R. L. Stine - Fear Street - Eifersucht

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    04-Aug-2015
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R. L. Stine

EifersuchtNur eine kann gewinnenAus dem Amerikanischen bersetzt von Sabine Tandetzke

Loewe

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Stine, Robert L.: Fear Street / R. L. Stine. Bindlach : Loewe Eifersucht : Nur eine kann gewinnen / aus dem Amerikan. bers, von Sabine Tandetzke . l. Auflage 2001

ISBN 3-7855-4020-5

ISBN 3-7855-4020-5 - l. Auflage 2001 Titel der Originalausgabe: Killers KissEnglische Originalausgabe Copyright 1995 Parachute Press, Inc. Alle Rechte vorbehalten inklusive des Rechts zur vollstndigen oder teilweise!! Wiedergabe in jedweder Form. Verffentlicht mit Genehmigung des Originalverlags, Pocket Books, New York. Fear Street ist ein Warenzeichen von Parachute Press. fr die deutsche Ausgabe 1998 Loewe Verlag GmbH, Bindlach Aus dem Amerikanischen bersetzt von Sabine Tandetzke Umschlagillustration: Arif Aksoy Umschlaggestaltung: Pro Design, Klaus Kgler Satz: DTP im Verlag Gesamtherstellung: Wiener Verlag Printed in Austria

Kapitel 1Boah! Vincent Milano lie sich mit einem tiefen Seufzer in die Sofakissen fallen. Auf seiner Wange konnte er immer noch die Berhrung von Delia Eastons Lippen spren. Er sah ihr zu, wie sie ihren dunkelroten Lippenstift auftrug, der in einer silbernen Hlse steckte. Zuerst fuhr sie sich damit ber die volle Unterlippe. Dann verteilte sie ihn auf der Oberlippe. Sorgfltig zeichnete sie die Konturen ihres Mundes nach. Delia schien auch ohne Spiegel genau zu wissen, dass es tadellos aussah. Nachdem sie die Lippen noch ein paar Mal kurz aufeinander gepresst hatte, tupfte sie sie mit einem Papiertuch ab, das sie auf den Couchtisch warf. Ein perfekter Lippenabdruck verfrbte das weie Tuch. Dunkelrote Lippen, die Vincent ebenso anzulcheln schienen wie Delia, die neben ihm auf der Couch sa. Er fuhr sich mit der Hand durch sein welliges, dunkles Haar. Dann griff er an Delia vorbei, schnappte sich ein Papiertuch aus ihrer Tasche und wischte sich damit einen Lippenstiftfleck von der Wange. Worber haben wir eben gesprochen?, fragte er und strahlte Delia mit seinem unwiderstehlichen Vincent-Milano-Lcheln an. Wir wollten gerade deine Geburtstagsparty planen, antwortete Delia. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Aber ich schtze, das mssen wir verschieben. Es ist schon spt. Ich sollte mich langsam mal auf die Socken machen. Vincent robbte ein Stckchen nher. So spt ist es doch noch gar nicht. Musst du wirklich schon gehen? Er streichelte sie mit dem Finger zart unter dem linken Ohr. Delia kicherte. Dann warf sie einen Blick aus dem Wohnzimmerfenster. Deine Eltern kommen wahrscheinlich bald nach Hause, meinte sie. Aber noch sind sie nicht da. Vincent drehte sich zum Fenster.9

Sehr viel sehen konnte er nicht - nur Delias kleinen, roten Jetta, der in der Auffahrt geparkt war. Die Strae vor dem Haus lag verlassen da. Sie werden noch eine Weile wegbleiben. Genau genommen wrden Vincents Eltern sogar erst in einigen Stunden zurckkommen. Aber er erwartete um neun noch jemanden. Jemanden, den Delia auf keinen Fall sehen sollte. Er warf einen schnellen Blick zur Uhr auf dem Kaminsims. Erst halb neun. Noch jede Menge Zeit, bevor Karina kam. Whrend er auf sie wartete, konnte er sich ruhig noch ein bisschen amsieren. Vincent ksste Delia noch einmal. Sie wrde nie im Leben auf die Idee kommen, dass sein strahlendes Lcheln etwas mit Karina Frye zu tun hatte. Mmmm. Delia sah mit funkelnden, braunen Augen zu ihm auf. Ich war heute unterwegs, um neue Klamotten zu kaufen, sagte sie zu ihm. Fr deinen Geburtstag suche ich nmlich was ganz Besonderes. Ich hab einen engen lilafarbenen Rock anprobiert, aber ich war mir nicht ganz sicher Na, toll!, dachte Vincent. Karina und Delia glauben beide, dass sie mit mir zusammen Geburtstag feiern werden. Er lachte. In Lila siehst du bestimmt echt scharf aus! Delia wurde rot. Stimmt doch auch, sagte sich Vincent im Stillen. Und auerdem wollte sie genau das hren. Also was war falsch daran? Delia war keine Schnheit so wie Karina. Aber sie fiel berall auf. Du hast tolle Haare, flsterte Vincent und fuhr mit der Hand durch Delias lange, dunkle Locken. Und dein knallroter Lippenstift macht mich total an, fgte er hinzu. Bingo! Da hatte er genau das Richtige gesagt. Delia drckte ihm einen heien Kuss auf den Mund. Whrend er sie ksste, versuchte er, nicht an Karina zu denken. Er wrde sich nie zwischen den beiden entscheiden knnen. Dazu waren sie einfach viel zu verschieden. Man konnte sie berhaupt nicht miteinander vergleichen. Karina hatte superglattes, blondes Haar und hellblaue Augen. Sie10

war hbscher als jedes andere Mdchen, das er je gesehen hatte. Irgendwie erinnerte sie ihn an Michelle Pfeiffer. Delia war kontaktfreudig und ein ziemlich aufflliger Typ. Karina war lieb und ziemlich schlau. Er mochte sie beide sehr sogar. Wenn ihm das Glck treu blieb, konnte er sich weiterhin mit beiden treffen. Delia seufzte. Ich war ganz schn bld zu denken, du wrdest auf Karina stehen. Du bist deswegen doch nicht sauer, oder? Vincent ignorierte das unbehagliche Gefhl, das ihm durch den Magen schoss. Musste sie das Thema ausgerechnet jetzt ansprechen? Delia hatte keinen blassen Schimmer, dass er sich mit Karina traf. Und Karina wusste nichts von Delia. Sonst wrde sie ja wohl kaum zu ihm kommen. Ich bin nicht sauer. Vincent bemhte sich, seine Stimme ganz ruhig klingen zu lassen. Du und Karina, ihr streitet doch um alles. Also ist es nur logisch, dass ihr auch auf denselben Jungen steht. Stimmt, es wundert mich berhaupt nicht, dass Karina hinter meinem Freund her ist. Delia rckte ein Stck von Vincent ab und setzte sich aufrecht hin. Seit wir klein waren, ist sie neidisch auf mich. Auf meine Klamotten, meine Noten, meine Freunde. Delia seufzte. Karina tut immer so, als wre sie das brave Mdchen von nebenan. Aber kaum hatte sie mitgekriegt, dass wir zusammen sind, war sie auch schon hinter dir her. Vincent verdrehte die Augen. Er hatte niemals ein schlechtes Gewissen - und er wrde jetzt bestimmt nicht damit anfangen. Aber es machte ihn hllisch nervs zuzuhren, wie Delia ber Karina herzog. Wieder warf er einen Blick auf die Uhr. Halb neun. Moment! Es konnte doch nicht immer noch halb neun sein! Vincent blieb vor Schreck die Luft weg. Hastig sprang er von der Couch auf. Vincent? Was ist denn los?, rief Delia erstaunt. h nichts. Er versuchte, ganz cool auszusehen, als er zum Kamin hinberschlenderte und sich unauffllig zur Uhr hinunterbeugte. Kein Ticken. Sie war stehen geblieben.11

