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Lebenslinien 2012 Juli bis Dezember BLICKPUNKT Die Wochenzeitung für Ingolstadt und die Region

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Lebenslinien 2012Juli bis Dezember

BLICKPUNKTDie Wochenzeitung für Ingolstadt und die Region

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Inhalt04 Michael Mrozek und seine Geschichte

07 Der Salzmann Rudi und das Alphorn spielen

10 Udo Quellmalz holt eine Goldmedaille

14 Bürgermeister: Albert Wittmann

19 Der Mann am Bass Bernhard Hollinger

21 Lauren Francis ist auf den Opernbühnen der Welt zuhause

25 Hubert Eisinger über die Liebe zu seinem Unimog

27 Petra Regensburger und ihre Liebe zu Italien

30 Dora Hörmandinger ist seit 40 Jahren mit allerlei Leckereien auf den Volksfesten unterwegs

34 Roland Geiser Mitinhaber vom neuen „Wienerwald“

38 Kabarettistin Maxi Grabmaier

42 Shirin Hamo hat mit 18. ihr eigenes Fotostudio

45 Die Ingolstädter Punkband „SNU:MeN“

47 Das bayerische Urgestein Emil Ludwig Mayer

50 Ingrid Cannonier und Sascha Römisch

54 Paul Grozinger, Gründer der „Schanzer Puppenspieler“

56 Helmut Reuter hilft als Seelsorger den Mitar beitern des Klinikum Ingolstadt

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Seite 3Dezember 2012

Lebenslinien im Juli 2012

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Göttliches Spielzeug 2.0Michael Mrozek und die abenteuerliche Geschichte seiner Pandora

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Die Büchse der Pandora – wer sie öffnet, der kann was erleben! In der griechischen Mythologie hat Götter-vater Zeus besagte Büchse jener Pandora geschenkt. Wäre es die „Büchse“ aus dem Jahr 2012 ge-wesen, dann wäre daraus kein Un-heil hervorgegangen, sondern sie hätte die „mythologischen Helden“ der Computergeschichte entfesselt. Ganz nach dem Motto: Pacman statt Pandora (die im Übrigen aber auch eine künstlich erschaffene Frau war!). Der moderne Held, der die Herkulesarbeit der Pandora-Ent-wicklung bewältigt hat, heißt Micha-el Mrozek. Eine gewisse Parallele zum Helden der Antike ist durchaus gegeben: Während der griechische Herkules stets das Fell des unbe-siegbaren nemëischen Löwen bei sich getragen hatte, brauchte der Ingolstädter Pandora-Entwickler vor allem ein dickes Fell. Eines, das die Abwehrkräfte gegen Rückschlä-ge technischer und finanzieller Art stärken sollte. Und die Pandora, ein „Zauberkasten“ auf Linux-Basis, hat mit der mythologischen Büchse durchaus einiges gemeinsam: Die Büchse der Pandora hat in der Sa-genwelt der alten Griechen den Men-schen schließlich auch die Hoffnung gebracht. „Ich habe das komplette Unheil erlebt und doch die Hoff-nung nicht verloren“, erklärt Michael Mrozek. Es hat sich gelohnt: Nach ersten Presseberichten über den Mini-PC gingen sofort jede Menge Bestellungen ein. Die „Büchse“ mit dem High-Tech-Innenleben begeis-tert vor allem auch Spielernaturen, die ihre eigenen Games entwickeln möchten. Doch bis zum „Verkaufs-

schlager“ war es ein langer, steiniger Weg, der sogar von Naturgewalten versperrt worden war.

Zusammen mit Craig Rothwell, einem Spezialisten für Retro- und Homebrewfähige Geräte und dem Hardware-Experten Michael Weston hatte Michael Mrozek die Idee eines Handgeräts (Handheld) für Com-puterspielefans entwickelt. Mit Hilfe weiterer Profis und einer sehr aktiven Internet-Community wurden Gehäu-se, Betriebssystem und Co. perfekti-oniert, schließlich war Anfang 2008 auch der Name für das Mischwesen aus Mini-PC und Spielekonsole ge-funden: Pandora sollte es heißen, schließlich lässt es sich wie eine Büchse öffnen. So weit, so gut. Ei-gentlich sollten die ersten Pandoras Ende 2008 ausgeliefert werden. Ei-gentlich. „Es ist alles schief gelaufen, was schief laufen kann“, schmun-zelt der Geschäftsführer der Open Pandora GmbH. „Deshalb habe ich inzwischen eine sehr hohe Schmerz-grenze.“ Heute kann er über seine „prophetischen“ Fähigkeiten lachen. So erklärte er bei einem Vortrag auf der Computermesse CeBit 2010 : „Jetzt kann nichts mehr passieren, außer ein Vulkan bricht aus.“ Genau das tat der isländische Vulkan dann auch und legte zwei Monate nach der CeBit den Flugverkehr weltweit lahm. Die Folge: Wichtige Kompo-nenten der Pandora konnten nicht rechtzeitig geliefert werden. Über-haupt – der Teufel steckt im Detail, das musste auch das Team um Mi-chael Mrozek erfahren. So erwiesen sich die am Anfang verwendeten Ka-bel als nicht strapazierfähig genug,

um das Öffnen und Schließen der Pandora auf Dauer mit zu machen: „Zu Beginn waren wir einfach noch zu unerfahren, was bestimmte Kom-ponenten betraf.“ Dezember 2010. Endlich sah es so aus, als könne man mit dem handlichen Hosenta-schencomputer in die Serienproduk-tion gehen. Doch dann der nächste Rückschlag: 25 % der Boards, die in einem Werk in Texas gefertigt wur-den, waren defekt. Ein Desaster, durch das nicht nur ein materieller, sondern vor allem ein erheblicher finanzieller Schaden entstanden ist. „300 000 Euro Materialschaden waren zu beklagen, dazu kam der immense Lieferausfall. Schließlich hätten wir schon Pandoras für Milli-onen Euro verkaufen können.“ Das investierte Geld war weg, das ganze Projekt stand auf der Kippe und einer der „Pandora-Väter“ überlegte ernst-haft, alles hinzuschmeißen. Michael Mrozek aber konnte das Projekt, in dem so viel Arbeit und Leiden-schaft steckte, nicht einfach aufge-ben. Und so suchte man ein Werk in Deutschland, das die Pandoras produzieren konnte und Investoren, die das Projekt finanziell unterstüt-zen sollten. Nicht Göttervater Zeus erzeugt nun die Pandoras, sondern die Firma Global Components in Oberhaching. „Es können pro Wo-che 250 Stück hergestellt werden und das in bester Qualität“, freut sich Michael Mrozek. Jeder, der schon mal mit diversen Spiele- oder PC-Systemen zu tun hatte, kennt das Problem. Es gibt immer Funktionen, die das eine System hat, die aber beim anderen fehlen, das wiederum andere Funktionen vorweisen kann,

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die man dann doch gerne auch auf dem anderen Computer hätte und überhaupt. Ganz zu schweigen von der Software, die im System A wun-derbar läuft, auf System B aber gar nicht installiert werden kann. Pech gehabt. Michael Mrozek, der mit Computerspielen und Konsolen auf-gewachsen ist und hunderte Spiele aus diesen Pionierzeiten bei sich zu Hause aufbewahrt, findet genau das sehr schade. „Die Hersteller schrän-ken die Möglichkeiten immer mehr ein, man kann kaum noch etwas selbst machen. Wer zum Beispiel ei-nen Apple Computer nutzt, kann nur Apple Produkte installieren.“ Warum also nicht eine Mischung aus Konso-le und PC entwickeln, die einerseits die „normalen“ Anwender glücklich macht, die es den Tüftlern aber auch erlaubt, selbst Hand anzulegen? „Die Pandora, die auf Linux basiert, lässt es zu, auch andere Systeme drauf zu

spielen. Wer will, kann sogar selber den Quellcode des Betriebssystems ändern“, erklärt Michael Mrozek, der unter dem Namen „EvilDragon“ in diversen Internet-Communities aktiv ist. Das Austauschen von Knowhow und Ideen ist auch ein wichtiger Be-standteil der Pandora-Idee. In einem eigenen Forum unter www.open-pandora.org entwickeln die Mitglie-der gemeinsam neue Spiele oder Programme. Da hat sogar schon manch ein Papi für den eigenen Nachwuchs ein Game oder Lern-programm maßgeschneidert. Über-haupt: Diese „Büchse“ hat etwas Generationsübergreifendes, denn auf ihr können Klassiker wieder ge-spielt werden, die einst auf dem C64, dem Amiga oder der Atari-Konsole für Begeisterung sorgten. Eine gute Spielsteuerung war den Pandora-Entwicklern deshalb auch ganz wich-tig, denn mit einem Touchpad könne

man einfach nicht vernünftig spie-len. „Viele unserer Kunden haben gesagt, das sei die beste Spielsteu-erung, die sie bisher hatten.“ Der Ak-ku hält 12 aktive Stunden durch, auf Standby sind es sogar 200 Stunden. Und über das Spielen ist die „kleine Box“ auch schon längst hinaus, denn die Pandora hat sich zu einem hand-taschentauglichen Linux-PC entwi-ckelt, mit dem man Texte schreiben, Musik hören, Videos anschauen und im Internet surfen kann. „Es hat so-gar schon jemand eine Fernsteue-rung für einen Quadrocopter draus gemacht.“ Der Preis für den kleinen Alleskönner liegt bei 440 Euro, in Kürze kommt die dritte und bislang flotteste Pandora Variante mit 1 GHz Prozessor auf den Markt. Und sie ist bereit, noch mehr Menschen in ihren Bann zu ziehen. Das hätte sicher-lich auch Zeus gefallen. Infos: www.openpandora.org (ma)

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Man sollte schon wissen, wo der Rudi Salzmann wohnt. Denn sonst fährt man leicht vorbei an dem schmalen Feldweg, der von der Rothenturmer Straße in Nie-derfeld hinter zu seinem Haus führt. Und da empfangen den Besucher nicht nur etliche Hüh-ner und Tauben, sondern Pfau-en, Schafe und Enten. Es ist eine kleine, veritable Landwirtschaft, die sich hinter dem Haus verbirgt. Eine eingewachsene, verwun-

schene Idylle mitten in der Stadt, mit zwei Schleppern, „fast so alt wia i“, einem liebevoll angelegten Gemüsegarten und einem eige-nen Küchenhäusel, an dem eine große Glocke befestigt ist.

„Wenns mi amaoi ned finden, nacha läutens da.“ Bei der Weit-läufigkeit des Grundstücks von Rudi Salzmann eine sicherlich brauchbare Einrichtung.

Bevor er von sich und seiner Lie-be zur Musik erzählt, gibt es erst einmal eine Führung durch das Anwesen, beginnend bei einem beeindruckenden Brotbackofen. „Seit ich 50 bin, backe ich mein

Brot selber“, erzählt der noto-rische Selbstversorger, erklärt den Ofen, in dem acht große Laibe gleichzeitig Platz finden. Nebenan im Küchenhäusel steht eine alte Teigmaschine, ein Gerät von einer stattlichen Größe, die man bestenfalls bei einem profes-sionellen Bäcker vermutet.

„Eigentlich könnte ich mich selbst versorgen“, meint das weißhaa-rige Unikum und krault dabei den dichten weißen Bart. Schlachten tut er ohnehin selber, weil „da weiß man, was man isst.“ Sein Gemüse baut er ebenfalls selbst an. Und jetzt würde er am liebsten noch auf ein paar Hektar seines Landes Hackschnitzel anbauen.Hackschnitzel anbauen? Ja. Rudi Salzmann erzählt begeistert von einem Knöterich, der zur Energie-versorgung tauge und meint wohl „Igniscum“, eine spezielle Züch-tung des Sachalin-Knöterichs, die schnell wächst, wenig Pflege braucht und dessen Trockenmas-se einen guten Brennwert hat. Auf einem ein Hektar großen Ver-suchsfeld wurde die Pflanze vor fünf Jahren in der Hallertau das erste Mal angebaut und soll als Ersatz für Holz dienen.

Ganz verleugnen kann Rudi Salz-mann halt nicht, dass er in sei-ner Jugend Landwirt war, bevor er Landmaschinenmechaniker

lernte und über diesen Beruf zu MBB in Manching kam, eine Fir-ma, die er mit der gleichen Selbst-verständlichkeit „Messerschmitt“ nett wie alte Audianer noch heute „Union“ sagen.

Als Hydraulikspezialist arbeitete der heute 65-Jährige in der Flu-gerprobung, war in Norddeutsch-land ebenso wie in England oder auf Sardinien. „Eine Ausbildung zum Flugzeugmechaniker gab es damals nicht“, erzählt er, „und ich hab mich mit Hydraulik bestens ausgekannt.“

Als er 45 Jahre alt war, ging die-ses Leben für Rudi Salzmann al-lerdings zu Ende. Im Zuge eines generellen Stellenabbaus hat man ihm eine satte Abfindung an-geboten, für die er „über drei Jah-re lang hätte arbeiten müssen“. „Schulden hamma koane ghabt“, so der gebürtige Theißinger. Und da seine Frau als Lehrerin einen sicheren Job hatte, hat er sich entschlossen, das Angebot an-zunehmen und auf diesem Wege zurückzukehren zu seinen Wur-zeln, zurück in die Landwirtschaft, wenn auch eine kleine, eben groß genug für eine Familie. „Ich hab das keine Sekunde bereut“, schmunzelt er und erzählt so ne-benbei von den vielen schweren Unfällen, die er in seinem Leben schon überstanden hat. Als er fünf

Die Schweiz in NiederfeldWie der Salzmann Rudi zum Alphorn spielen kam

„Ich hab jedes Lied spielen kön-nen, ohne dass i was druck“

Rudi Salzmann

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Jahre alt war, habe er seinen er-sten Schädelbruch gehabt. „Und da nach is halt so weiterganga.“ Und meint damit einen schwe-ren Autounfall, den er nur knapp überlebt hat, einen mit dem Mo-torrad und auch einen beim Ski-fahren, bei dem die „Knocha hint naus gschaut“ haben. „Wehleidig derfts da ned sei“, lacht er.

Und noch eine Leidenschaft hat Rudi Salzmann nach seinem frü-hen Ausscheiden aus dem Beruf wiederentdeckt. „I war ja von Haus aus immer schon ein Musiker“, erinnert er sich, er, der Trompe-te ebenso spielt wie Gitarre oder Kontrabass. Instrumente, die zu spielen er sich entweder selbst beigebracht oder bei Freunden erlernt hat.

Obschon er Trompete seit seiner Jugend spielt, gilt seine eigent-liche Liebe der Gitarre, mit der er schon mal Hans Albers oder Fred-dy Quinn imitiert und auf der er beinahe jeden Tag herum zupft.

Und dennoch thront in seinem Schlafzimmer ein ganz anderes Instrument. Auf das stieß er eines Tages beim Skifahren in Öster-reich. „Da hab ich a Sendung im Dritten ang’schaut, ,Unser Land’. Und da hams an Bauern gezeigt, einen Josef Wagner aus dem All-gäu, wia der mit’m Sackl in Wald naus geht und sich die Bäume aussucht, um Alphörner zu bau-

en.“ Das hat den Rudi Salzmann derart fasziniert, dass er damals spontan gesagt hat: „So a Ma-schin kauf ich mir auch noch.“

Das war vor fünf Jahren. Ein paar Monate vor seinem Sechzigsten. Als die Geburtstagsfeier auf dem eigenen Hof anstand, hatte er das Alphorn längst wieder verges-

sen, als seine Freunde plötzlich mit einer zwei Meter langen Kiste auftauchten. „Zuerst hab ich ge-dacht, die wolln mi scho fürs Ster-ben herrichten. Und dann hab i des Alphorn gfunden.“

Noch am gleichen Abend hat er das gut drei Meter lange Instru-ment zusammengesteckt und ge-spielt. „Ich hatte ja keine Ahnung, wie man das spielt“, erinnert er sich, aber das habe ganz gut funktioniert. „Des hat fast passt. Ich hab jedes Lied spielen kön-nen, ohne dass i was druck“, was ihn als Trompeter ordentlich ver-wundert hat.

Und nun steht er da in seinem Garten, der Salzmann Rudi, und spielt den Hühnern und Enten etwas vor. Und kann froh sein,

dass seine Freunde sich beim Geburtstagsgeschenk für ein ver-trägliches Modell entschieden ha-ben, das eine handsame Länge aufweist. Denn dieses Schweizer Nationalinstrument gibt es auch länger, weit länger.

