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Aus: Text - Textsorten - SemantikLinguistische Modelleund maschinelle Verfahren

Herausgegeben vonAnnely Rothkegel und Barbara Sandig

HELMUT BUSKE VERLAG HAMBURG1984

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PETER HELLWIG

GRUNDZGE EINER THEORIE DES TEXTZUSAMMENHANGES

bersicht und Hauptthese: Texte sind zweifach strukturiert

1. Die syntagmatische Dimension der Textstruktur1.1. Definition von Kohsion1.2. Ein Schema fr die Textanalyse1.3. Kohsion schaffendes Wissen1.4. Kontiguitt und Isotopie1.5. Referentielle Progression2. Die pragmatische Dimension der Textstruktur2.1. Definition von "Kohrenz"

2.2. Die Rolle des Fraglichen in monologischen Texten

2.3. Warum ein eindimensionales Textmodell nicht adquat ist

2.4. Zum Begriff des Themas als des Fraglichen2.5. Thematische Progression3. Perspektiven fr die Erforschung der Textstruktur3.1. Der hermeneutische Charakter der Textanalyse3.2. Auseinanderhalten von Text- und Wissensstruktur3.3. Untersuchung des Zusammenhanges von Text- und Satzstruktur3.4 Texttypologie und Hyperstrukturen3.5 Beziehungen zwischen Texten

0. bersicht und Hauptthese: Texte sind zweifach strukturiert

Intuitiv beurteilen wir einen Text danach, ob er zusammenhngendist. Nicht von ungefhr stammt das Wort 'Text' von der lateinischenBezeichnung fr Gewebe ab. Meine erste wichtige These lautet nun:Es gibt zwei qualitativ verschiedene Arten von Zusammenhang ineinem Text. Der eine ist ein syntagmatischer, der andere

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im Kern ein pragmatischer. Ich unterscheide daher zwei Dimensionender Textstruktur und belege sie mit den in der Textlinguistik schongebruchlichen Termini 'Kohsion' und 'Kohrenz'. Zur Kohsiongehrt vieles, das bisher schon in der Textlinguistikzusammengetragen worden ist. Den Begriff der Kohrenz werde ich neubestimmen. Die zentrale Rolle dabei wird das Fragliche des Textesspielen. In der Folge werden Fragestellung und Thema gleichgesetzt.Den beiden Strukturdimensionen entsprechen zwei Prinzipien derStrukturierung, die ich unter die Begriffe 'referentielleProgression' und 'thematische Progression' fassen werde.

Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen darstellende, monologischeTexte, wie es die meisten schriftlichen Erzeugnisse sind. Es istjedoch fr Anschlu an dialogische Texte und Sprechaktsequenzenaller Art gesorgt. Meine berlegungen stehen in der Tradition derTextmodelle. Obwohl die Theorie hier informell dargestellt wird,ist eine Textgrammatik das Ziel, die allen und nur denwohlgeformten Texten, die unter pragmatisch sinnvollen Bedingungenin einer Sprache formuliert werden knnen, eine syntaktischeBeschreibung zuweist, aus der der semantische Aufbau hervorgeht.Die Notwendigkeit dazu, eine solche Theorie zu entwickeln, hat sichfr mich ergeben, als ich die Datenbasis meines maschinellenSprachverarbeitungssystems PLAIN ber unabhngig voneinandereingegebene Stze hinaus strukturieren wollte. Ich bin heute derMeinung, da noch in keiner Weise feststeht, wie eine solcheStrukturierung aussehen mu. Ich glaube aber, da zumindest die imfolgenden getroffenen systematischen Unterscheidungenbercksichtigt werden mssen. Ich werde erlutern, welche neuenPerspektiven sich aus meinem zweidimensionalen Modell fr dieErforschung von Texten ergeben. [l]

Als Beispiel fr einen zusammenhngenden Text mge die folgende,leicht gekrzte Nachricht aus dem Magazin "Der Spiegel" dienen:

(BT)

(S-1) Der Militrische Abschirmdienst (MAD) ist wieder ins Geredegekommen.

