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gate-germany.de Informationen für das internationale Hochschulmarketing LÄNDERPROFIL FRANKREICH
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    04-Aug-2019
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  • gate-germany.deInformationen fr das internationale Hochschulmarketing

    L N D E R P R O F I L

    FRANKREICH

  • Diese Publikation erscheint im Rahmen des Konsortiums fr Internationales Hochschulmarketing GATE-Germany, das vom Bundesministerium fr Bildung und Forschung (BMBF) gefrdert wird.

    Ihre Experten in FrankreichDAAD-Auenstelle Paris Maison de la Recherche 28, rue Serpente 75006 Paris Frankreich Tel.: + 33 01 53 10 58 32 E-Mail: [email protected] www.daad-france.fr

    Weitere InformationenStipendien und Frderangebote des DAAD www.daad.de/laenderinformationen/ frankreich

    Ihre Experten in DeutschlandDAAD Kennedyallee 50, 53175 Bonn www.daad.de

    GATE-Germany Konsortium fr Internationales Hochschulmarketing Geschftsstelle im DAAD Christiane Schmeken Tel: +49 228 882-388 E-Mail: [email protected] Judith Lesch Tel: +49 228 882-642 E-Mail: [email protected]

    Referat Internationales Hochschulmarketing Dr. Guido Schnieders Tel: +49 228 882-669 E-Mail: [email protected]

    Referat Internationales Forschungsmarketing Dr. Katja Lasch Tel: +49 228 882-146 E-Mail: [email protected]

    Referat Koordinierung Regionalwissen Felix Wagenfeld Tel: +49 228 882-136 E-Mail: [email protected]

    IMPRESSUM Herausgeber GATE-Germany Internationales Hochschulmarketing www.gate-germany.de

    Geschftsstelle von GATE-Germany:

    Kennedyallee 50, 53175 Bonn www.daad.de

    Projektkoordination Dorothea Oeyen (verantwortlich), Judith Lesch (Projektleitung)

    Fachliche Beratung Dr. Christian Thimme, Kilian Quenstedt, Lotta Resch

    Verlag FAZIT Communication GmbH Frankenallee 71 81, 60327 Frankfurt www.fazit-communication.de Redaktion Janet Schayan (verantwortlich), Dr. Sabine Giehle, Miriam Hoffmeyer, Sarah Kanning Art Direktion Anke Stache

    Titelfoto Mint Images RF/Getty Images

    Druck msk marketingservice kln GmbH

    Auflage 8.000

    Redaktionsschluss Juni 2018

    DAAD Nachdruck und Verwendung in elektronischen Systemen, auch auszugsweise, nur mit ausdrcklicher Genehmigung durch den DAAD.

    Der DAAD legt Wert auf eine Sprache, die Frauen und Mnner gleichermaen bercksichtigt. In dieser Publikation finden sich allerdings nicht durchgngig geschlechter- gerechte Formulierungen, da die explizite Nennung beider Formen in manchen Texten die Lesbarkeit erschwert.

    AUF EINEN BLICK

    FrankreichZahlen und Fakten, Hochschul- und Bildungsdaten 04

    STIMMEN

    Deutsch-franzsische BegegnungenMeinungen und Einschtzungen 06

    POLITIK UND GESELLSCHAFT

    Frankreich im Aufbruch Prsident Macron setzt auf Vernderungen, aber nicht alle im Land teilen diesen Kurs 08

    WIRTSCHAFT

    Reformen fr Frankreich Das Land kmpft gegen die Arbeitslosigkeit und will seine strukturellen Probleme in den Griff bekommen 12

    HOCHSCHULE UND FORSCHUNG

    Im Wettbewerb um die Besten Internationalisierung und Exzellenz sind wichtige Themen der franzsischen Hochschulpolitik 14

    Tendenz zu einer Experimentierphase Christine Musselin von Science Po spricht ber aktuelle hochschulpolitische Entwicklungen 17

    Chancen in beiden LndernAkademische Brckenbauer geben Einblicke in ihre Arbeit und Tipps fr erfolgreichen Austausch 18

    Beeindruckende OffenheitErfahrungsberichte von Studierenden 21

    Enge Beziehung Trotz vieler erfolgreicher Kooperationen gibt es im akademischen Austausch einige Herausforderungen 22

    Die Krfte bndelnIn der Forschung arbeiten Deutschland und Frankreich gemeinsam an Zukunftsthemen 24

    Sechs gute BeispieleDeutsch-franzsische Hochschul- und Forschungskooperationen im Portrt 26

    DER ANDERE BLICK

    Die Schule als Spiegel der RepublikCcile Calla erklrt, weshalb Franzosen in der Schule Effizienz wichtiger ist als Kreativitt 30

    IM FOKUS

    Deutsche und deutsch-franzsische EinrichtungenKarte der Wissenschaftsbeziehungen 31

    Impressum 02

    Liebe Leserinnen und Leser,

    zu kaum einem anderen Land unterhlt Deutschland

    so intensive und ber viele Jahrzehnte gewachsene

    Beziehungen wie zu Frankreich. Dies gilt fr

    Politik und Wirtschaft, in vielleicht noch strkerem

    Ma aber auch fr die akademischen Beziehungen

    und die Zusammenarbeit in der Forschung. Das

    Nach barland setzt unter Prsident Macron auf Refor-

    men und Vernderung auch in der Hochschul-

    politik findet ein Wandel statt. Exzellenz und Inter-

    nationalisierung spielen dabei eine immer grere

    Rolle. Dies macht Frankreich als Partnerland fr

    deutsche Hochschulen noch attraktiver.

    Fr neue Kooperationen bieten sich daher viel-

    fltige Anknpfungspunkte im gesamten Fcherspek-

    trum. Daneben gibt es auch einige Felder mit beson-

    ders groem Potenzial die Ingenieurwissenschaften

    gehren zum Beispiel dazu.

    Die Lnderprofile bieten eine Flle von Hinter-

    grundinformationen, die fr das Hochschulmarke-

    ting, die Rekrutierung internationaler Studierender

    und den Aufbau von Hochschulkooperationen

    ntzlich sein knnen.

    Viel Vergngen bei der Lektre!

    LNDERPROFILE ONLINEwww.gate-germany.de/laenderprofile

    EDITORIAL INHALT

    Bisher erschienen in chronologischer Reihenfolge: Frankreich, gypten, Iran, Tschechien, Indonesien, Peru, Israel, Kanada, Tunesien, Mexiko, Italien, Malaysia, Kolumbien, Kenia, Grobritannien, Vietnam, Argentinien, Indien, Polen, China, USA, Trkei, Sdafrika, Brasilien, Russland, Baltische Staaten, Golfstaaten

    mailto:[email protected]:[email protected]:[email protected]:[email protected]:[email protected]:[email protected]
  • LNDERPROFIL // 05FRANKREICH

    FRANKREICH

    DeutschlandIrlandVereinigtes Knigreich

    ItalienSchweiz

    BelgienLuxemburg

    Spanien

    INFOS UND TIPPS

    Campus France wirbt international fr den Hochschulstandort Frankreich und bietet Informationen und Hintergrundwissen zum Studium:www.campusfrance.org

    FrankreichOffizielle Staatsbezeichnung Franzsische Republik

    Politisches System Semiprsidentielle Demokratie

    Prsident Emmanuel Macron (seit 2017) Regierungschef Edouard Philippe (seit 2017)

    Parlament Nationalversammlung (Assemble nationale): 577 Abgeordnete (fr 5 Jahre gewhlt, nchste Wahl 2022); Senat: 348 Senatoren (fr 6 Jahre gewhlt, nchste Wahl 2023).

    Fraktionen in der Nationalversammlung La Rpublique en marche (LREM, 313 Abgeordnete); Les Rpublicains (LR, 102), Mouvement dmocrate et apparents (MoDem, 47); Union des dmocrates, agir et indpendants (UDI, 32); Nouvelle gauche (NG, 30); La France in-soumise (FI, 17); Gauche dmocrate et rpublicaine (GDR, 16), frak-tionslos (20) (Stand Juni 2018)

    Hauptstadt Paris (2,2 Millionen Einwohner, 2015) 1

    Administrative Unterteilungen 18 Regionen (davon 5 in bersee), 101 Dpartements (davon 5 in bersee)

    Landessprache Franzsisch

    Whrung Euro

    Landesflche 547.557 qkm 2 Einwohnerzahl 67,2 Mio. (2018) 3

    Human Development Index Rang 21 (von 188) 4

    Bruttonationaleinkommen pro Kopf 38.720 US-$ 5 BIP pro Kopf 36.857 US-$ (2016) 6

    Geburtenrate 2,01 Geburten pro Frau (2015) 7

    Demographische Struktur 014 Jahre: 18,2 %; 1564 Jahre: 62,5 %; 65 Jahre und lter: 19,3 % (2016) 8

    Religionsgruppen Katholiken 40 %, Protestanten 1,7 %, Muslime 5,1 %, konfessionslos 50,5 % 9

    Lebenserwartung 82,7 Jahre (Frauen: 86; Mnner: 79,5) 10

    Quellen: 1 Institut national de la statistique et des tudes conomiques (Insee), 2 World Development Indicators (WDI), 3 Insee, 4 Vereinte Nationen/HDI Indicators 2016, 56 current US-Dollar, WDI, 78 WDI, 9 2006 bis 2015, Swiss Metadatabase of Religious Affiliation in Europe (SMRE), 10 WDI 2015

    Hhere Bildung in Frankreich

    2.609.700 Studierende besuchten 2016 eine franzsische Hochschule. Die Einrichtungen der tertiren Bildung gliedern sich in:

    *universitre und nichtuniversitre Einrichtungen, die zweijhrige Kurzstudiengnge anbieten; Quelle: Ministre de l'ducation nationale 2017, Zusammenstellung DAAD

    Staatliche Bildungsausgaben

    6,7 Prozent des BIP2016, Quelle: Ministre de lducation nationale, nat. Berechnung

    Teilnahme am tertiren Bildungssystem65,3 % der Bevlkerung2015, Quelle: UNESCO

    Auslandsstudium

    90.708 Studierende aus Frankreich waren 2015/2016 an auslndischen Hochschulen eingeschrieben. Die meisten gehen nach Belgien (18.115), Kanada (15.603) und Grobritannien (11.567). Deutschland liegt nach der Schweiz auf Platz fnf.Quelle: UNESCO

    Studieren in Deutschland8.539 Franzosen (56,6 Prozent Frauen) studieren in Deutschland, unter ihnen 3.471 Studienanfnger. 5.742 studieren an Universitten, 494 an Kunst- und Musikhochschulen, 2.242 an (Fach-)Hochschulen. WS 2016/2017, Quelle: destatis

    Beliebteste Fchergruppender franzsischen Studierenden in Deutschland

    WS 2016/2017, Quelle: destatis

    INGENIEUR-

    WISSENSCHAFTEN20,3%

    GEISTES-

    WISSENSCHAFTEN 17%

    RECHTS-, WIRTSCHAFTS-

    UND SOZIALWISSENSCHAFTEN

    36%

    Das Wahrzeichen von Paris: Der 1889 zur Weltausstellung fertiggestellte Eiffelturm erinnert an den 100. Jahrestag der Franzsischen Revolution.

    2016

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    AUF EINEN BLICK

    UNIVERSITTEN INSTITUTS UNIVERSITAIRES DE TECHNOLOGIE (IUT), SECTIONS DE TECHNICIENS SUPRIEURS (STS) *

    COLES SUPRIEURES DU PROFESSORAT ET DE L'DUCATION (ESPE)

    INGENIEUR- UND WIRTSCHAFTSHOCHSCHULEN COLES NORMALES SUPRIEURES ARCHITEKTURHOCHSCHULEN, HOCHSCHULEN IM KNSTLERISCHEN UND KULTURELLEN BEREICH

    HOCHSCHULEN IM PARAMEDIZINISCHEN UND SOZIALEN BEREICH

    WEITERE HOCHSCHULEN, VORBEREITUNGS- KLASSEN (CLASSES PRPARATOIRES AUX GRANDES COLES, CPGE)

    712.499

    30

    5024

    243

    639

    698

  • LNDERPROFIL // 07FRANKREICH

    06 // LNDERPROFILFRANKREICH

    Jrn BousselmiFrankreich und Deutschland sind fr-einander unverzichtbare politische und wirtschaftliche Partner. Es ist des-halb gerade auch mit Blick auf Europa besonders wichtig, bestehende Unter-schiede und Besonderheiten noch bes-ser zu kennen, zu verstehen, zu akzep-tieren und so gegenseitiges Vertrauen auf- und auszubauen. Viele Unterneh-men suchen qualifizierte Fach- und Fhrungskrfte mit dieser zustzli-chen deutsch-franzsischen sprachli-chen, aber auch interkulturellen Kom-petenz. Duale Ausbildungs- und Studienprogramme sowie Mobilitts- und Austauschprogramme bieten des-halb nicht nur interessante berufliche Perspektiven sowohl in Deutschland als auch in Frankreich, sondern sind ein wesentlicher Baustein fr ein wirt-schaftlich und politisch erfolgreiches gemeinsames Europa.