Das längste spielbare Alphorn ist 14 Meter lang, das längste über-haupt bringt es auf stolze 45 Me-ter. Und diese Kaliber sind dann je nach Landschaft fünf bis zehn Kilometer weit zu hören.

Das könnte andererseits ein Pro-blem lösen, dass der Salzmann Rudi mit seinem extravaganten Instrument hat. „Alleine spie-len macht keinen Spaß“, weiß er, der schon mehrfach mit Lei-densgenossen in Bayern und der Schweiz gespielt hat. Deswegen nimmt er das hölzerne Rohr auch zunehmend seltener in die Hand. „Seng tu i’s jeden Tag, weil’s im meinem Schlafzimmer steht. Aber spuin tua i nimma so oft.“

Er würde halt gern zusammen mit anderen spielen, im Chor. In In-golstadt und Umgebung dürften Alphornbläser jedoch eher Man-gelware sein. Wer weiß, vielleicht klappt es ja doch noch. Und wenn nicht, dann muss der Salzmann Rudi dereinst das Instrument eben mitnehmen in den „Musiker-himmel“, von dem sein Freund, der Biswagner Wastl sagt, dass es ihn gibt. (msc)

„Zuerst hab ich gedacht, die wolln mi scho fürs Sterben herrichten. Und dann hab i des Alphorn gfunden.“

Rudi Salzmann

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(ca) Es gibt Tage im Leben, die vergisst man nie mehr. Für den Judoka Udo Quellmalz war es der 25. Juli 1996. Mit einem Lächeln erinnert sich der ehemalige aktive Judokämpfer des MTV Ingolstadt an die bangen Sekunden des Fi-nales in der Gewichtsklasse bis 66 Kilogramm der Olympischen Spiele in Atlanta zurück. Nach einem packenden Kampf hatten er und sein Konkurrent Yukimasa Nakamura aus Japan eine große Wertung bekommen, weswegen die drei Hauptrichter den Sieger bestimmen mussten.

„In diesen Bruchteilen von Sekun-den geht man den Kampf noch mal durch. Man hat die subjektive Empfindung, wie es war. Ich hat-te schon gehofft, dass die letzten Aktionen den Ausschlag geben, da der Japaner am Anfang stärker war“, erinnert sich Udo Quellmalz an die Bekanntgabe des Urteils.

Diese wenigen Sekunden vor der Entscheidung waren für ihn ein Drama: „Ich schaute zum ersten Außenrichter. Der entschied für den Japaner. Der Blick wanderte zum nächsten. Der stimmte für mich. Und schließlich stimmte

der Richter in der Mitte auch für mich. Knapper hätte es nicht sein können. Einfach geil, ein unglaub-liches Gefühl.“

Was folgte, ist Sportgeschichte. Überwältigt vom Sieg sank der Judoka auf die Knie. Aber erst bei der Siegerehrung ging ihm al-les durch den Kopf. „Ich hatte an meine Freundin gedacht und die Quälerei, die man vor so einem Sieg durchleiden muss“, verrät der 45-jährige Sportler später in einem TV-Interview.

Schon vor den Olympischen Spie-len erlebte der Judoka eine emo-tionale Achterbahnfahrt. Ein Jahr davor war er Weltmeister gewor-den. Die nächsten Monate waren geprägt von Verletzungen und zahlreichen sportlichen Krisen. „Damals war ich 29 Jahre. Ein Al-ter, in dem man im Leistungssport nicht mehr jung ist. Ich dachte ans Aufhören, habe es aber überwun-den“, resümiert der Kampfsport-ler.

Hinter Quellmalz liegt eine turbu-lente Karriere voller Höhen und Tiefen. Schon der Einstieg war alles andere als gewöhnlich. „Ich

habe mit sieben Jahren angefan-gen. Es gab damals einen Film mit dem Titel ,Ich werde es euch zeigen’. Es ging um einen klein gewachsenen Judoka. Ich war da-mals auch sehr klein. Das muss wohl eine Inspiration gewesen sein“, sagt Udo Quellmalz. Was folgte, war der harte Weg an die Spitze. Mit 14 Jahren ging der „ri-gorose Prozess der Sichtung und Auswahl“ in der Kaderschmiede in Leipzig los. „Ich habe damals diesen großen Schritt geschafft. Das harte Training dort war die Grundlage dafür, dass ich später in vielen schwierigen Situationen weiter gemacht habe“, erinnert sich der Judoka.

Danach konnte Udo Quellmalz – den erfolgreichsten deutschen Ju-dokämpfer – keiner mehr stoppen. Nach zwei Deutschen Meisterti-teln in der DDR für den SC Leip-zig und einem dritten Platz bei den Europameisterschaften im Jahr 1988 folgte im gleichen Jahr die erste Nominierung für die Olym-pischen Spiele in Seoul. „Ich war 21 Jahre alt und es war schon ein Erfolg, überhaupt dabei zu sein. Den ersten Kampf hatte ich gleich gewonnen und im zweiten Kampf

„Einfach geil, ein unglaubliches Gefühl“Bei den Olympischen Spielen 1996 holte Udo Quellmalz eine Gold-medaille nach Ingolstadt

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ging es gegen den amtierenden Weltmeister Hitoshi Saito. Den habe ich verloren. Und das war es dann für mich. Es war trotzdem ein Riesenerfolg“, so Quellmalz.

Diese Niederlage und die damit verbundenen Probleme mit der Staatsführung der DDR konnten den aufstrebenden Leistungs-sportler aber nicht stoppen. Be-reits im folgenden Jahr holte er die Vizeweltmeisterschaft.

Sofort nach dem Mauerfall zog er aus Leipzig ins tiefste Bayern, nach Abensberg. Nur ein Jahr später holte der TSV Abensberg seinen ersten Meistertitel. Es war der Beginn einer Dominanz im Ju-dosport über Jahre hinweg. In den folgenden Jahren holte der Klub 15 Deutsche Meisterschaften und fünf Europacupsiege mit späteren Olympiasiegern wie Ole Bischof.

Doch trotz des sportlichen Erfolgs sollte es eine Stippvisite bleiben. Denn nur ein Jahr später wechsel-te Udo Quellmalz nach Ingolstadt. „Ende 1991 bin ich nach Ingol-stadt gegangen und hier hängen geblieben.“ Ein Schachzug, der sich auszeichnen sollte. Durch den Wechsel zum MTV konnte er in einer höheren Klasse kämp-fen, weswegen er auch internatio-nal durchstarten konnte. Noch im gleichen Jahr holte er in Barcelo-na den WM-Titel.

Wenige Monate später war er schon wieder in Barcelona, bei den Olympischen Spielen 1992. Ein

kleiner Fehler kostete den Top-Fa-voriten allerdings die Chance auf den Finaleinzug. Trotzdem reichte es noch für Bronze. „Die Olympia- medaille war für mich ein Traum, der in Barcelona in Erfüllung ging“, erinnert sich der Olympiasieger. Was folgte, war ein weiterer WM-Titel im Jahr 1995, bevor er 1996 seinen größten Triumph feiern konnte.

Nach dem Wirbel um ihn nach der Goldmedaille wurde es ruhig um den Athleten. „Wenn man nicht regelmäßig in den Medien auf-taucht, dann es ist relativ schnell wieder vorbei. Ich bin auch nicht so mediengeil “, so Udo Quell-malz, „ich freue mich, dass ich ein ruhiges Leben führen kann und nicht wie ein Superstar andauernd Autogramme geben muss.“

Und die Lücke nach dem Ende seiner aktiven Karriere sollte bald wieder gefüllt werden, wobei der Zufall ordentlich mithalf. „Wenn man in einem Sport soviel Erfah-rung hat, bleiben die Angebote nicht aus. Es war aber nie mein Plan, nach Großbritannien zu wechseln. Aber ich hatte ein recht gutes Angebot als Nationaltrainer und Sportdirektor. Ich musste lan-ge überlegen, da ich wirklich sehr gerne an der Wirtschaftsschule Ingolstadt und Trainer beim MTV war“, erinnert sich der derzeitige Nationaltrainer Österreichs. Er hat sich die Entscheidung da-mals nicht leicht gemacht. „Letzt-lich aber war mir klar, dass ich

so eine Chance nicht mehr so oft bekommen würde“, betont er. Am Anfang sei es nicht einfach gewe-sen. „Es war ja nicht so, dass man als Deutscher in England mit Hur-ra und Freudenstürmen empfan-gen wurde.“ Immerhin verbrachte er dann doch sechs Jahre auf der Insel.

„Witzigerweise war ich seit dieser Zeit nie mehr in Großbritannien“, meint Quellmalz, der erst jetzt wieder zu den Olympischen Spie-len auf die Insel zurückkehrt und „nach den Spielen noch einige Bekannte treffen will“. Seit 2006 ist er Trainer der österreichischen Judo-Nationalmannschaft und führte vor vier Jahren in Peking Ludwig Paischer zum Olympiasil-ber.

Auch in diesem Jahr will er wie-der einen seiner drei Schützlinge Ludwig Paischer, Sabrina Filz-moser und Hilde Drexler zu olym-pischen Ehren führen. „Ich wäre sehr froh, wenn wir eine Medaille ergattern könnten. Realistisch ist es auf jeden Fall“, meint der Er-folgstrainer. Aber: „Es ist schon eine große Nervenanspannung. Die Frage ist, was man machen kann, welche Tipps man geben kann. Als guter Trainer musst du wissen, wie deine Sportler ticken. Im Vorfeld eines Turniers kann al-les perfekt laufen. Und man weiß trotzdem nicht, wie es im Wett-kampf läuft“, so Udo Quellmalz. Gerne würde er noch einmal eine olympische Goldmedaille mitneh-men. Diesmal eben als Trainer.

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Der eiserne AlbertVom Oberstleutnant zum Bürgermeister: zum 60. Geburstag von Albert Wittmann

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Die Spuren, die Peter Schnell in In-golstadt hinterlassen hat, wird man wohl noch in Generationen vorfin-den. Und die Zahl derer, die seinet-wegen ihr Glück in der CSU gesucht haben, ist in der Tat bemerkenswert. „Er war damals ein junger, dyna-mischer Mann und hat uns tief beein-druckt“, erinnert sich Albert Wittmann an den beliebten Oberbürgermeister. Und so trägt auch seine Karriere in der CSU das Wasserzeichen von Peter Schnell. Dabei hat Wittmann, der gerade 60 Jahre alt geworden ist, selbst ein paar deutliche Spuren auf der Schanz hinterlassen.

Auch wenn er kein richtiger Schan-zer ist, wie zumindest Brigitte Fuchs meint. Denn wer wie er in der Maul-Klinik und damit außerhalb der Stadt-mauern geboren worden ist, könne dieses Recht für sich nicht in An-spruch nehmen. Bis zum Jahre 1972 könnte sie sogar Recht haben. Denn in diesem Jahr wurde Etting, Albert Wittmanns Heimatort, im Zuge der Gebietsreform erst nach Ingolstadt eingemeindet. „Damals durfte ich auch das erste Mal zur Wahl gehen“, erinnert er sich. Und auch daran, dass eben jener junge Peter Schnell in Etting überaus populär gewesen war. „In Etting gab es eine klare An-sage, dass dieser Peter Schnell, der als Junge oft im Dorf und deswegen dort auch bestens bekannt war, ge-wählt werden sollte.“

So ging Albert Wittmann denn brav zur Wahl und entschied sich gemäß der Ettinger Dorfdisziplin für den CSU-Kandidaten und auch dazu, der CSU beizutreten. „Das war alles an-

dere als klar“, meint Wittmann, „in un-serer Verwandtschaft gab es sowohl SPDler als auch CSUler. Ich habe mir damals beide Parteiprogramme durchgelesen. Und wenn ich ehr-lich bin, durchschaut habe ich beide nicht.“ Letztlich also gab die Sympa-thie für Peter Schnell den Ausschlag für seinen CSU-Beitritt. Obschon die SPD zu jener Zeit wesentlich größer und dominanter gewesen sei in Et-ting. „Wir haben die damals wirklich beneidet“, erzählt der frischgebacke-ne 60-Jährige, nicht allerdings ohne die süffisante Bemerkung nachzu-schieben: „Das ist heute anders.“

Die SPD habe den Rückwärtsgang eingelegt, was Wittmann jedoch be-dauere. „Ein gewisser Teil der Ent-wicklung Ettings ist der SPD zuzu-schreiben und es gibt durchaus auch SPD-Politiker, die etwas voran ge-bracht haben, so ist es nicht“, klingt das in dem ihm eigenen Tonfall, der es dem Zuhörer nicht immer leicht macht, zwischen Ernst und Scherz zu unterscheiden. Aber in Bayern und zumal in der Kommunalpolitik sei das ohnehin nicht so streng mit der Parteizugehörigkeit. „In der Kom-munalpolitik hängt die Zusammenar-beit nicht von der Parteizugehörigkeit ab, sondern zu 90 Prozent von den handelnden Personen“, konsta-tiert Wittmann, der im Rathaus und im Stadtrat als der Mann mit der ei-sernen Disziplin gilt, als der mit der perfekten militärischen Organisation und Präzision.

Lange genug war er ja auch Soldat. Dabei dachte der kleine Albert ei-gentlich zunächst, er würde wie sein

Vater den Hammer schwingen und als Spengler und Schmied seinen Lebensunterhalt verdienen. „Ich bin im elterlichen Betrieb groß geworden und durfte als Kleiner schon ab und zu mithelfen. Für mich war es als Bub mit fünf Jahren schon wichtig, dass ich einen Hammer in der Hand halte konnte.“

Und so dachte er sich auch den Rest seines Lebens. „Ich habe geglaubt, ich kann einmal genauso weiterma-chen wie mein Vater, als Schlosser und Schmied. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie bei uns die letzten Pferde beschlagen worden sind.“

Für ihn war der Berufswunsch also klar umrissen. Bis seine Eltern sich entschlossen hatten, den kleinen Albert nach Rebdorf ins Internat zu schicken, in die damalige Knabenre-alschule.

„Das war eine halbe Weltreise für mich. Wir duften auch nur alle zwei Wochen für eineinhalb Tage nach Hause, von Samstag Mittag bis Sonntag Nachmittag. Und alle vier Wochen durften wir für drei Stunden besucht werden. Das war alles ziem-lich streng reguliert“, erinnert sich Wittmann an die erste Zeit in seinem jungen Leben, in der er mit eiserner Disziplin und Gehorsam konfrontiert worden war.

Nach seinem Realschul-Abschluss ist er zwar doch noch in den elter-lichen Betrieb eingestiegen und hat eine Lehre als Landmaschinenme-chaniker absolviert. „Ich wollte da-

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mals nach der Schule einfach prak-tisch arbeiten.“ Aber um den Betrieb auch zu übernehmen, dazu war sein Vater noch viel zu jung.

Und so führte sein weiterer Lebens-weg über einen Jagdkameraden seines Vaters, Kommandeur der Instandsetzungseinheit der Bun-deswehr, zum Dienst am Vaterland. „Dieser Jagdkamerad meines Va-ters hatte bei der Bundeswehr Ma-schinenbau studiert. Und als bei mir die Wehrpflicht anstand, fragte mich mein Vater, ob mich das nicht auch interessieren würde.“ Also ging Witt-mann zur Bundeswehr, erst für drei Jahre, dann für zwölf, dann wurden 15 daraus samt Maschinenbaustudi-um. Und schließlich verdingte er sich als Berufssoldat, zunächst als tech-nischer Offizier im Gebirgsjägerba-taillon in Mittenwald, ab 1985 dann bei den Pionieren in Ingolstadt. Mit längeren Auslandseinsätzen in So-malia und im Kosovo.

