kompakt Juli/August 2013

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In dieser Ausgabe behandeln wir die Schwierigkeiten und Herausforderungen, die Menschen mit einer Schwerbehinderung im Arbeitsleben begegnen. Außerdem haben wir einen Gewerkschafter zu den Protesten in der Türkei befragt und einen Kampfsporttrainer besucht, der Blinde unterrichtet.

Transcript of kompakt Juli/August 2013

  • Das Mitgliedermagazin der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie

    kompakt

    vor ort Von drei auf 70 Prozent Beschftigte bei Fischer in Katzenelnbogen organisieren sich in der IG BCE

    tendenzen Wie ein ehemaliger Braunkohletagebau Leipzig vor den Fluten gerettet hat

    tipps Welche Apps auf Ihrem Smartphone im Sommerurlaub nicht fehlen drfen

    Nr. 07/08 I JulI/August 2013 www.igbce.de

    Alle Hnde voll zu tun

    Die Industrie bietet viel zu wenige Arbeitspltze fr Menschen mit

    Schwerbehinderung.

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  • SpendenkontoGewerkschaften helfen e. V.Nord LBKontonummer 015 201 14 90Bankleitzahl 250 500 00Stichwort: Flutopfer 2013 IG BCE

    Es wird dafr gesorgt, dass die Spenden schnell und un-brokratisch dort ankommen, wo sie am dringendsten bentigt werden. Antrge auf Untersttzung knnen auer-dem von Betroffenen der Flutkatastrophe direkt an den Verein Gewerkschaften helfen e. V. gerichtet werden.

    Gewerkschafter helfenDIE FLUtopFEr an Elbe und Donau stehen urpltzlich vor dem Nichts. Hoffnungen wurden weggesplt, hart erarbeiteter Wohlstand vernichtet, viele Lebensplanungen ihrer Grundlage beraubt. Die Menschen in den Hoch-wassergebieten sind auf Unterstt-zung angewiesen. Deshalb ruft die IG BCE dazu auf, mit Spenden soli- darisch und schnell zu helfen.

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    >unter uns

    ast sind die erschreckenden Bilder der schlimmen berschwemmungen in vielen Teilen Deutschlands schon wieder vergessen. Aber wo das Hochwasser die Menschen heimgesucht hat, da ist noch nichts wieder

    beim Alten. Haus und Heimat sind verloren, Existenzen zerstrt und sicher geglaubte Lebensperspektiven einfach hinweg gesplt. Die Einschtzung, dass sich eine Jahrhundertflut wie 2002 so schnell nicht wiederholen werde, hat sich als falsch erwiesen. Ob das nun Vorboten der prognostizierten Klimakatastrophe sind oder einfach nur ungewhnliche Wetterphnomene, das ist fr die betrof-fenen Menschen nicht entscheidend. Aber wenn wir etwas aus der diesjhrigen Flut lernen knnen, dann ganz sicher, dass zu einer nachhaltigen Politik immer auch soziale Vorsorge gehrt: angefangen beim Deichbau ber einen funktionie-renden Versicherungsschutz bis zu zustzlich ausgewiesenen berflutungsflchen.

    gewerkschafter helfen unter diesem Motto ruft unsere IG BCE dazu auf, die hochwassergeschdigten Menschen beim Wiederaufbau des Zerstrten zu untersttzen (Seite 2). Auch die Kanzlerin hat ja schon die Welle der gesellschaftlichen Solidaritt gelobt, die unmittelbar mit der Flut eingesetzt hat. Es wre schn, wenn das in unserer schnelllebigen Zeit nicht zu frh wieder abebben wrde. Das Wasser geht zurck, die Schden bleiben.

    feuerwehren kommen nicht nur bei solchen Naturkatastrophen zum Einsatz, sondern leisten tagtglich in unseren Industrien einen unverzicht-baren Beitrag zu einer mglichst sicheren Produk-tion. ber den Arbeitsalltag der Werkfeuerwehr-leute berichten wir in dieser kompakt-Ausgabe genauso wie beispielsweise ber die Arbeitsbedin-gungen bei Weleda, einem Hersteller anthroposo-phisch orientierter Kosmetik und Heilmittel. Mit einem Heft, das wieder nah bei unseren Mitgliedern und ihrem Thema sein mchte, verabschieden wir uns in die Sommerpause und wnschen allen Leserinnen und Lesern schne Ferien.

    eine Welle gelebter solidaritt

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    christian hlsmeier Chefredakteur

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    IMMER IM HEFT

    03 Unter uns06 Aktuelles08 Alle Achtung20 Leserforum/Impressum30 Einer von uns40 Rtsel41 Glck & Glosse42 Mein Arbeitsplatz

    Titelbild: Carsten Bll

    11 StandpunktMichael Vassiliadis ber Chancengerechtigkeit.

    TITEL12 Alle zusammen

    Schwerbehinderung ist fr viele Menschen Teil ihres Lebens. Und ihrer Arbeit wenn sie untersttzt werden.

    THEMEN18 Wir mssen unsere Stimme erheben Im Interview mit kompakt erklrt Kemal zkan von industriAll Global Union, was die Proteste in der Trkei ausgelst hat.

    TENDENZEN31 Nah am Alarm

    Stndige Alarmbereitschaft und 24-Stunden-Schichten: Der Traumberuf Feuerwehrmann geht auf die Knochen. kompakt hat die Werkfeuerwehr von Henkel besucht.

    34 Wasser marschDer Tagebau-Folgesee hat die Stadt Leipzig vor der Flut gerettet mit einem Hochwasserschutz-Bauwerk der Bergbausanierer LMBV.

    TIPPS36 Die weite Welt in der Hosentasche

    Auf Reisen kann das Smartphone zum hilfreichen Begleiter werden. kompakt stellt die besten Apps vor.

    38 Mehr Betriebsrente Inflationsausgleich steht auch vielen Betriebsrentnern zu. Doch mehr Geld gibt es hufig nur fr diejenigen, die darauf bestehen.

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    Es tut sich was

    Mehr Frauen in Fhrungspositionen zu bringen das war das Ziel des Projektes Frauen Macht Erfolg. IG BCE und Bun-desarbeitgeberverband Chemie haben jetzt nach drei Jahren Bilanz gezogen.

    Nur die Abfindung stimmtColgate verlagert die Produktion nach Polen. Bis Dezember werden rund 150 Beschftigte im Lrracher Gaba-Werk ihren Arbeitsplatz verlieren. Immer-hin: Neben berdurchschnitt-lichen Abfindungen und einer auf zwlf Monate angelegten Transfergesellschaft gibt es grozgige Regelungen fr ltere.

    Alles grn hierWo Kruter und Pflanzen noch aus dem firmeneigenen Gar-ten stammen: Ein Besuch beim Schwbisch Gmnder Natur-kosmetik- und Arzneimittelher-steller Weleda, der seit 90 Jah-ren auf Natur setzt, damit eine stetig wachsende Kundschaft erreicht und mit der IG BCE gut zusammenarbeitet.

    Industriepark bangtDas Chemieunternehmen Invista will im schwbischen Industriepark Gersthofen eine komplette Produktionslinie stilllegen. Das gefhrdet voraussichtlich die Hlfte der rund 300 Arbeitspltze.

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    >INHALT JuLI/AuguST 2013

    12 Alle Hnde voll zu tun Nah am Alarm 31

    34 Wasser marsch Mein Arbeitsplatz 42

    Proteste in der Trkei 18

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    Millionen kleiner SklavenSie Schuften in Ziegeleien und auf Bergwerken, als Hausmdchen oder in einer Fabrik: Weltweit mssen 215 Millio-nen Kinder jeden Tag arbeiten, um sich und ihre Familien zu ernhren, schtzt die Internationale Arbeitsorganisation ILO. 115 Millionen Mdchen und Jungen im Alter von fnf bis 17 Jahren verrichten sehr gefhrliche Ttigkeiten in Stein- brchen, Bergwerken oder in der Land-wirtschaft und das unter dramatischen Bedingungen: Sie arbeiten nachts, werden wie Sklaven gehalten oder zur Prostitu-tion gezwungen. Mehr als zehn Millionen Kinder arbeiten als Hausangestellte, heit es im jngsten ILO-Bericht.

    BILD DES MONATS

    eS begann mit der Erhhung der Fahrpreise im ffentlichen Nahverkehr Mitte Juni: Hunderttausende Brasilianer gehen aus Protest gegen die hohen Kosten der Fuball-Weltmeister-schaft 2014 von 15,5 Milliarden Dollar, staatliche Misswirt-schaft, verrottete Schulen und Krankenhuser, extreme

    Ungleichheit und Korruption auf die Strae. In den Jahren des Aufschwungs konnte der soziale Aufstieg vieler Millio-nen Brasilianer diese negativen Seiten des Systems ber-decken. Doch jetzt wchst die Unzufriedenheit vieler Brger mit der brasilianischen Regierung.

    AUFREgER DES MONATS

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    >AKTUELLES

    Kein Ende in Sicht47 Prozent der Beschftigten gehen davon aus, dass sie nicht bis zum Rentenalter arbeitsfhig sind. Das geht aus dem DgB-Index gute Arbeit hervor, der jhrlich vom Deutschen gewerkschaftsbund erhoben wird und sich mit der Arbeitsqualitt beschftig. In diesem Jahr steht die Frage der Arbeitsfhigkeit bis zur Rente im Mittelpunkt der Umfrage.

    Bemerkenswert ist, dass nur 44 Prozent der jungen Leute unter 26 Jahren davon ausgehen, dass sie bis zur Rente arbeitsfhig sein werden. Bei den Beschftigten ab 56 Jahren sind es hingegen 54 Prozent. Abgesehen vom Alter spielt auch die Art der Beschftigung eine groe Rolle. Vor allem Schichtarbeiter (64 Prozent) und Nachtarbeiter (68 Prozent) knnen sich nicht vorstellen, ihre Arbeit bis zum Ruhestand auszuben. Auch Arbeit-nehmer mit mehr als 45 Wochenstunden sehen sich nicht bis zur Rente arbeiten.

    Entscheidend sind dabei auch die Arbeitsbedingungen im Betrieb. So gehen Beschftigte mit guten Arbeitsbedin-gungen zu 69 Prozent davon aus, das Rentenalter in ihrem Beruf zu erreichen. Bei schlechten Arbeitsbedingungen sind es nur 18 Prozent. Im Branchenvergleich schneidet die chemische Industrie, laut DgB-Index, besser als der Durchschnitt ab: Mehr als die Hlfte der Beschftigten (52 Prozent) glaubt an die Arbeitsfhigkeit bis 67.

    betriebsrte strkenDie ig bce begrt den von der SPD eingebrachten Antrag zur Modernisierung des Betriebsverfassungsgesetzes und fordert zu-gleich die anderen im Bundestag vertretenen Parteien auf, sich der sozialdemokratischen Initiative anzuschlieen. Das Gesetz wird wesentlichen nderungen in der Arbeitswelt nicht mehr ausreichend gerecht. Wir brauchen ein zwingendes Mitbe-

    stimmungsrecht der Betriebsrte bei der Fremdbeschftigung, sagte der IG-BCE-Vor- sitzende Michael Vas-siliadis auf der Be-triebs- und Personal-rtekonferenz der SPD-Bundestagsfrak-tion am 5. Juni in Berlin. Im Gesetz mssen dafr die Rah-menbedingungen ver-

    bessert werden, die Betriebsrte brauchen Initiativrechte, um sich noch wirkungsvoller um Gute Arbeit starkmachen zu kn-nen, forderte Vassiliadis. Schlielich geht es darum, den Auf-bau von neuen Arbeitnehmervertretungen zu erleichtern. Der volle Kndigungsschutz fr alle, die einen Betriebsrat grnden wollen, wre ein ganz wichtiger Schritt. Er freue sich, dass die SPD die Vorschlge seine Gewerkschaft aufgegriffen habe und hoffe auf eine breite Untersttzung im nchsten Bundestag, unterstrich Vassiliadis.

    MELDUNg DES MONATS

    60 %ob norDSee, Mallorca oder eine Fernreise der Sommer-urlaub ist des Deutschen liebstes Kind. Doch die Erholung kostet. Gut, wenn Arbeitnehmer ihre Reisekasse mit Urlaubs-geld aufstocken knnen. Fast jeder zweite Beschftigte kann sich zur Ferienzeit auf Urlaubsgeld freuen. Das hat die Hans-Bckler-Stiftung in einer Online-Umfrage unter mehr als 20 000 Beschftigten ermittelt. Deutlich im Vorteil sind dem-nach Tarifmitarbeiter: Fast 60 Prozent von ihnen erhalten den Zuschlag, unter den nicht Tarifgebundenen ist es nur gut ein Drittel (35 Prozent). Insgesamt bekommen in diesem Jahr 47 Prozent der Befragten die Leistung.

