Pflegeheime "ticken" anders

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    15-Jun-2015
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    Healthcare

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Ein Plädoyer für integrierte Palliative Care im Pflegeheim.

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  • 1. Modelle guter PraxisEin Pldoyer fr integrierte Palliative Care im Pflegeheim.Mit Palliative Care die Organisation entwickelnPflegeheime ticken andersPalliative Care im Pflegeheim eignet sich sehr dafr, eigene Organisationsstrukturenzu entwickeln und einen ethischen Diskurs zu frdern. Denn in weiten Teilen deckensich die Zielsetzungen von Palliative Care mit den generellen Zielsetzungen derLangzeitpflege. Notwenig sind die Untersttzung von Trger und Leitung und dieAnpassung des Projekts an die jeweiligen besonderen Bedingungen der Organisation.Im Vordergrund sollte der Diskurs selbst und weniger seine Sichtbarmachung durch dieEinfhrung vieler Dokumente stehen.Michael Rogner | Martin WangerDas Pflegeheim ist ein Ort voller He-rausforderungen,Ansprche, Wider-sprchesowie konomisierungs- undQualittszwnge, aber vor allem auchein Ort, wo in hoher Intensitt gelebt,gestorben und gearbeitet wird. Das, wasvor vielen Jahren im Krankenhaus alsQualittsentwicklung startete, bertrgtsich zum Teil sehr unreflektiert auf diePflegeheime. Aber Pflegeheime tickenanders und haben ihre eigene Logik.Palliative Care im Pflegeheim eignet sichperfekt dafr, eine Organisationskulturzu entwickeln, Partizipation zu ermgli-chen,Verbindungsstellen herzustellen,die Kommunikation zu frdern, Prozessebesser zu beschreiben, den ethischenDiskurs anzukurbeln, Reflexionsrumezu schaffen und die Organisation zuentwickeln.Palliative Care im PflegeheimIn der schweizerischen nationalen Stra-tegiePalliative Care ist einer der Haupt-punktedie Frderung der Palliative Carein der Grundversorgung. Es wird mehr-fachempfohlen, diese als integrativesAngebot zu sehen und zu definieren undnicht als etwas, was auch noch zustz-lichgemacht wird. Heute sind Pflege-situationenmeist sehr komplex in ihrerAusprgung und bedrfen daher spezi-ellerKompetenzen im interdisziplinrenTeam. Die Zielsetzungen von PalliativeCare decken sich ber weite Streckenmit den generellen Zielsetzungen derLangzeitpflege. Die Abgrenzung ist des-halbnicht einfach. Palliative Care in derPraxis PalliativeCare | 20 2013 23

2. Langzeitpflege nimmt jedoch die Anlie-genbewusster und expliziter auf. Siewendet neues Fachwissen, zum Beispielzur Linderung von Krankheitssympto-men,gezielter an (Curaviva 2009).Voraussetzungen frdas Gelingen vonPalliative-Care-ProzessenQualitt ist weder Zufall noch die Sum-mealler definierten Strukturen undProzesse innerhalb einer Organisa-tion.Katharina Heimerl (2008) prgtdie Bezeichnung Erfahrung mit Pal-liative-Care-Prozessen und definierteacht zentrale Voraussetzungen fr dieOrganisationsentwicklung in PalliativeCare. Sie ist der Meinung, dass kom-plexeProbleme komplexe Lsungenerfordern.Wer die Organisation mit PalliativeCare entwickeln mchte, hat zuallererstmehr Herausforderungen als Lsungen.Hier wre es nicht frderlich, auf QuickFix-Lsungen zu setzen, da die Frageder Nachhaltigkeit schon hier beantwor-tetwerden kann: Sie wird nicht stattfin-den.Vielmehr ist es entscheidend, einenAuftrag zu haben, die Untersttzung desTrgers und der Leitung zu sichern, dasProjektdesign an die Organisation