Sein Ehrenamt im Stadtrat, dem Witt-mann seit 1990 angehört, hat ihm je-doch weitere Versetzungen erspart. Denn damals durfte kein Soldat der Bundeswehr gegen seinen Willen versetzt werden, wenn er ein kom-munales Ehrenamt innehatte. „Das hatte für mich natürlich berufliche Nachteile, was die Karriere in der Bundeswehr betrifft. Aber die habe ich gerne in Kauf genommen.“ Und: „Das war schon auch ein gutes Stück Lebensqualität, wenn man nicht dau-ernd umziehen muss.“

Auch was die Familie betrifft. Albert Wittmann und seine Frau Irmgard

hatten zu diesem Zeitpunkt bereits ihre drei Kinder, zwei Töchter und ei-nen Sohn. Heute sind seine Kinder 33, 32 und 19 Jahre alt. Alle drei sind in Ingolstadt geboren. Nur die Frau stammt aus Gaimersheim. „Das wa-ren noch andere Zeiten. Damals war der Kreis, in dem man sich umgese-hen hat, nicht so groß. Man hat halt die Nachbarortschaften abgeklap-pert“, erläutert er lächelnd, wie die Brautschau bei ihm gelaufen ist.

Nach 30 Jahren in Uniform wurde Oberstleutnant Albert Wittmann am 1. August 2002 schließlich hauptbe-ruflicher Bürgermeister von Ingol-stadt. Zuständig für die Finanzen der Stadt. „Ich habe das Erbe von Hans Amler als Finanzbürgermeister an-getreten. Hätte es damals geheißen, du wirst jetzt Baubürgermeister, dann hätte ich mich da eingearbeitet.“In zehn Jahren als Bürgermeister habe er auch sehr schwere Jahre er-lebt, 2003 bis 2006 beispielsweise, zumindest was die Einnahmesitu-ation betreffe. „Wenn man gewisse Dinge nur noch über Schulden fi-nanzieren kann, ist das schon be-lastend. Zumindest für mich. Heute ist es wesentlich leichter, weil wir alles, was notwendig ist, finanzieren können. Die zusätzliche Belastung heute ist eher die, dass alle meinen, wir schwimmen im Geld und können alles machen.“ Da allerdings schlägt Albert Wittmanns Disziplin und Ge-wissenhaftigkeit unbarmherzig durch. „Wir müssen mit den durch-schnittlichen Einnahmen auskom-men. Denn es wird auch wieder Jah-re geben, in denen die Einnahmen unterdurchschnittlich sein werden.“

Aber vielleicht kommen die ja auch erst, wenn Albert Wittmann längst nicht mehr im Amt ist. „Ich möchte nicht mit 70 Jahren noch im Rathaus sitzen. Aber ich will auch nicht sagen, das sind jetzt meine letzten Jahre in der Politik. Ich verspüre keinerlei Amtsmüdigkeit und die Arbeit berei-tet mir nach wie vor viel Freude. Die 22 Jahre im Stadtrat haben mein Le-ben sehr bereichert.“

Deswegen würde Albert Wittmann, wenn er denn noch einmal von vor-ne beginnen könnte, nichts anders machen, bis auf ein paar Fehler, die er nicht mehr machen würde. „In groben Zügen würde ich mein Le-ben wieder so gestalten wie es war. Ich habe auch die 30 Jahre bei der Bundeswehr nie bereut. Es schadet nicht, wenn man mal selber seine Stiefel putzt“, schmunzelt er und ist überzeugt, dass Disziplin und Ge-horsam, Tugenden, die man nach so vielen Jahren bei der Bundeswehr sicherlich verinnerlicht hat, auch im politischen Leben nicht unbedingt schaden.

„Es ist nicht so, dass du bei der CSU Karriere machst, wenn du bei der Bundeswehr warst“, weiß Wittmann, „aber vielleicht ist eine gewisse mi-litärische Durchdringung der Par-tei schon alleine deswegen nicht schlecht, weil Ingolstadt ein traditi-onsreicher Garnisonsstandort ist.“ Paramilitärisch organisiert sei die CSU in Ingolstadt deswegen noch lange nicht. „Es stimmt nicht, dass wir eine eiserne Fraktionsdisziplin haben, aus der keiner ausbrechen könnte. Wir haben bei der CSU einen

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Grundsatz. Und der lautet, dass wir Themen zwar durchaus kontrovers diskutieren. Aber wenn man mehr-heitlich eine Lösung gefunden hat, dann tragen die anderen das mit, soweit sie nicht persönlich ein Pro-blem damit haben.“ Fraktionsdiszi-plin sei also sicherlich vorhanden, ein Fraktionszwang jedoch nicht.

Lachen muss Albert Wittmann auf die wohl schon oft gehörte Frage, ob er vielleicht doch noch mal Ober-bürgermeister werden wolle. „Nein, das war nie mein Ziel und das ha-be ich auch immer schon ausge-schlossen.“ Alfred Lehmann habe ihm sogar, als das Gerücht wieder einmal durch die Stadt ging, gesagt: „Wenn du Oberbürgermeister wer-den willst, würde ich Dich unterstüt-zen.“ Das aber komme für ihn nicht in Frage.

Zumal er sich für die Zeit danach schon viel vorgenommen hat. „Da wird es mir mit Sicherheit nicht langweilig.“ Wesentlich mehr Sport wolle er machen, Ski fahren, mit dem Mountainbike durch die Ber-ge touren, joggen, schwimmen. „Vielleicht fange ich sogar mal mit dem Golfen an“, meint der seit Ju-gendjahren begeisterte Reiter.

Das Schönste aber bleibt es für Albert Wittmann, „wenn ich im Sommer bei schönem Wetter früh um sechs Uhr hinaus in den Wald gehen kann. Das bedeutet für mich, die Seele baumeln zu lassen. Wenn man solche Ventile hat, dann kann man auch Stress abbauen.“ (msc)

Fotos: Schmatloch

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Lebenslinien im August 2012

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Man nehme: die Weltstädte Madrid, Paris und Amsterdam, dazu drei hochbegabte Musiker und fertig ist die internationale Jazzcombo. Aber hoppla. Da fehlt doch noch... ge-nau. Ingolstadt. Ist vielleicht nicht die Musikhauptstadt Europas, aber in diesem ganz speziellen Fall doch sehr wichtig für die Entstehung des „Trio Luna“: Es setzt sich aus Luzia Molina aus Madrid, Vladimir Medail aus Paris und Bernhard Hollinger aus Ingolstadt zusammen und tourt gerade hierzulande durch die Regi-on. Kennengelernt haben sich die drei allerdings in Amsterdam, dem musikalischen Melting Pot. Dort studiert Bernhard Hollinger am Konservatorium, in einem Jahr wird er seinen „Bachelor Fine Art of Mu-sic“ in der Tasche haben: „Das Ab-schlusskonzert wird geil, das weiß ich jetzt schon!“ Wer ihn an seinem E-Bass einmal gesehen hat, der zweifelt nicht daran. Wenn Bern-hard Hollinger spielt, dann fühlt er jeden Ton, begeistert sich für jede Note. Der junge Mann lebt Musik. In seiner Heimat haben ihm das nur die wenigsten zugetraut.

Aufgewachsen in Wolkertsho-fen sollte der Bub „erstmal was G´scheits“ lernen und machte nach seiner Schulzeit in der Knabenre-alschule Rebdorf (in Eichstätt) zu-nächst eine Banklehre. Über die Berufs-oberschule erledigte er

danach das Kapitel „Abitur“, um endlich seinen Traum vom Musik-studium verwirklichen zu können. Die Musik war schließlich schon immer sein Begleiter: Mit dem Gi-tarrenunterricht begann er in der 3. Klasse, später wechselte er zum E-Bass und nahm Stunden in der Ettinger Musikschule, wo die Be-geisterung für den Jazz geweckt wurde. Nebenbei gehörte schon für den Teenager Hollinger das Komponieren eigener Werke zur Freizeitgestaltung. Diese Kreativi-tät und die Freude am Experimen-tieren, am Entdecken und Auspro-bieren zeichnen den Musiker, der 2009 den Jazzförderpreis der Stadt Ingolstadt bekommen hatte, aus.

Neben dem „Trio Luna“ gehört er unter anderem auch den „Sidekick Ninjas“ an, einer Band, die sich ebenfalls in Amsterdam gegründet hat und mit seiner „Bernhard Hollin-ger Group“ ist er außerdem wieder auf Tour, gegen Jahresende wird er in ganz Bayern zu hören und zu erleben sein.

„Du bist einer der besten Musi-ker aus Ingolstadt, aber die Leute wissen es nicht!“ Diesen Satz hat Bernhard Hollinger in den vergan-genen Tagen immer wieder gehört seitdem er auf „Heimaturlaub“ ist. „Ich bekomme derzeit viel positives Feedback aus Ingolstadt“, freut

sich der 25-Jährige. So richtig ins Schwärmen gerät er aber, wenn man ihn auf eine ganz andere Stadt anspricht: New Orleans! Ein halbes Jahr hat er gerade in der Geburts-stadt des Jazz verbracht („Ich ha-be das Auslandssemester selbst

auf die Beine gestellt“) und dabei so viel Musik „aufgesaugt“ wie nie: „New Orleans ist ein magischer Ort, jeder spielt Musik, jeder hört Musik, jeder wächst damit auf.“ Dass selbst der letzte Weg in New Orleans ein musikalischer Weg ist, versteht sich von selbst: „Es kommt durchaus vor, dass bei einer Beer-digung eine Band Hot Jazz spielt und die Leute bei der Beerdigung tanzen.“

Ein Live-Konzert mit George Clin-ton und dessen Band „The Parlia-ment“ in New Orleans hat ihn be-sonders beeindruckt: „Es war die ultimative Funk Party, einfach un-glaublich. Quentin Tarantino und Samuel L. Jackson waren auch da.“ Seine Dozenten am Loyola College – wie etwa James Single-ton und Larry Sieberth – erlebte er live bei Dutzenden von Auftritten in den Bars und Kneipen der Stadt und auch die Rebirth Brass Band

Der Mann am BassBernhard Hollinger tourt mit seiner Band durch die Region

„Ich bekomme viel positives Feedback.“

Bernhard Hollinger

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hat bei dem Bassisten Hollinger ih-re Spuren hinterlassen: „Ich habe deswegen angefangen Sousaphon zu spielen.“ In die Zeit seines New Orleans Aufenthalts fiel auch der berühmte „Mardi Gras“, der „fet-te Dienstag“, der dem Faschings-dienstag entspricht. Doch die Fa-schingsumzüge in New Orleans sind mit denen in Düsseldorf oder Köln kaum zu vergleichen – an-stelle von Kamellen werden schon mal künstlerisch verzierte Schuhe unters Volk geworfen, das beim Kampf um die begehrten Trophäen durchaus handgreiflich wird. Bern-hard Hollinger hat diese Lektion je-denfalls gelernt und durfte außer-dem auf einem der spektakulären Umzugs-Wagen selbst mitfahren. Er sei in New Orleans vom ersten Tag an äußerst herzlich empfan-gen worden, erinnert sich der Mu-siker.

Inzwischen ist sein „Erst-Wohnsitz“ wieder in Amsterdam (übrigens mit-ten im Rotlichtbereich). Im Gepäck hatte er nach seiner „USA Expe-rience“, die einige Abstecher und Road-Trips quer durch die Staaten beinhaltete, unzählige wertvolle Eindrücke. „Jede Stadt hat hier ihren musikalischen Stil. In New Orleans ist der traditionelle Jazz zu Hause, in Memphis sind es die Countrymusic und auch der Soul, in Austin wird ehrlicher Rock gespielt und in New York moderner Jazz. In Europa kennt man das nicht so.“ Wie sehr diese Menge an „Input“ Bernhard Hollinger beeinflusst hat, merkt er erst jetzt: „Ich bin voller Ideen. Ich bin gerade dabei, meine

erste Schallplatte mit der Bernhard Hollinger Group zu produzieren, darauf werden zwei eigene Songs zu hören sein, einer wurde in In-golstadt und einer in New Orleans gemischt.“ Und weil er die Gruppe mit Farben verbindet, soll die Plat-te in blauem, schwarzem, weißem und grauem Vinyl veröffentlicht werden. Der limitierten Edition von 500 Stück werden dann Down-load Codes beigelegt, um sich die Songs auch als mp3 auf mobile Geräte überspielen zu können.

Und weil ihm das Komponieren, Musizieren und Konzeptionieren noch nicht reicht, plant der 25-Jäh-rige auch die Veröffentlichung von eigenen Gedichten. Es ist jede Menge los – im kreativen Kopf des

Musikers. Und doch: Eine kleine Pause wird er sich demnächst gön-nen. „Ich werde im August zehn Tage in absoluter Stille verbrin-gen, um all die Eindrücke erst ein-mal ordnen zu können.“ Man darf gespannt sein, was diese Stille an neuen Tönen hervorbringen wird. (ma)

Fotos: oh

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In „Rigoletto“ stirbt sie als Gilda eine tragischen Tod, in „La Travi-ata“ leidet sie als Violetta bis zum bitteren Ende an Lungentuberku-lose und in „La Bohème“ ergeht es ihr als Mimi auch nicht besser. Auf unterschiedlichste Art und Weise ist die Sopranistin Lauren Francis bereits dahingeschieden, verlas-sen und enttäuscht worden, hat sich mitunter selbst ins Jenseits befördert oder auch andere. Wie sich all diese Tragik wohl auf die Person auswirkt, die diese traurig bis blutrünstigen Partien singt? Bei Lauren Francis hatten die un-zähligen Bühnentode jedenfalls keine negative Auswirkung. Im wahren Leben ist die Waliserin, die inzwischen in Ingolstadt zu Hause ist, nämlich die personifi-zierte Lebensfreude: quirlig, hu-morvoll, sympathisch und irgend-wie „unstoppable“.

Das gilt auch, wenn sie von Ingol-stadt schwärmt: „Ingolstadt, i love it“, sprudelt es aus der Sopranistin heraus. „Die Stadt hat alles. Tol-le Cafés, Restaurants, die Men-schen sind sehr gut drauf, es gibt den Auwald- und den Baggersee, das Theater, Konzerte, Shopping, alles da und doch überschaubar. Außerdem habe ich tolle Nach-barn. Ich hatte gerade erst einen Alptraum, dass ich wegziehen müsste.“

Das sagt eine Frau, die viele Jah-re in London gelebt hat, um dort an der Guildhall School of Music & Drama und am Royal College of Music ihre Gesangsausbildung zu absolvieren. Über die British Youth Opera führte sie der Be-ruf nach Deutschland, wo sie an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf und im Stadttheater Freiburg die „Königin der Nacht“ in der Zauberflöte sang. 2008 glänzte sie in dieser Rolle auch an der Welsh National Opera.

Im selben Jahr hat sie in Neuburg mit ihrem Ehemann Franz Garlik die „Junge Oper Neuburg“ ins Le-ben gerufen, ein Projekt, das Ju-gendliche und Laien für die Oper begeistern soll. Ihren Mann hat sie in der Kantine der Hochschule in Mannheim getroffen: „Ich hatte ihn sofort im Auge, er war einer schönsten. Und ich habe festge-stellt, dass wir Seelenverwandte sind“, erinnert sich Lauren Fran-cis an diese Zeit der „Geheimhal-tung“. Dass jemand aus der Jazz- abteilung (Garlik) mit jemandem aus der Klassikabteilung (Fran-cis) eine Beziehung einging, war nämlich eigentlich ein Unding.

Aber Grenzen zu überschreiten, das macht der Sängerin, die auf vielen Opernbühnen der Welt zu hören ist und von der Kritik hoch

gelobt wird, schlichtweg Spaß. Die Liebe zur Klassik hindert sie beispielsweise nicht daran, das ernsthafte Fach („in Deutschland wird man immer gleich in eine Fachrichtung gesteckt“) zu verlas-sen, um in das angeblich weniger ernsthafte Musicalfach zu wech-seln. Oder mit Jürgen Drews, dem „König von Mallorca“, ein Duett aufzunehmen.

Für seine zweite Ehefrau Ramo-na hatte Schlagerstar Drews sein Lied „Wir mieten Venedig für eine Nacht“ geschrieben. Jetzt, im Jahr 2012, ist es in einer Neuaufnahme erschienen – als Duett mit Lauren Francis. Durch einen glücklichen Zufall kam das Management von „Onkel Jürgen“ auf die Sopranistin zu, die Chemie stimmte sofort – kein Wunder, bei der Frohnatur – und schon waren die Aufnahmen im Tonstudio im Kasten.

