementerio“ ein Fluss überschritten wird. Ein Schild kündigt ihn als Río Colorado an. Natürlich hat dieses halb zugefrorene, sich träge durch die leblose Ebene dahinschlängelnde Gewässer nichts mit dem allgemein bekannten Colorado River in den USA zu tun. Eine weitere Brücke wird überschritten. Wieder verheißt ein Schild einen langen

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Strom, der mit 3.034 km nach dem Missouri-Mississippi und dem Yukon der drittlängste Fluss der USA ist und eigentlich die Grenze zwischen Texas und Mexiko bildet: Der Río Grande. Doch dieses Flüsschen, das sich da vor uns durch die wüstenhafte Trostlosigkeit des südlichen Altiplano windet, ist der Río Grande de Lípez. Sein Quellgebiet liegt in der Cordillera de Lípez, und nach dem Zusammenfluss seiner beiden Quellflüsse Río Salado und Río Guadalupe misst er lediglich 153 km, bevor seine Wasser in einem breiten Trichter in den abflusslosen Salar de Uyuni münden. Draußen taucht erstes Leben auf. Herden von Lamas weiden in der Einöde. Wovon sich die Tiere allerdings ernähren, bleibt uns schleierhaft. Selbst das Ichu-Gras macht sich hier, in der Gran Pampa Pelada des südlichen Altiplano, rar.

Bereits am späten Vormittag erreichen wir San Cristóbal. Zu früh fürs Mittagessen. Also schlagen wir die Zeit tot, streifen durch den Ort, machen ein paar Fotos von der Kirche, von den Leuten. Viel zu sehen gibt‘s ansonsten wenig. Interessanter als das Dorf selbst ist vielleicht seine Geschichte, denn es wurde erst vor 16 Jahren hier an dieser Stelle von einer kanadischen Minengesellschaft errichtet. Das alte San Cristobal lag sechs Kilometer nordwestlich von hier und musste 1999 dem Abbau von Silber, Zink und Blei weichen. 1800, meist Quechua sprechende, Einwohner zählt der Ort heute, ca. achtmal so viel wie vor 23 Jahre das alte San Cristóbal.

Dann endlich kann gegessen werden. Wegen der vorherrschenden Kälte hier in 3761 m Höhe sowie der beiden unruhigen letzten Nächte sind wir ziemlich ausgehungert und lassen es uns gut schmecken. Mit unserem Aufbruch betreten neue Mittagsgäste die gute Stub’. Wir jedoch überwinden hurtig den Kältekorridor zwischen Haustür und Landcruiser, steigen zu Javier ins warme Auto, verlassen das zwar neue, aber irgendwie seelenlose San Christóbal und kehren auf die Ruta 701 zurück. Schon kurz hinter dem Dorf packt die postprandiale Müdigkeit uns alle drei auf einmal voll am Schlafittchen, die Augenlider werden schwer und schwerer und weg sind wir. Javiers ruhige Fahrweise auf platter Straße und die wenig abwechslungsreiche Landschaft tun das ihre. „Nix als Geˬegend draußen, woˬohl?“ Das wir ‘ne Dreiviertelstunde später Villa Alota erreichen, geht so ziemlich an uns vorbei. Kurz hinter dem Dorf verlässt Javier die Ruta 701 und biegt auf eine

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schmale Piste in Richtung Süden ab. Plötzlich glitzert „draußen“ ein Bach. Der Rio Alota. Üppiges Grün an seinen Ufern, an dem sich einige Lamas gütlich tun. Nur unwillig machen sie dem direkt auf sie zu kurvenden Javier Platz. Ein Schild verbietet das Autowaschen an dem Gewässer:

PROHIBIDO DE LAVAR VEHICULOS

EN EL RIO Schön und gut. Sowas könnte auch in Deutschland stehen – natürlich auf Deutsch und nicht in knapp 4000 m Höhe. Doch noch was ganz Besonderes ist mit dem hiesigen Schild passiert. Irgendein Witzbold hat nämlich vier entscheidende Buchstaben durchgestrichen:

PROHIBIDO DE LAVAR CULOS

EN EL RIO ist stattdessen zu lesen. So ist zwar der Autoputz hier am Ufer des Rio Alota wieder erlaubt, jedoch der Allerwerteste muss schmutzig bleiben. Leider zu schnell für eine fotografische Dokumentation schießt Javier ins Wasser und durchquert den Fluss. Schade! Unser Gelächter jedoch ist ausufernd.

Die Landschaft ändert sich nun ständig. Eine von Teichen durchsetzte Fluss-niederung. Enten, Gänse und Lamas tummeln sich im Wasser. Im Hintergrund eine bizarre, rostrote, von der Erosion völlig zerfranste Felslandschaft. Ist dort das „Valle de las Rocas“, von dem Javier vorhin gesprochen hat? Nein, bis dahin sind‘s noch ein paar Kilometer.

Im Hintergrund die mächtigen Höhenzüge und Gipfel der Cordillera de Lípez. Im Gegensatz zur Cordillera Oriental und Cordillera Occidental, die beide eine Nord-Süd-Ausrichtung haben, verläuft die Cordillera de Lípez in nordost-südwestlicher Richtung. Sie liegt folglich quer zur Hauptstreichrichtung der Anden und bildet dadurch den südlichen Abschluss des Altiplano sowie die Grenze zu Argentinien. Linkerhand der an den Kilimandscharo erinnernde Cerro Sonequera, der mit 5899 m Höhe nur vierzehn Meter höher als Afrikas höchster Berg ist. Zu sehen sind auch der Doppelgipfel des mit 5.929 Meter Höhe zweithöchsten Bergs der Cordillera de Lipez, des Cerro Lipez. Und zumindest die Spitze des mit 6008 m höchsten Cordillera-Gipfels, des Cerro Uturuncu, zeigt sich gelegentlich.

Ein paar Kilometer mäßiger Piste weiter sind wir endlich da, im bereits weit vorher angekündigten „Valle de las Rocas“, das sich allerdings weniger als Tal, sondern mehr als leicht ansteigender Hang herausstellt. Ein verwirrendes Panoptikum von der Erosion zergliederter, zernagter, zerklüfteter, zerschrundeter, roter Felsen, Fels-blöcke, Felsmonumente, Felswände steht hier vor blauem Himmel zwischen Ichu-Grasbüscheln und Heidekraut bzw. zumindest an Heidekraut erinnernden Büschen. Wieder pfeift der Wind nach John Wayne und Charles Bronson, doch beiden wäre

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die Luft hier oben, 4000 Meter über dem Level Hollywoods, bestimmt zu knapp gewesen. Burgen, Türme, Monumente. Eine Gruppe junger Amerikaner tummelt sich mit uns in der bizarren Szenerie. Keine Felsschulter scheint den jungen Leuten zu hoch, um nicht nur per Smartphone, sondern auch mit Hand und Fuß erkundet zu werden. Unsere alten Knochen dagegen bleiben lieber auf dem festen Boden, immer auf der Suche nach besonders schönen Ausblicken und Motiven für gute Fotos. Und im Süden grüßt in voller Länge die Cordillera de Lípez.

