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  • ARNOLD SCHNBERG

    HARMONIELEHRE

    III. VERMEHRTE UND VERBESSERTE AUFLAGE

    UNIVERSAL-EDITION COPYRIGHT 1922 BY UNIVERSAL-EDITION

  • Alle Rechte, insbesonders das bersetzungsrecht, vorbehalten

    Graph. Verlag&anstalt Paul Gerin, Wien, II.

  • DEM ANDENKEN

    GUSTA V MAHLERS

    IST DIESES BUCH GEWEIHT

  • VORWORT

    Dieses Buch habe ich von meinen Schlern gelernt. Wenn ich unterrichtete, suchte ich Pie dem Schler blo "das zu

    sagen, was ich wei". Eher noch das, was er nicht wute. Aber auch das war nicht die Hauptsache, obwohl ich dadurch schon gentigt war, fr jeden Schler etwas Neues zu erfinden. Sondern ich bemhte mich, ihm das Wesen der Sache von Grund auf zu z-eigen. Darum gab es fr mich niemals diese starren Regeln, die so sorgsam ihre Schlingen um ein Schlerhirn legen. Alles lste sich in Anweisungen af, die fr den Schler so wenig bindend sind wie fr den Lehrer. Kann es der Schler ohne die Anweisungen besser, dann mache er es ohne sie. Aber der Lehrer mu den Mut haben, dch zu blamieren. Er mu sich nicht als der Unfehlbare zeigen, der alles wei und nie irrt, sondern als der Un-ermdliche, der immer sucht und vielleicht manchmal findet. Warum Halbgott sein wollen? Warum Picht lieber Vollmensch?

    Ich habe meinen Schlern niemals eingeredet, ich sei unfehlbar - das hat nur ein "Gesangsprofessor" ntig - sondern habe oft zu sagen riskiert, was ich spter widerrufen, Anweisungen zu geben, die sich, angewendet, als falsch herausstellten, die ich spter verbessern mute: mein Irren hat dem Schlet vielleicht nicht gentzt, aber kaum viel geschadet; doch da ich es offen zugab, mag ihm zu denken gegeben haben. Mich aber, der ich Unerprobtes, Selbsterdachtes gab, zwang der bald sich zeigende Irrtum zu neuerlicher Prfung und besserer Formulierung.

    So ist dieses Buch entstanden. Aus den Fehlern, die meine Schler inflge ungengender oder falscher Anweisungen machten, habe ich gelernt die richtige AnweiSung zu geben. Gelungene Lsungen best-

  • -VI-

    tigten die Richtigkeit meines Versuchs, ohne mich zu dem Irrglauben zu verleiten, da ich damit das Problem wirklich gelst habe. Und ich denke, wir sind beide nicht schlecht dabei gefahren. Htte ich ihnen auch blo das gesagt, was ich wei, dann wten sie nur das und nicht mehr. So wissen sie vielleicht sogar weniger. Aber sie wissen, worauf es ankommt: aufs Suchen!

    Ich hoffe, meine Schler werden suchen! Weil sie wissen werden, da man nur sucht, um zu suchen. Da das Finden zwar das Ziel ist, aber leicht das Ende des Strebens werden kann.

