Hildener Jazztage - bureauexport.berlin filetöne und Charango, kreiselndes Piano, der Gesang ihres...

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110 BLUE RHYTHM Der neue Virtuose an der Flamencogitarre kommt aus Schweden, Natacha Atlas kokettiert mit Jazz, ein Zappa- Schlagzeuger trommelt bei Ana Moura und der gute Bill Frisell liefert volle Breite für herzige Texmex-Songs einer guten Freundin, Wurzelsalat ohne Grenzen? Lesen Sie mal, was diesmal alles untergemischt ist. Route de Soleil Frankreich kann auch kosmopolitisch klin- gen, ohne das Seine-Ufer zu verlassen. Die Paris Combo macht das höchst charmant auf dem neuen Werk „5" (Cristal Records/Har- monia Mundi) vor. In die chansoneske Grundrezeptur mischt das Quintett um Sängerin Belle de Berry orientalische Riffs, nokturne Manouche-Färbungen, peppigen Charleston, Surfrock. Federnde Rhythmus- Sektion, ein Cabaret-Klavier, glimmende Jazzgitarre, gestopfte Trompete - und zwi- schendrin mal ein süffiges Lied für verschla- fene Sonntagnachmittage. Ein Ahleger der süditalienischen Folksuper- group Spaccanapoli hat sich mit Vesevo he- rausgebildet. Ihr selbstbetiteltes Album (Agualoca/Indigo) feiert die feurigen Piz- ziche und Tarantelle mit springendem Gei- genbogen, schellender Rahmentrommel, ein wenig Stromgitarrenunterfütterung und raukehliger Stimme. Es braucht nicht immer ein Riesenorchester wie etwa bei Stewart Copeland, um der Musik vom Stiefelabsatz modern zu huldigen. Breitwandig angelegt dagegen ist das Projekt „Voces" (Nuba Re- cords/Galieo MC) des spanischen Saxofo- nisten Perico Sambeat. Allein wie sich im Eingangsstück nach ein paar Pianolinien und der wie Espenlaub zitternden Stimme der grandiosen Sflvia Perez Cruz delikate Blechbläsersätze zu einem großen dramatur- gischen Firmament aufwölben, ist zum Nie- derknien. Instrumental- und Gesangsstücke wechseln sich in der Folge ab, versehen mit feinen Soli vor allem auf Sax und E-Gitarre (Andre Fernandes). Eine famose, fast besinn- liche Jazz-Bigband-Scheibe ohne iberische, aber mal leicht brasilianische Färbungen. Vokale Gegenspielerin von Cruz ist Viktorija Pilatovic mit ähnlich delikatem Timbre. Apropos Silvia Perez Cruz: „Domus" (Univer- sal Spain/Import) heißt die aktuelle Scheibe dieser schönsten aller Stimmen Kataloniens; sie basiert auf einem Soundtrack, den Cruz für einen Schicksalsfilm über die Eurokrise in Spanien geschrieben hat. Fürs Album hat sie das Rohmaterial zu melancholisch-fol- kigem Ohrenschmaus ausgebaut. Die Songs leben von ihrer empfindsamen Stimme mit dem filigranen Vibrato, Harfe, zarte Gitarren- töne und Charango, kreiselndes Piano, der Gesang ihres Vaters treten hinzu, auch mal ein paar rustikale Chöre. Ana Moura, Portugals popaffinste Fadista, justiert auf ihrem neuen Werk „Moura" (Mercury/Universal) ihre Klangsprache un- ter erneutem Dirigat von Larry Klein neu. Ih- re dunkle, sanft-schmirgelpapierne Stimme umgibt ein Ensemble, das von den üblichen Fado-Eckpfeilern erweitert wird, etwa mit ei- ner leuchtenden Orgel und Schlagwerk wie aus feiner Watte. Klein hat Könner wie Vin- nie Colaiuta und Dean Parks ins lusitanische Boot geholt, die es schaffen, die folkloristi- scheren Momente des Albums auch mal wie handfesten Country-Rock