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  • MATERIALIEN

    Barbara Fried/Hannah Schurian (Hrsg.)

    UMCAREGESUNDHEIT UND PFLEGE NEU ORGANISIEREN

  • INHALT

    Einleitung 3

    Andreas Aust, Olaf Klenke, Katrin Mohr und Sabine ZimmermannGutesozialeDienstleistungenundInfrastrukturfreinebessereGesellschaft 6

    Julia Dck und Barbara FriedCaringforStrategyTransformation aus Kmpfen um soziale Reproduktion entwickeln 15

    Luigi WolfMehrvonunsistbesserfralle!Die Streiks an der Berliner Charit und ihre Bedeutung fr die Aufwertung von Care-Arbeit 23

    Sarah SchilligerWirsinddochkeineSklavinnen!(Selbst-)Organisierung von polnischen Care-Arbeiterinnen in der Schweiz 32

    Renia Vagkopoulou und Kirsten SchubertFuturingHealthCareGesundheitszentren als Orte gesellschaftlicher Transformation 41

    VerzeichnisderAutorinnenundAutoren 53

  • 3EinlEitung

    EINLEITUNG

    Mehr von uns ist besser fr alle schrieben die streikenden Pflegekrfte am Berliner Uni-versittsklinikum Charit 2015 auf ihre Trans-parente. Sie brachten damit eine neue Quali-tt der Proteste im Gesundheitswesen auf den Punkt. Inzwischen fordern Pflegekrfte nicht nur an der Charit, sondern bundesweit mehr Personal in Krankenhusern. In ihren Arbeits-kmpfen geht es nicht mehr nur um bessere Lhne, sondern um ein Ende von Stress und Kostendruck. Ihr Kampf zielt auf eine gute f-fentliche Gesundheitsversorgung, die allen zugutekommt. Damit sind sie nicht allein: In vielen deutschen Stdten legen sich Pflege-krfte bei Flashmob-Aktionen gemeinsam demonstrativ auf die Strae aus Wut dar-ber, dass die Pflege am Boden liegt. In un-zhligen, oft wenig bekannten Initiativen un-tersttzen und vernetzen sich Menschen mit Pflege- oder Assistenzbedarf oder pflegen-de Angehrige. Sie wollen raus aus der Ver-einzelung und ringen um Teilhabe und Aner-kennung. Hinzu kommen Initiativen, die nach konkreten Alternativen im Hier und Jetzt su-chen: die Medibros, die seit Jahrzehnten die Lcken in der ffentlichen Versorgung ge-flchteter Menschen fllen, ebenso wie die neu gegrndeten Gesundheitskollektive und Poliklinik-Projekte, die alternative Angebote der ambulanten Versorgung entwickeln. In all diesen Auseinandersetzungen geht es um die Folgen einer zunehmenden kono-misierung und Sparpolitik. Viele erleben den Alltag als ein stndiges Rennen im Hamster-rad, das keinen Raum lsst fr die Sorge fr sich und andere. Sie fordern eine Gesellschaft, die die Sorge ins Zentrum stellt und allen Men-schen die Untersttzung zukommen lsst, die sie bentigen. Das erfordert einen radikalen Perspektivwechsel, eine UmCare.Denn die Breite des Protests zeigt auch das Ausma der Krise der ffentlichen Daseins-

