Petrus Legende

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ARTHUR DREWS

DIE PETRUSLEGENDE

DRITTES BIS FNFTES TAUSEND VLLIG UMGEARBEITETE AUSGABE VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS IN JENA 1924

DIE MENSCHHEIT LEBT VON WAHNVORSTELLUNGEN UND WILL BETROGEN WERDEN

ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER BERSETZUNG IN FREMDE SPRACHEN VORBEHALTEN/COPYRIGHT 1924 BY EUGEN DIEDERICHS VERLAG IN JENA

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Berlin 2005

VORWORTZum drittenmal erscheint hiermit die Petruslegende, und zwar diesmal in vollstndig umgearbeiteter Gestalt, nachdem sie seit Jahren im Buchhandel vergriffen war. Ihr erstes Erscheinen im Jahre 1910 hat ihr heftige Angriffe: nicht nur, wie zu erwarten war, von rmisch-katholischer, sondern auch von protestantischer Seite zugetragen, offenbar vorwiegend aus der Befrchtung heraus, da mit der Leugnung der Geschichtlichkeit des Petrus auch die Jesu ins Wanken geraten knne. Nachdem sich im Kampfe um die Christusmythe" inzwischen herausgestellt hat, auf wie schwachen Fen die Annahme eines geschichtlichen Jesus ruht, und nachdem meine Werke Das Markusevangelium als Zeugnis gegen die Geschichtlichkeit Jesu" (1921), Der Sternhimmel in der Dichtung und Religion der alten Vlker und des Christentums" (1923) und Die Entstehung des Christentums aus dem Gnostizismus" (1924) das rein erdichtete Geprge der Evangelien, wie ich glaube, fr jeden, der nur sehen will, auer Zweifel gestellt haben, drfte die Behauptung, da auch hinter der Gestalt des Apostels Petrus keine irgendwie geschichtliche Persnlichkeit steht, und die Aufdeckung ihres mythischen Hintergrundes nicht mehr als so gewagt erscheinen. Was insbesondere von theologischer Seite gegen meine bezglichen Ausfhrungen, z. B. gegen die Gleichsetzung von Petrus mit Petros (Mithra, Proteus, Petra) eingewendet worden ist, beruht teils auf einer verkehrten Auffassung meiner Darlegungen als ob ich einen sprachlichen Zusammenhang zwischenjenenNamenhttebehaupten wollen teilsauf offenbarer Unkenntnis und hat, wenn irgend etwas, nur die Hilflosigkeit der betreffenden Kritiker gegenber den mythologischen Tatsachen enthllt. Ich habe in dieser Beziehung von meinen Aufstellungen nichts zurckzunehmen. Was aber meine Ausfhrungen ber den Aufenthalt des Petrus in Rom und die Stiftung des Papsttums durch den Apostelfrsten" anbetrifft, so wei ich mich hier mit so vielen vortrefflichen Forschern einig und sttzt sich diese Ansicht auf so un1 Drews Petruslegende

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widerlegliche Grnde, da die Gegner erst dann werden beanspruchen knnen, mit ihrer gegenteiligen Annahme ernst genommen zu werden, wenn sie bessere Beweise als bisher fr ihre Meinung vorzubr ingen haben. Ihre neuerdings so beliebte Berufung auf die jngsten rmischen Ausgrabungen vermag ich als einen solchen Beweis jedenfalls nicht anzusehen. Denn die Ergebnisse dieser Ausgrabungen sind derartig, da nur theologische Verbohrtheit oder Gedankenlosigkeit und der fromme Glaube, der bekanntlich selbst Berge zu versetzen imstande ist, sie fr die Wahrheit der berlieferung in Anspruch nehmen kann. Im brigen wei ich nur zu wohl, wie gro die Leichtglubigkeit auf religisem Gebiete ist, wo das Seelenheil in Frage kommt, und "wie sicher die Kirche gerade auf diesem Grunde ruht: in der Tat ein Felsen", auf dem man eine Kirche errichten kann. Mag sie also auch in Zukunft ruhig weiter auf ihren Felsen Petri" pochen: wenn ich im folgenden den Nachweis zu liefern unternommen habe, da dieser Felsen" nicht Granit, sondern Pappe ist, so zhle ich dabei auf solche Leser, denen wirklich an der geschichtlichen Wahrheit und nicht blo an der Aufrechterhaltung der berlieferung um des Glaubens willen gelegen ist. Karlsruhe, im Juni 1924 Arthur Drews2

PETRUS IM NEUEN TESTAMENTI. IN DEN EVANGELIENMatthus 16,18 u. 19 spricht Jesus zu seinem Jnger Petrus, als dieser auf die Frage, wer er sei, ihn fr den Christus, den Sohn des lebendigen Gottes, erklrt: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde (ekklesia = Kirche) bauen, und die Pforten der Hlle sollen sie nicht berwltigen. Ich will dir die Schlssel des Reichs der Himmel geben, und was du bindest auf der Erde, soll in den Himmeln gebunden sein, und was du lsest auf der Erde, soll in den Himmeln gelst sein." Die Stelle hat die verschiedenartigste Beurteilung erfahren. Die rmisch-katholische Kirche grndet auf sie den sog. Primat des Petrus, die Ansicht von dem Vorrang dieses Jngers vor allen brigen, und damit ihre Rechtsansprche auf die Herrschaft ber die anderen Kirchenbildungen nicht blo, sondern auch ber die Seelen. Hingegen stimmt die protestantische Kritik im allgemeinen darin berein, da die Stelle das Einschiebsel einer spteren Zeit im Interesse der kirchlichen Machtansprche darstelle und die angefhrten Worte im Munde Jesu eine offenbare Unmglichkeit seien. Und in der Tat, wenn irgend etwas ber Jesus, wie die Evangelien ihn uns schildern, feststeht, so jedenfalls dies, da ihm nichts ferner gelegen haben kann, als eine Gemeindeoder Kirchengrndung im Sinne des rmischen Katholizismus. Jesus glaubte nach den Evangelien an das nahe bevorstehende Weltende. Mit dieser Verkndigung soll er seine Sendung angetreten haben. Sie bildet den durchgehenden Gegenstand aller seiner Lehren, die Voraussetzung, die seiner gesamten Ethik zugrunde liegt und die allein seinen Sittensprchen erst ihre erschtternde Kraft und einzigartige" Frbung v erleiht, ohne die sie zu Gemeinpltzen einer bloen volkstmlichen Moralpredigt herabsinken. Der evangelische Jesus zeigt sich aufs tiefste berzeugt von der unmittelbaren Nhe des sog. Himmelreiches, d. h. der messianischen Endzeit und seiner eigene n Wiederkunft in den Wolken des Himmels zur3

