notabene 7/2014

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Abendmahl und Ökumene: Was man darf, und was man tut. Interview mit Pfarrer Roland Diethelm. Eine Stadtgemeinde Zürich? Die Reformierten der Stadt Zürich entscheiden an der Urne über die Kirchenstrukturen der Zukunft. Irak: Die Not der Menschen und die grosse Flucht der Christen.

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  • 1Seite 11

    Tragdie im Irak Kirchenrat ruft zu Spenden und Frbitten fr die Menschen im Nordirak auf

    Wer ist eingeladen?Abendmahl und kumene: Was man darf und was man tut

    Seite 15

    Die Rolle ihres LebensEine Pfarrerin zwischen Bhne und Kanzel

    notabeneNr 7 / September 2014Zeitschrift fr die Mitarbeitenden der Zrcher Landeskirche

  • notabene 7 / 20142

    Liebe Leserin, lieber Leser

    Drei Viertel meiner Familie sind katho-lisch. So kommt es, dass ich als refor-mierter Viertel unserer Familie hin und wieder als Gast im katholischen Gottes-dienst sitze. Und weil man bei den Ka-tholiken whrend der Gottesdienste eben nicht nur sitzt und singt, sondern auch sonst allerlei zu tun hat, tue ich das ebenfalls und mittlerweile schon recht routiniert: Man steht immer mal wieder auf, reicht einander quer ber die Bnke

    hinweg die Hand zum Friedensgruss, antwortet bei den Frbitten mit Wir bitten dich, erhre uns und stopft mg-lichst schnell mglichst viel ins Opfer-krbchen, wenn es durch die Reihen zir-kuliert. So geht das. Und so anders ist es im Grunde ja auch nicht, wie dann, wenn ich ein konfessionelles Heimspiel habe und meine katholischen Familien-mitglieder die gebten Gste geben.

    Nun kommt aber unweigerlich der Moment, in dem im katholischen Got-tesdienst zur Kommunion geladen wird. Und jetzt wird es kompliziert. Vor allem deshalb, weil ich weiss, dass es kompli-ziert ist. Dass nmlich nicht alle dasselbe meinen, wenn sie Abendmahl oder Kommunion feiern, und dass nicht jeder jeden dazu einladen kann oder darf, auch wenn er noch wollte; und nicht alle die Einladung annehmen drfen, weil sie damit doch andeuten wrden, sie verstnden dasselbe wie der, der sie ein-

    ldt, was aber nicht stimmte; oder noch schlimmer, man wrde sich arrogant ber die Differenzen hinwegsetzen, sie als Bagatelle abqualifizieren, wohlwis-send, dass die andern sie als matchent-scheidend fr ihr Verstndnis von Kir-che werten. Eben: Und so schwirren die Vorbehalte und Einschrnkungen, die es seit 500 Jahren zu diesem Thema gibt und die ich als Kirchenprofi nun ja wirk-lich auch kennen muss durch den Kopf, und mir bleiben keine dreissig Se-kunden, mich zu entscheiden, ob ich

    jetzt sitzenbleibe oder mich einreihe in die Ko-lonne der Frauen und Mnner und meiner Fa-milie, die sich das Brot des Lebens (wie der Pas-

    toralassistent vorne beim Altar sagt) rei-chen lsst.

    Mein kumenisches Abendmahlsdi-lemma endet eigentlich immer gleich, und Entscheidungsinstanz ist eher die Bauch- und Herzgegend als der Kopf: Ich nehme die Einladung an. Wie knnte ich anders, wenn da einer ist, der aus-drcklich alle, die da versammelt sind, herzlich zu Tisch ldt? Wenn das so ge-meint ist, dann vergess ich den kompli-zierten Rest und nehme und esse, wie geheissen.

    Lesen Sie mehr zur Krux mit der ku-mene beim Abendmahl und zur Freude, dass die Gastfreundschaft hben und drben in der Praxis dann doch meist ganz unaufgeregt und wie selbstver-stndlich die Oberhand gewinnt (ab Seite 8).