    vorsorge, die viele Menschen Tag fr Tag vor unlsbare Widersprche stellt: Pflegekrfte knnen ihren eigenen Ansprchen an ihre Ar-beit immer weniger gerecht werden. Gesund-heitliche Risiken werden zunehmend den Ein-zelnen aufgebrdet. Armut, Ausgrenzung und Stress erleben auch pflegende Angehrige und FreundInnen fr ihre Sorgearbeit gibt es kaum Anerkennung und Absicherung. So verstrkt die Care-Arbeitsteilung die vorhan-denen sozialen Ungleichheiten. Nach wie vor sind es berwiegend Frauen, die unter prek-ren Bedingungen Sorgearbeit verrichten, ei-nen groen Teil davon gnzlich unbezahlt. Im reichen Norden wird Care-Arbeit zunehmend zu schlechten Bedingungen an MigrantInnen delegiert und damit die Ungerechtigkeit glo-baler Arbeitsteilung vertieft.All diese Krisenerscheinungen im Gesund-heitswesen verdeutlichen die Absurditt un-serer Wachstumskonomie. Wenn es um menschliches Leiden geht, um Pflege und Sorgearbeit, ist vielen unverstndlich, war-um so elementare gesellschaftliche Arbeiten in privaten Unternehmen nach Profitkriteri-en organisiert werden sollten. Solche Wider-spruchserfahrungen werden mehr und mehr zum Ausgangspunkt von Protest und der Su-che nach Alternativen. Das Gegenbild ist eine sorgende Gesellschaft, die die Bedrfnisse der Menschen, ihre gegenseitige Angewie-senheit zum Mastab nimmt und Care-Arbeit radikal aufwertet. Hier liegt ein politisches Potenzial, das weit ber den Gesundheitsbereich hinausgeht: Ei-ne wirklich bedrfnisgerechte und solidarisch finanzierte Infrastruktur erfordert auch die Umverteilung gesellschaftlicher Ressourcen und eine Demokratisierung des ffentlichen. Eine solche Politik ist auch Klassenpolitik, denn es sind insbesondere arme und gering verdienende Menschen, die von entgeltfreien

  • EinlEitung4

    sozialen Infrastrukturen profitieren (wrden) und die am strksten unter der Sparpolitik und konomisierung leiden. Und nicht zuletzt ist die Aufwertung von Pflege und Gesundheits-arbeit ein feministischer Kampf: gegen die Un-sichtbarkeit und Ausbeutung von weiblicher Arbeit, fr die gerechte Verteilung von Sorge-arbeit zwischen den Geschlechtern.Die Krise in Gesundheit und Pflege von links aufzugreifen scheint gebotener denn je: Sie zeigt die Schattenseiten und Risse, die Spal-tungen und den Druck, den das scheinbar krisenfeste Exportmodell Deutschland im Inneren produziert. Auch hier im neolibera-len Vorzeigestaat kriegen alltglich Millionen Menschen die Krise, zerrieben zwischen Sorgeverpflichtungen und zunehmend prek-ren Arbeits- und Lebensverhltnissen. Dieses Unbehagen gilt es ernst zu nehmen und Alter-nativen zur herrschenden Politik aufzuzeigen.Dass diese Bewegungen effektiv Krftever-hltnisse verschieben und solidarische Bnd-nisse schlieen, ist jedoch nicht ausgemacht und passiert keinesfalls von selbst. Die Akteu-re brauchen aktive und solidarische Unterstt-zung. Die unterschiedlichen Interessen ms-sen praktisch verbunden werden, Kritik und Konfliktfhigkeit muss gemeinsam entwickelt werden. Hier liegt eine zentrale Aufgabe fr die gesellschaftliche Linke.In diesem Sinne werfen die Beitrge in der vorliegenden zweiten Auflage des Materia-lienbands UmCare einen Blick auf Ausein-andersetzungen um Pflege und Gesundheit. Sie sind zum Teil aus den Diskussionen rund um die Konferenz UmCare hervorgegan-gen, die vom 16. bis 18. Oktober 2015 in Berlin stattfand und auf der rund 300 TeilnehmerIn-nen Pflegekrfte, rztInnen, pflegende An-gehrige, Menschen mit Assistenz und Pfle-gebedarf, VertreterInnen von Gewerkschaften und Sozialverbnden sowie Aktive aus sozia-len Bewegungen zusammenkamen. Wie die Konferenz suchen auch die Texte nach strategischen Interventionspunkten und Po-