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Aufrichtung der von allen so sehnschtig erwarteten Gottesherrschaft. Er zweifelt nicht, da der Untergang des gegenwrtigen Zustandes hereinbrechen und diese Welt zugrunde gehen werde, noch bevor das gegenwrtige Geschlecht ausgestorben sein, ja, vielleicht alsbald, nachdem sein eigenes Geschick auf Erden sich erfllt haben wrde: und da htte er noch kurz vor Toresschlu so etwas wie eine Gemeinde, eine Kirche grnden sollen ? Das ist genau so unwahrscheinlich, wie da er das Abendmahl zu seinem Gedchtnis" ein gesetzt haben sollte, wo er das Ende doch bereits so nahe vor der Tre sah, da er mit einer solchen Einsetzung sich selbst aufs schroffste widersprochen haben wrde. Es kommt hinzu, da die angefhrten Matthusworte auch nicht im Einklang stehen mit anderen uerungen Jesu, in denen er nicht nur einem Jnger allein, sondern allen die Vollmacht zuspricht, zu binden und zu lsen. So heit es in demselben Evangelium des Matthus 18, 18: Wahrlic h, ich sage euch, was ihr auf Erden bindet, wird im Himmel gebunden sein, und was ihr lset auf der Erde, wird im Himmel gelst sein."1 Es handelt sich dabei dem Zusammenhange nach um den Erla der Sndenschuld. Matth. 19, 28 stellt Jesus seinen Jngern zwar die feierliche Ausbung des hchsten Richteramtes ber Israel bei seiner Verherrlichung in Aussicht, allein wiederum ohne irgendeinen der Jnger besonders zu bevorzugen. Ja, nach Matth. 20, 20ff. weist er die Ansprche der Shne des Zebedus oder ihrer Mutter, es mchte in seinem Reiche einer von ihnen zu seiner Rechten, der andere zur Linken sitzen, sogar ausdrcklich mit den Worten ab: Das Sitzen zu meiner Rechten und Linken habe ich nicht zu verleihen; das kommt an die, welchen es bereitet ist von meinem Vater", und er fgt hinzu: Ihr wisset, da die weltlichen Vlker herrschen und die Oberherrn Gewalt haben. Nicht also soll es bei euch sein. Sondern wer unter euch gro werden will, der soll euer Diener sein, und wer unter euch der erste sein will, der soll euer Knecht sein." Jesus verwahrt sich also entschieden gegen jede Rangord1

Vgl. Joh. 20, 23.

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nung unter seinen Jngern und wird nicht mde, die Seinigen zur Demut zu ermahnen: Ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister, ihr aber seid alle Brder. Auch Fhrer sollt ihr euch nicht nennen lassen; denn einer ist euer Fhrer, der Christus. Der grte unter euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhht, der wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhht werden,"1 Es ist schlechterdings unmglich, zu glauben, da je mand, der dies seinen Jngern eingeschrft hat, trotzdem einem einzigen von ihnen eine besondere Stellung ber den anderen sollte zugesprochen haben. Jesus weist nach dem Evangelium des Johannes den Petrus sogar ausdrcklich in seine Schranken, als dieser, einen besonderen Vorrang beanspruchend, auf den Johannes hindeutet und ihn fragt: ,,Herr, was soll dieser?" So ich will," antwortet er ihm, da er bleibe, bis ic h komme, was geht es dich an? Folge du mir nach." hnlich aber weist auch Paulus darauf hin, da im Garten Gottes alle gleich seien, Diener des Hchsten, und Christus der einzige Grund sei, auf den die Seinen bauen sollten: Darum rhme sich niemand eines Menschen. Es ist alles euer. Es sei Paulus oder Apollos, es sei Kephas (Petrus) oder die Welt, es sei das Leben oder der Tod, es sei das Gegenwrtige oder Zuknftige: alles ist euer. Ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes."2 Wer ist eigentlich dieser Petrus, der nach der angefhrten Matthusstelle so merkwrdig ber seinesgleichen erhht wird? Nach der Darstellung des ltesten und angeblich zuverlssigsten Evangelisten Markus fhrt er ursprnglich den Namen Simon, ist ein Bruder des Andreas und bt mit die sem zusammen das Fischerhandwerk am See Genezareth aus. Ein offenbar sehr gutglubiges Menschenpaar. Denn als die Brder eines Tages gerade ihre Netze auswerfen und Jesus an beiden vorbeigeht und ihnen zuruft: Folget mir nach, so will ich euch Menschenfischer werden lassen", da lassen Simon und Andreas alsbald ihre Netze im Stich und folgenl

Matth. 23, 18ff. 2 I. Kor. 3,21 ff.

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ihm ohne wei