Owen Jones, Prolls. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse

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Medien und Politiker stempeln eine wachsende unterprivilegierte Bevölkerungsgruppe als rücksichtslos, dumm und kriminell ab. Die Mitglieder dieser Klasse werden mit einem haßerfüllten Wort bedacht: »Prolls«. Owen Jones berichtet von Krisenzentren inmitten der Welt des Wohlstands, von der wachsenden Armut und der Verzweiflung ganzer Gemeinden, deren Lage durch wirtschaftliche und soziale Verschiebungen immer prekärer wird, während die große Politik, von rechts wie von links bestimmt vom Neoliberalismus und Opportunismus, sie aufgegeben hat.

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  • ProllsDie Dmonisierung

    der Arbeiterklasse

    Owen Jones

  • Owen Jones

    PROLLS

    Die Dmonisierungder Arbeiterklasse

    Verlag Andr iele

    Leseauszug

    VAT Verlag M

    ainz

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    w.vat-m

    ainz.de

  • 2011, 2012 Owen Jones, LondonFr die deutsche Ausgabe: 2012 VAT Verlag Andr iele,MainzAlle Rechte an der deutschen bersetzung vorbehalten.Die bersetzung folgt der zweiten, vollstndig berarbeiteten undergnzten englischen Auage: Owen Jones, Chavs. e Demo -nization of the Working Class, London: Verso, Mai 2012.bersetzung: Christophe FrickerUmschlag: gestaltungsmerkmal.de, DresdenSatz: Felix Bartels, OsakaDruck: Anrop Ltd., JerusalemPrinted in Israel.isbn 978-3-940884-79-4

    www.vat-mainz.de

  • InhALT

    Vorwort zur neuausgabe 7

    Einleitung 31Der eigenartige Fall der Shannon Matthews 43Klassenkmpfer 70Politik gegen Proll 106Am Pranger 139Wir sind jetzt alle Mittelschicht 170Die schiefe Ebene 201Der britische Albtraum 216Widerstand 22Schluss: Eine neue Klassenpolitik? 278

    Dank 301noten 303

  • Mein Buch hilft dabei. Ein paar Autoren setzen gesell-schaftliche Vernderungen aber nicht allein in Gang. Wirbrauchen den Druck der Massen. berall leiden die Men-schen unter ideologisch aufgeladenen Spardiktaten. Sie ms-sen fr einen neuen Weg kmpfen. Die konservativen Torys,Blairs new Labour und ihre reichen hintermnner sollennicht denken, dass sie schon gewonnen haben. Jetzt stehtviel auf dem Spiel.

    Februar 2012

    Vorwort

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  • einleitung

    Wir alle kennen das. Man ist unter sich, und pltzlich lsstjemand eine ungeheuerliche Bemerkung fallen. Einen kleinenSatz ganz nebenbei, einen geschmacklosen Kommentar. DasBeunruhigende ist nicht einmal so sehr die Bemerkung selbst,sondern die Tatsache, dass sie oenbar sonst niemandenstrt. Kein sorgenvoller Blick. Keiner zuckt zusammen.

    Mir ging es eines schnen Winterabends beim Essen mitFreunden in einer vornehmen Gegend im Londoner Ostenso. Jeder bekam sein Stck Ksekuchen, und dann schnittjemand das ema an, das berall in der Luft lag: die Kre-ditklemme. Irgendwann versuchte der Gastgeber, mit einemkleinen Witz die Stimmung aufzuheitern.

    Ist doch schlimm, dass Woolworth zumacht. Wo kaufenjetzt die ganzen Prolls ihre Weihnachtsgeschenke?

    Er wrde sich nie fr einen Spieer halten. Auch die an-deren nicht, waren sie doch alle gebildet, weltoen, brger-lich. Mehr als eine hautfarbe war am Tisch vertreten. Eswaren genauso viele Mnner wie Frauen da, und nicht jederwar hetero. Politisch htten sich alle als linksliberal bezeich-net. Sich fr elitr zu halten, lag ihnen fern. Wenn einneuer mit einem Wort wie Kmmeltrke oder Schwuch-tel um sich geworfen htte, wre er ziemlich schnell raus-geogen.

