Fachreferat Struktur- und Kohäsionspolitik DIE ...edz.bib.uni- · PDF...

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  • Fachreferat Struktur- und Kohäsionspolitik

    DIE SPRACHENTWICKLUNG BEIM KLEINKIND

    KULTUR UND BILDUNG

    DE

    STUDIE

    DEZEMBER 2006

  • E U R O P Ä I S C H E S P A R L A M E N T

    Generaldirektion Interne Politikbereiche der Union

    Fachreferat Struktur- und Kohäsionspolitik

    KULTUR UND BILDUNG

    DIE SPRACHENTWICKLUNG BEIM KLEINKIND

    STUDIE IP/B/CULT/ST/2006_180 20/09/2006 PE 375.314 DE

  • Diese Studie wurde vom Ausschuss für Kultur und Bildung des Europäischen Parlaments erstellt. Die vollständige Studie wird in folgenden Sprachen veröffentlicht: - Original: FR. - Übersetzung: DE. Verfasser: Sophie Kern, Forschungsbeauftragte Laboratoire Dynamique du Langage, Lyon, Frankreich Zuständige Beamtinnen: Constanze Itzel Ivana Katsarova Fachreferat Strukturpolitik und Kohäsion RMD 06J040 B-1047 Brüssel Tel.: +32 (0)2 283 22 65 Fax: + 32 (0)2 284 69 29 E-Mail: [email protected] Manuskript abgeschlossen im September 2006. Die Studie ist erhältlich unter folgendem Link: - Intranet: http://www.ipolnet.ep.parl.union.eu/ipolnet/cms/lang/en/pid/456 - Internet: http://www.europarl.europa.eu/activities/expert/eStudies.do;jsessionid= B079CD50A2820C38DDCF733E4E527FF8.node2?language=DE Brüssel, Europäisches Parlament, 2006. Die Inhalte der Studie entsprechen persönlichen Ansichten des Autors, die nicht unbedingt mit der offiziellen Position des Europäischen Parlaments übereinstimmen. Vervielfältigung und Übersetzung sind nur zu nichtkommerziellen Zwecken und unter Angabe der Quelle gestattet, sofern der Herausgeber vorab unterrichtet und ihm ein Exemplar übermittelt wird.

  • E U R O P Ä I S C H E S P A R L A M E N T

    Generaldirektion Interne Politikbereiche der Union

    Fachreferat Struktur- und Kohäsionspolitik

    KULTUR UND BILDUNG

    DIE SPRACHENTWICKLUNG BEIM KLEINKIND

    STUDIE

    Inhalt: Die Studie untersucht die Sprachentwicklung bei Kleinkindern zwischen 0 und 3 Jahren. Sie beschreibt die verschiedenen Stadien der Sprachentwicklung, wie etwa die auditive Wahrnehmung; das Verständnis von Situationen, von einzelnen Wörtern und schließlich von Sätzen; die vorsprachliche und schließlich die sprachliche Kommunikation. In einem zweiten Teil fragt die Studie nach den Auswirkungen einer frühen Zweisprachigkeit auf die Sprachentwicklung eines Kindes. Die Autorin zeigt, dass eine frühe Zweisprachigkeit keinerlei negative Auswirkungen auf die Sprachentwicklung hat. Sie belegt im Gegenteil, dass eine zweisprachige Erziehung dem Kind beträchtliche Vorteile einbringt, und zwar nicht nur im Bereich des Sprachenlernens, sondern auch für andere Bereiche der kognitiven Entwicklung, sowie nicht zuletzt für das Verhalten im soziokulturellen Umfeld.

    IP/B/CULT/ST/2006_180 PE 375.314 DE

  • Die Sprachentwicklung beim Kleinkind

    Zusammenfassung In den drei ersten Lebensjahren erwirbt das Kind die für eine harmonische Sprachentwicklung notwendigen Grundfähigkeiten. Diese Entwicklung, die einem „prädefinierten“ Entwicklungsweg folgt, den alle Kinder durchlaufen, vollzieht sich in einem spezifischen soziokulturellen Kontext. Spielt das Umfeld für den Spracherwerb einsprachig aufwachsender Kinder bereits eine Rolle, so kommt ihm im Falle von Kindern, die zwei oder mehr Sprachen erlernen, eine besondere Bedeutung zu. Die ersten sprachlichen Entwicklungsstadien des Kindes sind für die spätere Sprachentwicklung wie auch für seine soziale Integration besonders wichtig. Von Geburt an besitzt das Kind eine Reihe kognitiver Fähigkeiten, die es einsetzen kann.