Anspruchslos sei der Song dabei keineswegs, erklärt Lauren Fran-cis: „Ich singe meinen Part als Opernsängerin, das Lied geht bis hinauf zum hohen Cis.“ Beim Ge-danken an den großen Live-auf-tritt mit Jürgen Drews wird ihr aber schon ein bisschen mulmig: „Ich werde die Nervosität in positive Aufregung umwandeln.“ Mehrere Millionen Menschen werden ihr bei diesem „Umwandlungsvorgang“

Verliebt in IngolstadtLauren Francis ist auf den Opernbühnen der Welt zuhause

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zusehen, denn Lauren Francis ist mit dem Duett und „Onkel Jürgen“ am 1. September in der Samstag-abendshow von Carmen Nebel zu Gast. Die TV Moderatorin wird von ihr übrigens hoch geschätzt. Sie spreche ein hervorragendes Englisch, meint die Waliserin und fügt hinzu: „Ich würde auch gern einmal wie Carmen Nebel ,Hallo Deutschland’ sagen.“

Am Tag nach dem großen Auftritt können die Ingolstädter Lauren Francis live und in Farbe erleben. Sie gastiert zusammen mit ihrem Mann Franz Garlik am 2. Septem-ber im Barocksaal des Stadtmu-seums. Dann mit einem Operet-ten- und Musical-Programm (Be-ginn ist um 19 Uhr). „Ich wohne eigentlich zehn Minuten vom Ba-rocksaal entfernt und jetzt reise ich von Berlin an.“

Oper, Operette, Musical, Schlager – das alles schließt sich für Lauren Francis nicht aus. Und noch eine Musikrichtung hat es ihr angetan: Heavy Metal. Würde man bei einer Opernsängerin nicht unbedingt vermuten. „Ich war bei Monsters of Rock in Castle Donington und Ronnie James Dio hat auf mich gezeigt, als er mich im Publikum entdeckt hat.“ Genauso begeistert klingt die Waliserin, wenn es um Sport und eine ganz besondere Art des Yoga geht. Vom besinnlichem Gruppenkuscheln hält die Po-werfau jedenfalls nichts. Ihr Herz schlägt – vermutlich recht schnell – für eine besondere Art des Yoga. Und das deswegen, weil sie ein

Fan des Wrestlers Diamond Dallas Page ist. Der US-Amerikaner hat inzwischen den Status eines ech-ten Fitness-Gurus, nachdem er ein Yoga-Programm für echte Kerle entwickelt hat und sein Übungs-programm ist für Lauren Francis das ideale Training. Schließlich ist eine mehrstündige Oper im-mer auch ein echter Kraftakt. Beobachtet wird sie bei ihren Übungen mitunter von der inzwi-schen 12-jährigen Pudeldame Tosca, die sie überall hin mit-nimmt. auch in die Künstlergarde-robe. Hier hat sich Tosca schon mal mit einem Jack Russel na-mens Wotan angefreundet, so ist das eben im Showbiz.

Dass Lauren Francis einmal in Verdi- oder Pucciniopern auf der

Bühne stehen würde, war ihr nicht in die Wiege gelegt. Der Vater verdiente sein Geld als Bergarbei-ter, die Mutter sang zwar gerne, aber nicht im Chor, sondern in der Küche. „Ich habe keine Ahnung, wie ich zur Klassik kam“, meint die Sopranistin. Aber fasziniert sei sie schon immer von der Musik gewe-sen, weshalb ihre Mutter sie auch zum Gesangsunterricht brachte. Eine gute Entscheidung. Sie hätte ja auch die Karriere ihres Groß-vaters einschlagen können, der einen Tante Emma Laden betrie-ben hat: „An meiner Schule war früher Anthony Hopkins Schüler. Der hat mit Sicherheit bei meinem Opa Süßigkeiten gekauft.“ Nun ja, Lauren Francis versüßt zumindest durch ihren virtuosen Gesang manchen Abend. (ma)

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Fotos: Manfred Esser

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Lebenslinien im September 2012

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Es ist wahnsinnig laut in der winzigen Fahrerkabine, draußen regnet es in Strömen. Ich sitze in einem Unimog, Baujahr 1951. Während der Fahrt über einen schmalen Feldweg habe ich Gelegenheit mir den Innenraum genauer anzusehen. Unter meinem Sitz befindet sich ein Falteimer aus Stoff, alles ist noch im Originalzu-stand, selbst das Zubehör.

Sein Alter merkt man dem Fahr-zeug kaum an, es läuft einwandfrei – erstaunlicherweise funktionieren sogar die Scheibenwischer. Ich bin überrascht, als Hubert Eisinger aussteigt und mir anbietet selbst zu fahren. Frei nach dem Motto „Im Leben sollte man alles einmal ausprobiert haben“ steige ich auf den Fahrersitz um. Nach einer klei-nen Einweisung habe ich den Dreh raus. Nur um die Kurve geht‘s nicht ganz so flott, von Servolenkung hat dieser Oldtimer nämlich noch nie et-was gehört.

Seine Liebe zum Unimog hat Hu-bert Eisinger aus Hexenagger be-reits als kleiner Junge entdeckt. Den ersten Spielzeug-Unimog mit verschiedenen Gerätebausätzen hat er als Kind zu Weihnachten be-kommen. Beruflich ist er derzeit als KFZ-Sachverständiger tätig. Seine Begeisterung für landwirtschaft-liches Gefährt habe sich über lan-ge Zeit entwickelt. „Frühers, als ich gerade bei der Dekra angefangen

habe, wollte ich mal Motorräder re-staurieren. Das war mir dann aber zu filigran. So bin ich dann irgend-wann auf die Landtechnik-Schiene gekommen.“

Für Eisinger ist das besondere am Unimog, dass man die Technik noch begreifen kann. „Da kann man die Mechanik wirklich noch in die Hand nehmen.“ Außerdem seien die landwirtschaftlichen Maschinen noch auf die Reparatur ausgelegt, nicht aufs Wegwerfen. Das sei mit ein Grund für die Begeisterung von Oldtimer-Sammlern. „Das ist kei-ne Wegwerf-Gesellschaft – das ist noch so, wie es früher auch bei den

Landwirten mit ihren Ackerschlep-pern war. Die waren auf eine län-gerfristige Beziehung ausgelegt“, so der Diplomingenieur. Sein Wissen über die alten Fahr-zeuge habe sich Hubert Eisinger aus Büchern angelesen. Während seines Studiums sei eine Menge an Informationen hängen geblieben. Aus dem Stegreif kann er mir die gesamte Entwicklungsgeschich-te der speziellen Nutzfahrzeuge erzählen. Die Planungen zum al-lerersten „Universal-Motor-Gerät“ haben schon während des zweiten Weltkriegs begonnen. Alles gehe auf eine Entwicklungsgruppe für Flugmotoren in Berlin zurück. Denn

Echtes KultfahrzeugHubert Eisinger über die Liebe zu seinem Unimog

Fotos: Binner

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als der Krieg zu Ende war, mussten sich die Flugmotorenhersteller eine neue Beschäftigung suchen. Für Landmaschinen war am einfachs-ten wieder eine Baugenehmigung zu bekommen. In Pforzheim, in der Nähe von Stuttgart, haben dann die ersten Entwicklungen begonnen. Gedacht war das Mehrzweckfahr-zeug also anfangs als Zugmaschi-ne für die Landwirtschaft. Seine Vorteile: Es lief mit seinen 50 Kilo-metern pro Stunde sehr schnell und auf seiner Ladefläche konnte man eine Menge transportieren – was für Bauern natürlich sehr wichtig war. Das Konstruktionsprinzip des Fahr-zeugs sei über die letzten 60 Jahre gleich geblieben.

Heute wird der Unimog sehr vielsei-tig eingesetzt. Zum Schneeräumen, als Streufahrzeug oder Transport-mittel, selbst in Eisingers Heimatge-meinde Altmannstein. „Also das ist wirklich ein multifunktionales Gerät.“ Insbesondere bei Militär und Feu-erwehr finden die Fahrzeuge noch ihren Einsatz. Moderne Unimogs gibt es inzwischen mit 250 PS oder mehr. Durch ihren Allradantrieb und die spezielle Konstruktion sind sie besonders geländegängig.

Und warum ist der Unimog jetzt ge-nau ein Kultfahrzeug? „Ich sag mal so, als Oldtimer-Fan ist es irgend-wie eine Hassliebe. Also wenn man den Unimog anschaut, dann ist es einfach eine verbaute Kiste“, lacht Eisinger. Da brauche man wirkliche Liebhaber, die so etwas gerne repa-rieren wollen. Neben der „verbauten Kiste“, die er übrigens eher durch

Zufall in der Schweiz erworben hat, besitzt er in seinem Schuppen in Frauenberghausen noch drei wei-tere Oldtimer-Schlepper. Einer da-von stammt bereits aus dem Jahr 1940. Da drängt sich doch eine Fra-ge auf: Fahren die denn überhaupt noch? „Ja, klar. Die laufen alle noch“, versichert der Sammler. Sein älte-ster Sohn Moritz wurde auch schon in die große Kunst des Schlepper-Fahrens eingeweiht: „Die fahren sich super, wie ein ganz normales Auto.“ Von der Leidenschaft seines Vaters wurde er schon angesteckt – der Sohnemann ist ja schließlich damit aufgewachsen. Sein kleinerer Bruder Philipp interessiert sich da-gegen eher für Computer.

Hubert Eisingers Schlepper-Samm-lung hat einmal mehr als zehn Fahr-zeuge umfasst. Den Großteil muss-te er jedoch verkaufen. Geblieben sind ihm die, die ihm am meisten am Herzen liegen. An seinem Uni-mog hängen für ihn zahlreiche Erin-nerungen. Mir hat er die Geschichte erzählt, die ihm bis jetzt am besten im Gedächtnis geblieben ist: „Mein Vater hatte eine Jagd in Eichstätt. Nach seinem Tod mussten wir dort

vom Forstamt aus verschiedene Sachen wegräumen. Zum Beispiel Betonrohre, die als Silos gedient hatten. Ein Bekannter ist mit sei-nem Lastwagen gekommen. Im Wald ist er dann allerdings an ei-ner blöden Stelle eingesunken. Wir haben da draußen versucht, einen Bulldog mit einer Seilwinde aufzu-treiben – nichts. Also sind wir heim gefahren und haben den Unimog aus der Garage geholt. Mit des-sen Seilwinde haben wir dann den LKW mit fast 18 Tonnen aus dem Dreck gezogen. Ich habe eigentlich schon immer darauf gewartet, dass die Seilwinde nach vorne wegfliegt, wenn man bedenkt, dass sie nur mit sechs Schrauben am Rahmen befestigt ist. Aber es hat wunderbar gehalten! Das war gigantisch, wie er den rausgezogen hat!“

Am kommenden Ingolstädter Schleppertreffen am 15. und 16. September in Hundszell wird Hu-bert Eisinger selbstverständlich ebenfalls teilnehmen. Denn ne-ben der allgemeinen Aufstellung steht dort als spezielles Thema dieses Jahr der Unimog im Mittel-punkt. (mb)

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Wegweiser und Hinweisschil-der sind Mangelware in der ma-lerischen Landschaft Umbriens. Wenn sich die staubige Piste hinter Sugano in aberwitzigen Serpen-tinen die Hügel hochschraubt, ab und an einen unglaublichen Blick freigibt auf die von Tuffstein getra-gene Stadt Orvieto, dann ist man gut beraten, eine Skizze mitzuneh-men, die einem den Weg weist. Hier oben leben nur wenige Men-schen und die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu treffen, den man fra-gen kann, ist eher gering.

Hier oben am Ende der Welt, einem wunderschönen Ende je-doch, scheint die Zivilisation zu en-den. Wären da nicht immer wieder kleine versteckte Bauernhäuser, ein monumentales und prachtvoll restauriertes Castello, das einem sizilianischen Richter gehört. Und auf einmal ist es da, nach einer ki-lometerlangen Odyssee über eine von tiefen Schlaglöchern durch-zogenen Piste: Santa Croce, das Weingut, das einmal als Kloster Dienst tat.Es scheint beinahe überflüssig zu erwähnen, dass Santa Croce einst ein Eremitenkloster war. Ein traum-haftes Fleckchen Erde in der hier nahezu unberührten umbrischen Natur. Der „Abt“ des Klosters heißt Anton Baur und war in seinem frü-

heren Leben Industrie- und Mo-defotograf in München. Und seine „Äbtissin“ Petra Regensburger. Sein gut zehn Jahren sind der wel-tenbummlerische „Putz“ – wie sie ihn nennt – und die Ingolstädter Schauspielerin und Journalistin ein Paar. Auch wenn Petra Regensbur-ger ihren Wohnsitz nach wie vor in Ingolstadt hat, so verbringt sie doch die meiste Zeit in Italien, ist längst zur Italienerin geworden.

Dabei wollte sie eigentlich Karri-ere als Schauspielerin machen. Deswegen ging sie nach dem Ab-itur auch nach Wien an die Schau-spielschule, spielte dort auch an mehreren Bühnen, führte Regie, unter anderem in Produktionen mit Marisa Mell. Auch am Ingolstädter Stadttheater hat die Tochter des Ex-Staatssekretärs und Ehrenbür-gers Hermann Regensburger in-szeniert, unter anderem eine Oper von Johann Simon Mayr.

Bis 1997 lebte Petra Regensbur-ger in Wien, bevor sie zurückkam nach Ingolstadt um sich in einem zweiten Beruf zu versuchen. Als Journalistin heuerte sie beim regi-onalen Fernsehsender an, entwi-ckelte vor allem kulturell geprägte Formate, vergaß darüber aber nie ihre eigentliche Leidenschaft. Und die hieß Italien.

„Meine Reisen gingen eigentlich immer schon nach Italien“, erzählt sie bei einem Glas Rosé auf der Terrasse von Santa Croce, wo wir sie besucht haben, „ich habe schon damals jede freie Minute in Italien verbracht.“ So hat sie beispielswei-se gleich nach dem Abitur an der Ausländer-Uni in Perugia Italie-nisch gelernt.

Seit 1987 ist Petra Regensburger bereits in der Gegend um Orvieto unterwegs, die „nicht so geschnie-gelt ist wie die Toskana“. Und lernte da auch gleich im ersten Jahr den Münchner Anton Baur kennen, der zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren stolzer Besitzer des etwas heruntergekommenen Klo-sters Santa Croce war. Beruflich blieb sie allerdings in Ingolstadt ver-wurzelt. Neben dem Fernsehen be-gann sie zu schreiben, unter ande-rem für das espresso-Magazin. Die Freundschaft zum „italienischen Weinbauern“ Anton Baur hielt über all die Jahre, bis daraus vor etwa zehn Jahren mehr wurde.

Seit etwa 2002 sind die beiden nun Lebenspartner mit unterschied-lichen Wohnsitzen sozusagen. Pe-tra Regensburgers Beruf jedoch gestattet es ihr, dennoch die mei-ste Zeit des Jahres bei ihrem „Putz“

Der umbrische TraumWarum Petra Regensburger die meiste Zeit des Jahres auf Santa Croce in Italien verbringt

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zu verbringen. Denn schon früh hat sie sich bei ihrer schreiberischen Tätigkeit auf Italien spezialisiert, auf Reiseberichte, Geschichten über Land und Leute. Und Wein natürlich. „Das Schreiben macht mir von allen meinen bisherigen Berufen am meisten Spaß“, er-zählt sie. Und davon, wie sie das Kloster Santa Croce sozusagen als Basiscamp für ihre Trips durch das ganze Land nutzt. Ihre Arti-kel erscheinen in österreichischen Blättern ebenso wie in deutschen, in der Schweiz ebenso wie in Ita-lien. Denn Petra Regensburger übersetzt ihre Texte auch ins Italie-nische. Und hat in dem Winzer, der einmal Fotograf war, natürlich auch den idealen Partner, wenn es um die Bebilderung ihrer Beiträge geht. „Ich versuche, die Artikel einmal in Deutschland zu verkaufen, einmal in Österreich, der Schweiz und Ita-lien. Dann lohnt sich das auch ei-nigermaßen.“ Zurzeit verhandelt sie gerade mit der Neuen Züricher Zeitung und ist dabei, ein Buch zu schreiben. Natürlich über Italien. „Das war halt schon immer meine Leidenschaft.“

Wer könnte es ihr verdenken. Zu-mal ihr Partner Anton Baur eben-so vernarrt ist in die authentische Landschaft, in seinen Wein und sein Kloster, das irgendwo zwi-schen der Etrusker-Hochburg Or-vieto und dem malerischen Lago di Bolsena längst zu einem Mekka für Individualtouristen geworden ist. In mühevoller Kleinarbeit restauriert und renoviert kann man sich auf dem Weingut von Anton Baur auch

einmieten. Und hautnah miterle-ben, wie er in der ehemaligen Klo-sterkirche seine Weine ausbaut. Die besten davon – ausschließlich Cabernet Sauvignon – in franzö-sischen Eichenfässern. Und die tragen dann so romantische Na-men wie „Stasera“ oder „Papavero“ und sind von außergewöhnlicher Eigenständigkeit und Qualität.

