Hauptschule - Lerntagebuch - Lernstrategien

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Frderung der Selbstlernkompetenz von Werkrealschlern

Fernuniversitt HagenInstitut fr Bildungswissenschaften und MedienforschungLehrgebiet Mediendidaktik

2. April 2014

Peter Wicke, peter.r.wicke@gmail.com

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Haupt- und Werkrealschule 2.1 Entwicklung der Hauptschule2.2 Die aktuelle Situation in Baden-Wrttemberg2.3 Haupt- und Werkrealschler im Bildungssystem 2.3.1 Strukturelle Vernderungen2.3.2 Die subjektive Perspektive

2.4 bergnge in die berufliche Ausbildung2.5 Die Zukunft der Haupt-/Werkrealschule

3 Die Selbstregulation des Lernens3.1 Definitionen3.2 Theoretischer Hintergrund der Selbstregulation3.2.1 Zeitlich-zyklische ModelleDas Rubikon-Modell Das Prozessmodell der SelbstregulationAn integrative Phase Model of Self-Regulated Learning

3.2.2 Einige psychologische Aspekte der SelbstregulationMotivationVolitionEmotionLage- und HandlungsorientierungSelbstwirksamkeitserwartung Perceived Self-efficacy

4 Die Frderung der Selbstlernkompetenz

4.1 Lernstrategien 4.1.1 Allgemeine Systematik 4.1.2 Handlungskontrollstrategien 4.1.3 Volitionale Aspekte der Selbststeuerung 4.1.4 Motivationale Aspekte der Selbststeuerung 4.1.5 Emotionale Aspekte der Selbststeuerung4.2 Das Lerntagebuch (LTB) 4.2.1 Allgemeine Gesichtspunkte 4.2.2 Entwurf des LTB 4.2.3 Einsatz des LTB 5 Zum Abschluss LiteraturverzeichnisAbbildungsverzeichnisTabellenverzeichnis

S. 2

S. 4S. 4S. 4S. 6S. 6S. 8S. 11S. 12

S. 13S. 14S. 14S. 15S. 15S. 17S. 18

S. 20

S. 20S. 22S. 24S. 26S. 26

S. 27S. 28S. 28S. 29S. 29S. 30S. 30S. 30S. 30S. 33S. 39

S. 53

S. 54S. 60S. 60

Wenn ich nur darf, wenn ich soll,aber nie kann, wenn ich will,dann mag ich auch nicht, wenn ich muss.

Wenn ich aber darf, wenn ich will,dann mag ich auch, wenn ich soll,und dann kann ich auch, wenn ich muss.

Denn schlielich:Die knnen sollen,mssen auch wollen drfen! (Autor unbekannt, zit. nach Schett, 2008, S. 93)