    Die Deutsch-Franzsische Industrie- und Handelskammer arbeitet dafr gern und erfolgreich mit kompetenten und interessierten Partnern in beiden Lndern zusammen.

    JRN BOUSSELMI ist Hauptgeschftsfhrer der Deutsch-Franzsischen Industrie- und Han-delskammer.

    David Capitant In seiner viel beachteten Europa-Rede an der Pariser Universitt Sorbonne hat Frankreichs Prsident Emmanuel Macron im September 2017 die Idee der Grndung von 20 europischen Universitten lanciert. Diese Initiative wurde in der europischen Hochschul-landschaft mit groer Begeisterung aufgenommen, von der Europischen Kommission aufgegriffen und fand Einzug in den Koalitionsvertrag der Bundesregierung. Im Rahmen der Her-ausbildung europischer Universitten wird die deutsch-franzsische Achse sicher eine wichtige Rolle bernehmen.

    Im Bereich der Hochschulkooperation sind die Partnerlnder schon lange eng vernetzt, was dem besonderen politischen Willen der beiden Regie-rungen zu verdanken ist. Dieser fand 1997 Ausdruck in der Grndung der Deutsch-Franzsischen Hochschule (DFH). 20 Jahre spter und mit rund 194 engagierten Partnerinstitutionen kann die DFH als eine Art Prototyp fr die sich bildenden europischen Universitten angesehen werden.

    PROF. DR. DAVID CAPITANT ist Prsident der Deutsch-Franzsischen Hochschule.

    Naomi Truan Meine Promotionsarbeit schreibe ich als Sprachwissenschaftlerin zum The-ma kontrastive Diskursanalyse: Ich untersuche deutsche, franzsische und britische Parlamentsdebatten. Dies al-lein wre schon ein wichtiger Grund, eine binationale Promotion anzustre-ben. Meine Motivation geht aber noch weiter. Ich bin berzeugt, dass unser Denken durch den alltglichen und permanenten (nicht durch den auer-ordentlichen) Sprung in die Fremde strker wird.

    Grundstzlich betrifft eine deutsch-franzsische Promotion aber nicht nur diese beiden Lnder. Ich glaube, durch die Erfahrungen, die ich hier mache, bietet sich mir eine gute Ausgangs-position fr weitere wissenschaftliche Austausche: ber die nationalen, aber ebenso ber die disziplinren Grenzen hinweg.

    NAOMI TRUAN promoviert im Rahmen eines Cotutelle-Verfahrens zwischen der Universitt Sorbonne und der Freien Universitt Berlin.

    Hans Stark Die deutsch-franzsischen Beziehun-gen spielen seit den 1950er-Jahren und bis heute aus zwei Grnden eine inter-national entscheidende Rolle. Sie sind der lebendige Beweis dafr, dass zwei Staaten, die ber Jahrzehnte verfein-det waren und schwere Kriege aus-gefochten haben, sich um Vershnung und Partnerschaft bis hin zu einem engen Freundschaftsverhltnis bem-hen knnen. Das haben Deutschland und Frankreich erreicht. Ihre Bezie-hung hat Modellcharakter fr Staaten, die sich heute in einer hnlich antago-nistischen Situation befinden.

    Zudem sind Deutschland und Frank-reich seit sieben Jahrzehnten ein Mo-tor der europischen Integration. Kaum eine wichtige Entscheidung in der Europischen Union kann ohne beziehungsweise gegen ihre Zustim-mung getroffen werden. In der Au-en- und Sicherheitspolitik sowie in der Wirtschafts- und Finanzpolitik der EU geht es nur voran, wenn sich Deutschland und Frankreich einig und bereit sind eine europische Vor-reiterrolle auszufllen.

    PROF. DR. HANS STARK ist seit 1991 Generalsekretr des Studienkomitees fr deutsch-franzsische Beziehungen (Cerfa).

    Anne-Marie DesctesIn der universitren und wissen-schaftlichen Zusammenarbeit sind die deutsch-franzsischen Beziehungen besonders eng: Nahezu 8.500 deutsche Studierende sind jedes Jahr an franz-sischen Hochschuleinrichtungen ein-geschrieben. Damit steht Deutschland unter den in Frankreich Studierenden aus der Europischen Union an zwei-ter Stelle nach Italien. Rund 6.500 Stu-dierende aus beiden Lndern und aus Drittlndern studieren in einem der mehr als 180 von der Deutsch-Franz-sischen Hochschule untersttzten bi- und trinationalen Studiengnge. Damit nehmen die deutsch-franzsi-schen Beziehungen eine einzigartige Stellung im Bereich der Internationa-lisierung der Hochschulbildung ein.

    Als DAAD-Alumna schtze ich ins-besondere die zentrale Rolle des DAAD bei der Mobilittsfrderung mit dem Nachbarland. Den akademischen Aus-tausch und die Zusammenarbeit zwi-schen Deutschland und Frankreich halte ich fr unabdingbar im Prozess der europischen Einigung.

    ANNE-MARIE DESCTES ist auerordentliche und bevollmchtigte Botschafterin der Fran-zsischen Republik in Deutschland.

    Alessa WochnerFrankreich ist fr mich seit einem Schleraustausch eine Herzensangele-genheit. Fr meinen Master in Inter-national Energy an Sciences Po Paris sprachen aber auch ganz hand-feste Grnde: In Deutschland knnte ich diese interdisziplinre Ausbildung so nicht verfolgen. Energiethemen sind dort noch fast ausschlielich in der Ingenieurwissenschaft verankert. Wir hingegen analysieren Energiepoli-tiken weltweit, setzen uns mit den Strategien von Energieunternehmen auseinander und vergleichen Regulie-rungsfragen. Unsere Dozenten sind Unternehmer, erfahrene Beraterinnen, ehemalige Minister, Expertinnen aus Internationalen Organisationen alle kommen direkt aus der Praxis.

    Die Kooperation des DAAD mit Sciences Po Paris untersttzt uns nicht nur finanziell in den Studienjahren. Ich bin sicher, dass die Stipendiaten und Stipendiatinnen langfristig davon profitieren, einen tiefen Einblick in die Kaderschmiede von Deutschlands engstem Partnerland zu bekommen.

    ALESSA WOCHNER absolviert ein Masterstudi-um am Institut dtudes politiques de Paris.

    STIMMEN

    Deutsch-franzsische Begegnungen

    Iris M

    aurer

    /DFH

    privat

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    AHK

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  • Frankreich deuten, neu deuten, wie geht das? Wie geht das nicht schief? Setzen wir uns am besten zu Pascal Bruckner ins Caf de la Poste im Pariser Marais-Viertel und hren ihm zu. Bruckner ist ein Pariser Vorzeigeintellektueller. Inzwischen 69 Jahre alt, aber im Geiste jung, wird er stets zu Frankreichs neuen Philosophen gezhlt. Seine Romane sind in Dutzende Spra-chen bersetzt. Seine Gewohnheiten sind intakt: Jeden Abend nimmt er einen Aperitif im Caf de la Poste und geht frs Abendessen einkaufen. Dieser Bruckner aber ist im Frhjahr 2018 ein hin- und hergerissener Beobachter seines eigenen Landes.

    Voll und ganz, sagt er, untersttze er Emmanuel Ma-cron. Bruckner hat schon viele politische Enttuschungen erlebt. Vor zehn Jahren stand er hinter Nicolas Sarkozy, nur um sich nach kurzer Zeit von ihm abzuwenden. Nun aber hlt Bruckners Bewunderung fr den aus dem lin-ken Lager stammenden Macron schon zwei Jahre. Er schtzt Macrons Geradlinigkeit, seine Entscheidungsfreu-de, seine Bereitschaft, es mit allen aufzunehmen. Er hat die Franzosen wieder zu Europern gemacht, sagt Bruck-ner und rechnet Macron seinen kompromisslosen Einsatz fr die Europische Union hoch an.

    PROTESTE GEGEN DIE GESETZE DER GLOBALISIERUNG Doch ob der forsche Macron die Franzosen wirklich ber-zeugt? Da ist sich Bruckner weniger sicher. Er schaut vom Caf de la Poste auf die Rue de Turenne. Es ist Frhling, die gleiche Jahreszeit, in der Bruckner als 19-Jhriger die 68er-Revolte erlebte. Und in der nun, im Frhjahr 2018, die Proteste von Neuem an-heben. Eisenbahner streiken, Piloten strei-ken, Studierende streiken als knnten sie nie aufhren. Damals hie der Gegner Charles de Gaulle, der als General zu den Siegern ber Nazi-Deutschland zhlte und im hohen Alter immer noch Frankreich re-gierte, aber fr die 68er ihrer Zeit vllig

    entrckt erschien. Heute, empfindet Bruckner, sei es um-gekehrt. Die protestierenden Studierenden und Arbeiter fallen in seinen Augen aus ihrer Zeit, zu der Prsident Ma-cron fr sein Land den Anschluss sucht.

    Viele Beobachter, gerade in Deutschland, werden geneigt sein, Bruckner recht zu geben. Schon 1968 jubelte ja nur ein kleiner, radikaler Teil der deutschen Linken dem Ge-neralstreik jenseits des Rheins zu. Die meisten Deutschen hielten die Nachbarn zwar nicht mehr fr die alten Erbfeinde, aber doch fr eher unzuverlssige Rotweintrinker. Dass der Generalstreik damals eine welt-weite kulturelle Liberalisierung ein-lutete, an der spter auch viele Deutsche teilnahmen, begriff man erst nach lngerer Zeit. Heute wir-ken die aktuellen Proteste und Streiks wie die der franzsischen Eisenbahner im Ausland oft fehl-platziert, wie ein letztes Aufbegeh-ren der Ewiggestrigen gegen die unabnderlichen Gesetze der Glo-balisierung.

    Die Studierenden etwa fordern, dass Studienpltze wie bis-her im Losverfahren unter Abiturienten verteilt werden dagegen will Macron den Universitten Mglichkeiten ver-schaffen, ihre Studierenden strker nach der schulischen

    Leistung auszuwhlen. Ein Grund dafr ist, dass es in Frankreich jhrlich 100.000 Stu-dienabbrecher gibt. Die hohe Zahl ist auch durch das Losverfahren begrndet, was dazu fhrt, dass viele Studierende sich nicht im Fach ihrer Wahl wiederfinden. Eine unverantwortliche Irrefhrung nennt das der mit Macron befreundete Wirtschaftsprofessor Jean Pisani-Ferry

    Paris ist nicht Frankreich: Das Land ist gespalten in Stadt und Provinz, in urbane und drfliche Kultur, in Arm und Reich.

    EMMANUEL MACRONSeit Mai 2017 ist der Wirtschafts -

    und Finanzexperte Staatsprsident

    Frankreichs. Der Absolvent der Elite-

    hochschule ENA trat mit der von ihm

    gegrndeten Partei La Rpublique

    en marche zur Wahl an.

    Millionen Einwohner zhlt Frankreichs Hauptstadt Paris. In der Metropolregion leben mehr als 12,4 Millio-

    nen Menschen.

    POLITIK UND GESELLSCHAFT

    Frankreich im Aufbruch

    Prsident Emmanuel Macron steht im Zentrum einer franzsischen

    Renaissance. Das Land und seine Kultur wollen wieder ansteckend sein.

    Kann Frankreich heute Europa noch einmal beflgeln? von Georg Blume

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    LNDERPROFIL // 09FRANKREICH

    08 // LNDERPROFILFRANKREICH

  • westeuropische, im Kern deutsch-franzsische Sozial-staatsmodell in der Europischen Union durchsetzen und Europa damit als Vorbild fr Gleichheit und Gerechtigkeit etablieren.

    Allen voran die Deutschen sehen Emmanuel Macron skeptisch. Wenn sie ihn mit Napoleon vergleichen, dann nicht wie die Franzosen, um Sturm und Drang eines Mannes zu wrdigen, sondern um sich ber ihn lustig zu machen. Dennoch stellt sich schon heute fr viele Brger der Europischen Union die Frage: Hat dieser Macron Historisches vollbracht, Populismus und Nationalismus in Europa zurckgeschlagen? Oder ist er nur eine Fu-note der Geschichte?

