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    Bastian Sick und die Grammatik. Ein ungleichesDuell

    Vilmos gel

    1. Anlass zur Wortmeldung Im Wintersemester 2006/2007 fand amInstitut fr Germanistik der UniversittKassel ein Hauptseminar mit dem TitelDer Dativ ist dem Genitiv sein Tod statt.Ziel des Seminars war es, ausgehend vonden grammatikbezogenen Kolumnenvon Bastian Sick ber aktuelle gramma-tische Phnomene des Deutschen nach-zudenken und dabei zu Beschreibungs-und evtl. auch zu Erklrungsvorschlgenzu kommen (Seminarankndigung).1

    Die auf der Grundlage der einschlgigengrammatischen Fachliteratur erarbeite-ten und teilweise auf Korpusrecherchenbasierenden Beschreibungs- und Erkl-rungsvorschlge der Studierenden wur-den dann mit Sicks Ratschlgen und L-sungsvorschlgen verglichen, um derenempirische Soliditt und theoretische Ko-hrenz beurteilen zu knnen. Unterhal-tungswert, Aspekte von Sprachkritik und-pflege, mgliche didaktische oder sozio-logische Implikationen bzw. Konsequen-zen standen nicht zur Diskussion. Die aktuelle Debatte in Info DaF (sieheMaitz/Elspa 2007 und Roggausch 2007)und die Diskussionseinladung von Wer-ner Roggausch bieten mir die Mglich-keit, einige Ergebnisse unserer grammati-schen Analysen zu prsentieren und aufdiese Weise einen kleinen Beitrag zurDebatte und eventuell auch zur ffentli-chen Meinungsbildung zu leisten.

    Da sich Bastian Sicks grammatische Rat-schlge und Lsungsvorschlge auf Feh-ler und Zweifelsflle beziehen, bietet sichfolgende Vorgehensweise an: Zuerst werden die Begriffe grammati-scher Fehler und grammatischer Zwei-felsfall errtert, um Sicks Urteile undAnalysen theoretisch verorten zu kn-nen. Anschlieend werden zwei ausge-whlte Kolumnen aus Sick 2004 bzw.2005 analysiert und auf diese Weise ei-nige theoretische und empirische Ergeb-nisse der Arbeit im Hauptseminar doku-mentiert. Abschlieend wird der Versuchunternommen, den Stellenwert derSickschen Ratschlge und Lsungsvor-schlge zu bestimmen.

    2. System und Norm: grammatischeFehler und Zweifelsflle Um ber grammatische Fehler und Zwei-felsflle nachdenken zu knnen, mussman die Begriffe Sprachsystem undSprachnorm klren. Um die BegriffeSprachsystem und Sprachnorm klren zuknnen, mssen wir uns kurz den variab-len Aufbau menschlicher Sprachen vorAugen fhren. Jede natrliche Sprache stellt ein Gefgevon regionalen, sozialen, stilistischenund medialen Varietten dar, hat alsoeine ihr eigene Architektur (Coseriu1988: 265) von Standard- und Substan-dardvarietten, Dialekten, Sprachni-

    1 Da der dritte Band von Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod damals noch nicht erschienenwar, lagen unseren Analysen Sick 2004 und 2005 zugrunde.

    Info DaF 35, 1 (2008), 6484

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    veaus und Sprachstilen. Obwohl dieseVarietten voneinander nicht unabhn-gig sind und obwohl die Sprecher in derRegel gleichzeitig mehrere von diesenVarietten beherrschen (Maitz/Elspa2007: 518), haben grammatische Untersu-chungen blicherweise nur eine Variett,eine homogene funktionelle Sprache(Coseriu 1988: 265), zum Gegenstand.1

