Kinderarmut und kommunale Handlungsstrategien ... Kinderarmut und kommunale Handlungsstrategien Eine...

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  • Kinderarmut und kommunale Handlungsstrategien

    Eine wissenschaftlich-fachpolitische Einordnung der Studie „Wohnungsangebot für arme Familien in Deutschland“ der Bertelsmann Stiftung

    von Dr. Antje Richter-Kornweitz

  • Einordnung von Dr. Antje Richter-Kornweitz

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    Wie viele sind es denn? Diese Frage wird in fast jeder Diskussion um Armut gestellt.

    Die vorliegende Studie belegt, 18,9 % der Minderjährigen lebten 2011 in Deutschland

    in Einkommensarmut, das heißt fast jede/r Fünfte. Bei den Familien betraf es im

    selben Zeitraum jeden sechsten Familienhaushalt (16,6 %). Schaut man

    differenzierter, und das bedeutet auch regionalisierter, ergibt sich eine weit höhere

    Betroffenheit in vielen Städten und Stadtteilen. Ergänzend dazu sollte man noch

    festhalten, in welchen Gruppen Armut besonders ausgeprägt ist: große Familien mit

    drei und mehr Kindern, Alleinerziehende sowie Langzeitarbeitslose.

    Überdurchschnittlich häufig betroffen sind außerdem Menschen mit sogenanntem

    Migrationshintergrund. Sie bilden keine einheitliche Bevölkerungsgruppe, sondern

    befinden sich in ganz unterschiedlichen Lebenslagen, tragen insgesamt gesehen

    jedoch ein hohes Armutsrisiko. Ihre überwiegende Mehrzahl (79 % der Familien)

    finanziert sich ebenso wie Familien ohne Migrationshintergrund (88 %) über eigene

    (Vollzeit-)Erwerbstätigkeit, erzielt jedoch trotz durchschnittlich höherer Anzahl an

    Familienmitgliedern, eher ein niedrigeres Familiennettoeinkommen (vgl. Statistisches

    Bundesamt 2011).

    Quantitative Daten und objektive Messbarkeit entfalten viel Überzeugungskraft und

    Zahlen zur Verteilung von materieller Armut bieten wichtige Argumentationshilfen.

    Sie stellen allerdings nur einen Ausschnitt der Gesamtperspektive dar. Ein allein

    quantitativ orientierter Blick vernachlässigt die Konsequenzen von Armut für den

    Familienalltag und ist daher mit weiteren Erkenntnissen zu kombinieren. Die Kosten

    für Wohnen sind in diesem Kontext brisant, weil sie die Armutslage enorm

    verschärfen können: sowohl mit Blick auf die materielle Situation wie auch auf

    Verdrängungsprozesse, durch die Familien nicht nur ihr vertrautes Wohnumfeld

    verlieren, sondern zusätzlich zu ihrer prekären Lage ein bewährtes Netz an

    Unterstützung und Infrastruktur.

    Viel Diskussionsstoff bieten außerdem die langfristigen Auswirkungen auf die

    kindliche Entwicklung. Internationale wie auch nationale Studien, die

    Entwicklungsverläufe unter einer Längsschnittperspektive bis ins Jugend- oder sogar

    Erwachsenenalter begleitet haben, belegen die Folgen von Armut in frühen

    Lebensjahren sowie die Wirkung von Langzeitarmut auf spezielle Risikobereiche wie

    den Gesundheitsstatus, den Bildungs- und Berufserfolg und die kulturelle und soziale

    Teilhabe (Schoon 2006, Power/Kuh 2008, von Dragano 2007, Richter-Kornweitz

  • Einordnung von Dr. Antje Richter-Kornweitz

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    2010a; Holz et al. 2005, Laubstein et al. 2012, Mielck et al. 2012). Ergebnis: Armut

    gehört zu den größten Entwicklungsrisiken überhaupt.

    Zahlen allein zeichnen also kein klares Bild über Armutsfolgen. Um sie detaillierter zu

    erfassen, muss die familiäre Situation in wichtigen Lebensbereichen wie Gesundheit

    und Bildung, Wohnumfeld und soziale Einbindung bekannt sein. Ebenso relevant ist

    die subjektive Wahrnehmung der individuellen Situation. Fühlen Familien sich

    eingebunden in ein hilfreiches Netz sozialer Beziehungen mit Nachbarn, Freunden

    und Verwandten in ihrem näheren Umfeld? Erscheint eine Teilhabe an den

    Aktivitäten und Lebensbedingungen der Gesellschaft möglich? Oder sind Alltag und

    Lebenswirklichkeit, aber auch Wünsche und Ziele durch wiederkehrende

    Erfahrungen von Exklusion geprägt?

    Armut und Wohnumfeld

    Pädagogische Fachkräfte, beispielsweise aus Kindertagesstätten, weisen auf die

    Spuren hin, die fehlende Teilhabe hinterlässt. Die Familien haben nicht das Geld, um

    ihre Kinder mit Bekleidung so auszustatten, dass es ihnen möglich ist, diese auch

    häufiger zu wechseln. Es gibt eine Hose, eine Jacke oder einen Mantel und das ist

    eben der Mantel oder die Hose, die täglich und über einen langen Zeitraum getragen

    wird. Das ist sichtbar. Armut setzt so ihr eigenes Stigma. Viele Betroffene wissen das

    und treten den sozialen Rückzug an, auch um Stigmatisierungs- und

    Exklusionserfahrungen nicht ständig zu wiederholen (Richter 2000).