    MODERNES DEMOKRATIEMRCHENMacrons Wahlsieg bei den Prsidentschaftswahlen im Frhjahr 2017 gleicht einem ebenso einfachen wie bewe-genden Demokratiemrchen unserer Zeit. Alles, was Frankreich auszeichnet, kommt darin vor. Seiner alten, im Zeitalter der Aufklrung fuenden Meritokratie gelingt es immer noch, aus der tiefsten Provinz die besten Schler an die Topuniversitten zu splen. So einer war Ma cron. Auserwhlt wurde er von einer dieser intellektuellen Lichtgestalten, die Frankreich prgen: Jacques Attali ko-nom, Historiker, Schriftsteller, Schauspieler, Jude algeri-scher Abstammung, Chef der ersten Europischen Bank fr den Wiederaufbau nach dem Mauerfall, Berater Mit-terrands. Attali nahm sich Macron zum Berichterstatter, nachdem ihn Prsident Sarkozy 2008 beauftragt hatte, ein Reformprogramm fr Frankreich nach der Finanzkri-

    se vorzulegen. Nichts anderes, Punkt fr Punkt, setzt Macron heute um.

    Er begann mit einem Anti-Korrupti-onsgesetz, das den Parlamentariern Gelder und Privilegien strich. Es folg-te ein neues Arbeitsgesetz zur Locke-rung des Kndigungsschutzes. Fi-nanzreformen kamen den Reichen zugute: Ein Teil der Vermgenssteuer entfiel, Kapital- und Gewinnsteuern sanken. Dafr legte Macron eine Re-form der Berufsbildung vor, die sich an Arbeitslose und Niedrigverdiener richtet. Nchste groe Baustelle soll das Rentensystem sein. Dabei treibt den Prsidenten ganz offenbar jener sehr franzsische Glauben, dass, wenn die Besten zusammenfinden und ein Programm schreiben, sie den Fortschritt stets neu erfinden knnen. Autoritr nennen das seine Kritiker und bilden ihn als Sonnenknig

    Louis XIV. ab. Hinter der Karikatur aber steckt eine ernsthafte Frage: Kann Frankreich heute Europa noch einmal beflgeln, wie es einst die Hofkultur in Versailles oder der Geist der Franzsischen Revolution taten? Die Frage stellt sich auch deshalb, weil Macron innerhalb der Europischen Union als der einzige echte Machtfaktor erscheint, der Europa wirklich auf seine Fahnen ge-schrieben hat.

    TIEFE GESELLSCHAFTLICHE SPALTUNGMacron ist zu schnell aufgestiegen, um nicht genauso schnell wieder strzen zu knnen. Gefahr droht ihm si-cher nicht von den Bruckners und Attalis. Auch nicht von Studierenden und Eisenbahnern. Aber die Streikenden bekommen bei reprsentativen Umfragen in der Bevlke-rung im Frhjahr 2018 schon mehr Untersttzung als ihr Prsident. 40 Prozent sttzten im Mai 2018 Macron, 55 Prozent waren unzufrieden mit ihm. Hinter diesen Zah-len verbirgt sich ein Frankreich, welches der Aufbruch um Macron neuerdings verdeckt. Denn auch Frankreich ist tief gespalten in Arm und Reich, in Provinz und Pa-ris, in urbane und drfliche Kultur.

    Das Wirtschaftswachstum fand seit den 2000er-Jahren fast nur in den vier Regionen Paris, Lyon, Bordeaux und Lille statt. Teile des industriellen Nordens und Ostens verarmen, der Sden war wirtschaftlich schon immer schwach. Soziologen sprechen von einer neuen Kluft zwischen Peripherie und Zentrum. In den vergangenen Jahren gaben die Erfolge des rechtsextremistischen Front national mit Marine Le Pen an der Spitze dieser oft verdrngten, ignorierten Peripherie in Frankreich ein Gesicht. Es war ein hssliches Gesicht. Le Pen war aggressiv, ausgrenzend, nationalistisch. Nach dem Bre-xit forderte sie ein Frexit-Referendum. Da aber wandten

    sich auch viele Franzosen, die ihr nahe-standen, ab. Sie sahen Le Pen in der Wahldebatte im Mai 2017 gegen Mac-ron. Pltzlich war es mit ihrem populis-tischen Zauber vorbei. Macron musste gar nicht viel sagen. Denn fast alle ver-standen, dass Le Pens Ausstieg aus Euro und Europischer Union ein Spiel mit dem Feuer war. Es war der Moment ei-ner groen Entscheidung, wie sie klarer nicht vor Augen gefhrt werden konnte und die Franzosen entschieden sich fr Europa, fr ein strker integriertes Europa, das Macron ihnen versprach.

    Sogar die Terrorismuswelle und die Is-lamfrage, die Frankreich intensiv be-schftigen, erschienen zu diesem Zeit-punkt als Nebensachen. Das kann sich

    wieder ndern. Attentate, wie im Mrz 2018 im sdfran-zsischen Stdtchen Trbes, wo ein islamischer, in Frank-reich eingebrgerter Attentter vier Menschen in einem Supermarkt ermordete, haben das Potenzial, die Nation zu bewegen. Der in ihr schlummernde Konflikt zwischen den Nachkommen islamisch-afrikanischer Einwanderer und der franzsischen Mehrheitsgesellschaft ist in vielen banlieues immer noch potenziell explosiv. Weshalb Mac-ron in den Grundschulen der Vorstdte die doppelte Zahl an Lehrern einsetzt, damit die Nachkommen der Nach-kommen bessere Ausbildungschancen haben.

    DER EINDRUCK DES STILLSTANDS IST VERGANGENHEIT Auch deshalb hat sich die Stimmung seit dem Amtsan-tritt Macrons gedreht. Sie ist trotz, aber auch wegen der Proteste nicht mehr so bodenlos pessimistisch. Tous pourris alle sind verdorben, lautete viele Jahre lang der weitverbreitete Volksreim auf die Politik. Er ist heute wie verflogen. Denn der Prsident packt Proble-me an, der Eindruck des Stillstands im Land ist Vergan-genheit, egal ob man seine Reformen gut findet oder nicht. Der Schriftsteller Bruck-ner ist kein Freund von Macron, trotzdem untersttzt er ihn. Das ist nicht selbstver-stndlich in den innersten Zirkeln der Pari-ser Intelligenzia, denen auch Bruckner an-gehrt.

    Vielleicht durchlebt das Land gerade einen neuen Aufbruch, der ber die Landesgren-zen hinaus ansteckend wirkt und den Eu-ropa so dringend bentigt. Vielleicht bleibt Macron ein Einzelgnger. Bruckner im Caf de la Poste in der Rue de Turenne wei es auch noch nicht. //

    Aufbruch fr Frankreich? Emmanuel Macron hat viele Anhnger, doch seine Umfragewerte schwanken stark.

    berzeugte Europer: Bundeskanzlerin Merkel und Prsident Macron wollen die EU reformieren, sind aber nicht in allen Punkten einer Meinung.

    von Sciences Po in Paris. Doch den Studierenden ist das egal: Sie kmpfen fr den Wert der Gleichheit. Nach dem Abitur sollen alle noch mal die gleichen Chancen haben. Wrden deutsche 20-Jhrige dafr streiken? Eher nicht. Nur in Frankreich, so erscheint es manchmal, geht die Jugend fr Grundwerte noch auf die Strae.

    Nur in Frankreich gibt es internatio-nal renommierte Topkonomen wie Thomas Piketty, Autor des Best-sellers Das Kapital im 21. Jahrhun-dert, die wirklich noch fr eine an-dere Welt streiten, in der es weniger Arm und Reich gibt. Kann sich ein im Weltmastab kleines Land wie Frankreich das heute alles noch leis-ten? Aber man kann auch anders-herum fragen: Kann es sich die westliche Welt leisten, Frankreichs traditionelles Gespr fr Freiheit, Gleichheit und Brderlichkeit zu ig-norieren? Luft sie nicht ohne kon-

    kreten Bezug auf die Ideale der Franzsischen Revolution Gefahr, ihre eigenen Grundwerte aufs Spiel zu setzen?

    VORBILD FR GLEICHHEIT UND GERECHTIGKEITEmmanuel Macron jedenfalls ist der neue Mann auf der Weltbhne, der diese Fragen allen stellt: der eigenen Ge-sellschaft, aber auch den Europern und anderen Konti-nenten. Macron will ja nicht nur den Widerstand der hei-mischen Gewerkschaften brechen, er will gleichzeitig das

    Prozent betrug nach Angaben von Eurostat die Arbeitslosen-quote in Frankreich im Jahr 2017. Sie liegt damit gut andert-halb Prozentpunkte ber dem Durchschnitt der 28 Mitglieds-staaten der Europischen Uni-on. In Deutschland wurden in demselben Jahr 3,7 Prozent Arbeitslose registriert.

    9,1

    AUTOR GEORG BLUME

    zhlt zu den erfahrensten deutschen Auslandskor

    respondenten. Seit 2013 ist er Korrespondent der

    Wochenzeitung Die Zeit in Paris. Seit Februar 2018

    schreibt er auerdem fr Spiegel Online.

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    12 // LNDERPROFILFRANKREICH

    WIRTSCHAFT

    Reformen fr Frankreich

    Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit steht im Zentrum der franzsischen

    Wirtschaftspolitik. Auch wenn die strukturellen Probleme nicht behoben sind,

    vertrauen wieder mehr Investoren in das Land. von Leo Klimm

    Arbeit ist der Schlssel, um das Land aufzurich-ten. Ich muss Frankreich wieder an die Arbeit bringen, sagt Emmanuel Macron. Die gute Konjunkturlage mag Frankreichs Prsident in den vergangenen Monaten geholfen haben. Dennoch bleibt die Arbeitslosigkeit in seinem Land mit einer Quote von 9,1 Prozent besorgniserregend hoch; unter Jugendli-chen ist sogar jeder Fnfte ohne Job. Das alte Arbeits-marktproblem laut Umfragen die Hauptsorge der Fran-zosen ist bei Weitem nicht gelst.

    Aber es gibt Hoffnung: Die Wirtschaft von Deutschlands wichtigstem europischen Partnerland befindet sich nach Jahrzehnten gefhlter Starre im Aufbruch. Dazu trgt der Aufschwung bei und noch mehr der ungebremste Eifer des Prsidenten. Er wolle Frankreich nicht nur reformie-ren, sondern transformieren, also regelrecht verwan-deln, lautet Macrons Anspruch. Permanente Reformen sind der Kern des Macronismus. Die Wirtschaftspolitik steht fr den Ex-Investmentbanker im Mittelpunkt seines Regierungsprogramms. Dabei verfolgt er im etatistisch geprgten Frankreich einen moderat-liberalen Kurs, der auf etwas weniger Staat und etwas mehr Markt ausgerich-tet ist. En passant erbringt Macron dabei einen Beweis,

    den besonders Frankreichkritiker im Ausland fast schon fr unmglich hielten: Das Land ist vernderungsfhig.

    Den symboltrchtigsten Beleg dafr haben Macron und sein Premierminister Edouard Philippe im Frhjahr 2018 mit der Reform der Staatsbahn SNCF geliefert. Die Bahn-gewerkschaften, eine der mchtigsten Lobbys, organisier-ten massive Streiks gegen den Plan, Wettbewerb auf der Schiene zuzulassen und den beamtenhnlichen Bahner-status fr Mitarbeiter abzuschaffen. Macron gab sich unbe-irrbar bis autoritr. Er weiche nicht zurck vor der Tyran-nei bestimmter Minderheiten, die sich daran gewhnt hatten, dass man ihnen nachgibt. Und bald schwand der Widerstand auch wenn er noch nicht aufgegeben wurde. Doch insgesamt fllt es Macrons Gegnern schwer, dem Re-form-Furor etwas entgegenzusetzen: Gewerkschaften und Opposition von links und rechts gelingt es nicht, Macron zu bremsen, bisher jedenfalls. Die Mehrheit der Franzosen fgt sich ihm obwohl sie ihn, wie Umfragen zeigen, als unsozialen Prsident der Reichen wahrnimmt.

    HOHE ARBEITSLOSIGKEIT TROTZ FREIER STELLENTatschlich bevorteilt Macrons Steuerpolitik Kapitalbesit-zer, whrend Arbeitnehmer weniger Schutz genieen als zuvor. So wurde die Reichensteuer gestrichen, auf Kapi-talertrge fllt nur noch eine Abgeltungssteuer an. Die Unternehmenssteuern sinken schrittweise auf europi-sches Durchschnittsniveau. Am Jobmarkt wiederum hat Macron eine Lockerung des Arbeitsrechts durchgesetzt, die Kndigungen erleichtert Neueinstellungen aber auch. Lhne, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen kn-nen jetzt verstrkt in den Betrieben geregelt werden. Eine Abgabensenkung mindert die Arbeitskosten. Eine Re-form der Lehrlingsausbildung traditionell eine Schw-che Frankreichs soll Jobpraxis frdern und handwerkli-che Berufe attraktiver machen. Denn hier offenbart sich ein franzsisches Paradox: Das Land leidet unter hoher Arbeitslosigkeit. Zugleich knnen Unternehmen Hundert-

    tausende offene Stellen nicht besetzen, weil Fachkrfte mit den richtigen Qualifikationen fehlen.