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    Michael Vassiliadis, Vorsitzender der ig bce bei der SPD-bundestagsfraktion.

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    Wenn Promis und Politiker wis-sen wollen, ob sie es in den Olymp der Bekanntheit ge-schafft haben, mssen sie sich nur selbst suchen im Internet. Denn wenn eine Aktion, mittels Foto dokumentiert, be-sonders witzig oder peinlich war, ruft irgendwer ein Blog mit echten und ma-nipulierten Varianten dieses Fotos ins Leben. So erging es Hillary Clinton, die mit Sonnenbrille in einem Flugzeug sa und SMS schrieb. Und pltzlich gab es zahllose erfundene Kurzdialoge von Menschen, die Hillary schrieben und im-mer eine niederschmetternd coole Ant-wort erhielten. Clinton reagierte souve-rn auf das Web-Phnomen, schickte selbst einen erfundenen Dialog ein und prompt wurde das Blog ihr zu Ehren mit Verffentlichung ihrer Bildergeschichte geschlossen.

    Nicht gaNz so gut kam Kim Jong-il, Nordkoreas 2011 gestorbener Diktator, weg. Ihm wurde ein Blog gewidmet, in dem er Dinge anschaut: gebratene Schweine, Strumpfhosen, Fruchtsaftpck-

    chen. Der Clou: Alle Fotos waren echt und stammten aus der staatlichen Propagan-da-Abteilung.

    Bundeswirtschaftsminister, Vize-Kanz-ler und FDP-Chef Philipp Rsler hat eine Vorliebe fr Umarmungen. Wer bei drei nicht auf dem nchsten Baum sitzt, wird auf Gedeih und Verderb bekuschelt. So erging es Kristina Schrder, Ursula von der Leyen, Wolfgang Kubicki, Dirk Niebel, Veronica Ferres und zuletzt BILD-Chefredakteur Kai Diekmann, was Rsler das Blog Rsler hugging people einbrachte, in dem er unter anderem Uli Hoene und das vom Teufel bessessene Mdchen aus dem Schockerstreifen Der Exorzist herzt. Aber besonders das Foto von Fipsi und Diekmann in inniger Umarmung verstrt nachhaltig, denn Rsler sieht aus, als hole ihn sein Papa nach drei Wochen Ferienlager an der Nordsee vom Bahnhof ab. Das Foto der beiden Mnner ist so befremdlich, weil es belegt, dass die BILD jeden Anspruch aufgege-ben hat, kritisch und distanziert ber Politiker zu berichten und weil es zeigt, wie sich der Vize-Kanzler mit ein paar hbschen

    Schlagzeilen instrumentalisieren lsst, schrieb das Magazin stern. RP Online fand das Foto entlarvend: Die physi-sche Nhe zwischen Rsler und Diek-mann lsst sich zu leicht als Kumpanei zwischen Politik und Medien deuten. Und selbst dem Springer-Blatt DIe WeLt ging die Herzlichkeit zu weit: Das Bild dokumentiere eine bernhe und eine emotionale bertreibung, die viele Fragen aufwirft.

    RsleR ist dank des Blogs nun also ganz oben oder eben ganz unten, je nachdem, von wo man schaut. Wie sagte Ren Weller, ehemaliger Box-Europa-meister und Weltmeister der besch-menden Selbstinszenierung? Ich bin immer oben. Und wenn ich einmal un-ten bin, ist unten oben.

    Die Umarmungsmaschine

    Illustration: Stefan Hoch

    DiRk kiRchbeRgwrde sich weder von Kai Diekmann noch von Philipp Rsler umarmen lassen. Bei Hillary Clinton msste er neu berlegen.

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    >AKTUELLES

    Platzsuche

    Ohne WahlDie Wahlbeteiligung in Deutschland sinkt, doch die Zufriedenheit mit dem politischen System steigt. Zu die-sem widersprchlichen Ergebnis kommt eine Studie der Bertelsmann Stiftung und des Instituts fr Demoskopie Allensbach. Danach verabschieden sich vor allem ein-kommensschwache und bildungsferne Teile der Bevl-kerung zunehmend aus der aktiven Teilhabe an Demo-kratie. Wahlenthaltung geschehe der Studie nach jedoch weniger aus Frust und Protest. Strkste Ursache sei viel-mehr Gleichgltigkeit je geringer der Sozialstatus und je grer das politische Desinteresse im Freundeskreis, desto unwahrscheinlich wird der Gang zur Wahlurne.

    Kein hitzefrei

    eltern haben ab 1. August 2013 fr Kinder zwi-schen dem ersten und dritten Le-bensjahr ei-nen gesetz-lichen An- spruch auf einen Platz in einer Kinderta-gessttte oder auf Tagespflege. Doch viele Eltern werden wahrscheinlich zum Stichtag vergebens einen freien Be-treuungsplatz fr ihre Kinder suchen. Denn noch im No-vember 2012 fehlten laut Daten des Statistischen Bundes-amtes rund 220 000 Pltze. Wie Eltern ihren Anspruch auf einen Kita-Platz geltend machen knnen, lesen Sie auf der IG-BCE-Website: www.igbce.de/arbeit/tipps-arbeitnehmer/

    an heissen sOmmertagen kann das Bro oder die Werkhalle schnell zur Sauna werden. Doch trotz tropi-scher Wrme gilt generell: Arbeitnehmer haben kein Recht auf Hitzefrei. Auch einen Anspruch auf klimatisierte Arbeitsrume kennt das Arbeitsrecht nicht. Arbeitgeber mssen ihre Beschftigten aber vor der Hitze schtzen.

    Mehr Informationen auf: www.igbce.de/39630/hitze-im-buero

    Das recht auf Kinderbetreuung stellt in den Kommunen vieles auf den Kopf, denn nach wie vor fehlen tausende Pltz.

    Fragen an Ortwin Renn3

    In der Stadt Grimma haben Brgerproteste den Ausbau des Hochwasserschutzes verhindert mit verheerenden Folgen. Und auch bei anderen Groprojekten formt sich hufig Widerstand. Ist Deutschland technologiefeindlich?Nein, berhaupt nicht. Es ist zwar so, dass die Deutschen in manchen Dingen skeptischer reagieren als andere Lnder, aber gerade wenn wir die Konsum- oder Freizeittechnik betrachten, sehen wir, dass die Deutschen so gut ausgestat-tet sind wie kein anderes Land auer Luxemburg. Auch bei der Technik am Arbeitsplatz sind wir Vorreiter in der Welt. Wir fhren Technologien zwar oft nicht als Erster ein, nutzen sie aber besonders stark. Generell kann man aber sagen: Je hher das Wohlstandsniveau eines Landes ist, desto kritischer werden Gemeinschaftsprojekte bewertet.

    Worin sehen Sie die Ursachen fr diese kritische Haltung?In der Akzeptanzforschung sprechen wir von vier Grundele-menten, die vorhanden sein mssen, damit Menschen etwas tolerieren: Einsicht in die Notwendigkeit, Nutzen fr uns selbst, erweitert die Technologie meinen Spielraum oder engt sie mich ein und zu guter Letzt Identifikation. Das heit, wenn das Windkraftwerk in meiner Nachbarschaft von einem fremdem Unternehmen gebaut wird, ist es hsslich und laut. Bin ich aber in einer Genossenschaft und das Wind-kraftwerk gehrt mir, sieht die Welt vllig anders aus.

    Welche Rolle knnen Betriebsrte und Gewerkschaft bei Brgerprotesten wie etwa in der Braunkohle spielen?Betriebsrte und Gewerkschaften sind strker als vielleicht bisher selbst wahrgenommen in einer Vermittlerposition. Auf der einen Seite arbeiten sie im Unternehmen und kennen die Situation dort gut. Gleichzeitig sind sie An- wohner und von den Nebenwirkungen genauso betroffen wie jeder andere. Diese zweifache Bindung wird meiner Meinung nach noch zu wenig genutzt.

    Der Risikoforscher und Volkswirt zur AKzEpTANz VoN INDUSTRIE in Deutschland.

    Das vollstndige Interview finden Sie auf: http://goo.gl/roqtq

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    > AKTUELLES>

    Kandidaten nominiert

    > Jung und arbeitslosDamals wie heute ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa ein wichtiges Thema. Bereits 1983 legte die Europische Gemeinschaft (EG) eine Analyse zum Thema Jugend-arbeitslosigkeit vor. Damit wider-sprach sie der weitverbreiteten Meinung, dass die Jugendarbeits-losigkeit nur eine vorbergehende Erscheinung sei. Durch die gebur-tenstarken Jahrgnge der 60er-Jahre fehlten berall Arbeitspltze. Heute ist noch nicht abzusehen, wo und wie die Arbeitspltze fr diese jungen Menschen entstehen sollen, berichtete die einheit, die Zeitung fr Mitglieder der IG Bergbau und Energie, in ihrer Ausgabe vom 15. Juni 1983. Besonders hervorgehoben wurden dabei auch die unterschiedlichen Chancen, die Jugendliche hatten, um eine gute Erstausbildung oder eine Arbeitsstelle zu bekommen. Junge Menschen aus rmeren Familien und mit geringerer Bildung htten es viel schwerer, eine Stelle oder Ausbildung zu finden, als jene aus besser gestellten Haushalten. Diese Jugendlichen wren meist fr sich alleine verantwortlich und erwarteten kaum Untersttzung von Staat oder Familie. Die grte Herausforderung der EG sei es, die jungen Leute aus der Arbeitslosigkeit in das Erwerbsleben einzugliedern.

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    der Hauptvorstand der IG BCE hat die Kandidatinnen und Kandidaten fr die Spitzengremien der Gewerkschaft nominiert. ber den Wahlvorschlag und die knftige Besetzung der gewerkschaft-lichen Fhrungspositionen werden im Oktober die Delegierten entscheiden, wenn in Hannover der 5. Ordentliche IG-BCE-Kongress tagt.

    einstimmig schlgt der Hauptvorstand Michael Vassiliadis zur Wiederwahl und damit fr eine weitere Amtszeit von vier Jahren als Vorsitzenden der IG BCE vor.

    Der stellvertreten-de Vorsitzende der Gewerkschaft, Ulrich Freese, kandidiert nach 14 Jahren nicht mehr fr den ge-schftsfhrenden Hauptvorstand der IG BCE. Bei der Bundestags-wahl im Septem-

    ber tritt Freese fr die SPD im Wahlkreis Cottbus/Spree-Neie an.

    Als neue stellver-tretende Vorsit-zende schlgt der Hauptvorstand Edeltraud Glnzer vor. Die 57-Jh- rige ist seit 2005 Mitglied des ge-schftsfhrenden Hauptvorstands und dort unter anderem zustn-dig fr Mitglieder,

    Zielgruppen und Bildung.

    Zur WiederWaHl in den geschfts-fhrenden Hauptvorstand sind Egbert Biermann (Organisation, Arbeitsmarkt und Umwelt) und Peter Hausmann (Tarife und Finanzen) nominiert.

    neu fr den geschftsfhrenden Haupt-vorstand ist Ralf Sikorski nominiert. Der

    52-Jhrige leitet seit 2008 den Landes-bezirk Rheinland-Pfalz/Saarland.

    Aus dem 26- kpfigen ehrenamt-lichen Hauptvor-stand scheiden aus: Martin Becker (DSK, BW Saar), Jo-sef Braun (Koehler AG), Bernd Egner

    (Freudenberg NT), Karin Gottschalk (Si-litronic AG), Andreas Schneider (E.ON Kraftwerke GmbH), Wilfried Schreck (Vattenfall Europe Generation), Rainer Staufer (Pilkington, Werk Weiherham-mer), Roswitha Uhlemann (MIBRAG) und Friedhelm Vogt (DSK, BW West).

    neu nominiert sind: Michael Bach-mann (Rockwood Lithium GmbH), Bernhard Dausend (Veralli SG Ober-land AG), Dr. Katrin Altmann (Wismut GmbH), Katja Marx (Zschimmer & Schwarz), Frank Gottselig (SCA), Gisela Rama (Rheinbraun Brennstoff GmbH), Karl-Heinz Rupp (Sdwest-deutsche Salzwerke AG), Gerald Schneider (TOTAL Raffinerie Mitteldeutschland GmbH) und Uwe Teubner (Vattenfall Europe Mining Technik).