klingen zu lassen, oder im Umkehrschluss Nina Simones „Lilac Wine" wie einen sehnsuchtsvollen Gesang am Atlantikufer. Selten saßen die Fesseln des Fados so locker. Robert „Robi" Svärd hinge gen bleibt den Säulen seines Genres auf seine Weise treu: Der schwedische Gitarrist be- herrscht die technischen Finessen des Fla- mencospiels in traumhafter Perfektion. Statt jedoch seine Virtuosität glitzern zu lassen, schüttelt er vertrackte Bulerias, Rumba oder Alegrias mit einer feinsinnigen Leichtigkeit aus dem Handgelenk, dass der Hörer sich mitten ins sonnenbeschienene Granada ver- setzt fühlt. Hier hat Svärd im Sommer letz- ten Jahres sein Debüt „Pa'ki Pa'ka" (Asphalt Tango/Indigo) aufgenommen, gelegentlich flankiert von der markanten Stimme des Cantaor Alfredo Tejado, zelebriert mit de- zent agierender Perkussion. Hin und weg! Kairo to Kobane 20 Jahre nach ihrem Debüt hat Natacha Atlas viele stilistische Gefilde durchstreift, zuletzt versuchte sie es mit türkischen Streichern und indischer Poesie. „Myriad Road" (Univer- sal) ist nun ihr erster konsequenter Ausflug in den Jazz, zur Seite steht ihr Genre-Promi- nenz wie der Trompeter (und hier auch Ar- rangeur) Ibrahim Maalouf, Oudist Smadj oder Pianist Frank Woeste. Die zu sehr ge- wollte Vereinbarkeit der wie immer grandio- sen Melismen mit der Jazzcombo zieht sich durch weite Teile der Produktion. Das liegt oft daran, dass die Instrumentalisten sich zu wenig auf die Dame einlassen, dadurch wer- den ihre Vocals eine Glasur, die nicht zum Kuchengeschmack passt. Wirkliche Interak- tion passiert immer dann, wenn Atlas die arabischen Pfade verlässt, Anspieltipp: das reizende folkjazzige „Something". Eine rund- um gelungene Synthese ist dagegen das Al- bum „Jardins Migrateurs" (Ma Case/Broken Silence). Dahinter versteckt sich das kana- dische Ensemble Constantinople um die bei- den iranischstämmigen Brüder Kiya und Zi- ya Tabassian. Von Quebec aus starten sie im- mer wieder in andere Weltgegenden, ver- bünden zeitlos Nahen Osten und Abendland mit maurischem Mittelmeer und Afrika. Hier ist der Senegalese Ablaye Cissoko ihr Partner. Kora, Setar, Gambe und Perkussion, Griotweisheiten und Poesie von Hafez, Lau- ten- und Stegharfenimpro, Gambengrooves 111 .•-•' Hilden Hildener Jazztage 24-29. Mai 2% cö&lihri 5 Sparkasse Hilden Ratingen Velbert B6LLINGHAUS* * STEEL Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen CEWERBEPARK-SÜD i Capio Klinik im Park, HllM/lB-itk e.V. T 'wts.Haus O Hotel amStadtpark Horst AIR LIQUIDE www.hildener-jazztage.de WeStitlCket| Ticketzentrale Hilden/Mettmann 0211-274000 westticket.de und schnipsende Tombak fügen sich zu einem berührenden Fluss zusammen, der mal an einem Barockschloss, mal an impo- santen Lehmbauten, mal an prächtigen Mo- scheen vorbeiströmt. Auch bei Abaji spielen traditionelle Instru- mente die dominante Rolle, wobei der aus Beirut stammende Songschreiber seine Mu- sik diesmal in Armenien mit einem Duduk- spieler machte, anschließend in der Türkei recherchierte und später in Paris den Ke- mence-Spezialisten Mahmut Demir mit ins Studio nahm. „Route & Roots" (Absilone/Ga- lileo MC) klingt balladesk und modern, me- diterran und gelegentlich chansonesk. Ferhat Tunc ist der musikalisch verlängerte