bioskop - austrianbiologist.at · ausgeprägter Pluralismus, der zwar nicht immer geliebt wird, der...

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bioskop Zeitschrift der Austrian Biologist Association TIERETHIK UND TIERSCHUTZ Ausgabe 1/06 Einzelpreis € 6,50 ISSN 1560-2516 Grundlagen einer Tierethik Jean-Claude Wolf Ethische Grundlagen des Tierschutzgesetzes Erwin Lengauer & Regina Binder Interview zum Tierschutzgesetz bioskop im Gespräch mit Gabriele Damoser Die vierte Welle Dieter Armerding Menschen und Tiere Franz M. Wuketits Warum ist Pauli mein Freund? Franz Bacher 4 16 20 22 37 43
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  • bioskopZeitschri f t der Austr ian Biologist Associat ion

    TIERETHIK UND TIERSCHUTZ

    Ausgabe 1/06 Einzelpreis 6,50 ISSN 1560-2516

    Grundlagen einer TierethikJean-Claude Wolf

    Ethische Grundlagen des TierschutzgesetzesErwin Lengauer & Regina Binder

    Interview zum Tierschutzgesetzbioskop im Gesprch mit Gabriele Damoser

    Die vierte WelleDieter Armerding

    Menschen und Tiere Franz M. Wuketits

    Warum ist Pauli mein Freund?Franz Bacher

    41620

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    bioskop 1/06

    Gene und LebenRichard Kiridus-Gller

    Gentechnik in der Landwirtschaft Peter Weish

    Gen-Ethik in der NutztierzuchtAlfred Haiger

    Reales oder vermeintliches RisikoHelge Torgersen

    Charakterlose GeneUlrich Kattmann

    Biotechnologie zum AnfassenKarin Garber

    eLearningMonika Bachler

    NanotechnologieInge Brandl

    Vernetzte Nano-WeltGundula Weingartner

    Wissenschaftlicher Nachrufauf Rupert RiedlManfred Wimmer

    Wollt ihr den totalen Markt?Richard Kiridus-Gller, Franz M. Wuketits

    ABA-Nachrichten, Buchempfehlung,Abo, Mitgliedschaft, Leitbild

    Editorial

    ABA Intern

    Forum

    Thema 4

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    Editorial

    Was uns bewegt

    Personenund Geschichte

    Medieninhaber und VerlegerAustrian Biologogist Association (ABA),Member of European CountriesBiologists Association (ECBA)bioskop erscheint viermal jhrlich.

    Prsident der ABA Mag. Helmut Ulf JostFuchsgrabengasse 25, 8160 [email protected]

    Internetwww.bioskop.atwww.aba-austrianbiologist.com

    HerausgeberProf. Dr. Franz M. [email protected]

    ChefredakteurDr. Richard [email protected]

    RedaktionsmitgliederDr. Dieter ArmerdingOStR Mag. Franz BacherDr. Thomas BertiDr. Hans HoferHOL Hubert Salzburger

    RedaktionssitzChimanistrae 5A-1190 Wien

    Wissenschaftlicher Beirat Prof. Dr. Georg Grtner, Universitt Innsbruck

    Dr. Susanne Gruber, Wirtschaftsuniversitt WienProf. Dr. Walter Hdl, Universitt WienProf. Dr. Bernd Ltsch, Naturhistorisches Museum WienProf. Dr. Erhard Oeser, Universitt WienDr. Eberhard K. Seifert, Wuppertal InstitutProf. Dr. Gottfried Tichy, Universitt SalzburgDoz. Dr. Peter Weish, Universitt Wienemer. Prof. Dr. Horst Werner, Universitt Salzburg / IDNDr. Manfred Wimmer, Gymnasium Waidhofen a. d. Thaya

    Ausgabe 1 / 2006 | 9. JahrgangTierethik und Tierschutz

    Public Relations Mag. Erwin [email protected]

    WerbungMag. Rudolf [email protected]

    Layout und Satz Clemens-G. [email protected]

    Druck Facultas Verlags- und Buchhandels AGBerggasse 5, A-1090 Wienwww.facultas.atGedruckt auf chlorfei gebleichtem Papier(Auflage 1000)

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    Didaktik

    B I L D N A C H W E I S

    TitelbildGLLER, C.-G.

    Fotos, Illustrationen & GrafikenBRANDL, I.: S.26, 27, 28

    dialoggentechnik: S. 13 ( Abb.1), S. 16 (Abb.1), S. 16 (Abb.2), S. 22

    GARBER, K.: S. 17, 18

    HAIGER, A.: S. 12, 14

    IMP: S. 21

    KATTMANN, U.: S. 24

    KIRIDUS-GLLER, R.: S. 4, 5, 6

    WIMMER, M.: S. 31

    WEISH, P.: S. 9

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    Focus

    ... eine Zeitschrift lebt nicht zuletzt von Ih-ren Leserinnen und Lesern.

    FRANZ M. WUKETITSHerausgeber

    bioskopZeitschri f t der Austr ian Biologist Associat ion

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    bioskop 1/06

    Thema Thema

    Die Grundlagen einer Tierethik sind identisch mit den Grundlagen einer Hu-manethik. Es gibt keine Sonderethik fr Tiere, sondern nur mehr oder weniger plausible Anwendungen der Ethik, die fr Menschen gilt, Menschen motiviert oder verpflichtet, in ihrer Anwendung auf Tiere. Mit Tieren sind alle nicht-menschlichen Lebewesen gemeint. Im folgenden sollen einige Optionen dar-gestellt und kurz gewrdigt werden.

    J E A N - C L A U D E W O L F

    Religise EthikenMenschen, die stark eingebunden sind in Religionen, verfgen gewhnlich ber Anweisungen, aber auch Bilder, Erzhlungen und Symbole, die den Umgang mit Tieren beeinflussen. Der Vorteil von praktizierten Religionen besteht darin, da diese Anweisun-gen und Symbole frh eingebt und verinnerlicht werden und damit nicht leichtfertig aufgegeben werden kn-nen. Sie sind berdies eingebettet in eine umfassende Lebensform, welche den religisen Haltungen und Regeln inneren Zusammenhang, Plausibilitt und motivierende Kraft verleihen. Ei-nige dieser Vorteile werden in moder-nen pluralistischen Gesellschaften auf Spiel gesetzt, weil die Menschen mehr Vergleichsmglichkeiten haben und selbst innerhalb ihrer eigenen Religi-onsgemeinschaft Spielrume erhalten, die z.B. eine Vermeidung archaisch an-mutender kultischer und ritueller Rege-lungen in Bezug auf Tiere nahelegen. Der Zwang zur Hresie, der sich durch die Konfrontation mit dem Pluralismus ergibt, erffnet die Mglichkeit, die

    Grundlageneiner Tierethik

    eigene Religion distanziert zu betrach-ten und sie eventuell zugunsten einer anderen Weltanschauung zu verlassen.Aus der Sicht philosophischer Ethiken sind religisen Ethiken verpnt, sofern sie entweder die Methoden ihrer Be-grndung nicht transparent machen und letztlich heteronom sind, d.h. sie beruhen auf unbegrndeten Vorschrif-ten. Oder die Religionen appellieren an Argumente wie z.B. eine Variante der goldenen Regel (Fge anderen nichts zu, was du selber nicht erleiden mch-test) oder Respekt vor der Wrde, die sich auch unabhngig vom religisen Kontext verstehen und vertreten las-sen.

    Aus diesen und anderen Grnden wer-den religise Ethiken zwar als Elemente von Lebensformen ernst genommen, aber sie tragen nach der Auffassung der Vertreter skularer Ethiken wenig bei zur Begrndung der Ethiken, was nicht auch und vielleicht sogar deutli-cher ohne religise Voraussetzungen formuliert werden knnte.

    Ethiken versus EthikObwohl die Philosophie sich darum be-mht, ethische Begrndungen zu ana-lysieren und die besten Begrndungen zu ermitteln, lassen sich auch die sku-laren Ethiken nicht zu einer einzigen besten Ethik vereinheitlichen. Auch innerhalb der Philosophie besteht ein ausgeprgter Pluralismus, der zwar nicht immer geliebt wird, der aber zu-stzlich gefrdert wird durch die Kultur des agreement in disagreement. Die abweichende Meinung und Nuancen werden gesucht und sind unter ande-rem relevant fr das Profil der Originali-tt von Akademikern. Deshalb werden nicht nur verschiedene Grundttypen ethischer Begrndungen vertreten, sondern auch unzhlige Varianten der-selben. Auch in der Bezeichnung dieser Grundtypen werden wir die Pluralform verwenden mssen.

    Die UtilitarismenEin Grundtypus von Ethiken ist woh-fahrtorientiert. Lust, Glck oder Inte-ressenbefriedigung gehren zu den Aspekten, welche ethische berlegun-gen nie ausblenden drfen. Historisch betrachtet wurden die Utilitarismen vor allem im 18. und 19. Jahrhundert von ihren Begrndern Jeremy Bentham und John Stuart Mill formuliert. Die he-donistische Variante des Utilitarismus bezieht sich auf Lust und Schmerz der von unseren Entscheidungen be-troffenen. Das Ziel besteht darin, Lust (und alle Freuden) zu maximieren und Schmerz (und andere Leiden) zu redu-zieren. Die hedonistische Variante lt sich unmittelbar auf Tiere anwenden und wurde von ihren Begrndern auch als das wichtigste Kriterium einer Tie-rethik betrachtet. Die Frage Knnen Wesen leiden? ist fundamental, aber es ist selbst fr hedonistische Utilita-risten nicht die einzige Frage. Nehmen wir an, da z.B. ein Pferd weniger inten-siv leiden kann als ein Mensch, so ist es weniger problematisch, einem Pferd grere Belastungen zuzumuten. Kann ein Tier bestimmte Qualitten von Freuden (z.B. die Freude, ein freier Br-ger mit gleichen Rechten zu sein) nicht empfinden, dann ist ebenfalls eine Un-gleichbehandlung angemessen.

    Der sog. Prferenzen-Utilitarismus versucht diese Situation zu verbes-sern, indem er nmlich verschiedene Typen von Prferenzen unterscheidet. Zum einen gibt es die einfachen Pr-ferenzen, die vor allem darin bestehen, Freude zu suchen und zu verlngern und Schmerz abzukrzen oder zu ver-meiden. Daneben gibt es auch hhere Prferenzen, die ihrerseits hhere geis-tige Fhigkeiten voraussetzen. Hat ein Wesen nur einfache (hedonistische) Prferenzen, so ist es z.B. unbedenklich, ein solches Wesen kurz und schmerz-los zu tten. Hat ein Wesen dagegen hhere Prferenzen, kann es z.B. den

    Wunsch haben, auch in Zukunft wei-terzuleben, so wrde die Ttung eines solchen Wesens in den meisten Fllen (auer wenn dieses Wesen selber nicht mehr leben will) eine Prferenz dieses Wesens durchkreuzen. Knnte sich ein Pferd auf die Zukunft beziehen, knn-te es somit eine Prferenz haben, auch knftig weiterzuleben, so wre die T-tung eines Pferdes ebenso verwerflich wie die Ttung eines Menschen. Die-se Auffassung wrde einige Tiere als schutzwrdiger betrachten als bisher. Umgekehrt wrde diese Auffassung mglicherweise die Schutzwrdigkeit einiger Menschen herabsetzen, sofern diese nmlich noch nicht oder nicht mehr ber hhere geistige Fhigkeiten verfgen, die es ihnen erlaubten, sich auf die Zukunft zu beziehen.

    Diese Zweischneidigkeit der Familie der utilitaristischen Theorien wurde im Anschlu an die Thesen des australi-schen Philosophen Peter Singer heftig diskutiert. Kaum eine andere Gruppe von ethischen Theorien ist so radikal in der Verwerfung des sog. Speziesis-mus, d.h. der in unseren Traditionen und Gefhlen tief verankerten Bevor-zugung der Mitglieder der Spezies homo sapiens. Die von Peter Singer und anderen Ethikern geforderte Kritik des Speziesismus setzt nicht nur die Beherrschung eines Vokabulars oder einiger intellektueller Operationen der logischen Verallgemeinerung voraus, sondern auch und vor allem eine Be-kehrung auf der Ebene unserer Emo-tionen. Die gereizte Haltung, mit der die Vorrechte der Menschen ber Tiere verteidigt werden, verrt etwas von dem emotionalen Granit und Grund-gestein stammesgeschichtlich vererb-ter und erworbener Priviliegen, die sich Menschen in einem langen und grau-samen Kampf gegen wilde Tiere und in einer langen, viel Ausdauer und List verlangenden Geschichte der Domesti-kation von Tieren erstritten haben. Die

    Aufforderung, speziesneutral zu ber-legen und unsere eigene Spezies nicht zu bevorzugen, klingt zwar schn, ist aber als Lebensregel unrealistisch. Viel-leicht ist die Fiktion einer speziesneu-tralen Unparteilichkeit ein Ideal, das als Korrektiv gegen gewisse Exzesse der Grausamkeit und ungehemmten Aus-beutung dienen mag. Die Lebens- und Ernhrungsgewohnheiten der Massen wird dieses Ideal kaum verndern. Die Kantischen EthikenMit dieser Bezeichnung wird nicht nur Kants Ethik, sondern auch das groe Spektrum der Varianten angesprochen, die von seinen Bewunderern vertreten werden. Auch hier gilt die Feststellung, da es unzhlige Varianten gibt und da fast keine These innerhalb der Kan-tianischen Ethik unumstritten ist. Sogar die Auffassung, die Kantische Ethik sei nicht ausschlielich folgenorientiert (konsequentialistisch), ist umstritten. Entsprechend gibt es auf dem Markt der Kantianischen Ethiken sogar einen meines Erachtens berzeugend ausge-feilten Kantianischen Konsequentialis-mus.