    Diese Kinder sind weniger beteiligt an Ereignissen in ihrer direkten Umgebung,

    wissen nur wenig über ihre Stadt außerhalb des direkten Wohnumfelds. Meist liegen

    nur wenige Straßen dazwischen, manchmal reicht schon die andere Straßenseite.

    Dies zeigt: ebenso schwer, wie sich ein Kind den Bedingungen seines Elternhauses

    entziehen kann, kann es sich dem Sozialraum entziehen, indem es aufwächst. Die

    vorherrschende soziale Ungleichheit führt zu Polarisierung und Segregation und

    bewirkt, dass Kinder in benachteiligten Stadtteilen weniger Lernanreize vorfinden als

    anderswo. Die soziale Entmischung von Stadtteilen bringt spezifische Kontexteffekte

    (Häussermann 2010) mit sich, die zu einer Verschlechterung der Lebens-,

    Gesundheits- und Bildungschancen der dort lebenden Heranwachsenden führt.

    Immer mehr Familien mit geringem Einkommen werden in ohnehin benachteiligte

    Quartiere verdrängt

  • Einordnung von Dr. Antje Richter-Kornweitz

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    Durch die Kürzung der Mittel aus der „Sozialen Stadt“ wurde vielerorts die

    Stadtteilarbeit, die hier mit aktivierenden Maßnahmen ansetzen könnte, stark

    zurückgefahren,. Das führt zu dem zweiten großen Problem auf dem

    Wohnungsmarkt. Die zu lange verzögerten Neubauten im sozialen Wohnungsbau

    sowie der vernachlässigte Altbestand an Wohnungen, insbesondere der

    kommunalen und unternehmensgebundenen Wohnungen, die in den letzten Jahren

    an Investmentgesellschaften verkauft wurden, hemmen die Zusammenarbeit im

    Stadtteil. Fehlende Ansprechpartner, verzögerte Reparaturen, Ausfälle in der

    Haustechnik, Schimmelbildung sind die vordringlichen Probleme der hier lebenden

    Familien. Diese Vernachlässigung von Wohnbeständen in benachteiligten Quartieren

    blockiert die Aktivitäten engagierter Bewohner/innen zur Verschönerung und

    Aufwertung ihres Stadtteils und hinterlässt Spuren im Wohnumfeld (Akzent 2011).

    Die Folgen der Verdrängung in benachteiligte Quartiere und der innerstädtischen

    Spaltungsprozesse werden so nochmals erheblich verschärft.

    Die fehlende soziale Durchlässigkeit unserer Gesellschaft, die sich in der

    Randständigkeit der Wohnquartiere armer Familien spiegelt, zeigt sich auch in

    weiteren Lebensbereichen.

    Armut und Bildung

    Von erheblichem Einfluss auf die Entwicklung der Kinder ist die mangelnde

    institutionelle Durchlässigkeit des Bildungssystems. Zum einen werden

    Bildungschancen bereits deutlich vor Schuleintritt durch die soziale Herkunft

    beeinflusst (Holz et al. 2005, Heinrich-Böll-Stiftung 2008, Fritschi/Oesch 2008, Hans-

    Böckler-Stiftung 2011, Deutscher Caritasverband 2012), weshalb Bildungsforscher

    eine stärkere und vor allem früher ansetzende Förderung für alle Kinder fordern. Zum

    anderen besteht Chancenungleichheit nicht nur wegen ungleicher elterlicher

    Bildungsaspirationen, sondern auch infolge der ungleichen Verteilung von

    Ressourcen, d.h. der ungleichen Möglichkeiten von Eltern ihre Kinder zu unterstützen

    und ihnen „etwas mitzugeben“. Im Ergebnis unterscheiden sich die Lern- und

    Erfahrungsmöglichkeiten armer und nicht-armer Schülerinnen und Schüler

    signifikant, wie beispielsweise die AWO-ISS-Studie nachweisen konnte (Laubstein et

    al 2012). Von den Probanden dieser Langzeitstudie konnten nur 33 % der armen,

    aber immerhin 49 % der nicht-armen Mädchen und Jungen die Schule vom Start an

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    der Grundschule bis zum Ende der SEK I regulär, das heißt ohne Rückstellungen,

    Klassenwiederholungen und Querversetzungen in niedrigere Schulformen,

    durchlaufen.

    Der Förder- und Bildungsbedarf armer Heranwachsender wird vollkommen

    unzureichend gedeckt. Die Versäumnisse dieser Politik zeigen sich beispielsweise in

    der Größenordnung der fast 1,5 Millionen junger Menschen zwischen 20 und 29

    Jahren in Deutschland, die keine abgeschlossene Berufsausbildung haben und sich

    auch nicht in einer Qualifizierungsmaßnahme befinden. Ihre künftigen Chancen auf

    dem Arbeitsmarkt einer wissensbasierten Dienstleistungsgesellschaft sind extrem

    gering (Allmendinger et al./ 2011).

    Armut und Gesundheit

    Bildung führt über den Weg sozialer Integration wie auch besserer Berufschancen in

    der Regel auch zu einer verbesserten Gesundheit im Erwachsenenalter. Gesundheit

    und Wohlbefinden - lebenslauforientiert betrachtet - basieren neben dem

    individuellen Lebensstil ebenso sehr auf Wissen und Information sowie auf Lebens-,

    Arbeits- und Umweltbedingungen.

    Sozial bedingte gesundheitliche Beeinträchtigun