Arm im Kampf des kurdischen Volkes und anderer Minderheiten um Selbstbestim- mung. Seine Arbeit kann gar nicht über- schätzt werden, seinen Einsatz für Men- schenrechte kommentierte die türkische Re- gierung wiederholt mit Gefängnis, zensierte seine Lieder. Sein aktuelles Werk „Kobani" (KKV/Indigo) fällt in musikalischer Hinsicht eher mau aus. Die bewegenden Melodien sind eingebettet in pathetische Chor-Drama- tik, klagende Duduk- und Saz-Intermezzi und eine Soft-Rock-Ästhetik der ig7oer. Fast schon einer Selbstzensur kommt gleich, dass die Texte über die aktuellen Sündenfälle der Türkei ziemlich unleserlich im Booklet abge- druckt sind. Blaue Gitarren und Banjos Zu den jüngeren Göttern des Blues-Rocks zählt der 38-jährige Joe Bonamassa, der pro Jahr locker ein halbes Dutzend Tonträger schafft, an denen er beteiligt ist. „Blues Of De- speration" (Provogue/Rough Trade), das zwölfte Studiowerk des „Grammy"-nomi- nierten Gitarristen, düst mit dem schnittigen „This Train" gleich im Turbomodus los, um anschließend zwischen lärmenden Head- banger-Boogies, ein paar traditioneller be- stückten Blues und weichen Lagerfeuerballa- den hin und her zu schalten. Mittendrin fährt Bonamassa die Hallspirale vor seiner Stimme eine Spur runter und siehe da, es lässt sich ein wenig „Blue Eyed Soul" verneh- men. Kirk Fletcher ist laut Joe einer der bes- ten Bluesgitarristen der Welt. Singen kann der ehemalige T-Bird nicht, weshalb er sich auf „Burning Blues" (M2/in-akustik) weitge- hend damit zurückhält. Noch weniger wäre allerdings noch besser gewesen. Mit seinem Gitarrenstil steht Fletcher beidbeinig bom- benfest im Schatten von SRV, liefert seine ei- gene Version von dessen melancholischem Instrumental „Lenny", outet sich mit dem Ti- tel „Blues For Robben And Larry" als Fan zweier anderer bekannter Edelfrickler und fügt dem ewigen Kanon der Bluesgitarre mit alldem nichts aufregend Neues hinzu. Relativ unbescholten bisher ist der folgende Spätstarter aus Chicago. Toronzo Cannon ist 48, hat zwar schon ein paar Platten gemacht und zirkuliert seit 15 Jahren in seiner Hei- matstadt als Bluesmann durch die Clubs und Festivals, sein Debüt bei Alligator (in-akus- tik) aber ist in jeder Hinsicht bemerkens- wert. Für die Songs auf „The Chicago Way" hat der ehemalige Busfahrer eigene Erleb- nisse treffsicher mit Biss und Humor verar- beitet, beackert seine messerscharfe Firebird- style mit der Linken und klingt dabei auch mal ein bisschen so, wie es sich für so einen Bluesmann gehört; nach Albert King. Seine Band kramt dafür 50 fahre alte Muster aus dem Dreck der Southside hervor, aber wenn's mal etwas schnittig und funky sein soll, ist auch ein Bläserdreier zur Hand. Alte Blues, R&B und Rocker versammeln die beiden CDs „Groovin 1 The Blues" und „Ro- ckin' The Groove" (Bear Family/in-akustik), die den Output des Groove-Labels aus den frühen igsoern präsentieren: Sonny Terry, Champion Jack Dupree oder Roy Gaines sind unter den bekannteren Namen der Interpre- ten dieser knapp 70 Songs, die allesamt dancefloorkompatibel sind. Vom rustikalen Shuffle Terrys über Sue Allens leidenschaft- liche Shouts hin zu saxlastigen Boogies und fiesem Slidesound reicht die Palette, mitten- drin singt ein Knirps namens George Benson