Vier Hektar Rebfläche baut der Münchner heute an, ausschließlich mit den roten Rebsorten Montepul-ciano, Sangiovese und Cabernet Sauvignon. Alles nach rein biolo-gischen Grundsätzen. Keine Pesti-zide, keine Herbizide, keine künst-lichen Dünger.

Rund 5000 Liter Rotwein mit dem Prädikat „Rosso Orvietano DOC“

und etwas Rosé sind der Lohn für den Schweiß, den er in der Hitze der umbrischen Hügel lässt. Und Petra Regensburger hilft ihm, wo es nur geht. Bei der Ernte beispielweise. Denn auf Santa Croce werden die Trauben noch von Hand gelesen.

Mit ein paar Flaschen „Papavero“ im Kofferraum geht der Weg zu-rück Richtung Orvieto. Doch noch lange bleiben die Gedanken in Santa Croce, diesem Paradies mit-ten in der wilden umbrischen Land-schaft. Und in die Wehmut, diesen Ort wieder verlassen zu müssen, mischt sich fast ein wenig Neid auf Anton „Putz“ Baur und seine Petra Regensburger, die es geschafft ha-ben, einen Traum zu verwirklichen, den man selbst auch seit vielen Jahren in sich trägt.

Fotos: oh

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Jeder ist vermutlich schon einmal über eines der regionalen Volks-feste, Dulten oder den Ingolstäd-ter Christkindlmarkt geschlendert. Höchst wahrscheinlich ist er dann auch am Süßwarenstand der Fa-milie Hörmandinger vorbei ge-kommen. Viele sind vielleicht so-gar stehen geblieben und haben sich eine kleine Leckerei gegönnt. Mandeln, Schokofrüchte, Leb-kuchenherzen oder Zuckerwatte ziehen die Naschkatzen magisch an. Mitten drin steht Dora Hörman-dinger. Sie ist die gute Seele des Süßwarenstandes – und das schon seit 40 Jahren. Ihr Traumjob wäre zwar eigentlich Friseurin gewesen, aber was soll man machen, wenn man sich in den Chef verliebt? „Es war Pfingsten 1973, da hat mich ein guter Bekannter gefragt, ob ich nicht Lust hätte, in einem Be-trieb am Volksfest mitzuarbeiten“, erinnert sich Dora Hörmandinger. „Eigentlich hatte ich einen Job, ich war zu der Zeit Bürokauffrau in In-golstadt. Aber ich wollte mir das einfach mal anschauen.“ Gesagt, getan. Wenige Tage später fand auch schon das erste Treffen statt. Die Vorzeichen standen eigentlich nicht so gut, denn Dora fiel partout der Name des Chefs nicht mehr ein. „Der Name war mir nicht ge-läufig und irgendwie konnte ich ihn mir einfach nicht merken“, erzählt

die 60-Jährige lachend. „Ich hab mir schon ziemliche Gedanken ge-macht, als ich zum Treffen gegan-gen bin, aber glücklicherweise hing da ein Schild mit seinem Namen am Stand und ich war gerettet.“

Heute hat die Buxheimerin längst kein Problem mehr, sich den Na-men zu merken, denn schon zwei Jahre nach dem ersten Treffen hei-ratete sie ihren Chef Helmut und trägt nun selbst den Namen Hör-mandinger. Es war zwar keine Lie-be auf den ersten Blick und mit den Süßigkeiten habe er sie auch nicht verführt, aber Helmut sei einfach ein sehr lieber und aufmerksamer Mann gewesen, verrät sie. „Helmut hat mich immer wieder eingeladen, mich kulinarisch verwöhnt, er ist ja gelernter Koch. Er war so nett zu mir und das hat mich sehr beein-druckt.“

Über ihre Arbeit im Süßwarenstand kann Dora Hörmandinger viele lu-stige und spannende Geschichten erzählen, allerdings versteckt sich hinter bunten Zuckerperlen und duftenden Mandeln auch Stress und Anstrengung. Die Saison be-ginnt im August, bis Dezember sind die Hörmandingers mit ihren Süß-waren auf nahezu allen Märkten der Region und der Umgebung ver-treten. Manchmal ist die 60-Jährige

wochenlang unterwegs, denn ein Fest löst sogleich das nächste ab. Der sympathischen Süßwarenver-käuferin macht das aber nichts aus. „Ich bin die Arbeit gewohnt, denn ich bin auf einem kleinen Bauern-hof in Wolkertshofen aufgewach-sen. Mit 14 Jahren habe ich dann eine Ausbildung als Bürokauffrau begonnen.

Und wenn ich einmal frei hatte, hat meine Mama auf jeden Fall Arbeit für mich gehabt.“ Für 80 Mark im Monat - davon gingen 40 allein für das Busticket drauf - arbeitete die junge Dora in einem Ingolstädter Schuhgeschäft. Ihr Traumjob sei allerdings Friseurin gewesen, er-zählt sie. Doch von diesem Berufs-wunsch hielt ihre Mutter nicht son-derlich viel. „Dass ich letztendlich in das Süßwarengeschäft reinge-rutscht bin, war wohl einfach eine glückliche Fügung des Schicksals und es macht mir bis heute noch wahnsinnig viel Spaß. Ich bin ein-fach ein Glückskind“, meint sie heu-te. Der Umgang mit den Menschen ist für die Süßwarenverkäuferin eine wahre Bereicherung – anders herum scheint es aber genauso zu sein. Denn das „süße Paradies“ der Hörmandingers hat inzwischen viele Stammkunden, manche da-von kommen schon seit vielen Jahren. „Ich bin ein sehr leutseliger

Das Glückskind vom SüßwarenstandDora Hörmandinger ist seit 40 Jahren mit allerlei Leckereien auf den Volksfesten unterwegs

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Mensch, bin eigentlich nie schlecht drauf“, beschreibt sie sich, „ich hat-te schon immer ein sonniges Ge-müt und das, denke ich, ist wichtig in meinem Job.“

In 40 Jahren „süßem Paradies“ hat sich jedoch einiges geändert, weiß die Buxheimerin. Früher wa-ren es lediglich gebrannte Erd-nüsse, Haselnüsse, Mandeln und glasierte Früchte, die die Familie Hörmandinger im Sortiment hatte. Außerdem gab es selbst gemachte Bonbos aus der eigenen Bonbon-Kocherei. „Inzwischen führen wir 300 bis 400 Artikel“, berichtet Do-ra Hörmandinger stolz. „Die ge-brannten Nüsse und die glasierten Früchte machen wir auch heute noch selbst. Nur von der Bonbon-Kocherei mussten wir uns leider trennen, es wurde einfach zu viel.“Unterstützung bekommen Dora Hörmandinger und ihr Mann von der Familie. Jeder hat seine feste Aufgabe, ein echtes Familienun-ternehmen eben. Und wenn die 60-Jährige nicht gerade Süßwaren verkauft, kümmert sie sich noch um die Büroangelegenheiten. „Aber meine Tochter macht da inzwi-schen auch sehr viel, das ist schon eine Erleichterung für mich.“ Wenn dann die Märkte, Dulten und Fes-te vorbei sind, freut sich Dora Hör-mandinger darauf, mit einem guten Buch zu Hause auf der Couch zu liegen und zu lesen. Doch momen-tan ist Hochsaison für die „süße Familie“. Nach der Septemberdult steht das Herbstvolksfest vor der Tür, auf das sich Dora Hörmandin-ger schon wieder riesig freut.

Foto: Privat

Foto: oh

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Lebenslinien im Oktober 2012

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Was hat ein Polizist mit gegrillten Hähnchen zu tun? In Grunde herz-lich wenig, Es sei denn, er heißt Roland Geiser und merkt als blut-junger Polizei-obermeister bereits, dass das Leben in Grün nicht das ist, was er sich vorgestellt hat. Der Weg jedoch vom Gesetzeshüter zum „Gigerlbaron“ war ebenso lang wie erfolgreich. Heute betreibt Roland Geiser von Zuchering aus mehrere Firmen, die irgendwie alle mit Essen und Imbiss zu tun haben. Und das jüngste Pferd im Stall ist der zu neuem Leben er-wachte „Wienerwald“, an der er mit einem Drittel beteiligt ist.

„Die Geschichte beginnt eigent-lich nach dem Krieg“, erzählt der taffe Unternehmer, der ob seiner 37 Jahren damals indes noch kei-ne Rolle gespielt hat. Sein Opa hingegen sehr wohl. Denn der hat in der Nachkriegszeit mit einem Viehhandel seinen Lebensunter-halt verdient. Es kam eine Metz-gerei dazu, dann auch noch ein Fleischwerk. Es war die Zeit des Wirtschaftswunders. Und es war die Zeit, wo die Zusammenarbeit mit Lebensmittelgiganten wie Ma-rox und Moksel die Kasse klingeln ließen. Zunächst bei Allershausen angesiedelt war der Firmensitz später in Saal an der Donau. Da war Roland Geisers Vater längst mit eingestiegen.

Zusammen mit einem Partner hatte der kurz nach der Wieder-vereinigung die Idee, mit so ge-nannten „mobilen Einheiten“ in die ehemalige DDR, die neuen Bundesländer zu gehen. Mit hal-ben Hähnchen sozusagen, mit fahrbaren Grillstationen. Und von da an blieb auch in den neuen Bundesländern immer öfter die Küche kalt, wie es in einem der berühmtesten Werbeslogans der Nachkriegszeit hieß.

„Die haben damals unglaubliche Umsätze gemacht“, erinnert sich Roland Geiser an die Zeit, die ihn wohl erkennen ließ, dass im Grill-hähnchen doch mehr Dampf ist als im mittleren Polizeidienst. „Ich bin zur Polizei gegangen, weil ich einen Beruf gesucht habe, in den sich etwas rührt, der Spaß macht und in dem man Geld verdient“, erinnert er sich an seine Berufs-wahl. Doch gerade Letzteres lief in der Firma seines Vaters deut-lich runder.

Kurz und gut. Der junge Roland schmeißt nach nur einem Jahr im aktiven Dienst die Uniform in die Ecke und steigt in den elterlichen Betrieb ein. „Ich bin ja sozusagen mit dem Lebensmittelgeschäft aufgewachsen“, meint er lä-chelnd. Und sein Wirtschaftsabi-tur war auch nicht gerade nutzlos.

Nach kurzer Zeit begann er damit, den Laden umzustrukturieren, die Produktpalette zu verändern und das Gigerl-Imperium auszuweiten. „Heute gibt es in den neuen Bun-desländern keine Stadt, in der wir nicht sind.“ Alleine in Leipzig acht Mal. Ob in Berlin, Brandenburg, Chemnitz, Zwickau oder Dresden, das Logo mit der Aufschrift „Grill-meister“ leuchtet überall. Inzwi-schen auch in Nordbayern, in Hof beispielsweise oder in Bayreuth. „Wir haben uns ziemlich breit ge-macht“, schmunzelt Roland Gei-ser.

Zudem beliefert er ganze Han-delsketten, hat sein Sortiment längst auf das „volle Programm“ ausgeweitet: Alle Sorten Fleisch, Salate, Getränke. Und neben den „mobilen Einheiten“ gibt es zuneh-mend auch feste Imbiss-Stationen in den großen Einkaufszentren. 54 rollende Filialen betreibt Geiser inzwischen, dazu 20 stationäre Imbisslokale. 200 Mitarbeiter sor-gen dafür, dass in der ehemaligen DDR die Küche wirklich kalt blei-ben kann.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum Roland Geiser schon lange nicht mehr auf gegrillte Hähnchen alleine setzt. Und der liegt in den Jahren 2005 und 2006. „Die Vo-gelgrippe hat uns richtig viel Geld

Der Hähnchenbaron von ZucheringWie Roland Geiser zum Mitinhaber vom neuen „Wienerwald“ wurde

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gekostet“, so der Unternehmer, „30 bis 50 Prozent Einbruch. Das bewegt einen dann schon, sich noch breiter aufzustellen.“

Viele Mitbewerber habe es damals einfach vom Markt gefegt. Er und sein „Grillmeister“ jedoch haben überlebt. „Ein paar Monate waren wirklich die Hölle. Aber unterm Strich sind wir extrem stark he-rausgekommen aus dieser Krise.“ Über die Mechanismen derartiger Lebensmittelskandale muss er heute noch lachen. „Die Vogel-grippe war mit dem Tag beendet, als 2006 die Fußballweltmeister-schaft begann. Das Thema wurde mit diesem Tag nahezu komplett aus den Medien verdrängt und war auch sofort aus den Köpfen der Menschen verschwunden.“

Bei seinem „Grillmeister“ war es offenbar umgekehrt. Er war in den Köpfen präsent. Denn so kam es, dass 2008 eine Anfrage der Wie-nerwald-Erben kam bezüglich ei-ner Belieferung der neuen Lokale. Die Töchter von Firmengründer Friedrich Jahn hatten nämlich die Namensrechte zurückgekauft und mit der strategischen „Wiederge-burt“ des Hähnchen-Imperiums begonnen.

„Heute bleibt die Küche kalt, heut geh’n wir in den Wienerwald“, lau-tete in den 50er und 60er Jahren der Spruch, den in Deutschland jedes Kind herunterbeten konn-

te. Aus der Zusammenarbeit in Sachen Belieferung wurde aus logistischen Gründen aber erst einmal nichts. Allerdings führten die Gespräche mit den Erben schließlich dazu, dass zwei Nach-kriegsgeschichten quasi zu einer verschmolzen, die von Opa Geiser und die von Friedrich Jahn. Denn Roland Geiser belieferte nicht, sondern er stieg gleich mit ein. Ein Drittel des neuen Wienerwald-Imperiums gehört nun ihm. Und inzwischen gibt es bereits wieder rund 80 Lokale in Deutschland, in der Türkei, in Ägypten, dem Irak und in Rumänien. Und im März kommenden Jahres soll das deut-sche Gigerl auch die USA erobern. Denn in Washington soll dann ein absolut edler Flagship-Store ent-stehen, von dem aus der Sieges-zug des Grillhähnchens durch die Staaten erfolgen soll. Und ob-schon das Prinzip „Wienerwald“ in allen anderen Ländern der Welt auf einem Franchise-Modell ba-siert, in den USA hat Roland Gei-ser selbst die Hand auf der Firma. „Ich verspreche mir einfach wahn-sinnig viel von dem Geschäft in Amerika“, erklärt er diesen „Stil-bruch“.

Doch zunächst dürfte der Wiener-wald-Hype erst einmal in Deutsch-land richtig losbrechen. Daran ist der Privatsender RTL II nicht ganz unschuldig. Und die schril-len Geissens, deren Jetset-Leben in Monaco von RTL II in ganzen Staffeln verfilmt wird und deren

Müllermilch-Werbespots fast jeder kennt.

„Luxus zum Löffeln?“ Nein, aber zum Knabbern. Denn die Geis-sens, Robert und Carmen, haben vor kurzem zur Geburtstagsfei-er für ihre siebenjährige Tochter nicht nur den letzten DSDS-Star nach St. Tropez einfliegen lassen, sondern zur standesgemäßen Verpflegung auch einen Nobeli-taliener aus München. Und Roland Geiser. Mit einem Hähnchen-Wa-gen, einer „mobilen Einheit“, wie er es beinahe militärisch bezeichnet.

