Kinematik und Dynamik - Springer 978-3-663-09692-4/3/1.pdf · sichtlich der Divergenz operationaler

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  • Kinematik und Dynamik

    1m ersten Teil der vorliegenden Untersuchung haben wir die Grundlagen flir die Analyse der Geometrisierung der physikalischen Methodik, d.h. der For- malisierung von Kinematik und Dynamik, gelegt: Zum einen hinsichtlich der Homogenisierung des physikalischen Raumes mit der Oberwindung der Unterscheidungen von linearen und zirkularen Bewegungen und von sub- und supralunarer Welt, sowie zum anderen hinsichtlich der Homogenisierung des Zeitverstandnisses und der dadurch moglichen Entwicklung der natur- wissenschaftlichen Zeit. Damit konnen wir im zweiten Teil nun die Entwick- lung des Verstandnisses von Bewegung und Kraft, insbesondere die eigen- standige Reprasentation der physikalischen Zeit im Rahmen der Kinematik und die Aufhebung der kosmologischen Zweiteilung durch einen einheitli- chen, linearen, der Kinematik adaquaten Kraftbegriff, in ihrem jeweiligen historischen Verlauf beleuchten. Wahrend wir also im ersten Teil die techno- logischen Bedingungen und ihre Einfllisse auf das Raum- und Zeitversmnd- nis untersucht haben, konzentrieren wir unsere Oberlegungen nun auf das reflexive Bemlihen, diese Entwicklungen und die dabei entstandenen Span- nungen im Weltbild durch die Formalisierung der physikalischen Zusam- menhlinge mit Hilfe neuer Reprasentationssysteme einzuholen und das Welt- bild damit auf eine neue Basis zu stellen. Flir die formale Ausdifferenzierung von Kinematik und Dynamik, d.h. der Bewegungslehre aus- und einschlieB- lich der Bewegungsverursachung, und ihre operationalisierbare Reintegration spielt die Ebene der formalen Darstellungsmittel eine entscheidende Rolle, denn urn die Kinematik und im Anschluss auch die Dynamik zu geometrisie- ren, und d.h. der modemen wissenschaftlichen Betrachtung den Weg zu offnen, mussten spezifische Formen gefunden werden, urn vor allem Zeit und Kraft als GroBen geometrisch adaquat darstellen und operational verknlipfen zu konnen.

    Urn der Entwicklung von Kinematik und Dynamik naher zu kommen, ist es, wie im ersten Teil, von Interesse einen Blick auf die Zusammenhange zwischen kognitiven und historischen Entwicklungsverlaufen zu werfen, und dabei die Perspektive auf die Entwicklung der mechanistischen Kausalitat fokussieren. Wir werden uns hierbei zuerst in allgemeiner Weise dem Begriff der Kausalitat nahem, urn dann durch sein spezifisches Verhaltnis zum Raum

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  • den kognitiven Hintergrund fUr die historische Fonnalisierung von Kinema- tik und Dynamik im 17. Jahrhundert entfalten zu konnen. 191

    Die mechanistische Kausalitiit in historisch-genetischer Perspektive

    Die fundamentalen materialen Kategorien: Raum, Zeit, Objekt, Kausalitat, bilden in der frtihkindlichen Phase einen nicht eindeutig zu differenzierenden Komplex. Die sich im Laufe der Entwicklung zeigende Differenzierungsten- denz der (auBeren) Kausalitat aus diesem Komplex besteht darin, dass aus ihr die Zuschreibung eines Ursache-Wirkung-Zusammenhangs (mit der spezifi- schen Sukzession erst Ursache dann Wirkung) auf das Verhalten bestimmter Objekte wird, die in einem bestimmten raumlichen Verhaltnis zueinander stehen. 192 Kausalitat stellt somit ein tiber die Wahmehmung hinausgehendes, aber dennoch als objektiv begriffenes Verhaltnis zwischen Objekten her.

    Die Entwicklung der Realkategorien beginnt in der ersten, der sensomo- torischen Phase auf der Basis isolierter einzelner Handlungen, wobei die in diese Handlungen eingehenden Objekte von diesen Handlungen gerade noch nicht unterschieden sind. Wunsch, Korper und Phanomenwelt bilden noch eine Einheit.

    "Das Hervorbringen interessanter Resultate muS also einfach als Verlangerung der Gefiih- Ie, des Wunsches, der Anstrengung, des Wartens usw. empfunden werden. Anders gesagt, die erreichte Nahrung muS als Verlangerung der Handlung Saugen, die visuellen Bilder als Verlangerung derjenigen des Sehens usw. wahrgenommen werden. Die primitive Kausali- tat k6nnte also als eine Art Effizienzgefiihl oder ein Gefiihl des Wirkens, das an die Hand- lung als solches gebunden wird, verstanden werden.,,193

    Die einzelnen ,Verlangerungen' sind dabei aber gerade noch nieht so zu verstehen, dass ihnen bereits eine Subjekt-Objekt-Differenzierung zugrunde lage. Diese Differenzierung ist vielmehr Produkt der weiteren Entwicklung. Die entseheidenden Momente dieser ,frtihesten Struktur der Realkategorien' benennt Piaget mit den komplementaren und die kommende Differenzierung von Subjekt und Objekt anzeigenden Begriffen Dynamismus und Phanome- nismus. Vor dem Hintergrund, dass das Geftihl des Wirkens und die Wahr- nehmung der Dinge (noeh) nieht differenziert sind, bezeiehnet das dyna-

    191 Westfall sieht flir die wissenschaftliche Entwicklung im 17. lahrhundert zwei Trends als wesentlich an: die geometrische Reprasentation und die spezifische Form der Kausalerkla- rung; vgl. Westfall 1977, S. 1.