Nur schwer trennen wir uns von diesem grandiosen Abenteuerspielplatz ganz im Süden des Altiplanos, klettern wieder zu Javier ins Auto, der uns anschließend bis nach Villa Mar – auch Villamar Mallcu genannt – bringt. Dort kommen wir erneut unter roten Felsen im „Jardines de Mallku“ unter, ein von außen unscheinbares, doch innen sehr nettes Quartier. Zwar ist‘s kalt, äußerst kalt im Gemäuer, doch der Empfang durch den Hotelmanager ist warmherzig und äußerst freundlich, das Zimmer nett, die Betten bequem. Sogar ‘ne elektrische Matratzenheizung wird uns heute geboten. „Wat willst‘e mehr?“

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Dienstag , der 11. August 2015 Die Nacht gestaltet sich erneut recht durchfällig, besonders für Beate, die sich für den heutigen Tag ‘ne strenge Diät vornimmt. Dementsprechend karg fällt für sie das heutige – recht frühe – Frühstück aus, welches für sie nur aus viel Magen-Darm-Tee, Elektrolytlösung und jede Menge Kohlekompretten besteht. Gerhard und Beates Göttergatte langen beim reichlichen Frühstücksbuffet dagegen gehörig zu. Aufbruch ist heute bereits um halb acht, wollen wir doch den ganzen Tag lang die Höhepunkte der Reserva Nacional de Fauna Andina Eduardo Abaroa, hier ganz im Südwestzipfel Boliviens, abklabastern. Mit 7147 km² ist das 1973 gegründete Reservat mehr als ein Drittel so groß wie Hessen, liegt auf durchschnittlich 4000 Metern und verzeichnet eine jährliche Niederschlagsmenge von lediglich 65 mm. Jahr für Jahr tummeln sich hier mehr als 60.000 Besucher. Somit ist es der meistbesuchte Nationalpark in Bolivien. Benannt ist es übrigens nach einem Kriegshelden aus dem Salpeterkrieg. Auf jeden Fall prophezeit uns auch Javier, dass wir heute noch auf viele andere Touristen-gruppen treffen werden. Draußen pfeift ein eisiger Wind, der voll an unseren Klamotten rüttelt, als wir das Gepäck zum Auto rüber schleppen. Auch Javier klagt, dass es heute Nacht in seinem Refugio „¡Muy frio!” gewesen sei. Zudem zeugen die Eisschollen auf dem nahen Rio Mallcu von äußerst frostigen Temperaturen. So ist es wenig verwunderlich, dass sich vor den schmucklosen Hütten der Ortschaft keine Menschenseele zeigt, als wir unsere Fahrt gen Süden fortsetzen. Der Cerro Sonequera und der Cerro Uturunco bleiben links liegen. Wieder mal nix als Gegend draußen. Eine breite Schotterpiste auf einer weiten und – sieht man mal von den auch in dieser Höhe obligatorischen Ichu-Grasbüscheln ab – vegetationslosen Hochfläche nimmt uns auf. Eingerahmt wird sie von rötlichbraunen Höhenzügen, deren Eintönigkeit nur selten von einzelnen Schneefeldern aufgelockert wird. Trotz des noch recht frühen Morgens sind wir durchaus nicht die Einzigen, die Boliviens Reserva Nacional de Fauna Andina Eduardo Abaroa erkunden wollen. Geländewagen, die lange Staubfahnen hinter sich herziehen, kommen uns entgegen. Vor uns quält sich der Bus der jungen Amerikaner, denen wir gestern Nachmittag im „Valle de las Rocas“ begegnet sind, einen leicht ansteigenden Hang hinauf. Wo haben die denn übernachtet? Am Centro de Interpretación Ch’aska – nahe der Ortschaft Chico Quetana – ist die Reserva Nacional dann endlich erreicht. Kontrolle und erneuter Schreibkram, bevor uns die Weiterfahrt gestattet wird. ‘Ne halbe Stunde später nähern wir uns einem kleinen Salzsee, der Laguna Hedionda, umrunden sie im Norden. Vor uns breitet sich die Pampa Palpani aus. Ein weiterer See, die Laguna Kollpa wird an ihrem Südufer umfahren. Und dann sehen wir sie das erste Mal, den Cerro Amarillo und den Cerro Aguas Calientes,

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Berge, in ihrer roten, gelben, beigen Farbenpracht so wohltuend anders als ihre eintönig rostbraunen Nachbarn. Zum Fotografieren wäre noch Zeit, wir kämen noch näher ran, gibt uns Javier Bescheid. Urplötzlich stehen fünf Vikuñas in der

Einöde der Pampa Palpani, schauen aufmerksam und scheu zu uns herüber, bevor sie auf der braunen Schotterfläche erneut nach Fressbarem suchen.

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Und dann ist er da, der Salar de Chalviri. Die Piste führt mitten hindurch. Zehn Minuten später wird eine größere Piste erreicht. Zwei langgestreckte Hütten stehen am Hang. Eine weitere steht nahe des Salars, und davor ein Becken mit dampfenden Badewasser: Die „Termas de Chalviri“, heiße Quellen, in deren etwa 30°C warmen Wasser sich im Augenblick ein Dutzend Badelustiger tummelt. Wir jedoch verkneifen uns das Vergnügen, hier in 4.398 Meter Höhe sowie bei heftigem Wind und eisigen Temperaturen die Hüllen fallen zu lassen und ins warme Wasser zu steigen. Gerhard hat erst gar keine Badehose dabei, Beate und Norbert sind/waren die letzten drei Tage reichlich durchfällig und allein der Gedanke daran lässt sie davor zurückschrecken, es den Badenden gleichzutun. Ein Bächlein entspringt dem Badebecken, windet sich durch das Puna-Gras und mündet dort, wo einige Andenflamingos (Phoenicoparrus andinus), Möwen und Enten sich Füße und Schenkel wärmen, in den Salar.

Wir entfliehen den eisigen Außentemperaturen und steigen zu Javier ins Auto zurück. Weiter geht‘s in Richtung Südsüdwest. Wie von Javier prophezeit, kommt uns nun alle paar Minuten ein Auto entgegen. Natürlich ausschließlich Geländewagen, was sonst?

Doch dann plötzlich: Verdutzt reiben wir uns die Augen, glauben an eine Sinnestäuschung, an eine Fata Morgana in fast viereinhalbtausend Metern über dem Meeresspiegel. Schnell überwindet unser Fahrzeug den Abstand zu dem Objekt unseres Erstaunens, unserer Verwunderung. Dann ist kein Zweifel mehr möglich. Tatsächlich stemmen sich da zwei dick vermummte Radfahrer gegen den nach wie vor scharfen, eisigen Wind, versuchen verzweifelt Land zu gewinnen und mit ihren vollgepackten Drahteseln einen Hang

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hinaufzuklettern. Als wir auf der linken Seite der Piste an ihnen vorbeipreschen, stellen wir fest, der eine ist eine Frau, der andere Radkünstler fast noch ein Kind. Kurze Zeit darauf überholen wir noch einen dritten Radler, vielleicht den Familien-Papa, der sich mit seinem Fahrrad und ‘nem angehängten Gepäckkarren durch die wüstenhafte Einöde in Boliviens südlichstem Altiplano quält. ‘Ne genussvolle Fahrradtour sieht anders aus! Welch eine Quälerei und Herausforderung für Muskeln, Knochen, Lunge und Material. Auch heute noch und Tage später sollten uns auf den Pisten des Altiplanos des Öfteren Radtouristen begegnen. Besonders Norbert, der als Sechzehn-, Siebzehn- und Achtzehnjähriger drei Radtou-ren vom Ruhrgebiet bis u.a. zur Riviera unternommen hat, kann nachempfinden, was für eine körperliche Herausforderung solch eine Fahrt bedeutet. Doch damals war jeweils Sommer und es herrschte keineswegs so’n eisiger Wind wie hier, in der Jara Pampa in Boliviens Nationalpark Andina Eduardo Abaro auf Höchstalpen-niveau. Der höchste damals von Norbert erreichte Punkt war mit 2469 m der Große Sankt Bernhard Pass. Und dann liegt sie, wie dem spanischen Surrealisten gerade von der Palette gerutscht, vor uns, die Desierto de Salvador Dalí, die Dali-Wüste, mit all ihren Rot-, Purpur- Beige- und Gelbtönen und den charakteristischen Felsblöcken vor einem wolkenlosen, hellblauen Himmel. Natürlich gönnt uns Javier eine längere Fotopause, und den Durchfall und die knappe Puste in 4750 m Höhe schnell vergessend, hüpfen wir durch den Wüstenstaub und schießen so manches Foto.

Doch die Auslöser an unseren Kameras findet kaum Ruhe, da nur ein paar hundert Meter Fahrt weiter zum ersten Mal kurzzeitig, aber in seiner ganzen vulkanischen Vollkommenheit, der Licancábur auftaucht, der „Berg des Volkes“, ein 5920 Meter hoher, direkt auf der bolivianisch-chilenischen Grenze liegender, inaktiver Vulkan.