    Christian SchenkRedaktor notabene

    Aktuell

    Nachrichten3 6

    Kolumne Frauensache

    Sieben Tage, 24 Stunden5

    Kleines Abc der Theologie

    A wie Amen6

    Schwerpunkte

    Stadt Zrich stimmt ber Strukturen der Zukunft ab

    7

    Abendmahl und das Problem mit der

    Gsteliste8 10

    Irak: Immer mehr Menschen auf der Flucht

    11

    Rubriken

    Themen und Termine12 14

    Stellenmarkt14

    Portrt: Ich bin auch eine

    Schauspielerin15

    Impressum / Cartoon16

    Editorial / Inhaltsverzeichnis

    Dreissig Sekunden fr das Abendmahlsdilemma.

  • notabene 7 / 2014 3

    mo/sch. Die Kirchensynode hat das Pro-jekt einer reformierten Stadtakademie mit 62 zu 35 Stimmen an den Kirchenrat zurckgegeben. Idee gut, Projekt aber nicht berzeugend und so nicht finan-zierbar, lautete das Verdikt der Kirchen-synode am 1. Juli. Dabei standen die Chancen vor wenigen Monaten noch gut: In der Herbstsynode 2013 hatte der Kirchenrat ein Bildungskonzept vorge-legt, in dem der geplanten Stadtakade-mie eine zentrale Rolle beigemessen wird. Die Synodalen begrssten dies mehrheitlich. Was damals allerdings erst in groben Zgen skizziert war, lag nun als detailliertes Projekt vor: ein Bil-dungshaus, das auf Herbst 2016 im Kirchgemeindehaus Zrich Enge reali-siert werden sollte und das unter der Be-zeichnung Stadtakademie Zrich. Die Reformierten Theologie und Kirche auf neue Weise ffentlich ins Gesprch bringen wollte.

    An den Kosten gescheitert?

    Mit der inhaltlichen Ausgestaltung hatte der Kirchenrat auch die Kosten prsentiert: Fr den Umbau des Kirch-gemeindehauses Zrich Enge wren ins-gesamt 3,64 Mio. Franken bentigt wor-

    den. Davon sollte die Landeskirche 1,68 Mio. Franken bernehmen. Zu viel, fan-den zahlreiche Votanten in der Debatte.

    Fr die Prsidentin der vorberatenden Kommission, Jacqueline Sonego Mett-ner, waren nicht nur die Investitionen zu hoch, sondern auch zu viele inhaltliche Fragen offen. Die Vision sei unklar und die Ausrichtung auf die Zielgruppen wi-dersprchlich. Sie forderte spezifischere Ziele, ein Agendasetting, eine Klrung des kumene-Aspektes, eine Reduktion der personellen Dotierung und einen Businessplan. Auch fr die Finanzkom-mission war die Investition in Anbe-tracht sinkender Steuereinnahmen und Staatsbeitrge nicht vertretbar.

    Wiederbelebung chancenlos

    Untersttzt wurde der Kirchenrat von einer Minderheit der vorberatenden Kommission. Andrea Widmer Graf, Z-rich Wollishofen, betonte, dass die Stadtakademie eine gute Mglichkeit sei, weitere Personenkreise und mehr f-fentliche Wahrnehmung zu erreichen. Fr die Kirchensynode msse es um den Grundsatzentscheid gehen und nicht darum, Details zu fordern; die Ausge-staltung sei Sache des Kirchenrats.

    sch. Die Steuereinnahmen der Zrcher Landeskirche sind 2013 geringer ausge-fallen als im Vorjahr. Die Kirchgemein-den verbuchten insgesamt 208 Millionen Franken an Steuerertrgen, rund 6 Mil-lionen weniger als 2012. Damit sinkt der Ertrag erstmals wieder seit 2002. Trotz des steten Mitgliederverlustes war in der Vergangenheit das Steuervolumen der Kirchgemeinden gewachsen. Die wach-sende Steuerkraft der verbliebenen Mit-glieder machte den Steuerausfall der Austretenden jahrelang mehr als wett. Ob das nun eine Trendwende ist, knne man noch nicht abschtzen, sagt Dieter Zaugg, Finanzchef der Landeskirche.