    Alle Steuer- und Arbeitsreformen, die Macron unternom-men hat, dienen ihm zufolge dem groen Ziel, die Arbeits-losigkeit zu senken. Andere politisch wohl heiklere Vorha-ben hat der Prsident dafr aufgeschoben, bis mindestens auf 2019. Dazu zhlt auch der vage Plan, 120.000 Beamten-stellen zu streichen. An die Staatsausgaben traut sich Mac-ron bisher nicht heran. Zwar hat Frankreich 2017 erstmals seit zehn Jahren die europische Defizitgrenze von drei Prozent eingehalten: Das Defizit lag bei 2,6 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP). Dieser Erfolg geht aber nicht auf Sparen zurck, sondern auf hhere Ein-nahmen dank des robusten Wirtschafts-wachstums um zwei Prozent.

    Ein Macron-Effekt in der Wirtschaft ist dennoch auszumachen: Vor dem Hintergrund des unternehmensfreund-lichen Kurses vertrauen Investoren Frankreich wieder, die Investitionen auslndischer Firmen sind so hoch wie seit 16 Jahren nicht. Deutsche Unternehmen etwa haben ihre Ausgaben zuletzt um neun Prozent gesteigert. Die strukturellen Pro-bleme Frankreichs sind deswegen natrlich nicht ver-schwunden: Die Handelsbilanz wies 2017 ein Minus von 62 Milliarden Euro aus; der Fehlbetrag wchst in guten Zeiten sogar, weil die heimische Wirtschaft kaum in der Lage ist, mit der steigenden Nachfrage mitzuhalten. Der Mittelstand ist unterentwickelt. Die Deindustrialisierung scheint unumkehrbar. Sorgen bereiten nicht nur die Staatsschulden, sondern auch die in der Niedrigzinsphase

    stark gestiegene Verschuldung von Unternehmen und Haushalten.

    DEUTSCHES VERTRAUEN ZURCKGEWINNENFrankreich ist traditionell einer der wichtigsten Abneh-mer deutscher Erzeugnisse, die teils auf Pump gekauft werden. Doch ebenso tief verankert ist der Argwohn deut-scher Finanzpolitiker gegenber franzsischen Vorschl-gen fr mehr wirtschaftliche Konvergenz in Europa also auch gegenber Macrons Idee eines eigenen Haushalts fr die Euro-Zone. Dahinter wittern sie den

    Versuch, massive Finanztransfers in-nerhalb der Whrungsunion einzurich-ten. Der Widerstand aus Deutschland ist so heftig, dass Macron hoffen muss, berhaupt einen franzsisch-deut-schen Kompromiss zur Strkung der krisenanflligen Euro-Zone zu erzie-len. Dabei ist vieles in seiner Wirt-schaftspolitik darauf ausgerichtet, deutsches Vertrauen zurckzugewin-nen. Die Einhaltung der EU-Defizit-grenze, die schnellen Reformen oder

    die Einwilligung in den Verkauf des franz-sischen Zugherstellers Alstom an Siemens will Macron als Ausweis seiner Seriositt verstanden wissen. Doch nach gut einem Jahr als wirtschaftspolitischer Erneuerer be-ginnen jetzt die Mhen der Ebene in Euro-pa ebenso wie im eigenen Land. Nun ist der Augenblick, in dem sich das europische Schicksal entscheidet, sagt Macron. Und das ist auch der Grund, warum ich die Re-formen in Frankreich umsetze. //

    AUTOR LEO KLIMM

    ist Wirtschaftskorrespondent der Sddeutschen Zeitung in Paris.

    2.292Milliarden Euro betrug das

    Bruttoinlandsprodukt (BIP) Frank-reichs nach Schtzungen des

    Institut national de la statistique et des tudes conomiques (INSEE). Demnach wuchs die Wirtschafts-

    leistung um 2,2 Prozent.

    Frankreichs Wirtschaft wchst, doch die Erfolge kommen nicht bei allen an: Streikende demonstrieren ihre Unzu friedenheit mit dem Reformkurs und kritisieren Einschrnkungen beim Arbeitnehmerschutz.

    Frankreich ist Deutschlands zweitwichtigster Handelspartner im Export und rangiert auf Rang drei beim Import.

    2016, Quelle: GTAI; * Vernderung gegenber 2015

    WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN ZU DEUTSCHLAND

    Auenhandel66 Mrd. Euro DEUTSCHE EINFUHR -1,7%*101 Mrd. DEUTSCHE AUSFUHR -1,6%*

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  • LNDERPROFIL // 15FRANKREICH

    14 // LNDERPROFILFRANKREICH

    HOCHSCHULE

    Im Wettbewerb um die Besten

    Frankreich setzt wie Deutschland bei seinen Hochschulen

    auf Internationalisierung und Exzellenz. Doch vieles macht

    das Nachbarland auch ganz anders.von Christian Thimme

    Frankreich hat eines der leistungsstrksten Hoch-schulsysteme der Welt. Zu den ersten europi-schen Universitten im Mittelalter gehrten Pa-ris, Montpellier und Toulouse. Die Namen vieler traditionsreicher Universitten und Forschungsinstitute sind nicht nur einem akademischen Publikum als exzel-lente Ausbildungs- und Forschungssttten bekannt. Dazu gehren die Sorbonne, das Institut Pasteur oder die seit dem 18. Jahrhundert gegrndeten Elitehochschulen wie die cole normale suprieure (ENS), das Institut d'tudes politiques de Paris (Sciences Po) und die Verwaltungs-hochschule cole nationale dadministration (ENA).

    Im Gegensatz zu Deutschland ist Frankreichs Bildungs- und Hochschullandschaft stark durch den franzsischen Zentralismus geprgt. Trotzdem sind die beiden Systeme in vieler Hinsicht vergleichbar und heben sich von den Hochschulen angelschsischer Prgung ab. Dies betrifft die weitgehende Gebhrenfreiheit der Bildung, die Zahl der Studierenden aus dem In- und Ausland und die Qualitt der Ausbildung. Zudem verfolgen beide Lnder hnliche Anstze, um die Attraktivitt des Hochschul standorts auf dem internationalen Bildungsmarkt zu steigern, etwa mit einer Exzellenzinitiative, der Strkung der Autonomie der Hochschulen und Hochschulmarketing.

    NOTWENDIGE, ABER UNGELIEBTE REFORMENFrankreich hat mehr als 4.600 ffentliche und private Hochschuleinrichtungen. An den 71 staatlichen Universi-tten sind 62 Prozent der 2,6 Millionen Studierenden ein-geschrieben. Neben den Universitten gibt es viele teils staatliche, teils private spezialisierte Hochschulen, die coles und grandes coles. Insbesondere die Letzteren fun-gieren als Ausbildungssttten fr die Fhrungseliten in Wirtschaft, Staat, Militr, Wissenschaft und Kultur. Das franzsische Hochschulsystem zhlt 266 Ingenieurhoch-schulen, 236 Handelshochschulen, 221 Kunsthochschulen und 22 Architekturhochschulen.

    Etwa 3.000 Hochschulen bieten berufsorientierte Studien-gnge an, die in Deutschland eher dem dualen Ausbil-dungssystem zugerechnet wrden. Fr den Zugang zum grundstndigen Studium an den Universitten gibt es bis-her kaum Zulassungsbeschrnkungen. Die Regierung von Emmanuel Macron hat hier einen vorsichtigen Reformver-such unternommen und ein unbeliebtes Losverfahren fr besonders nachgefragte Studiengnge abgeschafft. Die Reform setzt auf bessere Beratung und Vorbereitungskur-se fr die Bewerber, die kein ausreichendes Niveau fr bestimmte Studiengnge haben. Eine Zulassung ohne Auswahlverfahren sehen viele Studierende und Hoch-schullehrer allerdings als sakrosankt, ja gar als republika-

    nischen Wert an sich an. Jeder Versuch, hier nderungen einzufhren, fhrt in der Regel zu Streiks, die das Hoch-schulsystem lahmlegen. Eine Reform des Hochschul-zugangs erscheint jedoch notwendig, da nur 40 Prozent der Studierenden den bergang ins zweite Jahr der licence schaffen. Die Auswahl erfolgt also nachgeholt nach dem ersten Studienjahr. Die Mehrheit der Studienanfnger wird frustriert und verliert ein Studienjahr, gleichzeitig belastet das Verfahren das Hochschulsystem mit hohen Kosten.

    Die Zulassung zu den grandes coles erfolgt dagegen ber ein hochselektives Auswahlverfahren, die concours, de-nen meist zweijhrige Vorbereitungsklassen an ausge-whlten Gymnasien vorausgehen. Hier bewerben sich die leistungsstrksten und besten Schler, und die hohe Quali-tt der Ausbildung ist unbestritten. Die harten Aufnahme-bedingungen und die soziale Zusammensetzung dieser Eliteschulen sind jedoch oft Thema in der ffentlichen Dis-kussion. Anders als die Universitten erheben diese Hoch-schulen und Institute zum Teil hohe Studiengebhren.

    Das Studium gliedert sich in einen ersten, dreijhrigen Studienzyklus, der mit der licence, dem quivalent zum Bachelor, abschliet. Danach kann ein zweijhriger Mas-terstudiengang folgen. Man unterscheidet zwischen einem forschungsorientierten Master (master recherche) und ei-nem berufsorientierten Master (master professionel). Seit dem Studienjahr 2017/18 whlen die Hochschulen meist die Masterstudierenden aus. ber 1.000 Masterstudien-gnge werden in englischer Sprache angeboten. Eine be-sondere Abschlussform ist das diplme dtat, das u. a. nach einem Medizin- oder Architekturstudium sowie fr

    Zweierlei Ma: Fr Universitten lehnen viele ein Auswahlverfahren ab, an den grandes coles sind sie selbstverstndlich.

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    2016; Quelle: Ministre de l'ducation nationale

    585.500 GRANDES COLES (STAATLICH UND PRIVAT) 1.623.500 STAATLICHE

    UNIVERSITTEN

    66.200 ANDERE UNIVERSITRE EINRICHTUNGEN

    334.500 LYCES (STAATLICH UND PRIVAT)

    STUDIERENDE IN FRANKREICH

    2.609.700 GESAMTZAHL DER IMMATRIKULIERTEN

  • LNDERPROFIL // 17FRANKREICH

    16 // LNDERPROFILFRANKREICH

    Eine Exzellenzinitiative als Schritt der Hochschulen zum Weltniveau diesen Weg hat die franzsische Regierung ge-nau wie Deutschland vor knapp zehn Jahren eingeschlagen. Wie bewerten Sie den Erfolg? In beiden Lndern geht es bei der Exzellenzinitiative in erster Linie darum, herauszuarbei-ten, welche Hochschulen bereits hohes wissenschaftliches Niveau in der Forschung oder groes Potenzial besitzen. Doch mitentscheidend ist auch, wie die Hochschulen das an-gekndigte Projekt organisatorisch umsetzen wollen. In Deutschland war es ein groes Thema, wie Hochschulen die Situation junger Doktoranden, die Anstellungsverhltnisse von Frauen und die Internationalisierung verbessern wollen. In Frankreich hingegen gingen die Fragen wie so oft vor allem mit groen Erwartungen an einen Umbau der Hochschul-landschaft einher. Die Fusion von Universitten, Elitehoch-schulen und nationalen Forschungseinrichtungen wurde zum zentralen Punkt. Es ist dementsprechend undenkbar, dass sich eine Universitt im Alleingang um die Auszeich-nung IDEX, das quivalent zum deutschen Zukunftskonzept der Exzellenzinitiative, bewirbt. Es ist ein Konsortium von Ein richtungen an einem Standort, das die Bewerbung vorlegt und darber entscheidet, wer sich an dem IDEX-Antrag betei-ligen darf. Auch renommierten Einrichtungen gelingt es dabei nicht immer ohne Weiteres, das begehrte Label und damit verbundene Frdermittel zu erhalten. Wir mssen abwarten, wie sich diese Politik langfristig auswirkt. Dass bei Einrich-tungen, die von der Auszeichnung profitieren, Elan und Dyna-mik zu beobachten sind, lsst sich nicht leugnen. Aber ist die-se Impulswirkung auch in den anderen Universitten anzutreffen? Und geht es dem System insgesamt besser?

