Das Fruhe Mittelalter

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    11-Jul-2015
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Fischer Weltgeschichte Band 10

Das frhe Mittelalter Herausgegeben und verfat von Jan Dhondt

Die Geschichte Europas im frhen Mittelalter ist oft beschrieben worden. Generationen von Historikern haben die Kenntnis vom Untergang der Merowinger und vom Aufstieg der Karolinger erweitert, haben die Entstehung, Blte und allmhliche Auflsung des Frankenreiches nachgezeichnet. Der mchtigen Gestalt Karls des Groen ist bis heute eine bedeutende Anziehungskraft geblieben, und der Proze der langsamen Herausbildung selbstndiger Staaten in West- und Nordeuropa kann gerade in unserer Zeit besondere Aufmerksamkeit beanspruchen. Die gesicherten Ergebnisse einer traditionsreichen historischen Forschung finden in dem vorliegenden Buch ihren Niederschlag. Doch es unterscheidet sich von vielen herkmmlichen Darstellungen darin, da es der politischen Geschichte ihre absolute Vorrangstellung nimmt und neben ihr die anderen Aspekte des historischen Lebens zur Geltung bringt. Hier wird die wirtschaftliche Entwicklung zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert detailliert geschildert, wird die Bedeutung eines Handelsverkehrs veranschaulicht, der so weit auseinanderliegende Bereiche wie Arabien und Skandinavien schon damals miteinander verband. Groes Gewicht legt der Verfasser, Professor Jan Dhondt von der Universitt Gent, den sozialen Phnomenen und Vernderungen bei: er beschreibt den Aufbau der Gesellschaft vom Sklaven bis zum Adeligen, die verschiedenen Formen von Gruppenbildung, die Entstehung eines eigenen Bewutseins bei den Stadtbewohnern, die Verhltnisse bei bestimmten Berufsstnden wie den Kaufleuten. Die Entwicklung des Glaubens und die Klosterreform gehren ebenso in dieses Bild der historischen Wirklichkeit wie die Blte des geistigen Lebens in der Karolingischen Renaissance oder wie der Alltag des frhmittelalterlichen Menschen und sein tglicher Kampf um die materielle Existenz. All diese Themen behandelt der Autor auf der Grundlage der jngsten Forschung und zugleich in kritischer Auseinandersetzung mit ihr. Die Objektivitt, die er in seiner Darstellung bt, bedeutet keineswegs den Verzicht auf eine eigene Stellungnahme, auf persnliches Engagement. Die Verve, mit der dieses Buch geschrieben ist, macht es bei aller wissenschaftlichen Zuverlssigkeit zu einer hchst fesselnden Lektre. Der Band ist in sich abgeschlossen und mit Abbildungen, Kartenskizzen, einer Zeittafel und einem

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Literaturverzeichnis ausgestattet. Ein Personen- und Sachregister erleichtert dem Leser die rasche Orientierung. Die Geschichte Europas im Mittelalter findet ihre Fortsetzung in Band 11 der Fischer Weltgeschichte: Das Hochmittelalter. Der Verfasser dieses Bandes Jan Dhondt, geb. 1915 in Gentbrugge bei Gent gest. im August 1972 in Gent. Studium an der Universitt Gent 19331938; Dr. phil. 1938. In den Jahren 19391941 Forschungsttigkeit am Fonds National de la Recherche Scientifique. Von 1942 bis 1944 Archivar am Hauptarchiv des Knigreichs Belgien. Seit Oktober 1944 Professor an der Universitt Gent. Jan Dhondt war von 1963 bis 1966 Rektor der Universit Officielle des Kongo in Lubumbashi (ehemals Elisabethville). Professor Dhondts Forschungen galten zahlreichen Themen: den Anfngen der germanisch- romanischen Sprachgrenze, der Geschichte der Karolinger, derjenigen Frankreichs im 11. Jahrhundert, der Geschichte der Grafschaft Flandern vor dem 13. Jahrhundert, der Geschichte der Generalstaaten in den Niederlanden, der Wirtschafts- und Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Er publizierte folgende Arbeiten: Etudes sur la naissance des Principauts Territoriales en France (IXe-Xe sicles) Brgge 1948; Gent, Antwerpen 1947; Les origines de la Flandre et de lArtois, Arras 1944; Historische Opstellen, Antwerpen 1965, sowie ungefhr hundert Zeitschriftenartikel. Jan Dhondt war Trger des Prix Gobert der Acadmie des Inscriptions et Belles Lettres Paris fr die Jahre 1947 und 1948. 1. Die Zeit des Ansturms fremder VlkerDem Historiker bleibt nur der Versuch, sich nach und nach an die Wahrheit heranzutasten. Edouard Perroy