Und er hatte keine Ahnung, wann. Es konnte inzwischen lngst neun Uhr sein! Vincents Herz hmmerte gegen seine Rippen. Er drehte sich zu Delia um, die gerade angefangen hatte, eine neue Schicht ihres tiefroten Lippenstifts aufzutragen. Du du hattest Recht mit meinen Eltern, stotterte Vincent. Er lief durch den Raum, nahm Delia am Arm und zog sie von der Couch hoch. Sie werden bestimmt bald zu Hause sein. Du gehst jetzt besser. Was? Aber vor einer Minute hast du doch noch gesagt Ich wei, aber ich hab gar nicht gemerkt, wie spt es schon ist. Vincent drehte sich zum Fenster. Von Karina war noch nichts zu sehen. Aber sie wrde bestimmt jeden Moment auftauchen. Meine Mum glaubt, dass ich fr den Mathetest pauke, erklrte er atemlos. Das hab ich ihr jedenfalls gesagt. Vincent drckte Delia ihre grn-rote Jacke in die Hand und schob sie zur Haustr. Sie bringt mich um, wenn sie rausfindet, dass du hier gewesen bist. Er schaltete die Auenbeleuchtung ein und warf einen Blick nach drauen. Keine Karina. Erleichtert riss er die Tr weit auf. Wir sehen uns morgen in der Schule, stie er hastig hervor. Okay? Okay, antwortete Delia und berprfte noch einmal ihren Lippenstift in dem groen Spiegel, der im Flur hing. Dann drckte sie Vincent einen schnellen Kuss auf die Wange. Bis morgen, sagte sie und trat aus der Tr. Kaum war sie gegangen, raste Vincent ins Wohnzimmer und schttelte die Sofakissen auf. Dann schnappte er sich das Papiertuch, das Delia benutzt hatte, um ihre Lippen abzutupfen, und stopfte es in seine Hosentasche. Als er hrte, wie Delias Wagen ansprang, strzte er gerade noch rechtzeitig zum Fenster, um ihr zum Abschied zuzuwinken. Kaum waren die roten Rcklichter ihres Jetta um die Ecke verschwunden, kamen auch schon die Scheinwerfer eines anderen Autos in Sicht. Karina! Wieder begann Vincents Herz zu hmmern aber diesmal vor Aufregung. Er wartete am Fenster und beobachtete, wie Karina ihren12

silbernen Ellipse parkte und ausstieg. Im Mondlicht wirkte ihr langes, blondes Haar genauso silbern wie ihr Auto. Sie hatte es zu einem seidig glnzenden Pferdeschwanz zusammengebunden, der ihre Schultern streifte, als sie auf die Haustr zuging. Vincent grinste in sich hinein, als Karina auf die beleuchtete Veranda trat. Sie trug einen kurzen, schwarzen Rock und eine dunkle Strumpfhose, die ihre langen Beine betonte. Obwohl es Februar war, hatte sie keinen Mantel an. Ihr Pulli passte perfekt zu ihren blauen Augen. Vincent ffnete die Tr, bevor Karina klingelte. Er trat auf die Veranda hinaus und blickte die verlassene Strae hinunter. Puh, das war verdammt knapp!, dachte er. Karina! Er lchelte. Sein unwiderstehliches Vincent-MilanoLcheln. Wurde aber auch Zeit, dass du kommst. Ich hab mich den ganzen Abend tdlich gelangweilt. Tut mir Leid, dass ich so spt dran bin, antwortete Karina. Aber weit du was? Whrend ich herfuhr, habe ich ber das Motto fr deine Geburtstagsparty nachgedacht! Lass uns spter darber reden. Vincent legte die Arme um Karina und zog sie nher zu sich heran. Dann gab er ihr einen langen, sanften Kuss. Komm doch rein, flsterte er und zog sie durch die Tr. Aber kaum hatten sie den hell erleuchteten Flur betreten, wich alle Farbe aus Karinas Gesicht, und ihr klappte der Unterkiefer herunter. Oh, nein!, keuchte sie. Ich glaubs einfach nicht!

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Kapitel 2Hey? Was ist los? Vincent fuhr herum und warf einen Blick in den Flur hinter ihm. Nichts zu sehen. Er drehte sich wieder zu Karina um. Was hast du denn? Was ich habe? Langsam kehrte die Farbe in Karinas Gesicht zurck. Auf ihren Wangenknochen breiteten sich rote Flecken aus. Was ich habe?, wiederholte sie wtend. Sie befreite ihren Arm aus seinem Griff und marschierte ins Bad. Was ist nur mit ihr los?, fragte sich Vincent. Karina kam mit einem Papiertuch zurck und wischte ihm damit unsanft ber die Wange. Das habe ich, stie sie zwischen zusammengebissenen Zhnen hervor und hielt vorwurfsvoll das Tuch hoch. Oh! Vincent starrte betreten auf den dunkelroten Fleck. Diese Farbe wrde ich berall wiedererkennen! Karina knllte das Papiertuch zu einem Ball zusammen und feuerte es auf den Boden. Karina hey!, begann Vincent. Hr mal, ich Delia! Sie war hier, nicht wahr? Sie wei genau, dass wir zusammen sind und deswegen ist sie vorbeigekommen, um dich mir auszuspannen. Und du! Du hast sie geksst! Vincent hatte Karina noch nie so aufgeregt erlebt. Sie zitterte am ganzen Krper. Du kriegst das in den Griff, redete er sich gut zu. Karina wird sich gleich wieder beruhigen. Aber nur, wenn er sich eine gute Ausrede einfallen lie Vincent bemhte sich, mit sanfter Stimme zu sprechen und ruhig und unschuldig zu klingen. Es ist nicht, wie du denkst, versicherte er Karina. Ach, was du nicht sagst. Sie verdrehte genervt die Augen. Delia ist einfach hier bei mir aufgetaucht. Sie brauchte Hilfe bei ihren Hausaufgaben in amerikanischer Geschichte. Das hat sie jedenfalls behauptet.14

Karina warf ihm einen kalten Blick aus ihren blauen Augen zu. Das erklrt aber nicht den Kuss. Du wei doch, wie Delia ist. Vincent steckte die Hnde in die Taschen seiner Jeans. Sie macht immer, was sie will gnadenlos. Als sie ging, hat sie mich auf die Wange geksst. Keine groe Sache. Echt nicht. Karina seufzte und ging hinber zum Fenster. Sie wird langsam weich, dachte Vincent erleichtert. Zum Glck kann sie mir nie lange bse sein. Er folgte ihr. Ich hab sie nicht zurckgeksst oder so. Es war nur ein kleiner KUSS auf die Wange. Ehrlich. Jetzt msste sie eigentlich reif fr eine Umarmung sein, dachte er. Und bereit, mir zu vergeben. Zrtlich legte er ihr die Arme um die Schultern. Mit einem rgerlichen Knurren riss Karina sich los. Delia ist nur scharf auf dich, weil sie wei, dass du mir gehrst. Sie will alles, was ich habe. Meine Noten. Meine Klamotten. Meine Freunde. Und jetzt ist sie sogar hinter dir her. berrascht bemerkte Vincent, dass Trnen in ihren Augen glitzerten. Wieder griff er nach ihr. Aber sie schob ihn weg. Delia macht mich ganz krank!, schrie Karina. Ich hasse sie! Aber diesmal hat sie keine Chance! Sie riss die Haustr auf und strmte nach drauen. Vincents Mund wurde ganz trocken. Fassungslos starrte er Karinas Rcken an, als sie zu ihrem Auto rannte. Die Wagentr wurde zugeknallt. Die Scheinwerfer flammten auf. Der Motor sprang drhnend an. Hey, Karina!, rief Vincent schlielich. Warte doch! Er begann zu rennen und fuchtelte dabei mit beiden Hnden wild ber dem Kopf herum. Der Wagen fuhr mit hoher Geschwindigkeit rckwrts aus der Einfahrt. Die Reifen quietschten auf dem Pflaster. Vincent sprintete durch den Vorgarten. Karina! Halt an!, rief er. Aber der Wagen wurde nicht langsamer. Vincent erhaschte gerade noch einen kurzen Blick auf Karinas wtendes Gesicht, whrend sie davonraste. Als sie um die Ecke preschte, quietschten die Reifen wieder auf. Er15

konnte nicht aufhren, an Karinas Gesicht zu denken. Wutverzerrt. Total auer Kontrolle. Was hatte sie vor?

