Bulletin Politikwissenschaft und politische Bildung Science · PDF filePolitikwissenschaft und...

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  • VSHAEU Association Suisse

    des Enseignant-e-s dUniversit

    Vereinigung derSchweizerischen Hochschuldozierenden

    Politikwissenschaft und politische BildungScience et formation politique

    43. Jahrgang, Nr. 1 April 201743me anne, no 1 avril 2017

    ISSN 16639898

    Bulletin

    Mit Beitrgen von

    Eduard KaeserMonika WaldisDaniela KollerKerstin Nebel und Adrian VatterHorst Biedermann und Fritz OserRolf GollobSarah Btikofer und Georg LutzFlavio BundiJrg SteinerRegula Stmpfl

  • ii Stellenausschreibung - Poste pourvoir

    Stellenangebote

    Titelbild: Kuppelhalle des Bundeshauses Bern http://www.parlament.ch

    Professor of Molecular Plant SciencesThe Department of Biology (www.biol.ethz.ch) at ETH Zurich invites applications for the above-mentioned position in the area of Molecular Plant Biology.

    The successful candidate is expected to build a vibrant, world-class research programme that combines cutting-edge approaches in plant molecular biology, cell biology, biochemistry, and/or genetics using quantitative approaches to generate new knowledge of fundamental molecular mechanisms in plant model systems. Any areas of molecular plant science will be considered, but applications in the field of environmental perception, signalling and adaptive developmental responses are specifically encouraged. We are especially interested in candidates who will take advantage of the existing expertise in Plant Biology, in the Department of Biology, and the larger Life Science Zurich research environment. The successful applicant is also expected to promote translational research activities and engage with strategic initiatives of ETH Zurich.

    The new professor will be a member of the Department of Biology and the newly-founded Institute of Molecular Plant Biology located on the Hoenggerberg campus. The Department offers access to state-of-the-art equipment (e.g. the ScopeM imaging facility and the Functional Genomics Centre) and outstanding scientific opportunities to participate in interdisciplinary research programmes. Integration into existing networks will facilitate interactions with the local research community (e.g. via the Zurich-Basel Plant Science Centre and the World Food System Centre). The new professor will engage in the plant biology teaching programme at both undergraduate and master levels (teaching may be in German or English).

    Please apply online at: www.facultyaffairs.ethz.ch

    Applications should include a curriculum vitae, a list of publications, a statement of future research and teaching interests, and a description of the three most important achievements. The letter of application should be addressed to the President of ETH Zurich, Prof. Dr. Lino Guzzella. The closing date for applications is 30 April 2017. ETH Zurich is an equal opportunity and family friendly employer and is responsive to the needs of dual career couples. We specifically encourage women to apply.

  • 1VSH-Bulletin Nr. 1, April 2017 | AEU-Bulletin no 1, avril 2017

    Inhaltsverzeichnis Table des matires

    Editorial 2 Elisabeth Ehrensperger

    Politikwissenschaft und politische BildungScience et formation politique

    Demokratiemndigkeit Zwischen Expertokratie und Populismus 3Eduard Kaeser

    Politische Bildung heute: Schweizerisches Bildungssystem vor einer herausfordernden Aufgabe 9Monika Waldis

    Politische Bildung im Schulunterricht: Partizipationsfrdernd oder eher abschreckend? 15Daniela Koller

    David und Goliath? Politische Bildung in der Schweiz und in Deutschland im Vergleich 22Kerstin Nebel und Adrian Vatter

    Erziehung zu politischer Partizipation: Ein unmgliches Unterfangen? 30Horst Biedermann und Fritz Oser

    Campus fr Demokratie 39Rolf Gollob

    DeFacto belegt, was andere meinen 45Sarah Btikofer und Georg Lutz

    Politische Bildung der Schlssel zu mehr politischer Partizipation? 50Flavio Bundi

    Learning to deliberate across deep divisions 55Jrg Steiner

    Fiktion und Algorithmen: Politische Bildung im Wandel 61Regula Stmpfli

    Jahresberichte der Hochschulen / Rapports annuels des Hautes Ecoles 66

    Stellenausschreibungen / Postes pourvoir ii, 21, iii

  • 2 VSH-Bulletin Nr. 1, April 2017 | AEU-Bulletin no 1, avril 2017

    Editorial

    Elisabeth Ehrensperger

    Liebe Leserin, lieber Leser

    Gibt es den wohlberlegenden, wohlinformierten den rationalen Whler?, fragte unlngst Eduard Kaeser in der NZZ. Es sei festzustellen, dass die Stimm-brger aus undurchsichtigen egoistischen Grn den, meist auch, ohne ausreichend ber die Sache infor-miert zu sein votierten, woraus jedoch oft ein ver-nnftiger Kollektiventscheid resultiere.

    Nun, vielleicht spricht dieser Umstand tatschlich fr die Rationalitt des politischen Systems Schweiz und seiner Brger. Und die Frage, ob der Brger etwas berspitzt formuliert berhaupt politisch zurech-nungsfhig und kenntnisreich genug ist, um sich an Wahlen und Abstimmungen zu beteiligen, erbrigt sich beinahe von selbst, sofern wir davon ausgehen drfen, dass dieser Brger bestrebt ist, sich nichts vorschreiben zu lassen, er sein Recht wahrnimmt, sich ffentlich zu ussern, und sich wenn ntig einbringt. Der Schriftsteller Robert Walser hat die-sen Stolz des Schweizer Brgers der zugleich damit, dass er als Staatsbrger (citoyen) fungiert, sich selbst der nchste (bourgeois) ist auf den Punkt gebracht mit dem Satz: Unsere Staatsform ist die Republik, wir drfen machen, was wir wollen.