    Die auditive Wahrnehmung, die von den ersten Lebenstagen an vorhanden ist, macht das Kind für die Prosodie von Sprachen sehr empfänglich. Darüber hinaus erfolgt die auditive Wahrnehmung in Kategorien, was dem Kleinkind die Unterscheidung von allen Lauten und Tönen ermöglicht, bevor sich diese Fähigkeit auf die Erkennung der für seine Muttersprache charakteristischen Lauten und schließlich von größeren Lauteinheiten einschränkt. Mit der Ausbildung dieser Fähigkeit, den Sprachstrom in unterscheidbare Einheiten zu untergliedern, was im Allgemeinen im Alter von acht bis neun Monaten geschieht, beginnt der Säugling den Sinn von Wörtern zu verstehen. Er fängt an, in der Äußerungssituation häufig auftretende Wörter zu verstehen, bevor er um den 12. Lebensmonat ein kontextunabhängiges Verständnis entwickelt, und zwar unter Einsatz bestimmter Vorannahmen (Constraints), die ihm das Erlernen neuer Wörter erleichtern. Zwischen dem 8. und dem 36. Lebensmonat nimmt die Verständnisfähigkeit des Kindes linear zu: Vom Situationsverständnis aus entwickelt es ein Verständnis einzelner Wörter und schließlich einfacher Sätze. Im Unterschied zur Verständnisfähigkeit durchläuft die sprachliche Produktion eine weniger kontinuierliche Entwicklung. Von seinen ersten Lebensstunden an ist der Säugling in der Lage, Laute und Töne hervorzubringen (Weinen und Schreie). Doch erst nach den ersten sechs Monaten beginnt der Übergang von der vorsprachlichen Kommunikation zur eigentlichen sprachlichen Kommunikation. Das Lallen (mehrere, im Laufe ein und derselben Äußerung hervorgebrachte Silben) setzt rasch ein und intensiviert sich, bis es an Komplexität gewinnt. Welche Laute das Kind bildet, hängt von der Ausformung seines Stimmapparates ab, der im Laufe der Zeit dem eines Erwachsenen immer ähnlicher wird, aber auch von den phonologischen Charakteristika der Sprache, die es erlernt. Diese Ausrichtung auf das Zielsystem nimmt mit dem Hervorbringen der ersten Wörter noch zu. Etwa ab dem 12. Lebensmonat bildet das Kind Holophrasen, d.h. Einwortäußerungen mit dem Bedeutungsinhalt eines ganzen Satzes. Das Erlernen der ersten Wörter (meist Substantive), die sich auf dem Kind vertraute Gegenstände und Personen beziehen, erfolgt zunächst langsam, bevor sich um den 16. Lebensmonat herum der Spracherwerb stark beschleunigt. Dieser Wortexplosion folgt eine Neustrukturierung des kindlichen Wortschatzes, in der es zunächst zur Bildung von Verben und Adjektiven, dann von Funktionswörtern kommt. Im 24. Lebensmonat beginnt das Kleinkind, die Grammatik seiner Muttersprache anzuwenden, indem es Zweiwortsätze bildet. Mit zweieinhalb bzw. drei Jahren ist das Kleinkind schließlich in der Lage, erste einfache Sätze zu bilden.

    PE 375.314 iii

  • Die Sprachentwicklung beim Kleinkind

    Obwohl alle Kinder generell diese Etappen durchlaufen, stellt die Forschung große Unterschiede zwischen Kindern gleichen Alters fest. Für die interindividuellen Unterschiede scheinen mehrere Variablen ausschlaggebend zu sein: die Besonderheiten der zu erlernenden Sprache, doch auch exogene Faktoren wie die soziale Zugehörigkeit und die Betreuungsform sowie endogene Faktoren wie Temperament, Geschlecht oder auch die Stellung in der Geschwisterfolge. Der Spracherwerb des Kindes erfolgt in der Interaktion mit seiner Umgebung. Ohne externe „Stimulation“ ist eine harmonische Sprachentwicklung nicht möglich. Allerdings weisen die frühen Interaktionen und die das Kind umgebende Sprache Besonderheiten auf. So sind Kinder häufig in familiäre und routinemäßig ablaufende Transaktionsszenarien eingebunden. Diese „Formate“ fördern neben dem Erlernen besonderer Sprachformen auch die Einübung der Regeln der verbalen und nichtverbalen Interaktion. Darüber hinaus wird der Spracherwerb durch die Verwendung einer kindgemäßen Sprache seitens der Familie gefördert. Dieses Sprachregister unterscheidet sich durch seine prosodischen und segmentalen Merkmale von dem der Erwachsenen. Die Intonation ist ausgeprägt, die Sätze beziehen sich auf konkrete Dinge und sind grammatikalisch einfach strukturiert. Diesem Sprachregister werden drei zentrale Funktionen zugeschrieben: die nichtlinguistische Funktion der Aufmerksamkeitssteuerung, die paralinguistische Funktion des Erlernens von Konversationsregeln und nicht zuletzt die der phonologischen, lexikalischen und grammatikalischen Entwicklung dienende linguistische Funktion. Die Eltern verhalten sich bei der Interaktion mit dem Kleinkind jedoch nicht alle gleich. In neueren Forschungsarbeiten ist eine langsamere Herausbildung des Wortschatzes bei Kindern aus unteren sozioökonomischen Schichten nachgewiesen worden, was auf Unterschiede im mütterlichen Verhalten zurückzuführen ist, die wiederum durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozioökonomischen Schicht bzw. durch das Bildungsniveau der Eltern bedingt sind. Mütter aus unteren sozioökonomischen Schichten und/oder mit geringerem Bildungsniveau sprechen weniger mit dem Kind und verfügen vor allem über einen geringeren Wortschatz. Des Weiteren ist diesen Müttern generell ein restriktiverer und autoritärerer Kommunikationsstil zu eigen. Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der Mehrsprachigkeit ein weit verbreitetes Phänomen ist. Dennoch hegt die Gesellschaft noch zu viele Vorurteile gegenüber der Mehrsprachigkeit und insbesondere gegenüber der Zweisprachigkeit. Ihre Ursache hat diese Haltung wahrscheinlich in der Vielzahl der Bedingungen, unter denen Mehrsprachigkeit in Erscheinung tritt. Trotzdem sollte der Gedanke, dass Mehrsprachigkeit nachteilig sei, heutzutage nicht mehr vertreten werden, zumindest was die frühe Zweisprachigkeit anbelangt, ganz gleich ob es sich um simultane (zwei Sprachen werden sehr früh gleichzeiti