zuadaptieren, ethische Reflexionsrume zuschaffen, Partizipation und Entlastungder Mitarbeitenden zu ermglichen unddie Sicht der Betroffenen einzubezie-hen.Wer Palliative Care im Pflegeheimeinfhren mchte, sollte zuerst den Dis-kursstarten und nicht der Verlockungerliegen, viele Dokumente einzufhren,um Palliative Care sofort sichtbar zu ma-chen.Es ist vor allem auch die Arbeitan der Organisationskultur, die oft auchmit Haltung verglichen wird. Und dieseHaltung unterscheidet sich vielfach vonder gngigen Haltung im Krankenhausoder im Pflegeheim (Heller, Knipping, 2007).In Palliative-Care-Prozessen mssen die-seunausgesprochenen und somit auchnicht verhandelbaren Haltungen ausge-sprochen,thematisiert und (den Netz-werkpartnerInnen)vermittelt werden.Qualittszertifizierungund Palliative Care kein WiderspruchDas LAK-Haus St. Laurentius in Scha-an,Liechtenstein (LAK = Stiftung Liech-tensteinischeAlters- und Krankenhilfe),verfgt als zweite Langzeitpflegeein-richtungber das Label Qualitt inPalliative Care. Dieses Label verleihtder Schweizerische Verein fr Quali-ttin Palliative Care (palliative.ch). Frdie Durchfhrung des Audits zeichnetsanaCERT suisse, die SchweizerischeStiftung fr Qualittssicherung imGesundheitswesen, verantwortlich.Mit dem Label erbringt das Haus denNachweis, 65 Qualittskriterien im spe-zifischenBereich von Palliative Care inder Langzeitpflege zu erreichen. DasAuditteam fhrte ein fr diesen Be-reichmeines Erachtens sehr sinnvolles Peer-Review-Verfahren durch, dasheit, gleichgestellte FachexpertInnen(rztInnen, Pflegefachpersonen, Seel-sorgerInnen,TherapeutInnen) beurtei-len,wieweit die Vorgaben erfllt sind.Als besondere Strken wurden diehohe individuelle Lebensqualitt fr dieBewohner, das Konzept der Bezugspfle-gesowie der hohe Grad an interprofes-sionellerZusammenarbeit mit rztenund rztinnen, Hospizmitarbeitenden,TherapeutInnen, Freiwilligen, Seelsorge-rInnensowie weiteren PartnerInnen her-vorgehoben.Im Zeitraum von drei Jah-renwurde Palliative Care implementiertund das Zertifikat erreicht. Es galt dabeistets, Palliative Care integrativ in das24 Praxis PalliativeCare | 20 2013 3. Modelle guter PraxisPflegerische Bezugspersonen mssenimmer die Schlsselfiguren sein.Gesamtkonzept einzubetten und nichtetwa auf End-of-Life-Care-Angebotezu reduzieren. Entscheidend von Anfangan waren die ffnung und das Abbauenvon Grenzen innerhalb der Denk- undHandlungsmuster und das Vermeidenvon Kategorisierungen (Ist das jetztPalliative Care oder Pflege?). Der Pal-liative-Care-Diskurs und die reflektier-teAuseinandersetzung waren fr dieMitarbeitenden sehr gewinnbringend.Thinking together Reflexionsrume schaffenDurch Inhouse-Fortbildungen und ver-schiedeneGesprchsformate (Bespre-chungnach einem Todesfall, ethischeFallbesprechungen, Pflegebesprechungenet cetera) entstanden viele unter-schiedlicheReflexionsrume fr dieMitarbeitenden. In Evaluierungenzeigtesich klar, dass organisierte Re-flexionsrumeeine wichtige Plattformdarstellen. Gemeinsam zu berlegen,gemeinsam zu denken, gemeinsamnicht weiter zu wissen und gemeinsamnach Mglichkeiten zu suchen, stellteine Verbindung her, die eine groeRessource fr die Organisation und dieEntwicklung der Palliative-Care-Kulturdarstellt. Durch die Sichtbarmachungvon Palliative-Care-Kompetenz gibt esin der Praxis Untersttzung und Refle-xionsmglichkeiten.Bezugspflege mehr alsBeziehung und OrganisationEine Schlsselfigur ist die pflegerischeBezugsperson. Durch die