Also ließ er den Prototypen des neuen Wienerwald-Wagens nach St. Tropez schippern. Mit reich-lich halben Hähnchen, Kartoffel-salat und Brezn selbstredend. „Das war der Wahnsinn“, erinnert sich Roland Geiser an den Event in Südfrankreich, „der Nobelitali-ener musste seine Hummer und Austern zur Hälfte wegschmeißen und uns sind die Sachen ausge-gangen, so wild waren die Leute auf unsere Hähnchen.“ Und das Beste für ihn und seine Gigerl-Welt: RTL II war natürlich mit dabei und wird aus dem Materi-al ein paar Folgen der nächsten Staffel „Die Geissens“ zusam-menschneiden. Spätestens dann wissen es – ob einem Marktanteil dieser Sendungen von 11,2 Pro-zent –Millionen: Der Wienerwald lebt und Friedrich Jahn hat in Ro-land Geiser einen späten Enkel gefunden. (msc)

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Mit feuerroten Haaren, einer knall-roten Jacke und leuchtend roten Lippen taucht Maxi Grabmaier zum Interview in der Redaktion auf. Dass diese Frau nicht mit dem Strom schwimmt, ist sofort klar. Aber genau das will die Ingolstäd-terin auch gar nicht. Maxi Grabmai-er ist Kabarettistin. Zu ihrem Job gehört es, Dinge zu sagen oder zu tun, die sich wohl sonst keiner so einfach trauen würde.

Vor mehr als 15 Jahren hat die Kar-riere von Maxi Grabmaier, mit einer Frauen-Kabarettgruppe – den „Epi-ladys“ – angefangen. Hauptsäch-lich Themen aus dem zwischen-menschlichen Bereich wurden auf den Tisch gebracht. „Wir wollten formulieren, was uns Frauen be-wegt. Es gab ja damals nur männ-liches Kabarett. Wir haben Themen aufgegriffen und überzeichnet. Zum Beispiel, dass in der Werbung die Frauen als dauertröpfelnde Wesen dargestellt wurden, die mit Watte verstöpselt und tamponiert sind.“ Das Überzeichnen sei ein stilistisches Mittel, um etwas klarer herauszubringen, erzählt Grabmai-er.

Natürlich waren damals die Reak-tionen sehr ambivalent. „Da gab es dann schon einige Männer, die im Stuhl immer kleiner geworden sind und sich geniert haben.“ Kabarett

breche einfach Tabus; und gera-de das Frauenkabarett. „Denn wer spricht schon gern über die tropfen-de Damenwelt und Slipeinlagen?“ Diese neue Kabarettform war für einige zu Anfang wohl etwas ge-wöhnungsbedürftig. Dennoch hat-ten die taffen Ladys schon damals einen Fanclub – der ausschließlich aus Männern bestand. Die seien damals sogar zu jeder Veranstal-tung aus München angereist.

Eine Karriere als Kabarettistin hatte die gebürtige Münchenerin eigent-lich nie geplant. Nach der Schulzeit in Ingolstadt absolvierte sie eine kaufmännische Ausbildung, später noch eine zur staatlich geprüften Kosmetikerin. „Aber ich war schon als Kind gerne auf der Bühne ge-standen“, gesteht sie. „Ich war im Ballett und habe Aufführungen ge-habt. Noch bevor ich zur Schule ging, habe ich im Kinderchor ge-sungen. Die mütterliche Seite ist sehr künstlerisch veranlagt, mei-ne Großmutter war Schauspiele-rin.“ Die Ingolstädterin heiratete früh und bekam mit 24 Jahren eine Tochter. „Die Tochter hab ich noch, den Mann nicht mehr. Ein Leben ist lang: Man kann nicht davon ausge-hen, dass man in der Konstellati-on immer alle Jahrzehnte schafft. Das Leben verändert sich, es wird alles stressiger, kurzlebiger und flexibler.“

„KABARETT BRAUCHT AUCH TIEFGANG“

Ernste Worte aus dem Mund einer Kabarettistin – nicht ungewöhnlich, meint Maxi Grabmaier. „Kabarett braucht – im Vergleich zu Comedy – auch immer einen Schuss Tief-gang und Ernsthaftigkeit. Es soll ein bisschen stechen und aufwe-cken.“ Hinter jeder Ironie steckt immer ein Fünkchen Wahrheit, weiß der Volksmund. Und ein biss-chen Wahrheit steckt auch immer in den Geschichten der Kabaretti-stin. „Wenn man alles nur erfinden würde, dann greift es nicht richtig. Um auf Akzeptanz und Resonanz zu stoßen, müssen sozialkritische oder gesellschaftspolitische The-men angesprochen werden.“

Kabarett sei eine Art Ventilfunktion, so sei das ja auch jedes Jahr auf dem Nockherberg. „Früher waren es die Liedermacher wie der Roider Jackl, die eigene politische Texte gesungen haben. Mein Großvater und meine Urgroßmutter waren in diesem Dunstkreis auch schon un-terwegs.“ Schon damals wurde auf lustige Weise formuliert, was einem an der Obrigkeit nicht gepasst hat. Heute sei es nicht anders, meint die Künstlerin. „Man spricht schwierige Themen an und präsentiert sie als Unterhaltungsform.“ Außerdem ha-be das Kabarett auch einen thera-

Mit Witz die Welt verbessernKabarettistin Maxi Grabmaier will die Leute aufrütteln

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peutischen Effekt, davon ist Grab-maier überzeugt, „denn man kann sich so richtig freilachen“.

Auf der Bühne bricht die Ingolstäd-terin als Putzfrau, Stammtischbru-der oder Milchkönigin Tabus. Doch auch im richtigen Leben schreckt sie nicht davor zurück, ihre Mei-nung zu sagen.

„Mein Name ist von Geburt an Ma-xi.“ Das hat lateinischen Ursprung und bedeutet „die Erste“ oder „die Größte“. So ein gewisser Pionier-geist sei bei ihr „schon vorhanden. Wobei ich aber nicht grundsätzlich auf Krawall gebürstet bin“, gesteht Grabmaier. „Aber wenn`s es wo braucht, dann bin ich auch gern mal die Erste, die schreit.“ Und die Kunst sei dafür das richtige Mittel, meint die Kabarettistin. Den-noch wolle sie niemanden ernsthaft verletzen. „Scharf schießen muss man, aber nicht so, dass ihm oder ihr nachher ein Auge fehlt“. Die Intention der Künstlerin ist, einen positiven Beitrag für diese Welt zu liefern. „Man kann zwar auch auf die Straße gehen, Steine werfen und wüste Plakate malen, aber da ist halt immer die Frage, was man damit erreicht.“ Doch die Arbeit von Maxi Grab-maier ist nicht nur mit Spaß und Freude verbunden. Viel Zeit und Mühe steckt hinter ihren Program-men. „Man muss sich als Künstler überlegen, womit man gegen die

gebotene Vielfalt ankommt. Jeder hat einen Fernseher zu Hause mit hunderten von Programmen. Dann haben die meisten noch eine große DVD-Sammlung. Wir müssen uns überlegen, wie man als Live-Künst-ler die Leute dazu bewegt, die hei-mische Couch zu verlassen und in die Show zu kommen.“ Deswegen hat das Programm von Maxi Grab-maier viele Facetten. Das Publikum ist bei ihr nicht nur stiller Zuschau-er. „Wir singen, wir schunkeln, ma-chen Beckenbodengymnastik oder Orgasmusübungen.“ Alle Sinne müssen bedient werden, selbstver-ständlich auch die Augen – da kann es schon einmal vorkommen, dass Grabmaier während einer Vorstel-lung sechs Mal ihr Outfit wechselt.

KRÄUTERZUPFEN, YOGA, BAUCHTANZ

Die Figuren denkt sich die Künstle-rin nicht nur selbst aus, sondern sie verschmilzt regelrecht mit ihnen. Texte, Charaktere und selbst die Requisiten entspringen Grabmai-ers Kreativität. „Einen Fachbedarf für durchgeknallte Kabarettistinnen gibt es leider noch nicht.“ Neue Charaktere zu entwickeln, fällt der Ingolstädterin nicht schwer. Die Figuren wachsen aus ihr heraus, erzählt sie. Auch Themen gäbe es mehr als genug, doch will man es auf den Punkt bringen, dann sei es ganz einfach „das Leben“. „Ich habe das Gefühl, dass wir in

einer Gesellschaft leben, die weder den Menschen noch sein Wohler-gehen ins Zentrum stellt. Sei es die Rentenreform, das Gesundheits-wesen, Behinderte, Kinder oder alte Menschen.“ Grabmaier geht es in ihrem Programm nicht nur um Profit und Krawall oder Kunst um der Kunst willen, sondern um Din-ge, die das Leben ausmachen. „Ich möchte Dinge so zeigen, dass die Denkmurmel in Schwung kommt – auf unterhaltsame Weise.“ Sie betrachte das Leben aus unter-schiedlichen Perspektiven und ma-che diese auf der Bühne sichtbar. „Das i-Tüpfelchen ist, wenn man den Leuten noch etwas mit auf den Weg geben kann, woran sie arbei-ten könnten.“ Wenn die Kabarettistin nicht ge-rade auf der Bühne steht, widmet sie sich ihrer Leidenschaft, dem Kräuterzupfen, macht Yoga oder orientalischen Bauchtanz und ist sie hin und wieder als freie Jour-nalistin tätig. Außerdem plant sie, zusammen mit ihrer Tochter – die sich auch dem Kabarett verschrie-ben hat - ein Mutter-Tochter-Pro-gramm. „Schon in ihrer Pubertät haben wir immer sehr qualitativ hochwertig gestritten. Das wird der Brüller“, freut sich die stolze Mutter. Doch bevor es soweit sein wird, muss die Tochter erst ihr Studium abschließen. Momentan steht Mut-ter Maxi noch allein, beziehungs-weise mit ihren vielen Charakteren, auf der Bühne. (kg)

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Fotos: Privat

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Demnächst will die junge Frau auch ein eigenes Studio in ihrem Wohnort Ingolstadt eröffnen. Die Menschen sind fasziniert von den Bildern, aber auch von der Per-sönlichkeit der Kurdin. Doch wie sie schnell merkte, hat der Erfolg

auch Schattenseiten. „Ich bin na-türlich irgendwo noch ein Kind“, gibt Shirin Hamo zu, aber in In-golstadt ist sie unter den jüngeren Leuten schon bestens bekannt. In der Nähe des Münchener Hauptbahnhofs teilt sie sich die

Ladenräume mit einem Partner, der Videos produziert. Mittlerwei-le macht sie Shootings mit Models aus ganz Deutschland und sogar mit internationalen Stars wie Li-liana Matthäus. Dabei hatte sie gar nicht vor, ihr Hobby zum Be-

Traum von FreiheitShirin Hamo hat mit 18 Jahren bereits ein eigenes Fotostudio

Foto: Privat

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ruf zu machen. „Ich hatte Angst, dass dann die Leidenschaft ver-loren geht“, erzählt sie. Die Kunst sprach sie aber schon immer an. Bereits als kleines Mädchen zeichnete sie viel, spielte später in Theaterstücken mit und führte sogar bei einem Regie. Vor et-wa zwei Jahren fing Shirin Hamo an, Fotos von Freundinnen zu schießen. Sie lieh sich damals eine Kamera von einem Freund aus. Eine eigene hatte sie noch nicht. „Dann kamen die Freun-dinnen der Freundinnen und ir-gendwann komplett Fremde, die ich fotografiert habe“, erinnert sich Shirin. Vor einem Jahr erst kaufte sie sich schließlich eine ei-gene Kamera. Und heute verdient sie mit ihren Foto-Shootings viel Geld. Anfangs bekam sie von ih-ren Kunden indes nur ein „Trink-geld“ als kleines Dankeschön. Zunächst sah es also nicht nach der großen Karriere aus. Shirin besuchte die Lessingschule und machte dort ihren Hauptschulab-schluss. Nach der Schule bewarb sie sich bei einer Fotoagentur in München um einen Ausbildungs-platz. Der Chef der Firma hielt sie damals aber für zu jung. Er hatte ihr gesagt, dass er sie mit ihren 17 Jahren einfach nicht ernst neh-men könne. Im Nachhinein dürfte er sich über seine Entscheidung ärgern.

Die Fotografin hingegen ist mitt-lerweile sehr froh über die Ab-sage, denn es sei alles „genau richtig gelaufen“. Shirin baute sich trotz fehlender Ausbildung

ihr Image als Fotografin auf. Sie möchte die Ausbildung auch nicht nachholen. „Warum sollte ich jetzt noch eine Ausbildung machen, bei der ich lerne, Pass- und Be-werbungsbilder zu machen. Das ist für mich keine Kunst.“ Shirin Hamo ist Kurdin und im syrischen Efrin geboren. Vor 13 Jahren zog sie mit ihren Eltern und ihrer äl-teren Schwester nach Deutsch-land. Und bis vor kurzem hatte sie noch nicht einmal eine Auf-enthaltsgenehmigung. Bis zu ih-rem zwölften Lebensjahr ging sie regelmäßig am Sonntag in die Kirche. Doch sie merkte, dass sie mit dem Katholizismus nicht viel anfangen konnte. Sie begann, sich für den Yezidentum zu inte-ressieren. Diese Religion ihrer El-tern ist sehr konservativ. Sex vor der Ehe ist absolut tabu und hei-raten darf man nur einen Yeziden. Trotz der strengen Religion foto-grafiert Shirin Hamo oft Frauen und Männer in Unterwäsche und zieht selbst auch gerne freizügige Kleidung an. „Ich trage oft engere oder kürzere Klamotten. Da fühle ich mich frei. Schließlich sind wir alle nackt geboren“, sagt sie und lacht dabei. Weil ihre Eltern ihr die Freiheit ließen, sich so anzu-ziehen, wie sie es eben will und auch zu tun, was sie will, werde sie aber in Internetforen häufig beleidigt oder gar bedroht. Sie werde beschimpft, weil sie eine Schande für die Kurden sei. „Du bist eine gottlose Schlampe“ oder „Dreh einen Porno. Bekommste mehr Aufmerksamkeit, du Trot-tel“ sind nur zwei Beispiele. „Ich

will nicht provozieren, sondern durch mein Auftreten und meine Bilder Freiheit ausstrahlen“, so die junge Kurdin. Anfangs hätten sie die Beleidigungen getroffen, doch mittlerweile mache ihr das nichts mehr aus. „Wenn die Leu-te das brauchen, ist das ihr Pro-blem.“ Nicht nur die Ingolstädter und Münchener sind auf Shirin Hamo aufmerksam geworden. Auch ausländische Zeitungen und Agenturen interessieren sich mitt-lerweile für sie. Der wohl größte Erfolg in ihrer noch jungen Karrie-re war die Veröffentlichung eines Fotos vor drei Monaten. Eines ihrer Bilder wurde in der italie-nischen Online-Ausgabe des Mo-demagazins „Vogue“ veröffentli-cht. Shirin kann ihr Glück selbst nicht fassen: „Vor zwei Jahren war ich froh, ein Model fotogra-fieren zu dürfen. Heute sehe ich mein Foto in der Vogue – Wahn-sinn.“ Wenn es nach der Fotogra-fin geht, dürfte das ruhig so wei-tergehen. „Ich möchte einmal drei Jahre in Paris, drei Jahre in New York und auch in Afrika arbeiten. Ich möchte andere Kulturen ken-nen lernen und zwar mit einer Ka-mera in der Hand. Ich möchte al-les festhalten“, meint sie fröhlich.

Und später will sie mal ein großes Studio haben. Am besten so groß wie das Stadttheater. Sie möchte dann Jugendlichen die Gelegen-heit bieten, Fotograf zu werden. „Ich habe es selbst erlebt, mit 16 oder 17 Jahren wirst du nicht ernst genommen. Aber das Alter ist nur eine Zahl.“

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Der Treffpunkt für ein Interview mit einer Hardcore Punkband, sollte vielleicht nicht unbedingt in einem kleinen gemütlichen Café, mit hauptsächlich älterem Publi-kum sein. Doch der Bandmanger hatte – wegen des kurzen Weges – die Location ausgewählt. Etwas fehl am Platz wirken die drei Mu-siker hier schon. Die Bedienung muss gleich zweimal die Bestel-lung aufnehmen, denn scheinbar werden hier die georderten Bier-sorten eher selten bestellt. „Liebes Tagebuch, heute ist mein erster Arbeitstag und drei Leute wollten Bier von mir“, scherzt der Bassist. Dass dieses Interview nicht ablau-fen wird wie die meisten, ist schnell klar. Ein Witz jagt den nächsten, Rotti, Gary und Doom sind keine Kinder von Traurigkeit. Sie sind die Ingolstädter Hardcore Punkband „SNU:MeN“.