    Zur WiederWaHl sind vorge-scHlagen: Lydia Armer (Gerreshei-mer Wilden Medical Plastic Systems GmbH), Dr. Brigitte Bauhoff (Roche Di-agnostics GmbH), Beate Bockelt (Sanofi Aventis), Brbel Bruns (ContiTech An-triebssysteme GmbH), Wolfgang Daniel (BASF SE), Thomas de Win (Bayer AG), Frank Eschenauer (M-real Zanders GmbH), Renate Hold (Aurubis AG), Manfred Kppl (Wacker Chemie AG), Petra Kronen (Bayer AG), Ludwig Lad-zinski (DSK, BW Prosper-Haniel), Diet-mar Langenfeld (Villeroy & Boch AG), Horst Rohde (Steag, HKW Herne), Jrg Schnfelder (Continental AG), Frank Seidel (Akzo Nobel Functional Chemi-cals GmbH & Co. KG), Cornelia Stock-horst-Kthe (Evonik) und Anna Uhrig (BASF SE).

    scheidet aus:ulrich Freese.

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    vorgeschlagen fr die stellvertretung: edeltraud glnzer.

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    steht neu zur Wahl:ralf sikorski.

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    Alte Vorurteile endlich aufbrechen

    Im internationalen Vergleich ist Deutschland zweifellos ein modernes Land. Wir sind erfolgreich mit neuester Technologie und stolz auf das Gtesiegel Made in Germany. In den Unternehmen werden Innova-tionen prinzipiell gefordert und gefrdert, um so weiterhin Wettbewerbs-fhigkeit sicherzustellen. Da macht man in den Chefetagen vieles richtig.

    In eInen merkwrdIgen gegensatz dazu tritt allerdings das Un-vermgen in Wirtschaft und Politik, sich genauso dem gesellschaftlichen Fortschritt zu ffnen. Beispielhaft dafr steht die anhaltende Diskriminie-rung von Menschen mit Behinderung. Geradezu krampfhaft wird an der lngst widerlegten Vorstellung festgehalten, eine Behinderung bedeute quasi automatisch fehlende Leistungs- und damit Arbeitsfhigkeit. Eine solch stockkonservative Verweigerung, umzudenken und Menschen vor-urteilsfrei wahrzunehmen, steht im eklatanten Widerspruch zum sonst so gern formulierten Innovations- und Modernittsanspruch.

    dIe gesellschaftlIche fortschrIttsblockade zeigt sich ganz hnlich in der Benachteiligung von Frauen oder von Zuwanderern und ihren Familien. Allenfalls zgerlich reagieren Wirtschaft und Politik auf den wachsenden Unmut der Menschen ber diese unfairen Bedingun-gen. Umso mehr werden wir Chancengerechtigkeit einfordern: weil das zum gewerkschaftlichen Grundverstndnis gehrt und Diskriminierung unserem Menschen- und Gesellschaftsbild widerspricht, aber auch als berflliges Projekt der Moderne, das unser Land strker macht.

    mIchael VassIlIadIs Vorsitzender der IG [email protected]

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    > TITEL ArbEITEn mIT bEhIndErung

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    D ie Frau im Rollstuhl hat gut zu tun: Morgens trifft sie den Bot-schafter der USA, dann geht es zu einem Ausbildungszentrum fr Forstwirte, schlielich am Nachmittag zur Einweihung eines neuen Block-heizkraftwerkes fr eine Mercedes-Benz-Fabrik in Wrth. An manchen Tagen hat sie ein halbes Dutzend sol-cher Ortstermine, dazu leitet sie Kabi-nettssitzungen und nimmt aufmerk-sam an den Debatten im Mainzer Landtag teil. Kaum Zeit zum Durch-atmen also fr Malu Dreyer, seit Januar 2013 Ministerprsidentin von Rheinland-Pfalz. Skeptiker unkten vor ihrer Wahl, sie knne das Amt gar nicht ausben. Schlielich ist Dreyer chronisch krank, sie leidet unter Multipler Sklerose (MS), einer Erkran-kung des zentralen Nervensystems. Vor sieben Jahren hat sie das in einer Pressekonferenz ffentlich gemacht.

    Die Krankheit kommt in Schben, hat viele Ausprgungen. Manche Be-troffene haben Hr- oder Sehprob-leme, andere verlieren die Kontrolle ber ihre Krperbewegungen. Malu Dreyer hat unter anderem Schmerzen beim Gehen, Spaziergnge werden fr sie zum Kraftakt, regelmig nutzt sie einen Rollstuhl. Doch die SPD-Politikerin absolviert ihren anspruchs-vollen Job mit Bravour. Sie regiert als Schwerbehinderte ein Land. Die multiple Sklerose gehrt zu meinem Leben, aber sie hat nichts mit meiner politischen Arbeit zu tun, sagt die 51-Jhrige. Auf ihre Krankheit re- duziert zu werden, ist fr sie das Schlimmste.

    Sie ist chronisch krank und regiert ein Land: Ministerprsidentin Malu Dreyer (SPD).

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    > TITEL ArbEITEn mIT bEhIndErung

    gen, dass sie immer mehr zur Norma- litt wird.

    Die IG BCE untersttzt die gewhlten Schwerbehindertenvertreter nach Krf-ten, bietet Seminare und eine Jahres- tagung in ihrem Halterner Bildungs- zentrum an, dazu in einigen Bezirken regionale Arbeitskreise. Mancherorts fllt das auf fruchtbaren Boden.

    In BuDenheIM zum Beispiel, einem kleinen Ort bei Wiesbaden. Dort ist die Chemische Fabrik (CFB) der grte Ar-beitgeber. Hier werden vor allem Phos-phate hergestellt; Skeletterkrankungen aufgrund harter krperlicher Arbeit, aber auch wegen schlechter Sitzhaltung bei Brojobs stehen weit oben in der firmeninternen Krankheitsstatistik.

    Wer Schwerbehinderung auf Roll sthle reduziert, irrt

    SchWeRBehInDeRt: Wer zu mehr als 50 Prozent behindert ist, gilt als schwerbe-hindert. Auch Menschen mit einem Grad der Behinderung zwischen 30 und 50 Prozent knnen auf Antrag den schwerbehinderten Menschen gleichgestellt werden. Je nach Art und Schwere der Behinderung kann man etwa vergnstigt oder kostenlos Busse und Bahnen oder Behindertenparkpltze nutzen oder von hheren Steuerfreibetrgen profitieren.

    BetRIeBLIcheS eInGLIeDeRunGS- MAnAGeMent (BeM): Wer lange krank war, hat in jedem Betrieb das Recht auf eingliede-rung. Gesetzlich nach sechs Wochen, oftmals schon frher, um schweren erkrankungen vorzubeugen. Die erkrankte Person sucht sich einen betrieblichen Ansprechpartner aus und erwgt gemeinsam mit diesem, wie die Arbeitsunfhigkeit berwunden und ein Rckfall mglichst verhindert werden kann.

    InteGRAtIonSMteR: untersttzen regional und individuell die teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben. Bieten je nach Behinderungsart individuelle Beratung und finanzielle untersttzung etwa durch Finanzierung eines Arbeits-assistenten, der eine blinde Person auf dem Weg zur Arbeit begleitet. entscheiden auch ber die Rechtmigkeit der Kndigung eines behinderten Menschen.

    InKLuSIon: Der Begriff meint, dass alle Menschen in Kindergrten, Schulen und auch Betrieben gemeinsam und gleichbe-rechtigt lernen und arbeiten im Gegen-satz zur Integration, bei der eine Gruppe (Behinderte, Auslnder) als anders definiert und einer normalen Gruppe hinzugefgt werden soll. Konkret: Frder-schulen und Behindertenwerksttten sollen die Ausnahme und nicht die Regel sein.

    Voll im Leben: Klaus Rheingans fhrt Rad und kann mit seiner knstlichen hand alles tun, . . .

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    MehR ALS SIeBen MILLIonen Men-schen in Deutschland sind schwerbehin-dert. Sie knnen nicht sehen, kaum hren, ihre Arme und Beine gehorchen ihnen nicht, sie sind schwer depressiv, haben Diabetes oder chronisches Rheu-ma. Schwerbehinderung ist vielfltig, wer sie auf Rollstuhlfahrer reduziert, irrt.

    Gesetzlich ist Deutschland bereits sehr weit darin, schwerbehinderten Men-schen auch beruflich die gleichen Chan-cen wie gesunden Menschen einzu- rumen. Die Bundesrepublik hat die UN-Konvention fr die Rechte von Men-schen mit Behinderung als erstes Land umgesetzt, Inklusion wird als oberstes Ziel am Arbeitsmarkt ausgegeben. Trotz-dem arbeiten im Gegensatz zur Minis-terprsidentin viele Schwerbehinderte nicht in regulren Beschftigungsver-hltnissen. Ihre Arbeitslosenquote ist deutlich hher (2012: 14,1 Prozent) als die allgemeine (6,8 Prozent). Vom Auf-schwung der letzten Jahre konnten sie kaum profitieren. Und das, obwohl in dieser Gruppe mehr Menschen Studien- oder Berufsabschluss haben als bei nicht schwerbehinderten Arbeitslosen.

    DASS SIch DARAn etWAS nDeRt, mchte auch Hubert Hppe, der Behin-dertenbeauftragte der Bundesregierung. Meiner Meinung nach ist dabei das Grundproblem, dass es in den Betrieben Vorbehalte gegen sie gibt. Leider oft nicht nur von den Unternehmen selbst, sondern auch zum Teil bei den nicht be-hinderten Arbeitnehmern. Das liegt vor allem daran, dass schon Kinder mit Be-hinderungen voneinander getrennt wer-

    den. Das fngt mit dem Sonderkinder-garten an und geht dann in Schule und Ausbildung weiter. (Ein ausfhrliches In-terview mit ihm finden Sie auf www.igbce.de)

    Wir mchten, dass Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Schwer-behinderungen nicht an den Rand der Gesellschaft gedrngt werden, sagt auch IG-BCE-Vorstand Egbert Biermann. Sie sollen stattdessen genauso ihre Chance im Arbeitsleben bekommen wie andere auch. Die Schwerbehindertenvertretun-gen arbeiten jeden Tag daran, das in den Betrieben konkret zu gestalten. Sie be-kommen dabei von der IG BCE jede er-forderliche Hilfe. Wichtig ist: Inklusion ist eine groe Herausforderung, die es zu meistern lohnt. Alle sind aufgefor-dert, durch ihr Wirken dazu beizutra-

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  • Wer jahrelang schwer geschleppt hat, sprt es eben irgendwann im Rcken. Wir machen zwar Sportangebote und Schulungen, sagt Schwerbehinderten-vertreter und Betriebsrat Hans-Peter Se-liger. Aber die werden leider zu wenig genutzt. Das Unternehmen legt groen Wert auf das Miteinander von gesunden und behinderten Menschen: Von den 700 Mitarbeitern haben 140 einen Be-hinderungsgrad von 30 Prozent oder mehr. Das ist kein Zufall wer nach ei-ner Erkrankung oder einem Unfall zu-rckkehrt, wird sehr individuell betreut. Oberstes Ziel: Die Arbeitskraft erhalten. Auch mit Schwerbehinderung.

    Klaus Rheingans profitiert davon. Er hatte 1996 einen Arbeitsunfall: Beim Reinigen einer Produktionsanlage geriet

    Wer Schwerbehinderung auf Roll sthle reduziert, irrt

    er mit der rechten Hand zwischen zwei sich drehende Metallteile. Seine Finger, das Handgelenk und Teile des Unterarms wurden zerquetscht und zudem in einer 90 Grad heien Sus-pension verbrht. Zwar stoppte ein FI-Notschal-ter die Anlage, aber da war es fr die Hand des damals 20-Jhrigen be-reits zu spt. Das Ge-webe war verkocht, es war nichts zu retten, sagt er. Bis heute hat er keine klaren Erinnerun-gen an den Unfall, stand mehrere Tage unter Schock. Eine Woche lag er auf der Intensivsta-

    InteGRAtIonSMteR: untersttzen regional und individuell die teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben. Bieten je nach Behinderungsart individuelle Beratung und finanzielle untersttzung etwa durch Finanzierung eines Arbeits-assistenten, der eine blinde Person auf dem Weg zur Arbeit begleitet. entscheiden auch ber die Rechtmigkeit der Kndigung eines behinderten Menschen.

    InKLuSIon: Der Begriff meint, dass alle Menschen in Kindergrten, Schulen und auch Betrieben gemeinsam und gleichbe-rechtigt lernen und arbeiten im Gegen-satz zur Integration, bei der eine Gruppe (Behinderte, Auslnder) als anders definiert und einer normalen Gruppe hinzugefgt werden soll. Konkret: Frder-schulen und Behindertenwerksttten sollen die Ausnahme und nicht die Regel sein.