Kapitel 3Hier steht, dass der Gewinner des Conklin Stipendiums ber ex ex Delia sah hinber zu ihrer besten Freundin, Britty Myers. Britty kaute auf einer Strhne ihrer langen, honigfarbenen Haare herum, whrend sie versuchte herauszufinden, was der Ausdruck in der Broschre bedeutete. Also, der Gewinner muss ber ex exemplarischen Schulgeist verfgen, las Gabe Denver ber ihre Schulter hinweg laut vor. Das heit so viel wie vorbildliches Engagement in der Schule zeigen! Auerdem steht hier, dass der Gewinner in allen Fchern hervorragende Noten haben und auerdem knstlerisch begabt sein muss. Darber hinaus wird erwartet, dass er auf der Bhne etwas vortragen kann. Er hob den Blick von der Broschre und schaute Delia an. Seine Wangen verfrbten sich zartrot. Klingt, als ob du es kriegen knntest, sagte er. Na, klar, murmelte Delia und verdrehte die Augen. Sie und ihre Freunde hockten in der obersten Reihe auf der Tribne der Sporthalle und sahen sich ein Basketballspiel zwischen zwei Collegemannschaften an. Es waren nicht besonders viele Zuschauer da. Delia schenkte dem Spiel keine groe Aufmerksamkeit. Sie war mit ihren Gedanken ganz bei Vincent. Sehnschtig erinnerte sie sich daran, wie er sie geksst hatte. Bei der Vorstellung, dass er zrtlich seine Arme um sie legte, durchfuhr sie eine solche Hitze, dass sie das Gefhl hatte dahinzuschmelzen. Ich wrde nur gerne wissen, warum er mich gestern Abend so16

schnell wieder loswerden wollte, dachte sie. Erst bittet er mich zu bleiben, und im nchsten Moment schiebt er mich aus der Tr. Delia schttelte den Kopf und warf ihre langen, dunklen Locken ber die Schulter. Sie strich mit der Hand ber den Rock des dunkelorangefarbenen Hemdblusenkleids im 70er-Jahre-Look, das sie im Secondhand-Shop aufgetrieben hatte. Rund um den Saum waren groe, hellgelbe Blumen aufgestickt. Sie liebte dieses Kleid. Ich bin wahrscheinlich das einzige Mdchen an der ganzen Highschool, das sich traut, so was anzuziehen, dachte sie. Genau deswegen hatte sie es ja auch gekauft. Sie konnte es nmlich nicht ausstehen, in der Menge unterzugehen. Delia merkte, dass Gabe sie bewundernd anstarrte. Er erinnerte sie irgendwie an einen Welpen, der auf einen Hundekuchen wartet. Sie unterdrckte den pltzlichen Drang, ihm den Kopf zu ttscheln. Klar wusste sie, dass Gabe in sie verknallt war. Und sie wnschte sich, er wrde sich wenigstens ab und zu mal mit jemand anderem treffen. Bestimmt gab es eine Menge Mdchen an der Shadyside High, die gerne mit ihm ausgehen wrden. Wie wrs denn mit Britty? Delia sah zwischen ihren beiden Freunden hin und her. Die beiden wrden ein klasse Prchen abgeben. Ich glaube nicht, dass Gabe besonders scharf darauf ist, von mir verkuppelt zu werden, dachte Delia. Aber ich wrde ihm gerne was Gutes tun. Er ist so ein netter Kerl. Wer sonst wrde die Geduld aufbringen, ihr fast jeden Abend bei den Hausaufgaben zu helfen? Und wer sonst htte den Nerv, ihr zuzuhren, wenn sie mal wieder stundenlang von Vincent schwrmte? Delia fand das total s von Gabe. Besonders seit sie wusste, dass er Vincent nicht ausstehen konnte. Man musste wirklich kein Genie sein, um den Grund dafr herauszufinden. Gabe war eiferschtig auf ihn. Hey! Erde an Delia! Britty hpfte vor ihrer Freundin auf und ab und wedelte mit beiden Hnden vor ihrem Gesicht herum. Britty war klein und athletisch gebaut und die beste Turnerin der ganzen Highschool. Sie konnte nie lnger als ein paar Minuten stillsitzen.17

Knntest du dich vielleicht mal hinsetzen, schimpfte Delia. Ich will meinen Lippenstift nachziehen. Sie griff nach der silbernen Hlse, die ihren Lieblingston Mitternachtsfeuer enthielt, und frischte die Farbe auf. Dann stopfte sie den Lippenstift zurck in ihre Tasche und sah sich nach einem Tuch zum Abtupfen um. Eins von Brittys Heften lag auf dem Sitz neben ihr. Delia riss eine Seite heraus und presste sie gegen ihre Lippen. Delia!, kreischte Britty und sprang sofort wieder auf die Fe. Deinetwegen muss ich mir beinahe jede Woche ein neues Heft kaufen. Sorry. Ist wirklich ne schlechte Angewohnheit von mir. Dein nchstes Heft geht auf meine Rechnung, entschuldigte sich Delia. Sie blickte auf den dunkelroten Abdruck, den sie auf dem Papier hinterlassen hatte - ein lchelndes Lippenpaar. Beim Abtupfen hatte sie wohl mal wieder an Vincent gedacht. Britty lie sich auf den Sitz neben ihr fallen. Seitdem wir hier sind, bist du mit den Gedanken ganz woanders. Was ist eigentlich mit dir los? Wir haben ber das Conklin Stipendium geredet, und das interessiert dich sonst immer brennend. Sofort verschwand Vincent aus ihren Gedanken. Tut mir Leid, Britty. Aber wenn ich schon an das Stipendium denke, werde ich so nervs, dass ich es kaum aushalten kann. Delias Eltern hatten kein Geld, um sie aufs College zu schicken. Wenn sie das Conklin Stipendium nicht bekam, musste sie daher im Herbst aufs Junior College hier in Shadyside gehen. Und sogar das wrden sie sich kaum leisten knnen. Aber wenn sie das Stipendium bekam, konnte sie das begehrteste und teuerste Modecollege in New York besuchen. Schon mit zwlf hatte sie beschlossen, dort zu studieren, und dieser Traum war geblieben. Delia runzelte die Stirn. Das Conklin Stipendium war fr sie mehr als nur eine Auszeichnung. Es war das Ticket zu ihrer Zukunft. Die wichtigste Sache im ganzen Universum. Na ja, bis auf Vincent natrlich. Was glaubt ihr? Delia sah ihre Freunde scharf an. Natrlich wollte sie nicht, dass die beiden sie anlogen. Aber sie war sich auch nicht sicher, ob sie wirklich die18

Wahrheit hren wollte. Hab ich eine Chance auf das Stipendium? Na, logo, versicherte ihr Gabe. Der Summer, der das Ende des Spiels anzeigte, ertnte, und er klatschte dem Seniorteam Beifall. Die Zuschauer schnappten sich ihre Bcher und Ruckscke und strmten aus der Halle. Fr dich ist das doch ein Kinderspiel, nahm Gabe das Thema wieder auf. Keiner hat bessere Chancen auf das Stipendium als du. Delia konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Ich freu mich, dass du das so siehst, sagte sie zu Gabe. Aber ich frchte, die Jury wird mir den Preis nicht einfach so berreichen. In diesem Jahr haben sich sieben Leute fr das Stipendium beworben. Sie ging die anderen Kandidaten im Kopf durch. Die meisten von ihnen stellten keine Bedrohung fr sie dar, aber einige von ihnen hatten durchaus eine Chance. Eine gute Chance sogar. Stewart Andrews ist ein echtes Problem, seufzte sie. Er ist der begabteste Zeichner in unserer Klasse. Er hat mir erzhlt, dass er fr den Talentteil des Wettbewerbs eine Zaubernummer einstudiert, warf Britty ein. Wisst ihr noch, wie er Mr Marsden hat verschwinden lassen? Das war richtig cool. Gabe zuckte mit den Achseln. War doch nur ein billiger Trick. Delia zhlte nacheinander die anderen Kandidaten auf. Und dann ist da noch Karina. Ihre Chancen stehen auch nicht schlecht, sagte sie schlielich. Sie gab sich alle Mhe, ihrer Stimme einen beilufigen Klang zu geben. Die beiden anderen sollten denken, dass es ihr berhaupt nichts ausmachte, gegen Karina anzutreten. Aber sie hatte das dumme Gefhl, dass ihre Freunde ihr das nicht abkauften. Mach dir keine Sorgen wegen Karina, versuchte Britty sie zu beruhigen. Du hast leicht reden, dachte Delia. Du musst ja auch nicht gegen unsere kleine Miss Perfekt antreten. Karina hat eine wunderschne Stimme. Aber man braucht mehr als nur Talent, um das Stipendium zu gewinnen, fuhr Britty fort. Gute Noten sind auch total wichtig. Genau, besttigte Gabe. Und deine Noten sind besser als die19