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Die Piste fällt nun ständig ab. Es geht hurtig bergab. Hinter einer der nächsten Kurven zeigt sich ein weiterer Vulkan, der Volcán Juriques, der wie sein Grenznachbar Licancábur ebenfalls erloschen, aber 216 Meter niedriger ist. Zu seinen Füßen breitet sich, nun immer deutlicher werdend, die 5,6 km lange und 3,5 km breite, jetzt größtenteils vereiste Oberfläche der Laguna Blanca aus. Zwar wissen wir, dass das Lagunenwasser seine charakteristische weiße Farbe durch die Einschwemmung von Mineralien erhalten hat und nicht durch die Eisbildung bei der augenblicklich tierischen Kälte hier in 4350 m Höhe, trotzdem packt uns pures Erschauern schon allein beim Blick durchs Autofenster. Unten, in der Nähe des Ufers der weißen Lagune, ein kurzer Schwenk nach rechts. Eine Schotter-Piste führt einen leichten Absatz empor. Der reinste Parkplatz. Dicht bei dicht stehen hier oben ein, zwei Dutzend Geländewagen herum. Ihre Insassen tummeln sich vor ihnen, starren gebannt nach unten. Auch uns hält nun kein Wind, keine Eiseskälte mehr im warmen Auto. Die Kameras gepackt und raus. Welch ein Anblick: Vorne die lindgrüne Laguna Verde, dahinter der formvollendete Kegel des Licancábur. Nicht nur der fauchende Wind lässt uns die Münder aufgehen.

Ursache für die auffällige Färbung der „Grünen Lagune“ – die je nach den durch starken Wind aufgewirbelten Sedimenten zwischen hellem Türkis und dunklem Grün wechselt – ist ihr ausgesprochen hoher Anteil an Magnesium, Blei, Arsen und Calciumcarbonat.. Eine äußerst ungesunde Mischung, die es auch den Flamingos verleidet, die Laguna Verde aufzusuchen. Selbst abflusslos erhält sie ihr Wasser von der elf Meter höher gelegenen Laguna Blanca. Anderthalb Kilometer höher, im Kratersee ihres südwestlichen Nachbars Licancábur, sollen dagegen jede Menge Lebewesen existieren, trotz der extremen Umweltbedingungen und Außentemperaturen von bis zu – 30° C. Auf jedem Fall ist

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die im Vulkansee lebende Flora und Fauna von so großem, wissenschaftlichem Interesse, dass die NASA und das SETI-Institut (Search for Extraterrestrial Intelligence-Institute), dessen Ziel ja das Erforschen, Verstehen und Erklären des Ursprungs der Natur und des Lebens im Universum ist, bereits mehrere Expeditionen auf den Gipfel des Vulkans geschickt haben. Der Licancábur kann nämlich auf einer Route, die hier an der Laguna Verde beginnt, bestiegen werden. Allerdings ist der Gipfelsturm – bedingt durch die lockere Vulkanasche, scharf-kantiges Geröll und natürlich die große Höhe – sehr, sehr schwierig.

Augenblicklich ist das alles sowieso nicht unser Begehr. Viele Fotos später zieht es uns schleunigst zurück ins warme Auto, zurück zur Desierto de Salvador Dalí und den Termas de Chalviri, wo Beates und Norberts nach wie vor durchfälliger Magen-Darm-Trakt dringend auf ein freies Toilettenhäuschen hofft. In der Zwischenzeit hat Javier – wie die Guides der vielen anderen Touristen auch – das verspätete Mittagessen warm zubereitet, dass wir im Aufenthaltsraum des Refugios zu uns nehmen. Zum Hühnchen präsentiert er uns warme Kochbananen, verschiedene Kartoffeln, Oka (Oxalis tuberosa) – auch knolliger Sauerklee, Yam oder Peruanischer Sauerklee genannt –, Camote-Süßkartoffeln (Ipomoea batatas) und zum Nachtisch faustgroße bolivianische Kiwis. Selbst Beate fällt es da schwer, ihren sich für heute verordneten Diätplan einzuhalten. Auf jeden Fall steigen wir erst ‘ne knappes Stündchen später wieder ins Auto und rollen wohlgenährt neuen landschaftlichen Höhepunkten entgegen. Bereits 20 Minuten später wartet in 4850 m Höhe Boliviens nächste geologische Attraktion auf uns: El Sol de Mañana. „Nanu, die Morgensonne“ – so die deutsche Übersetzung – „jetzt am Nachmittag?“ fragt sich ein jeder. „Ist ja irgendwie komisch?“

Nur wenn man weiß, dass eines der dampfenden Wasserlöcher in diesem Geothermalgebiet jeden Morgen aufs neu der aufgehenden Sonne seinen Dampf entgegenschickt, leuchtet einem ein, wie es zu dieser merkwürdigen Bezeichnung für diese ca. 2 km² große Ansammlung fauchender Fumarolen, köchelnder Solfataren und brodelnder Schlammlöchern kam. Das Gebiet ist frei zugänglich. Irgendwelche Sicherheitsabgrenzungen sind in diesem höchstgelegen Geothermalfeld der Welt unbekannt. Folglich ist gerade in Nähe der mehr als 50 blubbernden Schlammtöpfe Vorsicht geboten.

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Und dann endlich, weitere 25 Kilometer nördlicher, sehen wir sie erstmals weit unten vor uns liegen: Die Laguna Colorada, Boliviens durchschnittlich nur einen halben Meter tiefen „Roten See“ hier in „nur noch“ 4278 m Höhe über dem Meeresspiegel. Die Rotfärbung verdankt das Seewasser seinem hohen Gehalt an Kupfermineralien sowie einem Massenvorkommen von Dunaliella salina, einer Grünalgenart, die in hypersalinen Gewässern vorkommt. Vereinzelt sind aber auch weiße Boraxinseln zu sehen. Und vor allem am Ufer dutzende von Touristen und im Wasser – zum ersten Mal – hunderte von Flamingos. Große Bestände aller drei in den Anden vorkommenden Arten, die Chileflamingos (Phoenicopterus chilensis), die Andenflamingos (Phoenicoparrus andinus) und die James-Flamingos (Phoenicoparrus

jamesi) sind hier vertreten.

Auch hier verkürzt der heftige böige Wind unseren Besuch und wir drängeln zurück zum Auto. Doch noch ein vorletztes Mal müssen wir heute die schützende Blechhülle verlassen, um im Sand der Siloli-Wüste ein bizarres Naturdenkmal zu betrachten. Der Árbol de Piedra, eine ca. 7 Meter hohe, von Wind und Wetter geschaffene Felsformation aus Vulkangestein, die mit etwas Phantasie an einen „Baum aus Stein“ erinnert.

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Mit einbrechender Dämmerung sind wir endlich da, im Wüstenhotel inmitten der Siloli-Wüste. Ein langer, eisiger, windumtoster, jedoch äußerst erlebnisreicher und daher einfach großartiger Wüstentag liegt hinter uns. Mittwoch, der 12. August 2015 Die Hotelbetten, das Essen sowie das heiße Wasser in der Dusche sind zwar hervorragend, doch sonst ermangelt es an so Manchem in dem neuen Hotel im Norden der Wüste Siloli. `Nen Schrank, Tisch, Stühle, ‘ne Kommode, ja, selbst irgendeinen klitzekleinen Kleiderhaken suchen wir vergebens in unserem Zimmer, das wir kurz vor neune mit gepackten Taschen und vollverpackt wieder verlassen. Zwar strahlt heute Morgen die Tropensonne erneut von einem wolkenlosen Himmel, doch wiederum sind die Temperaturen hier oben, in viereinhalbtausend Meter Höhe, alles andere als tropisch. Wieder faucht ein eisiger Wind und lässt uns erschauern, kaum, dass wir vors Hotel getreten sind. Doch wir haben vorgesorgt. Beate hat zusätzlich zu ihrer sonstigen Vermummung Nierenschützer angelegt, und selbst Norbert hat heute Handschuhe, ‘ne Mütze auf dem Haupt die warmen Bergstiefel und ‘ne zweite lange Unterhose angezogen.