    Aber ein Witz ber Prolls im Billigladen strte keinen.Im Gegenteil: Alle lachten. Wohl keiner wusste, dass dasenglische Wort fr Prolls, chavs, von chavi kommt,was auf Romani Kind heit. Und zu den 100.000 Leserndes Little Book of Chavs (eine Art Reisefhrer zu den Prolls)gehrte wohl auch keiner. Dieses schlaue Buch beschreibtProlls als die erblhende Klasse von Unterschicht-Bauern.Wer es im Buchladen schnell beriegt, erfhrt, dass Prollsan der Supermarktkasse arbeiten, in Fastfood-Restaurants

    31

  • oder als Putzfrauen. Tief im herzen mussten aber alle wissen,dass das Wort Proll nur die Arbeiterschicht ins Visier nimmt.Der Witz htte genauso gut so lauten knnen: Ist dochschlimm, dass Woolworth zumacht. Wo kauft jetzt die ekel-hafte Unterschicht ihre Weihnachtsgeschenke?

    Mich verstrte weniger, was gesagt wurde, als wer es sagteund wer mitlachte. Jeder am Tisch hatte eine gutbezahlteStelle. Ob sie es zugegeben htten oder nicht, jeder verdankteseinen Erfolg vor allem seiner herkunft. Alle wuchsen ingutsituierten Familien und in schnen Vororten auf. Einigewaren auf teure Privatschulen gegangen. Die meisten hattenin Oxford, an der LSE oder in Bristol studiert. Dass einKind aus der Arbeiterklasse es hnlich weit bringen solltewie sie, ist fast undenkbar. Ich wurde zum Zeugen einerjahrhundertelangen Tradition: Die Reichen machen sich berdie Armen lustig.

    Das gab mir zu denken. Wie kann es sein, dass es in Ord-nung ist, Arbeiter zu hassen? Comedians, die auf Privatschu-len gegangen sind und Millionen verdienen, verkleiden sichals Prolls und treten in beliebten Sitcoms wie Little Britainauf. Die Zeitungen weiden sich an Schauergeschichten berdas Leben unter Prolls und tun so, als wren alle Arbeiterso. Internetseiten wie ChavScum giften gegen ihr Proll-Zerrbild. Arbeiter sind anscheinend die einzige Gruppe, berdie man praktisch alles sagen darf.

    Kaum jemand in Grobritannien verachtet Prolls so sehrwie Richard hilton. herr hilton ist Geschftsfhrer vonGymbox, einem hippen newcomer in der Londoner Fitness-Szene. Gymbox ist bekannt fr Kurse mit verrckten namenund wendet sich an Fitness-Freaks mit dicken Brieftaschen.Ein neumitglied muss zunchst 17 Pfund hinlegen unddann jeden Monat 72 Pfund. herr hilton sagt selbst, dassGymbox vor allem mit der Verunsicherung seiner gutbrger-lichen Zielgruppe Geld verdienen will. Unsere Mitgliederbrauchen Selbstverteidigungskurse. Sie leben in London undhaben Angst.

    Einleitung

    32

  • Im Frhjahr 2009 fgte Gymbox seinem ohnehin schonbunten Strau (darunter Busen-Aerobic, Pole-Dancing undFlittchen-Boxen) einen neuen Kurs hinzu: Proll-Bekmpfung.Mies gelaunte Prolls brauchen keine Verwarnung, hie esauf der Webseite, ihnen gehrt die Fresse poliert. Und soging es weiter, alles im Ton eines Milizionrs, der gleich - zeitig PR-Pro ist: Einem Kind seinen Lutscher klauen ist von gestern. hier lernen Sie, wie man einem Asi seinen Ba-cardi abluchst und Gejammer zu Gewimmer macht. Proll- Bekmpfung hat nichts mit Sandscken zu tun, hier werdenRecht und Ordnung wieder hergestellt. Die Flugbltter wa-ren noch deutlicher. Verschwenden Sie Ihre Zeit nicht mitSandscken und holzbrettern, schlagen Sie lieber einem Prolldie Zhne ein. In dieser Welt sind Bacardi-Breezers IhrSchwert und Verwarnungen Ihre Trophe.

    Manche meinten, dass ein Aufruf zur Krperverletzungdoch zu weit gehe. Als die Aufsichtsbehrde der Werbein-dustrie auf den Fall aufmerksam wurde, betrieb Gymboxhaarspalterei. Man beleidige niemanden, weil ja niemandzugeben wrde, dass er ein Proll ist. Zu dieser Gruppe willniemand gehren. Das Verfahren gegen Gymbox wurde mitder unglaublichen Begrndung eingestellt, die Proll-Bekmp-fungs-Kurse wrden Gewalt gegen bestimmte soziale Grup-pen sicher weder gutheien noch zu ihr aufrufen.

