Michel Foucault Uberwachen und Strafen - · PDF fileMichel Foucault l Uberwachen und Strafen...

Click here to load reader

  • date post

    10-Sep-2018
  • Category

    Documents

  • view

    216
  • download

    0

Embed Size (px)

Transcript of Michel Foucault Uberwachen und Strafen - · PDF fileMichel Foucault l Uberwachen und Strafen...

  • Michel Foucault

    l Uberwachen und Strafen

    Die Geburt des Gefangnisses

    Ubersetzt von Wal ter Seitter

    Michel Foucault (1926-1984) hatte seit 1970 den Lehrstuhl fr die I Geschichte der Denksysteme am Collge de France in Paris inne. 1

    Von seinen Bchern sind im Suhrkamp Verlag u.a. erschienen: Archaologie des Wissens (stw j 56); Der Mensch ist ein Erfahrungs- tier (stw 1274); Die Ordnung der Dinge (stw 96); Schriften, Dits et Enits, Bde. 1-4 (2004); Vorlesungen am Collge de France: DieAn- ormalen; In Verteidigung der Gesellschaft; Geschichte der Gouver- 1 nementalitut 1 und II; Hermeneutik des Subjekts; Die Macht der Psychiatrie; Die Wahrheit und die juristischen Formen (stw 1645).

    Uberwachen und Strafen. Die Geburt des Gefngnisses schlieflt an Foucaults Bcher ber die nGeburt. der Klinik und des Irrenhau- ses (Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns i m Zeitalter der Vernunft = stw 39) an: es zeichnet die Frhentwick- I lung einer anderen totalen Institution nach, die fr die liberale br- gerliche Gesellschaft eine mindestens ebensolche definitorische Macht gewann wie das Irrenhaus. Diese Entwicklung beginnt, nicht unahhangig von einigen groi3en Justizskandalen, um die Wen- de des 18. zum 19. Jahrhundert, als sich die ~ O k o n o m i e der Zch- tigunga revolutionierte; es entstand eine neue Theorie des Rechts ~ und des Verhrechens, eine neue moralische und politische Recht- fertigung der Strafe, eine neue Strafpraxis. Die vielleicht entschei- dendste Verinderung ist der Wegfall der korperlichen Zchtigung, ! der hlarter, und die Einfhrung der Isolierung der Gefarigenen in Zellen - also der Weg zum vollkommenen Ubernrachungs- und 1 Disziplinierungssystem. Die Gefingnisse werden burgerliche

    1

    Zuchthauser, Zuchtanstalten. Diese verfeinerte Di~zipl in ierun~s- technik wird ihrerseits zur ~ ~ D i s z i p l i n ~ ~ im Sinne der Wissenschaft, zur selben Zeit brigens, als auch die experimentelle Psychologie entsteht. Die Kontrolle der Nornialitat korrespondiert der Norma- litat der Kontrolle.

  • Bibliografische Informarion Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikarion in der

    Deutschen Nationaibibiiografie htrp://dnb.ddb.de

    suhrkarnp taschenbuch wissenschaft r 84 Erste Auflage 1977

    O Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1976 Suhrkarnp Taschenbuch Verlag

    Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des offentlichen Vortrags, der bcrtragung

    durch Rundfunk und Fernsehen sowie der bersetzung, auch einzelner Teile.

    Kein Teil des Werkes dari in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)

    ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Vernrendung

    elektronischer Systeme verarbeiret, vervieliairigr oder verbreiret werden.