    BehInDeRtenquote: Jeder Betrieb mit mehr als 20 Mitarbeitern muss nachweisen, dass mindestens 5 Prozent der Arbeitneh-mer schwerbehindert sind. Ansonsten werden monatliche Ausgleichszahlungen zwischen 115 und 290 euro je fehlendem Arbeitsplatz fllig. Fr einen schwerbehinderten Auszubil-denden werden zwei Arbeitspltze gezhlt, auch Auftrge an Behindertenwerksttten knnen verrechnet werden. Das nutzen

    viele der groen DAX-Konzerne, die da- durch oft auch nur einen geringen Ausgleich zahlen, obwohl sie die quote nicht erfllen. Als haupthindernis fr die einstellung schwerbehinderter Menschen geben sie deren besonderen Kndigungsschutz an. Dabei haben allein 2011 in rund 75 Prozent aller Kndigungsantrge die Integrationsmter dem Kndigungsbegehren zugestimmt. unkndbar kann man das wohl kaum nennen.

    tion, nach drei Wochen stellten die rzte dann fest, dass nur die Amputation der Hand bliebe. Dann macht sie halt ab, sagte er damals lapidar.

    Heute hat er eine knstliche Hand, mit der er greifen, drcken und vieles tun kann, das mit einer gesunden Hand auch geht. Die Reinigung von Produk-tionsanlagen machen inzwischen andere, Klaus Rheingans arbei-tet aber immer noch in seiner Fabrik nun eben auf dem Wert-stoffhof. Er sortiert mit seinen Kollegen alle

    . . . was seine Kollegen auf dem Wertstoffhof auch machen. Marcel hppe (ganz rechts) fngt trotz Behinderung im herbst eine Ausbildung an.

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    In der beratung ist es am wichtigsten, ein geduldiger Zuhrer zu sein. Barbara Rth, Schwerbehinder-tenvertreterin bei bioscientia

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    ausgeleerten Verpackungen, verfrachtet sie von Hand in eine Presse und fhrt die Paletten mit dem Stapler weg. Seine Handprothese ist ein Meisterwerk der Technik aber dennoch auf den ersten Blick zu erkennen. Ich bin inzwischen daran gewhnt, dass mich Menschen anglotzen, sagt Rheingans. Manch-mal frage ich sie, ob sie ein Autogramm haben wollen, aber meistens ignoriere ich das einfach. Kindern dagegen erkl-re ich sehr gern, was mit meiner Hand los ist. Die sind ehrlich interessiert und haben keine Scheu. Wenn er bei ihnen richtig punkten will, lsst er seine Hand einmal um das Handgelenk kreisen. Das kannst du mit deiner nicht, sagt er dann und lacht laut.

    Sein Unfall kann heute wohl nie-mand anderem mehr passieren: Bei jeder Reinigung wird inzwischen eine

    Reileine gezogen, die Maschine ange-halten.

    ALS SchWeRBehInDeRte ist Heike Ehscheidt wahrlich nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Dabei ist gerade das eines ihrer Probleme: Mit dem rechten Auge kann die 42-Jhrige fast gar nicht mehr sehen, dort verbleiben nach einer Netzhauteinblutung nur noch 10 Pro-zent Sehfhigkeit. Auf dem linken Auge plagt sie mehrmals im Jahr eine Regenbogenhautentzndung, die mit ei-ner Cortisontherapie behandelt werden muss. Sie hat zudem Morbus Bechte-rew, eine sehr schmerzhafte chronische Krankheit, die Hfte und Rcken steif werden lsst und nur mit viel Ausdauer und Gymnastik gelindert werden kann. Umso wichtiger ist fr sie ihr Job beim Medizinlabordienstleister Bioscientia in

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    Kommen die Schmerzen, hlt Ar beit sie ber Wasser

    7,3 Millionen schwerbehinderte Menschen lebten zum Jahresende 2011 in Deutschland, zu diesem Zeitpunkt 8,9 Prozent der gesamten Bevlkerung.

    Schwerbehinderungen nach Behinderungsart (Stand ende 2011)

    erkrankungen der inneren organe oder organsysteme 25 Prozent

    Funktionseinschrnkung der Arme und Beine 13 Prozent

    Funktionseinschrnkung von Rumpf und Wirbelsule 12 Prozent

    Geistige/Seelische Behinderung 11 Prozent

    Zerebrale Strungen (etwa Spastik) 9 Prozent

    Blindheit/Sehbehinderung: 5 Prozent

    Schwerhrigkeit/Gehrlosigkeit/Sprachstrungen 4 Prozent

    Andere 18 Prozent

    (eindeutige Abgrenzungen zwischen krperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen sind kaum mglich, etwa weil aufgrund starker krperlicher einschrnkungen auch seelische Probleme entstehen oder umgekehrt)

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    Die meisten Behinderungen etwa 83 Prozent werden durch eine Krankheit verursacht. Fast zwei Drittel der schwerbehinderten Menschen haben eine krperliche Behinderung. etwa 29 Prozent der schwerbehinderten Menschen sind 75 Jahre und lter. Fast die hlfte zhlt zur Altersgruppe zwischen 55 und 75 Jahren. Zwei Prozent sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.

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    Kommen die Schmerzen, hlt Ar beit sie ber Wasser

    Warum bist du Schwer- behindertenvertreterin?wenn man krank wird, braucht man untersttzung. Ich bin selbst schwerbehindert und wei, wovon ich spreche. wir besuchen kranke Kollegen zu hause, helfen beim Papierkram. wenn jemand zum beispiel nach einem unfall im rollstuhl sitzt, kmmern wir uns darum, dass in enger Abstimmung mit dem Arbeitgeber rampen gebaut werden, neue Tren, ein hhenver-stellbarer Tisch. Es ist wichtig, dass jemand diese dinge anpackt.

    Keine schne Aufgabe, stndig mit den unterschiedlichsten Erkrankungen zu tun zu haben . . . Stimmt gar nicht! wer schwerbe-hindert ist, ist ja nicht halb tot. Viele knnen genauso viel leisten wie gesunde mitarbeiter, brauchen aber einfach mehr Absprachen oder spezielle hilfsmittel. das muss man untereinander klren. Ein schner nebeneffekt unserer Arbeit ist deshalb, dass viel miteinander geredet wird. man wird gemeinsam kreativ, findet Lsungen fr schier unlsbare Probleme. und wird viel sensibler. das finde ich toll.

    Haben es Grounternehmen nicht viel leichter, Arbeitspltze fr Schwerbehinderte zu schaffen?Automatisch geht gar nichts. Jedes unternehmen muss das wollen, auch wenn es sich umbauten und betreu-ung leisten kann und zudem viel finanzielle und fachliche unterstt-zung vom Staat bekommt. Aber klar ist auch: Kleinere betriebe haben es schwerer, schon weil oft gar keine Zeit fr die vielen Antrge ist.

    Die 35-Jhrige ist stellver-tretende Schwerbehinderten-vertreterin bei Bayer health-care in Bergkamen

    Fragen an

    Eveline Leitmann3

    Ingelheim, wo sie Urin- und Stuhlpro-ben an andere Labore verschickt. Ein hhenverstellbarer Schreibtisch und teure Spezialsthle erleichern ihr das Arbeiten. Wir untersttzen sie, wo es geht, sagt Bioscientia-Schwerbehinder-tenvertreterin Barbara Rth. Im letzten Jahr blieb Heike Ehscheidt wegen einer Tablettentherapie monatelang zu Hau-se, hatte kaum Kontakt zu Freunden und Bekannten. Da sind Beziehungen zerbrochen, sagt sie. Einsam und krank, das war furchtbar.

    Das Team ist klein, dass ihre Kol- legen wenig Verstndnis fr hufige Krankheitstage haben, leuchtet Heike Ehscheidt ein. Arbeitszeit zu reduzieren sei aber auch schwierig, sagt sie: Das ist finanziell eigentlich nicht drin. Ihr Hausarzt wundert sich bis heute, war-um sie unbedingt arbeiten will. Die Ar- beit mache ihr einfach groen Spa, sagt sie: Sie hlt mich ber Wasser, wenn die Schmerzen zu gro werden.

    DAS MIteInAnDeR von gesunden und schwerbehinderten Menschen im Be-trieb wie kann es gelingen? Indem frh angefangen wird. Marcel Hppe ist dafr ein Beispiel. Der 18-Jhrige ist krperlich und geistig behindert und fngt im September eine Ausbildung bei Bayer HealthCare in Bergkamen an. Er hat zunchst ein Praktikum gemacht, dann ein Berufsvorbereitungsjahr nun wei man genau, wo Marcel whrend der Ausbildung zum Lageristen gezielte Frderung brauchen wird. Und was er zurckgeben wird. Er ist ein so positi-ver Mensch, sagt Betriebsrtin Eveline Leitmann. Die Abteilung blht frm-lich auf, wenn er da ist.

    Alexander Nortrup

    Sie hat den Durchblick trotz schlechter Augen: heike ehscheidt verschickt Labor-proben und hat wegen ihrer chronischen Schmerzen einen speziellen Schreibtisch.

    Foto: norbert reh

    Auf www.igbce.de gibt es ein Interview mit dem Behindertenbeauftragten der Bundesregierung und eine Broschre mit tipps zum Arbeiten mit Behinderung; mehr Infos: www.integrationsaemter.de

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    > INTERVIEW KEmal zKaN

    Kemal zKan hofft darauf, dass trkische Gewerkschaften den moment nutzen und sich gemeinsam mit der protestierenden zivilgesellschaft fr arbeitnehmerrechte einsetzen.

    Geht es bei den Protesten in der Trkei nur um den geplanten Bau eines Einkaufszentrums und einer Kaserne?Nein, die Gegend rund um den Taksim-Platz und den Gezi-Park ist zwar der letzte grne Fleck im Herzen der Stadt. Und als die Menschen erfuhren, dass gerade dort ein Einkaufszen-trum und eine Kaserne gebaut werden sollten was brigens nie in der ffentlichkeit diskutiert worden war , stellten sie sich in den Weg und verhinderten die Baumanahmen. Aber abseits des Umweltaspekts wird der Taksim-Platz als das Zen-trum Istanbuls und als Versammlungsplatz angesehen, ge-rade von den Gewerkschaften.

    Wieso hat der Platz diesen Symbolcharakter?Das hat einen historischen Hintergrund: Am 1. Mai 1977 kam es auf dem Taksim-Platz zu einem Massaker, bei dem 34 Menschen gettet wurden, als bis heute unbekannte Tter mit automatischen Waffen wahllos in die Menge schossen. Als die Polizei Ende Mai die Demonstranten mit bermi-gem Gewalteinsatz, Wasserwerfern und Trnengas vertrieb, fhlten sich viele Menschen an 1977 erinnert. Das Gefhl, dass ihre Grundrechte das Recht auf freie Rede, das Ver-sammlungsrecht verletzt wurden, verstrkte sich, je hrter Erdogan gegen die Demonstranten vorgehen lie. Auch als die Generalsekretrin des Internationalen Gewerkschafts-

    bunds, Sharan Burrow, dieses Jahr zu einer 1.-Mai-Feier auf dem Taksim anreiste, wurden die Menschen drangsaliert, an-gegriffen und ihnen wurde verboten, sich auf dem Taksim-Platz zu versammeln. Deshalb entzndete sich an einer Um-weltschutzaktion so explosiv der Protest der Menschen.

    Ministerprsident Recep Tayyip Erdogan erklrte, er erkenne das Europische Parlament nicht an, als viele internationale Organisationen und Institutionen die Trkei dazu aufriefen, die Gewalt gegen die eigene Bevlkerung einzustellen und zum demokratischen Dialog zurckzukehren.Als er 2002 das erste Mal gewhlt wurde, war eines seiner wichtigsten politischen Ziele die Integration der Trkei in die EU. Er betonte, dass die Werte Europas nun auch die Werte der Trkei seien. Nun aber sagt er, er erkenne die EU nicht an und widerspricht sich damit selbst. Erdogan sollte wissen, dass man menschliche Grundrechte nicht einfach von Land zu Land, von Region zu Region ndern kann. Wenn in einem Land fundamentale Menschenrechte verletzt werden, dann ist es unser aller Pflicht, unsere Stim-men zu erheben. Und er sollte eigentlich in der Lage sein, die UN-Menschenrechtscharta und die darin garantierten Rechte zu verstehen, schlielich hat die Trkei diese unter-zeichnet.

    Wir mssen unsere Stimmen erheben

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  • 19kompakt | Juli/august 2013 |

    Wie steht es um die Gewerkschaften in der Trkei? Die Situation wird immer schlimmer. Dieser Tage haben wir bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO, Sonderorga-nisation der Vereinten Nationen) auch wieder ber die Trkei gesprochen. Und obwohl die Trkei die Grundstze der ILO ratifiziert hat, knnen Arbeiter ihre gewerkschaftlichen Rechte praktisch nicht wahrnehmen. Derzeit gibt es bei einer Gesamt-bevlkerung von rund 77 Millionen weniger als eine Million Gewerkschaftsmitglieder in der Trkei. Wenn Arbeiter versu-chen, einer Gewerkschaft beizutreten, ist die erste Reaktion der Arbeitgeber, diese als Militante hinzustellen. Es gibt aus ver-schiedenen Richtungen immer wieder Versuche, Tarifverhand-lungen zu verhindern.

