Balde, Agncola und Faber, Stengel: Ingolstädter Blaetter 2016... · PDF fileGretser,...

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  • JAHRGANG 7 AUSGABE NR . 62 2016

    Balde, Agncola und Faber, Stengel: Ingolstdter Beitrge zum Jesuitentheater

    Das Jesuitentheater war eine Antwort auf die Reformation

    Von Gerd TrefferVom Herzog gerufen

    kamen 1549 mit Petrus Cani-sius, Alphons Salmeron und Claudius Jajus die ersten (und herausragenden) Vertreter des jungen Jesuitenordens nach Ingolstadt, um eine nach dem Tod des groen Luther-gegners Professor Johann Eck entstandene theologische Lcke zu schlieen. Der Her-zog hatte, noch vor dem Epi-skopat, entschlossene Schrit-te unternommen, sein Land beim alten Glauben zu halten.

    Den Jesuiten war von Wii-heim IV. der Bau eines eige-nen Kollegs zugesichert wor-den, der sich nach seinem Tod 1550 verzgerte, was dazu fhrte, dass Canisius und sei-ne Begleiter 1552 die Stadt wieder verlieen. Herzog Albrecht V. fhrte mit Igna-tius Verhandlungen, die in eine siebzehnpnktige Ver-einbarung mndeten. 1556 entsandte der Jesuitengene-ral 18 Ordensleute, die im Juli in Ingolstadt eintrafen und eine Ordensniederlassung grndeten, die 1576 in unmit-telbarer Nachbarschaft zum Ingolstdter Mnster ihren Sitz fand und 200 Jahre lang Pflanzschule des Ordens fr ganz Deutschland war. Igna-tius nannte das Ingolstd-ter Kolleg seinen Benjamin, weil es das jngste und letz-te war, denn er starb am 31. Juli 1556.

    Die theologische Fakul-tt erreichte nach Eck (dem streitbaren aber auch intel-lektuell brillanten Theolo-gen), nach Petrus Canisius (dem zweiten Apostel der Deutschen und Verfasser des berhmten nach ihn benann-

    ten und ber Jahrhunder-te in Gebrauch gebliebenen Katechismus) dann mit Gre-gor von Valencia (1549-1603), der 1575 nach Ingolstadt kam, Glanz (vorweg als Merkpos-ten: der letztgenannte gro-e Theologe lehrte bis in die Zeit in Ingolstadt, als die hier zu betrachtenden Jesuitenau-toren Agncola und Faber in Ingolstadt als Lehrer deb-tierten: Agricola 1591, Faber 1593- und Gregor von Valen-cia bergab 1592 seinen Lehr-stuhl an einen der ganz gro-en Jesuitenpoeten, an Jakob Gretser, hielt aber bis 1597 noch Vorlesungen).

    Gregor war der gln-zendste Theologe des Jahr-hunderts nach dem Triden-tinum, und sein Ehrenname doctor doctorunrrt zielt dar-auf, dass er einer ganzen Generation selbst hochge-lehrter Doktoren der Theo-logie als Lehrmeister dien-te. Die Ingolstdter Hohe Schule, die Bayerische Lan-desuniversitt, wurde zur intellektuellen, zur geistigen Rstkammer der Gegenre-

    formation. Leopold von Ran-ke schrieb:

    Ingolstadt bekam, aber in entgegengesetztem Sinn, eine Wirksamkeit, wie sie Wittenberg und Genf gehabt hatten. Das heit: Ingolstadt war fr den Katholizismus der entscheidende Verankerungs-ort und ideengeschichtlich in Europa so bedeutsam wie Wittenberg fr den Protes-tantismus und Genf fr den Calvinismus. Prgnanter auf den Punkt gebracht: Ohne das entschiedene Eintreten des spteren bayerischen Herzogs und Kurfrsten Maxi-milian (1573-1651) und des Habsburger Kaisers Ferdinand II. (beide an der Ingolstdter Universitt mit ihrer katholi-schen Grundprgung ausge-stattet) wre die Geschichte des Landes, des Kontinents sicher anders verlaufen.