    Allerdings sei es nur eine Frage der Zeit und der Demografie, dass sich die Kurve der Steuerertrge jener der Mitglieder annhere und nicht mehr, wie in den letzten Jahren, nach oben zeige.

    Der Spardruck, der dadurch entsteht, betrifft nicht nur die Kirchgemeinden, sondern auch die Zentralkasse der Lan-deskirche: Das Budget 2015 muss kur-zerhand um gut drei Prozent oder fast drei Millionen Franken gekrzt werden. Wo gespart werden soll, ist noch offen. Die Gesamtkirchlichen Dienste werden auf das Jahr 2015 hin grundlegend um-strukturiert. Dies ebenfalls mit Blick auf die kleiner werdenden Ressourcen.

    Finanzen / Steuereinnahmen im Sinkflug

    Mit der Rckweisung des Geschfts liegt der Ball wieder beim Kirchenrat. Er kann prfen, ob und mit welchen nde-rungen er das Projekt Stadtakademie der Kirchensynode wieder vorlegen will. Kirchenrat Daniel Reuter, der das Ge-schft in der Kirchensynode vertrat, gibt einem Wiederbelebungsversuch al-lerdings wenig Chancen: In absehbarer Zeit wird es keine Stadtakademie ge-ben, so seine Prognose. Wir haben eine grosse Chance verpasst und das Pferd damit zu Tode geritten. Und mir fehlt hier der Auferstehungsglaube. Die Marke Stadtakademie sei nachhaltig be-schdigt worden. Daniel Reuter bedau-ert dies auch deshalb, weil der ebenfalls anvisierte Verbund mit anderen evange-lischen Stadtakademien in Basel und Bern vom Tisch sei. Reuter respektiert den Entscheid des Parlaments, lsst aber die Kritik punkto Kosten nicht gelten. Die Katholiken finanzieren ihre Pau-lus-Akademie mit 17 Mio. Franken. Wir planten in ganz anderen, bescheideneren Dimensionen. Auch eine direkte Zu-sammenarbeit mit den katholischen Partnern in Zrich wre ungleich teurer geworden, sagt Reuter. Und man wre dennoch eine Art Juniorpartner geblie-ben.

    Kirchensynode / Stadtakademie endgltig begraben?

    Bei einer in Lausanne unter dem Titel Point de Suisse durchgefhrten repr-sentativen Umfrage schnitt der Pfarrberuf am schlechtesten ab. Wie ref.ch mel-det, wollen 73 Prozent der Befragten die-sen Beruf auf keinen Fall ausben. Lie-ber noch arbeiteten sie im Call-Center oder als Brsenhndler. Pfarrberuf im Formtief? Wie mans nimmt: Mehr als je-der Vierte kann sich den Job fr sich also vorstellen. Hochgerechnet ergibt das ber eine Millionen potentielle Interessen-ten im Erwerbsalter. Wer redet da von Nachwuchssorgen?

    ganz kurz / unter uns

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  • notabene 7 / 20144

    Fachtagung / Wer kmmert sich um die Pflege?

    kom. Kinderbetreuung, Teilzeitarbeit, Hauspflege durch Frauen aus Osteu-ropa oder Pflege von Schweizer De-menzkranken in Heimen in Asien: Alles heiss diskutierte Themen und allesamt stehen sie in Zusammenhang mit dem Thema Care. Fakt ist: Die Arbeit im Bereich der Pflege nimmt zu, wird aus Kostengrnden mehr und mehr in den privaten Sektor verlagert, und es stellt sich die Frage, wer und unter welchen Bedingungen diese Arbeit leisten soll.

    Die Kirche mit ihren flchendecken-den Strukturen, ihrem Erfahrungsreich-tum im Bereich Seelsorge und Diakonie und ihrem Auftrag, das Evangelium in Wort und Tat zu verknden, hat gute Voraussetzungen und auch die Verant-wortung, sich in die laufenden Debatten einzubringen und vorzuleben, wie eine

    inklusive Gesellschaft aussehen knnte eine Gesellschaft, die aus dem Be-wusstsein lebt, dass Menschen aufeinan-der verwiesen und angewiesen sind. Diese Themen werden am 3. November an ein