    Druck: Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden Printed in Germany

    Urnschlag nach Enrwrfen von Willy Fleckhaus und Rolf Sraudt

    ISBN )-~rS-z7784-7

    -- -

    Tite1 der O ~ i ~ i n a l a u s g a b e : Inhalt Surveiller et punir. La naissance de la

    prison. Editions Gall imard 1975

    1. Marter

    I. Der Korper der Verurteilten 9 2. Das Fest der Martern 44

    II. Bestrafung

    1. Die verallgemeinerte Bestrafung 93 2. Die Milde der Strafen 133

    III. Disziplin

    1. Die gelehrigen Korper 173 Die Kunst der Verteilungen 181 Die KontroUe der Tatigkeit 192 Die Organisation von E n t w i c k l ~ n ~ e n 201 Die Zusarnmensetzung der Krafte 209

    2. Die Mittel der guten Abrichtung zzo Die hierarchische Oberwachung 221 Die normierende Sanktion 229 Die Prfung 238

    3. Der Panoptismus 25 I

    IV. Gefangnis

    I. Totale und asketische Institutionen 295 2. Ge~etzwidri~keiten und Delinquenz 330 3. Das Kerkersystem 380

  • i I . Die verallgemeinerte Bestrafung

    Die Strafen sollen mafivol1 und den Vergehen angemessen 1

    I sein; die Todesstrafe sol1 nur noch ber schuldige Morder verhangt werden; und die der Menschlichkeit ins Gesicht

    I schlagenden Martern sollen abgeschafft werden..' Der Protest 1

    I gegen die peinlichen Strafen findet sich in der zweiten Halfte , des 18. Jahrhunderts uberall: bei den Philosophen und 1 Rechtstheoretikern; bei den Juristen, den Rechtskundigen

    1 und Richtern; in den Beschwerdebriefen und bei den Mitglie- I dern der Verfassunagebenden und Gesetzgebenden Versamm- 1 lungen. Die Bestrafung muB anders werden: die physische 1 Konfrontation zwischen dem Souveran und dem Verurteilten

    mu8 ebenso ein Ende finden wie der Nahkampf, den sich vermittels des Gemarterten und des Scharfrichters die Rache

    1 des Frsten und die verhaltene Wut des Volkes liefern. Sehr 1 rasch isi die Marrer unertraglich geworden, welche die Tyran- ( nei, die MaBlosigkeit, den Rachedurst des Souverans und das

    strzt und von ihm auch noch verlangt, daB es ,,den Himmel 1 und seine Richter, von denen es preisgegeben scheint.3, segne, i welche der Gewalttatigkeit sowohl des Konigs wie des Volkes

    I in so gefahrlicher Weise Vorschub leistet. Die souverane Macht muBte ja in der GraBlichkeit ihrer Vergeltungen eine

    I Herausforderung sehen, die eines Tages angenommen werden I I konnte: wenn das Volk daran gewohnt ist, Blut stromen zu I sehena, lernt es schnell, daB .es sich nur mit Blut rachen i kannc.4 In jenen Zeremonien durchkreuzen sich die MaBlosig- 1 ! I So f d t im Jahr 1789 das Justizministerium die allgemeine Linie der Beschwerden 1 ber die peinlichen Strafen zusarnmcn. Vgl. E. Seligman, La Justice sous la Rvolu-

    tion, Bd. 1, 1901; A. Desjardin, Les Cahiers des Etats gnraux et ln justice 1 criminelle, 1883, S . 13-20,

    r J. Petion de Villeneuve, Rrde vor der Verfas~un~gebenden Versammlung, Ar- chives parlementaires. Bd. XXVI, S. 641.

    Archives parlementaires, Bd. XXVI. 1

  • keit der bewaffneten Justiz und die Wut des bedrohten Vol- 1 werden? Wie kam es, daB der Abscheu vor den Martern so kes. In diesem Verhaltnis sollte Joseph de Maistre einen der fundamentalen Mechanismen der absoluten Macht erkennen:

    alle und aus jedem zugrunde gerichteten Korper einen Stein i heute findet, da sich wieder einmal das Problem einer Ukono- fr den Staat. Was tut's, wenn er Unschuldige trifft? An dieser 1 mie der Zchtigungen stellt. Es scheint, als hatte das 18. Jahr- zugleich gewagten und ritualisierten Gewaltsamkeit setzten hundert die Krise dieser Ukonomie eroffnet, indem es zu ihrer jedoch die Reformer des 18. Jahrhunderts das aus, was auf 1 Oberwindung das Grundgesetz aufgestellt hat, die Zchtigung beiden Seiten ber legitime Mach ta~sbun~ hinausging: Ty- I musse die ,,Menschlichkeit zum Mafi haben - ohne daB rannei und Revolie, die einander gegenberstehen und einan- I dierem doch als unumst~Rlich betrachteten Grundsatz ein der herausfordern. Um dieser zweifachen Gefahr zu begeg- , endgltiger Sinn hatte gegeben werden konnen. Darum ist es nen, muB die Strafjustiz, anstatt zu rachen, endlich be- ! notwendig, von der Entstehung und der anfanglichen Ent- strafen. / wicklung dieser ratselhaften Milde zu berichten. Diese N ~ t w e n d i ~ k e i t einer Zchtigung ohne Marter artiku- liert sich zunachst als Schrei des Herzens oder der entrsteten Natur: im verruchtesten Morder ist zumindest eines noch zu 1 oder Lacretelle, Duport, Pastoret, Target, Bergasse, die Publi- respektieren, wenn man bestraft: seine menschliche Natur. Im 'I zisten oder die Mitglieder der Verfassunggebenden Versamm- 19. Jahrhundert sollte dieser im Verbrecher entdeckte 1 lung, weil sie diese Milde gegen einen Justizapparat und gegen Mensch. zur Zielscheibe einer bessernden und andernden klassische Theoretiker durchgesetzt haben, von denen sie

    positiven Wissens der Barbarei der Martern entgegengehalten, I den die Historiker vor kurzem durch das Studium von Ge- sondern als Rechtsschranke, als legitime Grenze der Strafge- ( richtsarchiven aufgedeckt haben: die Milderung des Strafsy- walt. Er ist nicht das, was die Strafgewalt angreifen und i stems im Laufe des 18. Jahrhunderts oder, genauer gesagt, verandern, sondern was sie intakt lassen und respektieren soll. j eine zweifache Bewegung, in der wihrend jener Periode die Noli me tangere. Er markiert den Haltepunkt gegenber der Rache des Souverans. Der Mensch, den die Reformer gegen den Despotismus des Schafotts zur Geltung gebracht haben, ist nicht das MaB der Dinge, sondern das MaB der Macht. eine betrachtliche Abnahme der Blutverbrechen und ber- Wie wurde nun dieser Mensch als Grenze der traditionellen haupt der physischen Gewaltsamkeiten zu bernerken; die Praxis der Zchtigungen entgegengesetzt? Wie konnte er zur 5 Vgl . insbesondere die Polemik v o n Muyart de Vouglans gegen Beccaria: ~ f u t a - groBen moralischen Re~htfer t i~ung der Reformbewegung tion du Trait des dlits et des peines, 1766.

    94

  • -4 .I

    '4 Eigenrumsdelikte scheinen die Gewaltverbrechen abzulosen. ben und als hatten die g e s e t z ~ i d r i ~ e n Praktiken ihren Zugriff

    .y Diebstahl und Betrug verdrangen Mord, Korperverletzung auf den Korper gelockert und sich anderen Zielen zugewandt.

    "2 und Handgreiflichkeiten. Die diffuse, als Gelegenheitsarbeita Vor der Milderung der Gesetze gab es eine Milderung der i

    aber haufig betriebene Delinquenz der armsten Schichten wird Verbrechen. Diese Transformation kann aber nicht von meh- .':

    von einer begrenzten und anspruchsvolleren Delinquenz ab- reren sie untersttzenden Prozessen getrennt werden; zu- t gelost. Die Kriminellen des 17. Jahrhunderts sind ~erschopfte, nachst, wie P. Chaunu bemerkt, von einer Veranderung im JI

    schlecht genahrte Menschen, jihzornige Manner des Augen- System der okonomischen Zwange, einer allgemeinen Erho- # blicks, Saisonverbrecher, die des 18. Jahrhunderts hingegen hung des Lebensstandards, einem starken Anwachsen der