von allen anderen. Dank deines Nachhilfeunterrichts, sagte Delia mit weicher Stimme. Britty verdrehte die Augen. Stimmt, deshalb sind ihre Noten besser als deine, Gabe. Dann machte sie pltzlich ein ernstes Gesicht. Delia, lass dich von der ganzen Sache doch nicht so stressen, meinte sie. Deine Noten sind dieses Jahr noch viel besser als sonst. Du bist zwei Jahre lang Trainerin der Mdchen-Volleyballmannschaft gewesen. Und du hast die ganze Organisation des Abschlussballs bernommen. Auerdem bist du Redakteurin unserer Schlerzeitung, zhlte Gabe weiter auf. Und die Vorsitzende des Recycling-Komitees. Schon gut, schon gut, rief Delia. Aber das zhlt alles nicht. Nichts davon zhlt! Sie hasste es, so weinerlich zu klingen, aber sie konnte nichts dagegen tun. Ich bin vielleicht Redakteurin unserer Schlerzeitung, aber Karina ist die Chefredakteurin, erinnerte Delia ihre Freunde. Ich trainiere das Volleyballteam. Dafr ist Karina die Starspielerin der Mannschaft. Ich bin fr die Organisation des Abschlussballs verantwortlich. Aber Karina Na, und?, wurde sie von Gabe unterbrochen. Dann ist sie eben die Ballknigin. Was solls! Okay, sie ist die Sprecherin der Abschlussklasse. Und vielleicht wird ihre Stimme die Jury im Talentwettbewerb umhauen. Aber wen interessiert das schon? Gabe zuckte mit den Achseln. Alle halten sie fr das schnste Mdchen, das sie je gesehen haben, fuhr er fort. Und die Schiedsrichter werden sich bestimmt sofort in sie verlieben. Am besten sollte berhaupt erst gar kein anderer versuchen zu gewinnen. Gabe wandte sich an Delia. War es das, was du hren wolltest? Britty kicherte. Delia nicht. Sie wusste, dass er Recht hatte. Entspann dich doch mal n bisschen, schimpfte Gabe. Wann kapierst du endlich, dass du viel cooler bist, als Karina es jemals sein wird? Wen kmmert es schon, dass sie hbsch ist und sooo s. Se Mdchen sind langweilig. Se Mdchen vergisst man schnell wieder. Ich hasse se Mdchen! Jetzt musste auch Delia lachen. Britty schttelte den Kopf. Weit du was? Irgendwie steht mir die ganze Sache bis hier.20

Sie sprang von ihrem Tribnensitz auf. Was ist eigentlich mit euch beiden los? Mit dir und Karina. Warum hasst ihr euch so sehr? Immerhin wart ihr mal befreundet. Delia sah ihre beste Freundin aus zusammengekniffenen Augen an. Wie konnte Britty das blo fragen? Sie wusste doch genau, wie sie das beschftigte. Ich hab wirklich versucht, mit Karina auszukommen, verteidigte sich Delia. Das weit du ganz genau, Britty. Ja, und sie gibt sich auch Mhe, nett zu dir zu sein. Britty legte Delia eine Hand auf die Schulter. Du weit, dass ich alles fr dich tun wrde. Schlielich bist du meine beste Freundin. Aber ich bin auch mit Karina befreundet. Und ich glaube nicht, dass es gut fr euch ist, wenn ihr die ganze Zeit rumstreitet. Du flippst ja schon aus, wenn du nur an sie denkst. Und ihr gehts umgekehrt auch nicht anders. Das darf ja wohl nicht wahr sein jetzt verteidigst du sie auch noch!, explodierte Delia. Hilfe suchend drehte sie sich zu Gabe um. Der runzelte die Stirn. Du und Karina, ihr hattet doch letztes Jahr so eine Art Waffenstillstand, erinnerte er sie. Ihr habt euch fast die ganze Zeit in Ruhe gelassen. Und davor wart ihr eigentlich die ganze Zeit auf freundschaftliche Art Konkurrentinnen, oder? Stimmt, aber dieses Jahr hab ich sie dabei erwischt, wie sie Vincent angebaggert hat!, erwiderte Delia hitzig. Ich trau ihr einfach nicht! Sie tut immer so lieb und unschuldig und versucht dabei, mir meinen Freund wegzunehmen. Und das nur, weil sie es nicht ertragen kann, dass ich etwas habe, was sie nicht hat. Das ist richtig gemein! In diesem Moment flog die Tr der Sporthalle auf und knallte gegen die Wand. Ein ohrenbetubender Schrei hallte durch den Raum. Delia schlug sich die Hnde vor den Mund. Sie war zu geschockt, um etwas zu sagen. Das Einzige, was sie schaffte, war, nach unten zu starren. So wie auch Gabe und Britty das Mdchen anstarrten, das im Trrahmen aufgetaucht war. Karina Frye.

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Kapitel 4Was ist denn mit der los?, stie Delia hervor. Karina kam in die Sporthalle getorkelt. Ihr normalerweise perfekt sitzendes Haar stand wild und zerzaust vom Kopf ab. Schwarze Streifen zerlaufener Wimperntusche zogen sich ber ihre Wangen. Und ihre Augen waren rot vom Weinen? Du! Karinas heisere Stimme prallte von den Wnden der Halle zurck. Mit zitternder Hand zeigte sie auf Delia. Du verdammte Hexe! Ich hasse dich! Delia schnappte entsetzt nach Luft, als Karina quer durch die Halle auf sie zugewankt kam und wutschnaubend die Tribne hinauf stapfte. Bevor Delia sich wehren konnte, hatte Karina auch schon beide Hnde um ihren Hals gekrallt. Sie hrte Britty erschrocken aufschreien. Aber es klang sehr weit weg. Diesmal wirst du nicht gewinnen!, kreischte Karina. Ihr heier Atem peitschte Delia ins Gesicht. Karinas Ngel gruben sich schmerzhaft in ihre Kehle. Hey!, stie Delia mit erstickter Stimme hervor. Rote Punkte explodierten vor ihren Augen. Sie drckte den Rcken durch und versuchte, sich aus dem festen Griff zu befreien. Pltzlich lie Karina sie los. Delia fiel hintenber und knallte mit dem Kopf gegen den harten Tribnensitz. Karina kauerte sich ber sie und hechelte wie ein wildes Tier. Wieder griff sie nach Delias Kehle. Lass sie los! Karina, hr sofort auf!, schrie Gabe. Delia versuchte verzweifelt, sich zu befreien. Aber Karinas Hnde schlossen sich immer enger um ihre Kehle. Du wirst nicht gewinnen! Und du wirst nichts bekommen, was mir gehrt!, schrie sie mit heiserer Stimme. Ich bekomme keine Luft mehr!, dachte Delia entsetzt. Langsam wurde ihr schwarz vor Augen.22

Mit letzter Kraft streckte sie die Hand aus und griff nach Karinas Haaren. Dann zog sie so fest sie konnte. Karina schrie vor Schmerz und berraschung auf und lockerte den Griff um Delias Kehle. Delia krabbelte in den Gang und schnappte nach Luft. Haltet sie mir vom Leib!, keuchte sie. Gabe griff nach Karina, aber sie war zu schnell fr ihn. Schon hatte sie einen von Delias langen, herabbaumelnden Ohrringen umfasst und riss ihn nach unten. Delia schrie auf, als ein brennender Schmerz durch ihr Ohr schoss. Warmes Blut strmte ihr in einem schmalen Rinnsal ber das eingerissene Ohrlppchen. Sie hatte das Gefhl, ihre Lungen wrden in Flammen stehen, und die Sporthalle verschwamm vor ihren Augen. Das Einzige, was sie klar und deutlich sehen konnte, war Karinas Gesicht. Karinas schnes Gesicht, das vor Wut verzerrt war. Mit einem tiefen Knurren bleckte Karina die Zhne. Sie hob beide Hnde und krmmte sie zu Klauen. Dann strzte sie sich wieder auf Delia. Ich werde dich tten!, schrie sie.