    Unsere Zeit sucht vieles. Gefunden aber hat sie vor allem etwas: den Komfort. Det drngt sich in seiner ganzen Breite sogar in die Welt der Ideen und macht es uns so bequem, wie wir es nie haben drften. Man versteht es heute besser denn je, sich das Leben angenehm zu machen. Man lst Probleme, um eine Unannehmlichkeit aus dem Wege zu rumen. Aber, wie lst man sie? Und da man berhaupt meint, sie gelst zu haben! Darin zeigt sich am. deutlichsten, was die Voraussetzung. der Bequemlichkeit ist: die Oberflchlichkeit. So ist es leicht, eine "Weltanschauung" zu haben, wenn man nur das anschaut, was angenehmist, und das brige keines Blickes wrdigt. Das brige, die Hauptsache nmlich. Das, woraus hervorginge, da diese Welt-anschauungen ihren Trgern zwar wie angemessen sitzen, aber da die Motive, aus denen sie bestehen, vor allem entspringen dem Bestreben, sich zu exkulpieren. Denn komischerweise: 'die Menschen unserer Zeit, die neue Moralgesetze aufstellen (oder noch lieber alte umstoen), knnen mit der Schuld nicht leben! Aber der Komfort denkt nicht an Selbstzucht, und so wird die Schuld abgewiesen oder zur Tugend erhoben. Worin sich fr den, der genau .hinsieht, die Anerkennung der Schuld als Schuld ausdrckt. Der Denker, der sucht jedoch, tut das Gegenteil. Er zeigt, da es Probleme gibt, und da sie ungelst sind. Wie Strindberg, da ."das Leben alles hlich macht". Oder wie Maeterlinck, da "drei Viertel unserer Brder zum Elend vexdammt" sind. Oder wie Weininger und alle andern, die ernsthaft ge~acht haben,

    Der Komfort als Weltanschauung! Mglichst wenig Bewegung, keine Erschtterung. Die den Komfort so lieben, werden nie dort suchen, wo nicht bestimmt etwas zu finden. ist ..

    Es gibt ein Geduldspiel, bei dem es darauf ankommt, drei Metall-rhrchen von ungleichem Durchmesse~, die in einer durch Glas ver-

  • -VII-

    schlossenen Schachtel liegen, ineinanderzuschieben. Das kann man methodisch probieren; da dauert es meist sehr lang. Aber es geht auch anders: man schttelt aufs Geratewohl so lange, bis man es beisammen hat. Ist das ein Zufall? Es sieht so aus, aber ich glaube nicht dran. Denn es steckt ein Gedanke dahinter. Nmlich der, da die Bewegung allein imstande ist, hervorzurufen, was der berlegung nicht gelingt. Ist es beim Lernenden nicht ebenso? Was erzielt der Lehrer durch Me-thodik? Hchstens Bewegung. Wenn's gut geht! Aber es kann auch schlecht gehen, und dann erzielt er Erstarrung. Aber die Erstarrung bringt nichts hervor. Nur die Bewegung ist produktiv. Warum dann nicht gleich mit der Bewegung anfangen? Aber der Komfort! ? Der weicht der Bewegung aus. Ohne sich darum auf die Suche zu begeben.

    Eines von beiden mu man tun. Ob man von der Bewegung zum Suchen oder vom Suchen zur Bewegung kommt, ist belanglos: Nur die Bewegung bringt hervor, was man wirklich Bildung nennen knnte. Nmlich: Ausbildung, Durchbildung. Der Lehrer, der sich nicht echauffiert, weil er nur sagt "was er wei", strengt auch seine Schler zu wenig an. Von ihm selbst mu die Bewegung ausgehen, seine Unrast mu sich auf die Schler bertragen. Dann werden sie suchen wie er. Dann wird er nicht Bildung verbreiten, und das ist gut. Denn Bildung heit heute: von allem etwas wissen, ohne irgend etwas zu verstehen. Aber der Sinn dieses schnen Wortes ist ein anderer und mte, da Bildung heute Verchtliches bezeichnet, durch Ausbildung, Durchbildung ersetzt werden.

    Dann wre es klar, da es die erste Aufgabe des Lehrers ist, den Schler recht durcheinanderzuschtteln. Wenn der Aufruhr, der dadurch entsteht, sich legt, dann hat sich wahrscheinlich alles an den richtigen Platz b~geben.

    Oder es kommt nie dahin! Die Bewegung, die auf solche Art vom Lehrer ausgeht, kommt

    wieder zu ihm zurck. Auch in diesem Sinn habe ich dies Buch von meinen Schlern gelernt. Und ich mu die Gelegenheit bentzen, ihnen zu danken.

