Lebererkrankungen beim Pferd - navalis-vet.de · PDF filekörpereigenen Substanzen...

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  • Lebererkrankungen beim Pferd

    Pferdeheilkunde 26668

    Einleitung

    Lebererkrankungen kommen beim Pferd sehr häufig vor. Meist werden sie jedoch nicht oder erst im fortgeschrittenen Stadium erkannt. Aufgrund der hohen funktionellen Reserve- kapazität der Leber treten klinische Symptome einer Leberer- krankung erst bei einer Schädigung von 70-80 % des Leber- parenchyms auf (West 1996). Blutuntersuchungen mit Bestim- mung spezifischer Leberenzymwerte können jedoch einen erhöhten Stoffwechsel der Leber und auch frühe Krankheits- stadien bzw. klinisch inapparente Hepatopathien aufdecken.

    Funktion der Leber

    Die Leber nimmt eine zentrale Rolle bei vielen Stoffwechsel- prozessen des Pferdes ein. Sie setzt aus dem Darm aufgenom- mene Nährstoffe (Fette, Kohlenhydrate und Proteine) durch Glykolyse und Fettsäureoxidation um und verarbeitet diese zu körpereigenen Substanzen (Glykogen, Lipide, Lipoproteine, Proteine), die von anderen Organen weiter verwendet werden können. Die Stoffwechselprozesse werden durch die Hepato- zyten (60-70% der Leber-Zellen) erfüllt. Die Leber ist außerdem der einzige Synthese-Ort für Albumin und Fibrinogen. Gerin- nungsfaktoren werden ebenfalls in der Leber synthetisiert. Die Leber übernimmt zudem als zentrales Entgiftungsorgan die wesentliche Ausscheidung von Giftstoffen. Dabei steht vor allem die Ammoniakentgiftung im Vordergrund (Harnstoffbil- dung). Auch für die Gallensäuresynthese, die Gallenbildung

    und -exkretion ist die Leber verantwortlich. Die vielfältigen Funktionen des Organs erklären die unterschiedliche Sympto- matik, die bei Lebererkrankungen auftreten kann. Auf die unterschiedlichen klinischen und labordiagnostischen Verän- derungen wird weiter unten im Text eingegangen.

    Klinische Symptome einer Leberinsuffizienz

    Häufige klinische Symptome einer Leberinsuffizienz sind Depression, Anorexie, Kolik, Hepathoenzephalopathie, Gewichtsverlust und Ikterus. Weniger häufig treten die hepa- togene Photosensibilisierung, Durchfall, beidseitige Larynxpa- ralyse, generalisierte Blutungen (hämorrhagische Diathese), Aszites und periphere Ödeme auf. Seltene bis sehr seltene Symptome sind Steatorrhoe, Tenesmen, generalisierte Sebor- rhöe/Pruritus, Endotoxinschock, Hufrehe, Hepato-renales Syndrom (Polyurie/Polydipsie) und Hämolyse mit Pigmenturie (Pearson 1999). Bei vielen dieser Symptome kommen jedoch neben akuten oder chronischen Lebererkrankungen zum Teil auch Erkrankungen anderer Organe differentialdiagnostisch in Betracht (Barton 2004).

    Hepatoenzephales Syndrom

    Die Hepatoenzephalopathie (HE) ist eine potentiell reversible, metabolische Enzephalopathie (Abb. 1). Die Frühphasen der

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    Lebererkrankungen beim Pferd Heidrun Gehlen1, Anna May1 und Monica Venner2

    Klinik für Pferde, Zentrum für Klinische Tiermedizin der LMU-München1 und Tierklinik Destedt2

    Zusammenfassung

    Lebererkrankungen treten beim Pferd meist nur subklinisch und vom Pferdebesitzer unbemerkt auf, da aufgrund der hohen Reservekapazität und Regenerationsfähigkeit der Leber viele Noxen kompensiert werden bevor sie klinische Relevanz erlangen. Auch für den Tierarzt ist die Diagnose „Lebererkrankung“ meist nur ein Zufallsbefund aufgrund der Ergebnisse einer vorangegangenen Blutuntersuchung. Haben Pferde bereits klinische Krankheitssymptome aufgrund einer Lebererkrankung, so sind diese häufig unspezifisch. Da die Leber als wichtigstes Stoff- wechselorgan eine zentrale Rolle einnimmt, soll mit dem vorliegenden Artikel ein Überblick über die Leberfunktion, die häufigsten Sympto- me einer Lebererkrankung, die diagnostischen Möglichkeiten bei Lebererkrankungen sowie unspezifische und spezifische Therapiemaßnah- men gegeben werden. Insbesondere bei der Diagnostik stehen dem Tierarzt zahlreiche Methoden zur Verfügung, die letztlich auch neben der Diagnosestellung eine Prognose und die Kontrolle von Therapieverläufen ermöglichen.

    Schlüsselwörter: Pferd, Leber, Diagnostik, Therapie

    Liver diseases in horses

    Liver diseases are common in horses but often proceed subclinically. They are rarely recognized by horse owners due to the immense reserve and regenerative capacity of this organ. Therefore only liver diseases at advanced stages become clinically relevant. Even veterinarians dia- gnose liver diseases often as incidental findings in routine laboratory blood analyses. Clinical signs horses display due to liver diseases are often non-specific. As the liver plays a major role in equine metabolism this article is meant to give an overview of liver function, common symptoms of liver diseases, diagnostic methods and non-specific as well as specific treatments of liver diseases. The different diagnostic methods presented in this article allow veterinarians to make diagnoses and prognoses as well as to control therapeutic success in equine liver diseases. .