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Kapitel 5Ein saurer Geschmack erfllte Delias Mund. Sie krallte ihre Hnde in Karinas teuren Pullover und schubste sie weg. Karina schwankte auf einer der Tribnenstufen hin und her und kmpfte um ihr Gleichgewicht. Gabe nutzte die Gelegenheit, um sie festzuhalten. Pltzlich lie Karinas Anspannung nach. Vorsichtig fhrte Gabe sie die Tribne hinunter. Vom Hallenboden aus starrte Karina zu Delia hinauf. Sie begann zu zittern. Du wirst nicht gewinnen!, schluchzte sie. Diesmal nicht, Delia. Ich schwre es! Delia lie sich langsam auf die Tribne sinken und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Sie nahm kaum wahr, dass Britty ihr den Arm um die Schulter gelegt hatte. Wovon redet sie eigentlich? Was soll das heien? Und warum fhrt sie sich auf wie ne Irre? Ich hab ihr doch gar nichts getan, murmelte Delia vor sich hin. Sie hielt den Blick starr auf Karina gerichtet. Die wischte sich gerade mit dem Arm ber die Wange und verschmierte dabei ihr Make-up ber den ganzen Pullover. Du wirst das Stipendium nicht kriegen, rief Karina zu ihr hinauf. Das schwre ich dir! Und Vincent bekommst du nie im Leben! Er gehrt mir, Delia. Mir! V-Vincent?, stammelte Delia. Um sie herum drehte sich alles. Ihr Ohr pochte. Sie hatte Kopfschmerzen, und der rmel ihres orangefarbenen Kleides war blutverschmiert. Langsam bewegte Delia den Kopf von einer Seite zur anderen. Mhsam versuchte sie zu verstehen, was gerade passiert war. Das, was Karina gesagt hatte, machte berhaupt keinen Sinn. Vincent? Mit Brittys Hilfe rappelte Delia sich auf. Was soll das heien, Karina? Was meinst du damit? Sie starrte auf Karina herab und versuchte aus der ganzen Sache24

schlau zu werden. Sie ist verrckt, dachte Delia. Total verrckt. Du brauchst Hilfe, Karina, rief sie mit zittriger Stimme. Du bist krank. Mir gehts bestens!, schrie Karina. Aber du lsst besser die Finger von ihm! Hey, Mdels! Was ist denn hier los? Mrs. Bates, eine Sportlehrerin, kam auf sie zugelaufen. Karina hat Delia angegriffen, berichtete Gabe. Ja, aber nur, weil, kreischte Karina los. Du kommst jetzt erst mal mit und erzhlst mir alles, sagte Mrs. Bates beruhigend und fhrte sie aus der Turnhalle. Delia, und du gehst schon mal zur Krankenschwester, damit sie dein Ohrlppchen verarztet, rief die Lehrerin ber die Schulter zurck. Ich sehe dann in ein paar Minuten nach dir. Delia lie sich erschpft gegen Britty sinken. Gabe kletterte die Stufen der Tribne hinauf und nahm ihre Hand. Bist du okay?, fragte er besorgt. Ich ich denke schon. Delia fragte sich, ob den beiden ihre Stimme genauso zittrig vorkam wie ihr selber. Sie hat den Ohrring nicht ganz rausgerissen. Aber warum hat sie das getan? Gabe warf einen Blick zur Tr der Sporthalle. Ich denke, einer von uns sollte besser bei Karina bleiben. Ich mach das schon, sagte er hastig. Dann drehte er sich um und rannte ihr und Mrs. Bates hinterher. Ich finde, du solltest dich erst mal einen Moment ausruhen, bevor wir zur Krankenschwester gehen, meinte Britty. Ich hab mich ganz schn erschrocken, gab Delia zu. Und ich mach mir Sorgen um Karina. Hast du ihren Gesichtausdruck gesehen? Diesen blanken Hass! Britty war blass und sah sie aus weit aufgerissenen Augen an. Angespannt kaute sie auf einer Haarstrhne herum. So hab ich Karina noch nie erlebt. Ich meine, so hab ich noch nie irgendjemanden erlebt. Hast du gehrt, was sie ber Vincent gesagt hat? Sie glaubt offenbar wirklich, dass er ihr Freund ist. Sie ist verrckt geworden. Komplett verrckt. Das ist die einzige Erklrung, murmelte Delia.25

Ich red nachher mit ihr, versprach Britty. Ich werd versuchen, sie sie zu beruhigen. Irgendwas muss sie total aus der Bahn geworfen haben. Ich werde schon rauskriegen, was passiert ist. Delia nickte. Ich hab richtig Angst gehabt. Ich hab noch nie gesehen, dass jemand so ausgerastet ist! Meinst du, sie hat noch irgendwas vor? Mach dir keine Sorgen, beruhigte Britty sie. Du bist jetzt vor ihr sicher. Mrs. Bates wird mit ihren Eltern sprechen. Und auerdem passt Gabe auf sie auf. Komm, wir schnappen uns unsere Sachen und gehen erst mal zur Krankenschwester. Dann knnen wir von hier verschwinden. Gute Idee, meinte Delia. Aber gib mir noch eine Minute. Ich seh bestimmt furchtbar aus. Britty lachte und schttelte den Kopf. Na, bitte. Offenbar gehts dir schon wieder besser, sagte sie. Auch Delia musste lachen. Autsch, tut das weh, jaulte sie auf. Sie fuhr sich mit den Fingern durch das zerzauste Haar und zupfte ihr Kleid zurecht. Und obwohl ihre Hnde immer noch zitterten, zog sie ihre Lippen perfekt nach. Dann entdeckte sie eine Serviette auf der Tribne. Eine von den dnnen, die man am Popcornstand bekam. Delia griff danach und tupfte sich die Lippen damit ab. Dann legte sie sie auf den Sitz neben sich. Dieses Mal lchelte ihr Lippenabdruck nicht. Ich glaube, meine Zeichnungen sind ganz okay, sagte Delia am nchsten Abend zu Vincent. Sie legte den Kopf schief und betrachtete die Bilder, die an d Wand des Wohnzimmers aufgereiht er waren. Aber sie sind nichts im Vergleich zu Stewarts Bildern, fgte sie hinzu. In ihrem Magen bildete sich ein winziger Klumpen. Vincent antwortete nicht. Stewart steht total auf Details, fuhr sie fort. Der Klumpen wurde ein bisschen grer. Seine Zeichnungen sind vllig realistisch und perfekt bis in die letzte Kleinigkeit. Meine sind irgendwie fantasievoller, denke ich. Sie legte den Kopf auf die andere Seite und lchelte. Vielleicht sehen sie seitlich betrachtet ja besser aus! Delia benutzte fr ihre groen, auffallenden Bilder dicke Filzstifte26

in den schrillsten und leuchtendsten Farben, die sie auftreiben konnte. Einige der Zeichnungen waren ihre eigenen Modeentwrfe. Wilder Stil. Verrckte Farbtne. Einige andere zeigten ihre Freunde. Britty, die whrend einer Turnbung am Boden durch die Halle wirbelte eine verschwommene Gestalt in hellen Farben. Und Gabe mit seinem feuerwehrroten Haar, dessen Gesicht fast nur aus einem gigantischen Lcheln bestand. Sogar ein Selbstportrt war dabei. Darauf trug Delia ihr Lieblingsoutfit einen schwarzen Minirock und ein tiefrotes Hemd, das nur eine Schattierung heller war als ihr Lippenstift Mitternachtsfeuer. Das Haar hing ihr als wilde, dunkle Mhne offen um die Schultern. Aber es gab kein Bild von Vincent. Delia warf ihrem Freund, der neben ihr auf der Wohnzimmercouch sa, einen schnellen Seitenblick zu. Sie war eine ziemlich gute Zeichnerin. Jedenfalls gut genug, um in die Endausscheidung fr das Conklin Stipendium zu kommen. Aber sie wrde nie genug Talent haben, um ihm gerecht zu werden. Niemand konnte so gut sein. Vincent?, drngte Delia. Findest du meine Zeichnungen okay? Vincent starrte weiter auf das Basketballspiel im Fernsehen. Dann reckte er sich und ghnte. Natrlich, murmelte er. Du wrst ja wohl nicht ins Finale gekommen, wenn sie Schrott wren, oder? Delia beobachtete ihn beim Sprechen. Er wirkte gelangweilt. Nein, dachte sie. Nicht gelangweilt. Er ist mde und macht sich Sorgen. Wir sind beide immer noch aufgeregt wegen Karina. Karina hatte sich heute nicht in der Schule blicken lassen. Aber an allen Ecken war ber sie geredet worden. Wie unheimlich sie ausgesehen hatte, als sie Delia angegriffen hatte. Wie hysterisch sie gewesen war. Und wie wenig das zu der lieben, verantwortungsbewussten Karina passte. Natrlich war Vincent durcheinander. Alle in der Schule waren durcheinander. Sie waren schlielich ihre Freunde. Und ich bin auch ihre Freundin, dachte Delia. Oder wenigstens sollte ich das sein. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie die Worte laut ausgesprochen hatte, bis Vincent sich zu ihr umdrehte und sie27

