Anfänge Widerstand Neuaufbau

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Herausgeber: Historische Kommission der SPD

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  • Beitrge zur Geschichte derSozialdemokratie in Sachsen-Anhalt

    Heft 4

    Historische Kommissiondes SPD-LandesverbandesSachsen-Anhalt (Hrsg.)

    SPD-Geschichte in Sachsen-AnhaltAnfnge, Widerstand,

    Neuaufbau

  • SPD-Geschichte in Sachsen-Anhalt

    Anfnge, Widerstand,Neuaufbau

    Herausgeber:

    Historische Kommission

    des SPD-Landesverbandes

    Sachsen-Anhalt

  • Dr. Rdiger Fikentscher........................................................................Vorwort 4

    Andreas HermannChronik der Atzendorfer

    ...........................Sozialdemokratie von 1881 1918 6

    Petra Grimm-BenneHermann Kasten Erster Brgermeister der Stadt Stafurt und Mitglied des

    ............................................Preuischen Landtages 18

    Helmut HartmannDer Sozialdemokrat Gerhard Seger

    ..........................(1895 1967) widerstand den Nazis 32

    Dr. Andreas SchmidtFranz Peters stimmte

    ..........................gegen das Ermchtigungsgesetz 38

    Bernd BiedermannUnd pltzlich war alles andersErinnerungen an eine

    ............................................strmische (Wende)Zeit 41

    Dr. Tilo HeuerWie sich mit der Grndung des Ortsvereins Ktzschau

    .....................................mein Lebensweg vernderte 46

    Dr. Reinhard Hppner...................Von den Anfngen der SPD in der DDR 50

    Geschichte der SPD Sachsen-Anhalt - Heft 4

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    Inhalt

  • Christian Hausmann und Stefan ZeitzMagdeburg in der Tradition

    ................sozialdemokratischer Oberbrgermeister 64

    Dr. Rdiger Fikentscher..........................................100 Jahre Volkspark Halle 71

    Die Liedtitel der Falken-Band Zeit zum Aufstehen...............................Adam-Wolfram-Preistrger 2006 76

    Einiges aus unserer Statistik

    ...........31 Ortsvereinsvorsitzende seit 1989 in Halle 81

    Landesdelegiertenkonferenzen .....................................der Jusos in Sachsen-Anhalt 83

    V.i.S.d.P.:SPD-Landesverband Sachsen-AnhaltHistorische KommissionBrgelstrae 139104 Magdeburgwww.spd-sachsen-anhalt.deDruck: Druckerei Gottschalk - Aken

    Geschichte der SPD Sachsen-Anhalt - Heft 4

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  • Vorwort

    Je mehr sich die Historische Kommission unseres Landesver-bandes mit der Geschichte der Sozialdemokratie in Sachsen-Anhalt beschftigt, desto Interessanteres und auch emotional Berhrendes finden wir. Einiges davon wollen wir vor dem Ver-gessen bewahren, denn es kann uns helfen, in der Gegenwart feste Positionen einzunehmen, selbstbewusst aufzutreten und manchmal auch gelassener zu sein, wenn wir wissen, was un-sere Partei in ihrer langen Geschichte alles geleistet und erlitten hat. Wer kann sich heute noch vorstellen, aus welch beschei-denen Anfngen unsere groe Bewegung entstand, wie wir es ganz plastisch aus den Schilderungen des alten Bergarbeiters Andreas Hermann aus Atzendorf erfahren? Und wer vermag sich nach einem dreiviertel Jahrhundert noch vorzustellen, welch persnlichen Mutes es bedurfte, sich den Nazis offen entgegenzustellen und wieviel Leiden daraus erwuchsen? Und so enthlt dieses Heft vor den Schilderungen des Neuaufbaus ab 1989 die Wrdigung des sozialdemokratischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

    Drei Beitrge berichten ber Personen aus dieser Zeit: den von den Nazis ermordeten SPD-Brgermeister Hermann Kasten aus Stafurt und die beiden Reichstagsabgeordneten Gerhard Seger aus Dessau ihm gelang Ende 1933 eine spektakulre Flucht aus dem KZ Oranienburg, deren Schilderung in das be-rhmte Buch von Anna Seghers Das siebte Kreuz eingegan-gen ist - sowie Hans Peters aus Halle, der im August 1933 an den Folgen der Haft verstorben ist.