Javier will uns heute Morgen unbedingt was ganz Besonderes zeigen, fährt nicht die normale Piste, sondern quält den Toyota einen langgezogenen Sandhang empor. Tief unten ziehen zwei – von hier oben aus gesehen winzige – Geländewagen riesige Staubfahnen hinter sich her. Und im Westen grüßt der farbenprächtige Cerro Siloli. Der Sand geht allmählich in losen Schotter über, in dem sich nun immer deutlicher einzelne Fahrspuren abzeichnen, die sich zu einer Piste vereinigen und schließlich in einem Canyon münden. Hinter einer weiten Kurve steht plötzlich ein Auto. „Nanu, wie sollen wir denn da vorbeikommen?“ Die Frage erübrigt sich, denn auch Javier hält. Und dann sehen wir sie, die Hasenmäuse oder Bergviscachas (Lagidium), um die uns zu zeigen, sich unser Fahrer gerade noch so durch Sand und Schotter gequält hat. Wegen der guten Felltarnung entdecken wir erst nur ein, dann zwei und schließlich vier Tiere, die im

Geröll nach ihrer Nahrung suchen und uns irgendwie an ein merkwürdiges Mixtum aus langschwänzigem Kaninchen und Murmeltier erinnert. Die Tiere vor uns sind jedoch keines von beiden, sondern Nagetiere und der Familie der Chinchillas zuzuordnen. In diesem Fall sind es Cuvier-Bergviscachas (L. viscacia), deren

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Kopfrumpf- und Schwanzlänge bis zu 45 cm bzw. 40 cm betragen kann, und die ein Gewicht bis zu 3 kg auf die Waage bringen können. Die vier vor uns stören sich in keinster Weise an unserem morgendlichen Besuch, reagieren nicht, als der Fahrer des Wagens vor uns den Motor anlässt und davonrollt, und auch nicht, als wir ihm kurz darauf folgen. Eine weite, dunkelgraue Ebene nimmt uns auf. Sand und Grus soweit das Auge reicht. Ein ganzes Bündel aus Dutzenden von Fahrspuren zieht sich durch den Sand, ist der einzige Hinweis auf menschliches Leben in der grauen Eintönigkeit, fächert sich immer mehr auf, konzentriert sich wieder und führt zielgenau auf einen Einschnitt zwischen zwei hohen Bergen zu. Aus der Wanduhr rinnt die Zeit . . . Javier folgt den Fahrspuren zur linken, gerät kurzzeitig ins Schlingern. Dann geht es nur noch bergab. Eine blinkende weiße Fläche taucht auf, die sich wohltuend abhebt vor dem Einheitsgrau der Ebene und der sie einrahmenden Berge, des Cerro Araral (5647 m) im Westen und des Cerro Tapaquilcha (5450 m) im Osten. Minuten später lässt uns Javier aussteigen, und wir stehen am Ufer der Süßwasser-Laguna Ramaditas, deren Oberfläche aufgrund der eisigen Temperaturen hier in 4400 m Höhe fast vollständig zugefroren ist. Heftiger Wind pfeift über die glitzernde Eisfläche, rüttelt gewaltig an unserer dicken Vermummung und lässt uns nach kurzem Uferspaziergang ins Auto zurückflüchten.

Wie Perlen auf einer Schnur folgen nun im Abstand von nur wenigen Kilometern drei, vier Lagunas, an deren Ufern die stellenweise völlig ausgefahrene Piste entlangführt. An der relativ kleinen, halbmondförmigen Laguna Honda sind es die ersten Flamingos des heutigen Tages, die uns zur Kamera greifen lassen.

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Auch die fünf Vikuñas, die sich am dürren Gras am Ufer der Laguna Charkata gütlich tun, werden im Bild festgehalten. Sie nehmen aber schnell Reißaus, als ihnen die Fotografen dann doch zu sehr auf die Pelle rücken. Und dann ist es die Laguna Hedionda vor der traumhaft schönen Kulisse des langgestreckten Cerro Cañapa (5882 m) zur Linken und des mächtigen Cerro Caquella (5950 m) zur Rechten. Und an den Ufern und inmitten des flachen Sees in 4121 m Höhe große Schwärme der drei uns schon von der Laguna Colorada bekannten Flamingoarten.

Wieder lässt uns Javier unaufgefordert aussteigen, gibt uns diesmal aber Bescheid, dass wir uns erst im ca. ‘nen halben Kilometer entfernten Refugio zum Mittagessen wiedersehen werden.

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Natürlich haben wir die Flamingos und das Seeufer nicht für uns alleine, denn Dutzende von Touristenautos waren vor uns da und der touristische Teil ihrer Besatzung tummelt sich nun mit uns am Seeufer. Oft jedoch nicht, so wie wir, auf der Fotojagd nach besonders schönen Berg-, See- und Flamingobilder, sondern regelrecht selbstbesessen und wild nach dem x-ten Selfie mit sich als lachenden – und oft genug lächerlichen – Vordergrund. Diese digitale Seuche hat leider auch vor den Hochwüsten Boliviens nicht halt gemacht, sondern selbst hier, im hochandinen Raum des Altiplano, wird ihr abgöttisch gehuldigt, wobei die Einheimischen den Asiaten, Europäern und wenigen Nordamerikanern keineswegs nachstehen. Was Wunder, dass die Flamingos oft genug auffliegend das Weite suchen. Doch – zugegebenermaßen – sind gerade die vorbeiziehenden Flamingo-schwärme für uns die schönsten Bilder.

Erst ‘ne halbe Stunde später treffen wir mit eiskalten Händen, Wangen und Nasenspitzen bei der Hütte ein, finden in dem ganzen Gewusel von Autos und Menschen aber Javier nicht, was Norbert dazu veranlasst, nach ‘ner kurzen Pinkelpause – mit Anstehen – erneut auf fotografische Vogeljagd zu gehen. Als er viele Fotos später zur Hütte zurückkehrt, wird er von Gerhard prompt hereingerufen, denn Javier ist inzwischen – aus der Küche – wieder aufgetaucht und das Mittagessen aus Nudeln, Thunfisch, Mais und Erbsen steht auf dem Tisch. Ein Wunder, dass Javier in dem ganzen Gedrängel aus dutzenden von Touristengruppen für uns überhaupt noch ein freies Plätzchen gefunden hat. Am frühen Nachmittag sind wir froh, dass wir das touristische Tohuwabohu verlassen und zur Pisteneinsamkeit zurückkehren können. Ähnlich wie heute Morgen die Laguna Ramaditas, präsentiert sich die Laguna Cañapa im Windschatten ihres gleichnamigen Hausbergs als glitzernde Eisfläche. Flamingos sind hier nicht mehr zu sehen. Und wie vom aufkommenden Wind verscheucht begegnen wir für den Rest des Tages ab hier auch kaum noch anderen Autos. Die Piste wird merklich holpriger, erklettert einen hohen Pass, um dann durch tiefen Sand wieder abzufallen. Die Böen werden immer ruppiger, rütteln heftig am Gefährt. Sand liegt in der Luft. Viel Sand. Nur schemenhaft zeichnet sich die Silhouette des Ollagüe (5850 m), Boliviens einzig tätiger Vulkan, im Nordwesten ab. Zum Glück ist nun die Piste wieder ganz passabel und erleichtert das Vorwärtskommen. Schließlich ist der Mirador erreicht, von dem aus Javier den Ollagüe zeigen will. Doch dessen Haupt ist staub- und sandbedeckt. „Draußen“ wütet der Sturm, rüttelt und zerrt an den Klamotten, reißt uns fast von den Füßen. Fotografieren ist kaum möglich. Ergo retten wir uns bereits nach nur kurzem Aufenthalt an der äußerst frischen Luft ins Auto zurück. Der Wind bleibt uns heute ein treuer Freund, treibt Sand über die Piste, verdunkelt den Himmel, kleidet den Landcruiser mehr und mehr in einen dicken Staubmantel.

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Zu Füßen des 5890 Meter hohen schlafenden Vulkans Cerro Tomasamil führt die Piste nach Norden. Als wir schließlich in der Ferne den Salar de Chiguana erblicken, ist die Luft weiterhin wie vernebelt, die Berge eingepackt in dichte Staubfahnen, und nur selten ist ein Stück blauen Himmels zu sehen. Minuten später stehen wir in einer Welt aus Salz. Ringsum nur noch eine einzige, weiße, glitzernde Salzfläche. Unter unseren Füßen knirscht Salz, in der Luft liegt Salz. Eine Welt aus Salz am Fuße des schneebedeckten Vulkans Tomasamil im Süden, der ab und zu schemenhaft zu erkennen ist. Bedingt wohl auch durch die augenblicklich sehr eingeschränkte Fernsicht erscheint uns der Salar als riesig, obwohl er mit seinen 415 km2 Fläche nur ein Winzling ist im Vergleich zu seinem nördlichen Nachbarn, dem Salar de Uyuni, der eine Fläche von 10.582 km² aufweist.

