Die Einforstung und der Kampf um die „freie Pürsch“ im Fürstentum Hohenzollern-Hechingen

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  • Z. Jagdwiss. 42 (1996), 293-307 1996, Blackwell Wissenschafts-Verlag, Berlin ISSN 0044-2887

    Die Einforstung und der Kampf um die ,,freie Piirsch" im Fiirstentum Hohenzollern-Hechingen

    Von H.-K. SCHULER, Rottenburg

    1 Einleitung

    Zu den ab dem 1 t. Jahrhundert als Regalien bezeichneten Hoheitsrechten des K6nigs geh6rte auch das Forstregal. Dieses bereits von den Karolingern in Anspruch genommene umfassen- de Verfiigungsrecht fiber herrenloses Aut~enland sicherte dem K6nig das MonopoI zu Rodung und Jagd. Er nutzte es als ein Instrument der Binnenkolonisation und Landesent- wicklung. Wiihrend des Mittelalters ging in Deutschland das Forstregal weitgehend auf die Territorialherrn fiber. Diese nahmen das Kernstiick des Forstregals, das Jagdregal, exzessiv auch fiir Gebiete in Anspruch, deren Grundherrn sic nicht waren. LIt, n3NER (9) hat nachge- wiesen, daft sich die Grundherrn bereits seit der Regierungszeit Ottos des Groflen die vom Forstbegriff umfaften Rechte auch auf fremdem Eigentum (ibertragen liefen. In Schwaben, wo sich nach altem Herkommen das freie Jagdrecht f/ir jedermann in regional begrenzten Freipiirschgebieten erhalten hatte, konnten dadurch schwerwiegende Interessenskonflikte zwischen den Landesherrn und ihren Untertanen nicht ausbleiben.

    M~ichtigen Landesherrn gelang es, das Jagdregal meist landesweit durchzusetzen, somit bestehende Freipiirschbezirke aufzul6sen, einzuschr~ken oder ordnend in die Freipiirschen einzugreifen. In dem 6konomisch schwachen Kleinterritorium der gefiirsteten Grafschaft Hohenzollern-Hechingen (Abb. 1) aber entwickelte sich im 17. und 18. Jahrhundert eine dramatische Auseinandersetzung zwischen den-Untertanen und ihrem Landesherrn. Sic war revolution~ir und wurde durch einen fast 100 Jahre andauernden Rechtsstreit vor den h6chsten Reichsgerichten und dem Kaiser ausgetragen. Der Prozefl ging als ..... Land und Leute verderblicher Untertanenprozef" in die deutsche Rechtsgeschichte ein (Abb. 2). Zu den Streitpunkten ziihlten die erdriickenden Fron- und Abgabelasten der Leibeigenen sowie die Einschr~inkung der agrarwirtschaftlichen Nutzungsrechte. Weit im Vordergrund aber stand der Kampf um die Erhaltung der ,,freien Piirsch".

    2 Die Begriffe ,,Forst" und ,,freie Piirsch"

    Die Herkunft des Begriffes Forst ist umstritten. Uberwiegend wird angenommen, daft er lateinischen Ursprungs ist; Iat. forsi = drautgen, aufterhalb, aus forra = T~r (7, 10). Das bedeutet: alles, was sich au8erhalb der Besiedlung und damit auch aufterhalb der Rechte Dritter befindet.

    Die Karolinger K6nige betrachten als Oberh~iupter des Reiches die herrenIosen L~nder und Gfiter als ,,forestis nostra" (unser Forst). Sie stiitzten sich dabei auf r6misch-gallisches Provinzialrecht. Wald, Heide, Odland aber auch Gew~isser und einzelne Nutzungsrechte werden so dem Rechtsbegriff Forst unterworfen. Damit k6nnen in eingeforsteten Gebieten Jagd, Fischfang, Hoizung und jede andere Art yon Nutzung nur mit Genehmigung des K6nigs oder des von ihm Beauftragten geschehen. Der K6nig nutzt das Instrument der Einforstung auch als Mittel der Territorialpolitik und 6konomischen Entwicklung, etwa zur Besiedlung durch Vergabe yon Rodungsfl~ichen oder durch Anlage von Krongiitern (dom~i- nenartige Musterbetriebe).

