Collegium Vocale Lenzburg · PDF file da robur fer auxilium. Amen. von allen Seiten. Gib uns...

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  • Gioachino Rossini

    Collegium Vocale Lenzburg

    www.c-v-l.ch

  • Werkeinführung zur Petite messe solennelle von G. Rossini

    Hier ist sie, die arme kleine Messe. Ist es wirklich heilige Musik (musique sacrée) oder doch vermaledeite Musik (sacrée musique)? Ich bin für die Opera buffa geboren. Du weisst es wohl! Ein bisschen Können, ein bisschen Herz, das ist alles. Sei also gepriesen und gewähre mir das Paradies. Rossinis Widmung an den lieben Gott

    Gioachino Rossini, 1865 Fotografie von Étienne Carjat

    Die „kleine“ Messe Rossinis dauert etwa eineinhalb Stunden, und klein nennt sie nur die ironische Bescheidenheit des einundsiebzigjährigen Komponisten. Die Petite Messe solennelle ist ein ausgesprochenes Spätwerk Rossinis. Er komponierte es zwischen 1863 und 1864, 34 Jahre (!) nach der Komposition seiner letzten Oper Guillaume Tell. Das Werk entstand als Auftragswerk für das Grafenpaar Michel-Frédéric und Louise Pil- let-Will zur Einweihung ihrer Pariser Privatkapelle, wo es im März 1864 uraufgeführt wur- de. Die beengenden räumlichen Verhältnisse zwangen Rossini zu einer radikal kleinen Besetzung seiner leider letzten altersbedingten Todsünde, wie er sein Werk nannte: vier Gesangssolistinnen und -solisten, kleiner Chor, Klavier und Harmonium.

    Seine Messe hat Rossini wie alle in seinen letzten Jahren entstandenen Kompositionen gehütet und einer Veröffentlichung bewusst entzogen. Erst nach seinem Tode konnte die Komposition gedruckt und der Öffentlichkeit übergeben werden. Dem Werk wurde sehr schnell ein grosser Erfolg zuteil. Drei Jahre nach der Entstehung arbeitete Rossini eine Orchesterfassung aus, hauptsächlich, um zu verhindern, dass die Messe durch die Bearbeitung eines anderen entstellt werden könnte: [...] es geschieht nur, um dem hiesigen Herrn Sax und seinen Freunden nicht in die Hände zu fallen. Ich führte näm- lich die Partitur dieser bescheidenen Arbeit schon vor einiger Zeit aus; findet man dieselbe nun in meinem Nachlass, so kommt Herr Sax mit seinen Saxophonen oder Herr Berlioz mit anderen Riesen des modernen Orchesters, wollen damit meine Messe instrumentieren und schlagen mir meine paar Singstimmen tot, wobei sie auch mich glücklich umbringen würden. [...] Ich bin daher nun beschäftigt, meinen Chören und

    Arien in der Weise, wie man es früher zu tun pflegte, ein Streichquartett und ein paar bescheiden auftretende Blasinstrumente zu unterlegen, die meine armen Sänger noch zu Worte kommen lassen. Rossini selber scheint aber die originale Klanglichkeit der Kammermusikfassung gegenüber der Orchesterfassung bevorzugt und höher einge- schätzt zu haben, wie ein Brief vom Juni 1865 an Franz Liszt belegt: Man will, dass ich sie instrumentiere, damit sie dann in irgendeiner der Pariser Kirchen aufgeführt werden kann. Ich habe Widerwillen, solche Arbeit zu übernehmen, weil ich in diese Kompositi- on all mein kleines musikalisches Wissen gelegt habe und weil ich gearbeitet habe mit wahrer Liebe zur Religion.

    Bemerkenswert sind an dieser Briefstelle das Fehlen jeglicher Ironie und die bewussten Hinweise auf musikalisches Wissen und die Liebe zur Religion. Hier spricht ein ganz anderer Rossini als der, der einst zum Musikgelehrten Fétis sagte, er habe keine Lust mehr, das Studium von Fuge und Kontrapunkt wiederaufzunehmen. In seinen letzten Jahren studierte Rossini nämlich Johann Sebastian Bach intensiv: Ich bin auf die grosse Gesamtausgabe seiner Werke subskribiert. Hier, Sie sehen gerade auf meinem Tisch den letzten erschienenen Band. Soll ich Ihnen bekennen, dass der Tag, an dem ein neuer Band ankommt, selbst für mich noch ein Tag unvergleichbarer Freude ist? Diese intensive Auseinandersetzung mit dem grossen Barockkomponisten schlägt sich in der Petite Messe gleich im ersten Satz nieder: Das Christe eleison ist ein strenger Kanon in der Oberquart, ganz im alten Stil im alla breve-Takt notiert und a cappella zu singen. Die Sätze Gloria und Credo enden in alter Tradition auch bei Rossini mit umfangreichen Fugen, in welchen der Komponist seine Virtuosität in der Beherrschung des Kontra- punkts unter Beweis stellt. Dabei benutzt Rossini augenzwinkernd die alte Technik der Quintfallsequenz in überreichem Masse, dabei doch oft in überraschende Tonarten mo- dulierend, um diese als „Organistenzwirn“ gerade von weniger inspirierten Komponisten überstrapazierte Satztechnik virtuos zu karikieren.