    Wer die Verachtung hinter diesen Kursen wirklich verste-hen will, muss mit Richard hilton sprechen. Er deniertProlls als junge Straenkinder in Burberry-Klamotten underklrt: Sie wohnen in England, sprechen es aber wohl eherEngerland aus. Sie knnen sich kaum ausdrcken, es sindpraktisch Analphabeten. Sie lieben ihre Pitbulls und ihreMesser. Wenn du sie versehentlich streifst oder sie schief an-guckst, stechen sie auf dich ein. Mit 1 haben die Frauenzum ersten Mal geworfen, und die meiste Zeit verbringensie damit, Gras oder Klamotten zu jagen oder was sie halt inihre dreckigen Kindernger kriegen. Wenn sie mit 21 nochnicht im Knast sitzen, nennt man sie tragende Sulen der

    Einleitung

    33

  • Gemeinschaft, und sie werden zum leuchtenden Vorbild,weil sie so viel Glck hatten.

    Auf die Frage, ob die so genannten Prolls es in Grobri-tannien schwer haben, sagte er einfach: nein, sie haben esnicht anders verdient.

    Der Kurs war anscheinend ein Riesenerfolg, einer derbeliebtesten, die wir je angeboten haben. Und weiter: Diemeisten sind drauf angesprungen und haben sich wohlge-fhlt. Ein paar Polizisten fanden es schlimm. Und trotzdemhlt herr hilton sich nicht fr einen heuchler. Im Gegenteil.Sexismus, Rassismus und homophobie zum Beispiel habenhier nichts verloren.

    Der Geschftsmann Richard hilton macht mit der Angstund dem hohn vieler gutsituierter Londoner im Angesichtder Unterschicht den groen Reibach. Was fr ein Bild:Verschwitzte Banker lassen ihren Rezessionsfrust an tierhn-lichen, armen Jugendlichen aus. herzlich willkommen beiGymbox Klassenkampf und Fitness in einem.

    ber hiltons unverhohlene Verachtung mag man staunen,aber viele in der Mittelschicht sehen die Teenager aus derArbeiterschicht genauso. Dumm. Gewaltttig. Kriminell.Vermehren sich wie die Karnickel. Und natrlich sind dasalles keine Einzelflle sie ernten Lob als tragende Sulender Gemeinschaft.

    Gymbox ist nicht die einzige britische Firma, deren Ge-schftsmodell auf der Panik der Mittelschicht beruht. DasReiseunternehmen Activities Abroad bietet exotische Aben-teuerurlaube an, die oft mehr als 2000 Pfund kosten. husky-Safaris in der kanadischen Wildnis, Ferien in nnischenholzfllerhtten usw. Prolls brauchen sich gar nicht zu be-werben. 2009 schickte das Unternehmen eine E-Mail an die24.000 Menschen auf seiner Mailing-Liste und zitierte darineinen Daily-Mail-Artikel aus dem Jahr 200: Danach schlie-en Kinder, die Mittelschicht-namen tragen, mit achtmalhherer Wahrscheinlichkeit die elfte Klasse ab als Kinder,die Wayne oder Dwayne heien. Daraufhin htten die

    Einleitung

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  • Mitarbeiter sich gefragt, welche namen wohl auf den Teil-nehmerlisten ihrer Reisen stehen. Sie durchsuchten ihre Da-tenbank und machten zwei Listen. Die erste enthlt hugvertretene namen, die zweite solche, denen man bei unseher nicht begegnet. Alice, Joseph und Charles standen aufder ersten. Britney, Chantelle und Dazza gab es bei ActivitiesAbroad nicht. Das Ergebnis: Das Unternehmen pries seineprollfreien Aktivurlaube an.

    nicht jeder fand das lustig, aber das Unternehmen gabnicht nach. Ich glaube einfach, es ist Zeit, dass die Mittel-schicht auf ihr Recht pocht, sagte Geschftsfhrer AlistairMcLean. nennen Sie das von mir aus Klassenkampf. Ichwerde mich jedenfalls nicht dafr entschuldigen, dass ichzur Mittel