KLINGER, Cornelia_Romantik Und Neue Soziale Bewegungen

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  • 7/25/2019 KLINGER, Cornelia_Romantik Und Neue Soziale Bewegungen

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    Cornelia Klinger

    Romantik und neue soziale Bewegungen

    Wenn hier die deutsche Romantik des frhen 19. Jahrhunderts

    in Zusammenhang gebracht wird mit historisch spteren Er

    scheinungen und Bewegungen, die bereits vorgngig zu meiner

    Darstellung nicht selten als neoromantisch identifiziert worden

    sind, so liegen zwei voneinander unterschiedene, aber durchaus

    miteinander verbundene Intentionen zugrunde. Auf der einen

    Seite wird durch die Ausweitung der Perspektive auf die Wie

    derholung der romantischen Konstellation oder einiger ihrer

    wesentl ichen Komponenten in historisch spteren Situationen

    eine Deutung von Romantik widerlegbar, die diese als eine Art

    Ve rgangenheitsrest begreift, als Schw ellenphnom en am Beginn

    der Moderne, das in deren weiterem Fortgang zum Verschwin

    den gebracht worden wre. Auf der anderen Seite erlaubt der

    ferne Spiegel , den die Romantik fr einige nicht unwesentli

    che Tendenzen der letzten beiden Jahrhunderte bildet , deren

    zutreffenderes Verstndnis.

    Es geht im folgenden

    - um die durch die R om antik an der Wende zum 19. Jahrhu ndert

    in den Kontext der Moderne eingebrachte sthetisch-expressive

    Rationalitt und ihre Erscheinungsformen und Wirkungsweisen

    im gesellschaftlichen Raum;

    - es geht ferner um sptere gesellschaftliche Bewegungen, die

    gleichfalls Sehweisen und Themen der sthetisch-expressiven Ra

    tionalitt in den Mittelpunkt ihres Interesses und ihrer Aktivitt

    gerckt haben und die damit bewut oder unbewut, beabsichtigt

    oder unbeabsichtigt in der Nachfolge der Romantik stehen;

    - und es geht schlielich um die Frage des Verhltnisses, zuweilen

    auch des Konflikts dieser Anstze mit anderen Gegebenheiten der

    modernen Wirklichkeit.

    Obwohl auf der einen Seite nicht zu bestreiten ist, da die Ausbil

    dung der sthetisch-expressiven Rationalitt in den Kontext der

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    Romantik und Moderne

    Moderne gehrt und an ihrem Proze teilhat - anders ausge

    drckt: da die Romantik erst vor dem Hintergrund und auf der

    Voraussetzung der politischen und industriellen Revolution ent

    stehen konnte -, erscheint ihre Zugehrigkeit zur Moderne den

    noch uerst prekr. Der spezifische Charakter der sthetischen

    Rationalitt und der sie tragenden Bewegungen ist sehr hufig

    m iverstanden worden und zwar dahingehend, da ihre an dersar

    tige Realittsauffassung nicht in ihrem Eigensinn erfat, sondern

    als rckwrtsorientiert, d. h. als aus der Vergangenheit stammen

    des und auf deren Wiederherstellung zielendes Phnomen fehlge

    deutet wird. Tatschlich liegt der berchtigten konservativen

    Wende der deutschen Romantik weniger ein Konservatismus im

    politischen bzw. gesellschaftlichen Sinne zugrunde, als vielmehr

    eine aus der sthetischen Ra tionalitt entspringende W eltsicht, di e

    in manchen (lngst nicht in allen) Hinsichten konservativ erschei

    nen mag, was zu Verwechslungen und gelegentlich auch zu Verein

    nahmungen Anla geben kann - und dies in der Vergangenheit

    auch vielfach getan hat.

    Kurze Charakterisierung einiger Grundmotive der Romantik

    Die folgenden berlegungen sind vornehmlich modernisie

    rungstheoretischer Natur. Sie machen Rom antik m ehr zum Au s

    gangspunkt als zum Gegenstand. Daher soll von der deutschen

    Romantik in nur summarischer Weise die Rede sein. Ohne An

    spruch auf Vollstndigkeit zu erheben, lassen sich die wichtig

    sten Merkmale im Hinblick auf die Romantik als gesellschafts

    theoretische und politische Bewegung in sieben Pun kten zusa m

    menfassen:

    1. Ein frh einsetzender Rckzug von politischem bzw. gesell

    schaftlichem Engagement bei gleichzeitiger Ausweitung und Um-

    deutung des

    evolutionsbegriffs zur geistigen und damit allumfas

    senden Revolution.

    Dabei wird die Unterscheidung zwischen politischer und geisti

    ger Revolution auf einen nationalen Nenner gebracht: die von den

    deutschen Rom antikern n ur als politische Revolu tion aufge

    fate Franzsische Revolution soll durch eine deutsche = geistige

    Revolution ergnzt, vollendet und berwunden werden. Die

    franz(sische) Rev(olution) wird erst durch die Deutschen eine

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    allgemeine werden heit es kurz und bestimm t bei Friedrich

    Schlegel.