    Sie erwhnten die ComUE, regionale Verbnde, in denen sich Hochschulen und Institute in Frankreich vor einigen Jahren auf Wunsch der Politik zusammengeschlossen haben. Was hat sich seither verndert? Es gibt einige positive Effek-te wie neue Formen der Zusammenarbeit, eine bessere Orga-nisation der Ausbildungsangebote und strkere Vernetzung untereinander. Doch der Preis dafr erscheint mir zu hoch. Insbesondere die Kosten fr die Koordination sind enorm,

    auch weil sich Instanzen wie Senat und Universittsrat, Prsident und Vizepr-sident jetzt auf Universitts- und ComUE- Ebene doppeln. Dieses System kostet Zeit und Energie, besonders an Standorten mit vielen Einrichtungen. Von Seiten der Elitehochschulen gibt es durchaus Vorbehalte, sich an einem Mo-dell zu beteiligen, das ihnen fremd ist. Das kann man auch verstehen. Es htte eine Struktur entwickelt werden mssen, die weniger schwergngige Formen der Kooperation vorsieht und innovativere Modelle der Zusammenarbeit zulsst.

    Welche neuen Prioritten setzt die Regierung unter Prsident Emmanuel Macron in der Hochschulbildung? Bisher hat es keine ffentliche Erklrung gege-ben, in der ganz neue Leit linien formuliert wren. Daher kann ich dazu nichts Genaueres sagen. Ich habe den Ein-druck, dass die bisherigen Prmissen wie Internationalisie-rung, selektive Zuteilung finanzieller Mittel oder niedrige Ab-bruchquoten in licence-Studiengngen weiterhin gelten. Was sich jedoch allem Anschein nach gendert hat, ist die Art und Weise, wie in der Hochschulpolitik gehandelt wird prag-matischer, geschickter, vielleicht auch unbrokratischer. Statt im Vorfeld zu bestimmen, was getan werden muss, und den Beteiligten ein Einheitsmodell aufzuzwingen, geht die Tendenz eher in Richtung einer Experimentierphase. Das lsst den Akteuren die Mglichkeit, zu erneuern, zu erproben und Bewhrtes zu verstetigen. Ob das wirklich eintrifft, wird sich freilich erst zeigen. //

    Die Tendenz geht zu einer

    Experimentierphase

    Geht es dem Hochschulsektor besser,

    seit Frankreich ein Exzellenzprogramm

    hat? Christine Musselin, Vizeprsidentin

    fr Forschung an Sciences Po, gibt

    Einblicke in die aktuelle Diskussion. Interview Sarah Kanning

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    CHRISTINE MUSSELINist Vizeprsidentin fr Forschung

    an Sciences Po und Spezia listin

    fr die franzsische Hochschul-

    landschaft und -politik am Insti-

    tut fr Organisationssoziologie.

    Seit vielen Jahren untersucht

    sie Vernderungen in der Hoch-

    schulbildung und Forschung und

    vergleicht unterschiedliche

    Hochschulsysteme. 2017 hat sie

    ein Buch ber die tiefgreifenden

    Reformen im franzsischen

    Hochschulwesen verffentlicht:

    La grande course des univer-

    sits (Der groe Wettlauf der

    Universitten).

    soziale und knstlerische Studiengnge verliehen wird. Nach einem erfolgreichen Master kann eine Promotion an-geschlossen werden.

    Im Vergleich zu Deutschland ist die Zahl der Doktoranden deutlich geringer. 2015/16 waren knapp 75.000 Studieren-de in einem Promotionsstudiengang eingeschrieben, in Deutschland etwa 200.000. Dagegen interessieren sich mehr internationale Studierende fr eine Promotion. Jeder Doktorand ist in eine der 271 coles doctorales eingeschrie-ben. hnlich wie in Deutschland sind die Promotionsstel-len zunehmend verbreitet oder oft sogar Voraussetzung

    fr eine Einschreibung. Inzwi-schen werden etwa 73 Prozent der Doktoranden, die meisten ber sogenannte contrats doc-toraux, finanziert. In den Na-turwissenschaften liegt die Quote der Doktorandenstellen bei 90 Prozent, in den Geistes-wissenschaften bei lediglich 40 Prozent.

    INTERNATIONALISIERUNG, AUSTAUSCH, KOOPERATIONAuch in Frankreich spielt die Internationalisierung des Hochschulsystems und der Hochschulen eine wichtige Rolle. Ziel ist es, mit greren und leistungsfhigeren Hochschulen bei internationalen Rankings besser abzu-schneiden und die besten Studierenden und Nachwuchs-wissenschaftler nach Frankreich zu holen. Ein Hochschul-gesetz von 2013 verpflichtet Universitten und Institute, sich zu greren (regionalen) Einheiten zusammenzu-schlieen. Insgesamt sind 25 solcher Verbnde (commu-nauts duniversits et tablissements, ComUE) geschaffen worden. Fr die Teilnahme an der franzsischen Exzellenz-initiative (initiative d'excellence, IDEX) knnen sich aus-schlielich Hochschulverbnde bewerben. Bisher wurden in zwei Auswahlrunden elf Exzellenzverbnde ausge-whlt, die 7,7 Milliarden Euro Frderung erhalten. Zustz-lich erhalten auch ausgewhlte Forschungslabore (labora-toires dexcellence, LABEX) erhebliche Mittel. Ob sich aus allen ComUE wirkliche Zusammenschlsse von Hochschu-len ergeben werden, bleibt abzuwarten. In einzelnen Ver-bnden sind ber 15 teils weit auseinanderliegende Hoch-schulen und Institute unterschiedlichster Disziplinen und Leistungsfhigkeit zusammengefasst. Einigen Institutio-nen droht allerdings der Verlust ihrer Rechtspersnlich-keit, wenn kein Zusammenschluss erfolgt. Eine nachhalti-gere Vernderung der Hochschullandschaft ist vermutlich am strksten von den wirklichen Zusammenschlssen wie der Universit dAix-Marseille, der Universit de Bordeaux, der Universit de Strasbourg oder der Anfang 2018 erfolg-ten Vereinigung der Universit Paris-Sorbonne mit der Universit Pierre et Marie Curie zur Sorbonne Universit zu erwarten. Dort haben sich lokale Universitten, die im

    Zuge der Hochschulreform von 1968 aufgespaltet wurden, zu Volluniversitten zusammengeschlossen. Die genann-ten Universitten konnten als einzige bereits die Mittel der Exzellenzinitiative verstetigen und rechnen sich Chancen auf gute Pltze in den Rankings aus.

    Als Gastland fr auslndische Studierende liegt Frank-reich nach Angaben der UNESCO vor Deutschland welt-weit an vierter Stelle. Die Austauschbilanz mit Deutsch-land, das als Herkunftsland an siebter Stelle liegt, ist relativ ausgeglichen. Etwa 8.500 Studierende sind jeweils im Nachbarland eingeschrieben. Die franzsische Agentur Campus France betreibt intensives Marketing fr den Bil-dungsstandort Frankreich und vergibt Stipendien.

    Auch wenn die Auslandsgermanistik auf dem Rckzug ist, besteht in Frankreich ein beeindruckender Deutschlandbe-zug an den Hochschulen. An 33 Germanistik-Fakultten studieren rund 1.200 junge Menschen. Oft gibt es neben der klassischen Germanistik Studiengnge in Angewand-ten Fremdsprachen (langues trangres appliques, LEA), in denen auch Wirtschaft Teil des Curriculums ist, oder neue licence-Studiengnge auf Deutsch und Englisch. Be-sonders an den Wirtschafts- und Ingenieurhochschulen ist Deutsch bei Hrern aller Fakultten stark gefragt. Hinzu kommen die Doppelabschlussstudiengnge der Deutsch-Franzsischen Hochschule (DFH), in denen Deutsch eine groe Rolle spielt (siehe Seite 22). Neben dem DAAD und der DFH frdern viele weitere Organisationen den Austausch. An erster Stelle sind dies das Deutsch-Franzsische Jugendwerk, das Goethe-Institut, das Deutsche Historische Institut sowie das vom DAAD gefrderte Zentrum fr interdisziplinre Ausbildung und Forschung in den Geistes- und Sozial-wissenschaften (CIERA). //

    Exzellente Ausbildung: Die Sorbonne in Paris gehrt zu den renommiertesten Universitten in Europa.

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    40Prozent der Doktoranden in

    Frankreich kommen aus dem Aus-land. In Deutschland haben nur

    etwa 15 Prozent eine auslndische Staatsangehrigkeit.

    AUTOR DR. CHRISTIAN THIMME

    leitet die DAAD- Auenstelle Paris seit

    2017.

  • 18 // LNDERPROFILFRANKREICH

    Unsere Studierenden werden in beiden Rechtssystemen hervorragend ausgebildet. Das macht sie sehr interessant fr Unternehmen und fr Kanzleien, die sich mit deutsch-franzsischen Wirtschaftsbeziehun-gen oder Rechtsthemen der Europischen Union beschftigen. Weil die Absolventen schon viele fachliche Kenntnisse mitbringen und bei-de Sprachen perfekt beherrschen, knnen sie direkt in den entspre-chenden Bereichen eingesetzt werden.

    Der grundstndige Studiengang Rechtswissenschaften der Universitt zu Kln und der Universit Paris 1, den die Deutsch-Franzsische Hoch-schule frdert, wurde 1990 ins Leben gerufen. Pro Jahrgang nehmen jeweils etwa 30 Studierende aus Deutschland und Frankreich daran teil. In den ersten vier Semestern in Kln besuchen sie dieselben Vorlesun-gen wie die anderen Jurastudenten und beschftigen sich zustzlich mit franzsischem Recht. Danach gehen sie nach Paris. Dort gibt es fr das dritte und vierte Studienjahr ein eigenes Curriculum, bei dem Zivil-recht vor allem internationales Privatrecht im Mittelpunkt steht. Die Absolventen erhalten ein Doppeldiplom, die matrise en droit und den Bachelor of Laws. Damit stehen ihnen viele Mglichkeiten offen: Sie knnen das erste juristische Staatsexamen in Deutschland machen, eine Richter- oder Anwaltsschule in Frankreich besuchen oder direkt in den hheren Dienst beim Auswrtigen Amt oder in ein Traineepro-gramm in der Wirtschaft einsteigen.

    Seit 2009 bieten die Universitten Kln und Paris 1 auch ein gemein-sames einjhriges Aufbaustudium an, das Deutsch-Franzsische Mas-terstudium Wirtschaftsrecht. Die Seminare finden in Kln statt, das Pflichtpraktikum in Frankreich, ihre Masterarbeit schreiben die Stu-dierenden an der Sorbonne. Ursprnglich richtete sich der Studien-gang an Absolventen des gemeinsamen Bachelorstudiengangs. Heute bewerben sich Interessenten aus ganz Deutschland und Frankreich, aus Luxemburg und sogar aus Afrika.

    Die Universitt Mainz arbeitet schon sehr lange eng mit der Universi-t de Bourgogne zusammen. Wir sind stolz auf diese Kooperation, denn im Lauf der Jahre ist sie ein Aushngeschild fr unsere Univer-sitt geworden und zieht Studieninteressierte aus ganz Deutschland an. 1977 wurde die Hochschulpartnerschaft zwischen Mainz und Di-jon begrndet. Seit 1990 bieten wir gemeinsame integrierte Studien-gnge in unterschiedlichen Fachrichtungen an: Neben Romanistik und Germanistik gehren Philosophie, Englisch und American Stu-dies, Komparatistik, Geschichte und Geographie dazu. Daraus ergab sich ganz natrlich die Idee zu einem gemeinsamen interdisziplin-ren Doktorandenprogramm. Das Kolleg Konfigurationen im Wandel: Austausch, Variation, Identitt wurde 2011 gegrndet und wird seit-dem kontinuierlich von der Deutsch-Franzsischen Hochschule gefr-dert. Teilnehmen knnen Doktoranden aus allen Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften, deren Forschung einen Bezug zum Partnerland oder zu deutsch-franzsischen Fragestellungen hat. Das Themenspek-trum ist also sehr breit, und genau das macht unser Kolleg besonders.

    Jedes Jahr haben die rund 30 Teilnehmer Gelegenheit, ihre Arbeit ein-ander auf einem Workshop vorzustellen, der abwechselnd in Deutsch-land und Frankreich stattfindet. In der kritischen Diskussion zeigt sich immer wieder, dass die Interdisziplinaritt neue, ungeahnte Pers-pektiven erffnet. Zum Beispiel kann eine Kunstwissenschaftlerin einem Literaturwissenschaftler eine Anregung zu seinem Thema ge-ben und umgekehrt. Die Mobilittsstipendien sind fr die Teilnehmer besonders wichtig. Alle gehen zu Forschungsaufenthalten ins Partner-land die meisten fr ein paar Wochen, manche fr ein ganzes Jahr und lnger. Das Kolleg bietet auch die Mglichkeit einer binationalen Promotion, der cotutelle de thse. Das ist zwar fr die Teilnehmer mit brokratischem Aufwand verbunden, erffnet aber in beiden Lndern Chancen fr eine wissenschaftliche Karriere.