Unser Buch handelt von einer Epoche, die sich von der Mitte des 8. Jahrhunderts bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts und etwas darber hinaus erstreckt. Es ist innerhalb der Geschichte Europas die Zeit, in der dieser Erdteil im Rahmen der gesamten Geschichte am wenigsten ins Gewicht fiel. Die Welt des Islam, das Imperium von Byzanz und das Chinesische Reich waren damals die Gebiete der Hochkulturen. Das Abendland, Auflsungsprodukt des kaum noch wiederzuerkennenden Rmischen Reiches, mhte sich indessen darum, nicht den Horden anheimzufallen, die in aufeinanderfolgenden Wellen Westeuropa zu berschwemmen drohten. Man kann innerhalb des Zeitraums, der hier behandelt wird, zwei groe Abschnitte unterscheiden. In dem ersten vollzieht sich der Vorsto dieser Vlker:

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eine Periode, die mit der Schlacht am Lech (unweit von Augsburg) im Jahre 955 schliet. Der zweite Abschnitt er wird auch den zweiten Teil unserer Darstellung ausmachen ist durch das Wiederaufleben Westeuropas gekennzeichnet. Wir mssen vom kontinentalen Europa, dem Schwerpunkt der Entwicklung, sprechen, und gerade deshalb mssen wir daran erinnern, da in Nordwesteuropa Vlker, die im Lauf der Geschichte dann wiederholt und in sehr verschiedenem Grade mit den kontinentalen Vlkern in Verbindung traten, damals noch weitgehend fr sich lebten.

I. Die politischen Ordnungen a) Die Britischen Inseln Werfen wir zunchst einen Blick auf Irland. Die Insel war eine kleine, unruhige Welt, die abseits von den groen geschichtlichen Strmungen lag. Die Iren waren zu jener Zeit auerstande, einen einheitlichen Staat zu bilden, und die Insel wurde durch die Normannen aus ihrer Isolation gerissen. Seit dem Jahre 795 faten die Norweger die Finn-ghaill oder weien Heiden (blonden Fremden) auf ihr Fu. Im Jahre 851 kamen die Dnen die Dubh-ghaill oder schwarzen Heiden nach Irland. Mehr oder weniger kraftvoll bten die Normannen ihre Herrschaft ber Irland bis zu dem irischen Sieg bei Clontarf im Jahre 1014 und sogar noch kurze Zeit ber dieses Datum hinweg aus. England1 zerfiel bekanntlich in kleine Knigreiche, die um die Vorherrschaft kmpften. Aethelbald, Knig der Marcier und Sdenglnder, herrschte ziemlich friedlich whrend der Zeit von 716 bis 757. Sein Nachfolger Offa, der von 757 bis 798 regierte, war der berhmteste Knig von Mercia. Er gliederte seinem Knigreich mehrere Gebiete an und machte es so mchtig, da diesem Staat eine lange Dauer beschieden schien. Doch Knig Egbert von Wessex fhrte in den Jahren von 802 bis 839 seinen Staat zur Hegemonie. b) Das frnkische Knigreich. Der feste Kern2 Wir betrachten nunmehr das kontinentale Europa. Von all den barbarischen Knigreichen, die sich im Laufe des 5. Jahrhunderts bis zum 6. Jahrhundert hin innerhalb der westlichen Territorien des rmischen Kaiserreiches gebildet hatten, gab es im Jahre 751 nur noch ein einziges: den frnkischen Staat. Dieser besa keineswegs automatisch die Vorherrschaft. In Italien war ein ganz anderes Knigreich entstanden und hatte sich mchtig entwickelt: der Staat der Langobarden.3 Die Knige dieses Staates Aistulf (gest. 756) und danach Desiderius verfolgten das Ziel, Italien unter ihrem Zepter zu