    Besonders beliebt ist die von Kant in-spirierte Auffassung, Personen sollten nicht nur als Mittel, sondern immer auch als Zwecke behandelt werden. Damit ist gemeint, da ein vernnftiges Wesen sich selber Zwecke setzen kann; diese Zwecke sind dann seine eigenen (vernnftigen) Zwecke, die nicht ersetzt oder unterdrckt werden drfen von Zwecken, die andere Menschen haben. Ich darf z.B. nicht einfach als Ressour-ce fr die Wnsche anderer behandelt werden, z.B. als bloes Mittel ihrer Pro-fitgier oder ihres Hungers. Kant selber wollte diese Norm nur auf vernnftige Wesen anwenden, doch ein prominen-ter Anhnger Kants und der Tierethik, der nordamerikanische Philosoph Dom Regen, hat beschlossen, die Anwen-dung dieser sog. Selbstzweckformel

    des kategorischen Imperativs auch auf Tiere anzuwenden. Lebewesen mit ei-genen Zwecken haben einen gleichen Eigenwert [inherent value]; es gilt das Postulat, da sie gleich zu respektieren seien.

    Die Auffassung, da ein Wesen eigene Zwecke hat, kann nach Regan auch in einem abgenderten und abge-schwchten Sinne auf Wesen bezogen werden, die eigene Wnsche haben. Der Wunsch eines Pferdes, nicht inten-siven Schmerzen ausgesetzt zu wer-den, ist Bestandteil seiner Wnsche und Zwecke, ganz unabhngig davon, wie sehr diese Zwecke vernnftig re-flektiert werden knnen. Es macht Sinn, die Wnsche eines Pferdes als Bestandteile seiner eigenen Zwecke zu verstehen und zu respektieren. Nicht besonders klar ist die Rolle der Empfin-dungsfhigkeit fr den sog. Eigenwert. Es wre auch denkbar, allen Wesen, die Strebungen haben und eigene (artei-gene) Ziele verfolgen, einen Eigenwert zuzusprechen. Damit wrde die Kanti-sche Ethik Regans sogar fr Lebewesen ohne (uns bekannte Schmerz-)Empfin-dungen geffnet.

    Strenge Kantianer lehnen Regans tierethische Ausweitung ab. Sie wei-sen darauf hin, da die Struktur der Selbstzwecklichkeit nur dann zustande kommt, wenn ein Wesen fhig ist, sich seine eigenen Regeln zu geben. Nur ein solches Wesen erfllt die Bedingungen der Autonomie. Die bloe Tatsache, da ich Wnsche habe, ist kein sicheres Anzeichen dafr, da es meine eige-nen (vernnftig approbierten) Wn-sche sind. Jugendliche, die zu rauchen wnschen, erfllen damit vielleicht nur die Vorstellungen ihrer Bezugsgruppe oder imitieren Idole. Meine Wnsche sind nicht automatisch meine eigenen Wnsche; es knne auch Wnsche sein, die durch Manipulation, unbewute Nachahmung oder Gruppenzwang

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    entstanden sind. Fr einen strikten Kantianer sind die (nicht-vernnftigen) Wnsche von Tieren ebenso wenig moralisch respektabel wie die (unver-nnftigen) Wnsche von adoleszenten Rauchern. Tiere, so lautet die klare Auf-fassung von Kant, verdienen keine di-rekte moralische Beachtung; wir schul-den ihnen nichts. Dagegen haben wir direkte Pflichten gegenber den Besit-zern von Tieren. Vor allem schulden wir es uns selber und sollten darauf achten, da wir nicht durch Tierqulerei sittlich verrohen.

    Obwohl die Ausweitung der Selbst-zweckformel auf Tiere der verbreite-ten berzeugung Ausdruck verleiht, da auch Tiere nicht nur Ressourcen fr menschliche Projekte sind, ist nicht klar, ob alle Wesen, die Wnsche haben, auch einen gleichen Eigenwert haben. Die meisten von uns lassen sich in der Annahme eines gleichen Eigenwerts aller wnschenden, strebenden oder empfindungsfhigen Organismen be-irren, wenn es darum geht, zur Rettung eines Menschen ein Tier zu opfern. Dies scheint besonders evident, wenn die einzige Mglichkeit ein Kleinkind zu retten, darin bestnde, einen Hund aus dem berfllten Rettungsboot zu werfen. Solche Rettungsbootszenarien sind meist nur phantastische Gedanke-nexperimente, um unsere hartncki-gen speziesistischen berzeugungen zu illustrieren. Sie haben in sich keine Beweiskraft und knne auch nicht dazu dienen, eine generelle moralische Li-zenz fr Tieropfer (z.B. Tierexperimen-te) zu erbringen.

    VertragstheorienEine der Kantischen Ethik nahestehen-de Theorie ist die Vertragstheorie. Die kantianische Variante der Vertragsthe-orie besagt: Behandle niemanden so, da er dem vernnftigerweise nicht zustimmen knnte. Gefordert ist eine vernnftige oder unparteiische Zustim-

    mung. Der Vertrag ist ein Bild oder eine Fiktion zur Verdeutlichung des Prinzips der rationalen Zustimmung.

    Diese Auffassung scheint auf den ersten Blick Tiere kategorisch auszuschlieen, verfgen diese doch nicht ber die ko-gnitiven Voraussetzungen fr eine ver-nnftige Zustimmung. Die Situation ist vergleichbar mit der strengen und fr Tiere unerfllbaren Forderung von Au-tonomie. Es geht nicht nur um eine de facto Zustimmung oder Zeichen der Erduldung einer Behandlung, sondern um vernnftige Zustimmung.

    Versteht man den kantianischen Kon-traktualismus wie John Rawls, so be-steht entgegen der Absicht von Rawls eine interessante Mglichkeit, Tiere moralisch zu integrieren. Rawls ver-anschaulicht die vernnftige Zustim-mung durch eine Entscheidung in einer Urposition, hinter einem Schleier des Nicht-Wissens. Um die faire und unpar-teiische Zustimmung zu Regeln der Ge-rechtigkeit zu ermglichen, filtert der Schleier des Nichtwissens alle Kennt-nisse momentan aus, welche nach al-lem, was wir wissen, moralische Urteile verzerren knnen, also z.B. Kenntnisse ber die Zugehrigkeit zur Rasse, zum Geschlecht und wie man fortsetzen knnte der eigenen Spezies. Da es einen sog. Spezies-Bias gibt, wird vie-len einleuchten. Historisch betrachtet muten gewisse Rcksichten auf die Empfindungsfhigkeit von Tieren hart und gegen die Vorurteile ganzer Epo-chen erkmpft werden. Wer Regeln der Gerechtigkeit sucht und dies mglichst unparteiisch tun mchte, sollte also vo-rbergehend vergessen, zu welcher Spezies er nach getroffener Entschei-dung gehren wird.

    Der ingenise Versuch, den kantischen Kontraktualismus auf die Rcksicht fr Tiere auszuweiten, wird jedoch nicht viele berzeugen. Zum einen ist die An-

    nahme, ich knnte vorbergehend die Zugehrigkeit zur menschlichen Spe-zies vergessen oder spter einer nicht-menschlichen Spezies angehren, noch knstlicher als andere Kunststcke der methodischen Unwissenheit. Zum an-deren ist der Schleier der Unwissenheit nach Rawls nur ein Mittel der Illustra-tion ohne unabhngige Beweiskraft. Wenn die vernnftige Zustimmung zu Prinzipien in allzu starken Gegensatz gert zu bisherigen wichtigen und wohl erwogenen Urteilen, so mssen diese abstrakt elaborierten Prinzipien eventuell revidiert werden. Nach Rawls selber gehren Rcksichten auf Tiere zu den sog. natrlichen Pflichten, nicht zu den Forderungen der Gerechtigkeit. Geht es um harte Verteilungskmpfe, die ber die Grenzen unserer Spezies hinaus andere Lebewesen betreffen, so haben nicht-menschliche Lebewe-sen wenig Chancen. Die Neigung, Tiere auszubeuten und zu qulen, wird nach Rawls durch die natrliche Pflicht des Mitgefhls nur abgemildert, aber nicht grundstzlich verhindert.

    Neben dem kantianischen Kontraktu-alismus gibt es den Hobbesianischen Kontraktualismus, der moralische Re-geln als Resultat faktischer Verhand-lungen und Vertrge betrachtet. Diese auf den Philosophen Thomas Hobbes zurckfhrende Theorie geht nicht von einer idealisierten, fairen Entschei-dungssituation aus, sondern von re-alen Konflikten und Verhandlungen. Auch das Verhltnis zu Nutztieren kann zumindest analog zu einem einseiti-gen Vertragsverhltnis gesehen wer-den, da wir Menschen eingehen, in-dem wir Tiere nutzen und ihnen dafr Stallwrme und Futter zur Verfgung stellen. Einseitig ist dieser Vertrag des-halb, weil er von Tieren nicht als Vertrag oder Versprechen verstanden werden kann. Einseitige Vertrge haben den Nachteil, da sie jederzeit aufgekn-digt werden knnen, auer es besteht

    ein wirksames System von Sanktionen, welche die Durchsetzung solcher Ver-trge garantieren. Einseitige Vertrge mit Tieren machen keinen Sinn ohne flankierende Regeln und Sanktionen, welche Vertragsbruch ahnden.

    Die Grenzen einer Hobbesianischen Tierethik liegen auf der Hand. Als direk-te Vertragspartner kommen Tiere nicht in Betracht, sondern nur als Objekte einer Stellvertreterpolitik. Gibt es in einer Gesellschaft zufllig genug Idea-listen, welche die Einfhrung und kon-sequente Umsetzung relativ strenger Tierschutzgesetze erzwingen knnen, dann haben (einige) Tiere Glck ge-habt. Gibt es dagegen zu viele Partei-en und Lobbyisten, die eine eher hu-manchauvinistische Linie erfolgreich vertreten, so haben die Tiere Pech. Ins-gesamt ist die Wahrscheinlichkeit, da unter den Bedingungen tatschlicher Konflikte und Verhandlungen und un-gleicher Verhandlungspositionen viel zugunsten der Tiere erreicht wird, ex-trem unwahrscheinlich.

    TugendethikenDie Tugendethiken wurden seit der Antike bis ins 18. Jahrhundert als die wichtigsten ethischen Theorien be-trachtet. Auf Tiere angewendet beto-nen Tugendethiken nicht so sehr, was wir tun, sondern wer wir sind. Tugen-dethik ist Charakterethik. Nicht punk-tuelle oder gar einmalige Handlungen, sondern ein Muster von Dispositionen des Fhlens und Handelns machen ei-nen Charakter aus.

    Die wichtigste Tugend in Bezug auf Tie-re ist jene des Mitgefhls. Keine Tugend ist in der antiken Ethik weniger beliebt. Erst in der Neuzeit, insbesondere unter dem Einflu der Vertreter der Schotti-schen Aufklrung und Rousseaus wird Mitgefhl zur kardinalen Tugend, die das ganze System der Tugenden be-grndet oder zumindest mitbestimmt.

    Mitgefhl uert sich vor allem als Mit-leid mit Schwcheren und Leidenden und ist besonders geeignet fr eine Anwendung auf Wesen, die entweder besonders verwundbar sind oder die unserer Willkr besonders ausgesetzt sind wie z.B. Nutztiere.

    Das natrliche Mitleid ist besonders in-tensiv, aber auch exklusiv. Gewhnlich richtet es sich wie andere natrliche Affekte nur auf wenige Bezugswesen wie z.B. Angehrige der eigenen Fami-lie oder des eigenen Haushaltes. Sofern Tiere zum eigenen Haushalt gehren, genieen sie das Privileg der natrli-chen Neigungen. Da unsere Neigun-gen auch wandelbar und parteiisch sind, zwingt uns dazu, die Urteile der natrlichen Sympathie durch vernnf-tige berlegungen zu korrigieren.Die universale Sympathie mit allen lei-densfhigen Wesen ist mglich, doch sie bleibt ein eher schwaches Gefhl, das uns nicht direkt zum handeln moti-viert. Tugendethiken sind als reine Ge-fhlsethiken nicht berzeugend. Seit der Antike wurde daher vielmehr die Vernunft als Stifterin der Einheit der Tu-genden betrachtet. Die Vernunft kann, wie auch David Hume und Adam Smith zugeben, die Einseitigkeiten und Un-zulnglichkeiten der sozialen Gefhle korrigieren. Zu diesen gehren nicht nur Mitgefhl, sondern auch Dankbar-keit, Vergeltung (im positiven und ne-gativen Sinne) und freundschaftliche Bindungen.

    Moderne Tugendethiken mit ihrem Verstndnis fr den Reichtum und die Diversitt moralischer Prinzipien sind besonders dazu geeignet, die verschiedenen Dimensionen unserer Verhltnisse zu Tieren zu beleuchten, ohne damit immer eine eindeutige, fr den Gesetzgeber verwendbare Lsung zu produzieren. Diese Grenze der Tugendethiken wird nur dann als katastrophal verstanden, wenn Ethik

    ausschlielich als Geburtshelferin oder Assistentin der Gesetzgebung verstan-den wird. Dies ist gewi eine einseitige Auffassung von Ethik.