    Es muss immer wieder daran erinnert werden: Nach der so ge-nannten Machtergreifung am 30. Januar 1933, als Hitler durch Hindenburg zum Reichskanzler ernannt wurde, verstrkte sich der nationalsozialistische Terror. Diesem stand der Reichstag wenigstens formal noch im Wege. Durch das so genannte Er-mchtigungsgesetz sollte auch er vllig ausgeschaltet werden. Dieses Gesetz bestand aus fnf kurzen Artikeln. Die zwei wich-tigsten Stze darin lauten: Reichsgesetze knnen auer in der Reichsverfassung vorgesehenen Verfahren auch durch die Reichsregierung beschlossen werden., und Die von der Reichsregierung beschlossenen Reichsgesetze knnen von der Reichsverfassung abweichen ! Damit konnte die einmal ins

    Geschichte der SPD Sachsen-Anhalt - Heft 4

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  • Amt gelangte Regierung, ohne je wieder das Volk und seine Vertreter fragen zu mssen, schalten und walten wie sie wollte. Und diesem Gesetz haben alle brgerlichen Abgeordneten zu-gestimmt. Der Vorgang ist als das grte und folgenreichste Missverstndnis der Demokratie in die Geschichte eingegan-gen, weil sie sich mit dieser Entscheidung selbst ausgeschaltet hat. Einzig alle 94 anwesenden Sozialdemokratinnen und Sozi-aldemokraten stimmten mit nein. Bereits am Tag zuvor hatte die SPD-Fraktion hart um diese Entscheidung gerungen. Dann war man sich einig. Einige der 26 abwesenden Abgeordneten waren - ebenso wie die meisten Kommunisten - bereits verhaf-tet worden. Darunter Gerhard Seger. Seinen Kampf gegen den Nationalsozialismus setzte er spter mit groem persnlichem Einsatz vom Ausland aus fort. Auch darber berichtet das Heft 4 unserer SPD-Geschichte in Sachsen-Anhalt.

    Mein Dank gilt neben den Autoren besonders Oliver Lindner fr die Erledigung der technisch-organisatorischen Arbeiten sowie dem SPD-Landesverband fr die bernahme der Herstellungs-kosten.

    Rdiger FikentscherMagdeburg, August 2008

    Geschichte der SPD Sachsen-Anhalt - Heft 4

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  • Chronik der Atzendorfer Sozialdemokratie von 1881 1918

    Aufgeschrieben im September 1932 von dem Bergmann And-reas Hermann (1854 1939), geboren und gestorben in Atzen-dorf

    berarbeitet von Rdiger Fikentscher 2007

    VorspannDie Chronik berichtet nicht nur ber spannende Jahrzehnte, sondern hat selbst eine interessante Geschichte, weil sie seit 1933 verschiedenen Wechselfllen des politischen Lebens ausgesetzt war. Es handelt sich bei ihr um den fr die Sozial-demokratie wesentlichsten Teil der Chronik des Ortes Atzendorf in Sachsen-Anhalt, die von dem damals 78-jhrigen Andreas Hermann natrlich handschriftlich zu Papier gebracht, sp-ter wortgetreu mit Maschine abgeschrieben wurde. Dieser gro-e Schatz des dortigen Ortsvereins ist es wert, einem greren Leserkreis zugnglich gemacht zu werden, um uns in der heuti-gen Zeit deutlich werden zu lassen, aus welchen Anfngen und unter welch einfachsten Bedingungen sich die Sozialdemokratie hervor gearbeitet hat.