erstaunt ansah. Ich hab nur gerade an Karina gedacht, erklrte sie und fuhr sich mit der Hand vorsichtig ber ihr verletztes Ohr. Wir waren mal richtig gut befreundet. Aber das ist verdammt lange her. Delia seufzte. Ich mach mir echt Sorgen, Vincent. Karina war gestern nicht einfach nur wtend sie war komplett unzurechnungsfhig! Du httest sie sehen sollen! Und sie hat lauter so v errcktes Zeug erzhlt dass du ihr Freund wrst und dass ich dich nie kriegen wrde. Es war richtig unheimlich. Er antwortete nicht. Vincent?, drngte Delia. H? Oh, ja. Unheimlich. Vincent rckte nher an sie heran. Er knipste die Lampe auf dem Beistelltisch aus und legte ihr einen Arm um die Schulter. Zu jedem anderen Zeitpunkt htte Delia sich nichts Schneres vorstellen knnen, als in der Wrme von Vincents Armen zu versinken. Aber im Moment war sie dazu viel zu unruhig und aufgewhlt. Forschend blickte sie in seine dunkelbraunen Augen. Ich glaube, Karina denkt wirklich, dass ihr zusammen seid. Und sie hat sich eingeredet, ich wollte dich ihr wegnehmen. Vincent schttelte den Kopf. Mach dir ihretwegen keine Sorgen. Sie ist eigentlich ganz in Ordnung. Delia erstarrte. Nach dem, was Karina ihr angetan hatte, fand Vincent sie ganz in Ordnung! Um Delias Hals zogen sich immer noch blaue Flecke, und ihr eingerissenes Ohr war dick verbunden. Und woher wusste er berhaupt so viel ber Karina? Machte er sich Gedanken ber sie? Sei doch nicht albern, sagte sich Delia. Vincent macht sich berhaupt nichts aus ihr. Er will nur mich. Zrtlich schlang sie ihre Arme um Vincents Hals und rieb ihre Wange an seiner. Diese Sache mit Karina hat doch fr uns nichts zu bedeuten, oder? Knntest du jetzt endlich mal mit Karina aufhren?, fauchte Vincent. Er drehte sich um und gab ihr einen Kuss. Seine Lippen fhlten sich hart und angespannt an. Whrend er sie ksste, fuhr Delia mit den Fingern durch sein Haar.28

Sie merkte, dass ihr Lippenstift verschmierte, aber sie achtete nicht darauf. Ihr war alles andere egal. Bis auf Vincent. Und das Conklin Stipendium. Vincent Delia schob ihn weg und betrachtete sein Gesicht. Du wirst mich doch besuchen, wenn ich auf dieses College in New York gehe, nicht wahr?, fragte sie. Du Ihr blieben die Worte im Halse stecken. Erschrocken starrte sie ber seine Schulter. Und schnappte nach Luft. Vincent! Jemand beobachtet uns!

Kapitel 6Oh, Vincent!, rief eine hohe Stimme. Karina? In unserem Haus?, dachte Delia unglubig. Die Lampe auf dem Beistelltisch wurde wieder angeknipst. Sarah, ihre 15-jhrige Schwester, stand hinter dem Sofa. Oh, Vincent!, machte sie Delia mit hoher, schwrmerischer Stimme nach. Karina darf sich nicht zwischen uns drngen. Versprich mir, dass es fr uns nichts zu bedeuten hat! Sarah! Du kleines Monster! Delia sprang von der Couch auf und griff ihre Schwester am Arm. Das ist nicht witzig! Das ist berhaupt nicht witzig! Was zum Teufel machst du berhaupt hier? Sarah schubste Delia weg. Ich wohne auch hier, schnaubte sie spttisch. Ich brauche nicht deine Erlaubnis, um hier zu sein. Mit zusammengekniffenen Augen schaute Delia ihre Schwester an. Obwohl sie ungefhr dieselbe Gre, dasselbe dunkle Haar und braune Augen hatten, konnte sie manchmal kaum glauben, dass sie verwandt waren. Denn Sarah hatte keine Ahnung von Make-up oder Klamotten. Heute trug sie zum Beispiel ausgebeulte Jeans und ein uraltes T -Shirt aus ihrer Pfadfinderzeit, auf dem quer ber die Vorderseite in quietschgrnen Buchstaben stand: Such dir neue Freunde, aber vergiss die alten nicht.29

Delia verdrehte die Augen. Was war blo mit Sarah los? Du solltest doch jetzt eigentlich beim Schwimmtraining sein, oder?, sagte sie mit scharfer Stimme zu ihrer Schwester. Was machst du dann hier zu Hause? Warum kmmerst du dich nicht um deinen eigenen Kram, statt uns hinterherzuschnffeln? Sarah streckte Delia die Zunge heraus. Hey, wie erwachsen!, fauchte Delia. Bist du eigentlich 15 oder fnf? Fnf, feuerte Sarah zurck. Entspricht genau deinem IQ. Hey kommt, ihr beiden, mischte Vincent sich ein und stand auf. Lass uns ein bisschen allein, Sarah, ja? Wir versuchen gerade, uns zu unterhalten. Ach? Wie wollt ihr euch denn mit aufeinander gepressten Lippen unterhalten?, fragte Sarah mit hmischer Stimme und lachte ber ihren eigenen Witz. Du bist doch blo eiferschtig, fauchte Delia. Weil du das ganze Jahr noch keine Verabredung mit nem Typen hattest! Sarah verschlug es die Sprache. Augenblicklich bereute Delia ihre Worte. Das htte ich nicht sagen drfen, warf sie sich vor. Wo Sarah doch schon seit einiger Zeit darunter leidet, dass die Jungs in Shadyside kein Interesse an ihr haben. Bist du jetzt zufrieden?, schrie Sarah sie an. Nachdem du mich vor Vincent lcherlich gemacht hast? Bist du jetzt glcklich? Es tut mir Leid, begann Delia. Aber ihre Schwester lie sie nicht ausreden. Ich hasse dich!, kreischte Sarah. Mit einem Wutschrei versetzte sie Gabes Portrt einen krftigen Futritt. Es kippte um und fiel mit dem Gesicht nach unten hin. Als Nchstes schlidderte die Zeichnung von Britty ber den Fuboden. Lass die Bilder in Ruhe!, rief Delia erschrocken. Ich brauche sie fr das Stipendium! Mit einem weiteren Wutschrei schnappte Sarah sich Delias Selbstportrt und strmte aus dem Zimmer. Hey komm zurck! Vincent und Delia sprangen auf und jagten ihr hinterher. Als sie im Flur ankamen, war Sarah schon halb die Treppe30

hinaufgerast. Delia blieb am Fu der Treppe stehen und donnerte mit der Faust gegen das Gelnder. Sarah, mach keinen Mist!, rief sie. Gib es mir zurck. Ich habs doch nicht so gemeint Vergiss es! Ihre Schwester drehte sich nicht mal um. Ungerhrt rannte sie die restlichen Stufen empor. Gut, fauchte Delia. Mach doch, was du willst. Aber hr auf, uns hinterherzuspionieren. Sarah blieb oben auf dem Treppenabsatz stehen und wirbelte herum. Finster starrte sie zu Delia hinunter. Oh, keine Angst, schnaubte sie hhnisch. Sie kniff die Augen zusammen und lie ihren Blick von Delia zu Vincent wandern. Ich werde mir was viel Besseres einfallen lassen, fuhr sie fort. Darauf knnt ihr Gift nehmen! Ein eisiger Schauder kroch Delias Nacken entlang. Sarah was soll das heien?, rief sie alarmiert. Was zum Teufel hast du vor?

