Bühne, Quartier, Berufsorientierung: Wie sich ein alternatives ... ... Bühne, Quartier,...

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  • Bühne, Quartier, Berufsorientierung: Wie sich ein alternatives Jugendtheater bewegt

    Wilfried Kruse

    1 Einleitung

    Jugendtheater in einem schwierigen Stadtteil - das gehört mittlerweile zum Re- pertoire von sozialräumlich orientierter Sozialarbeit, weil davon ausgegangen wird, dass dies bislang deprivilegierten Jugendlichen in besonderer Weise die Chance zur Stärkung von Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein bietet und damit eine Art "Gegengift" zu den Erfahrungen von Misserfolg, Ausgrenzung und Enge bilden kann, die sich bereits kumuliert und teilweise verhärtet haben. Insofern ist der Stadtteil in seiner sozialräumlichen Strukturiertheit Anknüp- fungspunkt und im Sinne einer "aufsuchenden Arbeit", die an die Lebenszu- sammenhänge der "Betroffenen" heranrückt, auch Ort der Theaterprojekte; Teilöffentlichkeiten des Stadtteils stellen meist auch das Publikum dar, das adressiert werden soll, denn: Ohne Publikum ist das schönste Theaterspielen nichts oder zu wenig. Aber: Wird der Stadtteil als sozialer Raum selbst implizit oder explizit zu einem Thema des Jugendtheaters bzw. zum Gegenstand von Auseinandersetzung, Imagination und Aneignung? Verändert sich durch die Theaterarbeit die eigene Sozialraumerfahrung der Jugendlichen und damit mög- licherweise auch ihre Positionierung zum städtischen Raum?

    Im Zentrum der Betrachtung steht das sozial räumliche Erfahrungsfeld in seiner Bedeutung für die Optionen von Jugendlichen beim Übergang von der Schule in die Arbeitswelt. Sozialraumbezug und der Übergang Schule- Arbeitswelt bilden Schnittpunkte verschiedener wissenschaftlicher und politisch- praktischer Zugänge, die allerdings häufig voneinander separiert sind. In der Sozialpädagogik z. B. spielt der soziale Raum sowohl in konzeptioneller als auch in handlungsbezogener Hinsicht eine erhebliche, wenn nicht die zentrale Rolle (vgl. hierzu die verschiedenen Beiträge in: Kessl et al. 2005). Gerade in ihren Ansätzen zur BenachteiligtenfOrderung sucht sie seit den Debatten um "Ge- meinwesenarbeit" die Nähe zur sozialräumlich orientierten Stadtforschung, ins- besondere um die Bezüge zwischen Milieus und Quartieren auszuloten. Für unseren Blick ist dabei wichtig, dass benachteiligte Quartiere und Stadtteile hinsichtlich der Lebensqualitäten und -chancen ihrer Bewohnerinnen und Be-

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    wohner nicht als homogen abgehängt, sondern als "ambivalent" (Häußer- mannlWurtzbacher 2005: 520 ff.) eingeschätzt werden. Potenziale und He1pm- nisse, Aufbruch und Stillstand stehen in einem vielfachen Spannungsverhältnis zueinander. Die "Aneignung" (Deinert/Reutlinger 2005: 304) des sie umgeben- den Sozialraums durch die Jugendlichen scheint Mustern zu folgen, die Ver- knüpfungen zwischen verschiedenen faktischen und imaginären oder auch sym- bolischen "Rauminseln" herstellen. Ob sie dabei für die Entfaltung und Stärkung ihrer eigenen Lebensperspektiven Gelegenheitsstrukturen (Kehler 2007: 198 ff.) antreffen und sich zu eigen machen können, ist für die Färbung der sozialräumli- chen Erfahrungsqualität wohl entscheidend. "Raumpioniere" (MatthieseniMahn- ken 2009), die Nischen solcher Quartiere nutzen, mischen dabei möglicherweise auch die Chancenstrukturen mancher dort lebender Jugendlicher auf.

    In den vergangenen Jahren wurde der Übergang von der Schule zur Ar- beitswelt vor allem aus der Perspektive des Ausbildungssystems bzw. der Ar- beitsmarktforschung heraus thematisiert (eine kritische Zusammenfassung findet sich in Kruse et al. 2010). Auch in ihrer Neuauflage wehrt sich die subjektorien- tierte Übergangsforschung, die nach einer ersten starken Phase in den achtziger Jahren (Brock et al. 1991) in den letzten Jahren neu einsetzt (Stauber et al. 2007), gegen eine solche Verengung und betont, dass es sich beim Übergang Schule- Arbeitswelt mittlerweile um einen biografisch langgestreckten, sozial differen- zierten Prozess der aktiven Auseinandersetzung mit den eigenen Lebensperspek- tiven handelt, in dem mehr "Aufgaben" zu bewältigen sind als diejenige, einen Ausbildungsplatz zu finden (Hoyerswerdaer Erklärung 2011).

    Die sozialräumliche Seite dieses subjektiven Erfahrungs- und Auseinander- setzungsprozesses, der gemeinhin und vereinseitigt "Übergang" genannt wird, bleibt nach wie vor noch weitgehend ausgeblendet. "Stadt als Lernort" kommt allmählich im Zuge der Überwindung dieses mehrfach verengten Übergangsver- ständnisses zur Sprache (Paul-Kohlhoff2011: 38 ff.). In diesem Zusammenhang ist die Arbeit des Jugendtheaterbüros (JTB) in Berlin-Moabit, von der hier die Rede sein soll, insofern von Interesse, als sie nicht primär sozialpädagogisch ausgerichtet ist, sondern - angelehnt an die lateinamerikanische "Volkstheater"- Tradition (Boal 1989) - in der Professionalität des Theaterspielens und des Thea- termachens auch den berufsorientierenden Ansporn sieht.