(S-2) Ein Oberst des Klner Amtes fr Sicherheit der Bundeswehrformulierte Ende Mrz ohne Wissen seiner Vorgesetzten denBefehl, geheime Mitarbeiter sollten mglicherweise geplanteAktionen extremistischer Organisationen gegen den MnchenerSPD-Parteitag erkundenden.

(S-3) Eine solche Weisung widerspricht dem Auftrag des MAD.

(S-4) Nachrichtensammlung in extremistischen Organisationen istAufgabe des Verfassungschutzes.

(S-5) Offiziere der MAD-Gruppe Mnchen protestierten sofort.

(S-6) Und um dem neuen MAD-Chef Schmhling gleich einsauszuwischen, spielten sie den Befehl an die Springerpresse.

(S-7) Schmhling ist bei den konservativen Geheimdienstlern alssozialliberal verschrien.

(S-8) Der stellvertretende MAD-Chef Kase zog daraufhinAnfang April die miverstndliche Weisung zurck.

Eine schematische Darstellung der Struktur dieses Textes auf derGrundlage meines Modells enthlt Abb. 1.

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Abb. 1: Schema der Textstruktur

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1. Die syntagmatische Dimension der Textstruktur

1.1. Definition von 'Kohsion'

Ich definiere 'Kohsion' als das Gesamt der syntagmatischen Be-ziehungen in einem Text. Damit ist auf einen knappen Nenner ge-bracht, was in Wirklichkeit weit reicht. 'Syntagmatisch' heien dieRelationen zwischen Sprachzeichen, die miteinander in eineruerung vorkommen. Beim einzelnen Sprachelement zeigen sie sich -um einen Terminus von W. ADMONI zu benutzen - in seiner F-gungspotenz. Die Ausdrcke schrnken sich gegenseitig hinsichtlichihrer Kombinierbarkeit und Form ein. Am strksten ist diesegegenseitige Abhngigkeit im Rahmen des Satzes. Dort zeigt sichKohsion am unmittelbarsten. Manche der syntaktischen Ab-hngigkeiten reichen aber bekanntlich ber die Satzgrenzen hinaus.

Die Kehrseite der Form ist die Funktion. Logisch-semantisch kannein Groteil der syntagmatischen Beziehungen als Funktor-Argument-Verhltnis interpretiert werden. Funktoren sind ungesttigte, er-gnzungsbedrftige Zeichen. Sie fhren eine leere Stelle mit sich.[2] Wenn Ausdrcke des passenden Typs diese Stelle ausfllen,ergibt sich eine neue Einheit. Insbesondere ergibt sich eineProposition aus der Zuordnung von Argumenten zu einem Prdikat.Propositionen knnen mehr oder weniger komplex sein und durchbergeordnete Prdikate miteinander verknpft werden. Die Koh-sionsdimension ist nach diesen berlegungen zugleich die proposi-tionale Ebene des Textes.

Soweit ein Text aus Aussagen besteht, entsprechen den syntagma-tischen Beziehungen zwischen den Ausdrcken bestimmte Zusammenhngezwischen Entitten eines Objektbereiches. Der Objektbereich iststets geistig vermittelt, auch wenn der Anspruch erhoben wird, daer mit der Realitt bereinstimmt. Im brigen ziehe ich es vor, denauersprachlichen Status der Entitten, auf die man in Textenreferiert, offen zu lassen. Ich nenne sie einfach 'Redeobjekte' undwerde nicht versuchen, sie anders als in natrlicher Sprache zureprsentieren. Zum Redeobjekt knnen Individuen und Mengen,Konkretes und Abstraktes, Sachverhalte und Tatsachen - kurz allesDenkbare, oder besser: Sagbare - gemacht werden. Sie mssen, selbstim gedanklichen Weltmodell des Sprechers, nicht unbedingt vorabexistiert haben. Nicht selten konstituieren sie sich erst, unterdem Einflu der sprachlichen Hllen, im Vollzug der Rede. DaRedeobjekte in der realen Welt kein quivalent zu haben brauchen,ist selbstverstndlich.