    Einigen habe ich noch in einem anderen Sinn zu danken. Denen, die mich bei der Arbeit untersttzt haben, durch Korrekturlesen usw., durch Zustimmung, die mir Freude machte, und durch Anfechtung, die mir Energie gab, mich aber auch auf manche Mngel aufmerksam

  • -VIII -

    machte: Alban Berg (der das Sachregister angelegt hat), Dr. Karl Horwitz, Dr. Heinrich Jalowetz, Karl Linke, Dr. Robert Neumann, Josef Polnauer, Erwin Stein und Dr. Anton von Webern. Von einigen von ihnen wird man bald bei bessern Gelegenheiten hren.

    Und so kehrt vielleicht auch diese Bewegung einmal zu mir zurck.

    Wien, Juli 1H11

    VORWORT ZUR DRITTEN AUFLAGE

    Diese ~euauflage unterscheidet sich im Grundstzlichen von der ersten nicht, obwohl ich sehr viel verndert habe. Verbessert habe ich insbesondere den Aufbau vieler Partien und Kapitel und manches stilistische Detail. Vergrert wurde insbesondere die Zahl der Noten-beispiele in der ersten Hlfte des Buches. An neu Hinzugefgtem sind besonders die Richtlinien erwhnenswert, die in zusammenfassender Form an verschiedenen Stellen des Buches fr den Gebrauch der ge-zeigten Mittel gegeben werden. Wie diese Verbesserung, so entspringt auch eine andere meinen pdagogischen Erfahrungen: manche An-weisung, die in der ursprnglichen Fassung dem Schler eine Wahl lie, die dem Lehrer nicht erwnscht sein konnte, wurde bindender und aus-schlieender gesagt. Im Einzelnen wird man noch sehr viele, auch um-fangreichere Hinzufgungen, manche auch prinzipiellen Charakters finden. Im Ganzen durfte das Buch zu meiner Freude auch dort unver-ndert bleiben, wo ich um einen oder mehrere Schritte der Wahrheit nhergekommen bin, als zur Zeit der Abfassung der I. Ausgabe. Denn es sind Schritte in derselben Richtung.

    Viele Druckfehler, insbesondere in den Notenbeispielen, die trotz sorgfltigster Korrektur in der I. Auflage stehetl geblieben sind, wurden dank der Mitwirkung zahlreicher Freunde und Schler ausgemerzt. Und dennoch wird der Wunsch rege, diese Ausgabe mge, wenn schon nicht besser, so doch ebenso gut korrigiert herauskommen, wie die erste.

  • -IX

    Wrmster Dank sei bei dieser Gelegenheit meinem ehemaligen Schler Erwin Stein abgestattet, der nicht nur eine uerst gewissen-hafte Korrekturarbeit geleistet, sondern diese Gelegenheit auch bentzt hat, mich durch scharfsinnige und schonungslose Kritik zur Behebung vieler schwerwiegender Mngel zu veranlassen. Wenn dieses Buch auf dem Weg ist, so zu werden, wie ich es von mir verlangen darf, So hat er durch seine Initiative hieran groes Verdienst.

    Die Stze, die in der I. Auflage die Widmung an Gustav Mahler begleiteten, durften, als heute berflssig, entfallen. Es waren un-mittelbar nach Mahlers Tod in tiefer Ergriffenheit geschriebene Worte, in denen der Schmerz um den Entrissenen und der Zorn ber das Mi-verhltnis zwischen seinem Wert und der Anerkennung, die er fand, nachzitterten. Es waren bewegte, leidenschaftliebe Worte, Worte des Kampfes, die heute, wo die Jugend ihre Pflicht beinahe schon erfllt hat: sein Werk neben das unserer Grten zu stellen, fast verkleinernd wirken. Die Behauptung: "Das ist ein Ganz-Groer gewesen" gewann dadurch, da sie unbewiesen war, nahezu Kraft und Ansehn einer Prophezeiung. Aber sie, die doch gewinnen wollte, um geben zu knnen, gewann mehr, als sie gab: Dem, das Alle hat, kann sie noch so viel und doch nur so wenig geben.

    1\'la tt see bei Salzburg, 24. Juni 1921

    ARNOLD SCHNBERG