    2 Kiez als sozialer Raum

    Diesen Fragen ist ein Verständnis von städtischem Raum als sozialem Raum hinterlegt, der - hinter seiner formal für alle gleichen Zugänglichkeit - für ver- schiedene soziale Gruppen unterschiedliche Chancen und Qualitäten bereithält,

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    verschiedene Welten, Demarkationen und Schwellen enthält, von unterschiedli- chen Akteuren in Besitz genommen oder verlassen wird und weder macht- noch herrschaftsfrei ist. Demzufolge hält er für diejenigen, die dort leben, auch jeweils spezifische Konstellationen von "sich zuhause fühlen" und Fremdheit, von Nähe und Feme, von Geborgenheit und Geflihrdung bereit; soziale Spannungen und Konfliktlagen haben nach diesem Verständnis immer auch eine erhebliche sozi- alräumliche Dimension. Hierin ist als nicht unwichtigster Aspekt die Frage ein- geschlossen, wer sich der im Stadtteil vorgehaltenen öffentlichen und privaten Dienstleistungen und Infrastrukturen in welchem Umfang und mit welchem Zugangsaufwand bedienen, wer also den Stadtteil besser und wer ihn schlechter für sich und seine Lebensbedürfnisse nutzen kann. Als sozialer Raum ist der Stadtteil also immer auch ein "umkämpftes" Terrain.

    Die Diskussion um sogenannte "Parallelwelten", die gegenwärtig im Hin- blick auf Einwanderung und Integration mit besonderer Aufgeregtheit geführt wird, ruft einen Ausschnitt des Themas des sozialräumlichen ownership auf. Unter dem Gesichtspunkt der Nutzung des Stadtteils als einem Aspekt von Raumaneignung bietet es sich an, zwischen "offiziell" und "alternativ" zu unter- scheiden. Dies betrifft vor allem die dem Stadtteilraum zugeordneten und auf ihn bezogenen Angebote zur Lebensbewältigung. "ParaUelwelten" können in diesem Zusammenhang so verstanden werden, dass Angebote für spezifische Nutzer- gruppen subkultureIl parallel zu den offiziellen und offiziösen Angeboten ausge- bracht werden und ihre eigenen, auch sozialräumlich geprägten Zugangsregeln haben. Eine Begründung für solche parallelen Strukturen ist, dass sie zugänglich und angemessen das bieten, was das offizielle System verweigert, im Zugang über Gebühr erschwert oder in seinem Nutzen beschränkt oder beschädigt. Paral- lelweltliche Ansätze können offenbar hinsichtlich ihrer Werte und Orientierun- gen ganz unterschiedlich eingerarbt sein. Auch Ansätze, die sich nicht "parallel" zum Offiziellen, sondern zu ihm "alternativ" verstehen, unterliegen der Gefahr, eine "eigene Welt" mit eigenen "Räumlichkeiten" zu konstruieren, was letztend- lich sozialräumliche Segmentiemngen mit ihren Ungleichheits effekten nicht durchlässiger macht, sondern durch stellvertretendes Handeln die Gefahr einer "ewigen Lobby" in sich birgt (und sich damit in einem der "klassischen" sozial- arbeiterischen Zirkelschlüsse bewegt).

    In diesen vielfachen Spannungsverhältnissen bewegt sich das Vorhaben des Jugendtheaterbüros, einer Gruppe mit langjährigen Erfahnmgen mit Jugendli- chen, die eine palästinensische oder arabische Herkunftsgeschichte haben. In der Tradition des lateinamerikanischen politischen Straßentheaters ist das Vorhaben nicht primär sozialarbeiterisch, sondern emanzipatorisch und aufklärerisch ein- gestellt. In diesem Sinne also "alternativ", hat es sich darauf eingelassen, den Aufbau eines Jugendtheater-Festivals mit "Berufsorientierung" zu verbinden und

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    erhält diese Verbindung durch das XENOS-Programm der Bundesregierung und die Robert-Bosch-Stiftung gefördert. Berufsorientierung ist aber nicht nur; Be- standteil des offiziellen Bildungs- und Ü bergangssystems, sondern auch ganz explizit der offiziellen Nutzul1gsangebote, die im Stadtteil für die Bevölkerung vorgehalten und weiter entwickelt werden. Das Spannungsverhältnis zwischen "alternativ" und "offiziell" ist also für das Vorhaben konstitutiv, was auch für seine Bewegung im sozialen Raum gilt. Eingelassen haben sich die Theaterleute auf dieses Experiment nicht, um Fördermittel zu erhalten, sondern weil die be- rufliche Perspektivlosigkeit der Jugendlichen, mit denen sie arbeiteten und arbei- ten, sie dazu drängte.

    2.1 Alternativ und offiziell? Jugendtheater und Berufsorientierung

    Das Vorhaben des Jugendtheaterbüros ist interessant, wenn man nach Ansätzen sucht, die in neuer bzw. unkonventioneller Weise berufsorientierende Arbeit mit JugendJjehen in schwierigen Stadtteilen machen, also Zugang zu jenen Jugendli- chen haben, die den offizieUen Wegen und Mechanismen von Berufsorientierung und Ausbildungsplat.zmarkt fernstehen. Dahinter verbirgt sich u. a. die Frage, ob es gelingen kann, Kooperationen zwischen alternativen Projekten und den Ver- tretern des institutionellen "Systems" - also den Fachleuten für Berufe und Be- rufsorientierung, den Lehrerinnen und