Haben die Christen Jesus nach Ostern „vergöttlicht“?1...

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  • Theologische Quartalschrift ( ),

    M T

    Haben die Christen Jesus nach Ostern vergttlicht?1

    In seinem 2000 erschienenen Werk Die Religion der ersten Christen. Eine Theorie des Urchristentums hat Gerd Theien sich ausfhrlich mit dem historischen Jesus und der Entstehung der nachsterlichen Christologie befasst2. Die Frage, die er stellt, lautet nicht, ob die Christen den jdischen Propheten und Charismatiker Jesus nach Ostern vergttlichten, sondern wie sie dazu kamen. Das Faktum selbst setzt er voraus, wobei er eine kontinuierliche[] Steigerung der Hoheit Jesu in der Zeit nach Ostern meint feststellen zu knnen3, die mit dem Johannesevangelium und seiner Vergttli-chung des irdischen Jesus ihren Hhepunkt erreicht habe4. Angesichts der gravierenden theologischen Konsequenzen, die eine solche Diagnose bese, trfe sie uneingeschrnkt zu, gehen die folgenden Ausfhrungen einen Schritt zurck und errtern die Frage, ob die frhen Christen den Menschen Jesus nach Ostern tatschlich vergttlicht haben bzw. ob die Rede von seiner Vergttlichung mit den neutestamentlichen Zeugnissen kompatibel ist. Gebruchlich ist sie seit den Zeiten der Aufklrung, als sich die kritische Jesus-Forschung anschickte, den wahren Jesus hin-ter dem kirchlichen Dogma ausfindig zu machen. Heute kommt das tief sitzende Vor-urteil derer, die dem Islam anhngen oder sich von ihm angezogen fhlen, erschwe-rend hinzu: Die Christen htten mit ihrem Glauben an den Gottessohn etwas aus Jesus gemacht, was er vorher nicht war: aus einem Propheten ein gttliches Wesen, das die Einzigkeit Gottes in Frage stellt. Bei Theien bezieht sich das Stichwort Vergttli-chung nicht nur auf die von den Christen behauptete himmlische Erhhung Jesu

    | berarbeitete und mit Anmerkungen versehene Fassung eines Vortrags im Kathedral-Forum Dresden am . De-zember .

    | G. Theien, Die Religion der ersten Christen. Eine Theorie des Urchristentums, Gtersloh ( ). Nach einer Errterung des Programm[s] einer Theorie der urchristlichen Religion in reflektiert der Autor in die Be-deutung des historischen Jesus fr die Entstehung der urchristlichen Religion (Die Revitalisierung der jdischen Religion durch Jesus) ( ) und stellt in die Frage: Wie kam es zur Vergttlichung Jesu?. Dort benennt er die Grnde, die zur Transformation der jdischen Religion durch den nachsterlichen Christusglauben gefhrt ha-ben.

    | Ebd. . | Ebd. . Vgl. auch D. Zeller, Christus unter den Gttern. Zum antiken Umfeld des Christusglaubens (Sachbcher zur

    Bibel), Stuttgart , : In diesen Sptschriften des Neuen Testaments wird eben Christus immer mehr Gott gleichgestellt; so erbt er auch die Gottesbezeichnungen des hellenistischen Judentums, wie wir das schon bei den Pastoralbriefen feststellen konnten; vgl. auch Jud : Jesus Christus, einziger Machthaber () und Herr (); W. Stegemann, Jesus und seine Zeit (BE ), Stuttgart , : Die biblischen Bilder von Jesus weisen [] eine beeindruckende Tendenz der zunehmenden Betonung seiner Gttlichkeit auf [].

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    nach seinem Tod5, sondern auch auf sein irdisches Leben. Dieses sei durch Rckprojek-tion der mit Ostern gegebenen unendliche(n) Wertsteigerung der Person Jesu zu gttlichem Rang oder gttlichem Status6 nachtrglich in gttliches Licht getaucht worden. Theien verortet seine Darstellung in einem interdisziplinren Diskurs auf der Basis allgemeine(r) religionswissenschaftliche(r) Kategorien7, die eine Auenperspektive er-fordern. Zu ihnen gehrt auch die hellenistische Kategorie der Vergttlichung oder Divinisierung von Menschen. Diese konnte vor oder nach ihrem Tod erfolgen, betraf Heroen der Vorzeit, wohlttige Ausnahmemenschen wie wunderttige Charismatiker, aber auch Kaiser und Knige8. In Ciceros Dialog Vom Wesen der Gtter findet sich eine Beschreibung des Phnomens, die veranschaulicht, wie sich die Kategorie der Vergttlichung aus zeitgenssischer Sicht darstellt:

    Es ist aber im Leben und im Brauchtum der Menschen zur Gewohnheit gewor-den, Mnner, die sich durch Wohltaten hervortaten (beneficiis excellentes viros), in den Himmel zu erheben, aufgrund ihres Ruhmes, aber auch durch willentliche Setzung (in caelum fama ac voluntate tollerent). Von daher wurden Hercules, Castor und Pollux, Aesculap, auch Liber (= Dionysos) [] (zu Gttern). Da ihre Geister bleiben und Ewigkeit genieen (quorum cum remanerent animi atque aeternitate fruerentur), wurden sie mit Recht fr Gtter gehalten (rite di sunt habiti); sie waren ja auch (in ihrem sittlichen Verhalten) die besten und ewig (cum et optimi essent et aeterni) (II 62).