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Kapitel 7Als sie am nchsten Nachmittag in der Schule ihren Schrank nach dem Biologieheft durchsuchte, stellte Delia fest, dass sie schon wieder an Sarah dachte. Ich htte sie vor Vincent nicht so blamieren drfen, ging es ihr durch den Kopf. So wtend hab ich sie noch nie erlebt. Sarah war so sauer, dass sie bis jetzt noch kein Wort mit Delia gesprochen hatte. Und die Zeichnung hatte sie auch nicht zurckgegeben. Delia hatte noch andere Bilder, mit denen sie das Selbstportrt ersetzen konnte aber die fand sie nicht ganz so gelungen. Sie seufzte. Der Wettbewerb wrde verdammt hart werden. Da musste sie jeden kleinen Vorteil nutzen. Aber sie war die ganze Zeit furchtbar abwesend. Stndig geisterte ihr Karina durch den Kopf, und jetzt musste sie sich auch noch wegen ihrer Schwester Sorgen machen. Auf Hnden und Knien durchsuchte Delia das Durcheinander auf dem Boden des Schranks. Was hab ich blo mit dem Heft gemacht?, berlegte sie. Ich muss mich ein bisschen zusammenreien. Meine Noten drfen auf keinen Fall abrutschen. Ich hab so hart dafr gearbeitet. Und da hab ich mich gefragt, ob du dich vielleicht am Samstag mit mir treffen willst, hrte sie pltzlich eine tiefe Stimme hinter sich. Was? Delia schoss so schnell hoch, dass sie mit dem Kopf gegen das oberste Bord des Schranks knallte. Als sie sich umdrehte, fiel ihr Blick auf Stewart Andrews, der sie anstarrte. Stewart Andrews ihr hrtester Gegner im Kampf um das Conklin Stipendium. Von Karina einmal abgesehen. Delia lehnte sich mit dem Rcken gegen den Schrank und musterte Stewarts Gesicht. Was hast du gesagt?, fragte sie. Stewart strich sich eine Strhne seiner schwarzen Haare aus den Augen. Ich wollte wissen, ob du dich Samstagabend mit mir treffen willst. Er lchelte sie schchtern an.32

Er ist s, dachte Delia. Richtig s. Du meinst zusammen weggehen? Delia merkte, dass ihre Stimme sich ganz kieksig anhrte. Na ja Was mach ich hier eigentlich?, schoss es ihr durch den Kopf. Ich hab doch schon einen Freund. Ich dachte, es wr vielleicht ne gute Idee, um ein bisschen zu relaxen. Du weit schon. Vor dem Talentwettbewerb am Montag, sagte Stewart. Ich wei ja nicht, wies dir geht ich jedenfalls mchte nicht das ganze Wochenende damit verbringen, an den Ngeln zu kauen. Dazu hab ich Sonntag immer noch genug Zeit, witzelte er. ber Stewarts Schulter hinweg entdeckte Delia Vincent, der den Flur entlangkam. Sofort sprte sie, wie ihr Puls sich beschleunigte. Das passierte jedes Mal, wenn sie ihn sah. Mit einem schnellen Blick berprfte sie ihren Lippenstift in dem kleinen Spiegel in der Schranktr. Dann zog sie ein Papiertuch aus der Tasche, tupfte sich die Lippen ab und knallte die Tr zu. Tut mir Leid, Stewart, sagte sie und blickte wieder ber seine Schulter. Vincent winkte ihr zu und ging dann weiter. Aber ich kann nicht mit dir weggehen. Vincent und ich sind Oh. Stewarts Lcheln verblasste. Okay. Kein Problem. Er lief knallrot an. Wir sehen uns dann Montag, murmelte er und wandte sich zum Gehen. Beim Talent Wettbewerb. Ja. Klar. Tschss. Delia sah ihm hinterher. Komisch, dachte sie. Stewart htte eigentlich wissen mssen, dass ich mit Vincent gehe. Das wissen doch alle. Oder etwa nicht? Mit gerunzelter Stirn lief Delia hinber zur Bcherei, um ein Buch zurckzugeben. Dann stieg sie die Treppen zu den Klassenrumen im zweiten Stock hoch. Sie hatte jetzt eigentlich eine Freistunde, aber sie war mit Britty im Biologielabor verabredet. Vor dem morgigen Test wollten sie ihre Mitschriften noch einmal durchgehen. Als sie den Flur entlangtrabte, hrte sie pltzlich leise ihren Namen. Delia blickte in beide Richtungen den Korridor hinunter. Es war niemand zu sehen. Dann fiel ihr auf, dass die Tr des Abstellraums offen stand. Delia schlich sich nher heran. Sie glaubte zu hren, dass wieder ihr Name33

fiel. Vorsichtig presste sie sich mit dem Rcken an die Wand und warf einen schnellen Blick in den Raum. Drinnen stand Stewart mit jemandem ins Gesprch vertieft. Delia konnte nicht sehen, wer es war, aber Stewart machte ein ernstes Gesicht und gestikulierte beim Reden mit den Hnden. Eine Mdchenstimme murmelte leise eine Antwort. Delia fragte sich, mit wem er da wohl sprach. Versuchte er gerade, sich mit der Nchsten zu verabreden? Dann vernderte Stewart leicht seine Position. Delia lehnte sich ein Stckchen weiter vor. Warf einen neugierigen Blick in den kleinen, dunklen Raum. Und schnappte nach Luft, als sie die zweite Person erkannte.

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Kapitel 8Karina? Er unterhielt sich heimlich mit Karina? Delia sphte durch die Trffnung und musterte das wtende Gesicht ihrer Konkurrentin. Die reden ber mich, wurde es ihr pltzlich klar. Ich habe doch meinen Namen gehrt. Die planen irgendwas. Und Delia war sich ziemlich sicher, worum es ging. Du bist spt dran. Brittys Stimme lie sie vor Schreck zusammenzucken. Ihre Freundin war auf einmal neben ihr aufgetaucht. Was ist denn los?, fragte sie erstaunt. Wir waren vor zehn Minuten verabredet. Delia nahm Britty am Arm und zog sie ins Biologielabor. Dann schloss sie hastig die Tr hinter sich. Ich sag dir, was los ist, flsterte Delia. Karina und Stewart tuscheln in diesem Abstellraum miteinander. Ich glaube, sie hat ihn geschickt, um mich fr Samstag einzuladen. Sie benutzt ihn, um Vincent und mich auseinanderzubringen. Britty knabberte nachdenklich am Ende ihres Franzsischen Zopfs herum. Das versteh ich nicht. Delia schob einen Stapel Bltter mit einer weit ausholenden Bewegung ans andere Ende des Lehrerpults und knallte ihre Bcher darauf. Stewart wollte sich gerade mit mir verabreden. Britty zog die Augenbrauen hoch. Und deswegen regst du dich auf? Sie schttelte lachend den Kopf. Ich finde, es gibt Schlimmeres, als von Stewart eingeladen zu werden. Mindestens die Hlfte aller Mdchen an der Highschool ist scharf auf ihn. Du kapierst es einfach nicht. Je lnger sie darber nachdachte, desto wtender wurde Delia. Ich hab ihm einen Korb gegeben. Und er rennt als Erstes n hier oben, ach um es Karina brhwarm zu berichten, erklrte sie Britty. Verstehst du denn nicht? Karina hat ihn dazu berredet! Sie dachte wohl, ich wrde Ja sagen. Wetten, sie hat tatschlich geglaubt, ich wrde mit Stewart ausgehen? Das hat sie nur getan, um mich aus dem Weg zu35

rumen - damit sie Vincent ganz fr sich alleine hat. Sie begann mit groen Schritten im Labor auf und ab zu gehen. Britty folgte ihr. Delia Eigentlich sollte ich jetzt da rbergehen und ihr sagen, dass ich genau wei, was sie getan hat, unterbrach Delia sie. Aber das werde ich nicht tun. Das Letzte, was ich im Moment gebrauchen kann, ist ne neue Szene mit Karina. Die ist doch gar nicht zurechnungsfhig. Nachher versucht sie wieder, mich umzubringen! Delia?, versuchte Britty es noch einmal. Was denn?, fragte Delia ungeduldig. Sie hrte auf herumzutigern und drehte sich zu ihrer Freundin um. h hr mal, werd jetzt bitte nicht sauer, wenn ich dich das frage, okay? Delia nickte. Britty trommelte nervs mit den Fingern auf der Tischplatte herum. Warum sollte Stewart Karina eigentlich helfen? Das macht doch keinen Sinn. Fr einen Moment starrte Delia Britty nur an. Dann lie sie sich auf einen der Tische sinken. Kann sein, dass du Recht hast, rumte sie ein. Ich wei, es ist schwer zu glauben, aber vielleicht wollte Stewart sich einfach deswegen mit dir treffen, weil er dich mag, sagte Britty ironisch. Vielleicht hast du gehrt, wie er mit Karina ber das Conklin Stipendium oder so was hnliches gesprochen hat. Dabei knnte doch ganz zufllig dein Name gefallen sein. Und warum mssen sie sich ausgerechnet im Abstellraum unterhalten?, wollte Delia wissen. Karina hat diese Woche schon viel verrcktere Sachen gemacht, oder? Britty ging zur Tr und steckte ihren Kopf auf den Flur. Stewart verschwindet gerade, berichtete sie. Aber von Karina ist nichts zu sehen. Wahrscheinlich ist sie immer noch drin. Delia sthnte. Karina spinnt, sagte sie. Und sie steckt mich mit ihrer Verrcktheit schon selber an. Echt wahr ich hab mich eben ganz schn bescheuert verhalten. Britty drehte sich um und schaute sie an. Na ja, du bist vielleicht ein bisschen gestresst, rumte sie ein. Delia und Britty mussten beide lachen.36