    192 Dass das eigentliche Verhiiltnis von Ursache und Wirkung unbeobachtbar ist, sehen empi- ristische Kausalerklarungen ebenso, aber sie verkennen erstens, dass schon das Wahrneh- men, auf das die Assoziationen dann angewandt werden sollen, selbst spezifische aktive Koordinationen des Subjektes erfordert, und zweitens teilen sie mit aprioristischen Theo- rien die Unfahigkeit die Strukturentwicklung der Kausalitat, insbesondere die zunehmende Differenzierung subjektiver und objektiver Aspekte, zu erfassen; vgl. Kalble 1997, S. 74ff.

    193 Piaget 1975, S. 220.

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  • mistische Moment die subjektive wirkende Seite und das phanomenistische Moment die objektive Seite. Die Entwicklung der Kausalitat flihrt dann zur Trennung von Wirkgeflihl als Ursache und Phanomen als Wirkung, d.h. letztlich also der Trennung von Subjekt und Objekt(welt). Durch die ver- mehrte Verwendung von Hilfsmitteln schlieBt sich die Entwicklung der au- Beren Kausalitat direkt an die der inneren an, insofem das kausale Verhliltnis zwischen Hilfsmittel und Zielobjekt in den Handlungsentwurf eingehen muss. Mit der zunehmenden Unabhangigkeit der Objektwelt, d.h. je weniger diese eine dynamistische Setzung darstellt, differenzieren sich innere und auBere Kausalitat.

    Was die Ausdifferenzierung der auBeren Kausalitat betrifft, so ist ein von Piaget vemachlassigter Umstand von entscheidender Bedeutung: der kognitive Konstitutionsprozess steht von Beginn an unter sozialen Bedin- gungen; d.h. zum einen, dass das flir den Aufbau der kindlichen Kompeten- zen dominante Objekt die sorgende Bezugsperson ist, und zum zweiten, dass von diesen Personen entwicklungsanftemessene Kontakte mit weiteren Ob- jekten absichtsvoll moderiert werden. 94 Noch bevor die eigentliche Objekti- vierung der auBeren Kausalitlit einsetzt, wird so ein interaktives Verhliltnis von Subjekt und Objekt eingetibt. Insofem sich dem Subjekt damit die Ob- jekte als Wirkzentren darstellen, die in einem intentionalen Verhaltnis zum Subjekt stehen, wird letztlich auch deren Verhalten untereinander dieses Schema unterlegt. "Ursache und Wirkung werden so homolog gebildet, nam- lich beiderseits als lebendige, wirkmachtige, intentionale Kraft.,,195 Kausale Erklarungsmuster wie Artifizialismus und Animismus sind also nicht als bloBe Applikation des subjektiven Kausalschemas auf nicht yom Subjekt selbst induzierte Vorgange zu verstehen, sondem der subjekthafte und der interaktive Charakter der auBeren Kausalitat beruht auf der konstruktiven Auseinandersetzung mit der (sozial gepragten) Umwelt. Es handelt sich also nicht urn eine bloBe Spiegelung oder Obertragung von subjektiven Schemata in die AuBenwelt, sondem urn eine eigenstandige Konstruktion des auBeren Zusammenhange. Diese Konstruktion zeigt sich daher auch entsprechend konservativ.

    Die Charakteristika der auBeren Kausalitat lassen sich daher mit den Begriffen des bipolaren Finalismus und des substantialistischen Dynamismus naher bestimmen:

    "Die Bipolaritiit des kindlichen Finalismus driickt die Eigenschaft jedweden kausalen Geschehens aus, auf zwei kooperierende Wirkzentren zu konvergieren, die einer gemein- samen Intention folgen. Ursache und Wirkung sind also beide gleichermaBen aktiv an der Verwirklichung des gemeinsamen Ziels beteiligt. ... Der substantialistische Dynamismus bezeichnet die materiale Konzeption der Wirkzentren: Iedwedes Geschehen geht auf die aktive Uberwindung eines Widerstandes durch die (lebendige) Eigenkraft der beteiligten

    194 Vgl. Dux 1982, S. 92ff. 195 Wenzel 1994, S. 346.

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  • Dinge zuruck. Diese Eigenkraft ist ihnen unmittelbar und unloslich zu eigen, wirkt entwe- der stets oder erst nach der ,Erregung' durch ein anderes Phlinomen; niemals aber wird Kraft tibertragen." 196

    Die Konservativitat (und die Praktikabilitat) dieser Struktur zeigt sich daran, dass in der an die sensomotorische Phase anschlieBenden, vorstellungsmaBi- gen und begrifflichen Entwicklung der Kausalitat eine grundlegende Neu- strukturierung der Kausalitat nur langsam in Gang kommt. Die vorstellungs- maBige und begriffliche Form der Kausalitat stellt sich zuerst vielmehr als bloBe Rekonstruktion der zuvor entwickelten Struktur auf einer anderen medialen Ebene dar. 197

    Der Grund fUr die Konservativitat der Struktur auch nach dem Wechsel zu einer komplexeren Reprasentationsebene liegt in der Divergenz von ope- rationaler und kausaler Entwicklung. Wahrend die Operationalitat sich gera- de durch die Ablosung von Inhalten als reine Handhabung von Relationen entwickelt, stellt Kausalitat eine subjektive Konstruktion dar, die stlindig mit sinnlichen Eindriicken der AuBenwelt koordiniert werden muss bzw. diese erst in der jeweiligen Form moglich macht, dabei aber als der AuBenwelt selbst zukommend verstanden wird. 198 Die historischen Angriffspunkte di- vergieren entsprechend; wahrend