    Die Tugendethik braucht nicht mit dem Vorurteil zu brechen, da es na-trliche Hierarchien gibt und da sich Menschen meist so verhalten, als w-ren sie mehr wert als Tiere und diesen berlegen. Der Glaube an die eigene wertmige Superioritt besttigt die Beobachtung, da unser Verhltnis zu Tieren durch eine sog. Herrenmoral charakterisiert ist. Es ist durchaus mg-lich, da die Herrenmoral auf einer Illu-sion beruht, die sich nicht vernnftig begrnden lt, die aber so hartnckig ist und uns berdies zu bedeutenden kulturellen Spitzenleistungen moti-viert, so da es eine ntzliche Fiktion ist. (Vielleicht ist es auch fr viele ltere Mnner eine ntzliche Fiktion, Frauen oder jngeren Mnnern wertmig berlegen zu sein.) Die Herrenmoral trgt der Tatsache Rechnung, da auch Menschen (entgegen der eingangs vorgeschlagenen Definition) Tiere sind und damit auch ein Stck weit emp-fnglich fr Gesetze und Hierarchien der Natur.

    Die sogenannte Herrenmoral setzt vor-aus, da die Herren mehr Macht haben als die Beherrschten, und da sie diese Macht ohne Schuldgefhle ausben. Wer z.B. einen Hund hlt und ihn als Hundehalter dominiert, braucht des-halb keine moralischen Schuldgefhle zu haben. Es ist fr den Menschen und fr den Hund das Beste. Als Herr und Rudelfhrer bernimmt der Hunde-halter auch eine natrliche Verantwor-tung. Wer sich seiner Dominanz sicher ist, braucht diese nicht permanent neu zu erkmpfen und zu besttigen, aber er mu seinen Hund gegen fremde Rudel verteidigen. Ein klares hierar-chisches Dominanzverhltnis fhrt zur Reduktion permanenter Konflikte und

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    Gewalt. Wer sich dagegen seiner Domi-nanz nicht sicher und bewut ist, neigt eher dazu, unntige und unverhltnis-mige Gewalt anzuwenden. Ein Aus-druck der Dominanz des Menschen ber den Hund besteht zum Beispiel darin, da die Bewegungsfreiheit des Tiers weniger zhlt als die Sicherheit der Menschen. Das manifestiert sich im Leinenzwang fr Hunde oder im Stallzwang fr von Seuchen bedrohten Tieren.

    Die Herrenmoral des Menschen ber Tiere findet ihre Grenzen an den Machtansprchen anderer Menschen, aber auch an den inneren Gefhlen von Mitleid und Bedauern gegenber leidenden Tieren. Der umstrittene Sozi-aldarwinismus setzt auch eine malose Abwertung der natrlichen Sympathie und des Mitleids voraus. Angesichts dieser Herkunft wird die faktisch gel-tende Tierethik immer eine komplexer Kompromissbildung von Herrenmoral und Sympathie sein. Aus der Herren-moral knnen nicht nur Vorrechte der Vernunft, sondern auch die von Kant hervorgehobenen Fhigkeiten zu Selbstzwang und Selbstgesetzgebung abgeleitet werden. Der Selbstachtung und Wrde eines Menschen kann es abtrglich sein, sich ausschlielich als einseitiger oder gar brutaler Nutznie-er der Schwchen von Tieren betrach-ten zu mssen.

    Nach Adam Smith ist es nicht nur wichtig, welchen Wert wir in den Au-gen anderer besitzen, sondern welche moralischen Verdienste wir uns selber attestieren knnen, unabhngig vom Lob und Tadel anderer. Es ist wichtiger, des Lobes wrdig zu sein als tatsch-lich gelobt zu werden. Es ist nicht nur unangenehm, zu unrecht getadelt zu werden, sondern auch zu unrecht ge-lobt zu werden. Wer nicht von krank-hafter Eitelkeit getrieben ist, wird sich schmen, Anerkennungen und Vorteile

    fr artgerechte Tierhaltung entgegen-zunehmen und zu wissen, da er dieser Auszeichnungen nicht wrdig ist. Adam Smith hat einen wichtigen Beitrag zur Tugendethik geleistet, indem er immer wieder betonte, wie wichtig es ist, nicht vor sich selber das Gesicht zu verlieren. Hier zhlen besonders moralische An-strengungen, die der sozialen Kontrolle weniger unterworfen sind, also z.B. die Tugenden eines Tierhalters, seine Tiere artgerecht und liebevoll zu behandeln, auch wenn seine Tierhaltung nicht im Mittelpunkt des ffentlichen Interesses steht.

    Obwohl die Ethik nicht nur Assistentin der Gesetzgebung ist, so ist sie gleich-wohl ein wichtiger Faktor der Rechts-wirklichkeit und Rechtskultur. Die meisten Lcken und Schwierigkeiten bestehen nicht in der Formulierung und Annahme guter Tierschutzgesetze, sondern im Vollzug. In der Anwendung geht es darum, Standesinteressen und wirtschaftlichen Nutzen zu korrigie-ren durch die Tugenden des Mitge-fhls, aber auch durch das Interesse an Selbstachtung.

    A U T O R U N D K O N T A K T

    Prof.Dr. Jean-Claude WolfOrdinarius fr Ethik und politische Philosophie an der Universitt Freiburg, Schweiz

    Dpartement de philosophieUniversit de FribourgMisricordeAv. de lEurope 20CH-1700 [email protected]

    BUCHEMPFEHLUNG Jean-Claude Wolf: TIERETHIKNeue Perspektivenfr Menschen und Tiere

    Harald Fischer Verlag, Erlangen 2., durchgesehene Auflage 2005149 Seiten, broschiert,ISBN 3-89131-415-9

    Unser Autor Jean-Claude Wolf hat mit diesem Buch eine grund-legende Arbeit vorgelegt, an der niemand vorbeikommen wird, der sich mit tierethischen Problemen beschftigt. In sieben Kapiteln werden die Leserinnen und Leser ber die wissenschaftlichen und philosophischen Grundlagen der Tierethik informiert, um schlielich Antworten auf die Frage zu finden, warum wir in bezug auf Tiere mo-ralisch sein sollen. Wolf strapaziert dabei nicht das Prinzip der Heilig-keit des Lebens, sondern setzt die Tierethik beim individuellen Wohl der Tiere an. Das Buch ist sehr infor-mationsreich und bietet obendrein gengend Stoff fr weitergehende Diskussionen. Eine empfehlenswer-te Lektre fr alle, denen das Leben unserer Mitgeschpfe nicht gleich-gltig.

    L I T E R A T U R

    SINGER, Peter (1984): Praktische Ethik [Original 1979], bersetzt von Jean Claude Wolf, Stuttgart.

    REGAN, Tom (1983): The Case for Animal Rights, London etc.

    WOLF, Jean Claude (2005): Tierethik. Neue Perspektiven fr Menschen und Tiere, zweite Auflage, Erlangen.

    Thema

    Die Art und Weise wie landwirtschaft-liche Nutztiere heute gehalten werden ist Ausdruck konomischer Zwnge infolge sinkender Lebensmittelprei-se. Entscheidungen fr oder gegen ein Haltungssystem orientieren sich hauptschlich an arbeitswirtschaftli-chen berlegungen. Die Ansprche der Tiere finden zumeist nur soweit Berck-sichtigung, als ihre Leistungsfhigkeit nicht beeintrchtigt sein soll.

    SIGURD KONRAD & NICHOLAS FRSCHUSS

    Immer hufiger gehen Bauern beim Stallbau aber neue Wege. Dabei geht es in erster Linie darum, die Anspr-che der Tiere an die Haltungsumwelt und an ihre Betreuung zu erfllen und die Tierhaltung im Kontext mit einer kologischen Landbewirtschaftung zu betreiben. Arbeitswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Optimierun-gen werden so gesetzt, dass sie mit der Tiergerechtheit des Haltungssystems in Einklang stehen und diese mglichst nicht beeintrchtigen.Allenfalls dadurch bedingte hhere Erzeugerpreise mssen den Konsu-menten mittels zeitgemer Kommu-nikations- und Marketingmanahmen (Werbung, Information, Schulung, vgl. Fig.1) vermittelt werden. Das beraus positive Image, das Lebensmittel aus artgemer und kologischer Tierhal-tung in weiten Teilen der Bevlkerung haben, begrndet sich auf berzeu-genden Argumentationsfeldern dieses Erzeugungsmodells wie Tierschutz, Umweltschutz und die bernahme ge-sellschaftspolitischer Verantwortung der Konsumenten durch ihren Beitrag zur Erhaltung einer buerlichen Land-wirtschaft.

    Vom biologischen Typus einer Tierartzur artgemen Haltungsumwelt

    PRODUKTQUALITT

    - Genusswert

    - Nhrwert

    - Gesundheitswert

    - Verarbeitungswert

    KONSUMENTEN

    - Basiswissen und aktueller

    Informationsstand

    - Individuelle, ethische

    Einstellung

    - Soziale Einflsse

    ERZEUGUNGSQUALITT

    - Arttypusgeme genetische Ausstattung

    - Artgeme Haltung und Ftterung

    - Tiergesundheit und Hygiene

    - Transport und Schlachtung

    - Ethische Einstellung

    WERTSCHTZUNGTIERISCHE LEBENSMITTEL

    ANGEBOT PREIS NACHFRAGE

    Am Beispiel des Rindes, der kono-misch und kologisch bedeutsamsten Nutztierart, soll gezeigt werden, wie man wissenschaftlich begrndet von den Arttypusmerkmalen einer Tierart zu einer artgemen Haltungsumwelt finden kann.

    Ethologische Grundlagender NutztierhaltungDie artgeme Tierhaltung orientiert sich am Kenntnisstand der dafr zu-stndigen Wissenschaft, der Nutz-tierethologie. Als wissenschaftliche Disziplin ist die Ethologie (Lehre vom Verhalten) der Zoologie zugeordnet. Die Ethologie beschreibt die Tierarten im Hinblick auf ihren Typus, d.h. ihren morphologischen, anatomischen und physiologischen Besonderheiten und ihrem Verhalten in Raum und Zeit. Aus der systematischen Zuordnung der Tierarten (der zoologischen Taxono-mie) ergeben sich entscheidende Hin-weise auf den Arttypus ab, die fr die

    Lebensraumgestaltung (Konzeption von Tierhaltungssystemen) ausschlag-gebend sind. Die Wahl der verwendeten Begriffe leitet sich vom taxonomischen Ord-nungsbegriff Art ab. Der Wortstamm Art sollte nach Mglichkeit Teil des Begriffes selbst sein. Dadurch wird die Bezugnahme in der begrifflichen Fest-legung auf den Typus der Art zum Aus-druck gebracht. Fr Eigenschaften, die einem Tier zuordenbar sind, werden die Begriffe arttypisch, artspezifisch und arteigen als zulssig erkannt. Haltungsbedingungen in Haltungssys-temen werden mit den Eigenschaftsbe-griffen artgem, verhaltensgerecht oder tiergerecht beschrieben. Im Begriff verhaltensgerecht wird zwar nicht auf die Art Bezug genommen, wohl aber auf das Verhalten als Artty-pusmerkmal. Der Begriff tiergerecht hingegen entspricht nicht den Prinzi-pien der Begriffswahl, kann aber ver-wendet werden, wenn er als Synonym

    BESTIMMUNGSFAKTOREN FR DIE WERTSCHTZUNG TIERISCHER LEBENSMITTEL

    Thema

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    zu den beiden anderen Begriffen ver-standen wird. Der Eigenschaftsbegriff artgerecht sollte der Beschreibung natrlicher Lebensrume vorbehalten bleiben (TSCHANZ, 1984).

    Die Bedeutung des Arttypusfr die NutztierhaltungMerkmale des Arttypus und taxonomi-sche Zuordnung am Beispiel unseres Hausrindes (HERRE und RHRS, 1990):Ordnung: Artiodactyla (Paarhufer)Unterordnung: Ruminantia (Wiederkuer)Familie: Bovidae (Horntrger)Unterfamilie: Bovinea (Rinder)Gattung: Bos (taurine Rinder)Art: Bos primigenius f. taurus (Hausrind)

    Ruft man sich die heute blichen Le-bensbedingungen unserer Rinder in Erinnerung, erscheinen die Arttypus-merkmale vielfach in Frage gestellt:

    Paarhufer: Paarhufe sind hervorragend angepasste Gehwerkzeuge sowohl auf harten Wegen als auch fr unterschied-lich weichen Boden auf Grasland und in Unterstnden mit Busch- und Baumbe-stand. Auf perforierten Flchen (Spal-tenbden) hingegen, wo Nutztiere hufig gehalten werden, sind Paarhufe durch Verringerung der Fuungsflche unphysiologischen, den spezifischen Funktionen von Klauensohle und Klau-enrand nicht angepassten Belastungen ausgesetzt.

    Nach Untersuchungen von PFADLER (1981) liegen die Klauensohlenandr-cke bei Fleckviehkhen blicherweise bei 1.47 bis 1.52 bar. Bereits bei Schlitz-weiten von 25 mm fllt die Fuungsfl-che auf unter 70% und der vom Boden ausgehende Druck auf die Klauensohle steigt auf 2.17 bar. Schlitzweiten von 35 mm lassen die Fuungsflche bei gleichmiger Verteilung der Klauen-sohlenflche auf Balken und Schlitz auf 60% sinken und den Druck auf rund 2.5 bar ansteigen (Abb. 1).

