Design ohne Designer - Joachim ... wissenscHaftlicHe arBeit: design oHne designer vorwort 07 01...

download Design ohne Designer - Joachim ... wissenscHaftlicHe arBeit: design oHne designer vorwort 07 01 einleitung

of 122

  • date post

    26-Sep-2020
  • Category

    Documents

  • view

    0
  • download

    0

Embed Size (px)

Transcript of Design ohne Designer - Joachim ... wissenscHaftlicHe arBeit: design oHne designer vorwort 07 01...

  • Design ohne Designer Die Kreativität des Laien

    in der gestaltung ellwangens

  • MHMK

    MacroMedia HocHscHule für Medien und KoMMuniKation

    BacHelorarBeit Zur erlangung des aKadeMiscHen grades

    BacHelor of arts

    design oHne designer die Kreativität des laien in der gestaltung ellwangens

    studiengang digitale MedienproduKtion facHricHtung Mediendesign

    prüfer: prof. dr. Mona MaHall

    vorgelegt von JoacHiM roscHKa Matr.-nr.: s-23863

    studiengang digitale MedienproduKtion facHricHtung Mediendesign

    stuttgart, iM Juli 2011

  • 04

    inHaltsverZeicHnis wissenscHaftlicHe arBeit: design oHne designer

    vorwort 07

    01 einleitung 08

    02 aMateur und profi: eine definition 14

    03 design iM alltag 17

    04 (alltags-) ästHetiK 20

    05 aMateure: die designer des alltags 22

    05.1 KoMMuniKations- und grafiKdesign 24

    05.2 arcHiteKtur / interior 28

    05.3 das weB 33

    05.3.1 der Kunde als werBer 49

    05.3.2 ecHtes HandwerK und das netZ 55

    06 cHancen & risiKen für das design durcH die partiZipation der aMateure 57

    07 aMateure als Billige arBeitsKräfte? 60

    08 inspiration und lernMöglicHKeit: wer profitiert von weM? 64

    09 aMateurdesign: ein faZit 69

    literaturverZeicHnis 115

    aBBildungsverZeicHnis 119

    eidesstattlicHe erKlärung 125

  • 05

    praKtiscHe arBeit: der ellwanger spelunKenfüHrer

    01 operative idee 76

    02 vorgescHicHte 77

    03 was unterscHeidet den neuen voM «ur-spelunKenfüHrer»? 78

    04 allgeMeiner Zeitplan 80

    05 ZielforMulierung 82

    06 ZielgruppenforMulierung und verMarKtungsMöglicHKeit 83

    07 logogestaltung 84

    08 layout 86

    09 Bildwelten 90

    10 typografie 92

    11 gestaltungsraster 94

    12 gutscHeine 96

    13 piKtograMMe 97

    14 speiseKarten 98

    15 Qr-codes 99

    16 screensHots 100

    17 üBersicHtsKarte 104

    18 drucK 105

    19 online-portal 106

    20 reflexion 112

  • 06

  • 07

    vorwort Design umgibt uns, es definiert unseren Alltag. Dabei denken die meisten oft an komplexe Architektur, an das CI von Firmen und Konzernen, an Filme und Inter- netclips, an Plakate, Flyer und Mgazinseiten oder an das Interior Design von Ge- schäften, Clubs oder Bars. Ein Großteil der Gestaltung wird jedoch von Amateu- ren geprägt, die in ihrer freien Zeit Unglaubliches schaffen können. Ihr Antrieb: die Leidenschaft am Ausprobieren, die Freude am Basteln oder der Wunsch, der eigenen Kreativität Ausdruck zu verleihen. In der hier vorliegenden Bachelorarbeit möchte ich auf die unterschiedlichen Bereiche des Designs eingehen und zeigen, wie Amateure in jeder Disziplin be- eindruckende gestalterische Leistungen vollbringen, was ihr Antrieb ist, in wel- chen Punkten sich ihre von profesionellen Arbeiten unterscheiden, wie sich beide Parteien gegenseitig inspirieren und wie sie voneinander lernen, bzw. profitieren können. Mein Fokus liegt dabei auf der Gestaltung von Bars, Kneipen und Res- taurants, in denen wie in fast keinem anderen öffentlichen Raum die Kreativität von Laien in vielen verschiedenen Facetten so gut zum Ausdruck gebracht werden kann. Dies beginnt bei der Gestaltung des eigenen Logos und der Speisekarte, der Dekoration in der Gaststube und reicht bis hin zum Auftritt im Internet.

    Im praktischen Teil beleuchte ich konkret die Kneipenszene in der Kreisstadt Ell- wangen (Jagst). Vor einigen Jahren gestaltete ich zusammen mit Christian Rupp, einem sehr guten Freund, eine Art Kneipenführer durch das Ellwanger Nachtle- ben. In diesem «Spelunkenführer» versuchten wir alle Bars, Kneipen und Res- taurants aufzulisten und unter Einbezug verschiedener Bewertungskriterien einen subjektiven Eindruck der Lokalitäten zu geben. Dies alles passierte vor meinem Designstudium und ist damit im Grunde auch eine ähnliche Amateurleistung, wie ich sie in dieser Arbeit untersuche. Ergebnis meiner Arbeit ist ein von Grund auf neu definierter «Ellwanger Spelun- kenführer», in dem ich in erster Linie das Besondere und Einzigartige der Knei- pen, Cafés, Bistros, Imbissen, Bars, Wirtshäuser und Restaurants hervorheben und präsentieren möchte. Der Betrachter soll einen Eindruck der kreativen Indi- vidualität und der unglaublichen Details bekommen, die man sonst beim Besuch einer Lokalität nur unterbewusst oder gar nicht wahrnimmt. Auch wenn ich fast jede dieser «Spelunken» bereits kannte war ich überrascht von dem, was ich dort alles sehen und erleben konnte.