    | Die alte religionsgeschichtliche Schule meinte noch, dass die Judenchristen Palstinas Jesus ganz im jdischen Sinne als Messias, d. h. als Mensch, verstanden htten und erst, als die Christusbotschaft in hellenistisches Milieu eintauchte, Jesus vergttlicht worden sei (vgl. W. Bousset, Kyrios Christos. Geschichte des Christusglaubens von den Anfngen des Christentums bis Irenaeus, Gttingen [Nachdruck]); dieses Paradigma ist mit seiner Tren-nung zwischen Judentum und Hellenismus lngst obsolet: vgl. M. Hengel, Judentum und Hellenismus. Studien zu ihrer Begegnung unter besonderer Bercksichtigung Palstinas bis zur Mitte des . Jh.s v. Chr. (WUNT ), Tbin-gen ; ein schnes Beispiel bietet Phil , (s. unten . ).

    | Theien, Religion (s. Anm. ) . . | Ebd. : Eine Theorie der urchristlichen Religion will den urchristlichen Glauben in seiner das ganze Leben bestim-

    menden Dynamik mit allgemeinen religionswissenschaftlichen Kategorien beschreiben und erklren. | Beim rmischen Kaiserkult spricht man von der Apotheose eines Herrschers nach seinem Tod seiner Erhebung

    unter die Staatsgtter, die feierlich vollzogen werden konnte. Weit verbreitet war die Kategorie des Gottessohns: Alexander der Groe wurde als Sohn des Zeus verehrt, aber auch den rmischen Kaisern wurde im Osten, der von seiner orientalischen Prgung her empfnglich dafr war, eine entsprechende Verehrung zuteil. Julius Csar etwa erhielt in Ephesus einen Tempel, in dem er als von Ares und Aphrodite stammender offenbar gewordener Gott und Heiland verehrt wurde (vgl. A. Deimann, Licht vom Osten. Das Neue Testament und die neuentdeckten Texte der hellenistisch-rmischen Welt, Tbingen , ); vgl. auch S. Lsch, Deitas Jesu und Antike Apotheose. Ein Beitrag zur Exegese und Religionsgeschichte, Rottenburg , (u. a. zu Apg , : Eine Herrscher-Apotheose im Neuen Testament); umfassende Informationen bei H.-J. Klauck, Die religise Umwelt des Urchris-tentums II. Herrscher- und Kaiserkult, Philosophie, Gnosis (Kohlhammer Studienbcher Theologie , ), Stuttgart

    , (Vergttlichte Menschen: Der Herrscher- und Kaiserkult).

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    Whlt man statt der religionswissenschaftlichen Auenperspektive auf das neue Tes-tament eine Innenperspektive, ergibt sich ein anderes Bild. So wrde etwa der vierte Evangelist niemals zugestehen, die Christen htten Jesus vergttlicht, erst recht nicht, er selbst habe sich Gott gleich gemacht (vgl. Joh 5,18; 10,3338; 19,7). Gott war es, der Jesus seine Wrde verhiehen hat.Bleiben wir aber bei der Auenperspektive. Dann ist als erstes festzuhalten, dass sich die frhesten Artikulationen der sterlichen Status-Vernderung Jesu biblisch-frhj-discher Sprachmuster bedienen, sich also fraglos im Horizont des biblischen Monothe-ismus bewegen. Demgegenber setzt die religionswissenschaftliche Kategorie der Vergttlichung prinzipiell einen polytheistischen Gtterhimmel als Referenzrahmen voraus, auch wenn es in hellenistischer Zeit starke durch Philosophie und Religions-kritik gefrderte Tendenzen der Vereinheitlichung des Gttlichen bzw. seiner Aufgip-felung in einem Einheitsprinzip gab, wie es in Gestalt des Zeus bzw. Jupiters anschau-lich wird. Mit dem Glauben an den einen Gott Israels, der eiferschtig auf seine Alleinverehrung pocht, hat eine solche Annahme der gttlichen Einheit des Kosmos nichts gemein. Fundamental fr den jdischen Glauben, aus dem der christliche her-vorging, war und ist die berzeugung von der ontologischen Differenz zwischen dem Schpfer und seinen Geschpfen, zwischen Gott und Welt9.Diese einleitenden Bemerkungen zeichnen den Weg vor, der bei der Bearbeitung der Frage einzuschlagen ist: Am Anfang sollen sprachliche Beobachtungen zur neutesta-mentlichen Terminologie stehen (1.). Es folgen zwei Textbeispiele zur Veranschauli-chung der biblisch-frhjdischen Matrix neutestamentlicher Erhhungschristologie (2.). Dass Jesu Bild als Wundertter in den Evangelien tatschlich Tendenzen seiner Divinisierung verrt, fhrt zur Frage, wie der Glaube an seine sterliche Erhhung sich auf die Darstellung seines irdischen Lebens auswirkte (3.). Die Legitimitt des sterlichen Glaubens theologisch zu errtern, erfordert es zuletzt, die Frage nach dem historischen Jesus zu stellen (4.). Dies wird uns zur Eingangsfrage zurckfhren, ob es sachgem ist, von Jesu Vergttlichung zu sprechen, oder ob diese Redeweise ange-sichts des gewiss vielschichtigen neutestamentlichen Befundes nicht doch in die Irre fhrt.

    1. Erste sprachliche Erkundungen

    Brder, ber Jesus Christus mssen wir so denken wie ber Gott ( ), wie ber den Richter der Lebenden und Toten. Damit beginnt der 2. Clemensbrief (um 130150

    | R. FeldmeierH. Spiekermann, Der Gott der Lebendigen. Eine biblische Gotteslehre (TPT ), Tbingen , f.; vgl. auch M. Seckler, Was heit eigentlich Schpfung? Zugleich ein Beitrag zum Dialog zwischen Theologie und Natur-wissenschaft [ ], in: ders., Glaubenswissenschaft und Glaube. Beitrge zur Fundamentaltheologie und zur Ka-tholischen Tbinger Schule, Bd. , Tbingen , , .

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