    tenzialen fr eine andere Gesundheits- und Pflegepolitik. Sie arbeiten neue Anstze der Organisierung heraus Organisierung in ei-nem doppelten Sinne: im Sinne einer Inter-essenvertretung derjenigen, die Pflege- und Gesundheitsarbeit leisten oder in verschiede-ner Weise auf sie angewiesen sind, und Orga-nisierung im Sinne einer gesellschaftlichen Neuorganisation der Daseinsvorsorge, des Aufbaus und Ausbaus einer bedrfnisgerech-ten Infrastruktur.Andreas Aust, Olaf Klenke, Katrin Mohr und Sabine Zimmermann zeigen in ihrem Bei-trag, warum das Ringen um eine ffentliche Daseinsvorsorge im Sinne einer Sozialen In-frastruktur ein Kernstck linker Sozialpolitik ist: Es erfordert eine Umverteilung von gesell-schaftlichem Reichtum, sichert soziale Grund-bedrfnisse politisch ab und erffnet neue Mglichkeiten einer demokratischen Gestal-tung des ffentlichen.Julia Dck und Barbara Fried arbeiten das strategische Potenzial heraus, dass die aktu-ellen Auseinandersetzungen um Pflege und Gesundheit fr eine feministische Klassenpo-litik bieten knnen. In Kmpfen um soziale Re-produktion sehen sie eine Chance zur Erneu-erung linker Organisierungsstrategien: indem die (unbezahlte) Sorgearbeit und der Alltag als Terrain gesellschaftlicher Vernderung end-lich ernst genommen werden. Aus einem anderen Blickwinkel untersucht Luigi Wolf den Arbeitskampf der Beschftig-ten an der Berliner Charit, dem grten Uni-versittskrankenhaus Europas. Die hochgra-dig konomisierte Krankenpflege bietet seiner Ansicht nach neue Mglichkeiten fr die Inte-ressenvertretung, die dazu beitragen knnen, Care-Arbeit insgesamt aufzuwerten. Sarah Schilliger beschftigt sich mit einem Feld, das in Gewerkschaften hufig rand-stndig bleibt, aber zentral ist fr die globale Care- Arbeitsteilung: die prekre Pflegearbeit von MigrantInnen in Privathaushalten. Sie schildert die Selbstorganisierung von polni-

  • EinlEitung 5

    schen Pflegekrften in der 24-h-Pflege in der Schweiz und deren Untersttzung durch die schweizerische Dienstleistungsgewerkschaft VPOD. Schlielich beleuchten Renia Vagkopoulou und Kirsten Schubert auf Basis einer Studie zu alternativen Gesundheitszentren in Europa, in-wiefern diese Projekte Ansatzpunkte fr eine gesamtgesellschaftliche Transformation bie-

    ten. Sie zeigen, wie radikale soziale Gesund-heitsarbeit aussehen kann, die PatientInnen als politische Subjekte begreift und die sozi-alen Determinanten von Gesundheit mit ein-bezieht.

    Berlin,Juli2017Barbara Fried und Hannah Schurian

  • gutE sozialE DiEnstlEistungEn unD infrastruktur fr EinE bEssErE gEsEllschaft6

    Andreas Aust, Olaf Klenke, Katrin Mohr und Sabine Zimmermann

    GUTE SOZIALE DIENSTLEISTUNGEN UND INFRASTRUKTUR FR EINE BESSERE GESELLSCHAFT

    Deutschland ist in vielerlei Hinsicht unzurei-chend mit sozialen Dienstleistungen ausge-stattet. Bei der Kinderbetreuung, Pflege und Assistenz, aber auch bei anderen sozialen und familiren Hilfen: berall klaffen bereits heu-te erhebliche Lcken. Und die Kluft zwischen Bedarf und Angebot wird absehbar immer grer werden, sodass bereits von einer so-zialen Reproduktionskrise1 beziehungsweise einer Sorgekrise2 gesprochen werden kann. Der Ausbau, die Qualittsverbesserung und die Aufwertung inklusiv ausgestalteter sozi-aler Dienstleistungen und Infrastruktur sollte ein zentraler Bestandteil einer linken Reform-politik sein. Es gilt soziale Probleme zu lsen und zugleich Potenziale fr eine sozial gerech-tere und demokratischere Gesellschaft aufzu-zeigen. Im Folgenden wollen wir dazu einige Thesen vorstellen, die Rolle von sozialer Infra-struktur im Rahmen von Sozialpolitik he