  • 08

    01einleitung Unser Alltag ist bis ins kleinste Detail durchgestaltet. Angefangen bei der Kaffee- tasse am Morgen über den Stuhl, auf dem wir den Kaffee genießen, bis hin zum Teller, von dem wir unser Brötchen essen. Wir erwarten geradezu, dass unsere Umgebung und alles, was wir sehen oder anfassen, von Profis designt, entwickelt und produziert wird. Bewegt man sich am Wochenende durch das Nachtleben einer Stadt, so reiht sich eine Kneipe, ein Club und ein Restaurant mit einem ganz speziell auf das gewünschte Publikum entwickelten und durchdesignten Konzept an das andere. Die Mühe und das fachliche Können der Innenarchitekten, Grafi- ker, Maler und Designer ist zweifellos nicht zu übersehen und die Wirkung, die von Architektur, Einrichtung und Licht ausgeht, kann geradezu magisch anzie- hend sein. Aber dennoch sind diese Lokalitäten letztendlich Orte, die auf Basis ei- nes von Profis entwickelten Konzepts künstlich aus dem Boden gestampft wurden.

    Dabei stellt sich jedoch die Frage, sind wir nicht an einem Punkt angekommen, wo die kleinen Dinge des Alltags, wo Laienhaftigkeit und der oft zitierte Mut zum schlechten Geschmack, oder Details, die interessante Informationen über den Besitzer eines Lokals, seine Herkunft, seinen persönlichen Geschmack und seine Gäste geben, uns als Betrachter viel mehr beeindrucken können als die gerad- linigen, professionell gestalteten Clubs, Kneipen und Restaurants. Gerade durch diese individuellen Details, das Amateurhafte oder das Volkstümliche werden diese Stadtviertel, Plätze oder Regionen zu dem, was sie sind: einzigartig. Denn sie besitzen eine ganz persönliche Note und repräsentieren dadurch einen indi- viduellen und einmaligen Stil. Erkennbar ist dies u.a. an der Art und Weise, wie sich Menschen kleiden, die Häuser und Gärten dekorieren, ihre Umwelt gestalten oder sich verhalten.1

    Sicher, es ist angesagt sich, in stylischen Bars zu tummeln, in futuristischen Clubs zur Musik von morgen zu tanzen oder die Molekularküche und abgefahrene Kre- ationen von aufstrebenden Jungköchen in Szenerestaurants zu probieren. Aber all das hat man irgendwo schon einmal gesehen, erlebt, gefühlt, gerochen und geschmeckt. Besitzt man ein Auge für Details, so findet man sowohl in den jun- gen stylischen Etablissements, wie auch in der vom Inhaber geführten Kneipe um die Ecke, mit einer von Cliparts und typografischen Anzüglichkeiten überfüllten Speisekarte Dinge, die einen zum schmunzeln bringen, aber gleichermaßen auch

    1 vgl. alexander, sturdevant, Jackson; 2011; s. 18

  • 09

    beeindrucken und inspirieren können. Das Design ist in den meisten dieser Fälle keineswegs unbeabsichtigt, sondern in all seinen Facetten vom Urheber genauso gewollt wie es präsentiert wird. Es gibt nur einen kleinen, aber ausschlaggeben- den Unterschied: es wurde nicht von Profis, sondern von Laien konzipiert und umgesetzt.

    Der französische Ethnologe und Anthropologe Claude Lévi Strauss2 unterstrich, dass sich der Laie nicht mit weniger Motivation oder Vernunft bei der Umsetzung eines Ziels engagiere als ein Profi. Beide haben lediglich einen anderen kulturel- len, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Hintergrund, den sie ihrem Wissen und ihrer Fähigkeiten entsprechend einsetzen. Dabei dürfe die „Bastelei“ eines Amateurs auf keinen Fall als „mindere Qualität“ abgetan werden, da für beide eine andere Sichtweise und Grundkenntnis notwendig sei. Während ein Bastler mit dem auskommt, was er in seiner Umwelt findet, diese neu arrangiert und dadurch gelegentlich ebenso „glänzende wie unvorhergesehene Ergebnisse“3 her- vorbringt, versucht der Profi oder „Ingenieur“ stets auf Basis seines Wissens und seiner Fähigkeiten neue technische Innovationen zu schaffen, um „jene Zwänge abzustreifen, die ihm seine Zivilisation auferlegt hat.“4 Der Laie, der kein fundiertes Wissen über Ästhetik5, Gestaltung, Geschichte und Wirkung von Design haben kann, mache dies in der Regel, wenn auch unbewusst, mit viel Liebe zum Detail, sammelt Nippes und produziert Sachen, die ein Profi aufgrund seiner spezifischen

    2 claude lévi strauss (geb. 1908) war französischer ethnologe und gilt als gründer der philosophischen schule des struk- turalismus. in seinen arbeiten übertrug er die strukturale sprachwissenschaft roman Jakobsons auf sein fachgebiet und begründete die strukturale anthropologie (lehre vom Menschen). Mit seinen Büchern beeinflusste er neben der anthropologie, der Mythen- und religionsforschung auch die neuere philosophie und geschichtswissenschaft. er hatte einen lehrstuhl für soziologie im brasilianischen sao paulo inne und unternahm mehrere expeditionen durch das amazonas-gebiet, wo er feldforschung mit indianern betrieb. später lehrte er an der new york school of social research in new york und arbeitete zuletzt als philosophieprofessor. claude lévi strauss starb am 28. november 2009 im alter von 101 Jahren. (Quelle: spiegel-online, Kulturphilosophie; claude lévi s