Kleine Geschichte der Fotografie - Vorwort 9 Vorwort Die Faszination, eine Geschichte der Fotografie

download Kleine Geschichte der Fotografie - Vorwort 9 Vorwort Die Faszination, eine Geschichte der Fotografie

of 25

  • date post

    12-Sep-2019
  • Category

    Documents

  • view

    0
  • download

    0

Embed Size (px)

Transcript of Kleine Geschichte der Fotografie - Vorwort 9 Vorwort Die Faszination, eine Geschichte der Fotografie

  • Kleine Geschichte der Fotografie

  • Boris von Brauchitsch

    Kleine Geschichte der Fotografie Mit 136 Abbildungen

    Reclam

  • 3., durchgesehene und erweiterte Auflage

    RECLAM TASCHENBUCH Nr. 20519 2002, 2018 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen Umschlagfoto: »Die Stufen« von Alexander Rodtschenko, 1929 © VG Bild-Kunst, Bonn 2012 Druck und Bindung: Canon Deutschland Business Services GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen Printed in Germany 2018 RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart ISBN 978-3-15-020519-8 www.reclam.de

  • Inhalt 5

    Inhalt

    Vorwort 9 Einleitung 12

    Der dunkle Raum der Kunstgeschichte Von der Camera obscura zur Spiegelreflexkamera 21

    Das Festhalten des flüchtigen Lichts Wedgwood, Talbot, Niepce und Daguerre 24

    ■ Johann Peter Hebel – Unverhofftes Wiedersehen 31

    1839 – das Jahr des internationalen technischen Durchbruchs Die öffentliche Präsentation der Fotografie 32

    Ein neues Medium steht bereit Hill, Krone, Nègre, Nadar und die frühen Fotografinnen 38

    Jäger und Sammler Die Erfassung der Welt: Abenteuer und Exotik 57

    ■ Walter Benjamin – Zwischen Folterkammer und Thronsaal 67

    Frühe Sozialdokumentation Fenton, Curtis, Dmitrijew und Zille 68

    Schneller als das Auge Die Bewegungsstudien von Muybridge und Marey 77

    Kunst und Fotografie Die Piktorialisten um 1900 83

    Eine neue Zeit: Fotografie in Farbe Ducos du Hauron, Joly und die Brüder Lumière 95

    Neu, straight, sachlich Internationale Tendenzen 1910–1930 98

  • 6 Inhalt

    ■ Ernst Kallai – Malerei und Fotografie 114

    Fotografie für alle August Sander und die Amateurfotografie 116

    Fotografie und Propaganda Kommunismus und Nationalsozialismus 123

    Surrealismus zwischen den Weltkriegen Atget, Man Ray und List 135

    Wissensdurst und Schaulust Reportagefotografie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts 143

    Virtuosen der Oberfläche Modefotografie seit 1930 153

    Der besondere Augenblick Kertész, Brassaï und Cartier-Bresson 167

    ■ Henri Cartier-Bresson – Den Atem anhalten 176

    Auferstanden aus Ruinen Nachkriegsfotografie in Deutschland und die Family of Man 177

    Macht der Masse Magnum und die Problematik der Bildreportage 186

    Leitbilder Das repräsentative Porträt 195

    American Dreams / American Nightmares Arbus, Frank und Mark 207

    Subjektive Fotografie Steinert und die Folgen 216

    Voyeurismus und Intimität Waplington, Clark, Araki und Mapplethorpe 230

  • Inhalt 7

    Sofortbilder Kunst und Polaroid 240

    Fotografie erobert die Kunstbetriebe Vom Mixed Media zum Großbild 244

    Wirklichkeit, Wunsch und Lüge Autobiografien mit der Kamera 1980–2000 251

    ■ Hervé Guibert – Das Zimmer 257

    Inszenierte Fotografie 1: Rollenspiele und moderne Märchen Sherman, Lüthi und Klauke 258

    Der träge Blick Basilico, Niedermayr und die Becher-Schule 264

    Inszenierte Fotografie 2: Der Bruch mit dem Authentischen Der arrangierte Zufall und die Welt als Modell 273

    Am Anfang war das Bild Fotografie und Digitalisierung 278

    Anhang

    Anmerkungen 287 Literaturhinweise 300 Abbildungsnachweis 321 Personenregister 322 Sachregister 333

  • Vorwort 9

    Vorwort

    Die Faszination, eine Geschichte der Fotografie zu schreiben, liegt zum einen in der relativ kurzen und historisch gut doku- mentierten Zeitspanne von gerade einmal zwei Jahrhunderten, die zwischen den ersten Experimenten mit lichtempfindlichen Chemikalien und der digitalen Aufnahme liegt, zum anderen in der Wirkung des Mediums, die nicht hoch genug einzuschätzen ist, und das für fast alle Bereiche des Lebens. Ob Wissenschaft, Medizin, Kunst, Nachrichtenwesen oder Unterhaltung, ohne die Erfindung der Fotografie und ihre Folgen sind sie heute nicht mehr vorstellbar.

    Es ist wenig erstaunlich, dass in den letzten 60 Jahren bereits eine Reihe von Fotografie-Geschichten entstanden ist. Sie be- leuchten das Medium aus sozialgeschichtlicher, aus kunstfoto- grafischer oder technischer Sicht und schaffen chronologische, thematische oder alphabetische Ordnungen, um die Wucht und Vielfalt, mit der das Massenmedium Fotografie über uns herein- bricht, zu bändigen.

