Der Komplex Riese

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    03-Jan-2017
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    Der Komplex Riese Fhrt man heute vom schlesischen Schweidnitz Richtung Eulenge-birge kommt man an mehreren Orten vorbei, die alle Teil eines groen Bauvorhabens waren. Auf den ersten Blick jedoch schei-nen sie in keinem Zusammenhang zu stehen. Einige der Orte sind explizit als Sehenswrdigkeit gekennzeichnet. Andere verbergen sich stumm hinter Ortsnamen. Wieder andere sind erst sichtbar, wenn man gezielt nach ihnen sucht. Ziel dieser Seite ist es, eine Orientierung fr den Komplex Riese zu bieten.

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    Liebe Leserin, Lieber Leser! Die vorliegende Broschre soll Ihnen einen Rundgang durch den sogenannten Komplex Riese erleichtern. Sie finden im Folgen-den kurze Texte zu einzelnen Orten, die im Zusammenhang damit stehen. Innerhalb der Texte sind einzelne Begriffe durch kur-sive Schriftart gekennzeichnet. Unter dem Kapitel Glossar und Biographien finden Sie hierzu ausfhrlichere Informationen. Wir hoffen Ihnen somit die Einordnung der verschiedenen Orte in das Bauvorhaben Riese sowie in den zeithistorischen Kon-text zu ermglichen. Die Verfasser Gefrdert durch die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft und die Robert Bosch Stiftung.

    Diese Broschre entstand im Rahmen eines Projektes der Geschichts-werkstatt Europader Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft Projektteilnehmer: Annemarie Franke - Leiterin der Stifung Kreisau fr Europische Verstndigung; Charlotte Veit - Programmkoordinati-on; Ulrike Ernst - Programmkoordination; Renata Kobylarz - wiss. Mitarbeiterin im Museum fr Kriegsgefangene Lambinowice-Opole; Mari-usz Zajaczkowski - Mitarbeiter des Instituts des Nationalen Gedcht-nisses (IPN), Lublin; Monika Szurlej - Mitarbeiterin der Stiftung Kreisau fr Europische Verstndigung; Johanna Grtzbauch - Mitar-beiterin der Gedenksttte KZ Mittelbau-Dora.RUNDGANG Der Komplex Riese Zwischen 1943 und 1945 fanden im niederschlesischen Eulen-gebirge, Teil des Riesenge-

    birges, Bauarbeiten an mehre-ren Stollenanlagen statt. Die Nutzung dieser Anlagen ist bis heute nicht eindeutig zu klren. Deutsche Quellen wei-sen darauf hin, dass ber ei-

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    ne Flche von 35 km2 eine un-terirdische Schutzanlage ent-stehen sollte. Mittelpunkt dieser Anlage sollte eines von 20 Fhrerhauptquartieren fr Adolf Hitler werden. Au-erdem war geplant, die mili-trische Fhrung sowie In-dustrieanlagen dort unterzu-bringen. Die Bauarbeiten wur-den von Zwangsarbeitern und Hftlingen aus Konzentrati-onslagern verrichtet. In die-sem Fall kamen sie aus dem KZ Gro-Rosen. Sie waren in Au-enlagern, genannt AL Rie-se, in unmittelbarer Umge-bung zu den Stollen und ande-ren Baustellen, die im Zusam-menhang mit dem Komplex Rie-se standen, untergebracht. Die Auenlager Wstegiersdorf/Gluszyca, Drnhau/Kolce, Oberwstegiersdorf/Gluszyca Gorna, Wstewaltersdorf/Walim In den 4 groen Auenlagern Wstegiersdorf, Drnau, Ober-wstegiersdorf, Wstewalters-dorf waren ein Groteil der Hftlinge untergebracht, die fr den Bau von Riese Zwangsarbeit leisten mussten. In den 4 Ortschaften brachte man die Hftlinge in bereits bestehenden Fabrikgebuden unter. Dadurch ergaben sich gegen-seitige Sichtbarkeiten zwi-schen Hftlingen und Bewoh-nern der Orte, was sehr ein-drucksvoll in der Erinnerung einer Bewohnerin Wstegiers-dorfs geschildert wird. Die geografische Besonderheit Schlesiens ist die Zugehrig-keit zu den ehemaligen deut-schen Ostgebieten, deren Be-wohner nach dem Krieg aus der Region weitgehend vertrieben wurden. Durch die Zwangsum-siedlung ostpolnischer Bewoh-ner nach Schlesien leben heute vor Ort praktisch keine Zeitzeugen der Kriegsjahre, die sich ber die Geschehnis-