    Wiederkuer: Das evoluierte Verdau-ungs- und Stoffwechselsystem des Wiederkuers und seine spezifischen Funktionen sind an die Aufnahme gro-er Mengen rohfaser-reicher Nahrung angepasst (Abb. 2). Darauf sttzt sich der besondere kologische Nutzen des Wiederkuers allgemein, vor allem aber jener des Rindes. Wenig struktu-rierte Rationen mit hohem Getreide-anteil (Futtermittel, die dem Arttypus Schwein und Huhn zugeordnet sind) knnen vom Wiederkuer Rind nicht ohne Strungen im Verdauungs- und Stoffwechselsystem verwertet wer-den. OSLAGE und DAENICKE (1979) und WANNER (1995) stimmen darin berein, dass Milchviehrationen mit rund 55% und weniger strukturiertem Rohfaseranteil bei Hochleistungsk-hen zwar die Regel aber nicht mehr wiederkuergerecht sind. hnlich wie zu hohe Kraftfuttergaben erhht auch das heute bliche energiereiche und strukturarme Grundfutter das Risiko fr latente Pansenacidosen. Mit diesem Problem ist man bei Bestandesbetreu-ungen auf gut gefhrten Betrieben mit hoher Milchleistung und energetisch bestem Grundfutter immer fter kon-frontiert.

    Horntrger: Hornlose Rinder haben sich im Laufe der Evolution nicht ent-wickelt (Foto 1). Heute vereinzelt auf-tretende, genetisch hornlose Rinder-rassen sind ausnahmslos im Zuge der Domestikation des Rindes entstanden. Die heute weit verbreitete Enthornung der Rinder wird mit konomischen Sachzwngen begrndet (MENKE et al., 1997).

    Die taxonomischen Kategorien Gat-tung und Art beschreiben die morpho-logischen und physiologischen Merk-male des Rindes sowie ihre Funktionen und Leistungen in Abhngigkeit von der Zeit und den Bedingungen des Le-bensraumes. Das Verhalten der Tiere, ebenfalls ein Merkmal der taxonomi-schen

    Einordnung und damit dem Arttypus zugeordnet, steht in enger Beziehung mit den Grundeigenschaften des Le-bens, dem Selbstaufbau, der Selbster-haltung und der Selbstreproduktion.Verhalten: In urschlichem Zusammen-hang mit den Grundeigenschaften des Lebens Selbstaufbau, Selbsterhal-tung und Selbstreproduktion steht der Bedarf nach Stoffen und Reizen aus der Umgebung. Daraus resultierende Befindlichkeiten (z.B. Hunger, Durst, Temperatur- und Sozialempfindungen etc.) veranlassen Tiere zu Suchverhal-ten nach adquaten Objekten, die zur Befriedigung aktueller Bedrfnisse ge-

    eignet sind. Werden solche gefunden, erfolgt Bedrfnisbefriedigung und da-mit die Bedarfsdeckung im Zuge eines arttypischen Verhaltensablaufes an ad-quaten Objekten spezifischer Orte des Lebensraumes. Trotz verkrzter und vereinfachter Darstellung machen die aufgezeigten Beziehungen die Wichtig-keit der Kenntnisse ber Arttypus und artgeme Lebensraumbedingungen fr die Konzeption einer verhaltens-gerechten Haltungsumwelt deutlich. Der funktionelle Zusammenhang zwi-schen Organismus und Lebensraum-bedingungen unter Einbeziehung des Verhaltens als Strategie der Nutzung des Lebensraumes und der Meidung nachteiliger Bedingungen wurde von TSCHANZ (1985) modellhaft im Be-darfsdeckungs- und Schadensvermei-dungskonzept dargestellt.

    Folgen der Leistungsselektion: Die Se-lektion von Zuchttieren erfolgte bis vor wenigen Jahren ausschlielich nach so genannten Produktionsmerkmalen. Fitnessmerkmale spielten, wenn ber-haupt, eine untergeordnete Rolle. Als Folge dieser Zuchtstrategie werden besonders bei Tieren mit hoher Leis-tungsveranlagung immer hufiger Ab-weichungen vom Arttypus sichtbar.Bei Blau-weien Belgiern, einer ex-tremen Mastrasse, liegt der Anteil der Kaiserschnittgeburten bei etwa 80 %. BREVES et al. (1996) weisen am Bei-spiel Milchkuh darauf hin, dass bei zchterischer Verbesserung aufgrund des einfach zu messenden Merkmales Milchleistung bei hoher Leistungsver-anlagung i.d.R. limitierende Faktoren des Vormagenstoffwechsels, biochemi-sche und physiologische Merkmale des intermediren Stoffwechsels sowie die Adaptationsfhigkeit der Tiere weitge-hend unbercksichtigt bleiben. Den genetischen Leistungssteigerungen ber den vom Stoffwechseltypus des Rindes vorgegebenen Leistungsgren-zen hinaus fehlen somit die metabo-

    lischen Grundlagen. Folglich werden Strungen in der Regulation der Nah-rungsaufnahme, der Biochemie des Vormagenstoffwechsels und der Re-gulation des intermediren Stoffwech-sels sichtbar. Je nach Futtergrundlage und Zchtungsrichtung sieht HAIGER (1997) in der Milchviehhaltung aus zchterischer und kologischer Sicht (Stickstoffbilanz) die verantwortbare Leistungsobergrenze bei rund 7.000 kg Jahresmilchmenge.Die aufgezeigten, sichtbaren Auswir-kungen zchterischer Einflussnahme haben zu starken Beeintrchtigungen einzelner Merkmale des Arttypus der Nutztiere gefhrt. Den Tieren werden permanent in Erscheinung tretende Schden und damit Schmerzen zu-gefgt. Da die zchterisch bedingten morphologischen und physiologi-schen Abweichungen vom Arttypus zu Strungen des arttypischen Verhaltens fhren, ist durch die Auswirkungen auch der Leidensbegriff erfllt.Die negativen Auswirkungen der kon-ventionellen Leistungszucht haben einige wenige Wissenschaftler schon sehr frh erkannt. In der Milchviehzucht wurde mit der Milchlebensleistung als Selektionskriterium die schwierige Auf-gabe der Gewichtung vieler Teilmerk-male fr den Selektionsentscheid artty-pusgerecht zu lsen versucht (BAKELS, 1960; HAIGER, 1988).

    Vom Arttypus zur artgemenHaltungsumweltDie domestizierten Nutztiere stammen von Wildtieren ab und sind keine vom Menschen neu geschaffenen Tierarten. Im Laufe der Evolution haben sich bei den Stammformen der Haustiere in der Auseinandersetzung mit der natrli-chen Umwelt Verhaltensprogramme herausgebildet, die genetisch fixiert sind und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die stammes-geschichtlich erworbenen Verhalten-sprogramme sind auch whrend der

    Domestikation erhalten geblieben. Un-terschiede im Verhalten von Wild- und Haustieren betreffen dort, wo sie fest-gestellt werden, lediglich die Frequenz und den Ausprgungsgrad des Verhal-tens. Eine Zunahme der Frequenz tritt bei Sugern und Vgeln beispielsweise im Sexual- und Nestbauverhalten auf, eine Abnahme hingegen im Beute-fangverhalten, Brten und in der Jun-genpflege (TSCHANZ, 1984).Bei Haustieren treten also weder neue Verhaltensmerkmale auf, noch sind ursprngliche, bei der Stammform be-obachtbare Verhaltenseigenschaften verlorengegangen. Dies ist auch nicht zu erwarten, wenn neben den wenigen tausend Jahren, in denen der Mensch zchterisch auf die Nutztiere einwirken konnte, die Jahrmillionen in Betracht gezogen werden, in denen sich die Wildformen unserer Haustiere an den natrlichen Lebensraum anpassten (WECHSLER et al., 1991). Kenntnisse ber Inhalte und Strukturen natrlicher Lebensrume sind wichtige Anhaltspunkte fr die Gestaltung art-gemer Haltungsumwelten, wenn-gleich diese keineswegs natrlich aussehen mssen. Wichtig hingegen sind Haltungsbedingungen, die arttypi-sches Verhalten auslsen und steuern. WECHSLER (1992) fhrt die folgenden Erwartungen von Tieren an die Hal-tungsumwelt an, die mit unterschied-licher Gewichtung als Grundsatzanfor-derungen an die Haltungsumwelt fr alle Nutztierarten zutreffen: Verschiedene Verhaltensweisen mssen an verschiedenen Orten ausge-fhrt werden knnen. Das bedeutet fr die Gestaltung von Haltungssystemen, dass fr die verschiedenen Verhaltens-funktionen (z.B. Futteraufnahmever-halten, Ausscheidungsverhalten, Ruhe-ver-halten, Mutter-Kind-Verhalten, etc.) speziell dafr ausgestattete Bereiche vorzusehen sind. Tiere reagieren auf verschiedene Umweltsituationen variabel und diffe-

    Abb.1: Belastund der Klauensohlenflche in

    Abhngigkeit von der Schlitzweite des

    Spaltenbodens (PFADLER, 1981)

    Abb.2: Wiederkuermagen

    (NICKEL, SCHUMMER und SEIFERLE, 1987)

    Foto1: Typische Behornung einer Pinzgauer

    Kuh ( FRSCHHUSS).

    Thema Thema

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    renziert. Artgeme Haltungssysteme zeichnen sich daher durch vielfltige und wechselhafte Reizangebote aus. Daraus leitet sich z.B. die Forderung nach einem stndigen Zugang zu ei-nem Auslauf im Freien ab. Tiere sollen arttypische soziale Beziehungen in Abhngigkeit von Geschlecht, Alter und Fortpflanzungs-zyklus aufbauen knnen (z.B. Mut-terkuhhaltung). Insgesamt mssen Tiere ihre hoch entwickelten Fhigkeiten zur Aufrecht-erhaltung der Homostase (Gleichge-wichtslage zwischen Organismus und Umwelt) durch Selbst-regulierung ent-falten knnen.

    Im Laufstall wird fr jedes Verhalten (z.B. Futteraufnahme, Ruhen, Fortbe-wegung, etc.) ein dafr optimierter Ort gestaltet. Die Ansprche an eine artgeme Haltungsumwelt fr Rinder knnen daher in verhaltensgerechten Laufstallsystemen erfllt werden. Art-geme Laufstallhaltung fr Rinder heit eingestreute freie Liegeflche (Tiefstreu, Tretmist), tierangepassten Laufgangbreiten und rutschfesten B-den, permanentem Zugang zu einem Auslauf im Freien sowie Weidegang bzw. Alpung in der Sommerperiode. Darber hinaus sind einwandfreie hy-gienische Verhltnisse im gesamten Tierbereich und eine verhaltensge-rechte Tierbetreuung anzustreben (FRSCHUSS, 2003).

    Aus Platzgrnden kann die Konzeption einer artgemen Haltungsumwelt nur am Beispiel der Futteraufnahme- und des Ruheverhaltens der Rinder gezeigt werden.

    FutteraufnahmeFressenWhrend des Grasens gehen Rinder langsam vorwrts (Foto 2). Durch die Vorwrtsgrtsch-stellung der Vorder-extremitten erreichen sie mit dem

    Maul bequem den Boden. Diese Kr-per-haltung hilft auerdem eine gns-tige Gewichtsverteilung zu erreichen, was zu einer bequemen Krperhaltung whrend des Grasens fhrt. Gleich-zeitig wird durch die Verkrzung der vertikalen Hhendifferenz zwischen Buggelenk und Boden bei tierindividu-ell konstanter Hals- Kopf-Zungenlnge der Fressbereich vergrert (Abb. 3). Rinder nehmen das Futter selektiv auf, sie bevorzugen bestimmte Pflanzenar-ten und innerhalbdieser bestimmte Pflanzenteile in bestimmten Wachstumsstadien. Die selektive Futteraufnahme ist nicht an-geboren; sie stammt aus individueller Erfahrung und aus Informationsweiter-gabe lterer Tiere an jngere, insbeson-dere vom Muttertier auf das Kalb.

    Artgemer FutterplatzDa eine Vorwrtsgrtschstellung im Stall nicht mglich ist, muss die Fut-terkrippensohle etwa 20 cm ber dem Standplatzniveau liegen (Abb. x). Eine erhhte Futterkrippensohle verschafft den Tieren alle Vorteile, die sie durch

    natrliches Verhalten beim Grasen er-reichen knnen. Ihre Krperhaltung ist entspannt, der Fressbereich wird ver-grert. Die Vorlage grovolumigen Futters wird dadurch erleichtert. Das Fressgitter soll um 20 zur Futterkrippe hin geneigt sein (Abb. x). Die Gitternei-gung bewirkt einen Freiraum fr die gegenber der

    Klauenspitze vorstehenden Buggelen-ke, was zu einer zustzlichen Erweite-rung des Fressbereiches fhrt. Zudem werden Verletzungen der Tiere durch ein zu starkes Anstemmen gegen das Fressgitter vermieden.

    Im Laufstallsystem stehen die Rinder dicht gedrngt am Fressplatz. Rangnie-dere Tiere fhlen sich durch eng dane-ben stehende ranghohe Tiere bedroht. Wie Erfahrungen aus der Praxis zeigen, ist daher in Abhngigkeit von der Tier-gre und Behornung eine Fressplatz-breite von 0,8 0,9 m je Tier erforder-lich. Ein Fressplatzangebot, das 10 bis 20 % ber der Tierzahl liegt, hat sich in der Praxis gut bewhrt.