    Manche Autoren beschränken sich auf einen zeitlichen Aus- schnitt (wie Helmut Gernsheim oder Petr Tausk) oder auf den künstlerischen Ansatz der Fotografie (wie Beaumont Newhall), andere unternehmen den Versuch, anhand einer einzelnen Sammlung die Geschichte aufzurollen (wie das George Eastman House in Rochester oder das Museum of Modern Art in New York), als Aneinanderreihung von Kurzbiografien zu erörtern (wie Cecil Beaton und Gail Buckland) oder durch eine facetten- reiche Sammlung von Essays verschiedener Autoren zu bewälti- gen (wie Michel Frizot oder Václav Macek).

    Parallel zur Flut von Fotografien kommt es zu einer Flut von Fotoliteratur. In den letzten Jahren gibt es zudem erste Un- ternehmungen, auch Studien zur Geschichte der Fotografie- geschichte zu betreiben. Die große Vielfalt der Publikationen

  • 10 Vorwort

    spiegelt vor allem das noch immer wachsende Interesse an der Fotografie als Kunstwerk und Sammlungsobjekt, das mit einer entsprechenden Preisentwicklung einhergeht.

    Die Auswahl für eine Geschichte der Fotografie aus den Millio- nen von herausragenden Aufnahmen wichtiger Fotografen, die seit der öffentlichen Präsentation im Jahr 1839 entstanden, muss zweifellos radikal und subjektiv sein, umso überraschender ist die Neigung der Kunstgeschichte, die immer gleichen Künstler mit den immer gleichen Werken zu präsentieren. Die Tendenz vieler Kunstbildbände, so einen Wiedererkennungswert zu ga- rantieren und Kunst-Ikonen zu schaffen, hat sich leider auch in weiten Teilen der Fotografiegeschichte durchgesetzt und zu ei- nem relativ fest umrissenen Kanon von Bildern und Personen geführt.

    Die vorliegende Kleine Geschichte der Fotografie stellt die ge- sellschaftliche Bedeutung und Funktion in den Mittelpunkt und untersucht die gesellschaftliche Veränderung der Wahrneh- mung seit der öffentlichen Präsentation des Mediums im Jahre 1839. Bedeutende Persönlichkeiten der Fotogeschichte gewin- nen Kontur – und neben einer kleinen Auswahl fast unvermeid- licher Inkunabeln der Fotografie werden herausragende Bildbei- spiele präsentiert, die wichtige Entwicklungen, Stile und Ten- denzen aufschlussreich belegen können.

    Die Herausforderung, in aller Kürze vom Blickwinkel des 21. Jahrhunderts aus die Fotografiegeschichte des 19. und 20. Jahr- hunderts zu umreißen, hat dazu geführt, dass Schwerpunkte gesetzt wurden, die die unvergleichliche Erfolgsgeschichte des Mediums zwischen Maschine und Kunst, zwischen Individuali- tät und Masse, zwischen Wirklichkeit und Manipulation beson- ders prägnant beleuchten.

    Eine zentrale Position wird der Fotografie als ganz eigenwilli- ger Form der Erinnerung eingeräumt. Seit ihren Anfängen galt dieser Qualität des Mediums besonderes Augenmerk. Allein die

  • Vorwort 11

    Stellungnahmen von Malern, Philosophen, Schriftstellern und Politikern zu diesem Thema verdienten eine eigene historische Würdigung. Und auch wenn sich Friedrich Nietzsche über den Nutzen und Nachteil der Historie verbreitet, dann scheint es fast, als ob er eine Fotografie vor Augen hatte: »Es ist ein Wun- der: der Augenblick, im Husch da, im Husch vorüber, vorher ein Nichts, nachher ein Nichts, kommt doch noch als Gespenst wie- der und stört die Ruhe eines späteren Augenblicks. Fortwäh- rend löst sich ein Blatt aus der Rolle der Zeit, fällt heraus, flattert fort – und flattert plötzlich wieder zurück, dem Menschen in den Schoß.«1

  • 12 Einleitung

    Einleitung

    Als die ersten Fotografien in Umlauf kamen, erschienen sie den Betrachtern als Abdrücke der Natur, nicht wie Zeichnungen ei- nes Künstlers, sondern wie Zeichnungen des Lichts. Ihre Faszi- nation lag in der präzisen Wiedergabe der Gegenstände; man nahm eine Lupe zur Hand und entdeckte auf den Bildern De- tails, die dem bloßen Auge entgangen waren. Hier ein gerade noch lesbares Ladenschild, dort eine zerbrochene Scheibe in ei- nem Speicherfenster. Das Licht zeichnete mehr, als das mensch- liche Auge zu sehen in der Lage war. Es übertraf alle Produkte der Kunst an ›Wahrheit‹. Natürlich gab es sofort auch Kritiker. So ließ der französische Maler Eugène Delacroix 1846 die Freunde der Kultur wissen: »Der große Künstler konzentriert das Inter- esse, indem er die unnützen und dummen Details unterdrückt.«1 Die instinktive Opposition gegenüber dem neuen und schein- bar vor allem technischen Medium gründete sich auch auf die drohende Gefährdung des Kunststatus der Malerei, der un- trennbar mit Begriffen wie Individualismus und Genie ver- knüpft war. Hatten nicht die Künstler der Frührenaissance lange genug dafür gekämpft, sich auch im allgemeinen Bewusstsein vom reinen Handwerk abzusetzen? Diese Errungenschaften, von denen Künstler seither profitierten, durften in den Augen zahlreicher Kulturwächter nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden, indem man die Künste nicht nur handwerklicher, son- dern gar industrieller Fertigung auslieferte.

    Der bedeutendste Schritt in der industriellen Entwicklung war nach der Normierung und Massenfertigung natürlich die Ge- schwindigkeit, und es erscheint geradezu zwangsläufig, dass die fotografische Forschung in diesem