    Jesuitischem Programm entsprach die Erziehung von knftigen Frsten zu verlssli-chen katholischen Regenten. Der sptere Kurfrst Maxi-milian II. hatte unter Leitung Gregor von Valencias in Ingol-

    stadt Logik, Ethik und Mathe-matik und anschlieend Jurisprudenz studiert. Seine Brder Philipp Wilhelm und Ferdinand waren nach ihm an der Universitt Ingolstadt gewesen. Der junge Habsbur-ger Erzherzog Ferdinand, der 1619 als Ferdinand II. Kaiser des Heiligen Rmischen Rei-ches und ein entschiedener Vertreter der Gegenreforma-tion werden sollte, war Ingol-stdter Student gewesen (vorweg: erneut als Merk-posten: die Jesuitenautoren, Gretser, Agricola, Faber hat-ten mithin unweigerlich zu

    Ingolstadt die zwei zentralen Persnlichkeiten der katholi-schen Resistance persnlich erfahren, waren ihnen begeg-net, hatten mit ihnen gespro-chen, debattiert). Im folgen-den Krieg stand auf der Seite des Einen Wallenstein, auf der Seite des Anderen Til-ly, der in Ingolstadt im Haus des UniversittsProfessors Arnold von Rath starb. 1594, nach Abschluss seines Studi-ums, schenkte der Habsbur-ger Erzherzog Ferdinand der Universitt einen prunkvollen Schiffspokal, ein Meisterwerk europischer Goldschmie-

    dekunst, das sich bis heute erhalten hat.

    Sich den fhrenden Per-snlichkeiten eines Staates, einer Zivilisation zu nhern und ihnen mit bestechen-der Argumentation im Sin-ne intellektueller Redlichkeit die Debatte um Positionen abzuringen, war in damali-ger Sicht (methodisch) ein gewagtes Unterfangen Es zeichnet die Jesuiten aus, den Weg des Diskurses und der Auseinandersetzung mit Anders-Glubigen, mit Anders-Denkenden (mit fremden Kulturen) in ganz ernsthafter Weise (nmlich der Offenheit des Sich- Hin-einversetzens in fremde Denkstrukturen) gegangen zu sein, was eine unglaub-liche mentale Strke und Selbstwertgefhl voraussetzt. Es waren Mnner mit weit mehr als solidem wissen-schaftlich-handwerklichem Knnen, die die Jesuiten in die Mission sandten, (Leute, die , htte es damals Nobel-Preise schon gegeben, derer verdchtig gewesen wren und die tatschlich aufgrund einer hchst intelligenten, vllig neu dafr erfundenen Missionsmethode der Akkul-turation ungeahnte Erfolge errangen wie die Ingolstd-ler Kaspar Castner, Ignaz Kgler, Anton Gogeisl, der Wrzburger Kilian Stumpf. Als eindringliches Mittel zur Ver-kndung des Glaubens nutz-ten die Jesuiten auch die The-aterbhne, Ingolstadt war Zentrum des Sddeutschen Jesuitentheaters. Die Jesui-ten erfanden sozusagen das lateinisch sprachige Thea-terspielen an ihren jungen

    Schulen, den Gymnasien, die nicht nur auf den Besuch der Universitten vorbereiten, sondern deren erfolgreiches Absolvieren der sechsten Kasse, der Rhetorik, Voraus-setzung fr die Zulassung zum Grundstudium, dem Stu-dium in der philosophischen Fakultt wurde. Das Jesuiten-theater war eine Antwort auf die Reformation. In der (intel-lektuell geprgten) Sicht der Gesellschaft Jesu war die Gegenreformation nicht, ent-gegen der so heute landlu-fig verbreiteten Meinung, die Ablehnung und Zurckwei-sung der reformatorischen Ideen (wie sie Luther in Gang gesetzt hatte), sondern die diesem Begehr auf Vernde-rung entgegenzusetzenden Ideen unter Bercksichtigung ihres durchaus zu recht erho-benen Reformbedarfs. Dar-auf wollten die Autoren des Jesuitentheaters abstellen und erhoben den Anspruch, die Zweifler dem rechten (d.h. katholischen) Glauben zurckzugewinnen.