    Die bei der Futteraufnahme zurck-gelegten Wegstrecken sind abhngig vom Futterangebot und der Gre der Weideflche. Geringes Futterange-bot auf groen Flchen veranlasst die Rinder zur Zurcklegung oft langer Tageswegstrecken von 3-4 km. Aber auch auf guten Weiden werden tgli-che Wegstrecken von 1,5-2,0 km beo-bachtet. In Laufstllen mit gut durch-dachten Grundrisslsungen, werden bei Rindern Fortbewegungsleistungen erzielt, die nahe an Tageswegstrecken auf Portionsweiden heranreichen (Trai-ning des Bewegungsapparates und Adaptationsvermgens). TrinkenRinder sind Saugtrinker, sie nehmen Wasser aus einem Wasservorrat auf. Fr das arttypische Trinkverhalten mit erkundender Vorphase und dem Saug-trinken in der Hauptphase brauchen sie eine freie Wasseroberflche und ei-nen ausreichenden Wasservorrat (Foto x). Auf Weiden kommen Rinder im Mit-tel 2-4mal tglich zur Trnke. Rinder brauchen stndig gefllte Trog- oder Schalentrnken mit einer Wasserober-flche von mind. 600 cm (Schalen-durchmesser mind. 27 cm), einer Min-dest-Wassertiefe von 5cm und einer Schwimmer- oder Federventilregelung des Wasserzulaufes. Der Wasserzulauf bei Beckentrnken muss der Trinkge- schwindigkeit entsprechen (bei adul-ten Rindern bis zu 18 l/min).

    RuhenRinder ruhen im Liegen Vor dem Ab-liegen suchen sie mit gesenktem Kopf einen geeigneten Liegeplatz, wobei vermutlich olfaktorische Informatio-nen fr die Annahme oder Ablehnung eines Liegeplatzes entscheidend sind. Beim Abliegen wird ein Vorderbein nach dem anderen im Karpalgelenk aufgesttzt. Im so genannten Karpal-sttz treten die Hinterbeine etwas nach vor und zur Seite. In weiterer Fol-

    ge legen sich Rinder auf die Seite der entlasteten Hintergliedmae. Rinder liegen somit neben dem Platz, auf dem sie zuvor gestanden sind (Abb. x). Vor dem Aufstehen wird die Grundposition des Ruhens einge-nommen. Beim Aufstehen wird nach kurzem Anheben der Vorderhand mit hoher Bewegungsintensitt Kopf und Hals nach vorne unten bewegt (Abb. x) und mit diesem Schwung die Hinter-hand erhoben. Die Karpalgelenke bil-den den Drehpunkt des Bewegungsab-laufes. Der krftige Kopf-Hals-Schwung nach vorne unten zum Aufrichten der Hinterhand wird nach dem zugrunde liegenden Funktionsprinzip als Schleu-derbrettphase bezeichnet. In weiterer Folge erhebt sich das Rind nacheinan-der aus dem Karpalsttz und bewegt sich dabei einen Schritt nach vorne. Der Aufstehvorgang wird durch krfti-ges Strecken mit gesenktem Kopf und gekrmmtem Rcken abgeschlossen.

    Weichheit der LiegeflcheDem Arttypus des Rindes gem op-timierte Liegeflchen zeichnen sich durch eine weiche und verformbare Bodenbeschaffenheit aus. Abliege- und Aufstehvorgnge erfolgen ber die Karpalgelenke als Drehpunkte des Bewegungsablaufes. Der dabei entste-hende, spezifische Druck auf die Karpal-gelenke verringert sich degressiv mit steigender Einsinktiefe der Karpalge-lenke in den weichen Boden der Liege-flche (Einstreu). So tritt beispielsweise bei 600 kg schweren Fleckviehkhen und einer Gewichtsverlagerung von 87% auf die Karpalgelenke, bei Einsink-tiefen bis 10 mm, ein spezifischer Druck von bis zu 10 bar auf die Karpalgelenke auf. Bei Einsinktiefen der Karpalgelen-ke ber 60 mm erreicht der spezifische Druck auf die Karpalgelenke gerade noch 0.6 bar. Die weiteren Druckreduk-tionen durch noch tieferes Einsinken der Karpalgelenke in den Bodens sind allerdings nur noch geringfgig (BOX-BERGER, 1983). Am besten lassen sich optimale Beschaffenheitsmerkmale des Liege-flchenbodens bezglich Weichheit und Verformbarkeit durch geeignete Einstreu erzielen. Kunststoff-belege auf Standflchen, die hufig als Einstreuersatz Verwendung finden, knnen die vielfltigen Funktionen der Einstreu nicht ersetzen.

    Abb.3: Funktionaler Zusammenhang von Kr-

    perhaltung und Fressbereich nach dem pytha-

    gorischen Prinzip (BOXBERGER, 1983)(NICKEL,

    SCHUMMER und SEIFERLE, 1987)

    Foto 2: Arttypischer Wedeschritt einer Kuh

    ( FRSCHUSS)

    Abb. 4: Ausbildung von Futterkrippe und Fress-

    gitter (FRSCHUSS, 2003).

    Foto 3: Trogtrnken ermglichen arttypeisches

    Saugtrinken( FRSCHUSS).

    Abb. 6: Umhllungslinien des Bewegungsraumes

    beim Aufstehen der Kuh (BOXBERGER, 1983)

    Abb. 5: Position des ueren Hfthckers beim

    Abliegevorgang eines Rindes (nach KMMER

    und SCHNITZER, 1975)

    Abb. 7: Karpalgelenk als Drehpunkt

    Abb. 8: Druck auf Karpalgelenk in Abhngigkeit

    Thema Thema

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    Der artgeme LiegeplatzDer artgeme Liegeplatz fr Rinder zeichnet sich durch die Mglichkeit zur freien Liegeplatzwahl, durch aus-reichende Raumverfgbarkeit fr un-gehindertes Abliege- und Aufstehen sowie den Freiraum zur Einnahme aller arttypischen Liegepositionen aus(Foto 4).Freie Liegeplatzwahl, arttypisches Abliegen, Ruhen in raumgreifenden Liegepositionen sowie ungehindertes Aufstehen und das folgende Verlassen des Liegeplatzes nach vorne sind in Zwei- oder Mehrflchen-Tiefstreusyste-men mglich. In Mehrflchen-Tieflauf-stllen stehen den Rindern neben einer freien Liegeflche, die durch Nach-streuen sauber gehalten wird (6-10 kg Stroh je GVE und Tag), Fresspltze und ein Auslauf zur Verfgung. Laufgnge verbinden die Teilflchen.

    Die Tiere knnen sich auf der Tiefstreu-flche einen freien Liegeplatz suchen und sich unbeeinflusst von Boxenab-trennungen oder Geflle niederlegen. Da bei optimaler Gestaltung ausrei-chend Ausweichflche nach allen Sei-ten vorhanden ist, kann die individuelle Ausweichdistanz eingehalten werden. Im Hinblick auf die Tiergerechtheit muss Mehrflchen-Tieflaufstllen ge-genber anderen Laufstallsystemen der Vorrang gegeben werden.

    In der Milchviehhaltung werden heu-te aus konomischen Grnden wie geringerer Liegeflchenbedarf, gerin-ger Einstreubedarf und die einfachere Sauberhaltung der Tiere bevorzugt Liegeboxenlaufstlle errichtet (Foto 5). In Liegeboxenlaufstllen ist die Lie-geflche durch Boxen unterteilt und die Bewegungsfreiheit der Khe ist auf bestimmte Wege beschrnkt. Aus ethologischer Sicht spricht eine Reihe von Argumenten gegen den Liegebo-xenlaufstall (FRSCHUSS, 2000):

    Freie Liegeplatzwahl der Tiere ist behindert. Groe Streuung der Tiergren innerhalb einer Herde macht eine op-timale Anpassung der Liegeboxenab-messungen an die individuellen Kr-pergren unmglich. Suboptimale Liegeboxenabmes-sungen beeintrchtigen das Tierver-halten und fhren zu Verletzungen. Auch bei weitgehend tierangepass-ten Boxenabmessungen fhren Steu-ereinrichtungen wie Nackenriegel und Seitenbegrenzungen, vor allem im Wi-derrist- und Beckenbereich zu leidens- und schadenstrchtigen Kollisionen. Zwang zu untypischem Verhalten wie rckwrtiges Verlassen der Box, frontal zur Wand oder zu Herdenmit-gliedern orientiertes Abliegen, Ruhen und Aufstehen.

    Mblierung beeintrchtigt das So-zialverhalten der Tiere.

    Nach vorsichtiger Schtzung sind noch deutlich mehr als die Hlfte der Rinderhaltungen in sterreich Anbin-dehaltungen. Diese nicht tiergerechte Haltungsform war vor mehr als 20-30 Jahren blich und wird seither nicht mehr eingerichtet. Arbeitswirtschaft-liche Argumente spielen bei der Um-stellung auf eine Laufstallhaltung eine wichtige Rolle. In Zusammenhang mit der Errterung artgemer Rinderlauf-stlle drfen daher die Arbeitsvereinfa-chungen und Arbeitserleichterungen im Laufstall bei der Ftterung der Tie-re, der Entmistung und der Melkarbeit nicht unerwhnt bleiben.

    SchlussfolgerungenUm neben einer neuen wissenschaft-lichen Ausrichtung auch in der Praxis mglichst rasch eine flchendeckende artgeme und kologisch orientierte Nutztierhaltung zu erreichen, ist vom Gesetzgeber bzw. von der ffentlichen Hand (Bund, Lnder, Gemeinden) ein Bndel von Manahmen zu verlangen: Festlegung gesetzlicher Frde-rungsmanahmen, die sicherstellen, dass den Bauern durch Auflagen des Bundestierschutzgesetzes entstehen-de Investitionskosten in vertretbarem Ausma abgegolten werden. Wissens basierte Wahrnehmung der Verantwortung durch jeden Einzelnen, die sich aus der Sonderstellung des Menschen aufgrund seiner Einsichtsf-higkeit und Moralfhigkeit ergibt. Kon-sequente Anwendung der Verantwort-lichkeit im Konsumverhalten. Verpflichtung der ffentlichen Hand, im eigenen Beschaffungswesen (Schulen, Internate, Krankenhuser, Pflegeheime, Kasernen etc.), Produkte aus artgemer Tierhaltung einzukau-fen. Darber hinaus ist der ffentlichen Hand die Aufgabe zu bertragen, in die Lehr- und Weiterbildungsplne von

    Schulen und sonstigen Aus- und Wei-terbildungsinstitutionen verpflichtend das Fach Tierschutz aufzunehmen. Schaffung rechtlicher Vorausset-zungen zur verpflichtenden Deklara-tion tierischer Produkte nach der Hal-tungsform der Tiere, um den Bauern Angebot und Preisdifferenzierung zu erleichtern und den Konsumenten die Mglichkeit zur Untersttzung der art-gemen Tierhaltung durch gezielte Produktwahl zu bieten. Einrichtung von Kompetenzzentren fr artgeme Tierhaltung aus Mitteln der Forschungs- und Innovationsfr-derung, um den Bauern ethologisch, kologisch und konomisch erprobte (zertifizierte) Haltungssysteme anbie-ten zu knnen.

    L I T E R A T U R V E R Z E I C H N I S BAKELS, F. (1960): Ein Beitrag zur tierzchteri-schen Beeinflussung der Nutzungsdauer und Le-bensleistung des Rindes. Diss.Univ.Mnchen.BOXBERGER, J. (1983): Wichtige Verhaltenspa-rameter von Khen als Grundlage zur Verbes-serung der Stalleinrichtung. Forschungsbericht Agrartechnik des Arbeitskreises Forschung und Lehre der Max-Eyth-Gesellschaft (MEG).BREVES, G. und C. WINCKLER (1996): Grenzen der Milchleistungszucht aus physiologischer Sicht. IGN-Tagung, 22./24.2.1996 in Salzburg.FRSCHUSS, N. (2000): Untersuchungen zum Ruheverhalten von Milchkhen in unterschied-lichen Laufstallsystemen. Diplomarbeit, BOKU Wien.FRSCHUSS, N. (2003): Richtlinien zur artgem-en Nutztierhaltung. Teil 1: Rinder. Universitt fr Bodenkultur Wien; Hrsg.: VIER PFOTEN - Stiftung fr Tierschutz, Wien.HAIGER, A. (1988): Zucht. In: A.HAIGER (Hrsg.): Na-turgeme Viehwirtschaft. Verlag Eugen Ulmer.HAIGER, A. (1997): Zuchtziel zwischen konomie und kologie - am Beispiel der Milchrinderzucht. Frderungsdienst, Sonderausgabe 2c/1997, 61-64.HERRE, W. und W. RHRS (1990): Haustiere - zoo-logisch gesehen. Gustav Fischer Verlag Stuttgart, New York.MENKE, Ch., S. WAIBLINGER und D. W.FLSCH (1997): Die Bedeutung der Hrner fr Mensch und Tier. Freiland Journal 3/97, 3-5.OSLAGE, H. J. und R. DNICKE (1979): Tierschutz-bezogene Aspekte der Ernhrung land-wirt-schaftlicher Nutztiere. Landbauforschung Vl-kenrode, Sonderheft 48, 17-27.PFADLER, W. (1981): Ermittlung optimaler Funk-tionsmae von Spaltenbden in Milchvieh-lauf-stllen. Diss. TU Mnchen-Weihenstephan.TSCHANZ, B. (1984):Artgemund verhaltens-gerecht- ein Vergleich. Prakt.Tierarzt 3/84, 211-224.TSCHANZ, B. (1985): Ethologie und Tierschutz. In:

    Foto 4: Freie Wahl von Liegeplatz und Liege-

    position sowie unterschiedliche Ausweich-

    diestanzen aufgrund tierindividueller sozialer

    Beziehungen sind nur in verhaltensgerechgten

    Laufstllen mit Tretmist- oder Tiefstreusystem

    mglich ( FRSCHUSS)

    Foto 5: Raumgreifende Liegepositionen in

    LIegeboxen sind nur bei begrenzten Nachbar-

    buchsen mglich ( FRSCHUSS)

    D. W.FLSCH und A. NABHOLZ (Hrsg.): Intensiv-tierhaltung von Nutztieren aus ethischer, etholo-gischer und rechtlicher Sicht. Tierhaltung, Bd.15. Birkhuser Verlag Basel, Boston, Stuttgart.WANNER, M. (1995): Leistungshhe und Gesund-heit der Milchkuh. In: F.SUTTER (Hrsg.): Was kn-nen - sollen unsere Nutztiere leisten? Schriftenrei-he aus dem Institut fr Nutztier-wissenschaften, Ernhrung-Produkte-Umwelt. ETH-Zrich.WECHSLER, B. (1992): Ethologische Grundlagen zur Entwicklung alternativer Haltungs-formen. Schw.Arch.Tierheilk. 134, 127-132.