    Wie stehen die Chancen, dass die Proteste und Gewaltexzesse bald aufhren?Auch wenn die Demonstrationen derzeit still ablaufen, heit das nicht, dass der Protest in den Kpfen und Herzen der Men-schen verstummt ist. Vieles hat sich seit Beginn der Demons-trationen verndert. Anfangs gab es unter den Aktivisten und Arbeitern groe ngste, wie sich die Proteste langzeitig negativ auswirken knnten. Doch nun sehen sie sich durch ihren Er-folg ermutigt, sich ffentlich auszudrcken und ihre Anspr-che zu formulieren. Sie haben gesehen, dass sie nicht allein sind. Viele Menschen sind hnlicher Meinung und haben etwas verndert und das wird sich sicher auch in der Poli- tik widerspiegeln. Die trkischen Gewerkschaften sollten den Moment nutzen und eine Brcke zur Zivilgesellschaft schla-gen, um sich gemeinsam mit ihr fr Arbeitnehmerrechte ein-zusetzen.

    Was kann, was sollte Europa tun?Die EU sollte eine wichtige Rollen dabei spielen, die Trkei als Mitglied der europischen Familie zu halten und auf die Ak-zeptanz aller ihrer Werte zu drngen. Denn diese Werte sind die Ecksteine und das Fundament der Europischen Gemein-schaft.

    Interview: Dirk Kirchberg

    zur Person

    Kemal zkan (44) stammt aus einer Gewerkschafter-familie. Er ist Ingenieur mit einem master-abschluss in Volks- und Betriebswirtschaft und seit mehreren Jahr-zehnten als Gewerkschafter aktiv. zkan wurde 2012 beim Grndungskongress zum Stellvertretenden General-sekretr der industriall Global Union gewhlt.

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    > leserforum

    > Mehr Rechte fr Textilarbeiter

    unter Aktuelles (6/2013)

    Nur der AnfangIch finde das Abkom-men der internatio-

    nalen Modeproduzenten mit dem internationalen Gewerk-schaftsverband industriAll Global Union eigentlich gut. Aber wer kontrolliert die Ein-haltung der Abkommen? Die freiwillige Selbstverpflich-tung der Unternehmen funk-tioniert in Deutschland schon nicht und dann soll es global klappen?

    Dieses Abkommen kann nur der Anfang sein. In mei-nen Augen sind jetzt die Regierungen gefragt.

    marcus Barduhn, auf facebook

    Es bleibt, wie es istDie Modeproduzenten haben nur ein Papier

    unterschrieben. So wie im-mer werden sich die Wirt-schaftsbosse nicht daran hal-ten, alles bleibt, wie es ist und wenn es nicht mehr in Ban-gladesch geht, dann eben in Thailand oder einem ande-ren Dritte-Welt-Land. Die Shirts bei Kik kosten heute

    Das Mitgliedermagazin der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie

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    vor ort Tausende demonstrieren in der Lausitz fr die Braunkohle

    tendenzen Wie Tarifvertrge helfen, gesnder die Rente zu erreichen

    tipps Was Hnde ber Sie verraten knnen

    Nr. 06 I JuNI 2013 www.igbce.de

    Chemie? Aber sicher!

    Wer nachhaltig denkt und arbeitet, schafft den

    Sprung in die Zukunft.

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    Schreiben Sie uns! Wir freuen uns ber Lob, Kritik und Anregungen.

    Leserbriefe stellen die Meinung des Einsenders dar. Anonyme Zuschriften werden nicht bercksichtigt. Die Redaktion behlt sich Krzungen vor.

    drei Euro und werden es auch noch in fnf Jahren kosten!

    Josef Trance, auf facebook

    > RententheaterLeserbrief von Monika Jnicke (6/2013)

    UnwissendEine Westrentne-rin, die dem Mann

    nur die Latschen gewrmt und den Kindern Brote ge-schmiert hat, hat keine sozial-versicherungspflichtige Ttig-keit ausgebt und somit auch keine Rentenbeitrge in die Rentenversicherung einge-zahlt. Die Folge ist, dass diese Frau keinen Anspruch auf eine eigene Rente hat.

    Ich bin allerdings auch da-fr, dass die Menschen im Os-ten bei gleich hohen Lebens-haltungskosten wie im Westen auch das gleiche Einkommen haben. Das gilt fr alle Berei-che, nicht nur fr die Rentner. rosemarie Hildebrandt, Helsa

    > Zu kompakt

    Wo ist die Energie?

    @ Ich vermisse Betrge zur Energiewende und zu den erneuerbaren Ener-gien. In meinem Bundes-land Mecklerburg-Vorpom-mern (und nicht nur hier) sind die Erneuerbaren eine stabile Basis fr Arbeitspltze und Wertschpfung.

    Weit und breit hat keine Branche gerade in Bezug auf

    neue Arbeitspltze so groes Potenzial. Das sollte auch in kompakt zum Ausdruck kommen. Dieter Bolte, per e-mail

    > Zum Preisrtsel

    Tolles Set

    @ Herzlichen Dank fr das tolle Funk-Stereo-Kopfhrer-Set, das ich heute erhalten habe. Es hat mich riesig gefreut, dass ich einen solchen Preis gewonnen habe, zumal ich diesen sehr gut gebrauchen kann.

    Niko Borzuka, per e-mail

    > Zu Fr eine nach- haltige Zukunft

    (6/2013)

    Falsche FirmaBedauerlicherweise haben wir in der Titelgeschichte der letzten Ausgabe einen Schreib- fehler produziert. Unter den Betriebsrten, die an der Nach-haltigkeitsinitiative Chemie3 aktiv mitgewirkt haben, ist auch Kai-Uwe Hemmerich, der aber nicht, wie falsch an-gegeben, bei Currenta arbei-tet. Kai-Uwe Hemmerich ist vielmehr Gesamtbetriebsrats-vorsitzender der Clariant Pro-dukte (Deutschland) GmbH am Standort Rhein-Main. Wir bitten den Fehler zu entschul-digen und werden uns nach-haltig bemhen, knftig ge-nauer gegenzulesen.

    Die Redaktion

    IMPRESSUM

    Das mitgliedermagazin der Industriegewerkschaft

    Bergbau, Chemie, energie

    Herausgebermichael Vassiliadis

    Chefredakteur (verantwortlich im Sinne des

    Presserechts)Christian Hlsmeier

    Stellvertretender Chefredakteurmichael Denecke

    Chef vom DienstAlexander Nortrup

    Redaktionsarah Heidel, Dirk Kirchberg,

    Julia osterwald, Dsire Binder

    Redaktionsassistenzsimone michels, Tanja rssner

    GestaltungHans Borgaes

    RedaktionsanschriftKnigsworther Platz 6

    30167 HannoverTelefon: 0511 7631-306/-329

    Telefax: 0511 7000891e-mail: [email protected]

    Internet: www.igbce.de

    Satz: BWH GmbHBeckstrae 10, 30457 Hannover

    Gesamtherstellung und -vertrieb:Westend Druckereibetriebe GmbH

    Westendstrae 1, 45143 essen

    AnzeigenverwaltungNetworkmedia GmbHstresemannstrae 30

    10963 BerlinTelefon 030 25594-160 (fax: -190)

    e-mail: [email protected] Anzeigenliste Nr. 12 vom 01. 01. 2013

    Verantwortlich fr den Anzeigenteil:

    Claudia Hrtig

    Zusendungen: fr unverlangte einsendungen wird keine

    Gewhr bernommen.

    Bezugspreis0,90 , jhrlich 10,00 .

    fr mitglieder der IG BCe ist der Bezugspreis im mitgliedsbeitrag

    enthalten.

    Erscheinungsweise: kompakt erscheint monatlich mit acht regionalausgaben fr Bayern, Baden-Wrttemberg,

    Hessen-Thringen, Nord, Nordost, Nordrhein, rheinland-Pfalz/saarland,

    Westfalen.

    Redaktionsschluss dieser Ausgabe:21. 6. 2013

    Druckauflage: 659 108 (I/2013)

    Gedruckt auf chlorfreiem Papier

    kompakt

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  • VOR ORTAlles grnBei Weleda ist Natur Trumpf

    Gekndigt ohne SozialplanAllguer Verpackungshersteller entlsst 31 Mitarbeiter und verweigert Interessenausgleich.

    Gaba in Lrrach ist GeschichteBetriebsrat und IG BCE erreichen einen grozgigen Sozialplan doch die Arbeitspltze sind verloren.

    Frauen in Fhrung? Da tut sich was!Betriebsrtinnen ziehen am Ende des Projekts Frauen Macht Erfolg eine positive Bilanz.

    Foto: Sebastian Berger

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  • > vor ort Weleda

    Sanddorn, Granatapfel, Ringelblume oder Zi-trone danach duftet es in nahezu allen Produk- tionsetagen und -rumen des Naturkosmetik- und Natur-arzneiherstellers Weleda. Ein Ganzjahresfrhling fr die Beschftigten. Doch gerade der saisonale Wechsel holt sie schnell wieder in die Rea-litt zurck. Vor Weihnach-ten ist bei uns Hochbetrieb, sagt Konfektioniererin Anika

    Heinze. Dann seien Bade- le, Elixiere und Lotionen der Renner. Sei es als Ge-schenk oder passend zur Saunasaison.

    Von einem inzwischen auch auerhalb der Festtage sehr guten Geschft mit Naturkosmetik und Natur-arznei berichtet der Betriebs-ratsvorsitzende Martin Gross: Wir wollen nicht die Symp-tome von Krankheiten be-handeln, sondern die innere

    Selbstheilung aktivieren. So erklrt er den anthroposo-phischen Ansatz, mit dem Rudolf Steiner vor mehr als 90 Jahren Weleda grndete. Einer ganzheitlichen Welt-sicht schlieen sich immer mehr Verbraucher an, meint Gross und glaubt zu wissen, warum: Die Menschen er-kennen die Notwendigkeit nachhaltigen Denkens und Handelns und vertrauen wie-der der Weisheit der Natur,

    die sich ber Jahrhunderte bewhrt hat. Wir favorisieren individuelle Lsungen statt Allheilmittel. Die Zahlen ge-ben ihm offensichtlich recht: Der weltweite Umsatz steigt kontinuierlich.

    TRAGeNDe SuLe des deut-schen Weleda-Geschfts ist mit 72 Prozent Umsatzanteil die Naturkosmetik. Nirgend-wo sonst verkauft Weleda mehr davon als hierzulande.

    Mit mutigem MarketingSeiT MehR ALS 90 JAhReN produziert Weleda in Schwbisch Gmnd arzneimittel und Natur-kosmetik. von anfang an anthroposophisch inspiriert aber eben auch betriebswirtschaftlich.

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  • Wir begleiten jedes vorstellungsge-sprch und setzen Mitarbeiter dort ein, wo es ihrer Persnlichkeit am ehesten entspricht.

    Martin Gross Betriebsratsvorsitzender

    Trotz hoher Preise nicht nur an Gutverdiener: Es gibt eine bestndig groe Kun-dengruppe, die im Zweifel lieber an ihrem Urlaub spart als an ihrer Hautpflege, sagt Gross.

    DAS POTeNziAL anthropo-sophischer Arzneimittel steht noch ganz am Anfang, wenn man die Schwbisch Gmn-der fragt. In Zeiten von ver- breiteter beruflicher ber-lastung verzeichne die Stress-

    arznei Neurodoron gute Zu-wchse. Was freilich auch an einem inzwischen etwas mu-tigeren Marketing liegen mag, bis 2008 nannte sich das Pr-parat noch Kalium Phospho-ricum comp. Die Basis blieb

    aber die gleiche: Kruter und Pflanzen aus dem eigenen, 23 Hektar groen Heilpflan-zengarten. Nur ein paar Hun-dert Meter von der Produk- tion entfernt arbeiten hier rund 30 Mitarbeiter. Wir kul-

    tivieren sogar Arten wie die Kanadische Gelbwurz oder das Brutblatt, die auf anderen Kontinenten heimisch sind, sagt Leiter Michael Straub.