1 EinleitungHauptschlerinnen und Hauptschler haben es heute nicht leicht, und das gleich in mehreren Bereichen. Zum einen hat ihre Schule einen schlechten Ruf Restschule oder Problemschule sind gngige mediale Schlagworte. Zum anderen sinken die Schlerzahlen rapide. In Baden-Wrttemberg werden wahrscheinlich mehr als ein Drittel der Hauptschulen nicht berleben. Die eigentliche Hauptschule ist heute eher das Gymnasium. Oft haben Hauptschler mit einem schwierigen Start zu kmpfen. Becker (2008) vergleicht die Situation der Hauptschler wie folgt: Als wrden sie beim Hundertmeterlauf mit zu gro geratenen Schuhen ohne Schnrsenkel an der Startlinie stehen, whrend die Kinder aus hheren Sozialschichten mit bester Ausstattung einen nicht einholbaren Vorsprung ber 50 Meter haben, bevor berhaupt der Startschuss gefallen ist (Becker, 2008, S. 184f). Wie spter erlutert wird, werden im deutschen Schulsystem schwchere Schler 'nach unten' weitergereicht, bis sie in der 'Endstation Hauptschule' landen. Fend (2004) spricht gar von einer Entsorgungsmentalitt (s.u.) des Schulsystems. Vom Fahrstuhleffekt (Beck) sind sie nicht mitgenommen worden. Nur ein Viertel von ihnen wird direkt nach der Schule einen Ausbildungsplatz finden. ber zehn Prozent der Jugendlichen wird auch nach zwei Jahren noch immer keine berufliche Perspektive haben. Wie kann Lernen unter diesen Bedingungen gelingen? Wie geht es einem Schler unter diesen Umstnden im Schulalltag? Mit wie viel Motivation, Lernbegeisterung, Wille, Vertrauen oder zielgerichtetem Handeln kann ein Jugendlicher unter diesen Voraussetzungen seine Schulzeit produktiv gestalten? Oder wird sie nur ertragen und ausgehalten? Gerade fr Hauptschlerinnen und Hauptschler wre es hilfreich, verstrkt Wege und Strategien zur Verfgung zu haben, mit deren Hilfe sie ihre Situation selbst verbessern knnten. Vor diesem Hintergrund soll mit einer Schulklasse ein Training zum selbstregulierten Lernen durchgefhrt und dabei erprobt werden, ob die Anwendung eines Lerntagebuchs dazu beitragen kann, dass die Schler ihre Lernkompetenzen selbstndig weiter entwickeln. Hauptschule kann gelingen. Die Hauptschule, die in Baden-Wrttemberg in eine 'Werkrealschule' umgewandelt wird, ist unbestreitbar auf dem Weg. Es werden neue Bildungsplne und Kooperationen entwickelt und an den meisten Schulen wird Lernen neu definiert. Es werden neue didaktische Methoden und frdernde Manahmen umgesetzt. Mehr und mehr wird die Selbstndigkeit der Schlerinnen und Schler gefrdert. Hier kann das Lerntagebuch mit seinen unterschiedlichen Strategien ein hilfreiches Handwerkszeug sein. Die Jugendlichen bekommen Mittel an die Hand, mit deren Hilfe sie das eigene Lernen selbstndig gestalten knnen. Sich auf diese Weise Selbstlernkompetenzen anzueignen und zu verinnerlichen, ist die beste Voraussetzung dafr, die eigene (Weiter-) Bildung und das eigene Leben in die Hand zu nehmen und aktiv zu gestalten.

In den folgenden Kapiteln soll dieser Weg nachgezeichnet werden. Nach einer Darstellung der aktuellen Situation in der Haupt- oder Werkrealschule in Baden-Wrttemberg in Kapitel zwei, soll im darauf folgenden Kapitel die Selbstregulation des Lernens theoretisch erlutert werden. Das selbstndige Lernen ist schon mehrere Jahrzehnte im Fokus der wissenschaftlichen Forschung angekommen. Die Zugnge und Modelle sind vielfltig. Hier sollen einige relevante Modelle und verschiedene psychologische Aspekte der Selbstregulation erlutert werden. Im Mittelpunkt des darauf folgenden vierten Kapitels steht dann die Frderung der Selbstlernkompetenz mittels geeigneter Lernstrategien im Mittelpunkt. Nach einer allgemeinen Betrachtung von Lernstrategien, wird die praktische Umsetzung mittels eines Lerntagebuchs in einer Werkrealschule theoretisch und praktisch dokumentiert. Mit Hilfe eines Instruktionsdesign-Modells wird die Entwicklung und Durchfhrung des Trainings der Jugendlichen strukturiert. Den Abschluss bilden eine kurze Zusammenfassung und einige berlegungen zur Perspektive.

