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Betteln: Geben oder wegschauen?

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  • Nr 7 / September 2012Zeitschrift fr die Mitarbeitenden der Zrcher Landeskirche

    Seite 10

    Fusionieren im grossen StilDer Kirchenrat fordert grssere Kirchgemeinden. Kommt es zum grossen Zusammenschluss?

    Geben oder wegschauen?Wie gehen wir mit Bettlern um?

    Seite 12

    Abschied von Ruedi ReichRckschau auf ein reiches Leben: Zum Tod des ehemaligen Kirchenratsprsidenten

  • notabene 7 / 20122

    Liebe Leserin, lieber LeserIch sehe ihn schon von Weitem. Da hockt wieder so ein Bursche mit einem ausgeleierten Akkordeon in der Unter-fhrung und das kenn ich zur Genge will etwas von mir: meine Aufmerk-samkeit, mein Mitleid, mein Geld. Das kriegt er diesmal aber nicht.

    Aus Geiz und Menschenverachtung? Um Himmelswillen, nein. Aus reiner Vernunft: Ich darf doch annehmen, dass einer, der sein Akkordeon so jmmerlich bedient, kein Strassenmusiker ist, viel-

    mehr einer organisierten Bettlerbande zugehrig. Und ich darf doch darauf hinweisen, dass ich einen Sozialstaat be-frworte und mitfinanziere, der Men-schen im Regelfall verlsslich hilft, wenns finanziell mal knapp werden sollte. Und ich bin darber hinaus br-gerlicher Herkunft und somit in der Ge-wissheit aufgewachsen, dass man sich so gut als mglich mit Fleiss und Eigenleis-tung aus misslicher Lage befreit, und sich dazu hchstens der Hilfe zur Selbst-hilfe verschreiben darf, die einem in Ge-stalt einer Sozialarbeiterin oder eines Gassenarbeiters wieder auf die Beine hilft. Aber so wie ich die Lage ein-

    schtze, darf ich davon ausgehen, dass dieser Bursche einen allflligen Batzen von mir nicht in Akkordeonstunden und damit in seine langfristige Zukunft in-vestieren wrde, sondern eher in die Sip-penkasse oder in hochprozentige Anla-gen. Es wre demzufolge geradezu widersinnig und zum langfristigen Scha-den dessen, der da vor mir kauert, etwas zu geben, weil ich das System des Miss-standes, in dem dieser Bursche gefangen ist, mit meinem Kleingeld am Leben hal-ten wrde. Und das kann ich schlicht nicht wollen. Also bleibe ich dabei und gebe diesmal nichts, beschleunige die Schritte und vertraue auf meine Argu-mentationskette und auf den zupacken-den Sozialstaat oder auf gemeinntzige Organisationen. Dann muss ich mir nmlich auch nicht die Zeit nehmen, um dem Mann mit dem Akkordeon zu er-klren, warum ich ihn links liegen lasse

    und mir selbst nicht, warum mich trotz der Stichhaltigkeit meiner Argumente ein ungutes Gefhl beschleicht.

    Der Umgang mit Bettlern, vor allem auch jenen, die fleissig an der Kirchentr anklopfen, ist Schwerpunktthema dieser Num-mer (ab Seite 7). Im Essay von

    Pfarrer Thomas Schaufelberger finden Sie persnliche Einsichten und wertvolle Hinweise, wie Sie mit dem Dilemma um-gehen knnen, wie Sie wirkungsvoll hel-fen oder mit guten Argumenten ab- oder verweisen knnen. Dass Sie fixfertige Tipps erhalten, die Ihnen ein fr allemal sagen, wie Sie auf bettelnde Menschen reagieren sollen, drfen Sie nicht erwar-ten. Von Menschen, die zu Recht oder zu Unrecht von Ihnen etwas erbitten, mssen Sie sich immer wieder konfron-tieren lassen. Das ist das Mindeste.