    MEIN TIPP Fr eine umfassende Betreuung der Studierenden und eine reibungslose Organisation

    sind regelmige Treffen und ein reger Austausch wichtig sowohl auf Ebene der Programmleitung als auch auf Ebene der Dozenten und der Studiengangbros an den

    Universitten. MEIN TIPP Beim Aufbau einer Kooperation sollte man sich nicht nur auf Frdermittel von auen verlassen. Die Leitungen beider Hochschulen mssen davon berzeugt

    werden, die mit der Kooperation verbundenen Daueraufgaben langfristig zu finanzieren.

    PROF. DR. DR. H. C. BARBARA DAUNER-LIEB ist Direktorin des Instituts fr Arbeits- und Wirtschaftsrecht der

    Universitt zu Kln und Programmbeauftragte fr zwei deutsch-franz-

    sische Studiengnge in Jura mit der Universit Paris 1 Panthon-Sorbonne.

    PROF. DR. WINFRIED ECKEList Programmbeauftragter fr das Deutsch-Franzsische

    Doktorandenkolleg in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften

    Mainz-Dijon.

    HOCHSCHULE

    Chancen in beiden Lndern

    Drei Wissenschaftler mit intensiven Erfahrungen in der

    deutsch-franzsischen Kooperation berichten aus ihrer Arbeit und

    geben Tipps fr einen erfolgreichen Austausch.Protokolle Miriam Hoffmeyer

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    Andreas Saldavs Kommunikation

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    LNDERPROFIL // 19FRANKREICH

  • LNDERPROFIL // 21FRANKREICH

    Neue internationale Kontakte Ich bin in einer deutsch-franzsischen Familie nahe der Grenze aufgewachsen. Deshalb ist Deutschland fr mich kein besonders exotisches Studienland. Trotzdem gab es viele berraschungen, als ich zum ersten Mal an einem Austauschprogramm teilnahm und das deutsche Hochschulsystem kennenlernte. Be-eindruckt hat mich die Diskussionskultur: In Frank-reich spielt Frontalunterricht eine zentrale Rolle, die Studierenden erwarten von den Dozenten, dass sie ih-nen viel Input geben. In Deutschland habe ich ge-lernt, mich ohne Scheu in Debatten einzubringen. Das war wichtig fr meine Entscheidung, einen Gro-teil meiner Promotionszeit in Jena zu verbringen: In meiner kleinen Forschungsgruppe wird sehr viel dis-kutiert, auch in Kolloquien und Tagungen bekommt man viele kritische Rckmeldungen, die die eigene Arbeit entscheidend voranbringen.

    Dass ich mich fr eine Promotion im binationalen Cotutelle-Verfahren zwischen Paris und Jena entschie-den habe, hat auch mit meinem Forschungsfeld als Komparatistin zu tun. Ich befasse mich mit dem Be-griff der Klassik da sind Jena und Weimar bedeuten-de Orte. In den Archiven hier habe ich viele wichtige Quellen gefunden. Dieser Aspekt gefllt mir ohnehin: Es gibt in ganz Deutschland gut ausgestattete For-schungseinrichtungen und Bibliotheken, nicht nur in der Hauptstadt. In Frankreich ist Forschung in den Geisteswissenschaften ohne Zugang zur Pariser Natio-nalbibliothek kaum vorstellbar. Durch die Cotutelle konnte ich viele Kontakte auch in Polen und sterreich knpfen. Mit einigen Kollegen haben wir schon neue Kooperationsprojekte geplant. Ich durfte in Jena auch einige Seminare geben: Was ich gelernt habe, mchte ich nun in der Lehre in Frankreich anwenden.

    SOPHIE PICARD promoviert seit 2015 an der Friedrich-Schiller-Universitt Jena

    und der Sorbonne Universit in Paris in vergleichender Literatur-

    wissenschaft. Das Cotutelle- Verfahren fhrt zu zwei von bei-den Universitten verliehenen Doktorgraden.

    Viehseuchen schaden nicht nur den Tieren und richten groen kono-mischen Schaden an einige dieser Krankheiten knnen auch fr Menschen gefhrlich werden. Wie sich Seuchen im Viehbestand aus-breiten, wurde bisher nur auf nationaler Ebene erforscht, nicht lnder-bergreifend. Unsere Forschungsgruppe am Gesundheitsforschungs-institut Inserm und die Theoretischen Physiker von der AG Empirische Netzwerke und Neurodynamik an der Technischen Universitt Berlin haben in diesem Bereich gemeinsame Forschungsziele, deshalb woll-ten wir unbedingt eine neue Kooperation starten. Das deutsch-franz-sische Forschungsfrderprogramm Procope hat uns das ermglicht. Seit 2016 arbeiten wir im Projekt Strategien zur Kontrolle von Krank-heitsausbreitung in zeitabhngigen Netzwerken zusammen. Physiker, Lebenswissenschaftler, Informatiker und Gesundheitswissenschaft-ler entwickeln gemeinsam ein umfassendes theoretisches Modell, das es erlaubt, Daten ber die Ausbreitung von Viehseuchen in zwlf europischen Lndern vergleichend zu analysieren. So werden Ge-meinsamkeiten und Unterschiede sichtbar und ihr Einfluss auf das Seuchenrisiko kann verstanden werden. Unser Ziel ist die Einrich-tung einer ffentlich zugnglichen Sammlung von Algorithmen und Werkzeugen, um die Prvention und die gezielte Bekmpfung der Seuchen zu verbessern.

    Seit 2017 haben wir mit dem Veterinary Public Health Institute der Universitt Bern einen dritten Partner. Zweimal pro Jahr treffen sich die Forschungsgruppen fr ein paar Tage in Berlin oder Paris, um ber die aktuellen Ergebnisse zu diskutieren und fr die nchsten Mo-nate zu planen. Unsere Nachwuchswissenschaftler knnen dank Pro-cope mehrwchige Forschungsaufenthalte an der Partnereinrichtung verbringen. Das ist fr sie eine sehr wichtige Erfahrung, denn so ler-nen sie verschiedene Forschungsperspektiven und Herangehenswei-sen kennen.

    MEIN TIPP Gleich zu Beginn des gemeinsamen Projekts sollte man einen genauen Zeitplan aufstellen:

    Wer reist wann und fr wie lange zum Kooperations-partner? Das ist unglaublich wichtig, weil alle

    Beteiligten noch andere Projekte, Konferenzen und Lehrverpflichtungen haben und die Zeit vergeht

    viel schneller, als man denkt!

    DR. VITTORIA COLIZZAleitet die Forschungsgruppe Epidemics in Complex Environments

    am Institut national de la sant et de la recherche mdicale (Inserm).

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    LNDERPROFIL // 21FRANKREICH

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    Beeindruckende OffenheitHinter einem kunstvoll verzierten schmiedeeisernen Tor in Straburgs Altstadt verbirgt sich eine der be-kanntesten grandes coles: Die Verwaltungshochschu-le cole nationale dadministration (ENA) ist in einem ehemaligen Gefngnis untergebracht. Die Erfahrun-gen, die ich whrend des Aufbaustudiums im interna-tionalen Programm an der ENA gemacht habe, waren aber nicht von der Vergangenheit des Gebudes ge-prgt, sondern von den Begegnungen mit vielen talen-tierten jungen Menschen. Am Anfang konnte ich es kaum erwarten, auf den Bnken Platz zu nehmen, auf denen schon viele namhafte Politiker des Landes und einige Staatsprsidenten gesessen haben. Fr internati-onale Studierende bietet das Studium hier eine einma-lige Gelegenheit, das politische System Frankreichs von innen kennenzulernen und wirklich zu verstehen.

    Verwaltungsrecht, ffentliche Haushaltsordnung und Personalmanagement sind auf den ersten Blick keine Fcher, die scharenweise Studierende anlocken. Aller-dings gehren sie zur Basis fr das umfassende Ver-stndnis von staatlichen Prozessen und sind auch die Grundlage, um spter selbst eine aktive Rolle mit f-fentlicher Verantwortung zu bernehmen. An der ENA konnte ich all das angewandt auf reale Flle des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens Frankreichs und Europas erfahren. Dieser Praxisbe-zug gehrt an der Hochschule zum Selbstverstndnis. Das ins Programm integrierte Praktikum an der Stn-digen Vertretung Frankreichs bei der EU in Brssel war der Hhepunkt der Ausbildung. Wann erhlt man als auslndischer Studierender schon so tiefe Einblicke in die politischen Strukturen und die Diplo-matie eines anderen Staates? Die Offenheit der Fran-zosen hat mich beeindruckt. Ich habe mich in Frank-reich nicht als Fremder gefhlt, sondern als Kommilitone, Kollege und Freund, der mitarbeitet an den Herausforderungen, vor denen Europa steht.

    AXEL LEISENBERG hat an der Freien Universitt Berlin Politik-wissenschaft studiert und von 2016 bis 2017 am internationalen Zyklus der franzsischen Verwaltungshochschule cole nationale d'administration (ENA) in Straburg teilgenommen. Er ist heute Wissenschaftlicher Mitarbeiter fr europische Forschungspolitik im DLR Projekttrger, dem EU-Bro des BMBF, in Bonn.

    privat

    20 // LNDERPROFILFRANKREICH

  • LNDERPROFIL // 23FRANKREICH

    22 // LNDERPROFILFRANKREICH

    Sozialwissenschaften. Der DAAD unterhlt mit aktuell 44 Lektoraten (darunter zehn Fachlektorate) in Frankreich das dichteste DAAD-Lektorennetzwerk weltweit. Damit kann der DAAD bei der Beratung deutscher Hochschulen auf ein sehr detailliertes Erfahrungswissen zu vielen franzsischen Hochschulstandorten zurckgreifen.

    Neben der berregionalen Frderung, die vor allem vom DAAD, dem Programm Erasmus+ und der DFH unter-sttzt wird, gibt es auch viele regionale Initiativen. So ar-beiten im Rahmen der Universitt der Groregion (Uni-GR) die Universitten des Saarlands, Kaiserslautern, Trier, Lothringen (Metz und Nancy) sowie die Universitten Lttich und Luxemburg zusammen. Ein Ziel des trinatio-nalen Verbunds Eucor The European Campus von fnf Universitten am Oberrhein (Universitten Basel, Frei-burg, Haute-Alsace und Strasbourg sowie das Karlsruher Institut fr Technologie, KIT) ist, einen Hochschulver-bund mit eigener Rechtspersnlichkeit zu grnden, um gemeinsam Frderantrge auf europischer Ebene stellen zu knnen. Der Austausch zwischen Studierenden und Wissenschaftlern aus Bayern und Frankreich wird durch das Bayerisch-Franzsische Hochschulzentrum mit Sitz in Mnchen untersttzt.

    ANGEBOTE FR LEISTUNGSSTARKE STUDIERENDE Die deutsch-franzsische Kooperation erstreckt sich auf alle Fachgebiete, aber gerade in den Ingenieurwissen-schaften geniet Deutschland einen besonders guten Ruf. Dies ist umso bemerkenswerter, da man sich in Frank-reich durchaus der Spitzenstellung der eigenen Ingeni-eurskunst bewusst ist. Allerdings tun sich Studierende aus den angesehenen Ingenieurhoch-schulen manchmal schwer, sich fr ei-nen Aufenthalt in Deutschland zu ent-scheiden. Der Grund liegt im uerst selektiven Auswahlverfahren fr die Aufnahme an diesen Einrichtungen: Studierenden, die sie mit Erfolg durch-laufen haben, mchten den errungenen Platz ungern auch nur fr kurze Zeit aufgeben. Ein Austausch im Rahmen eines strukturierten Programms ist oft die einzige Mglichkeit, gerade leis-tungsstarke Studierende zu gewinnen.

    In Frankreich erfreuen sich Bildungs-messen groer Beliebtheit und stellen, trotz der Informationsangebote im In-ternet, ein wichtiges Instrument dar. So ist der DAAD auf vielen Messen im Land vertreten und informiert dort ber Studien- und Forschungsmglich-keiten in Deutschland. Eine weitere Mglichkeit, um ber Studienangebote zu informieren, ist die Anzeigenschal-

    den zweijhrigen Kurzstudiengngen, die zu den Ab-schlssen brevet de technicien suprieur (BTS) und dipl-me universitaire de technologie (DUT) fhren, haben die Regierungen beider Lnder Vereinbarungen zur Anerken-nung von Abschlssen und Studienzeiten unterzeichnet. Allerdings knnen mehrere Hochschularten, darunter die universits und die coles sowie eine bemerkenswerte Viel-falt von Studiengngen innerhalb einzelner Fachrichtun-gen die Wahl des geeigneten Kooperationspartners manch-mal zu einer komplexen Angelegenheit machen.