    Der Grund hierfr ist, dass jede funktio-nelle Sprache ihre eigene Struktur hat.Man kann also zwar die Frage etwa nachder Weglassung von Flexionsendungenim Deutschen stellen, eine adquateAntwort setzt jedoch voraus, dass dieFrage auf die einzelnen funktionellenSprachen des Deutschen heruntergebro-chen wird. Erst nachdem variettenbezo-gene Teilantworten vorliegen, kann manden Versuch unternehmen, die Archi-tektur der Weglassung von Flexionsen-dungen im Deutschen bzw. eventuelleDependenzen und Interdependenzenzwischen einzelnen funktionellen Spra-chen des Deutschen zu rekonstruieren. In der Saussureschen Tradition wird dieStruktur einer funktionellen Sprache alseine einheitliche Gestaltungsebene(Sprachsystem, langue) aufgefasst. Cose-riu (1988: 266 ff.) przisiert diese Auffas-sung dahingehend, dass er zwei zentraleGestaltungsebenen unterscheidet: Sys-tem und Norm (von der dritten Ebene,der des Sprachtypus (Coseriu 1988:272 ff.), knnen wir hier absehen.). Abstrahiert man von der Subjektivitt,Originalitt und Kreativitt des Individu-ums (Coseriu 1988: 267), erhlt man einGefge von normalen Realisierungen(Coseriu 1988: 267). Dies ist die Gestal-tungsebene der Norm. Beispielsweise istein wichtiges Merkmal der Silbe in dergesprochenen deutschen Standardspra-

    che die sogenannte Auslautverhrtung.Normalerweise gibt es also im Silbenend-rand keine stimmhaften Obstruenten (alsoetwa keine Laute [b], [d] und [g]), so dassetwa die Wrter Rad und Rat identischausgesprochen werden mssen. Abstrahiert man von denjenigen Merk-malen normaler Realisierungen, die blonormal, jedoch nicht funktional sind, d. h.keine distinktiven (unterscheidenden)Oppositionen begrnden, erhlt man einGefge von mglichen Realisierungen.Dies ist die Gestaltungsebene des Sys-tems. Auf der Ebene des Systems ent-spricht dem Schlusskonsonanten in Raddas Phonem /d/ und dem Schlusskonso-nanten in Rat das Phonem /t/. Whrendalso Rad und Rat als phonetische Wortfor-men auf der Gestaltungsebene der Normidentisch sind, stellen sie auf der Ebenedes Systems unterschiedliche phonologi-sche Wrter dar. Wrde man Rad miteinem stimmhaften Schlusskonsonanten[d] aussprechen, wre das folglich zwarein klarer Normversto, aber kein Sys-temfehler. Coserius Theorie basiert auf der geradezualltglichen Beobachtung, dass die zahl-reichen (nicht nur sprachlichen) Normali-tten, die unser Leben begleiten, einer-seits bloe, andererseits jedoch funktio-nale Traditionen darstellen. Erstere sindfr uns aus welchen Grnden auchimmer nur wichtig, letztere lebensnot-wendig. Normal beim Hausbau ist z. B.,dass ein Fundament gelegt wird, dass dasHaus gedeckt wird oder dass die Wndegestrichen bzw. tapeziert werden. Wh-rend Dach und Fundament funktionalsind, stellen jedoch Streichen und Tapezie-ren bloe Traditionen dar. Ohne Farbeoder Tapete strzt das Haus weder ein,noch regnet es herein.

    1 Im Folgenden werden die Begriffe Variett und funktionelle Sprache synonymverwendet.

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    Auf der Ebene der Sprachbetrachtung istdas Verhltnis von System und Normalles andere als einfach: 1. Sprachsystem und Sprachnorm sind

    keine vorfindlichen Phnomene, siestellen keine Realitten dar, sondernes ist die Aufgabe des Sprachwissen-schaftlers bzw. des Grammatikers, dasgrammatische System und die gram-matischen Normen einer Variett zurekonstruieren.