ins Mikrofon. Da war er elf; das mit der Gitar- re kommt dann später... Die Songschreiber und Gitarristen Neal Black & Larry Garner verbindet, dass sie auch mal über den Tellerrand des Blues hinausgu- cken, weshalb das erste gemeinsame Album „Guilty Saints" (Dixiefrog/H'Art) an ein paar Ecken überrascht, etwa mit einer psychede- lisch schluchzenden Mundharmonika mit- ten im Bandgetümmel oder meditativem Klampfengeplucker, mit lustigem Slide- gefummel oder gemütlich countryeskem Flair. Mit Danny Barnes landen wir beim Ge- winner des Steve Martin Prize in Banjo and Bluegrass, der bereits Bill Frisell aus den So- cken haute. „Got Myself Together" (Eight 30/ in-akustik) ist Barnes' selbstbewusste Neu- einspielung einer Scheibe, die er vor zehn Jahren schon einmal veröffentlicht hatte. Al- les nochmal neu also? Warum? Oder ist der nur faul? Weil er die Songs von damals im- mer noch klasse findet und sie inzwischen durch das jahrelange Spielen anders spielt, antwortet Barnes. Ein MUSS für Fans des kau- zigen Ex-Bad-Livers-Bandmitglieds also. Zum Schluss noch ein Album, das Bill Frisell gefällt, hatte er doch Carrie Rodriguez vor Jahren für die Ruhrtriennale kuratiert. Und außerdem spielt er Gitarre auf „Lola" (Luz Re- cords/Broken Silence), für das die Texanerin neben eigenen Liedern klassische Border- Songs ausgesucht hat, „my own blend of Tex- Mex music", wie sie im Textheft notiert. Kna- ckige Conjuntos, schmelzende Rührstücke, Oldies wie das mexikanische „Perfidia" betö- ren das Ohr: Gitarren mit Nylonsaiten um- flirren die sanfte Violine der Sängerin, Frisell gibt sich elegant reduziert, die Lap Steel reiht sich ein. Schönklang mit Brüchigkeit, ein Soundtrack fürs Auf-und-davon-Wollen. Orchestral Favorites Als Rhabdomantie bezeichnet man das Wahrsagen mit einer Wünschelrute. Was den italienischen Sänger und Multiinstru- mentalisten Manuel Volpe getrieben hat, sein Ensemble Rhabdomantie Orchestra zu nen- nen, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass die Suite, die er uns auf „Albore" (Agogo Re- cords/Ky/Indigo) mit seinen 14 Mitstreitern FUNJAZZl K TELARC ^•M^^^^^ Hiromi | Sparks Hiromis Trio Projekt geht mit dem Album Spark in eine neue Runde. Dabei zeigt sich die japanische Pianistin und Kompo- nistin mit den Begleitmusikern Anthony Jackson (Bass) und Simon Phillips (Drums) LIVE zu erleben am 05. Juli in Hattingen (Ruhrfestival) LUTZ HF N E R m Lutz Hafner | No Lonley Nights Echo Jazz Gewinner Lutz Hafner mit neuem Album. Rainer Böhm und Lutz Hafner, erweitert um vier Cellisten, beweisen erneut ihre unvergleichliche Fähigkeit zu lyrischen, sensiblen Interpretationen. Julian Lage | Arclight Arclight ist Julian Lages erster Ausflug auf der E-Gitarre und im Trio-Format. Unterstützt wird er durch Scott Colley am Kon- trabass und Kenny Wollesen am Schlagzeug. M>~M:i'O RODR Alfredo Rodriguez | Tocororo Jede Aufnahme des kubanischen Pianisten und Komponisten Alfredo Rodriguez erzählt eine Geschichte. Featuring: Richard Bona, Ibeyi, Antonio Lizana, Ganavya Ibrahim Maalouf. Produ- ziert von Quincy Jones. inakustik KABEL | LAUTSPRECHER | MUSIK
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    12-Aug-2019
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  • 110