    Keywords: horse, liver, diagnostics, therapy

  • H. Gehlen et al.

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    HE werden beim Pferd meist nicht erkannt (Stadium 1, Tabelle 1), wohingegen die übrigen Stadien leicht diagnostizierbar sind. Aufgrund der Leberinsuffizienz kommt es zu einer Toxin-akku- mulation im Blut. Insbesondere Ammoniak gilt dabei als Haupt- Neurotoxin, das nicht mehr ausreichend in der Leber metaboli- siert wird und sich in der Folge im Blut anreichert. Ammoniak gelangt ins ZNS wo es verschiedene toxische Effekte (u.a. auf die Zellmembranen der Neuronen) ausübt und so eine Enze- phalopathie verursacht (Grabner 1990). Der Schweregrad der Enzephalopathie korreliert mit dem Ausmaß des Leberfunktion- sausfalls, sagt jedoch nichts über die Ursache und eventuelle Reversibilität der zugrundeliegenden Lebererkrankung aus. Inwieweit multiple HE-Episoden beim Pferd zu irreversiblen neu- ronalen Schädigungen führen ist bisher unbekannt.

    Ikterus

    Ein hepatogener Ikterus entsteht durch verminderte hepato- zelluläre Aufnahme von unkonjugiertem Bilirubin, sowie redu-

    zierte intrahepatische Konjugation und Exkretion von konju- giertem Bilirubin (hepatischer bzw. Retentions-Ikterus). Meist ist er bei akuten, seltener bei chronischen Lebererkrankungen zu beobachten. Es handelt sich dabei um eine Hyperbilirubi- nämie (konjugiertes und unkonjugiertes), die sich in einer Gelbfärbung der Schleimhäute äußert. Dabei nimmt das unkonjugierte Bilirubin den größten Anteil des Gesamtbiliru- bins ein. Beim konjugierten Bilirubin deutet ein Anteil von mehr als 25% des Gesamtbilirubins auf eine Lebererkrankung hin. Steigt der Wert über 30% kann dies auf eine Gallen- gangsobstruktion hinweisen. Es sollte berücksichtigt werden, dass das Symptom Ikterus relativ unspezifisch ist, da ca. 10- 15 % der gesunden Pferde eine leicht ikterische Verfärbung der Skleren aufweisen (Abb. 2).

    Eine Hyperbilirubinämie kann auch bei intakter Leber durch eine Hämolyse nach z.B. massiven intrakorporalen Blutungen oder massivem Erythrozytenzerfall (neonatale Isoerythrolyse, Babesiose, Ehrlichiose) entstehen (hämolytischer oder prähe- patischer Ikterus). Auch bei Anorexie (Futtermangel, Inappe- tenz) entsteht schnell eine Hyperbilirubinämie (verlangsamte Bilirubinaufnahme in die Leber) (Peek 2003).

    Gewichtsverlust

    Der Gewichtsverlust bei Lebererkrankungen wird durch Anorexie und den Verlust der physiologischen hepatozellulä- ren metabolischen Aktivierung verursacht.

    Hepatogene Photosensibilisierung

    Photosensibilisierung wird durch überhöhte Blutkonzentratio- nen photodynamischer Agenzien verursacht, die eine abnor- mal erhöhte Reaktion der Haut auf ultraviolettes Sonnenlicht

    Stadium mentaler Status

    I reduzierte Aufmerksamkeit, ggr. Verhaltensänderungen

    II Lethargie, Desorientierung, Depression, „Kopfpressen“, ggr. Ataxie, zielloses Herumwandern, Manegebewegung, permanentes Gähnen

    III Somnolenz, Tenesmen, Stupor, aggressives Verhalten (Pferd ist aber ansprechbar)

    IV Koma, Konvulsionen

    Tab. 1 Klinische Stadien der hepatischen Enzephalopathie / Clinical stages of hepatic encephalopathy

    Abb. 1 11-jähriger Noriker-Wallach mit hochgradiger, chronischer Hepatitis und hepatoenzephalem Syndrom. Leberspezifische Enzyme, Serumgallensäuren und Blut-Ammoniak waren signifikant erhöht. Im Ultraschall stellte sich die Leber deutlich verkleinert dar. Die patho- histologische Untersuchung einer Leberbiopsie zeigte eine Leberzirr- hose und dass ein Großteil der Hepatozyten zugrunde gegangen war. Es wurde der Verdacht auf eine Jakobskreuzkraut-Intoxikation gestellt. 11 year old Draft Horse gelding with severe chronic hepatitis and hepatoencephalic syndrome. Liver enzymes, serum bile acids and ammonia was markedly elevated. The liver appeared to be very small in the ultrasonic picture. Pathohistological examination of a liver bio- psy revealed a cirrhosis of the liver with collapse of the majority of hepatocytes. Senecio jacobaea intoxication was suspected.

    Abb. 2 Ikterus bei einem Warmblutwallach mit akuter Hepatitis. Icterus in a warmblood gelding with acute hepatitis.

  • Lebererkrankungen beim Pferd

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    hervorrufen (Gulick et al. 1980). Bei der hepatogenen Photo- sensibilisierung ist das photodynamische Agens das Phylloe- rythrin, ein Abbauprodukt des Chlorophylls. Normalerweise wird Chlorophyll im Darmtrakt bakteriell zu Phylloerythrin abgebaut und wird über die Leber konjugiert und ausgeschie- den. Bei Lebererkrankungen kann die Blutkonzentration von Phylloerythrin ansteigen. Bei vermehrter Ablagerung in der Haut führt zusätzliches UV-Licht (insbesondere an den unpig- mentierten Hautarealen) zu einer lokalen Produktion von freien Radikalen. Diese wied