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  • Neue (musikalische) Blätter 28

    Einzigartigkeit

    Wann haben Sie zuletzt etwas wirklich Besonderes erlebt? Im allgemeinen fällt den meisten bei dieser Frage etwas ein: der erste Schmetterling des Jahres, ein Blumenstrauß, ein besonderes Buch. Ein Konzert- oder Theaterabend. Etwas, was man mit den Kindern oder Enkeln unternommen hat. Manche führen ein Tagebuch oder zumindest einen Kalender mit Ereignissen, heben Veranstaltungs- programme auf und finden im einen oder anderen etwas, das mit einem wirklich besonderen Erlebnis verbunden ist.

    Und nun vergleichen Sie einmal, was uns sonst manchmal als Besonderes aufgetischt wird, weil es »Alleinstellungsmerkmale« hat oder ein buntes Etikett. Häufig haben solche »Verkaufsargumente« zwar einen wahren Kern, bleiben in ihrer Betrachtung aber allgemein und oberflächlich und geben keine differenzierte Bewertung wieder – erst recht nicht unsere persönliche. Wie oft schon hat man Ihnen zum Beispiel etwas ganz Besonderes präsentiert und nicht mit dessen Qualität argumentiert, sondern mit dem Hinweis, dies sei »der Mercedes« unter den Angeboten. (Alternativ gibt es diesen Vergleich auch speziell für den Bereich der Kulinaria mit dem Hinweis, dies sei »der Champagner« unter…) Nein, bevor wir uns etwas vormachen lassen, einen Mercedes, einen Champagner oder ein »X«, achten wir doch lieber selbst auf Qualität und unsere Wahrnehmung.

    Apropos »Alleinstellungmerkmale«: In der Geburtstagsliste von Wikipedia wird auch jede berühmte Persönlichkeit näher bezeichnet. Johann Sebastian Bach zum Beispiel als »deutscher Komponist, Orgel- und Klaviervirtuose des Barock«, Gottfried Silbermann als »deutscher Orgel- und Klavier- baumeister« und Michel de Montaigne als »französischer Politiker, Philosoph und Begründer der Essayistik«. Edward Snowden dagegen hatte lange Zeit gar keinen Kommentar neben seinem Namen. Da stand nur der Name. So, als wäre er der Mercedes unter…

    Und wo liegt nun das Besondere? Dort, wo es angekündigt wird? Wo wir es suchen? Oder einfach da, wo wir es wahrnehmen, also entdecken, finden?

    Wie auch immer – es ist schon da, Sie werden es sehen! Uns steht ein einzigartiges Frühjahr bevor – wetten?

    Viel Freude wünscht Ihr

    […] sich auszumalen, was passieren könnte, wenn die Umstände anders als die gegebenen wären, ist der sicherste Weg in den

    Wahnsinn.

    1

    Ausgabe April 2018 http://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com

    Graf Alexander Iljitsch Rostov

  • INHALT

    Editorial: Einzigartigkeit 1

    Was ziehe ich ins Konzert an? 2

    Neuerscheinung: Amor Towles »Ein Gentleman in Moskau« 4

    Dresdner Staatsschauspiel: »Hexenjagd« 5

    Buchtip: Marianne Bruns »Szenenwechsel« 7

    Capell-Compositeur Arvo Pärt 8

    J.-L. Gérôme »Pygmalion und Galatea« 10

    Pierre Louÿs »An das Schiff« 11

    Neuerscheinung: »Katzen und Gespenster« 12

    Oper Chemnitz: Georg Friedrich Händel »Rinaldo« 14

    Neuerscheinung: Stan Nadolny »Das Glück des Zauberers« 15

    Elizabeth Barrett Browning (Sonett) 16

    Henry Hugh Armstead »Hero und Leander« 17

    Pianomania 18

    Neuerscheinung: »Was für Spinner – bizarre Kurzgeschichten« 21

    Gustave Moreau »Ödipus und Sphinx« 23

    Asklepiades (Süß ist in Sommerglut…) 22

    Schauspielhaus Salzburg: Ödön von Horváth »Niemand« 24

    Wiederentdeckung: Marta Karlweis »Das Gastmahl auf Dubrowitza« 27

    Rückblick / Ausblick: Giacomo Puccinis »Tosca« in Salzburg und Dresden 28

    Buchtip extra: »Wintersonnen« 29

    Letzte Worte 29

    Christina Rossetti (Sing, wenn ich einst…) 30

    Vincenzio Vangelisti »Thisbe und Pyramus« 31

    Impressum 32

    Nur mit Barett zu Wagner- Aufführungen!

    Oder: Soll man sich hüten, solche Hüte zu tragen?

    Wagner selbst, hat nicht erst Gunther Braam vor zwei Jahren nachgewiesen, ist gar nicht nur mit dem Barett auf dem Kopf he- rumgelaufen und hat sich genau- sowenig nur damit ablichten las- sen. In unseren Köpfen ist das Klischee dennoch verankert – und ebenso falsch wie manche überzeichnete Karikatur, etwa des beim Dirigieren wild gestiku- lierenden Wagner. Der Schatten- riß von Willi Bithorn aus dem Jahre 1870 hat sich eingeprägt, obwohl wir aus zeitgenössischen Berichten wissen, daß Wagner gerade so nicht dirigiert hat. Ebenso bleiben manche Vorur- teile bezüglich der Kleidung, wel- che man tragen solle, wenn man ins Konzert, in die Oper oder ins Theater geht. Manche nennen dies sogar als Hinderungsgrund oder Hürde für einen Theater- besuch – großer Quatsch! Kein Mensch verlangt von Ihnen, sich zu »verkleiden«, so daß es Ihnen Unwohlsein bereitet, oder sich durch die Wahl der Kleidung für eine bestimmte Form der