    1

    Mit der Reklamierung der Unverstndigkeit der nur politi

    schen, der nur brgerlichen Revolution - die sich doch selbst als

    allgem ein-menschliche und universelle verstehen w ollte, und die

    sich damit in die widersprchliche Position gebracht hat, weiter

    gehende Ansprche mglich und legitim erscheinen zu lassen,

    ohne sie erfllen zu knnen - mit der Reklamation solcher Un

    Vollstndigkeit also steht die Romantik keineswegs allein. Wh

    rend andere Anstze zu einer kritischen Fortsetzung der Aufkl

    rung den von ihr eingeschlagenen Weg durch die Ausdehnung

    ihres Emanzipationsanspruchs

    anfalle

    M enschen vollenden wol

    len, geht es den Romantikern in erster Linie um die Ausweitung

    desselben Prinzips auf den ganzenMenschen.

    2

    W hrend die Aus

    weitung des Em anzipa tionsgedanken s auf alle M enschen die Idee

    ihrer Gleichheit und den Aspekt des Materiellen in den Vorder

    grund rckt und demzufolge die politische durch eine soziale

    Revolution ergnzen und berholen will, impliziert der Emanzi

    pationsanspruch desganzen Menschen einen Vorrang des Ideals

    der Freiheit vor dem der Gleichheit, ja sogar eine ausdrckliche

    Betonung des Pr inz ips de r Differenz. Es bedeutet ferner den Vor

    rang des K ulturellen vor dem Sozialen, und im gleichen Sinne ist

    die Privilegierung des Geistigen vor dem Materiellen zu verste

    hen.

    2. Die Ausweitung der Gesellschaftskritik zur Zivilisation- Ra-

    tionalitts- undFortschrittskritik Die Ze itkritik erw eitert sich zur

    Epochenkritik an der gesamten Neuzeit.

    3

    Philosophische Lehrjahre. Philosophische Fragmente. Zweite Epoche II (1798-

    1801). Friedrich Schlegel, Kritische Ausgabe. Hg.v. Ernst Behler, Jean-Jacques

    Anstett. M nchen/Paderbora/W ien. Bd. XV III, S. 330. vgl. Ernst Behler, Die

    Auffassung der Revolution in der deutschen Frhromantik. In: Studien zur Ro

    mantik und zur idealistischen Philosophie. Paderborn 1988. S. 66 -8 5.

    Diese Polarisierung besagt nicht, da der soziale Aspekt im Denken der Rom an

    tik gnzlich fehlen wrde. Hinzuweisen wre hier auf den ganzen Komplex des

    romantischen Antikapitalismus. Die Frage wre allerdings, ob dessen seltsame

    Unangemessenheit zum Teil nicht auch aus der andersartigen, dem Sozialen

    inadquaten Perspektive des Individuellen und der Kultur zu verstehen wre.

    Vgl. besonders Novalis, Christenheit oder Europa. In: Werke, Tagebcher und

    Briefe Friedrich von H ardenbergs. Bd. 2. Hg.v. H.-J. M ahl. M nchen 1978;

    Adam Mller, Vorlesungen ber deutsche Wissenschaft und Literatur. In: Ders.,

    Kritische, sthetische und Philosophische Schriften. Bd. 1. Hg. v. Walter Schroe-

    der/Werner Siebert. Neuwied 1967.

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    Romantik und Moderne

    D as m oderne Zeitalter, auf das sich die romantische Kritik rich

    tet , beginnt bereits mit Renaissance und R eformation.

    4

    Das bedeu

    tet, da die romantische Kritik an der neuen brgerlichen Ord

    nung keineswegs restaurativ gemeint ist, d. h. sie ist nicht auf die

    Wiederherstellung der unmittelbar vorrevolutionren Verhlt

    nisse gerichtet. Vielmehr verwischen sich in der romantischen Per

    spektive die Grenzen zwischen dem ancien regime und der durch

    die Revolution zum Durchbruch gelangten brgerlichen Epoche.

    5

    Es ist im wesentlichen dieselbe Art von K ritik, die vor der Revolu

    tion an feudaler

    bzw.

    feudal-absolutistischer Herrschaft gebt wur

    de,die sich sehr bald auch gegen die brgerliche Gesellschaft rich

    tet; das gemeinsame Stichwort heit: M aschinenstaat. Absolutisti

    sche Vergangenheit und brgerliche Gegenwart werden gleicher

    maen als unter dem Vorzeichen des kalten Rationalismus

    stehend wahrgenom men, in eins gesetzt und negativ bewertet. Die

    Hauptangriffspunkte bilden das analytische, zergliedernde und

    zerteilende Denken, das die lebendigen Strukturen und ihre Zu

    samm enhnge ttet, die normative Gesinnung

    6

    , die Rechenhaf-

    tigkeit und Seelenlosigkeit - kurzum: das moderne Rationalitts

    pr inz ip in seiner wissenschaftlich-technischen ebenso wie in seiner

    moralisch-gesellschaftlichen Gestalt. Positiv erscheinen demge

    genber die Zukunft und die ferne Vergangenheit, also entweder

    die Epoche vor dem A nbruch der Neuzeit, vor den verschiedenen

    Ausdifferenzierungsprozessen, die ihren Weg charakterisieren,

    oder die fr die Zukunft erhoffte Zeit nach ihrer berwindung

    durch eine neue Synthese, aufdiedie Rom antiker hofften. In dem

    Ma,

    in dem sich die Zukunft als verschlossen erwies, hat die

    Vergangenheit, das vielbeschworene M ittelalter, als utopischer Be

    zugspunkt an Bedeutung gewonnen.

    4

    Zu r negativen Bewertung der Reformation als Ursp rungdesneuzeitlichen, zu den

    Revolutionen der Gegenwart hinfhrenden Denkens vgl. Martin Greiffenha