    BLUE RHYTHMDer neue Virtuose an der Flamencogitarre kommt aus Schweden, Natacha Atlas kokettiert mit Jazz, ein Zappa-

    Schlagzeuger trommelt bei Ana Moura und der gute Bill Frisell liefert volle Breite für herzige Texmex-Songs einer

    guten Freundin, Wurzelsalat ohne Grenzen? Lesen Sie mal, was diesmal alles untergemischt ist.

    Route de SoleilFrankreich kann auch kosmopolitisch klin-gen, ohne das Seine-Ufer zu verlassen. DieParis Combo macht das höchst charmant aufdem neuen Werk „5" (Cristal Records/Har-monia Mundi) vor. In die chansoneskeGrundrezeptur mischt das Quintett umSängerin Belle de Berry orientalische Riffs,nokturne Manouche-Färbungen, peppigenCharleston, Surfrock. Federnde Rhythmus-Sektion, ein Cabaret-Klavier, glimmendeJazzgitarre, gestopfte Trompete - und zwi-schendrin mal ein süffiges Lied für verschla-fene Sonntagnachmittage.Ein Ahleger der süditalienischen Folksuper-group Spaccanapoli hat sich mit Vesevo he-rausgebildet. Ihr selbstbetiteltes Album(Agualoca/Indigo) feiert die feurigen Piz-ziche und Tarantelle mit springendem Gei-genbogen, schellender Rahmentrommel, einwenig Stromgitarrenunterfütterung undraukehliger Stimme. Es braucht nicht immerein Riesenorchester wie etwa bei StewartCopeland, um der Musik vom Stiefelabsatzmodern zu huldigen. Breitwandig angelegtdagegen ist das Projekt „Voces" (Nuba Re-cords/Galieo MC) des spanischen Saxofo-nisten Perico Sambeat. Allein wie sich imEingangsstück nach ein paar Pianolinienund der wie Espenlaub zitternden Stimmeder grandiosen Sflvia Perez Cruz delikateBlechbläsersätze zu einem großen dramatur-gischen Firmament aufwölben, ist zum Nie-derknien. Instrumental- und Gesangsstückewechseln sich in der Folge ab, versehen mitfeinen Soli vor allem auf Sax und E-Gitarre(Andre Fernandes). Eine famose, fast besinn-liche Jazz-Bigband-Scheibe ohne iberische,aber mal leicht brasilianische Färbungen.Vokale Gegenspielerin von Cruz ist Viktorija

    Pilatovic mit ähnlich delikatem Timbre.Apropos Silvia Perez Cruz: „Domus" (Univer-sal Spain/Import) heißt die aktuelle Scheibedieser schönsten aller Stimmen Kataloniens;sie basiert auf einem Soundtrack, den Cruzfür einen Schicksalsfilm über die Eurokrisein Spanien geschrieben hat. Fürs Album hatsie das Rohmaterial zu melancholisch-fol-kigem Ohrenschmaus ausgebaut. Die Songsleben von ihrer empfindsamen Stimme mitdem filigranen Vibrato, Harfe, zarte Gitarren-töne und Charango, kreiselndes Piano, derGesang ihres Vaters treten hinzu, auch malein paar rustikale Chöre.Ana Moura, Portugals popaffinste Fadista,justiert auf ihrem neuen Werk „Moura"(Mercury/Universal) ihre Klangsprache un-ter erneutem Dirigat von Larry Klein neu. Ih-re dunkle, sanft-schmirgelpapierne Stimmeumgibt ein Ensemble, das von den üblichenFado-Eckpfeilern erweitert wird, etwa mit ei-ner leuchtenden Orgel und Schlagwerk wieaus feiner Watte. Klein hat Könner wie Vin-nie Colaiuta und Dean Parks ins lusitanischeBoot geholt, die es schaffen, die folkloristi-scheren Momente des Albums auch mal wiehandfesten Country-Rock klingen zu lassen,oder im Umkehrschluss Nina Simones „LilacWine" wie einen sehnsuchtsvollen Gesangam Atlantikufer. Selten saßen die Fesseln desFados so locker. Robert „Robi" Svärd hingegen bleibt den Säulen seines Genres auf seineWeise treu: Der schwedische Gitarrist be-herrscht die technischen Finessen des Fla-mencospiels in traumhafter Perfektion. Stattjedoch seine Virtuosität glitzern zu lassen,schüttelt er vertrackte Bulerias, Rumba oderAlegrias mit einer feinsinnigen Leichtigkeitaus dem Handgelenk, dass der Hörer sichmitten ins sonnenbeschienene Granada ver-

