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Kein FolientitelProf. Dr. Heiner Keupp
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Was wollen wir unter gelungener Entwicklung verstehen?
Wir stellen uns Heranwachsende vor, die sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickeln und ihren eigenen Weg finden konnten. Wir sehen Kinder und Jugendliche, die ihr Leben produktiv bewältigen können.
Aber lässt sich die Frage nach gelingender Lebensbewältigung unab-hängig vom jeweiligen gesellschaftlichen Kontext beantworten? Wenn wir uns in der jungen Geschichte von Erziehungsberatung und psychol-ogischer Lebenshilfe umschauen, dann begegnen uns sich wandelnde Vorstellungen von gelingender Entwicklung oder gelingendem Leben und den dazu erforderlichen Ressourcen. Diese Vorstellungen sind Resul-tat eines historisch variablen Konstruktionsprozesses.
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Verwirklichungschancen für Kinder und Jugendliche
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Verwirklichungschancen für Kinder und Jugendliche
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Wie soll man die Lebenskompetenz von Heranwachsenden fördern?
  
Quelle: Faust, B.C. (1794). Gesundheits-Katechismus zum Gebrauch in den Schulen und beym häuslichen Unterrichte. Bückeburg: Johann Friedrich Althans.
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Einblicke in die Geschichte (2):
 
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Einblicke in die Geschichte (3):
 
Quelle: Adolf Matthias (1911). Wie erziehe ich meinen Sohn Bejamin?
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Einblicke in die Geschichte (4):
 
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Johanna Haarers deutsche Erziehung:
 
„Vorüber sind die Zeiten, wo es erstes und oberstes Ziel aller Erzie-hung und Aufzucht war, nur die Eigenpersönlichkeit im Kind und Menschen zu vervollkommnen und zu fördern. Eins ist heute vor allem not, nämlich dass jeder junge Staatsbürger und Deutsche zum nützlichen Gliede der Volksgemeinschaft werde, dass er neben der höchst möglichen Entwicklung all seiner guten Anlagen und Fähig-keiten lerne, sich einzuordnen in eine Gemeinschaft und um ihret-willen eigene Wünsche und eigene Bestrebungen zurückzustellen."
Quelle: Johanna Haarer: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind (1936).
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Einblicke in die Geschichte (6)
 
