Metaphysische Erfahrung und Verzweiflung · PDF file 2020. 9. 1. · 135...

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    Metaphysische Erfahrung und Verzweiflung

    von Jochen Gimmel (Freiburg i. Br.)

    I. Die negativistische Ausgangslage

    Adornos berühmter Satz, das „Bewußtsein könnte gar nicht über das Grau ver- zweifeln, hegte es nicht den Begriff von einer verschiedenen Farbe, deren ver- sprengte Spur im negativen Ganzen nicht fehlt“1, kann als eine Grundformel seiner Philosophie angesehen werden. Er drückt prägnant und zugleich bildlich die Spannung aus, die Adornos Denken bestimmt: Es sieht sich eingebunden in eine Totalität des Falschen (das negative Ganze), und zugleich weiß es von die- sem schlechten Ganzen nur durch den Begriff eines Anderen (von einem Jenseits dieser Totalität), das sich durch „versprengte Spuren“ im Falschen abzeichnet. Wir werden die Philosophie Adornos im Weiteren als ein negativ-utopisches Denken kennzeichnen.2

    Der zitierte Satz findet sich im Zusammenhang einer kritischen Absetzung von der Willensmetaphysik Schopenhauers. Dieser wird vorgeworfen, die Nega- tivität des Ganzen zu verabsolutieren, d. h. die reale Totalität des Falschen zu einem metaphysischen Prinzip zu erheben und dadurch die Spuren des Anderen auszublenden. Dass Adorno Schopenhauer dennoch viel näher ist, als er einzuge- stehen bereit war, scheint unzweifelhaft.3 Gerade deshalb jedoch verdient Ador- nos Abgrenzung vom metaphysischen Pessimismus besondere Aufmerksamkeit. Durch die Konfrontation von Adorno und Schopenhauer versprechen wir uns eine wechselseitige Beleuchtung zweier negativistischer Theorien4, die – das sei 1 Adorno, Th. W.: Negative Dialektik. In: Gesammelte Schriften Band 6. Hrsg. von R. Tiedemann,

    Frankfurt a. M. 1986, 370. Im Weiteren werden alle Zitate aus den Gesammelten Schriften in der Form von „Adorno, GS 6, S.“ angegeben.

    2 Derzeit ist eine systematische Erarbeitung des Begriffs des negativ-utopischen Denkens bei Adorno im Rahmen meiner Dissertation in Arbeit.

    3 Vgl. dazu Lore Hühn (Die Wahrheit des Nihilismus. Schopenhauers Theorie der Willensvernei- nung im Lichte der Kritik Friedrich Nietzsches und Theodor W. Adornos. In: Interpretationen der Wahrheit. Hrsg. v. G. Figal, Tübingen 2002. Im Folgenden „Hühn, S.“.) und Dieter Birnba- cher (Schopenhauer und Adorno – philosophischer Expressionismus und Ideologiekritik. In: Schopenhauer im Kontext. Deutsch-polnisches Schopenhauer-Symposium 2000. Hrsg. v. D. Birn- bacher, A. Lorenz, L Miodonski, Würzburg 2002, 223. Im Folgenden „Birnbacher, S.“).

    4 Den Begriff des „Negativismus“ greifen wir zur gemeinsamen Kennzeichnung der Philosophien Adornos und Schopenhauers auf. Er wird sich im Weiteren durch die inhaltliche Entwicklung der Untersuchung rechtfertigen. (Vgl. zu diesem Begriff Michael Theunissen: Negativität bei

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    vorausgeschickt – bis in die Details der Gedankenführung übereinstimmen und doch in einen fundamentalen Gegensatz treten: Dem metaphysischen Nihilis- mus Schopenhauers stellt Adorno einen negativistischen Utopismus entgegen. Im ersten Teil wollen wir nicht bloß einen einleitenden Aufriss dieses Aufsatzes (a.–f.) geben, sondern zugleich einen Abriss dessen, was wir als die wesentliche Gemeinsamkeit beider Autoren ansehen, deren negativistische Ausgangslage:

    a. Das Denken in Selbstwidersprüchen angesichts einer Totalität des Falschen Eine augenfällige Gemeinsamkeit verbindet schon auf den ersten Blick die Philo- sophie Schopenhauers und die Adornos: Beide sehen sich zu einer radikal negati- ven Diagnose menschlicher Lebenswirklichkeit genötigt, die sie auf eine fatale Verfassung des Ganzen zurückführen. Sie verorten ihr Denken dabei jeweils im Widerspruch zu dieser ‚Totalität des Falschen‘. Daraus ergibt sich eine spezifi- sche Form der Argumentation, die hier zu Anfang als Gerüst der weiteren Ar- beit bloß in Stichpunkten skizziert werden kann: 1. Beide Autoren sehen ihr Denken eingebunden in einen totalen Zusammen-

    hang, dem dieses Denken seinem Anspruch nach widerspricht. 2. Der Widerspruch des Denkens gegenüber der Totalität ergibt sich erst durch

    das Bewusstsein von Totalität, die diesem zu einem Skandalon wird. 3. Damit tritt das Denken in einen Widerspruch mit sich selbst, da es als Teil der

    Totalität deren Vollzugsmoment darstellt und sich dennoch auf ein Jenseits dieser Totalität bezieht.

    4. Im (Selbst-)Widerspruch des Denkens erweist sich die Totalität als ein Nega- tives im normativen Sinn. Es ist dem Denken ein „Nicht-Sein-Sollendes“.

    5. Aus der normativen Negativität des Ganzen ergibt sich der Anspruch auf ein der Totalität enthobenes (transzendentes) Sein-Sollendes.