    Christian SchenkRedaktor notabene

    Aktuell

    Kurznachrichten3 6

    Kolumne Wers glaubt:Unser tgliches Brot

    5

    Brennpunkte

    Betteln an der Pfarrhaustr

    7 9

    Kirchgemeinden: Fusionieren

    im grossen Stil?10 11

    Abschied von Ruedi Reich

    12 13

    Sich ernsthaft lustig machen. Illustrator

    Daniel Lienahrd14 15

    Rubriken

    Themen und Termine16 17

    Stellenmarkt18

    kreuz & quer: Sitzberg - Kirche im

    Kleinformat19

    Denkzettel / Impressum20

    Editorial / Inhaltsverzeichnis

    Warum ich dachte, den Bettler links liegen lassen zu drfen.

  • notabene 7 / 2012 3

    Kirchensynode / Patchwork in der Bildungs-organisation?

    Eine Interpellation, eingereicht am 23. Februar 2012, forderte den Kirchenrat auf, die Bildungslandschaft der Landes-kirche zu hinterfragen und zu systemati-sieren. Die Interpellation ist unterzeich-net von Brigitte Henggeler und den Mitgliedern der Vorberatenden Kom-mission zum Geschft Boldern Integ-ration des Studienbereiches in die Lan-deskirche. Die Interpellanten monierten, die von der Landeskirche initiierten oder untersttzten Bildungsangebote glichen in ihrer Gesamtheit einem Patch-work.

    In einer siebenseitigen Antwort, die der Kirchensynode am 18. September vorgelegt wird, zeigt der Kirchenrat die Grundlagen fr die Gestaltung der Bil-dungslandschaft auf und weist die Ko-operationsvereinbarungen mit anderen Institutionen aus.

    Zum Thema Bildung ist neben der In-terpellation noch ein weiterer Vorstoss hngig. Das Kirchenparlament hat am 13. Mrz 2012 eine Motion zum Bil-dungskonzept berwiesen.

    Weitere Traktanden am 18. September:

    Postulat Strkung kleiner Kirchgemein-

    den durch gezielte Frderung der

    bergemeindlichen Zusammenarbeit:

    siehe dazu den Bericht ab Seite 10.

    Jahresbericht 2011

    Wahlen Abgeordnetenversammlung

    SEK und Trgerverein reformiert.zrich.

    Alle Geschfte finden Sie als pdf-Datei

    auf: www.zh.ref.ch/organisation/kirchen-

    synode/aktuell

    Sinusstudie und Orientierungshilfe / Nher bei den Menschen

    sch. Die verschiedenen Lebenswelten der Zrcher Reformierten sind seit letztem Jahr im Fokus der Landeskirche. Mit ei-ner Gesellschaftsstudie (Sinusstudie) hat die Landeskirche die Lebensmilieus und die Glaubenswelten der Reformierten im Kanton analysiert und erste Ergebnisse den Medien und Kirchenverantwortli-chen am 23. November vorgelegt (vergl. notabene 10/11). Bereits damals wurde eine handliche Orientierungshilfe fr die Gemeinden in Aussicht gestellt. Diese liegt jetzt zusammen mit der Sinusstudie in einem Doppelband vor und wird den Verantwortlichen und weiteren Interes-sierten an einer Vernissage am 4. Okto-ber im Kirchgemeindehaus Zrich Enge prsentiert.

    Die Sinusstudie sei als Kommentar zu verstehen, die die vielfltigen und bunten Lebenswelten und -weisen interpretiert, schreiben die Herausgeber Roland Diet-helm, Matthias Krieg und Thomas Schlag. Die zugehrige Orientierungs-

    hilfe versteht sich als Lexikon, das die Voraussetzungen fr eine grssere Mili-eusensibilitt in den Kirchgemeinden schafft, damit diese erkennbar und nher bei den Menschen sind und sich vielflti-ger profilieren. Die Orientierungshilfe ist in drei Teile gegliedert: In einem ersten Teil sichtet sie die Ergebnisse der Sinus-studie und referiert die theologischen und soziologischen Grundlagen. Der zweite Teil fragt danach, was konkret an-gepackt werden kann. Der dritte Teil lie-fert Ermutigung durch die positiven Er-fahrungen, die Kirchen andernorts mit dem Milieuansatz gemacht haben.