 
Quelle: Otto Kersten (1941). Praxis der Erziehungsberatung. Ein Handbuch mit Bibliographie.
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"Das Hauptziel der Erziehungs-beratung liegt nicht in der Eliminierung der Spannungen und Konflikte, Gewissensre-gungen und Schuldgefühle, sondern in der Lebens- und Leidenskraft.“
Quelle: Heinz-Rolf Lückert (Hg.) (1964) Handbuch der Erziehungsberatung.
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Gesundheitsbezogene Prävention und Gesundheitsförderung in der Kinder- und Jugendhilfe
BT-Drucksache 16/12860
Internet: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/128/1612860.pdf
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Bezugspunkt: Ottawa Charta der WHO
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Kohärenz ist das Gefühl, dass es Zusammenhang und Sinn im Leben gibt, dass das Leben nicht einem unbeeinflussbaren Schicksal unterworfen ist.
Der Kohärenzsinn beschreibt eine geistige Haltung:
Meine Welt erscheint mir verständlich, stimmig, geordnet; auch Pro-bleme und Belastungen, die ich erlebe, kann ich in einem größeren Zusammenhang sehen (Verstehbarkeit).
Das Leben stellt mir Aufgaben, die ich lösen kann. Ich verfüge über Ressourcen, die ich zur Meisterung meines Lebens, meiner aktuellen Probleme mobilisieren kann (Handhabbarkeit).
Für meine Lebensführung ist jede Anstrengung sinnvoll. Es gibt Ziele und Projekte, für die es sich zu engagieren lohnt (Bedeutsamkeit).
Kohärenzfördernd sind die Widerstandsressourcen: Individuelle, soziale, gesellschaftliche und kulturelle Ressourcen.
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Im Individuum: organisch-konstitutionelle Widerstandsressourcen, Intelli-genz, Bildung, Bewältigungsstrategien und Ich-Stärke, die nach Antonovsky eine der zentralen emotionalen Widerstandressourcen darstellt, als emotionale Sicherheit, als Selbstvertrauen und positives Selbstgefühl in Bezug auf die eigene Person.
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Auf gesellschaftlicher Ebene: Widerstandsressourcen entstehen durch die Erfahrung von Anerkennung über die Teilhabe an sinnvollen Formen von Tätigkeiten und ein bestimmtes Maß an Sicherheit, mit diesen seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können (Verfügbarkeit über Geld, Arbeit, Wohnung….).
Auf der kulturellen Ebene: Widerstandsressourcen vermitteln auch der Zugang zu kulturellem Kapital im Sinne tragfähi-ger Wertorientierungen (bezogen aus philosophischen, poli-tischen, religiösen oder ästhetischen Quellen).
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BegründerInnen des Befähigungs-(Capability)-Ansatzes: Amartya Sen und Martha C. Nussbaum
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Unter
Verwirklichungschancen
(capabilities)
versteht Amartya Sen die Möglichkeit von Menschen, „bestimmte Dinge zu tun und über die Freiheit zu verfügen, ein von ihnen mit Gründen für erstrebenswert gehaltenes Leben zu führen.“
Amartya Sen (2000). Ökonomie für den Menschen
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Die basalen Capabilities umfassen die Ausbildung von spezifi-schen körperlichen Konstitutionen, sensorischen Fähigkeiten, Denkvermögen und grundlegende Kulturtechniken, die Ver-meidung von unnötigem Schmerz, die Gewährleistung von Ge-sundheit, Ernährung und Schutz, die Möglichkeit und Fähigkeit zur Geselligkeit bzw. zu Bindungen zu anderen Menschen, an-deren Spezies und zur Natur, zu Genuss, zu sexueller Befriedi-gung, zu Mobilität und schließlich zu praktischer Vernunft und zur Ausbildung von Autonomie und Subjektivität.
Quelle: Martha C. Nussbaum (1999). Gerechtigkeit oder Das gute Leben
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Die positive Entwicklung lässt sich allerdings nicht als ein naturge-steuertes Ablaufgeschehen begreifen, in dem sich eine innere Anlage entfaltet, sondern im Zentrum steht ein Modell von Entwicklung, das in einem transaktionalen Sinne als dynami-sches Austauschsystem zwischen den heranwachsenden Sub-jekten und den unterschiedlichen sozialen Systemen (wie Fami-lie, Schule, Peers, Nachbarschaft und Gesamtgesellschaft) ver-standen wird.  
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12- bis unter 18-Jährige:
18- bis 27-Jährige:
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„Neue Morbidität“
von somatischen zu psychischen Störungen
Untermauert durch die aktuellen Daten des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) des Robert-Koch-Instituts.
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Quelle: Robert-Koch-Institut: KiGGS
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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Sie sind motorisch weniger leistungsfähig
sie ernähren sich ungesünder und bewegen sich weniger
ihr Medienkonsum ist höher
sie verfügen über weniger persönliche, familiäre und soziale Ressourcen
geschlechtsspezifische Differenzen ergeben sich verschärft
sie zeigen häufiger Verhaltensauffälligkeiten (ADHS; v.a. Jungen),
sie haben häufiger psychische Probleme und Essstörungen (v.a. Mädchen).
(Quelle: KiGGS-Daten; nach Angaben der Eltern und der Jugendlichen)
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Befähigungsgerechtigkeit
Heranwachsende brauchen die Chance, Zugang zu den Ressourcen gewinnen, die sie zu einer souveränen Handlungsbefähigung benötigen.
Die institutionellen Angebote des Bildungs-, Sozial- und Gesundheits- ystems müssen Heranwachsende in ihrer Handlungsbefähigung syste- matisch unterstützen.
Es sind professionelle Empowerment-Strategien zu entwickeln, die auf dieses Ziel ausgerichtet sind.
Heranwachsende müssen über Partizipationsmöglichkeiten in ihren Selbstwirksamkeitserfahrungen gefördert werden.
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Besonderer Förderungsbedarf bei
Aufwachsen in Armutslage
Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen
Kindern von psychisch, sucht- und chronisch erkrankten Eltern
Traumatisierten Kindern und Jugendlichen
Empfehlungen
Gesundheitsförderung in der frühen Kindheit durch ein integriertes System früher Förderung
Frühe Hilfen müssen als umfassendes Unterstützungsangebot für Eltern von der Schwan-gerschaft über die Geburt bis zu den ersten Lebensmonaten/-jahren organisiert werden. Familienhebammen sind hier ein mögliches Angebot, allerdings bedürfen sie einer sozialdiagnostischen Qualifizierung.
Am besten geeignet scheinen Early-excellence-Projekte, Kinder-Tages-Zentren (KiTZ), „Haus für Familien“, Mütter- und Familienzentren und Mehr-Generationen-Häuser, die sozialraumbezogen ausgerichtet sind und ein komplexes Angebot machen können.
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Empfehlungen
Weil in der Schule alle Kinder erreicht werden können, bedarf es einer verbes-serten Kooperation von gesundheitsförderlichen Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe und der Schule durch den Ausbau der Schulsozialarbeit.
Speziell in den Ganztagesangeboten ist die systematische Förderung von alters-spezifischen Gesundheitsthemen relevant.
Förderung der Elternselbsthilfe (etwa durch Projekte wie Elterntalk)
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Quelle: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, BfArM 2008
Erwerb von Methylphenidat (z.B. Ritalin) durch Apotheken
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Empfehlungen
Notwendig ist die Unterstützung bei der Erarbeitung realistischer und erreich-barer Lebensziele und der identitären Grenzziehung. Diese sind Voraussetzung für Gewinnung von Lebenskohärenz.
Unterstützung ist vor allem bei der Bewältigung von Übergängen (z.B. Schule – Beruf) relevant.
Jugendliche in ambulanten, teilstationären und stationären Hilfen zu Erziehung bedürfen einer genügend intensiven, aber an ihre Lebenswelt anschlussfähige, nicht ausgrenzende und mit dem Gesundheitssystem vernetzte Hilfen.
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Lebenskompetenz braucht einen Vorrat an Kohärenz
Schöpfung sozialer Ressourcen durch Netzwerkbildung
Materielles Kapital als Bedingung für Beziehungskapital
Demokratische Alltagskultur durch Partizipation
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Familie als Beziehungsgemeinschaft
 