    1 Eingesetzt wurde ein Druckkostenzuschufl der Landesj/igerschaft Niedersachsen, fiir dessen Gew/ih- rung verbindlich gedankt wird. - Die Schriftleitung

    U.S. Copyright Clearance Center Code Statement: 0044-2887/96/4204-0293 $11.00/0

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    Abb. 1. Die Grafschaft Hechingen, ab 1623 Fiirstentum, wie sie als souver~iner Kleinstaat von 1576 bis 1850 unveriindert bestand. Die Zollerburg mit der Residenzstadt Hechingen, dem Albtrauf und dem Killertal. Dort bildetet der Landesherr anschlieflend an den Hohenberger Forst den Zollernforst und war die ,,freie Piirsch" besonders umkiimpft

    Der Rechtsakt der Einforstung schafft also den Forst als Rechtsbegriff. Einen Hohheits- bezirk mit 6ffentlich-rechtlicher Stellung, dem der K6nig als oberste Staatsgewalt, nicht als Privatmann, vorsteht und alle Nutzung reglementiert. Nicht eingeforsteter Wald heit~t ,,silva". Er ist der gemeinschaftlich genutzte Allmendewald der Ortschaften und der meist dem Adel geh6rende Privatwald.

    Der Begriff Wildbann, der im Mittelalter neben dem Begriff Forst verwendet wird, hat dieselbe Bedeutung wie Forst. Der Wortteil ,,Wild" steht fiir herrenlos, unbebaut, analog Wildnis, w~hrend ,,Bann ~ das hoheitliche Moment wiedergibt. Hier ist die Wurzel das germanische Rechtsdenken, dem die Idee des Bannes zugrunde Iiegt. Der K6nig als Hiker der gesamten Rechtsordnung ist verpflichtet, alles zu ,,barmen", was schiitzenswert ist (7, I0).

    Urkunden geben sichere Auskunft, dal~ zun~ichst nicht ausschliei~lich jagdliche Griinde fiir Einforstungen maSgebend waren, sondern iiberwiegend waren sie durch Binnenkoloni- sation und Landausbau besonders in der N~ihe k6nigl. Fiskalbezirke begriindet (2). Seit dem 8. Jahrhundert kommen Vergabungen yon ganzen Forsten z. B. an K16ster vor, aber auch die Vergabe von Einzelrechten (1 I).

    Mit dem Obergang der Krone an die Sachsenk6nige tritt die Entwicklungsgeschichte des Forstregals in eine neue Epoche ein. Neben Einforstungen der bekannten Karolinger Art kamen mehr und mehr Einforstungen aus rein jagdlicher Motivation vor. Zwar stand dem

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    KSnig ein allgemeines Eingriffs- recht auf fremdem Grund und Boden nicht zu, doch unter Nut- zung aller St~irke seiner k6nigli- chen Macht schaffte er durch In- forestationen eigentumsunab- h~ingige Gebiete, fl~ichenstaatli- che Rechtsbezirke, in denen so Privilegierte das ausschlieflliche Jagdrecht besaflen (Beispiele Salzburg, besonders auch kirchl. Gebiete). In der Zeit der Staufer (ab 1125) verlor die Wildbann- verleihung entweder ihre staats- politische Bedeutung, oder das Forstregal entglitt dem K6nig und verlagerte sich auf niederere Adelsschichten (11).

    Seit dem 12. u. 13. Jahrhun- dert betrachteten sich wohl die Ffirsten und Herren bannbe- rechtigt. Der Sachsenspiegel sagt hierzu nichts aus, der Schwaben- spiegel aber in g 236 des Land- rechts: ..... Doch hant die herren banfoerste . . . . " (6). Die Grafen, deren .~.mter schon l~ingst erblich waren, konnten dieses Bann- recht wohl noch nicht beanspru- chen. Der Zollergraf wurde erst 1623 geffirstet. Sachsen- und Schwabenspiegel halten im 13. Jahrhundert fest: Auiserhalb der Bannbezirke kann jedermann als g6ttliches Recht frei auf Tiere und V6gel jagen (2).