2 Die Haupt- und Werkrealschule2.1 Entwicklung der Hauptschule

Die Hauptschule ist eine verhltnismig 'junge' Schulart; sie ging erst 1964 aus der 'Volksschule' hervor. Sie wurde in einer bereinkunft der Bundeslnder als dritte, allgemeinbildende und weiterfhrende Schulart konzipiert. Gleichzeitig wurde sie zur Pflichtschule fr alle die Schlerinnen und Schler erklrt, die keine andere weiterfhrende Schule besuchen. Der Unterricht sollte stark praxisbezogen sein und mit der Berufsschulreife abschlieen. 2.2 Die aktuelle Situation in Baden-WrttembergSeit dem Schuljahr 2010/2011 knnen sich Hauptschulen zu Werkrealschulen weiterentwickeln. An diesen Werkrealschulen sind dann verschiedene Schulabschlsse mglich: die Hauptschulprfung nach Klasse 9 oder 10 und der 'Werkrealschulabschluss', der dem Abschluss an einer Realschule gleichgestellt ist. Hiermit soll auch die Durchlssigkeit zwischen den Schularten erhht werden. Viele Hauptschulen bewerben sich fr diese Aufwertung, um wieder attraktiver zu werden und durch hhere Schlerzahlen einer mglichen Schlieung vorzubeugen. Obwohl sich die Hauptschule in den verschiedenen Bundeslndern unterschiedlich entwickelt hat, lassen sich einige Gesichtspunkte verallgemeinernd darstellen.

Die Hauptschule gert seit Jahrzehnten zunehmend unter Druck. In Folge der allgemeinen Bildungsentwicklung, der demographischen Vernderungen in der Bevlkerung oder auch durch wirtschaftliche Prozesse in Handwerk und Industrie verliert die Hauptschule mehr und mehr an Bedeutung. Seit 2004 sind die Schlerzahlen um 20 Prozent zurck gegangen; je nach Bundesland oder Region fllt diese Vernderung unterschiedlich aus. Medienberichte ber Gewalt an Hauptschulen und das schlechte Abschneiden in internationalen Vergleichsstudien wie PISA, IGLU oder TIMMS haben zu diesem Rckgang beigetragen. Zustzlich verstrkt wurde dieser Trend in den letzten Jahren durch einen gravierenden ffentlichen Ansehensverlust der Hauptschule, der sich in Bezeichnungen wie Restschule, Problemschule, Brennpunktschule oder hnlichem niederschlgt. Einige ostdeutsche Bundeslnder haben die Hauptschule gar nicht erst eingefhrt, andere haben sie lngst wieder abgeschafft. Andere Bundeslnder wiederum, wie beispielsweise Baden-Wrttemberg und Bayern halten weiterhin an der Hauptschule fest. Erst unter der neuen Landesregierung seit 2011 ist verstrkt Bewegung in die Schulentwicklung gekommen. So wurden im Bildungsplan der Werkrealschule fr das Jahr 2012/2013 die Fcher Berufsorientierte Bildung und Kompetenztraining neu aufgenommen, um die Schlerinnen und Schler intensiver auf eine zuknftige Berufsausbildung vorzubereiten. Die Landesregierung betont, sie biete den Schlern ein Konzept, mit dem sie ihre individuellen Fhigkeiten durch ein auf sie abgestimmtes Lernkonzept optimal nutzen knnen und so ihren persnlichen Schulerfolg verbessern werden (Ministerium fr Kultus, Jugend und Sport Baden-Wrttemberg, 2012, S. 7). Dieses Kompetenztraining, das u.a. auch Durchhaltevermgen, Selbstndigkeit, Konzentrationsfhigkeit, Lern- und Arbeitsmanagement beinhalten soll (vgl. ebenda, S.152ff), wird unverstndlicherweise in der 10. Klasse angeboten, so dass die Schler in der schulischen Entwicklung davon nicht profitieren. Die Bedeutung des selbstregulierten Lernens fr die Schule scheint im Kultusministerium Baden-Wrttembergs noch nicht angekommen zu sein. Und dies trotz der Befunde der PISA-Studien, die immer wieder auf einen niedrigen Leistungsstand insbesondere der Hauptschler hinweisen, nach denen z.B. Kontroll- und Elaborationsstrategien () am seltensten von Hauptschlern verwendet werden (vgl. Artelt, Demmrich & Baumert, 2001, S. 297). In diesem Bereich des Kompetenztrainings besteht dringender Handlungsbedarf, der spter im Lerntagebuch mittels kognitiver und metakognitiver Strategien gedeckt wird. Zur gleichen Zeit ist in Baden-Wrttemberg die (bisher verbin