    2. Da das System einer funktionellen Spra-che hochkomplex und mehrdimensio-nal ist, kann es durchaus sein, dassetwas, was man in einer bestimmtenDimension der Norm zugeordnet hat, ineiner anderen Dimension funktional ist,also dem System zuzuordnen wre.1

    3. Da viele Teilsysteme einer funktionel-len Sprache prototypisch organisiertsind, also ein Zentrum und eine Peri-pherie haben, ist zu erwarten, dass beiperipheren Elementen Normverletzun-gen natrlich sind. Die Sprecher sindnmlich unbewusst bestrebt,

    a) die Struktur des peripheren Ele-ments der des Zentrums anzun-hern oder

    b) sie in ein anderes benachbartes Teil-system zu integrieren.2

    4. Da, wie erwhnt, die Sprecher in derRegel gleichzeitig mehrere Variettenbeherrschen, ist die empirische Isolie-rung des Systems und der Normeneiner bestimmten funktionellen Spra-che mitunter sehr schwer.3

    5. Da sich Sprachen und ihre Variettenverndern, wandeln sich auch dieSysteme und Normen und derenVerhltnis zueinander. Es entstehenneue Systeme, Teilsysteme und Nor-men (und damit auch neue Konstel-lationen und Transferenzmglichkei-ten in den Kpfen der Sprecher).Was frher funktional war, ist heutenur noch normal, was frher normalwar, ist heute funktional, was frherweder normal noch funktional war,ist heute normal und funktionalusw.4

    1 Beispielsweise ist die erwhnte Auslautverhrtung segmentalphonologisch zwar blonormal, silbenphonologisch knnte man jedoch argumentieren, dass stimmlose Obstru-enten eindeutig den Anfang oder das Ende einer Silbe markieren und daher wiederumfunktional sind. Wenn also der Hrer einen stimmlosen Obstruenten wie [t] wahrnimmt,wei er sofort, dass es sich entweder um den ersten oder um den letzten Konsonanteneiner Silbe handelt (siehe etwa Tag und Rad/Rat).

    2 Ein Beispiel fr (a) sind z. B. die Versuche, das unflektierbare Adjektiv klasse zuflektieren: Alles in allem erstellt die Maschine einen klassen Kaffee (Internetbeleg).Ein Beispiel fr (b) sind die sogenannten Substantiv-Verb-Verbindungen wie radfahrenoder brustschwimmen, deren Erstglieder (rad-, brust-) keine substantivischen Eigenschaf-ten mehr haben (Fuhrhop 2005: 70 ff.). Sie sind nicht mehr im Teilsystem der Substantive,sondern im Teilsystem der verbalen Komposition zu analysieren.

    3 Beispielsweise gehrt eine Progressivkonstruktion wie Sie ist noch am schlafen in derSchweiz sowohl zum Standard als auch zum Substandard, whrend sie in sterreichoder im Osten Deutschlands eher nur standardsprachlich zu erwarten ist (siehe das vonStephan Elspa und Robert Mller betreute Augsburger Projekt Atlas zur deutschenAlltagssprache).

    4 Ein Beispiel: Whrend Goethe noch unentschlossen zwischen Die Leiden des jungenWerthers und Die Leiden des jungen Werther war, ist die heutige Standardnormeindeutig die letztere Form. Ob die heutige Norm gleichzeitig auch funktional ist, isteine komplizierte Frage. In Anlehnung an Nbling 2005 habe ich an anderer Stelle (gel2006) dafr argumentiert, dass sie funktional ist, da sie eine Unterscheidung dergrammatisch relevanten Substantivklassen Eigenname und Gattungsname ermg-licht (Die Leiden des jungen Werther versus Die Leiden des jungen Wrters).

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    6. Die in 5 beschriebene natrliche Dyna-mik von Sprachen und Varietten fhrtzu der logisch zwingenden Erkenntnis,dass am Anfang jedes/jeden Wandelsein Fehler steht, den man freilich inSprachwandeltheorien nicht als Fehler,sondern als Neuerung oder Innovationbezeichnet.1 Der Begriff der Innovationkann sich sowohl auf das Auftretenneuer Sprachfakten als auch auf dieVerwendung eines alten Sprach