Esoterik und Europ£¤ische Religionsgeschichte Religiosit£¤t ... Kocku von...

download Esoterik und Europ£¤ische Religionsgeschichte Religiosit£¤t ... Kocku von Stuckrad Esoterik und Europ£¤ische

of 44

  • date post

    18-Oct-2019
  • Category

    Documents

  • view

    3
  • download

    0

Embed Size (px)

Transcript of Esoterik und Europ£¤ische Religionsgeschichte Religiosit£¤t ... Kocku von...

  • M AT

    ER IA

    LD IEN

    ST Zeitschrift fürReligions- undWeltanschauungsfragen 67. Jahrgang 11/04 IS

    SN 0

    72 1-

    24 02

    H 5

    42 26

    Esoterik und Europäische Religionsgeschichte

    Religiosität, Okkultismus, Satanismus – Ergebnisse einer aktuellen Jugendstudie aus Tirol

    Die International Churches of Christ im Wandel?

    Jesus-Begeisterung auf den Straßen Berlins

    Zum Tod von Elisabeth Kübler-Ross

    Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen

    EZW, Auguststraße 80, 10117 Berlin PVSt, DP AG, Entgelt bezahlt, H 54226

    umschlag11.qxd 07.10.04 10:17 Seite 1

  • Kocku von Stuckrad Esoterik und Europäische Religionsgeschichte 403

    Peter Schulte Religiosität, Okkultismus, Satanismus Ergebnisse einer aktuellen Jugendstudie aus Tirol 417

    Hanna Münstermann Die International Churches of Christ Wie tief greifend ist der Wandlungsprozess der Bewegung? 425

    Erweckungs- und Erneuerungsbewegungen Jesus-Begeisterung auf der Straße 428

    Interreligiöser Dialog Bioethik im interreligiösen Dialog 430

    Personalia Zum Tod von Elisabeth Kübler-Ross 431

    Universelles Leben Zum neuen Magazin „Das Reich der Reichen und Schönen“ 433

    Neuheidentum Trügerischer „Heidenspass“? Das „1. Berliner Heiden- und Hexenfest“ im Spiegel interner Kritik 434

    INHALT MATERIALDIENST 11/2004

    DOKUMENTATION

    IM BLICKPUNKT

    INFORMATIONENBERICHTE

    INFORMATIONENINFORMATIONEN

    inhalt11.qxd 07.10.04 11:03 Seite 401

  • Henri Nissen Ein Gott, der Wunder tut Ein Journalist untersucht die Heilungen im Dienst von Charles Ndifon 436

    Margarethe Ruff Zauberpraktiken als Lebenshilfe Magie im Alltag vom Mittelalter bis heute 438

    INFORMATIONENBÜCHER

    inhalt11.qxd 07.10.04 11:03 Seite 402

  • 403

    „Esoterik“ ist ein Begriff, der die Öffent- lichkeit spaltet. Stehen auf der einen Seite die Anhänger der Esoterik, die häufig un- kritisch und ohne Bewusstsein für histori- sche Entwicklungslinien alles aufnehmen, was der esoterische Buchmarkt vorgibt, so scheinen sich auch die Gegner der Eso- terik mitunter kaum für die historischen Dimensionen dieses Themas zu interes- sieren. Angesichts eines solchen Streites ist es dringend notwendig, sich grundsätz- lich darüber zu einigen, was man eigent- lich unter Esoterik verstehen möchte. Denn was, so könnte man fragen, hat Tee- baumöl mit Esoterik zu tun? Oder Zen- Meditation für Manager? Oder Beckenbo- dengymnastik für Frauen? Oder die „Pro- phezeiungen der Celestine“? Oder „Ein Kurs in Wundern“? Oder indianische Vi- sionssuche im Schwarzwald? – Alle ge- nannten Stichworte bilden, mit wechseln- den Schwerpunkten, einen festen Be- standteil im Angebot von esoterischen Fachbuchhandlungen, doch mit Esoterik haben sie im Grunde wenig zu tun. Es gibt Wissenschaftler, die sich deshalb mit der Feststellung begnügen, „Esoterik“ sei schlicht das, was auf dem „Markt der Reli- gionen“ als Esoterik verkauft wird. Dass eine solche Antwort nicht genügt und am esoterischen Element Europäischer Reli- gionsgeschichte vorbei geht, hoffe ich im Folgenden zeigen zu können. Für den Begriff der Esoterik gilt wie für kaum einen anderen, dass die in den Me- dien und der Öffentlichkeit verwendeten Attribute keineswegs denen entsprechen, die in der wissenschaftlichen Forschung

    diskutiert werden. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren kristallisierte sich, von der breiteren Öffentlichkeit unbemerkt, eine akademische Forschungslandschaft heraus, die sich intensiv mit der Esoterik beschäftigt. Dabei ließen manche Wis- senschaftler frühere Konzepte hinter sich, die das Esoterische, ganz im Sinne der Be- deutung von griechisch esô bzw. esôte- rikos („Inneres“), als das Verborgene, Geheime und nur den Eingeweihten Zu- gängliche charakterisierten2. Stattdessen versuchte man, die Esoterik als eine be- stimmte Form der Welterklärung zu fas- sen, die sich in naturphilosophischen, re- ligiösen und literarischen Traditionen her- auskristallisierte. Weit davon entfernt, sie als etwas Exotisches, Marginales oder Obskures zu betrachten, sucht die neuere Forschung die Esoterik als ein Strukturele- ment der europäischen Religions- und Kulturgeschichte darzustellen, das bei der Entstehung dessen, was man gewöhnlich die „Moderne“ nennt, nicht unwesentlich beteiligt war.