    setzt fühlt. Hier hat Svärd im Sommer letz-ten Jahres sein Debüt „Pa'ki Pa'ka" (AsphaltTango/Indigo) aufgenommen, gelegentlichflankiert von der markanten Stimme desCantaor Alfredo Tejado, zelebriert mit de-zent agierender Perkussion. Hin und weg!

    Kairo to Kobane20 Jahre nach ihrem Debüt hat Natacha Atlasviele stilistische Gefilde durchstreift, zuletztversuchte sie es mit türkischen Streichernund indischer Poesie. „Myriad Road" (Univer-sal) ist nun ihr erster konsequenter Ausflugin den Jazz, zur Seite steht ihr Genre-Promi-nenz wie der Trompeter (und hier auch Ar-rangeur) Ibrahim Maalouf, Oudist Smadjoder Pianist Frank Woeste. Die zu sehr ge-wollte Vereinbarkeit der wie immer grandio-sen Melismen mit der Jazzcombo zieht sichdurch weite Teile der Produktion. Das liegtoft daran, dass die Instrumentalisten sich zuwenig auf die Dame einlassen, dadurch wer-den ihre Vocals eine Glasur, die nicht zumKuchengeschmack passt. Wirkliche Interak-tion passiert immer dann, wenn Atlas diearabischen Pfade verlässt, Anspieltipp: dasreizende folkjazzige „Something". Eine rund-um gelungene Synthese ist dagegen das Al-bum „Jardins Migrateurs" (Ma Case/BrokenSilence). Dahinter versteckt sich das kana-dische Ensemble Constantinople um die bei-den iranischstämmigen Brüder Kiya und Zi-ya Tabassian. Von Quebec aus starten sie im-mer wieder in andere Weltgegenden, ver-bünden zeitlos Nahen Osten und Abendlandmit maurischem Mittelmeer und Afrika.Hier ist der Senegalese Ablaye Cissoko ihrPartner. Kora, Setar, Gambe und Perkussion,Griotweisheiten und Poesie von Hafez, Lau-ten- und Stegharfenimpro, Gambengrooves

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    Hildener Jazztage24-29.Mai 2%

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    5 SparkasseHilden • Ratingen • Velbert

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    Ministerium für Familie, Kinder,Jugend, Kultur und Sportdes Landes Nordrhein-Westfalen

    CEWERBEPARK-SÜD i Capio K l i n i k im Park,

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    'wts.Haus OHotel am Stadtpark Horst

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    www.hildener-jazztage.deWeStitlCket| Ticketzentrale

