DEUTSCHLANDFUNK Hintergrund Kultur / Hأ¶rspiel Feature ... ... CD: Valeri Scherstjanoi: will keine...

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  • DEUTSCHLANDFUNK Hintergrund Kultur / Hörspiel Redaktion: Sabine Küchler Feature Der Eremit im Zentrum Kunst und Leben bei Carlfriedrich Claus Von Joachim Büthe Sprecher 1: Sprecher 2:

    REGIE: Axel Pleuser

    Urheberrechtlicher HinweisUrheberrechtlicher HinweisUrheberrechtlicher HinweisUrheberrechtlicher Hinweis Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Die Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 44a bis 63a Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig.

    ©

    - unkorrigiertes Exemplar - Sendung: Freitag, 8. April 2011, 20:10 - 21:00 Uhr

  • CD (Claus-Archiv Inv.-Nr.25): Stimme von Claus, Regengeräusche,

    kurz stehen lassen, dann unter dem folgenden weiterlaufen lassen

    O-Ton (Scherstjanoi): Nichts da, kein Schild, nur links ist eine Klingel.

    Ich habe geguckt, die Wohnung ist so halb im Keller, die Fenster voller

    Staub. Man hat geheizt mit Briketts, Rekord hießen die, Gestank und

    natürlich alles dreckig. Die Fenster sahen so aus als ob man sie schon

    seit zig Jahren nicht aufgemacht hatte. Ich habe geklingelt. Es klingelt

    und dann geht die Tür auf, Schritte, Carlfriedrich Claus steht vor mit und

    guckt mich an, und diese Geste werde ich nie vergessen: Ja, kommen

    Sie! Kommen Sie!

    Der Eremit im Zentrum

    Kunst und Leben bei Carlfriedrich Claus

    Ein Feature von Joachim Büthe

    O-Ton (Milde): Da wo Carlfriedrich Claus war, da war ein Zentrum. Man

    kann schon sagen in frühen Ausstellungen, wo er vertreten war, da

    versammelte sich Publikum, da versammelte sich ein bestimmter

    Interessentenkreis. Er war nicht nur postalisch vernetzt, sondern er hatte

    eine Sogwirkung, die das zum Zentrum machte, wo er beziehungsweise

    sein Werk präsent war.

  • Spr.2: Künstlerische Ausbildung habe ich nicht, wollte ich nicht haben.

    Ich fasse mich auch nicht als "Künstler" auf, eher als Existenz-

    Experimentator, als black box, mit verschiedenen Ein- und Ausgängen,

    als Experiment aus Experimenten, Frage - Information -: eben:

    vorversuchende, experimentelle Existenz in experimenteller Arbeit.

    CD (Claus-Archiv Nr. 10) Anfang, dann im Hintergrund

    Spr.1: Diese schon fast tautologische Selbstbeschreibung, die keinen

    Unterschied macht zwischen Arbeit und Leben innerhalb des

    allumfassenden Experiments, findet sich in einem Brief an den Fluxus-

    Künstler Dick Higgins aus dem Jahr 1967. Carlfriedrich Claus, der Nicht-

    Künstler ist alles auf einmal: Literat, Bildender Künstler, Philosoph.

    Entsprechend breit gefächert ist seine Korrespondenz. Zu seinen

    Briefpartnern und -freunden gehören der Philosoph Ernst Bloch, die

    Künstler Bernard Schultze, Hans Arp und Raoul Hausmann, nicht zuletzt

    der Schriftsteller Franz Mon und viele andere. In seinem Nachlass

    fanden sich über 22 000 Briefe. 1960 gibt Franz Mon die bahnbrechende

    Anthologie movens heraus. Mit ihr, so der Literaturwissenschaftler

    Friedrich W. Block, meldet sich Mitteleuropa auf der Höhe des

    internationalen Kunstgeschehens zurück. Der DDR-Bürger Carlfriedrich

    Claus ist in ihr vertreten.

  • CD: Elisabeth Schimana & International Theremin Orchestra: 2. Stück

    (im Hintergrund)

    O-Ton (Block): Ich denke, dass bei Movens zweierlei angelegt ist und

    zwar spartenübergreifend auf alle Künste, die ja in dem Band von 1960

    auch vertreten sind. Und zwar einmal die Beweglichkeit des Materials,

    mit dem man versuchend experimentell umgeht. Das betrifft natürlich im

    wesentlichen das Sprachmaterial, das Zeichensystem, die

    Verknüpfungsmöglichkeiten, den Sprachgebrauch. Das ist eine Ebene,

    weg von allen Formen der Geschlossenheit, des Statischen hin zu

    Aspekten der Beweglichkeit im Sprachmaterial. Die zweite Ebene ist

    noch eine tiefer liegende oder tiefgründigere, nämlich die Performanz

    der Herstellungs- und Bearbeitungsprozesse selbst. Da steht jemand

    wie Carlfriedrich Claus wie kaum ein anderer dafür, nicht nur auf die

    Beweglichkeit von Letternfeldern, von Handschrift oder Artikulation zu

    setzen, sondern in der Beweglichkeit der Prozesse selbst beobachtend

    drin zu sein. Und diese Form von hochkonzentrierter und überaus

    differenzierter Selbstbeobachtung als künstlerisches Verfahren oder

    Vorhaben, das würde ich im Bereich von Prozess als Performanz

    ansiedeln.

  • O-Ton (Claus): Segmente, Themen, Gedanken, wechselnde Luft.