    Die berarbeitung halte ich fr vertretbar und notwendig, denn unser Genosse Hermann hat als alter Mann gewiss weder Kraft noch Mglichkeiten gehabt, seine Zeilen zu korrigieren und fr sptere Leser zu berarbeiten. Wir sind es ihm schuldig, diese Arbeit fr ihn zu bernehmen. Er schreibt:

    Teil IIm Jahre 1881 glaubte wohl keiner unserer Gegner in der Ge-meinde, dass sich die Sozialdemokratie hier entwickeln knnte. Doch zum grten Erstaunen erhielt der Kandidat der Sozial-demokratie die ersten vier Stimmen, und zwar von den Bergar-beitern der Grube Henriette. Der Anstifter dazu war der Bergmann August Ebert. Das allgemeine Erstaunen war gro, doch dies war erst der Anfang. Die Saat fr die Sozialdemokra-tie ging allmhlich auf. Bei der Wahl im Jahre 1887 waren es schon 25 Stimmen, die fr unseren Kandidaten Gnter Quedlinburg abgegeben wurden. Das war auch schon alles,

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  • denn von Partei oder Politik sowie von Organisationen hatte von uns allen keiner eine Ahnung. Es gingen aber immer mehr von uns nach Neu-Stafurt, Agathe (dies war offenbar ein Versammlungsort der Sozialdemokraten in der Kreisstadt). 1889 gab es dann schon 87 Stimmen fr den Schneidermeister Habermann in Magdeburg. Danach kam neues Leben in die Bewegung. Mehrere lasen bereits eine Arbeiterzeitung, und zwar die Nrnberger Arbeiterzeitung, wodurch eine ganz an-dere Anschauung ber die Verhltnisse entstand. Ich hatte das Glck, das in Zrich gedruckte Parteiblatt der SPD, Der Sozi-aldemokrat, zu lesen zu bekommen. Das war in den 80er Jah-ren sehr schwer zu erhalten, denn es gab noch das Ausnahme-gesetz. Der Sozialdemokrat kam aus der Schweiz und war in feines seidenes Papier gehllt. Durch dieses Blatt bekam ich erst eine Auffassung davon, was die Sozialdemokratie will und was sie nicht will. Die Bltter wurden heimlich verteilt, denn wer solche Schriften ffentlich verbreitete, bekam ohne weiteres die Ausweisung aus der Arbeit und musste binnen 24 Stunden sei-nen Wohnort und seine Familie verlassen. Das ist in Atzendorf nicht geschehen, aber in greren Stdten ging es schlimm her. Dieses Gesetz ist nach dem Attentat von Noveling und Hdel 1878 am 1. Mai erlassen worden. Sie hatten in Berlin auf den alten Kaiser Wilhelm I. geschossen. Dieses Attentat ist so aus-gelegt worden, als htte die Sozialdemokratie die beiden dazu gedungen. Doch stellte sich heraus, dass sie mit der Sozialde-mokratie nichts zu tun hatten. Aber das Gesetz war fertig und musste nun seine Schuldigkeit tun. Es wurden nun alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Sozialdemokratie zu vernichten. Vie-le Arbeiter-Genossen wurden ausgewiesen, teilweise wurde sogar auf den Kopf drei Mark Belohnung gesetzt. Es kam in greren Fabriken vor, dass jemand verdchtigt wurde, verbo-tene Schriften in die Taschen gesteckt zu haben, und sofort wurde der Betreffende verhaftet und ausgewiesen. Von unserer Seite ist dieses Gesetz ein Schandgesetz genannt worden. Doch es hat uns nicht vernichten knnen, sondern unsere Stimmen sind von Wahl zu Wahl gestiegen. In Atzendorf haben wir uns auch whrend der Zeit dieses Gesetzes recht krftig entwickelt, wie die Wahl am 20.02.1890 zeigte. Wir untersttz-ten den im Kreis gut bekannten Genossen