    Hilden/Mettmann0211-274000westticket.de

    und schnipsende Tombak fügen sich zueinem berührenden Fluss zusammen, dermal an einem Barockschloss, mal an impo-santen Lehmbauten, mal an prächtigen Mo-scheen vorbeiströmt.Auch bei Abaji spielen traditionelle Instru-mente die dominante Rolle, wobei der ausBeirut stammende Songschreiber seine Mu-sik diesmal in Armenien mit einem Duduk-spieler machte, anschließend in der Türkeirecherchierte und später in Paris den Ke-mence-Spezialisten Mahmut Demir mit insStudio nahm. „Route & Roots" (Absilone/Ga-lileo MC) klingt balladesk und modern, me-diterran und gelegentlich chansonesk.Ferhat Tunc ist der musikalisch verlängerteArm im Kampf des kurdischen Volkes undanderer Minderheiten um Selbstbestim-mung. Seine Arbeit kann gar nicht über-schätzt werden, seinen Einsatz für Men-schenrechte kommentierte die türkische Re-gierung wiederholt mit Gefängnis, zensierteseine Lieder. Sein aktuelles Werk „Kobani"(KKV/Indigo) fällt in musikalischer Hinsichteher mau aus. Die bewegenden Melodiensind eingebettet in pathetische Chor-Drama-tik, klagende Duduk- und Saz-Intermezziund eine Soft-Rock-Ästhetik der ig7oer. Fastschon einer Selbstzensur kommt gleich, dassdie Texte über die aktuellen Sündenfälle derTürkei ziemlich unleserlich im Booklet abge-druckt sind.

    Blaue Gitarren und BanjosZu den jüngeren Göttern des Blues-Rockszählt der 38-jährige Joe Bonamassa, der proJahr locker ein halbes Dutzend Tonträgerschafft, an denen er beteiligt ist. „Blues Of De-speration" (Provogue/Rough Trade), daszwölfte Studiowerk des „Grammy"-nomi-nierten Gitarristen, düst mit dem schnittigen„This Train" gleich im Turbomodus los, umanschließend zwischen lärmenden Head-banger-Boogies, ein paar traditioneller be-stückten Blues und weichen Lagerfeuerballa-den hin und her zu schalten. Mittendrinfährt Bonamassa die Hallspirale vor seinerStimme eine Spur runter und siehe da, eslässt sich ein wenig „Blue Eyed Soul" verneh-men. Kirk Fletcher ist laut Joe einer der bes-ten Bluesgitarristen der Welt. Singen kannder ehemalige T-Bird nicht, weshalb er sichauf „Burning Blues" (M2/in-akustik) weitge-hend damit zurückhält. Noch weniger wäreallerdings noch besser gewesen. Mit seinemGitarrenstil steht Fletcher beidbeinig bom-benfest im Schatten von SRV, liefert seine ei-gene Version von dessen melancholischemInstrumental „Lenny", outet sich mit dem Ti-tel „Blues For Robben And Larry" als Fanzweier anderer bekannter Edelfrickler undfügt dem ewigen Kanon der Bluesgitarre mitalldem nichts aufregend Neues hinzu.Relativ unbescholten bisher ist der folgendeSpätstarter aus Chicago. Toronzo Cannon ist48, hat zwar schon ein paar Platten gemachtund zirkuliert seit 15 Jahren in seiner Hei-matstadt als Bluesmann durch die Clubs undFestivals, sein Debüt bei Alligator (in-akus-tik) aber ist in jeder Hinsicht bemerkens-wert. Für die Songs auf „The Chicago Way"hat der ehemalige Busfahrer eigene Erleb-