    A U T O R E N U N D K O N T A K T

    Univ.Prof. Dr. Sigurd Konradund Nicholas FrschussUniversitt fr Bodenkultur Wien, Department fr Nachhaltige Agrarsysteme,Institut fr Nutztierwissenschaften, AG Tierhal-tung/Konrad, Gregor-Mendel-Strasse 33, A-1180 [email protected]@boku.ac.at

    Thema Thema

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    treuungspersonen), 15 (besondere Betreuungspflicht bei Krankheit oder Verletzung), 20 (Kontrolle des Wohl-befindens der Tiere bzw. der Funktions-fhigkeit technischer Anlagen), 21 (Aufzeichnungspflicht bei betrieblicher Tierhaltung), 24 Abs. 3 (Kennzeich-nungspflicht fr Hunde und Katzen) sowie 36 (Mitwirkungspflichten bei der Vollziehung).

    ber die genannten Verpflichtungen hinaus, schrnkt das Tierschutzrecht die Verfgungsbefugnis des Menschen ber Tiere ein: Auch der Eigentmer darf mit seinen Tieren nicht nach Be-lieben verfahren, insbesondere darf er ihnen keine ungerechtfertigten Belas-tungen (Schmerzen, Leiden, Schden, schwere Angst) zufgen oder sie ohne vernnftigen Grund tten.

    Lebensschutz

    Whrend das Tierqulereiverbot aus historischer Sicht den Kern des Tier-schutzrechts konstituiert, entspricht es einer neueren Entwicklung, auch die bloe Ttung von Tieren zu pnali-sieren, wenn sie zwar ohne Zufgung vermeidbarer Belastungen, jedoch ohne spezifische Rechtfertigung er-folgt. Damit ist nicht nur sie Qualitt der tierlichen Existenz, sondern auch ihre Quantitt (Dauer) von tierschutz-rechtlicher Relevanz.

    Der in 1 TSchG proklamierte Lebens-schutz erfhrt seine Konkretisierung durch 6 Abs. 1 TSchG, wonach es ver-boten ist, ein Tier ohne vernnftigen Grund zu tten. Bei der Interpretation dieses unbestimmten Gesetzesbegrif-fes kommt es nicht darauf an, was tat-schliche bung oder Gewohnheit ist; mageblich ist vielmehr das, was das im sittlichen Verhltnis zwischen Mensch und Tier nach Auffassung der Allgemeinheit ethisch Gesollte ist.

    Vom anthropozentrischenzum ethischen TierschutzrechtDer Tierschutzgesetzgebung des 19. und frhen 20. Jahrhunderts liegt der anthorpozentrisch motivierte Tier-schutz zu Grunde: Es handelt sich da-bei um ein derivatives Schutzkonzept, das bestimmten Tierarten (z.B. Hunden oder Pferden) auf Grund einer willkr-lichen menschlichen Entscheidung zuerkennt und zunchst auf einen be-stimmte situativen Kontext nmlich auf die Misshandlung in der ffentlich-keit beschrnkt war. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei ethischen Tier-schutzkonzepten um originre Schutz-konzepte, welche Mitgeschpflichkeit bzw. Eigenwert der Tiere gleichsam vo-raussetzten und damit von der Schutz-wrdigkeit des Tieres selbst ausgehen.

    Innerhalb des ethisch motivierten Tier-schutzes kann zwischen pathozentri-schen und biozentrischen Anstzen differenziert werden. Whrend fr den Pathozentrismus die Leidensfhigkeit das zentrale Kriterium fr die Verpflich-tung zur Bercksichtigung von Tieren darstellt und folglich nur empfindungs-fhige Tiere bercksichtigt, fallen nach biozentrischen Anstzen alle tierlichen Lebewesen in den durch moralische bzw. rechtliche Normen definierten Schutzradius.

    1 TSchG legt nicht nur die leitenden Maximen fr die Interpretation des ge-samten Tierschutzrechts fest, sondert enthlt auch das Bekenntnis des Ge-setzgebers zum ethischen Tierschutz., der vorwiegend dem pathozentrischen Ansatz verpflichtet ist, durchaus aber auch in biozentrischer Ausprgung an-zutreffen ist:

    Das TSchG ist insoweit pathozentrisch motiviert, als seine Zielsetzung darin besteht, das Qulen leidensfhiger Tie-re zu verbieten bzw. ihr Wohlbefinden zu sichern. So setzt z.B. das Verbot, Tie-

    ren Schmerzen oder Leiden zuzufgen oder sie in schwere Angst zu versetzten die Empfindungsfhigkeit des betrof-fenen Tieres als Tatobjekt voraus.

    Auch Normen zum Schutz von Ver-suchstieren sind im sterreichischen Recht pathozentrisch motiviert, da ihr Geltungsbereich auf Wirbeltiere be-schrnkt ist und auf die mit dem Ver-such verbundene Belastung abgestellt wird.

    Das TSchG enthlt jedoch auch Ele-mente des biozentrischen Tierschutzes: Es gilt grundstzlich fr alle Tiere ( 1), also unabhngig davon ob sie als emp-findungsfhig gelten bzw. vermeintlich nicht empfindungsfhig sind. Der Tatbestand der Tierqulerei um-fasst auch die ungerechtfertigte Scha-denszufgung: Unter dem Begriff des Schadens ist jede durch menschli-ches Verhalten herbeigefhrte Vern-derung des Zustandes eines Tieres zum Schlechteren zu verstehen; da ein Schaden daher auch einem vermeint-lich oder tatschlich empfindungslo-sen Tier zugefgt werden kann, enthlt auch das Tierqulereiverbot eine bio-zentrische Komponente.

    Verbots- und GebotsnormenDas Tierschutzgesetz setzt sich aus zwei groen Normenkomplexen, den Verbotsnormen einerseits und den Ge-botsnormen andererseits, zusammen. Zu den Verboten, deren Verletzung mit hheren Strafen bedroht wird, zhlen insbesondere die bereits erwhnten Verbote der Tierqulerei und der unge-rechtfertigten Ttung. Zu den Gebots-normen zhlen alle Vorschriften, wel-che die Haltung von und den Umgang mit Tieren betreffen; ein Groteil dieser Bestimmungen, die sich durchwegs auf die Festlegung von Mindestanfor-derungen beschrnken, sind den ein-schlgigen Verordnungen zu entneh-men.

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    REGINA BINDER & ERWIN LENGAUER

    Tierschutzrechtsreform 2004

    Am 1. Jnner 2005 trat das sterreichi-sche Tierschutzgesetz (TSchG) in Kraft und lste die bis zu diesem Zeitpunkt geltenden Tierschutzgesetze der Bun-deslnder ab. In seinen knapp 50 Para-graphen regelt das TSchG lediglich die Rahmenbedingungen des Tierschutzes; Details etwa die Mindestanforderun-gen an die Haltung einzelner Tierarten, an die Haltung von Tieren in besonde-ren Einrichtungen (Zoos, Zirkussen, Ge-werbebetrieben, Tierheimen) und an den Schutz von Tieren bei der Schlach-tung und Ttung werden durch Ver-ordnungen des Bundesministers fr Gesundheit und Frauen geregelt.

    Ethische Grundlegungendes TierschutzgesetzesFr die ethische Grundkonzeption des TSchG ist die Zielbestimmung von be-sonderer Bedeutung: Gem 1 be-steht die Zielsetzung des TSchG darin, das Leben und Wohlbefinden der Tiere aus der Verantwortung des Menschen fr das Tier als Mitgeschpf zu scht-zen. Was bedeutet dies im Einzelnen?

    Mitgeschpflichkeit Als Statusnorm definiert 1 TSchG den Stellenwert des Tieres in unserer Ge-sellschaft, der wie empirische Um-fragen belegen in den letzten Jahren eine stetige Aufwertung erfahren hat. Losgelst von seiner theologischen Konnotation bringt der Begriff Mitge-schpflichkeit in einer skularisierten Lesart nichts anderes zum Ausdruck, als dass das Tier auch von der Rechts-ordnung als empfindungsfhiges Le-bewesen, das positive Emotionen ha-

    ben und leiden kann, anerkannt wird. Was nach dem Alltagsverstndnis jedes Tierhaltes selbstverstndlich scheint, findet damit Eingang in das positive Recht, das in seiner mehr als zweitau-sendjhrigen rmischrechtlichen Tra-dition durch die Dichotomie Person : Sache geprgt war. In diesem Kontext steht auch 285a ABGB, der als zivil-rechtliche Statusnorm klarstellt, dass Tiere jedenfalls nominal keine Sachen sind, obwohl sie nach wie vor immer dann wie Sachen behandelt werden, wenn die Rechtsordnung keine Son-derbestimmung enthlt.

    Auch zwei der tierschutzrechtlichen Schlsselbegriffe, nmlich Leiden und Angst, setzten die Existenz einer psy-chischen Ebene voraus, sodass sich auch darin zeigt, dass das Tier vom Gesetzgeber ganzheitlich wahrgenom-men wird.

    VerantwortungsethikNach der Konzeption des TSchG ist der Mensch als vernunftbegabtes Wesen fr den Schutz der Tiere verantwort-lich. Gerade aus der Fhigkeit, zu ratio-nalem und verantwortlichem Handeln wird traditionell die Sonderstellung des Menschen, seine Rolle als moral agent, ja sogar seine Wrde hergeleitet.

    Je nachdem, in welchem Verhltnis der Mensch zum Tier steht, sind aus recht-licher Sicht verschieden weitreichende Verantwortungsradien auszumachen, die sich in einzelnen Bestimmungen des TSchG manifestieren: Auf allgemei-ner Ebene obliegt die Verantwortung des Menschen fr nichtmenschliche Mitgeschpfe jedermann; in dieser All-gemeinheit entzieht sich dieses Verant-wortungskonzept freilich der rechtli-chen Durchsetzung, sodass im Hinblick

    auf 1 TSchG nur von einer Gesin-nungsethik die Rede sein kann.

    Ganz anders stellt sich die Situation im Hinblick auf andere Bestimmungen dar, die konkrete, sanktionsbewehrte Pflichten normieren: So statuiert 9 TSchG eine verursacherabhngige Hilfeleistungspflicht des Schdigers: Jeder, der ein Tier erkennbar verletzt oder in Gefahr gebracht hat, ist grund-stzlich verpflichtet, dem Tier die erfor-derliche Hilfe zu leisten oder diese zu veranlassen.

    Wesentlich weiterreichende Pflichten obliegen dem Tierhalter ( 12 TSchG), der fr das Wohlergehen der in seiner Obhut lebenden Tiere im umfassenden Sinne verantwortlich ist. Im Einzelnen ist der Tierhalter verpflichtet, Haltungs-bedingungen zu gewhrleisten, die den Grundstzen der Tierhaltung ( 13 TSchG) entsprechen; er ist daher ver-pflichtet, fr eine Haltungsumwelt zu sorgen, die im Hinblick auf die fr das tierliche Wohlbefinden mageblichen Parameter (Platzangebot, Bodenbe-schaffenheit, bauliche Beschaffenheit der Tierunterknfte, Sozialkontakt und Betreuung) den physiologischen und ethologischen Bedrfnissen der jewei-ligen Tierart entsprechen. Gem. Abs. 3 der zitierten Bestimmung ist eine Tier-haltung dann rechtskonform, wenn die Krperfunktionen und das Ver-halten der Tiere nicht gestrt werden und ihre Anpassungsfhigkeit nicht berfordert wird.

    Weitere Verpflichten des Tierhalters bzw. bestimmter Gruppen von Tierhal-ten ergeben sich aus den 12 Abs. 3 bzw. 14 (Verpflichtung zur Aneig-nung der erforderlichen Sachkunde bzw. zum Einsatz entsprechender Be-

    Ethische Grundlegungen des Tierschutzgesetzesunter besonderer Bercksichtung der Ttung von Tieren zu Ausbildungszwecken

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    Das Tierschutzgesetz (TSchG)samt Verordnungen ist im Rechtsinformationssystem des Bundes abrufbar:

    www.ris.bka.gv.at

    Unter Rechtsinformationssystem Bundesgesetzbltter authentisch ab 2004 mit dem Stichwort Tierschutz findet man das am 1.1.2005 in Kraft getretene Tierschutzgesetz und seine Durchfhrungsverordnungen. Des Weiteren besteht die Mglichkeit ber die Homepage des Bundesminis-teriums fr Gesundheit und Frauen (www.bmgf.gv.at) unter Veterinrwesen, Tierschutz ber den dortigen Link zum Rechtsinformationssystem des Bundes zum TSchG und VO zu gelangen.