    Weise unpassende Farbkombina- tionen wie manche Peinlichkeit vermeiden. Vergessene Aufnäher etwa (vielleicht noch mit dem Herstellersignet, als wäre es Sportbekleidung), mit Heftstich verschlossene Taschen oder Ent- gleisungen, die dem Bedürfnis aufzufallen entsprießen. Ebenso- wenig wollen wir ins Gegenteil verfallen und zu nachlässig er- scheinen, oder? In Jeans und Schmuddel-T-Shirt in die Oper zu gehen als Affront gegen das he- rausgeputzte Publikum ist viel- leicht ein Standpunkt, aber hat es Stil? Wer provozieren möchte, hat den Sinn der Kleidung eben- sowenig verstanden wie der, der einem bestimmten »Dress code« nachhechelt – auf jeden Fall hat es nichts mit dem eigentlichen Anlaß des Abends zu tun.

    Wir gehen ja nicht täglich ins Konzert oder in die Oper, son- dern es handelt sich in der Regel – selbst dann, wenn wir ein Anrecht besitzen oder es ein Wochentag ist – um einen kultu- rellen Höhepunkt. Da wäre es also durchaus schön und ange- bracht, sich »angemessen« zu kleiden. Das eröffnet natürlich Interpretationsräume, und es ist Ihr Recht, diese zu nutzen. Zwi-

    2

    (Selbst)darstellung festzulegen. Obwohl – letztendlich tun wir doch genau dies (uns selbst dar- stellen) immer und an jedem Tag, auch mit der Alltagsklei- dung. Warum machen wir also ein »Opernproblem« daraus?

    Deshalb: Sie sollen sich wohl- fühlen! Ziehen Sie also nichts an, was Ihnen nicht behagt, in dem Sie sich nicht bewegen können oder was man Ihnen eingeredet hat, lassen Sie sich aber gerne beraten! Sie können auf diese

    28 / April 2018

    Inhalt / Nur mit Barett zu Wagner-Aufführungen!

    Richard Wagner beim Dirigieren, Karikatur von Willi Bithorn, Quelle: Wikipedia, © Josef Lehmkuhl

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    erheblich ein, es gibt zahlreiche Modelle, welche die Akustik eines ganzen Saales zu mindern vermögen!

    All diese Hinweise sind weder neu noch wichtig und kein Mensch braucht sie eigentlich. Wer keinen Geschmack hat oder andere gerne vor den Kopf stößt, den werden diese Zeilen nicht ändern. Lesen Sie sie am besten gar nicht erst! Achten Sie aber auf die Kleidung des Publikums in einem Opernhaus. Orte für wirkliche Begeisterung und echte Musikfreunde erkennt man daran, daß dort in bezug auf die Kleidung (wie auf anderes) ein tolerantes Klima herrscht und sich keine Grüppchen ab- sondern. In Bayreuth beispiels- weise ist es normal, daß die Trä- gerinnen und Träger von Desig- nerkleidern oder Baumwollho- sen nebeneinander ihre Pausen- erfrischung einnehmen und mit- einander ins Gespräch kommen. Bei den Münchner Opernfest- spielen erlebt man es nicht anders – von wegen »Dress code«! Wirklich unpassend hat der Autor dieser Zeilen einmal anläßlich der »Trojaner« in der Deutschen Oper Berlin ein Muscle-Shirt und Base Cap empfunden. Wie sich zeigen sollte, war die betreffende Per- son jedoch ein ausgewiesener Opernliebhaber und ließ seine Begeisterung frei heraus.

    Fazit: Ziehen Sie ins Konzert bitte an, was Ihnen gefällt und dessen Effekt das rechte Maß hat. Und haben Sie viel Freude!

    Beratung, dem Austausch und der gemeinsamen Vorbereitung auf das Ereignis ist es doch ein feiner Zug, nicht nur bei der Hochzeitsgarderobe auf eine harmonische Abstimmung zu achten und sich nach dem Kleid der Dame zu richten. Lange und glückliche Ehen erkennt man übrigens daran, daß beide Part- ner Accessoires mit gleichem Stoffmuster tragen – manchmal herausgestellt, manchmal ver- steckt.

    Hinsichtlich der Abendkleider enthalten wir – selbst Nelli Pohl – uns jeden Kommentars und jeder Vorschrift, denn hier sind wir großzügig, neugierig und voller Vertrauen. Abendkleid ist eben Abendkleid!

    Achten Sie aber auf Ihre Kopf- bedeckung! Einerseits beim Betreten von Gotteshäusern: in Synagogen bedecken Herren ihren Kopf, in Kirchen nehmen Sie Hut und Mütze bitte ab! Und für die Damen gilt: der Hut fürs Pferderennen ist im Konzertsaal nicht angebracht, denn er schränkt nicht nur die Sicht der hinter Ihnen sitzenden Besucher

    schen elegant und legère finden Sie sicher etwas Ihrem Stil Gemäßes. Abendkleid bzw. Smoking und Schleife können gleichermaßen angebracht und »chic« sein wie ein Leinenhemd.

    Träger von Schleifen bzw. Quer- bindern (gern »Fliege« genannt) wissen: sie ist Teil der Abend- kleidung, also erst ab dem spä- ten Nachmittag angesagt (die Musiker machen es uns vor: zur Matinée gibt es eine farblich passende, aber einfache Krawat- te), es sei denn, Sie sind ein aus- gesprochener »Fliegenträger« und es ist die von Ihnen adäquat für sich gewählte Form des Bin- ders. Übrigens darf sie auch gern farbig sein – schwarz ist zwar ein klassischer St