    Die Kirchgemeinden sind eingeladen, sich das Grundlagenmaterial fr die Ar-beit vor Ort zu Nutzen zu machen. Die Studie helfe, Grenzen der Lebenswelten zu erkennen, um sie zu berschreiten, schreibt Kirchenratsprsident Michel Mller in seinem Geleitwort. Die Kir-che ist ja nicht deshalb schon fr alle da, weil sie das behauptet, sondern erst,

    wenn sie die Einzelnen in ihrer Vielfalt ernst nimmt, um sie zusammenzufh-ren.

    Vernissage: Donnerstag, 4. Oktober, 17 bis

    19 Uhr. KGH Zrich Enge, Bederstr. 25.

    Lebenswelten. Modelle kirchlicher Zukunft.

    Band 1: Sinusstudie. SINUS Markt- und

    Sozialforschung GmbH. Band 2: Orientie-

    rungshilfe. Roland Diethelm, Matthias

    Krieg, Thomas Schlag (Hg.),TVZ, 2012.

    326 und 192

    Seiten, ca. Fr.

    90.00. 9

    3

    S

    Der Kirchenrat hat Rita Famos zur neuen Leiterin der Abteilung Seelsorge ernannt. Die 46-jhrige Pfarrerin tritt die Nachfolge des altershalber zurck-tretenden Ulrich Bosshard auf den 1. Mai 2013 an. Schwerpunkt der Abtei-lung ist die Wahrnehmung der Seelsorge in den kantonalen Spitlern und Pflege-zentren. Weiter gehren dazu die Po-lizeiseelsorge, die Gefngnispfarrmter, das Pfarramt fr Gehrlose, die Notfall-seelsorge und der Erwerbslosenbereich.

    Am 1. Juli hat Pfarrer Roland Diet-helm seine Stelle als neuer Beauftragter der Fachstelle Gottesdienst mit einem 50%-Pensum angetreten. Diethelm, 43-jhrig, ist Religionslehrer und Mittel-schulseelsorger und engagiert sich im Reformprojekt des Zrcher Stadtver-bandes (Gebietsreform).

    Seelsorge und Gottesdienst / Neue Leitung

  • notabene 7 / 20124

    Neuerung im Jahresbericht 2012 / Was luft in Ihrer Gemeinde?

    mo. Die neue Kirchengesetzgebung hat die Rechenschaftspflicht der Landeskir-che gegenber Kanton und ffentlich-keit erweitert. Davon ist u.a. auch der Jahresbericht der Landeskirche betrof-fen. Bis 2010 war er in erster Linie ein Rechenschaftsinstrument des Kirchen-rates gegenber Kirchensynode und Kantonsrat. Neu umfasst er grundstz-lich auch die Kirchgemeinden. Deshalb wird beispielsweise im Jahresbericht 2011 nicht nur die Rechnung der Zent-ralkasse, sondern eine Gesamtrechnung inklusive Kirchgemeinden publiziert.

    Dieser integrale Ansatz soll sich knf-tig verstrkt auf die Inhalte beziehen. In den Jahresberichten 2010 und 2011

    wurde bereits versucht, vermehrt Ge-meinde-Beispiele aufzunehmen. Damit dies mglich ist, mssen solche Beispiele den Gesamtkirchlichen Diensten be-kannt sein. Bei Fach- und Dienststellen mit hufigen Beratungs-Kontakten in die Gemeinden ist dies eher der Fall als bei solchen wie etwa der Abteilung Seel-sorge, die ihre Schwerpunkte mehr in gesamtkirchlichen Aufgaben hat.

    Kirchgemeinden sind deshalb eingela-den, in ihre Beispiele von Aktivitten, Projekten und Prozessen des laufenden Jahres zu sammeln, die Pioniercharakter haben, ungewohnt und speziell oder be-sonders erfolgreich sind. Beitrge aus allen Handlungsfeldern als kurzer

    sch. Im September und Oktober begeht die Kirche die Schpfungszeit. Die Be-wahrung der Schpfung steht dann be-sonders im Fokus der Kirche. Nicht