    REICHE KOOPERATIONSLANDSCHAFTBei keinem anderen Land knnen deutsche Hochschulen auf einen so reichen Erfahrungsschatz an bilateraler Zu-sammenarbeit zurckgreifen: Derzeit bestehen mehr als 2.800 Hochschulkooperationen; damit nimmt Frankreich als Kooperationspartner fr deutsche Hochschulen mit Abstand den ersten Rang ein. Insbesondere die Deutsch-Franzsische Hochschule (DFH), ein Netzwerk, das 183 Doppeldiplomstudiengnge an 186 Mitgliedshochschulen unter seinem Dach vereint, ist eine einmalige Einrichtung und steht fr die herausragende Qualitt der deutsch-fran-zsischen Kooperation. Viele dieser exzellenten Studien-gnge, die von der DFH evaluiert und gefrdert werden, knnen als Anregung fr neue Projekte und Best-Practice-Beispiele dienen. Daneben untersttzt das interdisziplinre Zentrum fr Deutschlandstudien und -forschung CIERA, das vom DAAD und dem franzsischen Bildungsministe-rium initiiert und gefrdert wird, durch die Vernetzung und Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern die franzsische Deutschlandforschung in den Geistes- und

    Die Beziehungen zwischen den Nachbarlndern Frankreich und Deutschland sind auf allen Ebenen sehr ausgeprgt; es gibt enge Verflech-tungen in Politik, Wirtschaft und Kultur. Dies trifft insbesondere auch auf den Hochschulbereich zu: Die Organisation der nationalen Hochschulsysteme h-nelt sich so stark, dass ein reger Austausch und Koopera-tionen unter sehr gnstigen Bedingungen stattfinden knnen. Der Staat ist auch in Frankreich nahezu alleini-ger Trger des Hochschulsystems, und auch das dreistufi-ge System (licence, master, doctorat) findet Anwendung. In Feldern, in denen es auf franzsischer Seite Abwei-chungen von diesem Schema gibt, wie zum Beispiel bei

    tung auf der Website des DAAD Frankreich oder in ein-schlgigen Publikationen, wie den zahl reichen fachspezifi-schen Studienfhrern, die sich an ein studentisches Publikum richten (z. B. Publikationen der Verlagshuser ltudiant oder Studyrama).

    DIE LEITUNGSEBENE EINBEZIEHEN Bei den fr internationale Kooperation zustndigen Mit-arbeitern franzsischer Hochschulen ist Englisch im Nor-malfall ausreichend, um problemlos zu kommunizieren. Dennoch kann es (nicht nur) bei der Kontaktanbahnung von Vorteil sein, einen Mitarbeiter mit franzsischen Sprachkenntnissen mit an Bord zu haben. Generell wird es von der franzsischen Seite gern gesehen, wenn man sich sprachlich bemht. Zudem sollte gerade die erste Kontaktaufnahme nicht zu informell gestaltet sein. Wenn die Vorgesprche erfolgreich verlaufen sind und es zu ei-nem Treffen an der zuknftigen franzsischen Partner-hochschule kommt, werden auslndische Gste immer gern Vorgesetzten und Vertretern der Leitungsebene vor-gestellt. Dies ist wichtig, weil die Gesprchspartner auf der Verhandlungsebene oft weniger Autonomie haben, Entscheidungen zu fllen, als ihr deutsches Gegenber. Gesprchsergebnisse mssen meist noch von Vorgesetz-ten und einer Reihe von Gremien gebilligt werden.

    Mit rund einer Million Deutschlerner bietet Frankreich noch immer ein ausreichendes Potenzial an Interessen-ten fr deutschsprachige Studienangebote; oft entschei-den sich gerade leistungsstarke Schler fr Deutsch als Fremdsprache. Dennoch wecken englischsprachige Angebote deutscher Hochschulen, vor allem Masterstu-

    diengnge in den Wirtschafts- und In-genieurwissenschaften, ein gewisses Interesse beim franzsischen Publi-kum. Hier sollte man sich Rat einho-len, wie die Zielgruppe am besten zu erreichen ist. Der DAAD steht dafr gern zur Verfgung.

    Fazit: In der Hochschulkooperation mit Frankreich gibt es eine Vielzahl sehr gut funktionierender und erfolgreicher Projekte und Konzepte, so lassen sich leicht Anknpfungspunkte finden, um neue Projekte zu entwickeln oder den Austausch auf weitere Bereiche auszudehnen. Das Interesse hieran ist auf beiden Seiten sehr gro, und anhand der di-versen bereits umgesetz-ten Kooperationen lsst sich ablesen, dass die Er-folgsaussichten vielver-sprechend sind. //

    Viele Mglichkeiten: Die Zahl der Hochschulkooperationen zwischen Deutschland und Frankreich ist hoch, entsprechend vielfltig ist das Angebot fr Studierende.

    HOCHSCHULE

    Enge BeziehungFrankreich und Deutschland stehen sich

    nah auch im akademischen Austausch.

    Trotzdem gibt es einige Herausforderungen

    fr Hochschulkooperationen.von Kilian Quenstedt und Laura Tierling

    AUTOREN KILIAN QUENSTEDT

    ist Marketingbeauftrag-ter und zustndig fr den Informations- und Doku-

    mentationsservice der DAAD-Auenstelle Paris.

    LAURA TIERLINGarbeitet als Praktikantin

    an der Auenstelle.

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    39franzsische Hochschulen sind in

    den QS World University Rankings 2018 gelistet: Die besten Pltze be-legen die cole normale suprieure, Paris (Rang 43), die cole polytech-nique Universit Paris-Saclay (59)

    und die Universit Pierre und Marie Curie (UPMC, 131). 31 fran-zsische Universitten sind unter den 1.102 Hochschulen der Times

    Higher Education World University Rankings 2018. Die besten sind die

    Paris Sciences et Lettres (72), die cole polytechnique (115) und die

    UPMC (123). Unter den Top 500 des Academic Ranking of World Univer-sities 2017 stehen 20 Hochschulen, vorn die UPMC (40), die Universit

    Paris-Sud (41) und die cole normale suprieure, Paris.

  • LNDERPROFIL // 25FRANKREICH

    24 // LNDERPROFILFRANKREICH

    FORSCHUNG

    Die Krfte bndelnDeutschland und Frankreich setzen in der Wissenschaft

    auf Zukunftsthemen und tauschen sich in ihren Forschungs- und

    Innovationsstrategien eng aus. von Carola Dorner

    Die neue Bundesforschungsministerin Anja Karliczek war gerade ein paar Wochen im Amt, als ihre erste Auslandsreise sie im Mrz 2018 nach Paris fhrte. Sie traf sich mit Staats-prsident Emmanuel Macron und ihrer franzsischen Amtskollegin Frdrique Vidal. Auf der Agenda standen knftige Kooperationen zu zukunftsweisenden Themen. Es ging vor allem um die franzsische Strategie zur Knstlichen Intelligenz eines der Forschungsfelder, in denen Deutschland und Frankreich noch enger zusam-menarbeiten mchten. Fr beide Lnder steht der Nut-zen der neuen Technologien fr die Menschheit im Mit-telpunkt, betonte Karliczek. Lassen Sie uns gemeinsame Projekte definieren, unsere Einrichtungen vernetzen und gemeinsam neue Strukturen zum Transfer in die Wirt-schaft schaffen.

    Das Treffen in Paris und das Verspre-chen gemeinsamer Forschung sind bei-spielhaft fr das Verhltnis zwischen Deutschland und Frankreich in der For-schungspolitik. Beide Lnder wollen die Kompetenzen bndeln, mit ihren Kooperationen in die Wirtschaft und nach Europa hineinwirken. Sie erneu-ern damit ein Versprechen, das bereits 55 Jahre alt ist: 1963 unterzeichneten Charles de Gaulle und Konrad Adenau-er in Paris den Elyse-Vertrag. Er gilt seitdem als Basis der besonders engen Verbindung zwischen den Nachbarln-dern. Anfang 2018 erklrten der Deut-sche Bundestag und die Franzsische Nationalversamm-lung, den Vertrag innerhalb eines Jahres zu erneuern, um die Zusammenarbeit noch weiter zu vertiefen. Die The-men Bildung, Forschung und Innovation sollen auch in der Weiterentwicklung des Elyse-Vertrags zentral veran-kert werden.

    Gemeinsame Ministerrte und die seit 2002 alle drei bis vier Jahre stattfindenden Foren zur deutsch-franzsi-schen Forschungskooperation setzen immer wieder neue

    Impulse. Erst 2017 wurde ein neuer Meilenstein zur deutsch-franzsischen Zusammenarbeit gelegt und eine engere Zusammenarbeit in der Klima- und Energiefor-schung sowie auf dem Gebiet der Infektionsforschung beschlossen.

    ZEHN VORRANGIGE FORSCHUNGSFELDERDie Verantwortung fr Forschung, Wissenschaft und Bil-dung liegt in Frankreich vor allem bei der nationalstaatli-chen Regierung. Bei den Bruttoinlandsaufwendungen fr Forschung und Entwicklung (FuE) belegt Frankreich in Europa Platz sieben, bei der Anzahl der wissenschaft-lichen Verffentlichungen weltweit Platz sechs. Die im Mrz 2015 verffentlichte franzsische Stratgie natio-nale de recherche (SNR) definiert zehn gesellschaftliche

    Herausforderungen und Handlungsori-entierungen fr die Forschung. Zu den prioritren Themen zhlen Klima und Ressourcen, Energie, industrieller Aufschwung, Gesundheit, Diversitt, Lebensmittelsicherheit, Mobilitt, In-formations- und Kommunikationstech-nologie, Raumfahrt und Sicherheit.

    Forschung wird in Frankreich vor al-lem in aueruniversitren Forschungs-einrichtungen vorangetrieben. Aber auch an den Universitten wird ge-forscht. Oft handelt es sich bei den Pro-jekten um sogenannte units mixtes de recherche Kooperationen, in denen Forscher der grten aueruniversit-

    ren Forschungseinrichtung, des Centre national de la re-cherche scientifique (CNRS), mit Wissenschaftlern an Universitten zusammenarbeiten. Drittmittel fr diese units mixtes de recherche und andere Forschungsprojek-te knnen bei der Nationalen Frderungsagentur Agence nationale de la recherche (ANR) eingeworben werden, die im Zentrum des franzsischen Forschungssystems steht.

    Das CNRS fllt in die alleinige Zustndigkeit des Ministe-riums fr Hochschulwesen, Forschung und Innovation

    (MESRI), das auch fr weitere aueruniversitre For-schungseinrichtungen zustndig ist. Dazu gehren etwa das Nationale Institut fr Demografische Forschung (INED) oder das Polarinstitut Paul Emile Victor (IPEV). An-dere Forschungseinrichtungen werden zustzlich zum MESRI durch die jeweiligen Fachministerien finanziert. Zu nennen wren beispielsweise die Behrde fr Atom- und erneuerbare Energie (CEA), das Nationale Forschungs-zentrum fr Luft- und Raumfahrt (ONERA), das Institut zur Nutzung der Meere (IFREMER), das Nationale Institut fr Agronomieforschung (INRA), das Nationale For-schungsinstitut fr Agrar- und Umwelttechnik (IRSTEA), das Nationale Forschungsinstitut fr Informatik und Auto-matisierungsforschung (INRIA) und das Nationale Institut fr Gesundheit und medizinische Forschung (INSERM).

    In der Gesundheitsforschung spielen auch die 1887 ge-grndeten Pasteur-Institute mit ihrem Netzwerk von Aus-landsinstituten sowie das 1920 gegrndete Institut Curie eine wichtige Rolle. Sie sind als private gemeinntzige Einrichtungen organisiert und daher keinem Ministeri-um zugeordnet, erhalten aber neben privaten Spenden auch Mittel der Regierung.

    INTERNATIONAL RENOMMIERTE INSTITUTEDie Bedeutung des CNRS reicht weit ber Frankreich hinaus. Es zhlt zu den wichtigsten Forschungseinrich-tungen weltweit und kommt bei internationalen Ran-kings immer auf einen der vorderen Pltze. Auch in der Zusammenarbeit mit Deutschland ist es ein zentraler Ak-teur: Das CNRS unterhlt enge Verbindungen zu allen groen aueruniversitren Forschungsorganisationen in Deutschland. So meldete die Max-Planck-Gesellschaft 430 deutsch-franzsische Kooperationsprojekte im Jahr 2017. Sie unterhlt auerdem ein sozialwissenschaftliches For-

    schungscenter mit Sciences Po in Paris. Eine langjhrige und enge Zusammenarbeit verbindet auch die Fraunho-fer-Gesellschaft und die franzsischen Carnot-Institute. Derzeit gibt es in Frankreich 29 Carnot-Institute und neun assoziierte Institute. Das Fraunhofer-Institut fr Lasertechnik unterhlt eine eigene Auenstelle in Frank-reich und weitere Fraunhofer-Institute pflegen enge Be-ziehungen zu franzsischen Forschungseinrichtungen und Industriepartnern.