Nichtsdestoweniger steht auer Zweifel, da es einen referentiellenAspekt der Textstruktur gibt. Redeobjekte werden an bestimmterStelle in Text eingefhrt. Durch Prdikate und andere Relatorenwerden sie mit anderen Redeobjekten verknpft. ber ein unddasselbe Objekt wird an verschiedenen Stellen etwas ausgesagt. Vonder Ausdrucksseite her gesehen, ergibt dies Koreferenzbeziehungenbzw. Substitutionszusammenhnge [3] im Text. Die Kohsionsdimensionlt sich, so gesehen, auch als die referentielle Ebene des Textescharakterisieren.

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1.2. Ein Schema fr die Textanalyse

Werfen wir hier einen Blick auf Abb. 1. Der Darstellung der Text-struktur liegt ein Schema zugrunde, das ich zu didaktischen Zweckenentwickelt habe. Auf der linken Seite wird die Kohsion dar-gestellt. Dazu wird der Text in etwa satzgliedweise untereinandergeschrieben. Die Senkrechte reprsentiert also die sequentielleOrdnung. Die Satzglieder, die Redeobjekte bezeichnen, stehen links-bndig, die Prdikate sind etwas eingerckt. Die Unterscheidungzwischen referierendem und prdizierendem Gebrauch von Sprachele-menten ist zunchst intuitiv. Es ist Aufgabe der ausgearbeitetenTheorie, sie zu przisieren. Durch die Prdikate werden die Rede-objekte charakterisiert und miteinander verbunden. Die senkrechtenStriche heben diesen Teil der Kohsion hervor. Auf schon ein-gefhrte Redeobjekte wird an anderer Stelle wieder Bezug genommen.Die Koreferenz der entsprechenden Ausdrcke wird am linken Rand desSchemas durch Bgen symbolisiert. Dabei sollen die gestricheltenBgen andeuten, da die betreffenden Redeobjekte nicht identischsind, aber miteinander zu tun haben. Fr letzteres werde ich untenden Terminus 'Kontiguitt' einfhren.

1.3. Kohsion schaffendes Wissen

Manche Glieder des Zusammenhanges im Referenzbereich werden im Textnicht ausgedrckt. Ein Beispiel dafr sind Ellipsen, wie z.B. in(S-5) die Auslassung dessen, wogegen die Offiziere protestierten.Ellipsen kann man sich erlauben, wenn man sicher ist, da der Leserdas Fehlende sowieso prsent hat. Sie sind geradezu einKohsionsmittel, denn sie signalisieren, da eine auf der Handliegende Beziehung zum Vorangehenden besteht. Nicht in Worte gefatwerden auch ganze Sachverhalte, die aus dem im Text Gesagtenfolgen. Aus (S-4) folgt z.B., da die Nachrichtensammlung nichtAuftrag des MAD ist. Diese implizite Aussage enthlt die Anknpfungan den in (S-3) erwhnten Auftrag des MAD. Im Text steht oft geradegenug, um Folgerungen anzustoen und in eine gewnschte Richtung zulenken. Die syntagmatische Struktur der Aussagen, die dabeierschlossen werden, und die Koreferenzen, die dabei zutage treten,zhle ich mit zur Kohsion.

Ein Groteil der Kohsion eines Textes beruht auf Beziehungen, dieim Objektbereich bestehen und nach dem intuitiven Urteil des Autorsseinen Lesern bekannt sind. Dazu zhlt alles, was durch dieaktuelle Situation, durch Erfahrung und durch vorangehendeKommunikation im gedanklichen Weltmodell des Lesers als etabliertgelten darf. Das knnen individuelle und historisch einmaligeSachverhalte