    Vor Ort ernten er und seine Kollegen rund 180 Pflanzen-arten, hckseln sie, extrahie-ren sie mit Alkohol und pres-sen deren Saft aus. Die so gewonnene Tinktur kommt als Rohstoff in Naturarznei und Naturkosmetik zum Ein-satz. Darber hinaus be-schafft der Einkauf scke-weise Natriumalginat, fs- serweise Pfirsichkernl und Kanister voll mit Aloe Vera Gel. Wo immer es sinnvoll und verfgbar ist, aus biolo-gisch-dynamischem Anbau. So unterscheiden wir uns von der in Discountern billig angebotenen Naturkosme-tik, betont Pressesprecher Theo Stepp.

    berhaupt ist in den Wele-da-Produktionshallen lngst nicht die Hektik zu spren, mit der Aldi, Lidl & Co. ihre Kunden durch die Gnge schleusen. Bei Weleda wirken die Mitarbeiter ruhiger, ent-spannter. Der kleine Plausch zwischendrin ist ausdrck-lich erwnscht. Etwa wenn Anlagenfhrer Matthias Brock seinem Kollegen mit-teilt, dass er Pfefferminz dem salzigen Geruch der Sole-Zahncreme, die er der-zeit abfllt, vorziehe.

    VieL WeRT legt Betriebsrat Gross darauf, die Mitarbeiter nach deren Persnlichkeit einzusetzen und nicht nur nach ihrem beruflichen Werdegang: Als Betriebsrat will ich Rahmenbedingungen schaffen, die Mitarbeiter kr-perlich, seelisch und geistig in Balance bringen. Er nennt Klassiker wie Yoga, Lauftreff und Kooperationen mit Fit-nessstudios, dazu unkonven-

    tionelle Angebote wie Eltern-coaching und Mediation.

    Ganz ohne die Mechanis-men der Betriebswirtschaft geht es aber nicht: 2011 er- litt Weleda einen millionen-schweren Verlust. Zu lange hatte man konomische Gesetzmigkeiten hintenan gestellt. Schmerzhaft war der einmalige Abbau von Ar-beitspltzen, ebenso die In-anspruchnahme der Tarifff-nung. Die Entgelterhhung der Chemie-Tarifrunde 2012 wurde verschoben, dafr im Gegenzug vor allem die langfristige Sicherung der Be- schftigung erreicht, so IG BCE-Sekretr Markus Wim-mer. Und: Den beabsichtig-ten Austritt aus dem Flchen-tarif konnten Betriebsrat und IG BCE verhindern.

    Axel Stefan Sonntag

    1 | ABFLLeN

    Durch die Schluche gelangen Badel, Dusch- gel & Co. in die jeweiligen Verpackungen.

    2 | uMFLLeN

    Frisch hergestellte zahn-pasta rauscht vom Kessel in den Vorratscontainer.

    3 | eRNTeN

    Tanja Maier pflckt Bitter- s im unternehmenseige-nen heilpflanzengarten.

    3

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    Weleda entstand 1921 als pharmazeutischer Labor-betrieb. heute ist das unter.- nehmen nach eigenen Angaben weltweit fhrender hersteller von anthroposophischen Arzneimitteln und ganzheit-licher Naturkosmetik. Die Marke ist in rund 50 Lndern prsent, weltweit beschftigt die Gruppe etwa 2000 Mit- arbeiter davon rund 750 in Schwbisch Gmnd. Die umsatzstrksten Artikel sind die der Babypflege.

    Weleda ist Mitglied im iG-BCe-Pharmanetzwerk Baden-Wrttemberg. im engen Dialog mit der Landesregierung plaka- tiert der Landesbezirk die interessenlagen von Beschf-tigten und Betrieben der Pharmaindustrie. Deren Dichte ist in Baden-Wrttem-berg am hchsten.

    www.weleda.de

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    > vor ort Aktuelles

    Betriebsrat und IG BCE ver-handelten 15 Monate, er-gebnislos. Jetzt hat der inter-national ttige Kunststoffver-packungshersteller Schur Fle-xibles am Standort Kempten 31 Mitarbeitern, berwiegend in der Beutelabteilung ttig, gekndigt. Wir sind total enttuscht, sagt IG-BCE-Gewerk-schaftssekretr Peter Beneke.

    Bereits seit sieben Jahren arbeite die Be-legschaft auf Basis eines nde-rungstarifvertrages 40 Stunden pro Woche ohne Lohnaus-gleich, um ihre Arbeitspltze zu sichern. Im Gegenzug ver-sprach die Geschftsleitung in

    Gekndigt ohne SozialplanKempten | verpackungshersteller missachtet sozialauswahl/IG BCe reicht klage ein

    den Betrieb zu investieren. Dazu kam es nie.

    Vor etwas mehr als einem halben Jahr kaufte Schur Flexibles die insolvente Ver-packungsfirma Vacufol in Bad Grnenbach auf. Der Schur-

    Flexibles-Betriebsrat ist ber-zeugt, dass zwischen den Kn-digungen und dem Kauf ein Zusammenhang besteht.

    Denn, so Betriebsratsvorsit-zender Ibrahim Ucak, auch

    Vacufol habe eine Beutelabtei-lung und produziere ohne jeg-liche Tarifbindung und ohne Betriebsrat mit Lhnen, die rund 30 Prozent niedriger sind: Dagegen haben wir kei-ne Chance. Besonders hart: Trotz zher Verhandlungen konnten weder Interessenaus-gleich noch Sozialplan verein-bart werden. Das habe ich in meiner Arbeit noch nicht erlebt, sagt Beneke.

    Die IG BCE hat Kndigungs-schutzklagen eingereicht. Bei ordnungsgemer Sozialaus-wahl, so Peter Benek, htten mindestens zwei Drittel der jetzt Entlassenen keine Kn-digung erhalten drfen.

    Luitgard Koch

    Obwohl die deutsche Pa-pierindustrie heute vier-mal mehr produziert als 1975, ist ihr spezifischer Energieein-satz seither um fast die Hlfte gesunken. Das beweist, wie lange Nachhaltigkeit fr uns schon Thema ist, bilanzierte Dr. Bernd Gtz, der beim Ver-band Deutscher Papierfabri-ken (VDP) den Bereich Um-welt, Technik und Energie verantwortet, Ende Mai auf der 20. Tagung des Bundesarbeits-kreises Umweltschutz (BAKU) der Papier-Sozialpartner.

    Zahlreiche, gemeinsam ini-tiierte BAKU-Projekte setzen Mastbe und zeigten Erfolge. Seit 20 Jahren entwickeln Betriebsrte und Arbeitgeber Konzepte und Strategien zur Energieeinsparung in der Pro-duktion. Damit sichern wir die

    BaKu-projekte setzen mastbeGernSBach | Papier-sozialpartner diskutieren energiepolitik

    Zukunft unserer Papierindus-trie, so IG-BCE-Industrie-gruppensekretr Peter Schuld.

    Das geschehe ohne Denk-verbote. Wir schlieen nicht aus, dass wir eines Tages Papier ohne Wasser produzieren kn-nen, wagt VDP-Geschftsfh-rer Dr. Reinhardt Thiel einen Blick in die langfristige Zu-kunft. Mit der European Inno-vation Partnership on Water arbeite man eng zusammen,

    ebenso mit Universitten und Forschungsinstituten.

    Egbert Biermann, Mitglied im geschftsfhrenden IG-BCE-Hauptvorstand, unter-strich zum Abschluss, dass Nachhaltigkeit konomische, soziale und kologische As-pekte umfasst. Die Betriebsrte rumen dem Thema, das hat 2012 eine Befragung ergeben, einen hohen Stellenwert ein.

    Axel Stefan Sonntag

    Betriebsrat soll komplett gehenneumnSter | Beim pharmahersteller pohl-Bos-kamp in hohenlockstedt soll der gesamte Betriebsrat gekndigt werden. eine ent- sprechende namensliste hat der anwalt der Geschfts-leitung dem neunkpfigen Gremium am 15. Juni zur Zustimmung vorgelegt. Begrndet wurde der Schritt mit einer schriftlichen ue- rung des Betriebsrats, er fhle sich durch die Geschfts-fhrung in seiner arbeit eingeschrnkt.

    Vorausgegangen ist ein mehrjhriger Konflikt ber die Betriebsratsarbeit. Beim einfordern von mitbestim-mungsrechten drohe die Geschftsfhrung mit dem entzug freiwilliger sozialer Leistungen, berichtet der Betriebsratsvorsitzende tobias Klaassen. er darf die produktionshalle nicht mehr betreten. Viele der etwa 500 Beschftigten fhlen sich eingeschchtert, mit ihm auch nur zu reden. mehrere Betriebsratsmitglieder haben wegen der Behinderung ihrer arbeit bereits aufgegeben.

    uns besorgt diese art des umgangs mit einem demokra-tisch gewhlten Gremium, sagt der IG-Bce-Bezirksleiter ralf erkens. es ist fr alle Beteiligten wichtig, dass wir wieder zu den blichen umgangsformen im arbeits-leben zurckfinden.

    Klaassen selbst hatte versucht, den Konflikt zu ent- schrfen und eine mediation vorgeschlagen: Die der- zeitige Situation schadet den mitarbeitern, der Geschfts-fhrung selbst und am ende vor allem unserem unter-nehmen. Sigrid Thomsen

    effizienter denn je: papier- produktion in Deutschland.

    Gegen diese Dum-pinglhne haben wir keine Chance.

    Ibrahim ucak Betriebsratsvorsitzender

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    D ie Beschftigten des Kunststoffherstellers Fi-scher GmbH im hessi-schen Katzenelnbogen wollen sich nicht mehr mit niedrigen Prmien und geringen Lhnen abspeisen lassen. Sie wandten

    sich an die IG BCE, um ihre Lage zu verbessern.

    Noch im April waren nur 3 Prozent der Mitarbeiter dort gewerkschaftlich organi-siert. Mittlerweile sind 98 der 140 Beschftigten im Werk Katzenelnbogen in die IG BCE eingetreten. Der Organi-sationsgrad hat sich auf mehr als 70 Prozent erhht.

    Als das Unternehmen in ein wirtschaftliches Tief geriet, wurde vor fnf Jahren das Weihnachtsgeld gestrichen.

    Seitdem ist es ausgesetzt, be-richtet Elisabeth Gomez. Als man die Schlieung habe befrchten mssen, seien die Mitarbeiter bereit gewesen, Einschnitte und Doppel-schichten hinzunehmen. Jetzt

    erhole sich das Unter-nehmen, fr 2013 werde ein Zuwachs von 10 bis 15 Prozent erwartet. Doch wir Arbeiter machen und tun, und fr uns gibt es nichts, so die 53-jhrige Gomez.

    SKepSIS gibt es auch gegenber dem parallel angekndig-

    ten Prmiensystem. Ob Pr-mien dann tatschlich bezahlt wrden, hnge von so vielen Parametern ab. Wenn die Ma-schine kaputt ist und man deshalb unter den Stckzahlen bleibt, bekommt man unver-schuldet keine Prmie, wei Tanja Arnold und ergnzt: Prmien flieen auch nicht in die Berechnung des Arbeits-losengeldes ein.

    Die Beschftigten suchten Untersttzung und wandten sich an die IG BCE. Nachdem

    bekannt wurde, dass die Mit-arbeiter mit der Gewerkschaft ins Gesprch gekommen sind, hat die Unternehmensleitung das Prmiensystem auf Eis ge-legt. Begrndung: Man wisse ja nun nicht, wer eigentlich der Verhandlungspartner sei. Wir haben bei ei-ner ersten Veranstal-tung im April lediglich mit den Beschftigten gesprochen, einen Verhandlungsauftrag haben wir erst bei ei-ner Veranstaltung im Juni erhalten, schil-dert IG-BCE-Bezirks-sekretrin Petra Pohl die Entwicklung.

    DaS VOtum der Mitglieder war eindeutig: Wir wollen, dass die IG BCE fr uns ver-handelt. Die Vorstellungen sind klar. Mehr Lohn, bringt es die 36-jhrige Sieg-linde Schneider auf den Punkt. Helga Schlter will auch die Weihnachtsgeldfrage geklrt haben. Und Behxhet Shere-menti erhofft sich von der Partnerschaft mit der IG BCE auch ein besseres Betriebs-klima und mehr Ehrlichkeit.

    Stolze Quote: Von 3 auf 70 prozentKatZeneLnBOGen | unzufrieden mit Prmien und lhnen/Beschftigte organisieren sich und holen IG BCe ins Boot

    Die IG BCE wird, gemein-sam mit einer Projektgruppe, ein Sondierungsgesprch mit der Geschftsleitung verein-baren. Danach soll es in die Verhandlung mit dem Ar- beitgeber gehen. Dabei ist der

    Gewerkschaft die Einbindung der Mitglieder besonders wichtig.

    Natrlich stehen die Erhal-tung des Standortes und die Sicherung der Arbeitspltze an erster Stelle, das muss aber ver-bunden werden mit einer leis-tungsgerechten Entlohnung, so Gewerkschaftssekretrin Petra Pohl. Und sie betont: Dazu brauchen wir die Unter-sttzung des Betriebsrates und der Mitglieder, in Gnze.