Kontinuittder Betreuung kann eine Beziehungaufgebaut werden, die auf Vertrauenund Fachlichkeit beruht. So knnenBelastungsfaktoren wie Angst oderBeunruhigung frhzeitig erkannt undgemildert werden. Zudem ist die Pfle-gepersondurch die kontinuierliche Be-Care einen wichtigen Beitrag leisten.Die besondere Kultur und Logik derEinrichtung gilt es dabei zu bercksich-tigen.Das betrifft vor allem Bereichewie die Qualittsentwicklung, ethischeEntscheidungsfindungsprozesse, die Re-duktionvon Palliative Care auf Bettenoder Konsiliardienste (Outsourcingvon Palliative Care) sowie die reineSchwerpunktlegung auf End-of-Life-Care. Palliative Care im Pflegeheim bie-tetdie Mglichkeit, sich mit der Plurali-sierungder Lebenswelten, der ethischreflektierten Auseinandersetzung vonWidersprchen, der interdisziplinrenund partizipativen Herangehensweisean Fragen der Lebensqualitt organi-sationalauseinanderzusetzen. LiteraturBundesamt fr Gesundheit (2012): Nationale Stra-tegiePalliative Care 2013-2015. http://www.bag.admin.ch/themen/medizin/06082/10907/(23. Februar 2013)Curaviva Schweiz (2009): Palliative Care in der stati-onrenLangzeitpflege. http://upload.sitesystem.ch/131D5358A8/4BFEA0B204/ACFBE9F81A.pdf (17. Juli 2013)Heimerl K (2008): Orte zum Leben Orte zum Ster-ben:Palliative Care in Organisationen umsetzen.Lambertus Verlag, Freiburg.Heller A, Knipping, C (2007): Palliative Care Haltungen und Orientierungen. In: KnippingC (Hg.): Lehrbuch Palliative Care. Bern: HansHuber, 39 48.Wegleitner K, Heimerl K, Heller A (Hrsg.) (2012).Zu Hause sterben der Tod hlt sich nicht anDienstplne. Der Hospiz Verlag, Ludwigsburg.Michael Rogner arbeitet als Pflegeexperteund Stationsleiter bei der LiechtensteinischenAlters- und Krankenhilfe (LAK). Studium derPflegewissenschaft. Derzeit Absolvent des Uni-versittslehrgangsOrganisationsethik an derIFF-Fakultt der Universitt Klagenfurt in Wien.E-Mail: [email protected] Wanger arbeitet als Leiter des Pflege-dienstesin der stationren Langzeitpflege beider Liechtensteinischen Alters- und Kranken-hilfe(LAK). Nachdiplomstudium Managementin Gesundheitsorganisationen.E-Mail: [email protected] besser in der Lage, die Wirkungder Interventionen zu berprfen. Dieshat einen gnstigen Effekt, da Vern-derungenschneller und besser erkanntwerden knnen. Wissen und Informationsind demnach gebndelt. Dies ist vorallem im Bereich der Kommunikationan den Nahtstellen sehr wichtig.Projekt gelungen was nun?Ein interdisziplinrerQualittszirkel als AntwortDer Qualittszirkel Palliative Care hatzum Ziel, Themen des eigenen Arbeits-bereicheszu bearbeiten (PDCA-Zyklus =plan, do, check, act), Lsungsvorschlgezu erarbeiten sowie durch Coaching dieMitarbeitenden zu untersttzen. Dar-berhinaus hat er eine beratende Funkti-onfr das Management und frdert dieNachhaltigkeit in der Organisation. ImHaus St. Laurentius ist fr die Leitungder Pflegeexperte verantwortlich. Er ko-ordiniertdabei ein Kernteam mit Ver-treterndes Hauses und zustzlich daserweiterte Team mit Netzwerkpartnern(Heimrztin, Hospizbewegung) und wei-terenVertretern des Hauses (Manage-ment,Freiwilligenkoordination). DiesePlattform hat sich sehr bewhrt, da hierviel Know-how und Projekterfahrungzur Verfgung steht und die Entschei-dungenkollektiv getragen werden. DerQualittszirkel ist sozusagen der ThinkTank fr Palliative-Care-Prozesse.Zuknftige EntwicklungspotenzialeHuser zum Leben sind auch zwangslu-figHuser zum Sterben und man kannnur dort gut s