    6. Anspruch und Verfassung des Denkens stehen damit in einem Widerspruch, der eine Gedankenführung vorgibt, die sich in paradoxen Formulierungen wie der „Wille, der sein Nichtwollen will“5 bzw. das „Denken, das gegen sich selbst denkt“6 äußert.

    b. Leid und Schein als Grundbestimmungen des Ganzen Die hier bloß formale Bestimmung des Negativismus als eines Denkens in Selbstwidersprüchen bedarf eines inhaltlichen Moments, das den Maßstab liefert, normative Urteile über das Ganze fällen zu können. Dieser Maßstab ergibt sich

    Adorno. In: Adorno-Konferenz 1983. Hrsg. v. L. v. Friedeburg, J. Habermas, Frankfurt a. M. 1983 (im Weiteren „Theunissen, S.“) und ders.: Das Selbst auf dem Grund der Verzweiflung. Frankfurt a. M. 1991.)

    5 Vgl. Hühn, 143. 6 Adorno, GS 6, 144.

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    aus der Erfahrung des Leids. Sowohl von Schopenhauer als auch von Adorno wird die unaufhörliche Reproduktion des Immergleichen, des Leidens, als eine Form schlechter Unendlichkeit7 interpretiert und damit als Produkt eben jener Totalität bestimmt, der sich das Denken zu entziehen trachtet. Das ‚perennie- rende Leid‘ überhaupt als solches erkennen zu können, setzt wiederum voraus, dass das Bewusstsein den ‚Schleier‘ lüfte, der das Leiden ins Kleid des Notwen- digen hüllt. Andernfalls wäre es nicht als Schlechtes zu erkennen, sondern gäbe sich dem Bewusstsein als das faktisch Positive. Die Totalität des Leids erweckt den Anschein, das Schlechte sei das Positive, einzig Mögliche. Erst ein Denken – wie dasjenige Schopenhauers und Adornos –, das den Scheincharakter der Tota- lität erkennt und damit die Möglichkeit eines Anderen erweist, vermag auch dem Leid, das ihr entspringt, gebührend Rechenschaft zu leisten. Dass das Ganze als Schlechtes (normative Negativität) beurteilt werden kann, setzt voraus, dass es zuvor des Scheins seiner Notwendigkeit entkleidet wird, es als Falsches begriffen wurde. Doch diese Entschleierung der Totalität als Schein ist wiederum nur durch die erfahrbare Negativität des konkreten Leids möglich, die auf ein Ende des Leids leibhaftig verweist und damit den Schein der Notwendigkeit des Leids konterkariert. Leid und Schein werden zu den beiden untrennbar miteinander verwobenen Bestimmungen des Ganzen, das sich damit als Schlechtes und Fal- sches erweist. Negativ ist es in einem normativen Sinn, insofern es Leid hervor- bringt, und seinem Wahrheitswert nach, insofern es scheinhaft ist. Für beide Autoren ist das Ganze das negative Falsche als Schein und das falsche Negative als Leid. c. Metaphysische Erfahrung als Grundlage negativistischer Theorie angesichts des falschen Ganzen Leid und Schein als wechselseitige Bestimmungen des Ganzen stellen allerdings eine Zirkelstruktur dar, die die Frage aufwirft, wie ein darin befangenes Denken sich dennoch soweit der Totalität des Falschen entzieht, dass es zur Einsicht derselben gelangen kann. Können Leid und Schein als totale Bestimmungen des Ganzen überhaupt erkannt werden ohne den Begriff eines Wahren und Guten?8 Schopenhauer und Adorno teilen nicht bloß diese gemeinsame Problematik, sondern auch die bislang kaum beleuchtete Antwort darauf: Beide rekurrieren auf einen Begriff eines Außen und Jenseits des falschen Ganzen, auf einen em- phatischen Begriff von Wahrheit, der ihnen nicht durch den Gedankengang

    7 Hühn, 149. 8 Martin Seel (vgl. Adornos Philosophie der Kontemplation. Frankfurt a. M. 2004) hat auf die

    positiven Momente hingewiesen, die Adornos Philosophie implizit begleiten. Problematisch ist dieser Hinweis einzig dann, wenn darüber vergessen wird, dass diese „positiven“ Momente durch die Negativität der Kritik nicht verdrängt werden, sondern als Versprechen ihrer selbst doch immer auch entzogen bleiben und damit den Motor der negativen Methode darstellen.

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    allein zukommt, sondern sich einzig anhand konkreter Erfahrungen ergibt, wel- che zugleich Transzendenzerfahrungen darstellen, die den Bannkreis alles Dasei- enden überschreiten. In Anlehnung an die „Negative Dialektik“ werden wir diese als „metaphysische Erfahrungen“9 kennzeichnen. Sie machen den bislang unter- schätzten Nukleus negativistischer Denkansätze aus: Das Andere wird im ge- schlossenen Immanenzzusammenhang konkret erfahrbar. d. Das falsche Ganze bei Schopenhauer und Adorno Für Schopenhauer ist das Ganze zum einen dann negativ, wenn es als das Ganze der Erscheinungen (Welt als Vorstellung) begriffen wird, das durch unzählige Formen und Leiber zerfurcht ist und deren wesentliche Identität im Willen durch das principium individuationis verdeckt bleibt. Ihm ist das Ganze schein- haft in den Erscheinungen, soweit deren wesenhafter Grund nicht erkannt wur- de. Doch auch in einem normativen Sinn wird ihm das Ganze zum Fa