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  • Bibel und Musik Die Johannes- Passion von J. S. Bach, Schwbisch Gmnd 2007

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    J. S. Bach: Johannes- Passion

    Eine musikalische Analyse

    Dipl. mus. Frank Laffin

  • Bibel und Musik Die Johannes- Passion von J. S. Bach, Schwbisch Gmnd 2007

    1

    Einheit I:

    Die Entstehung der Johannes- Passion und ihre

    musikalischen Vorgnger

    1. Die musikalische Passion in der Geschichte

    Passion (lat. passio, Leiden, Erdulden, Schwche) ist der Bericht vom Leiden und

    Sterben Jesu, wie ihn die Evangelisten Matthus (26, 27), Markus (14, 15), Lukas (22,

    23) und Johannes (18, 19) in unterschiedlicher Redaktion bermitteln. Die Passion bildet

    einen zentralen Text fr die Heilsgeschichte: Im Shneopfer am Kreuz, das in den

    Einsetzungsworten beim Abendmahl angekndigt wird, erfllt der Messias seine gttliche

    Mission fr das Heil der Menschen und offenbart sich als Gottes Sohn.

    (aus: MGG, S. 1453)

    1.1. Die einstimmige Passion

    Die Lesung der Passion im Rahmen der Karwochenliturgie diente in der Frhzeit des

    Christentums der geistlichen Belehrung. Vereinzelt gibt es Hinweise auf eine bevorzugte

    und hervorgehobene Ausfhrung der Passionstexte im Vergleich zu andern

    Evangelientexten. Augustinus spricht von einer feierlichen Lesung (solemniter legitur

    passio, solemniter celebratur). In dieser Zeit der Kirchenvter haben

    Passionserzhlungen wie bildliche P. Darstellungen (Bildbeispiel Deesis, Ende 12. Jh.)

    berwiegend erzhlenden Charakter. Die Passionsfrmmigkeit der Bettelorden im 13. Jh.

    Trgt bereits mystische Zge (vorbereitet durch Bernhard von Clairvaux und begnstigt

    durch ein Interesse an Heiligen Sttten, wo das Schicksal des leidenden und sterbenden

    Christus nachempfunden wurde), in der gotischen Bildkunst wird der Schmerzensmann

    dargestellt (Bildbeispiel Schmerzensmann, Elsass 1450), der zur compassio, d.h. zum

    Mitleiden und zur imitatio christi (Nachfolge) auffordert.

    Zahlreiche volkssprachliche bersetzungen und Nachdichtungen der Passion in Versen

    wie in Prosa leiten zu den Passionsspielen ber, die in ihrer aufwndigen Gestaltung den

  • Bibel und Musik Die Johannes- Passion von J. S. Bach, Schwbisch Gmnd 2007

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    Bildern in zeitgenssischen Bchern vergleichbar werden (Bildbeispiel Buchillustration

    Lukas, England ca. 1415). In Zusammenhang mit der bildhaften Ausgestaltung des

    Passionsgeschehens ist zu sehen, dass im Laufe des 15. Jh. die Zahl der ausfhrenden

    Personen zunimmt, war der Vortrag der Passionsgeschichte bislang nur einem Kantor

    (Snger) vorbehalten. Dieser trug den Text (z.B. das Johannes- Evangelium nach Papst

    Leo I. (440-461) stets am Karfreitag, ebenso in evangelischer Tradition) aus einer

    Handschrift, einem Pracht Codex oder dem eigens fr ihn bestimmten Cantorinum vor.

    Der Vortrag unterliegt den Regeln eines so genannten Rezitationstons (genannt Tenor).

    Die frhesten Zeugnisse aus dem 12. Jh. belegen eine melodische Abstufung im Vortrag,

    oder anders ausgedrckt: einen wechselnden Tenor. Hierbei wird zwischen den

    auftretenden Figuren der Passionsgeschichte unterschieden. Es gibt eine mittlere

    Tonhhe fr die Narratio (die Erzhlung), eine tiefere Tonlage fr die Worte Christi und

    eine hhere Tonlage fr die Worte der anderen Charaktere (Judas, Petrus, Pilatus, die so

    genannten Soliloquenten und die Volksmenge, die so genannten Turbae). ( Corbie-

    Handschrift, Laaber)1

    Es liegt nun nahe, die Unterscheidung der Rezitationstne auf mehrere Vortragende

    aufzuteilen. Die Bestrebung dafr ist, einerseits den Evangelistentext einheitlich zu

    rezitieren, andrerseits die Jesus- Worte hervorzuheben, so dass sich mit den brigen

    Textabschnitten insgesamt drei vorherrschende Rezitationsebenen ergeben.

    Den Vortragenden wurden nun Vortragshilfen an die Hand gegeben, so genannte

    litterae, also Buchstabenkrzel. Dies sind sowohl (relativ zu verstehende)

    Tonhhenangaben (wie m = mediocriter, in mittlerer Lage; i = iusum, in tiefer Lage; a =

    altius, in hherer Lage, usw.) als auch Ausdrucksbezeichnungen (wie c = celeriter,

    schnell; t = tenere, langsam und verhalten; f = fortiter, krftig, usw.). Hufig berlieferte

    litterae verteilt auf die unterschiedlichen Partien der Passion siehe Beispiel aus MGG. Es

    zeigt sich, dass die meisten Buchstaben den Jesus- Worten zugeordnet sind, deren Inhalt

    und Ausdruck einprgsam mit gesenkter Stimme und zurckgenommenem Vortrag

    dargestellt werden. Als bliche Rezitationstne haben sich die so genannten rmischen

    Rezitationstne durchgesetzt (Jesus f, Narratio c, Turbae f). Nachdem ursprnglich der

    Vortrag der Passion einem Diakon zugewiesen war, erfolgt nun die Aufteilung auf drei

    1 G. Massenkeil: Oratorium und Passion Bd. 1, Laaber 1998

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    Diakone, von denen der zentral stehende die Rolle der Jesus- Worte bernahm. Als

    weiterer Schritt zur Verlebendigung des Vortrags werden in einzelnen Fllen mehrere

    Snger zum (nach wie vor einstimmigen) Vortrag der Turbae (des Volkes)

    hinzugenommen, eine entsprechende Vorschrift findet sich bereits in einer Handschrift

    von 1348 aus Polen).