 
Quelle: A. Giddens: Entfesselte Welt. Wie die Globalisierung unser Leben verändert (2001)
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„Demokratie der Gefühle“ in Familienbeziehungen
Eine Demokratie der Gefühle erscheint mir für die Verbesserung unserer Lebensqualität ebenso wichtig wie die Existenz einer demokratischen Öffentlichkeit.“
Eltern-Kind-Beziehungen brauchen als Basis eine prinzipielle Gleichbe-rechtigung – was nicht im Widerspruch zur elterlichen Autorität steht.
Disziplin und Respekt bedürfen der Grundlage einer vernünftigen Begründung.
„Demokratie bedeutet ebenso die Anerkennung von Pflichten wie von gesetzlich verankerten Rechten. Der Schutz der Kinder muß die erste Aufgabe von Gesetzgebung und Politik sein.“
Quelle: A. Giddens: Entfesselte Welt. Wie die Globalisierung unser Leben verändert (2001)
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Verwirklichungschancen für Kinder und Jugendliche
Maßnahmen zur Herstellung von Befähigungsgerechtigkeit
Gesundheitsförderung als fachlicher Standard in der Jugendwohlfahrt
Ausrichtung der Fördermaßnahmen an den spezifischen Bedürfnissen Heranwachsender ausrichten (von der Anbieter zur Nutzerperspektive)
Orientierung an lebenslaufspezifischen Entwicklungsthemen
Frühe Förderung von Familien und Kindern nicht als soziale Kontrolle
Hilfsangebote für Kinder chronisch und psychisch kranker Eltern verbessern
Mehr Aufmerksamkeit für traumatisierte Kinder („Traumasensibilität“)
Verbindliche Netzwerke für die Kooperation von Jugendwohlfahrt, Gesund-heitssystem und Behindertenhilfe
Entwicklung einer gesundheitsförderlichen Schule
Die Verringerung ungleicher Gesundheitschancen als politische Zielvorgabe