Über die Bedeutung des Wortes kann man als Nichtwissender lange rätseln. „Wir fanden „Snowman“, also Schneemann, wäre als Band-name ganz gut. Allerdings wollten wir einen Namen, den sonst noch keine andere Band trägt“, erzählt Gary. „Und dann kam Rotti mit sei-nen überragenden Englischkennt-nissen ins Spiel“, berichtet Doom lachend weiter, „und der meinte eben, dass man Schneemann auf Englisch so schreibt.“ „Zu meiner Verteidigung muss ich aber sa-

gen, dass ich meine Mittlere Reife mit einem Dreier in Englisch abge-schlossen hab“, folgt prompt die Antwort des Schlagzeugers. Den Namen gibt es definitiv kein zweites Mal, wobei „Snu, men“ aus dem Norwegischen übersetzt „drehen, aber“ heißt, erzählen die drei. Aber damit könne man nicht so viel an-fangen, deswegen lieber Schnee-mann. „Und der Schriftzug ähnelt einem Drohbrief, ich hab die Buch-staben wirklich aus Zeitschriften ausgeschnitten und zusammenge-setzt“, erzählt Gary. „Du darfst ru-hig sagen aus welchen Zeitschrif-ten“, fällt Rotti ins Wort. „Aus der Bravo.“ Aus dem Bravo-Leser-Alter dürften die Jungs zwischen 20 und 23 Jahren zwar schon heraus sein, aber für den Schriftzug war das Heftchen offensichtlich ganz gut zu gebrauchen.

Wenn die drei „Schneemänner“ nicht gerade auf der Bühne ste-hen, gehen sie ihren Jobs nach. Rotti ist Kfz-Mechaniker, Gary stu-diert Flug- und Fahrzeugmechanik an der Hochschule in Ingolstadt und Doom ist Werkzeugmechani-ker bei Audi. Die drei Musiker ken-nen sich schon seit vielen Jahren. Aber als Band stehen sie erst seit 2011 zusammen auf der Bühne. Rotti und Gary machen schon seit 2006 zusammen Musik. „Wir ha-ben Bass und Gitarre gespielt. Ein Schlagzeug hatten wir zwar schon

lang im Keller stehen, aber keinen der es spielen konnte.“ Trotzdem haben die beiden damals schon erste Songs geschrieben und auf-genommen. Doom spielte zu dem Zeitpunkt in einer Coverband. „Ir-gendwann auf einer Party haben wir ihm eine Aufnahme vorgespielt und ihn gefragt, ob er nicht bei uns als Bassist einsteigen will.“ Und so kam es dann auch. Doom stieg als Bassist ein, Rotti wechselte ans Schlagzeug und Gary übernahm Gitarre und Gesang - die Band war komplett. Nach wie vor komponie-ren und texten die drei Musiker ihre Songs selbst. Meistens habe Garry eine Idee, oder Doom komme mit einem neuen Bassintro. „Ich texte nicht, ich kann ja eh kein Englisch“, scherzt Rotti. „Aber so lang das Spielen Spaß macht, ist mir das auch egal.“ Manchmal entstehen die Stücke auch in Gemeinschafts-arbeit, im Bandproberaum. Dort treffen sich die Jungs nach Feiera-bend oder Vorlesung, wann immer die Zeit es erlaubt und rocken was das Zeug hält. Von Hardcore Punk, ein paar Takten Reagge-Beats oder Metall, die Musik hat viele Fa-cetten. Vorbilder haben die Jungs nicht, erzählen sie. „Wir machen unseren eigenen Stil.“

Nicht nur im Bandraum, auch auf der Bühne machen die Jungs eine gute Figur. Bewiesen hat SNU:MeN das bereits auf verschie-

Spaß ist das ZielDie Ingolstädter Hardcore Punkband „SNU:MeN“

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denen regionalen Konzerten. In der Eventhalle zum Beispiel, oder auch im Ohrakel. Kürzlich war die Band im Take Off zu sehen, dort fand der „Inferno rockt“, ein deutsch-landweiter Bandcontest statt. Der Gewinner durfte in Berlin ein pro-fessionelles Musikvideo drehen. SNU:MeN hatte sich bereits für die Show qualifiziert und trat dort zum ersten Mal vor großes Publi-kum. Die Anspannung war groß, aber die Resonanz super, erzählt das Trio. Dennoch reichte es nicht bis ins Finale. „Wir machen das ja hauptsächlich um Spaß zu haben“, meinen die Drei, der Zukunft sehen sie offen entgegen. „Mit der Musik wirklich gutes Geld zu verdienen ist schon schwierig“, glaubt Doom. „Aber groß rauskommen wäre schon schön. Ich würd sagen, es

ist kein Ziel, aber ein Traum.“ Das Ziel ist in erster Linie der Spaß an der Musik. Deswegen geht es mit SNU:MeN auch weiter nach oben. Die nächsten Konzertauftritte ste-hen auch schon vor der Tür. Aku-telle Eventdaten und Songproben sind unter www.snumen.de oder auf Facebook zu finden.Im August machte die Band erste Studioaufnahmen, „am heißesten Tag im ganzen Jahr waren wir in Klingsmoos im Studio und haben vier Songs aufgenommen“, berich-tet Garry. Die Inhalte der Lieder drehen sich um gesellschafts-kritische Themen, auf politische Statements verzichten die Jungs. Hin und wieder geht es auch um Zwischenmenschliches, zum Bei-spiel um Mädchen. SNU:MeN will einerseits mit einer textlichen Tiefe

ernst genommen werden, ande-rerseits soll es möglichst allen An-wesenden Spaß machen. Aus den Studioaufnahmen vom August soll nun die erste LP entstehen. „Wenn alles klappt können wir schon bald eine kleine Auflage verkaufen.“ Wie lange es noch dauern wird bis es soweit ist, wissen die Jungs noch nicht. „Unser Produzent ist gera-de in Las Vegas, wenn er unser Geld nicht in den Automaten ver-zockt hat, sollte es eigentlich nicht mehr so lange dauern“, scherzen die Jungs. Der neuste und gleich-zeitig auch der Lieblingssong der Band heißt „This is not the end.“ So soll dann auch die neue LP heißen. „Das kann ich übersetzen! Es heißt, „Das ist nicht das Ende““, lacht Rot-ti. „Und das passt sehr gut. Es ist schließlich erst der Anfang.“

Foto: oh

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Schon am Gartentor merkt man, dass hier jemand mit beson-derem Bezug zum Freistaat Bayern wohnt. „I red boarisch – und du?“ klebt da zum Beispiel ein Sticker am Torrahmen und über dem Tor prangt ein bayerisches Wappen mit der Aufschrift „Kö-nigreich Bayern“. Im Haus selbst hat der Hausherr mit dem weißen Vollbart, der Lederhose und dem Trachtlerhut einen Raum ganz im Sinne seiner boarischn G‘sinnung eingerichtet: Etliche hundert Holzkrüge hängen von den Wän-den, ebenso wie Geweihe in allen Formen und Größen oder Fotos und Zeitungsartikel mit ihm und über ihn. Und natürlich der „Kini“. Bayerns letzter König ist allge-genwärtig in Emil Ludwig Mayers Wintergarten.

Seit Mitte der 1980er Jahre be-schäftigt sich Mayer nun schon intensiv mit dem „Kini“. Auch bei den Königstreuen ist er Mitglied. Doch was ihn dazu gebracht hat, war – wie bei all seinen Freizeit-beschäftigungen – die bayerische Tradition. „Das ist es, was mir wichtig ist“, sagt Mayer gelassen und nimmt eine kleine Brise brau-nen Schmeizler.

Was ihm allerdings so gar nicht behagt, das sind diejenigen, die

König Ludwig II. einfach nicht in Frieden ruhen lassen wollen. „Ein Rätsel sollst du bleiben“, ist ein Motto der Königstreuen. Und das unterstützt der Pensionist auch voll und ganz. „Die Geschichte mit der Sargöffnung, um heraus-zufinden, ob er erschossen wurde oder nicht, das ist doch Schwach-sinn“, meint Mayer, „es sollte al-les so bleiben, wie es ist. Außer-dem liegt sein Leichnam in einem Zinksarg, da ist nach knapp 130 Jahren eh nichts mehr übrig.“

Jedes Jahr Mitte Juni, am Todes-tag des „Kini“, fährt Mayer mit den Königstreuen zum Schlossberg und nimmt dort an einer Gedenk-feier teil. Neben der Tradition, die der „Kini“ für den Zucheringer ver-körpert, hat Ludwig II. auch Vor-bildcharakter für Mayer: „Er war ein Mensch, auf den die Leute schauen konnten.“ Einen neuen König anstelle eines Ministerprä-sidenten wünscht sich der Pen-sionist jedoch nicht: „Das ist es, was die Monarchisten wollen. Da-mit haben wir Königstreuen aber nichts am Hut.“ Es soll eben alles so bleiben, wie es ist.

In Emil Ludwig Mayers Leben dreht sich jedoch nicht alles nur um den letzten König von Bayern. Der Rentner hat viele Freizeitbe-

schäftigungen, die ihn schon an die unterschiedlichsten Orte auf der Welt geführt haben. An so viele, dass man sich zwangsläu-fig fragen muss, woher er die Zeit dafür nur nimmt. Sein Haupt-Hob-by sind derzeit die Gebirgsschüt-zen. „Erst vergangenes Jahr war ich mit meiner Kompanie in New York City. Da haben wir an der großen Parade teilgenommen“, erinnert sich Mayer, „das war eine einwandfreie Sache.“Ein Highlight in seinem Schüt-zenleben war jedoch der Besuch bei dem aus Bayern stammenden Papst in diesem Sommer. „Wir waren ungefähr 500 Schützen und 400 Trachtler“, erzählt der Pensionist, „das war eine einma-lige Sache – vom Feinsten.“ Mit einem 18 Waggons langen Zug sind die Bayern nach Rom ge-fahren worden, wo man sie mit 18 weißen Bussen und Polizeie-skorte zum Petersdom gebracht hat. Dort durften sie quasi vor der Haustüre des Papstes ausstei-gen und wurden dann von Bene-dikt XVI. empfangen. „So etwas erlebst du nur einmal im Leben“, schwärmt Mayer.

Durch seine Mitgliedschaft im Schützenverein wurde Emil Lud-wig Mayer nicht nur die Ehre zu-teil, den Papst zu treffen. Er kennt

„Boarisch muss es halt sein“Das bayerische Urgestein Emil Ludwig Mayer aus Zuchering über seine diversen Freizeitbeschäftigungen

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auch den Ministerpräsidenten Horst Seehofer und dessen Vor-gänger Edmund Stoiber. „Vom Stoiber habe ich zu meinem 60. Geburtstag sogar eine persön-liche Widmung bekommen“, er-zählt Mayer. Auf die Frage, ob man denn unter solchen Um-ständen „Du“ sagt, antwortet der Pensionist, als wäre es selbst-verständlich: „Im Schützenverein siezt sich niemand.“

Seine bayrische G‘sinnung lebt Mayer auch gerne in Theaterstü-cken aus. So hat er im Stück „Mir san mir“ im Ingolstädter Stadt-theater eine Rolle übernommen – natürlich in Tracht gekleidet und mit seinem unverkennbaren, bayerischen Dialekt. Nächstes

Jahr wird er für die Manchinger beim Freilichttheater „Holledauer Schimmel“ auf der Bühne stehen. Der Zucheringer freut sich bereits heute darauf: „Das ist schon im-mer eine Gaudi.“

Wenn Mayer nicht gerade auf der Bühne steht oder mit dem Ge-birgsschützen oder den Tracht-lern die Welt bereist, dann ist er auch gerne beim VdK und orga-nisiert ehrenamtlich seit nunmehr 30 Jahren diverse Veranstal-tungen, wie das Sommer- oder das Adventsfest. Oder Mayer en-gagiert sich bei der Freiwilligen Feuerwehr Brunnreuth – inzwi-schen seit 40 Jahren und eben-falls ehrenamtlich. Oder er hegt und pflegt seinen Garten mit dem

großen Teich und den vielen Fi-schen darin. Oder er versucht auch gerne mal etwas Außerge-wöhnliches, wie Feuerspucken.Egal, was Emil Ludwig Mayer auch anpackt, boarisch muss es sein. Oder zumindest sollte es sich mit seinem bayerischen Äu-ßeren, seiner bayerischen Ein-stellung und seiner Liebe zum bayerischen Brauchtum und der bayerischen Tradition verbinden lassen. Übrigens: Sein zweiter Vorname ist nicht selbst erwählt. „Den zweiten Vornamen bekommt man ja von seinem Paten“, erklärt Mayer, „und mein Taufpate hieß zufälligerweise Ludwig. Das war irgendwie Vorsehung. Und jetzt bin ich sehr stolz darauf.“(fk)

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Foto: Arzenheimer

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Jedes dritte Paar in Deutschland lernt sich am Arbeitsplatz kennen. Sagt die Statistik. Und weil ein The-ater ja auch „nur“ ein Arbeitsplatz ist (wenn auch ein eher ungewöhn-licher), dann schlägt diese Statistik auch auf und hinter der Bühne zu Buche. In diesem ganz speziellen Fall zielte im Jahr 1989 Amor mit seinem Pfeil auf Alkmene und Am-phitryon, die Rolle der Alkmene spielte damals Ingrid Cannonier, den Feldherren Amphitryon gab Sascha Römisch. Fortan standen die beiden in den unterschied-lichsten Rollen miteinander auf der Bühne des Ingolstädter Theaters. Unter Intendant Peter Rein war im Jahr 2002 Shakespeares Drama „Hamlet“ dann die – zunächst – letzte Gelegenheit, gemeinsam zu proben und zu spielen: Ingrid Can-nonier begeisterte damals als Kö-nigin Gertrud die Kritiker, Sascha Römisch war in der Rolle des Clau-dius nicht nur König von Dänemark, sondern eben auch Ehemann von Gertrud (und natürlich Stiefvater von Hamlet).

Jetzt, zum Ende des Jahres 2012, sind Ingrid Cannonier und Sascha Römisch „wieder vereint“. Freilich bezieht sich die „Wiedervereini-gung“ nur auf den Beruf und da auch nur auf das Theater Ingol-stadt, das inzwischen wieder Stadt-

theater heißt und gerade einen In-tendantenwechsel hinter sich hat. Privat war und ist man ein Paar (nur um keine Gerüchte aufkommen zu lassen). Auf der Bühne verkörpern Ingrid Cannonier und Sascha Rö-misch momentan Gabrielle York und Joe Ryan in „Das Ende des Regens“ von Andrew Bovell. Das Stück ist eine Familiensaga um die Familien Law und York, die 80 Jahre und vier Generation umfasst und dazu auf zwei Kontinenten spielt. Es geht um Schuld, um ein Verbrechen, um Schweigen und den Tod. Gabrielle und Joe sind dabei kein Liebespaar, das auf ro-sa Wolken schwebt, sondern eine Gemeinschaft zweier Menschen, die einer zunehmenden Belastung ausgesetzt ist: Gabrielle driftet in die Demenz ab. „Halte meine Hand“, bittet sie ihren Mann. Harter Stoff, der da täglich geprobt wird. Auf höchst professionelle und be-geisternde Art und Weise, wie In-grid Cannonier findet: „Wir haben mit Caro Thum eine begabte, junge Regisseurin, es herrscht höchste Konzentration, aber trotzdem ist es kein Drama, wenn einmal etwas nicht gleich funktioniert.“ Dass sie nach 10 Jahren Pause, in denen sie unter anderem das Ingolstädter Altstadttheater ins Leben gerufen und geleitet hat, wieder im Stadt-theater arbeitet, ist für sie keine

Rückkehr, sondern ein Neuanfang: „Ich bin von der neuen Leitung und dem Geist im Ensemble sehr be-geistert!“ Ihr Partner Sascha Rö-misch zählt hingegen zu den festen Größen im Ensemble, er steht seit 1987 im Stadttheater, das zwi-schenzeitlich nur Theater hieß, auf der Bühne. Dreizehnmal ist er jetzt gemeinsam mit Ingrid Cannonier im Großen Haus zu sehen.