    Das Verbot der Tierqulerei ( 5) um-fasst die im Grundsatz pathozen-trisch konzipierte Generalklausel (Abs. 1), wonach es verboten ist, Tieren ungerechtfertigt Schmerzen, Leiden oder Schden zuzufgen oder sie in schwere Angst zu versetzten. Abs. 2 enthlt eine beispielhafte Aufzhlung von 16 Tatbestnden, die ausdrcklich verboten sind. Dazu zhlen etwa Zch-tung, Import, Erwerb und Weitergabe von Tieren mit Qualzuchtmerkmalen, die Organisation und Durchfhrung von Tierkmpfen, die berforderung, Zwangsftterung und Vernachlssi-gung sowie das Aussetzen bzw. Zu-rcklassen von Tieren.

    Die Zufgung der in 5 Abs. 1 TSchG genannten Belastungen kann im Ein-zelfall gerechtfertigt sein, z.B. wenn ein Regelwerk etwa das Tierversuchsge-setz dies ausdrcklich zulsst.

    Die Ttung von Tieren zum Zweck der Aus-, Fort- und WeiterbildungWerden lebende Wirbeltiere in der biomedizinischen Forschung oder in der Grundlagenforschung verwendet, so unterliegt dies dem Tiersversuchs-recht, sofern den Tieren Belastungen (Schmerzen, Leiden, dauerhafte Sch-den oder Angst) zugefgt werden. Je-der Tierversuch im Sinne des Tierver-suchsgesetzes bedarf grundstzlich einer ausdrcklichen Bewilligung der zustndigen Behrde.

    Obwohl auch durch die schmerzlose Ttung dem Tier ein Schaden zugefgt wird, unterliegt die Ttung von Tieren zu wissenschaftlichen Zwecken (z.B. zur Gewinnung von Gewebe oder Or-ganen) nach herrschender Auffassung nicht dem Tierversuchsrecht, wenn dem Tier zuvor keine ber die Ttung hinausgehende Belastung zugefgt wurde und das Tier auf die am wenigs-ten schmerzhafte Weise gettet wird.

    Whrend die Vornahme belastender Manahmen an lebenden Tieren zum Zweck der Aus-, Fort- und Weiterbil-dung (z.B. Operationsbungen) eben-falls dem Tierversuchgesetz unterlie-gen, wird die Ttung von Tieren fr diese Zwecke durch 6 Abs. 3 TSchG geregelt. Sie darf nach dieser Bestim-mung ausschlielich an wissenschaft-lichen Einrichtungen also niemals an Schulen! und nur dann erfolgen, wenn sie fr den angestrebten Zweck unerlsslich ist und ein Ersatz durch eine alternative Methode nicht mg-lich ist. Als unerlsslich kann eine Tier-ttung nur dann gelten, wenn es aus-geschlossen ist, das damit angestrebte Ausbildungsziel auf andere Weise zu erreichen. Erweist sich die Verwen-dung toter Tiere nach eingehender Prfung als unverzichtbar, so ist zu-nchst an die Beschaffung von Tieren aus anderen Quellen (Schlachthuser, euthanasierte Tiere) zu denken, bevor Tiere eigens fr den Ausbildungszweck gettet werden.

    Literatur:

    Binder, R. (2005).: Das sterreichische Tierschutzgesetz. Tierhaltungs-Verord-nungen und alle weiteren Tierschutz-Verordnungen. Wien

    Binder, R (2005).: Wertungswiderspr-che im (sterreichischen) Tierschutz-recht. Deutsche Veterinrmedizinische Gesellschaft, Nrtingen, 2005, S. 10-20.

    Caspar, J. (1997): Der vernnftige Grund im [deutschen] Tierschutzgesetz. In: Natur und Recht 1997, S. 577-583.

    Jukes, N. und M. Chiuia (2003, Hrsg.): From guinea pig to computer mouse alternative methods for a humane, progressive education. Interniche.

    Klein, J. (2000): Drfen wir Tiere fr die Forschung tten? In: U. Wiesing, et.al. (Hrsg.): Ethik in der medizinischen For-schung. Stuttgart: S. 98107.

    Loeper, E. v. (2002): 1-2a. In: [Deut-sches] Tierschutzgesetz. Kommentar. Hrsg. v. H.-G. Kluge. Stuttgart: S. 87-134.

    Mayr. P. (2003): Das pathozentrische Ar-gument als Grundlage einer Tierethik. Mnster:

    Rowlands, Mark (2002): Animals like us. London:

    [Deutsches] Tierschutzgesetz. Kom-mentar (1999). begrndet v. A. Lorz, bearbeitet von E. Metzger. 5. Aufl. Mn-chen: C.H. Beck.

    [Deutsches] Tierschutzgesetz. Kom-mentar von A. HIRT, Ch. MAISACK und J. MORITZ (2003). Mnchen: . S. 55f., Rz 24ff.

    Bundesgesetz ber den Schutz von Tieren (Tierschutzgesetz TSchG), BGBl. I Nr. 118/2004 vom 28. September 2004. Bis zum Stichtag 1.1.2006 sind zehn Verordnun-gen zum Tierschutzgesetz erlassen worden. Eine vollstndige Textwiedergabe samt Kommentie-rung enthlt der 2005 im Verlag Manz erschiene-ne Kurzkommentar R. Binder. (2005) Vgl. Binder, Tierschutzgesetz, 33 f. Vgl. unter zur Tierqulerei. Vor diesem Hintergrund und dem Verstndnis der menschlichen Wrde als Gestaltungsauftrag knnen moralische Pflichten gegenber Tieren aus der Wrde des Menschen konstruiert wer-den, insbesondere dann, wenn Wrde (auch) als Gestaltungsauftrag verstanden wird. Vgl. dazu nher Binder: Tierschutzgesetz, 77f. Diese Definition des Begriffes der Tiergerecht-heit ist ein sehr weitreichendes Konzept, das geeignet wre, das Wohlbefinden der Tiere sicherzustellen. Leider entsprechen die Min-destanforderungen an die Haltung (insbesonde-re von Nutztieren) vielfach nicht diesen hohen Anforderungen. Sondervorschriften gelten vor allem fr die Halter im bereich der betrieblichen (landwirt-schaftliche und gewerbliche) und institutionel-len (Zoo, Zirkus, Tierheim) Tierhaltung. Vgl. Binder, Tierschutzgesetz, S. 17. Zur ethischen Dimension der Ttungsproble-matik vgl. z.B. J. Klein (2000) J. Caspar (1997): Der vernnftige Grund im Tier-schutzgesetz, Natur und Recht 1997, S. 581. Vgl. R. Binder (2005): Ethische Konzepte und Wertungswidersprche im (sterreichischen) Tierschutzrecht. DVG, Nrtingen, 2005, S. 10-20. Umfassend zum Pathozentrismus vgl. P. Mayr. (2003) 2 des Bundesgesetzes ber Versuche an le-benden Tieren (Tierversuchsgesetz TVG), BGBl. Nr. 501/1989 idF BGBl. I Nr. 162/2005definiert den Begriff Tierversuch als alle fr das Tier be-lastenden, insbesondere mit Angst, Schmerzen, Leiden oder dauerhaften Schden verbundenen Eingriffe an oder Behandlungen von lebenden Wirbeltieren []. Insoweit der Geltungsbereich einzelner Bestimmungen (Eingriffe, Transport, Grundstze der Tierhaltung) auf Wirbeltiere, Kopffer und Zehnfukrebse beschrnkt wird, erfhrt das bio-zentrische Konzept eine Einschrnkung im Sinne des Pathozentrismus (vgl. 3 Abs. 2 TSchG). E. v. Loeper 1-2a. In: H.-G. Kluge (2002, Hrsg.): Tierschutzgesetz. Stuttgart: Kohlhammer, S. 96, Rz 41 Vgl. dazu nher Binder: .Wertungswiderspr-che, S. 11f. Vgl. Binder: Tierschutzgesetz, S. 16. Wegen Tierqulerei und der ungerechtfertigten Ttung eines Tieres kann gem. 38 Abs. 1 TSchG eine Geldstrafe bis 7.500 Euro, im Wieder-holungsfall bis 15.000 Euro, ausgesprochen werden. Fr Flle schwerer Tierqulerei ist eine Mindeststrafe von 2.000 Euro vorgesehen. Vgl. ausfhrlich zu den Tierqulereitatbestn-den Binder: Tierschutzgesetz, S. 47-67. Dieses stellt zwar einen Sonderbereich des Tierschutzrechts dar, wird jedoch aus kompe-tenzrechtlichen Grnden bereits seit den 1970er Jahren durch den Bundesgesetzgeber geregelt. Bestimmte Vorhaben, die nicht ber die Anwendung erprobter Routinemanahmen hinausgehen und bestimmten Zwecken dienen,

    mssen der Behrde nur im Vorhinein angezeigt werden (vgl. 9 TVG). Vgl. Dazu aus tierschutzrechtlicher Sicht Loeper, E. v. (2002): 1-2a. In: Tierschutzgesetz. Kommentar. Hrsg. v. H.-G. Kluge. Stuttgart:: Kohlhammer. S. 96, Rz 41; Tierschutzgesetz. Kommentar (1999). S. 105, Rz. 51.; Tierschutzge-setz (2003). S. 55f., Rz 24ff; aus tierethischer Sicht vgl. M. Rowlands (2002). N. Jukes und M. Chiuia (2003, Hrsg.): From guinea pig to computer mouse listen rund 500 tierverbrauchfreie Methoden fr Unterrichts-zwecke auf. Vgl. Binder: Tierschutzgesetz, S. 70.

    A U T O R E N U N D K O N T A K T

    MMag. DDr. Regina Binder Leiterin der Dokumentations- und Informations-stelle fr Tierschutz- und Veterinrrecht an der Veterinrmedizinischen Universitt WienVeterinrplatz 1A-1210 Wien/[email protected]

    Mag. Erwin LengauerInstitut fr Ethik und Wissenschaftan der Fakultt fr Philosophie der Universitt WienUniversittsstr. 7A-1010 Wien/[email protected]

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    wenn dieser Eingriff fr die Nutzung des Tieres, zu dessen Schutz oder zum Schutz anderer Tiere unerlsslich ist und in der 1. Tierhaltungsverordnung geregelt wurde. Die Haltung von Hun-den ist in der 2.Tierhaltungsverord-nung geregelt, in der vom Gesetz her keine Ermchtigung fr Ausnahmen vom Verbot der Eingriffe vorgesehen sind. Daher ist z.B. auch das Kupieren von Ohren oder Schwnzen bei Jagd-hunden verboten.

    bioskop: Tierschutzorganisationen kritisieren in Kampagnen den Import von Katzenfellen. Was sagt der Ge-setzgeber dazu?

    Dr. Damoser: Am 25. 1.2006 wurde im Nationalrat ein Entschlieungs-antrag betreffend ein Importverbot fr Hunde- und Katzenfelle sowie zur Schaffung eines internationalen Kenn-zeichnungssystems von Fellen in ver-arbeiteten Kleidungsstcken gefasst und im Ministerrat am 16. Februar 2006 wurde der Antrag aufgegriffen. Im Bun-desministerium fr Gesundheit und Frauen werden bereits rechtliche Mg-lichkeiten der Umsetzung geprft.

    bioskop: Ein heikles Thema ist das Schchten. Gibt es da Kompromisse mit den Religionsgemeinschaften?

    Dr. Damoser: Um einen Kompromiss zwi-schen dem Grundrecht der Religions-ausbungsfreiheit und dem Tierschutz zu schaffen, wurde das Schchten im Tierschutzgesetz ( 32 TSchG) sehr de-tailliert geregelt. Rituelle Schlachtungen drfen nur in einer dafr eingerichteten und von der Behrde dafr zugelasse-nen Schlachtanlage durchgefhrt wer-den. Weiters drfen rituelle Schlachtun-gen nur vorgenommen werden, wenn dies auf Grund zwingender religiser Gebote oder Verbote einer gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaft notwendig ist und die Behrde eine Be-

    willigung zur Schlachtung ohne Betu-bung erteilt hat. Die Bewilligung darf nur dann erteilt werden, wenn unter anderem sichergestellt ist, dass die ritu-ellen Schlachtungen von Personen vor-genommen werden, die ber die dazu notwendigen Kenntnisse und Fhig-keiten verfgen, die rituellen Schlach-tungen ausschlielich in Anwesenheit eines mit der Schlachttier- und Fleisch-untersuchung beauftragten Tierarztes erfolgen, die Tiere unmittelbar nach dem Erffnen der Blutgefe wirksam betubt werden und sofort nach dem Schnitt die Betubung wirksam wird.

    bioskop: Wie kann bei einer solchen Interessensvielfalt ein einheitlicher Vollzug des Tierschutzgesetzes ge-whrleistet werden?

    Dr. Damoser: Jedes Bundesland hat einen in Ausbung seines Amtes wei-sungsfreien Tierschutzombudsmann, dessen Aufgabe es ist, die Interessen des Tierschutzes zu vertreten. Den Tierschutzombudsleuten kommt auch eine wichtige Rolle im Tierschutzrat zu. Sie wissen durch ihre Funktion ber eventuelle Probleme im Vollzug des Tierschutzgesetzes und seiner Verord-nungen Bescheid und haben, wenn sie sich zusammen tun, im Tierschutzrat mit 9 Stimmen schon fast die Mehrheit (11 Stimmen von 20) um einen Beschluss zu fassen, um Empfehlungen abzugeben und Richtlinien fr einen einheitlichen Vollzug zu schaffen.

    bioskop: Und wie kann schlielich ein Gesetzeswerk wie das Tierschutz-gesetz der Artenvielfalt gerecht wer-den?