Und mitten durch das Salz verläuft ein Damm von Menschenhand, verlaufen Schienen, Eisenbahnschienen. Es sind die Gleise der schon erwähnten Eisenbahn-verbindung vom chilenischen Hafen Antofagasta bis nach La Paz. Erneute Pause im Salz, bevor Javier den Motor wieder anlässt und den Damm im Alleingang nimmt. Wir folgen ihm zu Fuß auf die nördliche Seite des Salars.

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Nach flotter Fahrt zunächst übers Salz, später auf ‘ner ganz passablen Piste wird unser heutiges Tagesziel San Juan erreicht. Doch noch geht es nicht ins Hotel. Noch stehen zwei sehenswerte Punkte auf unserer Besuchsagenda: Zunächst die Mumien der „Señorios de Lipez“ im kleinen Museum am Rande der Stadt, zu dem uns eine füllige Matrone die Tür öffnet. Immerzu ihre Spindel betätigend führt uns die freundliche Señora herum und erklärt uns wortreich und ausführlich die einzelnen Ausstellungsobjekte aus dem 13. bis 16. nachchristlichen Jahrhundert. Doch noch ein zweites kulturelles Bonbon erwartet uns heute Nachmittag: Die Necropolis Kausay wasi, achtzehn Grabkammern an einem flachen Hang gleich hinter dem Museum. Öffnungen in den Mauern der einzelnen Kammern ermöglichen einen Blick ins Innere, auf Gebeine und Beigaben der dort Bestatteten.

Kulturell gesättigt fahren wir anschließend zum Ort hinunter und beziehen unsere Zimmer im „La Cabaña de Sal“, einem schmucken, komischerweise kaum belegten Hotel. Es ist ein atmosphärisch besonders bezauberndes Hotel, mal wieder fast völlig aus Salz.

FAHRT AUF DEM SALZ: DER SALAR DE UYUNI Donnerstag, der 13. August 2015 Heute ist es also soweit. Heute werden wir dem größten Salzsee unserer Erde, der selbst aus dem All gut zu erkennen ist und der von den Einheimischen „Weißes Meer“ genannt wird, einen ganztägigen Besuch abstatten. Ganze 140 km sind es vom Süd- bis zum Nordufer des Salar de Uyuni und 110 km von West nach Ost. Wie andere Salare und Seen im Altiplano auch blieb die Salzfläche des Salar de Uyuni zurück, als vor 10.000 Jahren das riesige Anden-Binnenmeer Lago Minchís

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austrocknete (Andere Geowissenschaftler sprechen vom Austrocknen des Paläosees Tauca). In der Regenzeit von Dezember bis April wird die zwei bis dreißig Meter dicke Salzkruste der mindestens 121 Meter tiefen Salzpfanne regelrecht geflutet und ist dann bis in den Juni hinein nicht befahrbar. Auch vor den sogenannten „ojos“, den Salzaugen, runde Bruchstellen im Salz, ist besonders für schwere Fahrzeuge Vorsicht geboten. Am Ausgang von San Juan verabschieden uns an einem vereisten Wasserloch fünf Lamas mit „würdevollen“ Blicken, als wollten sie sagen „Na, ihr Schlafmützen! Auch schon auf?“ Für ein halbes Stündchen sind die Fünf nun die letzten tierischen Lebewesen, denen wir auf der Piste in Richtung Norden begegnen. Der Wind, der gestern noch so heftig wütete, hat sich gelegt. Zudem sind wir hier nicht mehr so hoch wie in den letzten Tagen, können folglich tiefer durchatmen. Die Bewölkung ist mäßig, die Sonne scheint. Zur Vermeidung eventueller „Salzblindheit“ haben wir schon jetzt unsere Sonnenbrillen aufgesetzt.

Was also wollen wir mehr? Nur die trostlose, wie ausgelaugte Landschaft und das ständige Pistengerumpel lassen im Augenblick zu wünschen übrig. Doch dann liegt er vor uns, der Salar de Uyuni in seiner ganzen landschaftlichen Großartigkeit, hier in 3653 Meter über dem Meeresspiegel. Salz, Salz, Salz soweit das Auge reicht. Eine riesige glitzernde Fläche, zusammengesetzt aus Abermillionen sechseckigen Platten. Zwar haben wir uns gestern schon auf dem Salar de Chiguana herumgetrieben, aber das vor uns liegende Salzmeer scheint uns doch um Einiges unendlicher, fantastischer, grandioser. Und kaum hält Javier ein paar Kilometer weiter an, stürmen wir aus dem Auto, schießen Foto über Foto, treiben so manchen Schabernack. Fünfzig Kilometer weiter schält sich unser heutiges Mittagsziel immer deutlicher aus der gleißenden Salzfläche, kommt schnell näher, und dann sind wir da, bei der

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Kakteeninsel Incahuasi, einem aus versteinerten Korallen bestehenden Felsklotz inmitten des „Weißen Meers“. Parkplatz (auf dem Salz), Restaurant, Toiletten-häuschen, Souvenirladen, Tische und Sitzgelegenheiten, alles ist vorhanden auf/bei Boliviens knapp 25 Hektar großen Helgoland im Salar de Uyuni. Und jede Menge trockene Grasbüschel sowie hunderte, wenn nicht Tausende von riesigen, bis zu zehn, zwölf Meter hohen Säulenkakteen (Echinopsis atacamensis), cardones genannt, gibt es hier zu bewundern, die dicht bei dicht mit bis zu 15 cm langen zentimeterlangen Stacheln bewehrt sind. Ihr Holz kann zum Bau von Möbeln genutzt werden.

Echinopsis atacamensis wächst baumförmig, verzweigt gelegentlich kandelaberförmig 1,5 bis 3 Meter über der Bodenoberfläche und erreicht Wuchshöhe von bis zu 10 Metern (selten bis zu 15 Meter). Die zylindrischen Triebe weisen Durchmesser von 25 bis 40 Zentimeter (selten bis 60 Zentimeter) auf. Es sind 20 bis 30 (selten bis zu 40) Rippen vorhanden. Die darauf befindlichen kreisrunden Areolen weisen einen Durchmesser von bis zu 2 Zentimeter auf und werden mit zunehmendem Alter größer. Bei jüngeren Pflanzen sind die gelblichen bis honigfarbenen Dornen kräftig nadelig bis pfriemlich und bis zu 10 Zentimeter (selten bis zu 15 Zentimeter) lang. Die zwei bis vier (selten bis acht) Mitteldornen lassen sich nicht immer deutlich von den Randdornen unterscheiden. Die zehn bis 15 oder mehr Randdornen sind unregelmäßig ausgebreitet. Bei älteren Pflanzen werden die Dornen zunehmend dünner, bis sie schließlich borsten- oder haarartig sind. Es sind dann bis zu 50 (selten bis zu 100), bis zu 25 Zentimeter lange Dornen vorhanden, die sich nicht in Mittel- und Randdornen unterscheiden lassen. Die breit trichterförmigen, weißen und gelegentlich rosa überhauchten Blüten erscheinen seitlich im oberen Drittel der Triebe. Sie sind am Tag und in der Nacht geöffnet. Die Blüten sind 10 bis 14 Zentimeter lang. Die kugelförmigen, dunkelgrünen Früchte sind dicht mit Haaren besetzt. Sie sind essbar und weisen einen Durchmesser von bis zu 5 Zentimeter auf. Echinopsis atacamensis ist im Nordosten von Chile, im Südwesten von Bolivien und im Norden von Argentinien in Höhenlagen von 1700 bis 3900 Metern verbreitet (aus wikipedia, 13.04.2016).