    Michelle Spillner

    Klares Votum: Die Fischer-

    Beschftigten stehen hinter

    der IG Bce.

    helga Schlter: Die Weihnachtsgeldfrage muss geklrt werden.

    elisabeth Gomez: Wir machen und tun, und fr uns gibt es nichts.

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    > vor ort Aktuelles

    Sie haben alles versucht: Gaba-Betriebsrte intervenieren bei Ministerprsident Kretschmann.

    T rotz monatelangen Kamp-fes und 20 000 Unter-schriften: Colgate verlagert die Produktion nach Polen. Bis Dezember werden rund 150 Beschftigte im Lrracher Gaba-Werk ihren Arbeitsplatz verlieren.

    Ein Lichtblick: der von Be-triebsrat und IG BCE ausge-handelte bestmgliche Sozi-alplan, so die Bewertung vom Betriebsratsvorsitzenden Mar-tin Grsslin. Vereinbart ist er jedoch nur fr die Mitarbei- ter in der Produktion. Neben berdurchschnittlichen Abfin-dungen und einer auf zwlf Monate angelegten Transferge-sellschaft gibt es grozgige Regelungen fr ltere. Mitar-beiter ab 57 erhalten demnach 90 Prozent ihres Nettoeinkom-mens bis zur Regelaltersrente.

    Michaela Hinthal profitiert davon nicht. Frustriert, ratlos, beschissen, fasst die 35-Jh-rige ihre Lage zusammen. Mit Mann, zwei Kindern, zwei Kat-

    Gaba: Erster Sozialplan stehtLrrach | berdurchschnittliche Abfindungen einigung fr verwaltung noch offen

    zen und einem Hund hat sie das als bisherige Hauptverdie-nerin dank ihrer Arbeit in der Qualittskontrolle gut schul-tern knnen. Ob ich einen vergleichbaren Job finde, wei ich nicht. Aufgewhlt ist auch Alex Plattner. Ich war kurz da-vor, einen Kredit fr das eigene Haus aufzunehmen.

    Zwar zeigen sich die Arbeit-nehmervertreter froh ber die erste Einigung, sind aber si-cher, dass der Weg dorthin htte krzer ausfallen knnen:

    Colgate htte uns von Anfang an eine so konstruktive Zu-sammenarbeit wie in den vergangenen Wochen ermg-lichen sollen, so Michael Mer-le, stellvertretender Betriebs-ratsvorsitzender. Beendet ist die Salami-Taktik aber noch nicht: Fr die rund 140 Be-schftigten in der Verwaltung fehlt weiterhin ein Sozialplan. Axel Stefan Sonntag

    auf einer zentralen Konfe-renz in Darmstadt forder-te IG-BCE-Tarifpolitiker Peter Hausmann die Arbeitgeber auf, den Bogen nicht zu ber-spannen: Nach zwei ergeb-nislosen Verhandlungen muss jetzt endlich ein faires Angebot auf den Tisch. Prozente, Alters-teilzeit, bernahme nach der Ausbildung es herrscht Still-stand auf breiter Front.

    Vor mehr als 100 Betriebs-rten und Vertrauensleuten aus der Papierindustrie unter-strich Hausmann: Fr die

    Tarifrunde Papier: Druck erhhenDarMSTaDT | IG BCe will Bewegung in bislang ergebnislose verhandlungen bringen

    Papierindustrie brauchen wir spezifische Regelungen, um den bergang zur Rente und den demografischen Wandel zu gestalten dazu gehren vor allem die Fortfhrung der Altersteilzeit und die bernah-me junger Menschen nach der Ausbildung. Verhandlungs-fhrer Holger Nieden bewer-tete die bisherigen Vorschlge der Arbeitgeber als vllig un-konkret und weit von den berechtigten Erwartungen der Beschftigten entfernt. Bei al-len strukturellen Schwierigkei-

    ten sei die Produktivitt au-erordentlich hoch: Die Be-schftigten haben einen An-spruch auf eine angemessene Erhhung der Einkommen.

    Die IG BCE fordert fr die rund 40 000 Beschftigten ne-ben einer Entgelterhhung um 5,5 Prozent auch die Fortfh-rung des Tarifvertrages Alters-teilzeit und eine Regelung zur bernahme der Ausgebilde-ten. Die dritte Verhandlungs-runde findet am 25. Juni in Darmstadt statt.

    Michael Denecke

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    Tarifmeldungen

    Ausfhrliche Informationen: www.igbce.de/tarife

    FoToFiniShEr | Die 1700 Beschftigten im Be- reich Fotofinisher/ceWe color erhalten ab Juni 2013 3 Pro- zent mehr Lohn. auerdem wurde ein Demografietarif-vertrag abgeschlossen, bei dem der arbeitgeber ab 1. Januar 2014 pro Mitarbeiter jhrlich 300 Euro fr alters- teilzeit, altersvorsorge, Langzeitkonten oder eine Berufsunfhigkeitsversiche-rung zur Verfgung stellt. Weiterhin konnte eine Er- hhung des Urlaubsgeldes erreicht werden.

    KaoLininDUSTriE | Die Beschftigten in der bayeri-schen Kaolinindustrie erhal- ten ab 1. Mai 15 Euro mehr Geld. auf die gestiegenen Einkommen gibt es dann eine Erhhung um 2 Prozent. Die nachtschichtzulage steigt um 2,6 Prozent. aus- zubildende, die fachlich und persnlich geeignet sind, sollen fr mindestens sechs Monate bernommen werden.

    KaLK UnD DoLoMiT | nach schwierigen Verhand-lungen konnte am 17. Juni ein Tarifergebnis fr die Beschftigten in der Kalk- und Dolomitindustrie in niedersachsen, Sachsen-anhalt und der Fels-Werke rdersdorf erzielt werden. Die Lhne, Gehlter und ausbildungsvergtungen erhhen sich ab dem 1. Juni 2013 um 3 Prozent. Eine weitere Erhhung um 2,8 Prozent folgt am 1. august 2014. Die Gesamtlaufzeit betrgt 24 Monate bis zum 31. Mai 2015.

    Weitere Informationen: www.igbce.de

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    Frauen in FhrunghannoVEr | Die Bilanz nach drei Jahren Projekt: es tut sich was

    Mehr Frauen in Fh-rungspositionen zu bringen war Ziel des Projektes Frauen Macht Erfolg. IG BCE und Bundesar-beitgeberverband Chemie ha-ben jetzt nach drei Jahren Bi-lanz gezogen.

    Fnf Unternehmen haben sich beteiligt und gemeinsam berlegt, wie sie Frauen und Betriebe motivieren knnen, Fhrungspositionen weiblich zu besetzen. Dass es schwierig war, berhaupt Firmen fr das vom Europischen Sozial-fonds gefrderte Projekt zu gewinnen, betonte Edeltraud Glnzer vom geschftsfh-renden Hauptvorstand der IG BCE. Schlielich aber nahmen

    Sasol, BASF, Veritas, Flint Group und Michelin Reifen teil.

    DrEi JahrE nach Beginn des Projektes ist die Bilanz bei Sa-sol eindrucksvoll. Das Unter-nehmen hat sich messbare Ziele gesetzt. Es will beispiels-weise seinen Frauenanteil von

    18 Prozent bis zum Jahr 2020 auf 25 Prozent steigern. Auer-dem wurde eine Stelle geschaf-fen, um alle Aktivitten im Be-reich der sozialen Nachhaltig-keit zusammenzufassen, be-reits vorhandene Konzepte zu bndeln, zu optimieren und strategisch wei-terzuentwickeln. Birgit Kuhlhoff managt diesen Bereich: Wenn wir qualifiziertes Personal finden wollen, muss Sasol als Arbeit-geber attraktiv sein, nicht nur in der Bezahlung. Dazu gehrt unter anderem auch die stn-dige Weiterentwicklung im

    Engagement zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

    Die BASF hat als groes Un-ternehmen den Schwerpunkt auf ausgewhlte T-

    tigkeitsfelder gelegt: Frauen in Produktion und Technik so-wie Frauen im Einkauf. So wurde unter anderem geprft, wo der Weiterbildungsbedarf bei Einkuferinnen liegt. Be-triebsrtin Christiane Keller-mann: Im Laufe des Projektes wurde mir immer klarer, dass wir zunchst den Wandel in

    den Kpfen schaffen mssen. Die Menschen mssen Chan-cengleichheit leben und vorle-ben. Heike Katharina Stadt-mller, Rechtsanwltin in der Einheit Personalpolitik, er-gnzt: Es war uns wichtig,

    dass wir dieses Projekt sozial-partnerschaftlich angehen. Gemeinsam mit unseren Ar-beitnehmervertretern haben wir berlegt, was fr unser Unternehmen Sinn macht und auf welchen Feldern wir aktiv werden wollen.

    DaS ProJEKT zeigt sich ins-gesamt als Erfolg, so lautet das Resmee nach dem Abschluss. Edeltraud Glnzer mchte es aber nicht allein bei diesem Projekt belassen: Wir brau-chen jetzt eine Reihe von kon-kreten Manahmen, um Un-ternehmen, aber auch Beschf-tigte zu motivieren, mehr Frau-en in Fhrungspositionen zu bringen. Wissenschaftlich be-gleitet wurde das Projekt vom Qualifizierungsfrderwerk Chemie. Andrea Lammert

    insgesamt zufrieden: Betriebsrtinnen zogen jetzt eine positive Bilanz zum Projekt Frauen Macht Erfolg.

    Fotos (3): Nicole strasser

    Wir brauchen konkrete Manahmen, um zu motivieren.

    Edeltraud Glnzer IG BCe

    Wir mssen den Wandel in den kpfen schaffen.

    christiane Kellermann BAsF se

    industriepark bangt um invistaGErSThoFEn | Unruhe bei invista. Das chemieunter-nehmen will im schwbischen industriepark Gersthofen eine komplette Produktionslinie stilllegen. Das gefhrdet voraussichtlich die hlfte der rund 300 arbeitspltze. Derzeit wird dort noch DMT, ein Polyester-Zwischenpro-dukt fr Verpackungsfolien, produziert. nach angaben von invista wurde die DMT-Pro-duktion in den vergangenen Jahren unrentabel. Grnde seien berangebote am Markt und die starke Konkurrenz durch alternativprodukte.

    Die invista-Plne ht- ten auswirkungen fr alle Unternehmen im industrie-park. Denn die Betriebe tei- len sich die Kosten fr die Betreibergesellschaft. Bislang ist invista grter arbeitge-ber. Die Stillegung wrde die Kosten fr die anderen Un- ternehmen erhhen. Wenn ein Unternehmen Probleme hat, hat das auswirkungen auf den gesamten industriepark, wei ingrid Knpfle von der Betreiber- und Servicegesell-schaft des industrieparks.

    Das ist ein brutaler Einschnitt, betont auch iG-BcE-Bezirksleiter Torsten Falke. Bereits vor vier Jahren zeichneten sich die absatz-probleme bei DMT ab. Um die arbeitspltz zu sichern, verzichtete die Belegschaft damals auf Sonderzahlungen und Gehaltserhhungen. Sie stimmte einem bis 2015 gltigen Standortsicherungs-tarifvertrag zu. Die iG BcE behlt sich vor, diesen auer- ordentlich zu kndigen, wenn dadurch keine lngerfristige arbeitsplatzsicherung erfolgt. Luitgard Koch

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  • > vor ort Baden-WrttemBerg

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    Jugend im netzwerk unterwegsmannheim | Chancengleichheit im Bildungssystem unter diesem Motto stehen 2013 Veranstaltungen und Aktionen der IG-BCE-Jugend im Bezirk Mannheim. Um zu erfahren, wie Parteien und andere Gewerkschaften dieses Thema besetzen, traf sich der Bezirksjugendausschuss (BJA) mit Matthias Ru-dolph und Alicia Storch von der IG-Metall-Jugend. Gast war Christian Dristram, Juso-Vorsitzender in Mannheim. In der angeregten Diskussion hat der Nachwuchs seine Positionen ausgetauscht. Einigkeit bestand darin, dass die Bildung nicht vom Geldbeutel der Eltern abhngig sein darf. Der BJA plant weitere Treffen mit anderen Jugendverbnden.

    Frauenforum-treffen am 23. Julimannheim | Nach der Konstituierung trifft sich das Frauenforum am 23. Juli zur ersten gemeinsamen Ver-anstaltung. Im Technoseum wird Heike Jger, Refe-rentin aus Ham-burg, einen historischen berblick zum Thema Frauen in der Arbeiterbewegung geben. Im Anschluss ist eine gemeinsame Fhrung durch die Ausstellung Durch Nacht zum Licht? (Foto) vorgesehen. Interessierte Frauen knnen sich ab sofort im Bezirksbro anmelden (Telefon: 0621 178289-0).