    Auch zwischen der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren und franzsischen Forschungsein-richtungen bestehen seit ber 40 Jahren enge Verbindun-gen. Besonders intensiv ist die Zusammenarbeit in Medi-zin und Gesundheitsforschung, in der physikalischen Grundlagenforschung, der Luft- und Raumfahrtfor-schung, den Meeres- und Geowissenschaften. Die Leib-niz-Gemeinschaft besetzt in den deutsch-franzsischen Projekten vor allem die Themen Biodiversitt, Ernhrung, Umwelt, Klimawandel, Landwirtschaft, Bodenbewirt-schaftung und Wirtschaftsforschung.

    BREITES SPEKTRUM, ENGE KOOPERATIONDas Feld der deutsch-franzsischen Wissenschaftszusam-menarbeit ist so weit und divers, wie Forschung nur sein kann und so intensiv, wie es bei kaum zwei anderen Lndern der Fall ist. Sie beschrnkt sich keineswegs auf die Natur- und Technikwissenschaften. Das binationale sozialwissenschaftliche Centre Marc Bloch besteht schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert (siehe Seite 27). Auch das Institut franco-allemand de sciences historiques et sociales (IFRA) in Frankfurt stellt die geisteswissen-schaftliche Forschung in den Mittelpunkt, wichtige Ak-teure in den Kultur- und Geisteswissenschaften sind zu-dem das Forum fr Kunstgeschichte und das Deutsche Historische Institut in Paris. Bei den Nach-wuchswissenschaftlern setzt wiederum die Deutsch-Franzsische Hochschule an (siehe Seite 22).

    Es gibt in der deutsch-franzsischen Wis-senschaftszusammenarbeit groe Leucht-turmvorhaben und eine Vielzahl kleiner Projekte und Zusammenschlsse und im-mer wieder neue Impulse aus der Wissen-schaft, der Industrie oder aus der Politik. Nicht selten springen diese ursprnglich bi-lateral gezndeten Funken weiter auf euro-pische oder sogar globale Ebene. //

    56Prozent der Mittel fr Forschung

    und Entwicklung in Frankreich stammen von Unternehmen. Den

    zweithchsten Anteil trgt der Staat (34 Prozent), die Hoch-

    schulen steuern 1 Prozent bei. 1 Prozent der Mittel kommt eben-

    falls von gemeinntzigen privaten Orga nisationen. Ein Anteil

    von 8 Prozent stammt aus Frder mitteln aus dem Ausland.

    Quelle: Unesco Institute for Statistics

    Forschung auf hchstem Niveau: Die Institute des CNRS schneiden in internationalen Rankings gut ab und sind eng mit deutschen Partnern vernetzt.

    AUTORIN DR. CAROLA DORNER

    arbeitet als freie Journalistin und Autorin

    in Berlin. Sie hat Literaturwissenschaften

    an der Sorbonne Paris IV studiert.

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  • Neue Technologien entwickeln Die Kooperation ist noch jung. Ende Juni 2017 unterzeichneten Dr. Marie Nolle Semeria, damals Geschftsfhrerin des Leti, ei-nes Forschungsinstituts des Commis-sariat lnergie atomique et aux nergies alternatives (CEA) in Grenoble, und Professor Hubert Lakner, Vorsitzender des Fraunhofer-Ver-bunds Mikroelektronik und Leiter des Fraunhofer-Ins-tituts fr Photonische Mikrosysteme (IPMS), das Abkom-men ber die zuknftige Zusammenarbeit. Leti steht fr Laboratoire dlectronique et de technologie de linformation und beschftigt mehr als 1.000 Mitarbeiter. Europa kann es sich nicht lnger leisten, seine Forschungskompetenzen zu zersplittern, begrndet Lakner den Schritt zur Zusammenarbeit zwischen den beiden fhrenden europischen Forschungseinrichtungen IPMS und Leti.

    Bei der Kooperation geht es um nichts anderes als um die Zukunft bezie-hungsweise um viele kleine Dinge, die das Leben vielleicht grundlegend vern-dern werden. Mikro- und Nanoelektronik, Smart Systems und Schlsselloch-technologien sollen hier in enger Zusammenarbeit zwischen deutschen und franzsischen Wissenschaftlern weitergebracht werden. Dabei geht es um zen-trale Technologietrends, die in Zukunft groe Teile des Alltags vereinfachen sol-len: CMOS, also bestimmte Halbleiterbauelemente, sowie More-than-Moore- Technologien, die die Funktionalitt und Effizienz von Chips steigern und Sensorik- und Kommunikationsanwendungen zugutekommen. Die gemeinsa-men Entwicklungsergebnisse knnen dann beispielsweise in der Industrie 4.0, im Automobilbau, im Gesundheitswesen, in der Augmented Reality und der Luftfahrt eingesetzt werden. Strken soll die gemeinsame Forschung auf lange Sicht die globale Position der franzsischen und der deutschen Industrie. Im Mo-ment ist all das noch im Entstehen. Vertrge werden weiter ausgearbeitet, Arbeitsgruppen gebildet und Forschungsprojekte positioniert. Eventuell wird die Kooperation in einer zweiten Phase noch um weitere Partner ergnzt.

    www.mikroelektronik.fraunhofer.de, www.leti-cea.com

    Gemeinsam fr den KlimaschutzEs gibt keinen Planeten B mit dieser Mahnung erinnerte Frankreichs Staatschef Em-manuel Macron US-Prsident Donald Trump daran, wie wichtig globaler Umweltschutz ist. Nachdem die USA den Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen angekndigt hat-ten, beschlossen Frankreich und Deutschland, ein Signal zugunsten der internationalen Klimaforschung zu setzen: Im Juli 2017 hoben sie das gemeinsame Fellowship-Programm im Rahmen der franzsischen Initiative Make Our Planet Great Again aus der Taufe, das internationale Wissenschaftler aus der Klima-, Erdsystem- und Energieforschung einldt, an Universitten und Instituten in Frankreich und Deutschland eigene Forschungsgrup-pen zu grnden. Auf deutscher Seite betreut der DAAD das vom Bundesministerium fr Bildung und Forschung gefrderte Programm, in Frankreich ist das Centre national de la recherche scientifique (CNRS) zustndig.

    Der Klimawandel ist politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich relevant, sagt Dr. Anna Possner. Sie gehrt zu den 13 Spitzenforschern, die eine Expertenjury des DAAD aus 300 Bewer-bern in den Feldern Klimawandel, Erdsystemfor-schung und Energiewende auswhlte. Vier Jahre knnen die Teilnehmer sich ab Frhsommer 2018 ihren Projekten widmen. Auf regelmigen Konferenzen und Treffen werden sie sich mit ihren von franzsischer Seite nominierten Kollegen austauschen. In einer ersten Runde Ende 2017 hatte die franzsische Jury 18 Wissenschaftler ausgewhlt, im Mai 2018 nahm sie noch 14 weitere Forscher in die Fr-derung auf. Fr Possner ist die Vielfalt der Projekte ein groer Pluspunkt. Das Programm verbindet Grundlagenforschung und angewandte Wissenschaft, sagt die Klimaforsche-rin, die bisher an der Carnegie Institution for Science in Stanford arbeitete und nun an die Goethe-Universitt nach Frankfurt wechselt. Dort will sie untersuchen, welche Faktoren bestimmte Wolkenfelder beeinflussen, die einen khlenden Effekt auf die Erdoberflche haben. Auch US-Wissenschaftler Dr. Henry C. Wu wird die kommenden Jahre in Deutsch-land verbringen. Am Leibniz-Zentrum fr Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen will er die Ozeanversauerung in tropischen Meeren untersuchen, um Klimavernderungen besser zu verstehen. In einer Zeit, in der Klimaforschung zunehmend Gegenstand hitzi-ger politischer Debatten ist, kann die Bedeutung verlsslicher grundlegender Klimadaten nicht genug betont werden, ist er berzeugt. Wu und Possner freuen sich auf die Arbeit in Deutschland und auf den Austausch mit den in Frankreich aktiven Kollegen.

    www.daad.de/mopga-gri

    Im steten WandelMauern, Hindernisse, Vorurteile, all das wollte man berwinden, als zwei Jahre nach der Wieder-vereinigung das Centre Marc Bloch (CMB) in Berlin gegrndet wurde. Organisatorisch hat sich seit-her an dem deutsch-franzsischen Forschungs-zentrum fr Geistes- und Sozialwissenschaften, das nach dem franzsischen Historiker benannt wurde, viel gendert: Als franzsische For-schungseinrichtung im Ausland gegrndet, finan-ziert das Bundesministerium fr Bildung und For-schung seit 2001 mit. 2011 wurde das CMB ein An-Institut der Humboldt-Universitt zu Berlin, 2015 ein eingetragener Verein nach deutschem Recht. Eine gemeinsame deutsch-franzsische Einrichtung ist das in beiden Forschungsland-schaften einzigartige Zentrum nach wie vor. Ko-operationen gibt es mit vielen Universitten in Deutschland, Frankreich und in anderen Lndern. Auch Forschungsschwerpunkte und Kooperatio-nen verndern sich am CMB immer wieder. Der-zeit wird die Forschung neu organisiert, wie Pro-fessorin Catherine Gousseff, die Direktorin des CMB, ausfhrt. Das Centre richtet seine Aktivit-ten in Zukunft auf Europa und organisiert sie in drei Schwerpunkten, erlutert die Historikerin. Dabei geht es um die Analyse der Umbrche eu-ropischer Gesellschaften, die Rekonfiguration des europischen Raums in Zeiten von Mobilitt und Migration sowie die Reflexion der postuni-versalistischen Stellung Europas in der Welt.

    Die etwa 30 angestellten Wissenschaftler stam-men jeweils etwa zur Hlfte aus Frankreich und Deutschland. Es interessieren sich aber immer mehr internationale Kollegen fr einen Aufent-halt. Das CMB sieht sich als Plattform fr den in-terdisziplinren Dialog und ldt renommierte Re-ferenten wie den franzsischen Philosophen Jacques Rancire oder den trkischen Literatur-nobelpreistrger Orhan Pamuk ein. Von den Dis-kursen profitiert auch der Nachwuchs, denn auch Doktoranden knnen am CMB forschen. Zudem gibt es Sommerschulen und Workshops.

    www.cmb.hu-berlin.de

    Kleine Dinge, die das Leben verndern: Wie passen

    noch mehr Funktionen auf einen Chip? Dies ist eine der Fragen, die Leti und Fraunhofer interessieren.

    Breit angelegt: Das neue deutsch-franzsische Klimaforschungsprogramm Make Our Planet Great Again verbindet angewandte Forschung und Grundlagenforschung.

    Europa kann es sich nicht leisten, seine

    Forschungskompetenzen zu zersplittern.

    Hubert Lakner, Fraunhofer-Verbund Mikroelektronik

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    KOOPERATIONEN

    Sechs gute BeispieleGeisteswissenschaften und Gesundheitsforschung, Nanotechnologie und

    Naturschutz: Deutschland und Frankreich arbeiten in den unterschiedlichsten

    Forschungsfeldern eng zusammen. Viele Kooperationen sind seit Jahren

    erfolgreich und stellen sich doch immer wieder aktuellsten Themen. von Carola Dorner und Nicole Sagener

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    Sigrid Gombert/Getty Images

    15Millionen Euro stellt das Bundes-

    ministerium fr Bildung und Forschung fr das deutsch-

    franzsische Programm Make Our Planet Great Again bereit.

    26 // LNDERPROFILFRANKREICH

  • Grenzenlose Deutschland-Forschung Das Centre interdisciplinaire dtudes et de recherches sur lAllemagne (CIERA) mit Sitz in Paris ist im Kern ein eng ge-knpftes und weitreichendes Netzwerk und Kompetenzzent-rum und ein einzigartiges: Zwlf renommierte franzsische Hochschulen und Forschungseinrichtungen mit Schwerpunkt auf den Geistes- und Sozialwissenschaften haben sich im CIERA zusammengeschlossen. Sie wollen vor allem bei Nach-wuchswissenschaftlern in Frankreich das Verstndnis fr die aktuellen Entwicklungen im Partnerland vertiefen und fcher-bergreifend knftige Deutschland- und Europaexperten ausbilden. Dieses Ziel hatten die Regierungschefs beider Ln-der schon im Blick, als sie bei einem gemeinsamen Gipfel 1997 erstmals die Idee des Deutschland-Zentrums formulier-ten. Man suchte noch eine Zeitlang nach der geeigneten Form der Kooperation, und 2001 war es dann so weit: Das CIERA nahm als eins von heute weltweit 20 vom DAAD gefrderten Zentren fr Deutschland- und Europastudien die Arbeit auf. Nach einigen Umzgen fand es seine Bleibe in der Maison de la Recherche der Sorbonne Universit in Paris.

    Im Grunde knnen wir das CIERA als Netzwerk mehrere