    Dr. Damoser: Auf Grund der Vielzahl der gehaltenen Tierarten und der durch die genderte Rechtslage neu gewonne-nen Erfahrungen ist davon auszugehen, dass es im Bereich Tierschutz zu weite-ren Entwicklungen kommen wird.

    bioskop: Frau Dr. Damoser, wir dan-ken im Namen unserer Leser fr Ihre Ausfhrungen.

    Das Gesprch mit Frau Dr. Gabriele Damoser

    fhrte der bioskop-Chefredakteur.

    KONTAKTADRESSEFR WEITERE AUSKNFTEBundesministerium fr Gesundheit und Frauen,

    Abt. IV/B/9, Radetzkystrasse 2, 1031 Wien

    [email protected]

    VETERINRWESEN

    Der Kompetenztatbestand Veterinrwesen

    findet sich in Art. 10 der Bundesverfassung

    (B-VG): Danach sind die Angelegenheiten

    des Veterinrwesens in Gesetzgebung und

    Vollziehung Bundessache. Fr Gesetzgebung

    und Vollziehung ist der Bund zustndig. Die

    typischen Beispiele dafr sind das Tierschutz-

    gesetz, das Tiergesundheitsgesetz sowie das

    Fleischuntersuchungsgesetz - jeweils mit ih-

    ren zahlreichen Verordnungen.

    Die Vollziehung dieser Gesetze die zum Ve-

    terinrwesen bzw Veterinrrecht gehren,

    erfolgt in mittelbarer Bundesverwaltung.

    Mittelbar deshalb, da die Verwaltung des

    Bundes durch Landesbehrden, das heit

    durch den Landeshauptmann und die Be-

    zirksverwaltungsbehrden gefhrt wird.

    Die Landesbehrden handeln dabei unter

    der Weisungsbefugnis, das heit im Auftrag

    des jeweils zustndigen Bundesministers.

    Weisungen in mittelbarer Bundesverwaltung

    gehen an den Landeshauptmann. Der Lan-

    deshauptmann muss dafr sorgen, dass die

    in der mittelbaren Bundesverwaltung zuer-

    ledigenden Bundesvorschriften von den ihm

    unterstellten Landesbehrden eingelaten

    werden.Amtstierrzte bei den Bezirksverwal-

    tungsbehrden sind somit organisatorisch

    Landesorgane aber funktionell Bundesorgane.

    Weisungen haben imm nur folgenden Weg:

    Bundesminister

    Landeshauptmann

    Bezirksverwaltungsbehrde

    bioskop: Frau Dr. Damoser, welches Thema in Ihrem umfangreichen Ar-beitsgebiet liegt Ihnen als mageb-liche Behrdenvertreterin derzeit am Herzen?

    Dr. Damoser: Das ist beispielsweise die Haltung von Wildtieren im Zirkus.

    Auf Grund des in 27 des TSchG nor-mierten Verbots der Haltung und Mit-wirkung von Wildtieren in Zirkussen, Varietees und hnlichen Einrichtungen luft derzeit gegen sterreich ein Ver-tragsverletzungsverfahren, da dieses Verbot eine der Grundfreiheiten der EU, die Dienstleistungsfreiheit, beein-trchtigt. Obwohl die Dienstfreiheit beschrnkt wird, vertritt jedoch die Republik sterreich die Auffassung, dass mit der gemeinschaftlichen Auf-wertung des Rechtsgutes Tierschutz und mit der gemeinschaftsrechtlichen Verankerung des Tierschutzes im Pro-tokoll zum Vertrag von Amsterdam der Tierschutz als zwingender Grund des Allgemeininteresses die Grundfreihei-ten zu beschrnken vermag.

    Das Verbot ist aus sterreichischer Sicht gerechtfertigt, da eine artgerechte Hal-tung von Wildtieren in Zirkussen auf Grund der dortigen Gegebenheiten nie eingehalten werden kann. Auch bewir-ken die hufigen Transporte eine per-manente Stresssituation fr die Tiere.

    Die mit den stndigen Ortsnderun-gen einhergehende Reizberflutung fhrt zur Beunruhigung der Tiere oder versetzt sie in Angst. Weiters ist bei Wildtieren die Gefahr der Fehlprgung durch Dressurnummern viel hher als bei Haustieren.

    bioskop: Wie sieht es mit dem Tier-schutz in der EU aus?

    Dr. Damoser: Da gibt es den Aktions-plan der Gemeinschaft fr den Schutz und das Wohlbefinden von Tieren. Die-ser von der Europischen Kommission ausgearbeitete Plan gibt Auskunft ber die in diesem Bereich geplanten Initiativen fr die Jahre 2006-2010 und wird bei der internationalen Tierschutz-konferenz (30. Mrz 2006 in Brssel) der ffentlichkeit vorgestellt. Die EU, welche auf dem Gebiet des Tierschut-zes eine international anerkannte fhrende Rolle hat, wird in den ver-schiedenen internationalen Gremien (OIE, WTO, Europarat..) den Tierschutz forcieren. Bestehende Mindestnormen werden verbessert werden und zum Schutz von Versuchstieren wird das 3R Prinzip angewendet werden: replace-ment, refinement, reduction (d.h. al-ternative Methoden zu Tierversuchen, Verbesserung unbedingt ntiger Tier-versuche und die Reduktion der An-zahl von Tierversuchen). Die Hndler, die Produzenten, andere Beteiligte der Lebensmittelkette sowie die Konsu-menten sollten verstrkt in die Belange des Tierschutzes eingebunden werden. Weiters ist die Einfhrung einheitlicher Tierschutzindikatoren beabsichtigt.

    bioskop: Und wie verhlt es sich mit der Anbindehaltung von Haustieren?

    Dr. Damoser: Die dauernde Anbinde-haltung ist gem. 16 TSchG verboten. Hunde drfen keinesfalls, auch nicht vorbergehend, an der Kette oder in sonst einem angebundenen Zustand gehalten werden. Unter das Verbot der vorbergehenden Anbindehal-

    tung fllt jedoch nicht das kurzfristige Anbinden vor einem Geschft und das an der Leine fhren (Veranstaltungen, Gasthaus, ffentliche Verkehrsmittel, bei der Ausbildung udgl.). Die Laufket-tenhaltung ist verboten. Auch Wildtiere drfen keinesfalls, auch nicht vorber-gehend, angebunden gehalten wer-den. (Ausnahme ist die Ausbildung von Greifvgeln im Rahmen der Beizjagd.)

    bioskop: Und was sagt das Tierschutz-gesetz zum Kupieren von Jagdhun-den?

    Dr. Damoser: Gem 7 TSchG sind Ein-griffe, die nicht therapeutischen oder diagnostischen Zwecken oder der fach-gerechten Kennzeichnung eines Tieres in bereinstimmung mit anwendbaren Rechtsvorschriften dienen, verboten. Ausnahmen von diesem Verbot sind nur zulssig einerseits zur Verhinde-rung der Fortpflanzung, andererseits

    Interview zum Tierschutzgesetz bioskop sprach mit Frau Dr.vet.med. Gabriele DamoserTierschutzbeauftragte des Bundesministerium fr Gesundheit und Frauen

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    hat. Das Virus der spanischen Grippe hatte aber vorwiegend jngere Leute umgebracht, was den Schluss zulsst, das die ltere Bevlkerung schon vor-her Kontakt mit Influenza hatte und im-mun war ein Phnomen das dann bei der nchsten Pandemie wieder auftrat. Man muss auch annehmen, dass das Virus zumindest in Tieren schon seit langer Zeit persisiert hat. Was frher als Hhnerpest bekannt war, knnte durchaus Influenza gewesen sein.

    Man glaubte eigentlich, den Mechanis-mus, durch den in der Vergangenheit neue hochpathogene Grippe-Erreger entstehen konnten, zu kennen. Die-sen Vorgang nennt man Antigenic Shift . Er beruhte auf dem Umstand, dass es Regionen auf der Erde gab, in denen Bauern Schweinehaltung in en-ger Assoziation mit ihrer Behausung betrieben. Besonders in asiatischen Lndern hatten die Schweine dann die Mglichkeit auf die nahe gelegenen Reisfelder zu gehen, wo sie in Kontakt mit den Wasservgeln kamen, die sich dort aufhielten. Man wei eigentlich schon lange, dass besonders Wasser-vgel verschiedene Arten von Influen-za-Viren beherbergen. Dabei sehen die Vogel-Viren ziemlich anders aus als die menschlichen, wenn man sie im Elekt-ronenmikroskop betrachtet, auch wenn sie die gleiche grundstzliche Struktur ihrer Erbtrger haben. Sie sind lnglich - nicht rund. Auch Schweine haben ihre eigenen, spezifischen Influenza-Viren. Vogel-, Mensch- und Schweine-Viren hatten also in bestimmten Gegenden dieser Welt die ideale Mglichkeit ihre Gene miteinander auszutauschen. Mglicherweise ist die Hongkong Flu auf diese Weise entstanden.

    Vielleicht gab es seither keine neue Pande-

    mie mehr, weil sich zumindest groflchig

    diese Art des engen Zusammenlebens zwi-

    schen Mensch und Tieren gendert hat.

    Aber es gibt andere Mglichkeiten des

    Austausches von Virusgenom-Sequen-zen zwischen den Spezies. Das Virus ndert sich ja ohnehin stndig in der menschlichen Population. Es treten immer wieder neue Varianten alter Stmme auf. Das Gleiche gilt fr Vgel. Potentiell knnen sich auch andere Tierarten infizieren. Menschliche Viren sind durchaus krankheitserregend fr nicht-humanoide Sugetiere, ein Um-stand der experimentell im Labor aus-genutzt wird. Eine infizierte Maus kann das Virus dann auch auf eine gesunde Maus bertragen. Wichtig sind auch Ex-perimente mit bestimmten Entenarten, die nicht krank werden, aber das Virus tragen und auf nicht infizierte Artge-nossen bertragen knnen. Die Basis des Entstehens neuer Influenza-Subty-pen ist eben, dass Virus-Varianten lan-ge genug im Wirt verbleiben knnen, ohne ihn umzubringen. Mglicher-weise generieren sie vernderte Virus-Typen, die einen groen Teil anderer Vgel-Arten umbringen. Vielleicht gibt es dabei andere Zwischenwirte, die helfen. All das ist derzeit Spekulation. Fr den Menschen ist es lebenswichtig, dass er nicht selber vom Zwischenwirt zum Endwirt mutiert. Das wre der Tag X, an dem das menschliche Influenza-Viren sich quasi mit Tier-Viren vereinen

    und im Patienten Null einen Killer ge-nerieren.

    Es hat den Anschein, als wren wir an diesem Zeitpunkt fast angelangt. H5N1 war das erste bekannte Vogel-Influen-zavirus, das auch Menschen befallen kann. Das passierte zum ersten Mal 1996. Seither gibt es eine ganze Kas-kade von neuen in Vgeln identifizier-ten Influenza-Subtypen, die Menschen krank machen oder umbringen kn-nen. Das geht von H7N2 ber H7N7 bis H9N2 oder H10N7. Es waren fast immer Geflgelfarm-Arbeiter und Besitzer oder deren Familienangehrige, die betroffen waren. Die meisten Flle gab es im asiatischen Raum. In keinem Fall wurde bislang die Krankheit dann von Mensch zu Mensch bertragen. Aber vielleicht gab es dazu keine gnstige Gelegenheit. Es ist auch bemerkens-wert, dass bis jetzt nur H5N1 die Reise um die Welt angetreten hat. Aber auch das knnte sich ndern.

    Den Beginn der ersten Welle (Wave I) von H5N1 Infektionen in Geflgel und Wildvgeln rechnet die WHO ab Mitte 2003 bis Mrz 2004. Die Seuchenherde betrafen besonders Korea, Vietnam, Thailand, Kambodscha, Indonesien

    Berichtete Flle von H5N1-Vogel-Influenza in Geflgel und Wildvgel seit 2003 (Status 20.2.2006). Gra-phik: World Health Organisation auf der US Goverment Website: www.pandemicflu.gov/map.html.

    Focus

    DIETER ARMERDING

    Wenn man die Timeline der Influenza Geschichte ansieht, so wie sie vom Nati-onal Institute for Allergy and Infectious Diseases publiziert wird, gewinnt man den Eindruck, die Grippe sei erst um 1918 mit der ersten globalen Pandemie aufgetreten. Die Spanische Grippe kam aus den USA und wurde wohl durch die Soldaten nach Europa verschleppt. Extremer Stress, die Unwirtlichkeit der Jahreszeit, Versorgungsnotstnde, Hunger und fehlende wirksame Medi-kamente auch gegen opportunistische Infektionen (z.B. Pneumonien) haben erst in der Kriegsregion und spter auch in anderen Lndern weltweit fr die Ausbreitung des Virus gesorgt und die Infektion von zwei Milliarden Men-schen zur Folge gehabt. Zwischen 20 und 50 Millionen Tote waren der Zoll der Seuche.

    Es hat ziemlich lange gedauert, bis die Wissenschaft berhaupt weit ge-nug fortgeschritten war, zu benen-nen, was die Menschen whrend des

    Winters 1918/ 1919 befallen hat. Die ersten elektronenmikroskopischen Aufnahmen zeigten ein globulres mit stachelnartigen Strukturen besetztes Virus. Diese Spikes reprsentierten die beiden wesentlichen Oberflchenmo-lekle des Influenza-Viru