Abstrakt - Informel: Drei Generationen

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White Brush Gallery - André Schnaudt

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  • Was heit denn hier abstrakt?Anmerkungen zur Ausstellung ABSTRAKT-INFORMEL von Christine Kremers-Lenz

    Abstrakt meint im allgemeinen Sprachgebrauch meist gedanklich bzw. begriff-lich im Gegensatz zur unmittelbaren Anschauung, zum Erleben und Fhlen; dies oft auch im pejorativen Sinne: Abstraktes ist blutleer und ohne Leben. Der Philosoph He-gel drehte dies um: Das unmittelbare, in der Wahrnehmung Gegebene ist das Abs-trakte, weil es eben noch nicht begriffen wurde, erst im Denken wird es konkret. In der philosophischen Abstraktionstheorie ist das Abstrakte das Ergebnis eines Vorganges, in dem von den spezifischen anschaulichen Merkmalen zugunsten der wesentlichen Eigenschaften einer Klasse von Gegenstnden abstrahiert wird, um einen allgemeinen Begriff von etwas zu gewinnen. Je mehr Gegenstnde unter diesen Begriff fallen, desto allgemeiner ist er und desto weniger Merkmale sind in ihm enthalten. So kann z.B. bei dem Begriff des Tisches schlielich auch davon abstrahiert werden, wie viele Beine dieser hat oder aus welchem Material er besteht. Im Zuge des Abstraktionsvorgangs wird der Begriffsumfang, d.h. die Menge der Gegenstnde, die unter ihn fallen, grer und der Begriffsinhalt, d.h. die Merkmale, die in ihm enthalten sind, kleiner. Ob und in welcher Weise Begriffe wirklich existieren oder ob sie nur gedankliche Konstrukte sind, ist bei den Philosophen schon immer sehr umstritten gewesen. In jedem Fall sind Begriffe konstitutiv dafr, dass sich mit Bewusstsein begabte Wesen wie wir darber unterhalten knnen, was wir wahrnehmen.

    Was meint denn nun abstrakte Kunst?

    Auch in der Kunst ist davon auszugehen, dass das Abstrakte Ergebnis eines Vor-ganges ist, nur ist dies nicht oder nicht in erster Linie begrifflicher Natur, sondern ein Kunstprodukt, auf das ich, als Betrachter, in unterschiedlicher Weise reagieren kann: Ich kann es erleben, ich kann es lesen oder auch entschlsseln. Es kann mich nach-denklich machen, es kann mich aber auch so erschttern, dass es mich im Extremfall zusammenbrechen und weinen lsst, wie dies von einigen Betrachtern der Bilder des abstrakten Expressionisten Mark Rothko berichtet wird. Vielleicht nicht ganz so heftig, aber auch verstrend wirkt das Gemlde Erreger I von Rdiger Last in dieser Ausstel-lung. Zum Lesen animieren mich die Gemlde von Ernst Weil Landungssteg - Wo ist der Landungssteg? - oder zum Nachempfinden des irritierend luftigen und heiteren Eindrucks einer Industrielandschaft. Zum Entschlsseln laden insbesondere die Bilder des Malers Gregor Hiltner ein, z.B. Pantanis letzte Etappe,- auch wenn ich Pantani gefunden habe, so bliebe noch herausfinden, warum es sich um seine letzte Etappe handelte. Schon die Vielseitigkeit der wenigen hier ausgestellten Werke zeigt die Band-breite dessen, was als abstrakte Malerei verstanden werden kann. Die Frage, wovon und zugunsten welchen Eindrucks der Knstler jeweils abstrahiert, ist nicht leicht zu

  • beantworten. Allen abstrakten Kunstprodukten ist jedenfalls gemeinsam, dass sie dar-auf verzichten, das Gegenstndliche realistisch abzubilden. Beim Abstrahieren werden bestimmte Aspekte in den Vordergrund gestellt: reine Formen in geometrischer Abs-traktion wie bei den Bildern von Weil, Farbformen wie bei Hiltner, Muster und Orna-mente wie bei Ackerman oder auch Reflexionen wie bei Dawson.

    Abstrakt versus Informel

    Ursprnglich als Gegenbewegung zur geometrischen Abstraktion entstand die Kunstrichtung des Informel, Gegenbewegung, insofern die Knstler des Informel die geometrische Abstraktion ablehnten, und Weiterfhrung, weil hier die Brcke zum Ge-genstndlichen gnzlich abgebrochen wurde. Konstitutiv ist das Prinzip der Formlosig-keit. Bei der Entstehung eines Kunstwerks steht nicht mehr die Auflsung von Form im Sinne der Abstraktion vom Gegenstndlichen im Vordergrund, sondern der schp-ferische Prozess der Formwerdung, z.B. aus Farben und Texturen wie bei Casagrande. Hier knnen wir als Kunstbetrachter dem Knstler nur folgen, indem wir die Erwar-tung, etwas wiederzuerkennen, ber Bord werfen. An die Stelle der Suchbewegung nach letzten Rudimenten des Gegenstndlichen tritt beim Betrachter die Entdeckung neuer Motive und Formen.