Natürlich machen wir dem „Haus des Inka“ – so die Übersetzung des Namens Incahuasi aus dem Quechua – gebührlich unsere Aufwartung, steigen nach Begleichung eines kleinen Obolus auf dem Rundweg bis in die höchsten Gefilde der

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Insel, die sich allerdings nur wenige Dutzend Meter über die umliegende Salzfläche des Salars de Uyuni erheben. Und vor allem genießen wir die einmalig grandiose Aussicht von hier „oben“, beobachten die rastenden Touristen sowie die mit schöner Regelmäßigkeit ankommenden und wegfahrenden Geländewagen. Selbst einige LKWs haben sich vereinzelt aufs Salz gewagt. Nur schemenhaft sind die Ufer der riesigen Salzpfanne erkennbar, und dort vor allem die hohe Berge wie beispielsweise der Cerro San Niclas (4011 m) und der 4337 Meter hohe Cerro Huanchaca im Osten, der Cerro Sapajo (5171 m) und der Cerro Caltama (4611 m) im Westen sowie unser nächstes Ziel, der Cerro Tunupa, der 5321 m misst, am Nordufer des Salars. Als wir nach ‘ner ausgiebigen Wanderung wieder unten am Rastplatz eintreffen, hat Javier bereits alles zum Lunch arrangiert. Doch in der Zwischenzeit sind scheinbar gleich mehrere Autos besetzt mit unseren europäischen Nachbarn eingetroffen, denn um uns herum wird plötzlich nur noch Französisch parliert. Javier hat allerdings einen Tisch „draußen“ an der frischen Luft, direkt an den Säulen-kakteen, decken lassen, so dass wir von dem französischen Trubel bald nichts mehr mitbekommen und uns bei schönstem Sonnenschein das Lama- und Hühnerfleisch sowie die Pommes und das Gemüse munden lassen.

Javier hat noch einiges aufzu-räumen und schlägt uns daher eine weitere Pause von ‘ner Dreiviertelstunde vor. Wir nutzen sie, um Incahuasi auch von seinen anderen Seiten kennen-zulernen und machen statt ‘ner Wanderung übern Berg diesmal eine nicht ganz alltägliche übers Salz, einmal rund um die ganze Insel herum. Und es gibt einige andere Touristen, die wie wir den – zeitweise – großen Trubel am Parkplatz meiden, ihr Auto mitten auf dem Salz abgestellt,

das Campinggestühl ausgepackt, den Kocher angeworfen haben, so das schöne Wetter genießen und Incahuasi das Haus des Inka sein lassen. Pünktlich beenden wir drei unsere Runde, steigen zu Javier ins Auto und weiter geht unsere „Salztour“. Alle paar Kilometer unterbricht unser Fahrer die rasche Fahrt über die platte Fläche, lässt uns austeigen und erklärt uns Einiges zur geologischen Geschichte des Salars, zur Beschaffenheit des Salzes und vieles anderes mehr. Natürlich kommen dabei auch unsere Kameras nicht zu kurz, bevor

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wir um viele Fotos und fantastische Eindrücke reicher wieder an Bord klettern. Besonders das ständige Wechselspiel zwischen Sonne, Himmel, Wolken und Wind zieht uns voll in seinen Bann. Und mit jedem gefahrenen Kilometer mehr bereichert ein weiterer, äußerst bunter Komparse die bereits überaus grandiose Szenerie, schält sich immer deutlicher heraus: Es ist der Vulkan Tunupa, dessen überaus farbenfroher Gipfelbereich um den gesprengten Krater sogar noch die Berge in der Dali Wüste in den Schatten stellen. Ihm wollen wir morgen früh unsere Aufwartung machen.

Und dann sind wir da, am anderen Ende der riesigen Salzwüste. Unmittelbar neben dem Damm, der hier über das brüchige Salz bzw. das teileweise offene Wasser im Uferbereich führt, stoppt Javier den Landcruiser. Wir steigen aus, schauen zurück auf den Salar, schauen auf die Hütten des Dorfes Coquesa am Ufer, lassen den Blick auf die Wiesen, Quinoa- und Kartoffelfelder und dann auf die erhabene Kulisse des Tunupa schweifen. Mit seinen 5321 Metern – andere Quellen sprechen sogar von 5432 Metern – ist der erloschene Vulkan die bestimmende Erhebung am Nordufer des Salar de Uyuni. Für die Aymara ist Tunupa ein mystischer, weiser Riese, der im Auftrag der Pachamama, der Mutter Erde, Eintracht zwischen Mensch und Natur predigt. Als hätte Salvadore einst auch hier den Pinsel

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geschwungen, präsentiert sich der Berg mit seinen farbenfrohen, rot, weiß, braun, beigen Gesteinsformationen im Kraterbereich und seinem gezackten Kamm als buntes, surreales Gemälde. Morgen früh – dann hoffentlich bei schönstem Sonnen-schein und nicht bei dichter, grauer Bewölkung wie jetzt – werden wir dem Berg unsere Aufmerksamkeit widmen. Heute jedoch wollen wir uns erst mal unser Zimmer sichern, das im Nachbarort Jirira im „Doña Lupe“ für uns vorgebucht worden ist. Bereits um fünfe sind wir wieder unterwegs. Vor vier Tagen erst, in Colchani, hatte Javier uns ja noch ‘nen Sonnenuntergang über dem Salar de Uyuni zugesagt, doch ob das bei dem graubewölkten Himmel heute Abend möglich sein wird? Da ist Skepsis angesagt! Javier lächelt dazu nur verschmitzt, spricht von einer Überraschung, hält einige Kilometer weiter mitten auf dem Salz, stellt einen Klapptisch auf, stellt vier Gläser darauf, zwei Schüsseln dazu, kramt im Auto herum und holt ‘ne Flasche bolivianischen Rotwein und ein paar Dosen Sprite hervor. Nix is’ es mit ‘nem Sonnenuntergang heute. Der Himmel zeigt sich weiterhin Grau in Grau. Das also ist Javiers Überraschung für uns? Wir prosten uns zu, naschen von den Chips und den Erdnüssen, beglückwünschen uns zu ‘ner gelungenen Tour, der großartigen Natur, dem großen Abenteuer auf Boliviens Altiplano. Gerhard hält sich augenscheinlich zurück heute Abend. Ihm ist irgendwie flau, und er verkündet jetzt schon, dass er nachher vorsorglich aufs Abendessen verzichten wird. Eigentlich könnten wir ja jetzt schon zurückfahren. Mit ‘nem großartigen Sonnenuntergang wird‘s bei der dichten Bewölkung ja sowieso nichts und den Tunupa haben wir vorhin schon fotografiert. Doch Javier macht keinerlei Anstalten aufzubrechen. Wind, der den ganzen Nachmittag über so gut wie eingeschlafen war, kommt erneut auf. Eisiger Wind! Missmutig stampfen wir übers Salz, schauen auf die Uhr. Von der Sonne war schon lange nichts mehr zu sehen. Die Dämmerung setzt ein. Dann plötzlich, am Horizont, wo die Bewölkung aufgelockerter ist als hier, ein leichtes Zündeln, das sich schnell zu einem rötlichen Glimmen verstärkt, die Berge im Westen erfasst, sie mehr und mehr in ein Gelbrot und schnell dunkler werdendes Rot kleidet. „Der westliche Himmel brennt!“ Wir knipsen wie die Weltmeister. Das also ist der Sonnenuntergang über dem Salar de Uyuni. Doch es wird immer noch besser, viel, viel besser. Das fantastische Farbspiel ergreift die gerade noch trostlos dunkelgrau über uns dahinschwebenden Wolkenpartien. Sie beginnen zu lodern, scheinen schier zu verglühen. Selbst über der Halbinsel nordwestlich von uns flammt plötzlich das Feuer auf, setzt sich rasant fort, erbeutet wie im Rausch mehr und mehr Wolkenfetzen, entfacht eine wahre Feuerbrunst. Fantastische Momente später werden die Farben dunkler, verlieren an Kraft, verglimmen schließlich. Das

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Feuerwerk ist vorbei. Nur noch ein schmaler, roter Lichtstreif glimmt am Abendhimmel. Als wäre auch hier unten auf dem Salz das Feuer plötzlich erloschen, wird es empfindlich kalt. Javier packt die Utensilien zusammen. Wir steigen ins Auto und kehren zum „Doña Lupe“ zurück. Welch fantastisches Naturschauspiel!

Wie bereits angekündigt, verzichtet Gerhard aufs Abendessen. Ihn quält eine böse Erkältung und er verzieht sich im Hotel gleich in der Koje.

Javier gesellt sich im Lokal zu uns und erzählt uns einiges über den Tourismus in Bolivien, der seit ca. zehn Jahren boomt. Immer mehr Hotels werden gebaut. Auf die kleinen, windigen Refugios ist man folglich nur noch selten angewiesen. Seit nun fünf Jahren ist auch er dabei. Zum Salar de Uyuni erzählt er uns eine eher traurige Geschichte aus den 90iger Jahren. Damals wollten sich zwei israelische Touristen den Salzsee ohne Guide erwandern, seien von Jirira aus noch wohlbehalten an die Isla Incahuaca gelangt. Danach verlor sich ihre Spur, bis sie erst Tage später erfroren in ihrem Zelt gefunden wurden. Die Gefahren auf dem Salar hatten sie einfach unterschätzt.