    In den ersten hundert Jah-ren seit 1550 der eigent-lichen Bltezeit des Jesu-itentheaters lehnte es sich zunchst stark an das Humanistendrama an wurde dann bald zu einem prachtvoll ausgestattetem Bekehrungsstck. Unter den bedeutendsten Autoren im deutschen Sprachraum waren die drei groen Jakobs: Jakob Gretser, Jakob Biedermann, Jakob Balde.

    Fortsetzung des Beitrags in der Juli-Ausgabe der Histo-rischen Bltter

    Die historische Diskriminierung der Raucher

    18. Teil: Rauchen ist unsthetisch, weshalb, ausnahmsweise, ein zumindest geistreiches Frauenzimmer zu Worte kommt.Von Gerd TrefferWir leben in der Zeit, da

    der Mensch nicht nur edel, hilfreich und gut sei, son-dern auch ansehnlich und schn sein soll. Es geht also um sthetische Gesichts-punkte (S. 25). Kappler hat schon mehrere Winke gege-ben, woraus man abnehmen kann, dass die Sitte des Tabak-rauchens bei ihrer Zergliede-rung durchaus nichts sch-nes in sich enthalte (S. 25). Allerdings mchte er dazu lie-ber jemand anderen zu Wor-te kommen lassen, nmlich ein geistreiches Frauenzim-mer, das er, ganz gegen sei-ne Gewohnheit, nicht weiter benennt.

    Nur als Hinweis: Einleitend hat Kappler bereits darauf ver-wiesen, dass sich die (Un-)Sit-te des Rauchens immer wei-ter ausbreite und man unter ihren Adepten selbst einige Husaren aus dem weiblichen Geschlechte (finde), dem man gewhnlich feineres Gefhl fr das Schne als dem mnn-lichen zuschreibt. Offenbar

    hat Kappler nun eine Dame gefunden, die nicht raucht und das besondere weibliche Gefhl fr das Schne und Edle besitzt.

    Die Dame frs Schne schreibt:

    Sehen Sie nur ein-mal unbefangen die Stel-lung eines rauchenden Herrn an, ob sie mit irgend einem Schnheitsbegrife verwebt werden kann? Wie das lan-ge steife Rohr einen scharfen Winkel mit dem es haltenden Arm bildet, wie es die Lippe auf der einen Seite herabzie-het, und durch den Mund das Hngende der trgen Nachls-sigkeit ber die ganze Physio-nomie verbreitet, um uns bei seiner gnzlichen ffnung in der Unterredung graugelbe Ruinen voriger Zhne zu ent-blen (s.o.: Vierzehnter und Fnfzehnter Abschnitt). Sehen Sie:

    Wie streitend mit aller Eleganz, in dem Cirkel eini-ger Rauchenden die Feuch-tigkeits-Empfnger auf dem Boden stehen, und unsern

    Rcken und den spielen-den Kindern verderblich sind (gemeint sind Spuck-Npfe), wie der Kontrast ihrer schnen Formen und Lackierungen, die Auszierungen, in denen man das Ideal der Antike suchen soll, mit dem Anblick des auf-genommenen Materials strei-tet. (S. 25 f).

    Da ist es wieder das Thema Ekel, den zu erregen, Kapp-ler mit sich mit allerlei unter-schiedlichen Anstzen von unterschiedlichen Seiten her-kommend bemht.

    Zuzugeben ist, dass das geistreiche Frauenzimmer sich argumentativ viel Mhe gibt (whrend in unserer Zeit sich die Argumentation gele-gentlich verknappt auf ein Selbstbild und den Satz: Ich ksse keinen Aschenbecher ber verkrzte Argumen-tation wird am Ende dieses Abschnitts aber mit Kapp-lers eigenen Worten noch zu reden sein). Das zweite geist-reiche Zitat, das hausfraulich ansetzt, lautet: Bemerken Sie den scharfen Geruch, der

    zumal in wollenen Tuchklei-dern unserer Mnner unver-tilgbar ist. Wie sie daher jedes nicht stumpf geworde-ne Riechorgan unangenehm bei der Nherung nach voll-brachter Pfeife berhren (S. 26). (Den Rauchern wird impli-zit ein stumpf gewordener Geruchssinn unterstellt, wobei das nicht stump