    Segmente, Themen, Gedanken, wechselnde Luffft...

    Spr.1: Der Beitrag der DDR zur internationalen Avantgarde war in der

    DDR nicht willkommen und zunächst im westlichen Ausland bekannter

    als daheim. Claus war politisch isoliert, aber seine Einsiedelei war auch

    selbstgewählt: ausschließliche Konzentration auf sein experimentelles

    Leben und Arbeiten. Erst ab Mitte der siebziger Jahre sind Ausschnitte

    seines Werks gelegentlich zu sehen, zum Beispiel in Chemnitz

    beziehungsweise Karl-Marx-Stadt. Für den Lautpoeten Valeri

    Scherstjanoi war es eine einschneidende Begegnung.

    CD: Valeri Scherstjanoi: will keine worte (von seiner Homepage), kurz

    freistehend, dann im Hintergrund

    O-Ton (Scherstjanoi): Ich bin 1979 in die DDR gekommen und meine

    erste Lebensstation war das Erzgebirge. Meine Ehefrau stammte aus

    Aue, Sachsen. Wir mussten einige Zeit warten, bis sie in Berlin eine

    Arbeitsstelle bekommen hat. Ich hatte ein Lebensziel gehabt. Ich wusste

    zwar nicht, was macht ein in der Sowjetunion ausgebildeter

    Deutschlehrer hier beruflich, aber ich hatte keine Begabung, Pädagoge

    zu sein. Und dann noch diese pseudokommunistische Ideologie, sowohl

    in der Sowjetunion als auch in der DDR. Ich beschäftige mich seit

    meinem 18. Lebensjahr mit der Geschichte des russischen Futurismus,

  • mit der ganzen Geschichte der russischen Avantgarde bis zum

    Dadaismus und zum italienischen Futurismus usw. Den Dadaismus und

    den italienischen Futurismus konnte ich nur in der DDR, da waren wir

    schon näher am Westen, kennen lernen. 1980, ich musste mich

    polizeilich melden im sowjetischen Konsulat in Karl-Marx-Stadt, ich bin

    an der Galerie Oben vorbeigegangen, und das war die erste

    Ausstellung, die ich überhaupt hier gesehen habe. Das waren die

    Sprachblätter von Carlfriedrich Claus. Ich war darauf überhaupt nicht

    vorbereitet. Ich habe mich sehr gewundert, erstens dass die Bilder, was

    heißt die Bilder?, waren teilweise lesbar. Die Schriftzüge waren nicht nur

    auf Deutsch, es waren Hieroglyphen, hebräische Schrift zu lesen, ab

    und zu etwas auf Russisch. Es gab für mich den visuellen Eindruck, ja,

    das ist abstrakte Kunst und das in der DDR so etwas ausgestellt wird!

    Das war sensationell für mich. Ich war hochbegeistert und habe die

    Mitarbeiterin gefragt, von wem stammen die Bilder? Sie sagte nein, das

    sind Sprachblätter, und der Künstler heißt Carlfriedrich Claus und er

    wohnt in Annaberg-Buchholz.

    Spr.1: Sprachblätter, keine Zeichnungen, sondern aus der Handschrift

    sich entwickelnde Strukturen, die gleichwohl figurative Elemente

    enthalten können, häufig sind es Augen. Blätter, die aus der intensiven

    Beschäftigung mit einem Thema entstanden sind, jedoch, obwohl Claus

    auf ihrer Lesbarkeit bestanden hat, nicht im herkömmlichen Sinn zu

    entziffern sind. Selbst den besten Dechiffrierexperten der Stasi, die hier

    Nachrichten an den Klassenfeind witterte, ist es nicht gelungen. Auch

    der Schriftsteller Michael Lentz hat es versucht.

    CD: Claus-Archiv Nr.10, ab Min. 26, im Hintergrund

    O-Ton (Lentz): Also wenn die Sachen vergrößert, es gibt ja auch

    Vergrößerungen, wenn man das Paracelsus-Zitat sucht und dann

  • tatsächlich bei ihm findet oder andere Zitate, Ernst Bloch zum Beispiel,

    das lässt vermuten, dass man auch den Rest lesen kann. Es gibt

    allerdings bei ihm eine Schreibbewegung, die die Gestaltbildung der

    Lettern wiederum so entfaltet, dass es in die bloße Lineatur übergeht.

    Aber selbst die Lineatur bei Claus hat diesen Schriftzug komplementär

    drin. Das tendiert nicht zur Graphur oder zu geometrischen

    ornamentalen Figurationen, sondern es tendiert immer zur Schrift. Selbst

    das Unleserliche oder das bewusst unleserlich Machen ist ja ein Akt

    nicht der Entschriftlichung, sondern Schrift wieder in die Latenz

    zurückdrücken, auch das eine Bewusstseinstätigkeit im Schlaf.

    O-Ton (Claus): Was für mich immer wieder eine erregende und

    abenteuerliche Sache ist das Erfahren von elementaren Naturgewalten

    im Körper und in der Psyche, wenn man die natürliche Sprache verlässt

    und sich total auf die Bewegungen der Artikulationsorgane einlässt.

    Welten, die in jedem von uns aktiv sind, nur eben verdrängt von der

    Bewusstseinstätigkeit im Wachen.

    CD (Claus-Archiv nr.10): wie zuvor

    Spr.1: Bewusstseinstätigkeit im Schlaf ist eine von Carlfriedrich Claus