    nisse treffsicher mit Biss und Humor verar-beitet, beackert seine messerscharfe Firebird-style mit der Linken und klingt dabei auchmal ein bisschen so, wie es sich für so einenBluesmann gehört; nach Albert King. SeineBand kramt dafür 50 fahre alte Muster ausdem Dreck der Southside hervor, aber wenn'smal etwas schnittig und funky sein soll, istauch ein Bläserdreier zur Hand.Alte Blues, R&B und Rocker versammeln diebeiden CDs „Groovin1 The Blues" und „Ro-ckin' The Groove" (Bear Family/in-akustik),die den Output des Groove-Labels aus denfrühen igsoern präsentieren: Sonny Terry,Champion Jack Dupree oder Roy Gaines sindunter den bekannteren Namen der Interpre-ten dieser knapp 70 Songs, die allesamtdancefloorkompatibel sind. Vom rustikalenShuffle Terrys über Sue Allens leidenschaft-liche Shouts hin zu saxlastigen Boogies undfiesem Slidesound reicht die Palette, mitten-drin singt ein Knirps namens George Bensonins Mikrofon. Da war er elf; das mit der Gitar-re kommt dann später...Die Songschreiber und Gitarristen NealBlack & Larry Garner verbindet, dass sie auchmal über den Tellerrand des Blues hinausgu-cken, weshalb das erste gemeinsame Album„Guilty Saints" (Dixiefrog/H'Art) an ein paarEcken überrascht, etwa mit einer psychede-lisch schluchzenden Mundharmonika mit-ten im Bandgetümmel oder meditativemKlampfengeplucker, mit lustigem Slide-gefummel oder gemütlich countryeskemFlair. Mit Danny Barnes landen wir beim Ge-winner des Steve Martin Prize in Banjo andBluegrass, der bereits Bill Frisell aus den So-cken haute. „Got Myself Together" (Eight 30/in-akustik) ist Barnes' selbstbewusste Neu-einspielung einer Scheibe, die er vor zehnJahren schon einmal veröffentlicht hatte. Al-les nochmal neu also? Warum? Oder ist dernur faul? Weil er die Songs von damals im-mer noch klasse findet und sie inzwischendurch das jahrelange Spielen anders spielt,antwortet Barnes. Ein MUSS für Fans des kau-zigen Ex-Bad-Livers-Bandmitglieds also.Zum Schluss noch ein Album, das Bill Frisellgefällt, hatte er doch Carrie Rodriguez vorJahren für die Ruhrtriennale kuratiert. Undaußerdem spielt er Gitarre auf „Lola" (Luz Re-cords/Broken Silence), für das die Texanerinneben eigenen Liedern klassische Border-Songs ausgesucht hat, „my own blend of Tex-Mex music", wie sie im Textheft notiert. Kna-ckige Conjuntos, schmelzende Rührstücke,Oldies wie das mexikanische „Perfidia" betö-ren das Ohr: Gitarren mit Nylonsaiten um-flirren die sanfte Violine der Sängerin, Frisellgibt sich elegant reduziert, die Lap Steel reihtsich ein. Schönklang mit Brüchigkeit, einSoundtrack fürs Auf-und-davon-Wollen.

    Orchestral FavoritesAls Rhabdomantie bezeichnet man dasWahrsagen mit einer Wünschelrute. Wasden italienischen Sänger und Multiinstru-mentalisten Manuel Volpe getrieben hat, seinEnsemble Rhabdomantie Orchestra zu nen-nen, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dassdie Suite, die er uns auf „Albore" (Agogo Re-cords/Ky/Indigo) mit seinen 14 Mitstreitern

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    Hiromi | SparksHiromis Trio Projekt geht mit dem Album Spark in eine neueRunde. Dabei zeigt sich die japanische Pianistin und Kompo-nistin mit den Begleitmusikern Anthony Jackson (Bass) undSimon Phillips (Drums)LIVE zu erleben am 05. Juli in Hattingen (Ruhrfestival)

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    Lutz Hafner | No Lonley NightsEcho Jazz Gewinner Lutz Hafner mit neuem Album.Rainer Böhm und Lutz Hafner, erweitert um vier Cellisten,beweisen erneut ihre unvergleichliche Fähigkeit zu lyrischen,sensiblen Interpretationen.

    Julian Lage | ArclightArclight ist Julian Lages erster Ausflug auf der E-Gitarre undim Trio-Format. Unterstützt wird er durch Scott Colley am Kon-trabass und Kenny Wollesen am Schlagzeug.

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    Alfredo Rodriguez | TocororoJede Aufnahme des kubanischen Pianisten und KomponistenAlfredo Rodriguez erzählt eine Geschichte. Featuring: RichardBona, Ibeyi, Antonio Lizana, Ganavya Ibrahim Maalouf. Produ-ziert von Quincy Jones.

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