Mord und Totschlag, Wut und Ei-fersucht, Angst und Schrecken - was auf der Bühne in Dramen und Tragödien passiert, das sollte auch dort bleiben: „Wir reden zu Hause relativ wenig über die Ar-beit“, meint Sascha Römisch, „die Rollen, die wir spielen, haben kei-ne Auswirkung auf unser Privatle-ben. Wir haben das Bedürfnis, es vor der Tür zu lassen.“ Was man im Hause der beiden Schauspie-ler jedoch durchaus vernehmen kann, sind einzelne Textpassa-gen, die in den eigenen vier Wän-den gelernt und vor allem auch geprobt werden. „Das Ende des Regens“ ist hier ein echter Pro-ben-Idealfall, denn das Schau-spielerpaar verbringt die meiste Zeit im Stück zusammen: „So viel wie in diesen Rollen hatten wir noch nie miteinander zu tun“, er-klärt Sascha Römisch und Ingrid Cannonier ergänzt schmunzelnd:

„Halte meine Hand!“Ingrid Cannonier und Sascha Römisch sind auf der Bühne ein Paar – und im wahren Leben

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„Wir sagen unsere Texte schon mal auf dem Sofa. Da merkt man es sich besser.“ Bis zur Premi-ere ist es nicht mehr lange hin, die Nervosität bei beiden steigt, aber nicht im selben Takt: „Sie ist nervöser als ich“, analysiert Sascha Römisch, der seit 25 Jah-ren in Ingolstadt lebt und den es vom linken Niederrhein in den Süden verschlagen hat. An der Münchner Schauspielschule Ali Wunsch-König absolvierte er sei-ne Schauspielausbildung, 1985 folgte das Erstengagement am Ulmer Theater. Neben seinen ak-tuellen Schauspielengagements in „Das Ende des Regens“, „König Ubu / Ubus Prozeß“ und „Onkel Wanja“ leitet er auch den Gene-rationenspielclub I am Stadtthe-ater Ingolstadt, der demnächst

mit der Produktion „Punkrock“ an den Start geht. Aus der entgegen gesetzten Himmelsrichtung, näm-lich aus dem Süden, kam Ingrid Cannonier. Sie wuchs in Kärnten auf, studierte am Mozarteum in Salzburg und nach Stationen wie dem Theater Bonn, dem Staats-theater Wiesbaden, dem The-ater an der Ruhr bekam sie ihr erstes Engagement am Theater Ingolstadt unter Intendant Ernst Seiltgen. Der Schauspielerin, Re-gisseurin und Gründerin des Alt-stadttheaters liegt außerdem viel am Thema Integration. Ihr The-aterprojekt „Heimat“ mit Frauen aus dem vhs Kurs „Mama lernt deutsch“ war ein ergreifendes Erlebnis für Publikum und Betei-ligte, im kommenden Sommer steht das Projekt „Hass“ auf dem

Programm. Unter der Regie Can-noniers werden Jugendliche und Schauspielprofis das Stück, das auf dem Kinofilm „La Haine“ ba-siert, gemeinsam mit Leben fül-len. Man darf gespannt sein! „Ich würde diesen Beruf auf jeden Fall wieder ergreifen“, meint Ingrid Cannonier und auch für Sascha Römisch ist die Schauspielerei der ideale Beruf. Was den bekennenden Fußball-fan (Mönchengladbach) aller-dings noch reizen würde, wäre der Job des Sportreporters. Da müsste er sich allerdings auf Wi-derspruch in den eigenen vier Wänden einstellen. Denn zumin-dest beim Skisport steht für die Frau „an seiner Seite“ nämlich fest: „Da bin ich absolut für Ös-terreich!“

Foto: Jochen Klenk

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Lebenslinien im Dezember 2012

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Foto: Michel

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Die Geschichte begann Anfang Juli mit einem Flyer im Briefkas- ten von Christiane Kaulberg. Die Ingolstädterin beachtete die Wurf-sendung zuerst gar nicht. Doch dann, kurze Zeit später, las sie die Nachricht doch. Gesucht wur-den Personen für den Bayerischen Landespreis für ältere Menschen, genannt „Reife Leistung“. Damit sollen „besondere Lebensentwürfe und außergewöhnliche Leistungen von Menschen im fortgeschritte-nen Alter“ geehrt werden. Kaulberg musste nicht lange überlegen, ob sie jemanden kennt, der diese Vo-raussetzungen erfüllt: „Mir ist sofort der Paul eingefallen.“

Paul Grozinger, gebürtiger Frei-burger, aber seit 1966 in Ingolstadt lebend, ist der Gründer der „Schan-zer Puppenspieler“. Der 75-Jährige baut seit 2002 unermüdlich die Pup-pen und Kulissen für die Märchen, die in regelmäßigen Abständen im Bürgerhaus Neuburger Kasten ge-zeigt werden. Christiane Kaulberg ist als Autorin für das Schreiben der Drehbücher zuständig. Seit über zehn Jahren bilden Grozinger und Kaulberg ein eingespieltes Team. „Ich wollte ihm erst gar nicht sa-gen, dass ich ihn für den Preis vor-schlage“, sagt Kaulberg schmun-zelnd. Doch, weil eine Unterschrift von Grozinger nötig war, musste

sie doch mit der Sprache heraus-rücken. Der Vater von zwei Kin-dern stimmte der Bewerbung zu. „Ich hab‘ schon gar nicht mehr an den Preis gedacht“, erinnert sich Kaulberg, „als Ende Oktober das Schreiben kam, dass der Paul tat-sächlich nominiert ist.“

Aus mehreren Hundert Bewer-bungen wurden insgesamt 42 Per-sonen ausgewählt, 14 von ihnen ist der Preis vergangene Woche in

München verliehen worden. Auch Grozinger und Kaulberg waren dort, mussten aber ohne die Aus-zeichnung zur Schanz zurückkeh-ren. Doch für Grozinger ist das oh-nehin nebensächlich: „Die ´Reife Leistung´ habe nicht ich als Per-son vollbracht, sondern die ganze Gruppe. Ohne das Team geht gar nichts.“

Zehn aktive Mitglieder, davon sie-ben Spieler, haben die „Schanzer Puppenspieler“ momentan. Aber auch, wenn Grozinger sich selbst immer bescheiden zurückstellt, Kaulberg weiß: „Er ist nicht nur der Initiator, ohne den es die Pup-

penspieler heute gar nicht gäbe, sondern er ist bis heute auch der unermüdliche Motor.“ Als Sozial-pädagoge hat Grozinger früher als Bewährungshelfer am Landgericht gearbeitet. Heute ist er zwar in Rente, aber nicht im Ruhestand. Drei Bühnen inklusive der benö-tigten Technik, unzählige Requi-siten und etwa 50 Puppen hat der 75-Jährige bisher in Eigenregie angefertigt. „Die besten Ideen kom-men mir nachts vor dem Einschla-fen“, sagt Grozinger schmunzelnd. Sein Faible für die Puppen ent-deckte er schon vor etwa 40 Jah-ren: „Da habe ich in einem Fenster eine Strohpuppe hängen sehen, die sich drehte und echt gut aus-sah.“ Grozinger ging nach Hause und baute seine erste Marionette. „Ich habe mich langsam herange-tastet“, sagt er heute. Neudeutsch würde man es wohl „learning by doing“ nennen. Heute ist Grozin-ger in dieser Hinsicht ein Profi. Ein Jahr vergeht von der Grundidee bis zur ersten Aufführung. Wenn es dann soweit ist und Grozinger aus dem Hintergrund beobachtet, wie Kinder (und auch Erwachsene) Spaß haben, lachen und für eine gewisse Zeit den Alltag vergessen, dann weiß er, dass er alles richtig gemacht hat. Eine wahrlich „reife Leistung“, auch ohne den Landes-preis. (tm)

Eine „reife Leistung“Paul Grozinger, Gründer der „Schanzer Puppenspieler“, wurde für den Bayerischen Landespreis für ältere Menschen nominiert

„Er ist bis heute auch der uner-müdliche Motor.“

Christiane Kaulberg

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Foto: Recihelt

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Die gute SeeleHelmut Reuter hilft als Seelsorger den Mitarbeitern des Klinikum IngolstadtSicher ist es kein leichter Job – und doch übt ihn Helmut Reuter seit dem ersten Tag mit voller Leidenschaft aus. Seit 1998 ist der 56-Jährige der Seelsorger im Klinikum und betreut Patienten, Angehörige aber vor allem auch Mitarbeiter in schwierigen Situa-tionen und Phasen des Lebens. Seinen Beruf hat er wahrlich zu seiner Berufung gemacht. Sogar seine Ehefrau lernte er dank der Seelsorge kennen.

Offen und Freundlich tritt Helmut Reuter seinem Gegenüber bei der erste Begegnung, eine Ei-genschaft, die ihm sicher auch bei seiner Arbeit hilft. Beim Gespräch fällt auf, dass der 56-Jährige nicht aus Bayern stammt. „Ich komme aus Schwäbisch-Gmünd“, gibt er zu. Nur wegen des Studiums kam er nach Bayern. Zunächst stu-dierte er in Eichstätt Thelogie, um danach in Pleinfeld drei Jahre als Kaplan zu arbeiten. Als er nach Eichstätt zurückkehrte, übernahm als Leiter das Internat St. Willibald. „Insgesamt waren es dort etwa 70 junge Kerle“, erinnert er sich an diese, wie er sagt, tolle Zeit. Im Anschluss an die fünf Jahre am Internat half er sieben Jahre den Religionspädagogen als Studen-tenseelsorge.

1998 kam er dann ins Klinikum

nach Ingolstadt. In den ersten sie-ben Jahren war er der katholische Klinik-Seelsorger. „Im Laufe der Zeit habe ich dann aber gemerkt, dass ich mich nicht mehr wohl fühle“, betont er. Reuter suchte et-was Abstand von seinem Beruf. „In der Betreuung von Menschen ha-be ich immer wieder gespürt, dass die Kirche mit ihren globalen Ge-setzen und Geboten dem Einzel-nen nicht gerecht werden“, erklärt er seine Entscheidung. Als er Ge-schäftsführer Heribert Fastenmei-er davon in Kenntnis setzte, unter-breitete dieser ihm ein Angebot: „Er meinte, er könnte sich vorstel-len, dass er mich direkt übernimmt als Seelsorger für das Personal, falls ich aus dem Dienst der Diö-zese ausscheide. Dieses Angebot habe ich dankend angenommen.“ Nach drei Monaten Pause kehrte Reuter also an seinen alten und bekannten Arbeitsplatz zurück. „Für mich hat sich gar nicht so viel verändert. Ich war zwar überwie-gend für die Patienten zuständig gewesen, hatte aber schon immer den Kontakt zu den Mitarbeitern.“ Über 3000 Angestellten steht er zur Verfügung. Aber auch den Patienten steht er zur Verfügung: „Ein Patient hat immer Vorrang“, so Reuter. Manchmal hat er sogar eine besondere Aufgabe: „Wir ha-ben mittlerweile auch viele Ange-stellte oder Patienten, die aus der

Kirche ausgetreten sind oder aus den neuen Bundesländern kom-men und gar nicht in der Kirche waren, aber trotzdem jemanden möchten, der sie an besonderen Tagen begleitet. Hin und wieder traue ich dann auch bei freien Trauungen.“ Über diese „schönen Aufgaben“ freut sich der Schwabe sehr. „Sie haben eine Bitte und ich kann sie ihnen erfüllen, ohne an Richtlinien denken zu müssen. Ich kann einfach die Menschen würdi-gen und wertschätzen.“

Eben jenes sollen die Menschen, die Reuter betreut auch merken: „Ich hoffe sehr, dass die Men-schen eine Wertschätzung und ein Annehmen ohne Beurteilung und Verurteilung spüren. Sie sollen sich wahrgenommen fühlen, denn das ist ein großes Bedürfnis. Man muss immer mehr funktionieren, aber keiner sieht mehr den Ande-ren. Sie merken dann, da gibt es noch einen, der mich sieht und der hat Zeit und Raum dafür.“ Dabei reichen schon Kleinigkeiten, sei es auch nur ein kurzes Gespräch zwischen Tür und Angel oder ein kurzes „Gut gemacht“, so Reuter. „Das kriegen viele zu selten zu hö-ren.“

Dass es nicht immer ganz einfach ist, die Arbeit vom Privatleben fernzuhalten, ist klar: „Ich würde

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lügen, wenn ich sage, dass ich al-les im Klinikum lassen kann“, gibt Reuter offen zu. Als kleinen Trick fährt er, solange es wetterbedingt möglich ist, immer mit dem Fahr-rad zur Arbeit. Auch, um den Kopf frei zu kriegen. „Da kann man et-was wegstrampeln und die Sa-chen hinter sich lassen.“ Vor allem hilft ihm aber seine Routine. Da-bei gab es nie den Gedanken, den Job aufgrund der mentalen Druck-stiuation aufzugeben.

Teilweise begleitet der Wahl-In-golstädter die Patienten über Jah-re hinweg. „Ich habe einen Pati-enten, der vor 12, 13 Jahren einen Schlaganfall hatte. Er musste re-den und laufen lernen. Er kommt regelmäßig alle zwei Wochen zu einem Gespräch. Es tut ihm gut, seine Probleme zum Ausdruck zu bringen und unterstützt zu wer-den.“ Bei einer solchen Geschich-te und Betreuungszeit verstehe man sich mittlerweile auf freund-schaftliche Art und Weise.

„Ich habe mit Erwachsenen zu tun, da kann und will ich den Be-teiligten gar nicht ändern, aber ich will ihnen eine gewisse Einstellung mitgeben, damit er besser mit der Situation umgehen kann“, betont Reuter. Allerdings kann Reuter nicht nur seinen Patienten und Mitarbeitern helfen, sondern lernt selber dazu: „Man wird demütiger, verständnisvoller und auch gü-tiger. Ich möchte gut sein.“ Gera-

de in der Weihnachtszeit wird er gebraucht: „Jetzt ist die Zeit, in der viele sentimental werden und sich Wünsche besonders stark äu-ßern“, weiß Reuter. Auch in der Sterbebegleitung ist Reuter aktiv: „Ich betone sehr ger-ne, dass das Sterben die letzte Lebensphase ist. Viele Angehöri-ge machen den Fehler, den Ster-benden das Sterben nicht zutrauen und sich nicht darauf einzulassen.“ Er selbst habe wunderschöne Er-fahrungen gemacht, wie glücklich ein Sterbeender sein kann, wenn er „sterben darf“. „Wenn andere den Weg mit ihm tragen, ist es ein-fach leichter.“

Seine erfolgreichste Beratung führte gar in seine Ehe: „Als ich in Steinerskirchen einen Kurs für verwitwete Eltern mit Kindern. Dort hat mich eine Frau angespro-chen, dass ich sieben Jahre zuvor am Bett von ihrem Mann war, wie er gestorben ist.“ Im vergangenen Jahr haben die Beiden geheiratet, erzählt er grinsend.

BLICK FÜRS DETAIL

Während er im Beruf auf Finger-spitzengefühl und vor allem Wahr-nehmung setzt, kommt Reuter dies auch in seinem Hobby zu gute. Der 56-Jährige fotografiert gerne. Bereits in seiner Schulzeit habe er angefangen, damals noch analog zu fotografieren. „Es war

auch ein Vorteil, da ich einigerma-ßen das Technische gelernt habe. Ich musste mir ja überlegen, wie ich etwas ablichte, da jedes Foto Geld gekostet hat.“ Vor die Linse kommen dabei oftmals Menschen, denn Reuter porträtiert unheimlich gerne. „Egal ob Mensch oder Na-tur – da findet für mich auch so et-was wie Begegnung statt. Es wird nicht nur etwas abgebildet, son-dern auch Gefühle damit verbun-den.“

Auch hier will er dem Betrachter dann etwas mitgeben, dass man meist erst auf den zweiten Blick er-kennt. „Wir rennen durch das Le-ben ohne stehen zu bleiben. Wir sehen zwar, aber nehmen oftmals nicht wahr“, betont er. Mit seinen Aufnahmen will er jedoch etwas wahrnehmen, dass zunächst ver-borgen bleibt. Auch in den ver-gangenen Jahren knipste er beim Ingolstädter Halbmarathon im Zie-leinlauf mehrere Bilder. „Ich bin sehr sportaffin. Aber es hat mich auch interessiert, wie sie zum Teil über ihrem Limit ins Ziel laufen. Da in die Gesichter zu schauen, ist faszinierend.“

Auch im Klinikum schmücken Fo-tos von Reuter, der auch eigene Kalender herstellt, die Wände. Mit tiefgründigen Sprüchen und Motiven gestaltete er viele kleine Details, die Patienten und Mit-arbeiter ein Lächeln ins Gesicht zaubern. (kr)

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