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Um trotz Schlafsack und mehrerer Decken kalte Füße zu verhindern, erhält Beate vom freundlichen Wirt noch heißes Wasser für ihre Wärmflasche, das am nächsten Morgen lauwarm auch noch zur Katzenwäsche Verwendung findet. Freitag, der 14. August 2015 Gerhard geht‘s heute Morgen zwar wieder einigermaßen passabel, doch so ganz fit fühlt er sich wegen seiner starken Erkältung nun auch wieder nicht. Deshalb verkündet er uns gleich beim Frühstück, dass er nicht mitkommen wird auf unsere Bergtour hinauf zu einem Mirador am Tunupa in 4720 Meter Höhe. Zwar schade, aber dass sich bei so ‘ner Wanderung Schnupfen, Husten, Heiserkeit und raue Kehle von ganz allein in der knappen Luft auflösen, dürfte wohl ein Gerücht bleiben. Auf jeden Fall wird reichlich gefrühstückt, und Norbert stärkt sich gleich mit sieben der dargebotenen Pfannkuchen.

Als wir uns danach ins Auto setzen, weil Javier uns einige Kilometer Anstieg ersparen will, klettert auch Gerhard an Bord. Er will zwar nicht ganz bis auf den Berg bzw. Mirador, doch bis zu dem Punkt, wo ‘s Auto abgestellt wird und die Wanderung beginnt, will er nun doch mit. Die paar Häuser von Jirira liegen bald hinter uns, und sofort nach dem Dorf gewinnt die Piste schnell an Höhe, schlängelt sich vorbei an Feldern und riesigen Grasflächen, die von halbhohen Steinmauern eingefasst sind. Sie sind wahrscheinlich Pferche für die Lama- und Alpaka-Herden, die überall im Altiplano anzutreffen sind. Auch andere Wanderer (wir sind momentan allerdings nur Beifahrer) sind auf dem holpriger werdenden, aber gleichmäßig breit bleibenden Bergpfad unterwegs und versuchen schnaufend Höhe zu gewinnen. Der Ausblick auf den Salar, auf das Dorf, auf den farbprächtigen Halbkrater des Vulkans wird zusehends prächtiger. Fieber kommt auf, Bergfieber! Nicht bei Gerhard, der ja zurückbleiben will, doch bei Beate und Norbert, die in den letzten Jahren im fernen Afrika ja so manche Bergtour gemacht haben. Zwei Geländewagen kommen uns entgegen, Bergtaxis für die Wanderer, die vor uns aufgebrochen sind. Es ist für die drei Autos gar nicht so leicht, auf dem holprigen Pfad aneinander vorbeizukommen. Doch auch das geht schließlich ganz passabel. Weiter schwingt sich die Piste in engen Kurven bergauf. Ein abgestelltes Auto bleibt an einem Aussichtspunkt links zurück, doch Javier hält hier keineswegs, sondern schenkt uns noch nochmals ein, zwei Kilometer Fahrerei. Erst an einer Steinmauer in – laut Javier – ca. 4200 m Höhe ist dann endlich Schluss. Javier stellt die Kiste ab. Gerhard bleibt an Bord zurück mit Proviant, Lesestoff und viel schöner Aussicht. Wir drei anderen klettern aus dem Fahrzeug und nehmen unsere Füße in die Hand, nicht jedoch, ohne uns wegen der Kälte und des rauen Windes hier oben gehörig eingemummt zu haben. Norbert schenkt dabei Javier ein paar Handschuhe, der sich darüber irre freut und unseren Silberrücken dankbar anstrahlt.

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Und wenn wir auf den Bergwanderungen im fernen Afrika eins gelernt haben, so kennen wir die Devise: Pole, Pole. Langsam, langsam. Und schön gleichmäßig. Javier bleibt bald bei Beate zurück, die, wie sonst auch, viele kleine Pausen zum Luftschnappen braucht. Norbert bleibt bei seinem Trott, macht jedoch viele Fotos und wartet dann, bis Beate und Javier in Schussposition gekommen sind. Wir sind nicht die Einzigen am Berg. Vor uns werden französische Vokabeln laut. Zwar zählen die acht jungen Franzosen da vorne an Jahren vielleicht genauso so viele wie ihre drei Verfolger aus Germany bzw. Bolivien, trotzdem kommen wir ihnen langsam, aber stetig näher und holen einzelne sogar ein. Besonders einer jungen Frau ist das körperliche Leid am Berg regelrecht anzusehen und beim Näherkommen auch anzuhören. Mit rasselndem Atem und Geschnaufe kämpft sie sich vorwärts, knickt immer wieder ein, verharrt erschöpft, setzt sich ins Gras und versucht, wieder an Luft zu kommen. Plötzlich ist die Piste zu Ende. Ein letzter Steilhang ist noch zu nehmen. Über Stock und Stein, durch die Büsche und durchs Gras geht’s langsam, aber stetig empor. Von oben kommen aufmunternde Zurufe. Noch ist der Mirador voll in französischer Hand. Doch dann erreicht Norbert die Felsschulter in 4720 Meter Höhe, gefolgt von Javier, und auch Beate gesellt sich Minuten später japsend und lachend zu uns. Und wer sagt‘s denn, selbst die junge Französin schafft schließlich doch noch den letzten Anstieg. Geschafft! Wir alle haben‘s geschafft! Beim Blick nach Süden breitet er sich vor uns aus, der Salar de Uyuni, der größte Salzsee auf unserer Mutter Erde, der zur Ehre – wie anderswo – auch hier, zwischen den Felsen des Miradors, einige kleine Steinpyramiden errichtet worden sind. Die Isla Incahuasi verschwindet fast im Dunst des Horizonts. Wir entdecken ihren matten Schatten erst, nachdem Javier uns die Richtung angezeigt hat. Erst bei der Betrachtung aus dieser Höhe wird uns die Größe der nordöstlichen und nordwestlichen Ausbuchtungen des Salars bewusst. Und ihrer mitten, wie auf einem fürstlichen Thron erhebt sich seine Majestät, der Tunupa, von diesem Aussichts-punkt scheinbar zum Greifen nah, doch bis zu seinem zerfransten Felsgipfel noch mehrere Stunden gefährliche Kletterei über 700 Höhenmetern durch rutschendes Geröll entfernt. Dazu, heute im besten Sonnenschein, die prächtigen, äußerst farbenfrohen Gesteinsformationen in seinem halboffenen Krater, die streifenförmig aufgereiht von weiß über grau und gelb bis zu einem intensiven Rot variieren. Javier lässt die Pachamama eine gute Frau sein, während Beate und Norbert mit den Franzosen, die jede Entdeckung in ihrer melodiösen Sprache wortreich kom-mentieren, in einen fotografischen Wettbewerb ums beste Foto von seiner Majestät eintreten. Doch sind unsere westlichen Nachbarn meist mehr auf Selfies als auf Landschaftsfotos versessen. Mit zwei etwas älteren Touristen, die zwar auch aus Frankreich sind, doch nicht zum Rest der Gruppe gehören, kommen wir ins Gespräch. Sie sind aus Lyon, wir der Einfachheit halber aus Frankfurt, der zwar kleinsten, aber nichtsdestotrotz bestens

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bekannten Metropole Europas. Unseren Gesprächspartner gehört auch das Auto, das wir am unteren Mirador gesehen haben. Zudem tauschen wir uns darüber aus, auf welchen Bergen wir überall gewesen sind. „Kilimanjaro? Ja! Wir auch! War super. Ich war so berührt, dass ich am Gipfel anfing zu heulen!“ erzählt uns der Franzose frei weg. Wir empfehlen Ihnen noch den Mount Kenya, das R’wenzori oder den Mount Elgon. Die beiden waren heute Morgen die ersten hier oben und mit den besten Wünschen für den Abstieg verabschieden sie sich bald. Das restliche französische Jungvolk folgt ihnen kurz darauf.