    Die Esoterik in der religionswissenschaftlichen Forschung

    Schon immer gab es innerhalb und außer- halb der europäischen Christentümer Tra- ditionslinien, die sich von den etablierten religiösen Anschauungen unterschieden und nicht selten in offener Gegnerschaft zu ihnen standen. Eine Reihe von Namen wurde diesen devianten Strömungen ge- geben: Man sprach von „platonisch-her- metischem Christentum“, von „Gnosis“

    MATERIALDIENST DER EZW 9/2004

    Kocku von Stuckrad, Amsterdam

    Esoterik und Europäische Religionsgeschichte1

    IM BLICKPUNKT

    inhalt11.qxd 07.10.04 11:03 Seite 403

  • oder auch von „Mystik“, um jene konkur- rierenden Entwürfe christlicher und nicht- christlicher Weltdeutung begrifflich zu fassen. Alle diese Zuschreibungen – außer vielleicht der ersten – entstammen einem christlich-theologischen Hintergrund und dienten in früheren Jahrhunderten dazu, das vermeintlich Häretische und Mar- ginale aus dem akzeptierten Christentum auszugrenzen. Dadurch wurden die tat- sächlich vorhandenen Spannungslinien und Zusammenhänge stark verzerrt und man gewann den Eindruck, als habe „Gnosis“ wenig mit Christentum zu tun, ebenso wenig wie die „hermetischen Dis- ziplinen“ Astrologie3, Alchemie und Magie. Der Begriff der „Esoterik“ hat demge- genüber eine viel kürzere Geschichte. Das Substantiv „Esoterik“ – in der franzö- sischen Form l’ésotérisme – ist wohl zum ersten Mal im Jahre 1828 belegt, in einer Zeit also, als sich alternative religiöse Strömungen im Zuge von Aufklärung und Religionskritik bereits aus ihrem christ- lichen Umfeld herausgelöst hatten4. Im Laufe des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts etablierte sich eine Sicht- weise, die esoterische Traditionslinien jen- seits des Christentums verortete, als eine Art Subkultur, die sich in der Renaissance herausgebildet hatte und die von der herrschenden Kirche ausgegrenzt und ver- folgt wurde. Tatsächlich spielt die Frage nach dem Verhältnis von Christentum und Esoterik bis heute in der akademischen Auseinandersetzung eine entscheidende Rolle, tangiert sie doch Grundpositionen über den Charakter des so genannten „christlichen Abendlandes“ einerseits und über den Zusammenhang zwischen re- ligiöser und wissenschaftlich-rationaler Welterkenntnis andererseits. Ich werde darauf gleich ausführlicher eingehen. An dieser Stelle genügt der Hinweis, dass die Erforschung dessen, was wir heute Eso-

    terik nennen, bis in die 1950er Jahre hinein von Wissenschaftlern betrieben wurde, die sich auf Mystik und Gnosis spezialisiert hatten und diese religiösen Traditionen als Gegenentwurf zu den Schriftreligionen Judentum, Christentum und Islam präsentierten (darunter Ger- shom Scholem, Henry Corbin und Mircea Eliade, auch Martin Buber und Carl Gus- tav Jung wären hier zu nennen). Nicht sel- ten waren diese Forscher selbst Teil einer Gegenbewegung zur aufklärerischen „Ent- zauberung der Welt“.5 Einen entscheidenden Schub bekam die Esoterik-Forschung in den 1960er Jahren durch die Arbeiten von Frances A. Yates (1899-1981). Zwar hatten Wissenschaftler wie Paul Kristeller, Ernst Cassirer und Eu- genio Garin schon vorher darauf hin- gewiesen, dass der so genannte Herme- tismus der Renaissance eine vielfach un- terschätzte Rolle in der Herausbildung der neuzeitlichen Wissenschaft und Kultur gespielt hatte. Die Meinung der meisten Historiker, eine Untersuchung des „Aber- glaubens“ und Irrationalismus lohne sich nicht, sei deshalb unangebracht. Doch erst Frances A. Yates gelang es, mit einem Paukenschlag die Wissenschaft auf eine neue Fährte zu bringen. In ihrem Buch Giordano Bruno and the Hermetic Tradi- tion (1964) und in nachfolgenden Auf- sätzen drehte sie den Spieß geradezu um und behauptete, die neuzeitliche Wis- senschaft sei im Grunde nur durch den Hermetismus der Renaissance möglich geworden. Nicht wenigen erschien dies wie eine Offenbarung: Plötzlich wurde eine vergessene und von den Theologen unterdrückte Tradition sichtbar, die in Wahrheit ein Motor der wissenschaft- lichen Revolutionen gewesen sei, nämlich die „hermetische Tradition“. Diese These entfachte eine heftige Diskussion und stieß auf erbitterten Widerstand, gerade bei Wissenschaftshistorikern. Auch wenn

    404 MATERIALDIENST DER EZW 11/2004

    inhalt11.qxd 07.10.04 11:03 Seite 404

  • es heute kaum noch jemanden gibt, der dem „Yates-Paradigma“ uneingeschränkt folgt, so können ihre Arbeiten doch als eine wichtige Initialzündung für die moderne Esoterikforschung betrachtet werden6. In der Folgezeit gab es eine Reihe von Wissenschaftlern, die sich der Esoterik- forschung widmete und sie aus der Ecke des Obskurantismus und Okkultismus herausholte. Ein wichtiger Schritt zur Etablierung dieses neuen Forschungs- zweiges bestand in der Einrichtung eines Lehrstuhls für die „Geschichte der christ- lichen Esoterik“ an der fünften Sektion der École Pratique des Hautes Étude der Pariser Sorbonne im Jahre 1965, der bis 1979 von François Secret betreut wurde. Von 1979 bis 2002 folgte ihm Antoine Faivre nach, wobei der Lehrstuhl in „Geschichte der esoterischen und mysti- schen St