    1.2. Die mehrstimmige Passion

    Terminologie

    Otto Kade (1893):

    dramatische Passion = nur die direkten Reden werden mehrstimmig vertont v.a. die

    Turbae; auch Choralpassion (oder responsoriale Passion = ebenfalls nur die Turbae

    sind mehrstimmig)

    motettische Passion (folgt der Gattung der Motette) = auch die erzhlenden

    Passagen werden polyphon gesetzt; auch Figuralpassion (oder durchkomponierte

    Passion)

    Passionsharmonie = Zusammenstellung von Texten aus mehreren Evangelien

    oratorische oder konzertante Passion = mit neu komponierten Erzhlerpassagen,

    die sich nicht lnger am Rezitationston orientieren; der Oper und dem Oratorium folgend;

    ebenso Hinzunahme von Neudichtungen (Arien und Ariosi) und instrumentalen Vor- und

    Zwischenspielen.

    Die Anfnge der Mehrstimmigkeit und die katholische Passion

    Mit der Aufteilung der Passionserzhlung auf mehrere Snger ergab sich zumindest

    theoretisch die Mglichkeit eines mehrstimmigen Gesangs. Die frheste Form der

    Mehrstimmigkeit ist vermutlich eine improvisierte Mehrstimmigkeit einfachster Art unter

    Bercksichtigung des Quint Quart Abstandes der drei verschiedenen Rezitationstne

    (f - c - f). Als Beispiel dafr gilt der um 1450 geschriebene Traktat aus der Pfarrkirche in

    Fssen (siehe Bild und Notenbeispiel). Es gibt folgende Beschreibung der Vortragsweise:

    Wenn es zu dem frchterlichen, lrmenden Ansturm und Tumult der Juden kommt, dann

    muss man gemeinsam fortfahren. Beachtenswert ist der Umstand, dass die

    Mehrstimmigkeit offenbar ausschlielich den Reden der Juden vorbehalten war. Die

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    Wissenschaft geht deshalb von einer direkten Verbindung mit den damaligen

    Judenverfolgungen aus. Weitere Zeugnisse frher notierter Mehrstimmigkeit fehlen.

    Das am meisten verbreitete Stck unter den frhen Passionen ist die Passionsmotette

    des Antoine de Langueval (um 1507), der Textzusammenstellung nach aus allen vier

    Evangelien und durchweg mehrstimmig (zwei- bis vierstimmig) komponiert. Allerdings

    bleibt der liturgische Passionston durchweg in einer der vier Stimmen erkennbar. Die

    Turbae sind meist vierstimmig, die Solistenpartien (einschlielich der Jesus- Worte)

    gewhnlich zweistimmig.

    Zum Vergleich: Johannes- Passion von Balthasar Resinarius Harzer (1543), ebenfalls ein

    fest an den Lektionston gebundenes, ausgesprochen frhes Werk. Es ist eine summa

    passiones, d.h. eine Passion in Kurzform, die nur die wichtigsten Stellen behandelt.

    Notenbeispiel (secunda pars):

    T. 1-10: Polyphoner Beginn der Narratio in allen Stimmen, erkennbar die natrliche

    Mehrstimmigkeit der Rezitationstne f und c.

    T. 10-17: Homophoner Einschub beim Text sie nahmen Jesus fest; erste musikalische

    Tonmalerei bei den Worten zu Hannas (T. 15); gegenlufige Viertelbewegung.

    T. 18-28: Dreistimmige Erzhlung des Geschehens vor dem Hohenpriester; deutlich

    erkennbar der Rezitationston c der Narratio im Bass.

    T. 29-30: Ausdnnung des Satzes als berleitung zur zweistimmigen Rede von Jesus

    T. 31-59: Rede Jesu auf den Rezitationston f; beachte: der Bass ist die eigentlich wichtige

    Stimme, auch wenn der Alt solistischer erscheint.

    ( gemeinsam musizieren)

    Bedeutende Werke der liturgischen mehrstimmigen Passion in den katholischen Gebieten

    des 16. und 17 Jh. sind die Passion Alessandro Scarlattis (Italien um 1680) und die vier

    Passionen Orlando di Lassos (Mnchen um 1580). Bemerkenswert bei Scarlattis Passion

    ist die Besetzung (2 Vl., Va. und Bc), sowie die groe Geschlossenheit des Werkes durch

    einen einheitlichen Beginn und Schluss. Beide Teile (Exordium und Conclusio) stehen in

    derselben Tonart und sind mit Largo berschrieben (siehe Notenbeispiel und Faksimile,

    evtl. musizieren T. 1-28), eine Station auf dem Weg zur auskomponierten und

    instrumental begleiteten Passion. Orlando di Lasso komponierte ganze vier Passionen,

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    die bis weit ins 18. Jh. tradiert wurden. Seine Johannes- Passion ist ein streng