Wir dagegen suchen uns nun erst einmal ein möglichst windgeschütztes Plätzchen, verspeisen unser zweites Frühstück, das wir vom Doña Lupe mitbekommen haben und genießen die plötzliche Ruhe in luftiger Höhe. Anschließend noch ein paar Fotos mehr, dann brechen auch wir in Richtung Auto auf. Anderthalb Stunden dauerte der Aufstieg. Eine halbe Stunde blieben wir am Mirador. Ungefähr eine Stunde brauchen wir zurück, so dass wir gegen 12 Uhr wieder am Auto sind, wo wir Gerhard schmökernd antreffen. Gegen eins sind wir zurück im Doña Lupe. Pinkelpause und erneutes Picknick, bevor wir unsere Fahrt nach Norden fortsetzen. Quasi um seine Majestät herum, so dass wir in Salinas de Garci Mendoza, unserem nächsten Aufenthaltsort, den Tunapa auch von hinten

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sehen. Im kleinen Hotel „Zucarani“ erhalten wir unsere eigene Rundhütte mit zwei Zimmern und einem Bad. „Ja! In 45 Minuten“, wird unsere Frage nach heißem Wasser von der jungen Managerin mit Baby auf dem Rücken beantwortet. Ihr Mann bringt uns später auch noch ‘ne Heizsonne aufs Zimmer. Da kann ja gar nichts mehr schiefgehen. Nach ausgiebigen Duschen – wirklich mit heißen Wasser – und vielem Lesen am Nachmittag ruft uns Javier um kurz vor sechs in den Speisesaal. Mit Mate-Tee-Trinken und anschließendem Abendessen lassen wir den wiederum ereignisreichen Tag ausklingen. Samstag, der 15. August 2015 Leider gibt‘s nur ein karges Frühstück in der Hauptstadt des Quinoas, Salinas de Garci Mendoza. Bevor wir aufbrechen, müssen wir uns natürlich auch noch ins Gästebuch eintragen, eine Sekretariatsarbeit, die Beate übernimmt. Unterdessen kommt die junge Mutter an unserer Hütte vorbei und fragt, ob wir denn in den kommenden Tagen wiederkommen. Als wir ihr erzählen, was noch alles auf unserem Programmzettel steht, bekommt sie ganz große Augen. Auch bewundert sie Beates blonde Haare und fragt, ob sie die mal anfassen darf. Beate hält ihr den Schopf hin und die junge Indigena greift voll rein: „Nanu, die sind ja ganz anders als meine!“

Auf geht‘s. Tomarapi am Fuße des Sajama, Boliviens höchstem Berg, ist unser heutiges Ziel, und bis dahin sind‘s doch noch einige Kilometer auf nicht gerade vorzüglicher Wegstrecke. Bereits kurz nach Salinas ist ein kleiner Pass zu überwinden. Säulenkakteen säumen den Weg. Und dann liegt er vor uns, der wenig besuchte Salar de Coipasa, mit einer Fläche von 2.218 km² der zweitgrößte Salzsee Boliviens. Er liegt auf 3657 Meter Höhe, somit nur drei Meter höher als sein südlicher Nachbar, der Salar de Uyuni. Bald dürften wir uns auf seiner Oberfläche tummeln. Zudem will uns Javier dort heute endlich mal eine Salina, ein Salzwerk, zeigen. Doch der Weg zum See zieht sich, denn endlose Kilometer verläuft die Piste parallel zu seinem Ufer. Ein entgegenkommender Kleinbus deckt uns voll mit seiner Staubfahne ein. Und dann, wir trauen unseren Augen nicht, ein Radfahrer, dickvermummt und mit vollem Gepäck, kämpft gegen den böigen Wind.

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Mann, was muss das schön sein! Der Volcán Isluga (5550 m) – bereits in Chile – zeichnet sich am westlichen Horizont ab. Und dann endlich: Die Piste teilt sich. Ein Damm führt schnurstracks nach Norden. Javier biegt auf ihn ein, wir fahren direkt auf den alles über-ragenden Cerro Pucarani (4910 m) zu. Minuten später stehen wir auf dem blendend weißen Salz des Salar de Coipasa. Über uns ein strahlend blauer Himmel. Diesmal ist es Beate, die sich auf dem Salz langmacht und einige Joke-Fotos schießt.

Dreißig schnelle Minuten über das platte Salz später – den Cerro Pucarini haben wir quasi halb umrundet – ein erneuter Stopp, nun auf der nordwestlichen Ausbuchtung des Sees. Und da sehen wir sie vor uns, die Salinas bei Coipasa und Villa Vitalina. Dutzende von Salzhaufen, hunderte in Reih und Glied zum Trocknen aufgestellte Salzquader warten auf ihren Abtransport. Wir sind keineswegs alleine. Arbeiter schuften nicht weit entfernt auf dem blanken Salz. Zudem bewegt sich da irgendwas auf einer Felsinsel, ganz in unserer Nähe. Lamas! Eine große Herde Lamas, auf einer kleinen Felsinsel ganz in der Nähe, mitten im Salz. Dort suchen

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sie scheinbar nach Fressbarem. Doch augenscheinlich fühlen sich die Tiere jetzt von den neugierigen Touristen gestört, denn plötzlich sammelt sich die Herde auf dem Salz und wandert schnurstracks unterhalb des Kakteen-bestandenen Abhangs des Cerro Pucarini dem nördlichen Ufer entgegen. Auch wir verlassen den See, erreichen auf einem ziemlich modrigen Untergrund Villa Vitalina und gurken noch weitere zwanzig Minuten auf schlechter Piste gen Norden. Kurz vor Sabaya erreichen wir die gut befestigte Ruta 12, auf der es nun direkt nach Norden geht. Nur noch 190 Kilometer, zweieinhalb bis drei Stunden Fahrt, wären es auf dieser Fernstraße nach Oruro, erklärt uns Javier. Doch was sollen wir dort? In schneller Fahrt durchqueren wir die Cuchilluni Lokhesa Pampa, steuern direkt auf zwei Berge zu, den Pacha Kkollu Quimsa Misa (4702 m) im Nordwesten und dem Inca Camacho (4792 m) im Südosten. Das Gebirgsmassiv ist rasch überwunden und wir sind in Huachacalla, auf einer Höhe von 3.749 Metern. Nach dem Durchfahren der Tausendseelengemeinde führt eine Piste kurvenreich bergauf. Es wird erneut holprig. Hoch über dem Ort eröffnet ein Mirador eine wunderbare Aussicht auf die Puna der Pampa Khalasaya mit ihren Gräsern, Sukkulenten und Dorngestrüpp sowie das Tal des Rio Lauca, der sich träge dem Salar de Coipasa entgegenwälzt. Javier schlägt vor, hier doch gleich Mittag zu machen und holt die Picknick-Box aus dem Auto. Doch heftig aufkommender Wind macht uns das Mittagsmahl im schönsten Sonnenschein streitig und treibt besonders Norbert, den plötzlich Husten, Niesen und ‘ne große Schlappheit überfällt, zurück ins Auto. Ist er der nächste, den die Erkältungswelle erfasst? Bald nach der Weiterfahrt kämpft plötzlich auch Beate mit nicht enden wollenden Niesattacken. Ist das ebenfalls ‘n aufkommender Schnupfen oder nur der Staub der schier nicht enden wollenden Pisten? „Wieder mal nix als Jegend draußen, wohl?“ Und augenblicklich ist es eine ziemlich trostlose Gegend. Ein Gewirr sandiger Pisten, immer wieder Salzflächen, Gras, Gestrüpp, Schwemmland. Das Tal des Rio Lauca. Doch ganz so langweilig ist die Landschaft nun auch wieder nicht, denn im Nordwesten grüßt eine Kette schnee- und eisbedeckter Vulkane: Der 6071 Meter hohe, aktive Volcán Guallatiri, der bereits in Chile liegt. Dazu, im Grenzgebiet liegend, die Kette der drei Vulkane Capurata (6.039 m), Acotango (6052 m) und der 5601 Meter Umarata. Sie bilden zusammen die Quimsachata-Vulkankette, wobei Quimsachata auf Aymara „drei“ bedeutet. Und weit im Norden, jedoch schon gut sichtbar, lockt einsam und alleine ein weiterer vergletscherter Riese: Der Sajama. Mit 6542 Metern ist er der höchste Berg Boliviens und einer der höchsten Vulkane der Welt, jedoch seit über 25.000 Jahren erloschen. Ihm gilt heute Nachmittag unser Interesse, und heute Abend werden wir an seinem Fuße in Tomarapi, auf ca. 4.200 Meter Höhe, übernachten.