    se im Zusammenhang mit dem Bau Riese uern knn-ten.Die Ausnahme bilden ber-lebende polnische Hftlinge, die in Niederschlesien geblieben sind. Schloss Frstenstein und Schloss Bad Charlottenbrunn Sowohl Schloss Frsten-stein/Zamek Ksiaz als auch das Schloss Bad Charlot-tenbrunn/Jedlina Zdroj sind bis heute sehenswerte Bauwer-ke, die immer mehr touris-tisch erschlossen werden. Seit 1944 waren dort die fr den Bau verantwortliche Orga-nisation Todt (OT) und der Bauleiter Xaver Dorsch unter-gebracht. Die von Fritz Todt gegrndete Organisation wurde von Albert Speer fr die Um-setzung seiner Plne beauf-tragt, nachdem die zuvor be-auftragte Schlesische In-dustriegemeinschaft AG nicht effektiv genug gearbeitet hatte. Schloss Frstenstein sollte im Rahmen des Bauvor-habens zudem als reprsenta-tiver Fhrersitz dienen. Die Stollen Bekannt sind heute sieben Stollen im Eulengebirge, die dem Komplex Riese zugeord-net werden. Sie befinden sich bei Dorfbach/Rzeczka, Ober-dorf/Jugowice, Wolfs-berg/Wlodarz, Ramen-berg/Soboul, Falken-berg/Sokolec, auf den Sufer-hhen/Osowka und beim Schloss Frstenstein/Zamek Skiaz. Die Stollen haben alle einen hn-lichen Aufbau, der dem ande-rer Stollensysteme fr Fh-rerhauptquartiere entspricht. Die unterirdische Anlage bei Dorfbach umfasste 2500 m2 und war bereits zu 15% betoniert. Sie verfgte ber drei Ein-gnge. Die Stollen bei Obers-dorf wurden nur 500 m ausge-baut. Die Stollen auf den

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    Suferhhen waren bereits weiter voran geschritten: insgesamt wurden 1700 m in Form von zwei Lngs- und vier Querstollen vorangetrieben. Auerdem verfgt die Anlage bereits ber einen Aufzug-schacht, der zu den darber liegenden Gebuden im Wald fhrt. Die Stollen bei Ramen-berg haben drei Zugnge und eine Lnge von 700m. Auch in ihrem unmittelbaren Umfeld war mit dem Bau von berirdi-schen Gebuden begonnen wor-den. Zu drei der Stollenkomplexe hat man Zugang, da sie von privaten Betreibern touris-tisch genutzt werden: Wolfs-berg, Suferhhen und Walim. Betritt man die Stollen, wird die Dimension dieses unrea-listischen Bauvorhabens deut-lich. Es ist nur ein Beispiel fr nationalsozialistischen Grenwahn. Das Casino Die Spuren des Casinos im Wald in der unmittelbaren Um-gebung des Stollens Wolfs-berg/Wlodarz, sind ein deut-licher Hinweis auf die mili-trische Fhrung des AL Rie-se, die dort ihren Speise-saal hatte. Trotz dieser expliziten Zu-ordnung reihen sich diese Spuren im Wald in ein mysti-sches Konstrukt ber mgliche Nuztungsweisen der Stollen, Verschwrungstheorien, Legen-den und Mythen um den Kom-plex Riese ein. Die Aufrechterhaltung dieser Mythen dient vor allem der Vermarktung jeglicher touris-tischer Angebote in den Stol-len.