    Den Ausdruck ,,freie Pfirsch" leitet man vom altfr~inkischen

    PROCESSUS,

    Abb. 2. Deckblatt der fiirstlichen Originaldenkschrift von 1734, in der die Aufruhren chronologisch und tokal geordnet beschrieben und die ffirstlichen Rechtsstandpunkte er6rtert werden

    ,,birsen" her. Er begegnet uns in vietf~iltiger Form als Birse, Birsa, Gebi~, P/iris, Gepiirsch, Piirst und anderen Begriffen (5). Ffir den Bereich des r6mischen Rechts wird das Prinzip des freien Tierfanges allgemein angenommen. Die freie Aneignung durch Jagd und Fischerei hat offenbar auch Justinian, ostrSmischer Kaiser 527-565, nicht eingeschr~inkt. Nach LINDNER (9) war der freie Tierfang auch ein jagdrechtlicher Grundsatz der Germanenrechte. Ebenso kommt BERGEMANN (2) nach Auseinandersetzung mit manchen gegenteiligen Ansichten bezfiglich der Stammesgesetze der Germanen zu der Auffassung, dais im Germanenrecht der freie Tierfang gait: 1. Sei angesichts der b~iuerlichen Lebenshaltung der Germanen und der wirtschafttichen

    Verh~misse dies nahetiegend. 2. Sei es ob der Tatsache der jahrhundertelangen V61kerwanderung unwahrscheinlich, dais

    sich das Jagdrecht an ein Grundeigentum gebunden habe. 3. In den mel~sten Germanenrechten f~den sich ausf/ihrliche Abhandlungen zur Jagd. An

    keiner Stelte aber sei die Abh~ingigkeit der Jagdausiibung yore Grundeigentum erw~ihnt (allerdings auch nicht der freie Tierfang).

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    1680 schreibt der ,,Rathsconsulent" der Reichsstadt Ulm, JAKOB OTI'O, zur reichsst~idtisch freien Piirsch (5): ,,Alles Waidwerk ist freie Piirsch oder gebannt. Wo das Jagen und der Fang der wilden Tiere jedermann freigelassen, ist freie Piirsch; sie bedeutet den Bezirk und das Recht, Wo das Wild gebannt ist, ist Forst; das Forstrecht ist ein sonderbar Jus und Gerech- tigkeit auf eigenem oder eines anderen Grund und Boden das Waidwerk, und was dem weiter anhanget zu gebrauchen. Gott hat, dem menschlichen Geschlecht zum Besten und zur freien Disposition, alle wilden Tiere geschaffen, und dieselbe ihnen unterwiirfig gemacht, daft es eine freie Pfirsch sei (L Buch Moses Cap. 1, Vers 26, 28, 30; Cap. 9, Vers 2; III. Buch Moses Cap.17, Vers 13; Psalm VIII, Vers 7, 8, 9; I. Corinth. Cap. 15, Vers 27). Nach aller V61ker Rechten sind die Jagdbarkeiten aller m~inniglich frei und vergiinstiget worden" (5).

    Auf diesen g6ttlichen und naturrechtlichen Ursprung der freien Piirsch haben sich schon 1525 die Aufst{indischen des Bauernkriegs berufen. Auch in der sp~iteren Auseinanderset- zung mit ihrem Landesherrn machen sich die Untertanen Hohenzollerns unter anderem vor allem dieses Argument zu eigen.

    Der Theorie des g6ttlichen und natiirlichen Ursprungs der Freipiirschen, auch ihrer Ausiibung nach altem Herkommen, setzten die Landesherrn das ihnen fiber die Jahrhunderte zugewachsene Vorrecht des Forst- und Jagdregals entgegen. Sie k6nnten zwar das natiirliche Recht nicht aufheben, durch die Entwicklung des Eigentums und aus Griinden der 6ffentli- chen Ordnung die Jagd aber reglementieren. Das Jagdverbot sei auch zum Vorteil des gemeinen Land- u