    Im Vorfeld der Bundestagswahl werden die IG-BCE-Frauen Rhein-Neckar an mehreren Diskussionsrunden teilnehmen. Zu Gleichstellungsfragen, wie dem gesetzlichen Rckkehr-recht von Teilzeit auf Vollzeit, wollen sie Politikern auf den Zahn fhlen. Im Sptjahr ist dann, nach dem groen Erfolg im vergangenen Jahr, ein Filmabend zu einem frauenpoli- tischen Thema geplant.

    doppelte Belohnungkornwestheim | Bis Ende September belohnt der Bezirk Kornwestheim neu ge-worbene Mitglieder samt deren Werbern gleich zweifach. Im Rahmen der Aktion Mach deine Flanken stark!!! erhalten Werber und Neu-Mitglied jeweils einen Tankgutschein. Zustzlich gibt es fr engagierte Werberinnen und Werber den blichen Werbeprmienpunkt.

    Gegen das Vergessenkornwestheim | gedenktafel erinnert an 1933

    Dieses Haus wurde 1928 vom Zentral-verband der Schuhma-cher erbaut. Fnf Jahre spter erlebte es die dun-kelste Zeit der Gewerk-schaftsge-schichte. Egbert Biermann vom geschftsfhrenden IG-BCE-Hauptvorstand nahm be-zglich der Verbrechen, die die Nationalsozialisten rings-um und im Kornwestheimer Gewerkschaftshaus begingen, kein Blatt vor den Mund. SA-Kommandos besetzten und verwsteten unser heutiges Be-zirksbrogebude. Die Nazis drangsalierten die beiden An-gestellten zusammen mit Tau-senden anderer Menschen im KZ Heuberg, unter ihnen Kurt Schumacher, der erste Nach-kriegsvorsitzende der SPD.

    An diese Grueltaten, die sich vor 80 Jahren abspielten, erinnert nun eine am Gewerk-schaftshaus angebrachte Ge-denktafel. Anfang Mai enthll-te sie Biermann gemeinsam mit Bezirksleiter Andreas Klo-se. Treibende Kraft dabei war die Ortsgruppe. Fr Karin Rf-

    fel, erste Vorsitzende und ehe-malige Gesamtbetriebsratsvor-sitzende von Salamander, ein

    wichtiges Anliegen, zumal hier noch das einzige Gewerk-schaftshaus der Region Lud-wigsburg verblieben ist.

    Dessen besonderer Historie sind sich Bezirksleiter Andreas

    Klose und sein Team voll bewusst: Wir werden alles tun, damit das Geschehe-ne nie in Vergessen-heit gert. Wo wir auftreten, in den Betrieben und auch auerhalb, werden wir gegen jedwede rechtsextreme Ten-denz kompromisslos vorgehen, verspricht Klose.

    n a m e n & n a C h r i C h t e n

    Weitere Infos im Internet: www.kornwestheim.igbce.de www.facebook.com/igbcekornwestheim

    in seiner rede verurteilte egbert Biermann die er-strmung des Gewerkschaftshauses.

    egbert Biermann, karin rffel, andreas klose und Bezirksvorstandsvorsitzende irmtraud schneele-schulthei (von links) vor der neuen (roten) Gedenktafel.

    mit dem von DGB-kollegin silke ortwein vorgespielten heu-berg-Lied machten sich seiner-zeit die internierten mut.

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  • 29kompakt | Juli/August 2013 |

    Pharma sichern, Leiharbeit begrenzenLuDwiGsBurG | Landesbezirksdelegiertenkonferenz verabschiedet 56 antrge

    Ob bessere Ausstattung der Be-rufsschulen oder parittisch fi-nanzierte Rente, ob eine Min-destzahl weiblicher Delegierter beim Gewerkschaftskongress oder die Einfhrung der Bil-dungsfreistellung im Land: Die 56 Antrge, ber die alle 60 Delegierten der Landes- bezirksdelegiertenkonferenz abstimmten, reprsentierten nahezu alle Themen, die IG-BCE-Mitglieder in Baden-Wrttemberg bewegen.

    Groe Aufmerksamkeit kam den Bereichen Energie und Pharma zu. Wilfried Schulz, Betriebsratsvorsitzender beim Arzneimittelhersteller Schwa-be: Unser Betrieb investiert am Standort Karlsruhe jhrlich rund 20 Millionen Euro, um die Innovationskraft unserer Produkte aufrechtzuerhalten.

    Schulz hat daher an einem Antrag mitgewirkt, der vor-sieht, die pharmapolitischen Aktivitten der IG BCE zu konkretisieren und weiterzu-entwickeln.

    Die Vertrauensleute von Boehringer Ingelheim am Standort Biberach setzen sich dafr ein, Leiharbeit auf klar definierte Kriterien zu begren-zen. Bei uns wurden Teile der Stammbelegschaft immer mehr durch Leiharbeiter er-setzt. Nach vielen Verhandlun-gen haben wir nun erreicht, dass Boehringer viele Leihar-beiter bernehmen wird, sagt Vertrauensfrau Nicole Weiss.

    Das Thema griff Edeltraud Glnzer vom geschftsfhren-den IG-BCE-Hauptvorstand in ihrer Rede auf. Sie kritisierte, dass Betriebe zustzlichen Per-

    rund 100 teil-nehmer kamen ins Forum Ludwigs-burg. Gewerkschaf-terinnen fordern von minister nils schmid erneut die Bildungs- freistellung.

    Weitere Infos und der neu ge- whlte Landesbezirksvorstand: www.baden-wuerttemberg. igbce.de

    Zu Gast: DGB-Landesvorsitzender nikolaus Landgraf, sPD-Fraktionschef Claus schmiedel und CDu-mdL klaus herrmann (Foto oben, von rechts). rechts: Der auf der konferenz neu gewhlte Landesbezirksvorstand.

    Landesbezirksleiterin Catharina Clay dankt Josef Braun, 34 Jah-re lang freigestellter Betriebsrat bei der Papierfabrik koehler.

    sonalbedarf oft nur noch per Befristung oder Leiharbeit ab-deckten. Wenn Leiharbeit gar dazu benutzt wird, das Streik-recht zu unterlaufen, fordern wir, dass sich solche Betriebe knftig strafbar machen.

    Die Betriebsrtetagung am Vortag der Konferenz nutz- ten die Arbeitnehmervertreter nicht nur zum Netzwerken und zum Diskutieren. Sie berreichten Wirtschaftsmi-nister Nils Schmid erneut meh-rere Hundert Postkarten mit der Bitte, die versprochene Bil-dungsfreistellung endlich um-zusetzen.

    Hhepunkt des zweitgigen Zusammentreffens war die Verleihung der Hans-Bckler-Medaille an Josef Braun. Du hast dich ber viele Jahrzehnte hinweg um Mitbestimmung

    und die Gewerkschaft verdient gemacht, dankte Landesbe-zirksleiterin Catharina Clay.

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  • > vor ort Bayern

    | kompakt | Juli/August 201328

    tarif Papier: Das wollen wiraschaffenburg/Mnchen | Die berraschung stand vielen Passanten ins Gesicht geschrieben, als sie am ersten Juni-Samstag in der Aschaffenburger Innenstadt auf Jugend-liche stieen, die eine Kis-senschlacht austrugen. Der Flashmob (Foto) der Ju-gend- und Auszubildenden-vertreter von Sappi in Stock-stadt war Teil der Aktivitten zur Tarifrunde Papier. Mit Kissen schlugen die jungen Leute auf einen dargestellten Ar-beitgeber ein, der sich gegen eine tarifliche bernahmerege-lung fr Azubis aussprach. Neben einer bernahmerege- lung fordert die IG BCE eine Lohnerhhung von 5,5 Pro-zent und die Verlngerung des Tarifvertrags Altersteil-zeit. Hierfr wurden in den bayerischen Betrieben viele Unterschriften gesammelt. Im Bezirk Mainfranken war-ben Plakatwnde fr die For-derung (Foto). Die dritte Tarifverhandlung fand am 25. Juni nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe statt (siehe auch Seite 26).

    Bayern bei Bundesjugendkonferenzhannover | 32 Jugend-vertreter und Studierende aus dem Lan-desbezirk freuten sich, dass sie die Anliegen der bayerischen IG-BCE-Mitglieder er-folgreich bei der Bundesjugendkonferenz vom 17. bis 20. Mai in Hannover einbringen konnten. Von den rund 220 dis- kutierten Antrgen stammten 28 aus Bayern. Landesjugend-sekretr Jrg Kammermann: Uns waren die Perspektiven junger Menschen und das Thema Zukunftsgewerkschaft sehr wichtig. Auch die Forderungen nach mehr Solidaritt in Europa konnte erfolgreich eingebracht werden. Die meisten Beschlsse der Jugendkonferenz werden auf dem Gewerk-schaftskongress im Oktober behandelt und beeinflussen so die Richtung der gesamten Gewerkschaft.

    Werberhitparade6 aufnahmen: Gebhard Fraunhofer (Siltronic, Burghausen), Klaus Moik (Knauf Gips, Iphofen).

    fr gutes geld KelheiM/augsburg | Warnstreiks und ein langer atem

    Mit Sozialpartnerschaft kom-men wir nicht weiter, stellte IG-BCE-Gewerkschaftssekretr Christian Schlag fest. Sie ist aufgekndigt und zwar von Arbeitgeberseite. Rund 90 Be-schftigte der Firma Bolta In-dustrie- und Bauprofile in Schnberg protestierten im Juni mit Warnstreiks gegen das geplante Tarifdumping ihrer Geschftsfhrung (Foto oben).

    Der neue Haustarifvertrag msse an den Flchentarif an-gepasst werden, forderte die Belegschaft. Die Geschfts-fhrung hat jegliches Augen-ma fr die Beschftigten ver-loren. Gegen Tarifdumping, das Unterlaufen gesetzlicher Mindeststandards und die Opferung der Mitbestimmung zugunsten einer zgellosen Flexibilisierung wehren wir uns, machte Betriebsratsvor-sitzender Thomas Kunze deut-lich.

    Zumal die Beschftigten be-reits erhebliche Beitrge zur Kostensenkung geleistet ha-ben. So verzichteten sie auf ihr Weihnachtsgeld und leisteten Kurzarbeit. Eine Nullrunde kommt fr uns nicht infrage, bekrftigte Kunze. Der Tarif-

    konflikt schwelt schon lnger. Bereits am der Tag der Arbeit machte ein Teil der Belegschaft mit einer Protestaktion darauf aufmerksam.

    Dass Durchhaltevermgen und ein langer Atem lohnen, zeigt sich beim Automobilzu-lieferer WAFA Kunststofftech-nik (Foto unten). Die Beschf-tigten des mittelstndischen Unternehmens in Augsburg-Haunstetten knnen aufat-men. Nach fast neunmonati-gen zhen Verhandlungen er-zielte die IG BCE einen zwei-stufigen Tarifabschluss. Nach Automobilkrise, dem stetigen Wechsel der Werks- und Pro-duktionsleiter und der ber-windung finanzieller Proble-me gelang erstmals nach et- lichen Jahren eine Lohnerh-hung von insgesamt 5,8 Pro-zent.

    Hierbei ist aber auch die Be-legschaft gefragt, sich strker zu organisieren, um knftig derart lange Leerzeitrume zu vermeiden. Andernfalls msste WAFA sich in einigen Jahren als unsozial betiteln lassen, so Verhandlungsfhrer Torsten Falke vom Bezirk Augsburg. Den Kompromiss kann das

    Unternehmen nach Jah-ren der Abstinenz gut verkraften, betonte Fal-ke. Auerdem brauche WAFA unbedingt reale Kunststofflhne, um im Wettbewerb nach guten und motivierten Fach-krften mithalten zu knnen.

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    studierende im visier Mnchen/augsburg | Dialog mit den Chefs von morgen

    Der Anteil hoch qualifizierter Be-schftigter in den Untenehmen nimmt zu. In Bay-ern haben knapp 11 Prozent der Er-werbsttigen einen Fachhochschul- oder Hochschul-abschluss. Insge-samt sind in Deutschland so viele Akademiker beschftigt wie noch nie: Ihre Zahl ist von 2001 bis 2011 um knapp die Hlfte gestiegen, um 2,5 Mil-lionen auf 7,7 Millionen.

    Grund genug fr die IG BCE auch den zuknftigen Fachkrften mit Hochschul-abschluss so frh wie mglich die Politik der IG BCE, Sozial-partnerschaft und Mitbestim-mung in den Unternehmen nahezubringen und si