    Auch des Komponisten ironische Frage nach der Heiligkeit seiner Komposition (siehe Anfangszitat) wird durch die Musik selbst beantwortet. Die persönliche und religiös mo- tivierte musikalische Umsetzung des Messetextes wird an verschiedenen Stellen der Komposition spürbar. So etwa im Agnus Dei, in das auch Krankheitserfahrungen und un- gewisse Todesahnungen des Komponisten einfliessen: Über einer trauermarschartigen Musik des Klavieres fleht die Altistin beim Lamm Gottes, welches die Sünden der Welt hinwegnimmt, um Erbarmen und Frieden. Der Chor setzt diese Bitte zweimal im pianis- simo fort, um beim dritten Mal seine Friedensbitte mit dem verzweifelnd stammelnden Miserere (Erbarme Dich) der Altistin im fortissimo zu vereinen.

    Den Messetext hat Rossini um das O salutaris hostia erweitert, einen Textausschnitt eines heute nicht mehr verwendeten Fronleichnamshymnus‘. Ein weiterer Einschub, das Prélude religieux, mag mit einem Seitenblick auf Beethovens Missa solemnis entstanden sein, in der vor dem Benedictus ein Präludium des Orchesters eingefügt ist.

  • In der Rezeptionsgeschichte hat die Messe neben viel Lob auch viel Ablehnung, v. a. im deutschsprachigen Raum erfahren, wo sie oftmals als Schmachtfetzen oder Kitsch verunglimpft wurde. Das mag einerseits mit fragwürdigen, sentimentalen Aufführungen zu tun gehabt haben, andererseits aber mit einer Tradition, die im deutschen Kulturraum des 19. Jahrhunderts bloss die eigene Deutungshoheit zu religiöser Musik zuliess. Der Caecilianismus (restaurative Reformbewegung in der kath. Kirchenmusik) wandte sich von der Kirchenmusik der Wiener Klassik ab, bezeichnete Mozarts Messevertonungen als zu opernhaft und stellte sich gegen komplexe Modulationen, satztechnische Raffi- nesse, längere chromatische Fortschreitungen, virtuosen Stimmeneinsatz sowie alles, was ausserdem an weltliche Musik und an die Oper erinnert (z. B. Dramatik, tänzerische Rhythmen, leidenschaftliche Affekte, sinnliche Melodieführung). Kein Wunder, dass es Rossinis Petite messe solennelle mit ihrem schmelzenden Belcanto, ihrem sinnlichen Klang, den federnden Rhythmen und ihrer mediterranen Leichtigkeit lange Zeit schwer gehabt hat im deutschsprachigen Kulturraum. August W. Ambros (1816 – 1876, Kom- ponist und Musikhistoriker) war der erste, der diese andere Sicht auch der deutschen Seite klarzumachen versuchte: Es war ihm ernst, aber sein Ernst war eben Heiterkeit aus einem durch und durch liebenswürdigem Gemüth. Besteht ja doch der Morgen- gottesdienst der Lerche darin, dass sie, wie der Dichter sagt, an „ihren bunten Liedern aufsteigt“ - zum Himmel! (TB)

    Hauptsächlich verwendete Literatur:

    Philip Gossett: Beitrag zum Bärenreiter-Magazin (t)akte

    Paolo Fabbri und Winfried Kirsch: Musik in Geschichte und Gegenwart

    Klaus Döge: Vorwort zur Ausgabe im Carus Verlag

    Stefan Schuck: Werkeinführung zu einer Aufführung des Tösstaler

    Libretto

    Gioacchino Rossini: Petite Messe solennelle

    1. Kyrie (Soli, Chor) Kyrie eleison. Herr, erbarme dich. Christe eleison. Christus, erbarme dich. Kyrie eleison. Herr, erbarme dich.

    2. Gloria Gloria in excelsis Deo, (Soli, Chor) Gloria in excelsis Deo et in terra Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden pax hominibus bonae voluntatis. Frieden den Menschen, die guten Willens sind.

    Laudamus te (Soli, Chor) Laudamus te, benedicimus te, Wir loben dich, wir preisen dich, adoramus te, glorificamus te. wir beten dich an und verherrlichen dich.

    Gratias agimus tibi (Soli Alt, Tenor, Bass) Gratias agimus tibi Dank sagen wir Dir propter magnam gloriam tuam. um Deiner großen Herrlichkeit willen.

    Domine Deus (Solo Tenor) Domine Deus, Rex coelestis, Herr Gott, himmlischer König, Deus Pater omnipotens. allmächtiger Vater, Domine Fili unigenite, Jesu Christe. Herr, eingeborener Sohn, Jesus Christus. Domine Deus, Agnus Dei, Filius Patris. Herr Gott, Lamm Gottes, Sohn des Vaters. Qui tollis (Soli Sopran, Alt) Qui tollis peccata mundi, Du trägst die Sünden der Welt, miserere nobis. erbarme Dich unser. Suscipe deprecationem nostram. Nimm an unser Flehn. Qui sedes ad dexteram Patris. Du sitzest zur Rechten des Vaters, miserere nobis. erbarme Dich unser.

    Quoniam (Solo Bass) Quoniam tu solus sanctus, Denn du allein bist heilig, tu solus Dominus, du allein der Herr, tu solus Altissimus, Jesu Christe. du allein der Höchste, Jesus Christus.

    Cum Sancto Spiritu (Soli, Chor) Cum sancto Spiritu Mit dem heiligen Geist In gloria Dei Patris. Amen. zu Ehren Gottes des Vaters. Amen.

  • 3. Credo Credo in unum Deum (Soli, Chor) Credo in unum Deum Ich glaube an den einen Gott, Patrem omnipotentem den allmächtigen Vater, factorem coeli et terrae, Schöpfer des Himmels und der Erde, visibilium omnium et invisibilium. der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Et in unum Dominum Jesum Christum Ich glaube an den einen Herrn Jesus Christus filium Dei unigenitum. seinen eingeborenen Sohn, Et ex Patre natum ante omnia saecula, vom Vate