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einigen. Aber Pavia, die Hauptstadt des Langobardenreiches, wurde spter im Jahre 774 nach langer Belagerung eingenommen, und noch im gleichen Jahre wurde Karl der Groe Knig der Langobarden. Man darf sich indessen die Herrschaft der Franken in Westeuropa nicht so vorstellen, da das Abendland nunmehr in einem groen, strukturell gleichartigen und zusammenhngenden Imperium zusammengefat war, das durch gelassene Festigkeit seinen Vlkern Sicherheit bot. In Wirklichkeit mu man eher an einen etwas lockeren Staatsorganismus denken, der zwar einen starken Kern besa, aber zum Rande hin immer schwcher wurde. Jenseits der Grenzen dieses Staates drngten sich zudem Feinde, die ihn bedrohten.

Abb. 1: Das Reich Karls des Groen

Von der Loire bis zum Rhein erstreckte sich das Gebiet der Francia4 : der schon frher von den Franken in ungleicher Dichte besiedelte Raum, der aufgrund der frnkischen Herrschaft das Herz und den festen Kern des Staates bildete. Das Karolingerreich war in erster Linie ein frnkischer Staat, waren doch in ihm die Franken ein bevorrechtetes und zugleich das am strksten mit der Dynastie verbundene Volk. Die anderen Vlker haben auf den Herrschaftsanspruch des Karolingerreiches sehr verschiedenartig reagiert.5 Beispielsweise unterwarfen sich die Alamannen, deren Territorium im westlichen dem spteren Herzogtum Schwaben entsprach, der karolingischen Macht in solchem Mae, da man sie als

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einen Bestandteil des festen Kerns des Karolingerreiches ansehen kann. Das gleiche kann man von Burgund sagen, dessen Gebiet sich nicht mit dem der gegenwrtigen franzsischen Bourgogne deckte, sondern bis zu den Alpen reichte und ein Territorium war, in dem die heutige Bourgogne nur den nordwestlichen Winkel bildet. c) Sachsen Obwohl dies paradox erscheint, mu man feststellen, da auch Sachsen zu diesem festen Kern gehrte. In der Zeit, von der wir sprechen, umfate Sachsen ganz Norddeutschland zwischen Ems, Nordsee, Elbe und Saale. Die Sdgrenze des Gebietes entsprach einer Linie, die nrdlich der Sieg begann, zu einem Punkt sdlich des Zusammenflusses von Werra und Fulda fhrte und schlielich lngs der unteren Unstrut verlief. Im Nordosten ging die Grenze Sachsens ber die Elbe hinaus, war doch das Gebiet des gegenwrtigen Holstein ein Bestandteil des Landes. Das mchtige und tapfere Volk der Sachsen setzte sich aus verschiedenen Stmmen zusammen: Westfalen, Ostfalen und Engern (ein Reitervolk, das sich an der Weser niedergelassen hatte). Im uersten Norden des Landes gab es zwei autonome schsische Gebiete: Wihmuodi und Nordalbingien. Die Sachsen, schon vor der Zeit Karls des Groen in einem lockeren und rechtlich verschwommenen Sinne den Franken tributpflichtig, empfanden sich als faktisch