    Man mag diese Sichtweise teilen oder nicht aus po-litikwissenschaftlicher Perspektive und gemessen an den Verflechtungen der politischen Welt von heute erscheint sie vielleicht ein wenig naiv. Immerhin lebt die Schweiz von der Partizipation ihrer Brgerinnen und Brger, und dass diese nicht vom Himmel fllt, sondern mit politischer Bildung zu tun hat, wird auch bei Walser klar, wenn er seine Aussage dem Schler Fritz in den Mund legt, der sich redlich anstrengt, zum Thema einen Aufsatz zu schreiben.

    Doch politische Bildung, was ist das berhaupt? Im Begriff Politik steckt bekanntlich die polis, der Stadtstaat oder das durch die Brger regierte Ge-meinwesen, welches dieselben durch ein gemein-schaftliches Handeln verbindet (Aristoteles unter-scheidet diese grsste politische Einheit von jener des ethnos, das despotisch zusammengehalten wird). Nach den Schriften Platons versteht sich Politik als Technik, einen Staat durch Gesetze zu organisieren; da dies nicht ganz ohne Weisheit geht, neigt der

    Philo soph dazu, hierfr den Nichtphilosophen die Kompetenz abzusprechen.

    Anders ist das in einem modernen Staat, in dem das Staatsvolk die Gesetze macht vermittels Mechanis-men der direkten Beteiligung und Reprsentation, zu welchen eine freie Meinungsbildung und -usserung gehrt. In einem solchen komplexen Gemeinwe-sen, das sich, wie Richard Rorty formulierte, durch einen Vorrang der Demokratie vor der Philosophie charakterisiert, werden die Brger weniger vom Staat als zur Mndigkeit erzogen, und diese Art der Erzie-hung ist als Bildung treffend benannt.

    Unter Bildung im engeren Sinn verstehen wir im Deut-schen jede Art von Erziehung, die auf Wissenserwerb beruht oder durch einen solchen zustande kommt und kulturelle Werte vermittelt. Dieses Unterfangen steht bis zu einem gewissem Grad einer politischen Bildung entgegen, die durch praktische Vernunft be-sticht. Gemss der Deklaration der Menschen- und Brgerrechte von 1789 sind die Menschen durch Rechte und Pflichten miteinander verbunden, wel-che sie unabhngig davon wahrnehmen, was sie der Religion, der Familie oder dem Stand schuldig sind. Dieser Punkt dass die Imperative und Verpflich-tungen der Religion und der Familie sowie andere Bindungen sich den Gesetzen des Staates einzuord-nen haben begrndet eine Demokratie, deren An-gehrige ihre Gewalt an den Staat abtreten. Damit ist auch gesagt, dass eine Demokratie mehr ist als bloss eine Regierungsform und dass sie die Menschen bis in ihr alltgliches Handeln hinein prgt.

    Zu zeigen, wie das geht, knnte eine brauchbare Definition politischer Bildung sein. Bei den diversen Beitrgen in diesem Heft handelt es sich um politik-wissenschaftliche sowie pdagogische Analysen zum Konzept und zur schulischen Ausrichtung der poli-tischen Bildung in der Schweiz nebst historischen und vergleichenden Aufstzen zu Theorie und Praxis der politischen Bildung, auch im Spannungsfeld von globalen politischen bzw. bildungspolitischen Ent-wicklungen der letzten Jahre.

    Ihre Elisabeth Ehrensperger

  • 3VSH-Bulletin Nr. 1, April 2017 | AEU-Bulletin no 1, avril 2017

    Demokratiemndigkeit Zwischen Expertokratie und Populismus

    Eduard Kaeser*

    * Liebeggweg 6, 3006 Bern.

    E-mail: [email protected]://kaeser-technotopia.blogspot.ch/

    Eduard Kaeser, Dr. phil., geboren 1948 in Bern. Studium der theoretischen Physik, anschliessend der Wissenschafts-geschichte und Philosophie an der Universitt Bern. Promotion in Philosophie an der naturwissenschaftlichen Fakultt. Befristete Vorlesungsttigkeit an der Universitt Bern. Bis 2012 Gymnasiallehrer fr Physik und Mathematik.

    Daneben publizistische Ttigkeit zu Themen zwischen Wissenschaft und Philosophie, in Bchern, Magazinen und Zeitungen.

    1. Das Wunder der AggregationEin komplexes Ganzes zeigt oft Eigenschaften, die sich nicht aus dessen Teilen erklren lassen. Einzelne Wassermolekle sind nicht nass, aber ihr Aggregat im Trinkglas manifestiert die neue Eigenschaft Ns-se. Einzelne Neuronen sind bloss physiologische Ma-schinchen, aber ihr Gesamtkonzert im Hirn eines Or-ganismus fhrt zur erstaunlichen neuen Eigenschaft Intelligenz. Komplexittsforscher nennen dieses Ph-nomen Emergenz.

    Es tritt auch in Demokratien auf. Millionen von Stimmbrgern entscheiden sich individuell fr eine politische Sache, oft aus undurchsichtigen und ei-genntzige