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    GLOSSAR

    Die Auenlager vom KZ Gro-Rosen Das System der Auenlager von Gro-Rosen begannen die Nati-onalsozialisten seit 1942 auszubauen. Damals entstand das erste Arbeitslager Bres-lau-Lissa. Der weitere Ausbau begann 1944. Einfluss darauf hatte der Mangel an Arbeits-krften in der niederschlesi-schen Industrie, der durch den Einzug neuer Jahrgnge deutscher Brger zur Armee und durch die Verlegung der Rstungsindustrieanlagen nach Niederschlesien auftrat. E-benfalls unter der Leitung der Kommandantur von Gro-Rosen befanden sich die Zwangsarbeitslager fr Juden, die von der Organisation Schmelt bernommen wurden. Insgesamt entstanden in Nie-derschlesien, in den Sudeten und im Laubaner Land etwa 100 Auenlager, die man in unmit-telbarer Nhe zur Rstungsin-dustrie ansiedelte. Zu den grten Auenlagern gehrten: AL Fnfteichen, 4 Lager in Breslau, AL Dyhenfurth, AL Landeshut und das AL Riese. Folgende Unternehmen nutzen unter anderen die Arbeits-krfte der Auenlager: ein Chemiebetrieb in Dyhenfurth (nach dem Krieg Chemiebetrie-be Rokita in Brzeg Dolny), ein Rstungsbetrieb in Fnf-teichen (nach dem Krieg Auto-werke Jelcz in Laskowice) und die Fabrik FAMO in Breslau, die u.a. Flugmotoren und Militrwagen herstellte (nach dem Krieg Dolmel in Wrocaw). Die Auenlager wa-ren in drei Kategorien einge-teilt: weibliche, jdische Hftlinge aus Polen und Un-garn, mnnliche und weibliche Hftlinge und reine Mnnerla-ger. Die Frauen brachte man in Auenlagern unter, wo sie, hnlich wie die Mnner, in

    der Rstungsindustrie und in Textilfabriken arbeiteten. Gegen Kriegsende wurden sie ebenfalls fr den Bau von Panzersperren und Schtzen-graben eingesetzt. Das Auenlager Riese Das AL Riese des KZ Gro-Rosen setzte sich aus 4 gro-en und 12 kleineren Lagern zusammen. Sie waren von der OT verwaltet, da alle dort untergebrachten Hftlinge fr den Bau des Riese-Komplexes eingeteilt waren. Man geht davon aus, dass zwischen 1943 und 1945 insgesamt 13.300 Hftlinge in den Lagern un-tergebracht waren, die insge-samt von 853 Mnnern bewacht wurden. Diese wiederum unter-standen sieben Wehrmachtsof-fizieren, die wiederum von dem SS-Hauptsturmfhrer Karl Beblo befehligt wurden. Lei-ter der Verwaltung war SS-Obersturmfhrer Albert Ltke-meyer. Lagerarzt war Dr. Heinrich Rindfleisch, dem wiederum 63 Hftlingsrzte und 56 Hftlingssanitter zu-geteilt waren. Ab Herbst 1944 arbeitete er in dem dann ein-gerichteten zentralen Kran-kenrevier in Drnau. Nachweislich starben hier 3648 Hftlinge an Krankheiten und Entkrftung, die Folge der schlechten Lagerbedingun-gen, Mangelernhrung, schwe-rer krperlicher Arbeit und Misshandlungen waren. Eben-falls dokumentiert sind De-portationen von 857 entkrf-teten Hftlingen nach Ausch-witz und 14 gezielte Exekuti-onen aufgrund von Fluchtver-suchen. Mit Nherrcken der Roten Armee wurden die Lager evakuiert. Bis zu 9000 Hft-linge wurden ber Trautenau nach Flossenbrg, Bergen-Belsen und in das Mauthause-ner Auenlager Ebensee ber-

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    fhrt. Mehrere Tausend blie-ben zurck und wurden von der Roten Armee befreit. Auch nach der Befreiung starben viele an den Folgen des La-geraufenthaltes, so dass man von einer Zahl von 5000 To-desopfern im Zusammenhang mit dem Komplex Riese ausgehen muss. Einzelne Lager des AL Rie-se: In Wstegiersdorf/Tannhausen war das erste Lager des AL Riese. Die bis zu 2000 Hft-linge waren in einem dreige-schossigen Fabrikgebude un-tergebracht, das mit Stachel-draht umgeben war. Bewacht wurden die Hftlinge von 75 Mnnern. Die meisten Hftlin-ge wurden fr den Stollen-bau und den Bau von Gleisan-lagen fr Ramenberg und die Suferhhen e