Aber jetzt ist Schluss damit, versprach Delia. Die einzelnen Wettbewerbe fr das Stipendium sind bald vorbei. Vielleicht luft danach wieder alles ganz normal. Wieder warf Britty einen Blick aus der Tr. Sie ist immer noch drin. Was macht sie da blo? In diesem Abstellraum ist doch gar nichts auer kaputten Mbeln und Putzzeug. Ich habs so satt, mir den Kopf darber zu zerbrechen, was Karina vorhat, seufzte Delia. Und auerdem fngt sie langsam an, mir Leid zu tun. Sie versaut sich ihr ganzes Abschlussjahr nur weil sie das Gefhl hat, stndig gegen mich antreten zu mssen. Weit du, frher hat es mir sogar Spa gemacht, mich mit Karina zu messen. Dadurch haben wir uns gegenseitig angespornt. Pscht!, flsterte Britty. Sie kommt raus! Delia huschte zu ihr hinber. Die beiden schauten vorsichtig aus der Tr und beobachteten Karina, die an einem Wasserspender stehen blieb. Vielleicht knnen wir ihr helfen, Britty, sagte Delia mit gedmpfter Stimme. Du knntest doch mit ihr reden. Ihr erklren, wie sehr Vincent und ich uns mgen. Britty kaute auf ihrer Unterlippe herum. Ich wei nicht Du knntest ihr sagen, dass ich ihr nicht bse bin, fuhr Delia fort. Dass zwischen uns alles okay ist, solange sie nichts unternimmt, um Vincent und mich auseinanderzubringen. Britty schttelte den Kopf. Das hab ich schon versucht, sagte sie. Ich bin auf dem Nachhauseweg bei ihr vorbeigegangen. Aber sie wollte mir nicht mal zuhren. Sie hat nur gesagt, ich sollte verschwinden. Delia sthnte. Sie ist total durcheinander. Na ja, dann kann ich wohl auch nichts mehr machen. Wenn sie mit dir schon nicht reden will, wird sie mit mir erst recht nicht sprechen. Am besten geh ich ihr so gut es geht aus dem Weg. Delia beobachtete, wie Karina mit hoch erhobenem Kopf den Flur entlangging. Ihr blondes Haar schimmerte im Licht der Deckenbeleuchtung. Ihre dunkle Hose mit den Bgelfalten und das pinkfarbene Twinset fand Delia viel zu brav. Sie wre lieber gestorben, als in solchen Klamotten rumzulaufen. Aber sie musste zugeben, dass es Karina stand. Sehr gut sogar.37

Versuch doch noch mal mit ihr zu reden, bettelte Delia. Vielleicht hrt sie dir ja doch zu. Ich brauchs gar nicht erst zu versuchen. Bitte nur noch dieses eine Mal. Ich mchte da nicht mit reingezogen werden, beharrte Britty. Bitte!, bat Delia instndig. Sie wusste genau, dass ihre Freundin irgendwann nachgeben wrde. Na gut, sagte Britty seufzend. Hr auf, mich wie ein krankes Hndchen anzuschauen. Ich geh ja schon und rede mit ihr. Delia grinste triumphierend. Danke, Brit. Ich mchte nur sicher sein, dass mit Karina alles in Ordnung ist und dass sie mich in Ruhe lsst. Britty zwang sich zu einem Lcheln und trat in den Flur. Delia versteckte sich hinter der Tr, um ihre Freundin durch einen schmalen Spalt zu beobachten. Na, dann wollen wir mal, murmelte Britty vor sich hin und atmete tief durch. Dann rief sie laut: Hey, Karina! Warte doch mal!

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Kapitel 9Ich hab schon berall nach dir gesucht, Karina, rief Britty. Wollen wir uns heute nach der Schule treffen? Ich wei nicht, antwortete Karina zgernd. Um fnf hab ich eine Gesangsstunde, und vorher wollte ich mit Stewart eigentlich noch ein bisschen lernen. Was hattest du denn vor? Britty kniete sich hin, um ihren Schnrsenkel zuzubinden, und zwang Karina dadurch, einen Moment stehen zu bleiben. Cleverer Schachzug, flsterte Delia. Wenn sie den Flur noch weiter hinuntergegangen wren, htte sie die beiden bald nicht mehr hren knnen. Ich dachte, wir knnten vielleicht shoppen gehen, sagte Britty, whrend sie an ihrem Turnschuh herumfummelte. Oder einfach nur reden. Du weit schon, so wie frher. Reden?, fragte Karina. Worber denn? Britty warf einen Seitenblick auf die Tr, hinter der Delia sich versteckte. Dann rusperte sie sich. Na, komm schon, Karina. Du weit, dass ich Delias beste Freundin bin. Wir sind doch alle Freundinnen, oder? Ich finde, wir mssen ber das reden, was neulich in der Sporthalle passiert ist. Delia beobachtete, wie Karina anfing zu lachen. Ach, das! Ich bin kurz ausgerastet. War doch keine groe Sache. Keine groe Sache?, fragte Britty mit erhobener Stimme. Du hast Delia beinahe erwrgt! Delia sprte, wie ihr ein Schauder ber den Rcken lief, als sie Karinas unbewegtes Gesicht betrachtete. Ihr wurde schlagartig klar, dass es Karina nichts ausmachen wrde, wenn sie sie verletzt htte. Erinnerte sie sich berhaupt daran, was passiert war? Du musst mit irgendjemandem reden, Karina, drngte Britty. Es kann ja auch jemand anders sein als ich. Vielleicht wrdest du dann kapieren, dass das kein Spa ist Britty zgerte. Du wrdest merken Na, was denn?, fragte Karina ungeduldig. Dass Delia nicht bereit ist, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen?39

Delia schnappte nach Luft. Britty blickte nervs in Richtung Labor. Karina, setzte sie an. Du kannst deiner besten Freundin etwas von mir ausrichten, sagte Karina leise. So leise, dass Delia sie kaum verstehen konnte. Sag ihr, sie wird das Stipendium nie im Leben kriegen. Das garantiere ich ihr. Und Vincent wird sie mir auch nicht wegnehmen! Delias Magen schlug einen Purzelbaum. Es war schon schlimm genug gewesen, diese Worte von Karina zu hren, als sie in der Sporthalle so auer sich gewesen war. Aber jetzt klang sie genauso wie immer. Normal und ausgeglichen. Bis auf die Tatsache, dass ihre Worte vllig verrckt waren. Offenbar war sie nach wie vor davon berzeugt, dass Vincent und sie ein Paar waren. Delia schloss die Augen und kmpfte gegen das eisige Gefhl an, das sich in ihrer Magengrube ausbreitete. Sie schluckte heftig. Wenn Karina glaubte, dass sie mit Vincent zusammen war, was wrde sie dann noch alles tun, um ihn zu halten? Hast du mich gehrt, Delia?, rief Karina pltzlich mit lauter Stimme. Delia riss erschrocken die Augen auf. Ich wei, dass du da stehst und lauschst, rief Karina. Von mir aus kannst du uns belauschen, so viel du willst. Die Frage ist nur, ob du das auch wirklich hren willst. Ihre Stimme wurde schrill und wtend. Jetzt hr mir mal gut zu, Delia. Ich wrde alles tun. Hast du mich verstanden? Alles nur damit du nicht gewinnst! Ob ich wohl schlafen kann?, fragte sich Delia. Oder wrde sie die ganze Nacht wach liegen und an den morgigen Talentwettbewerb denken? Vielleicht sollte sie aufstehen und ihre Gitarre noch einmal stimmen. Sie setzte sich auf. Nein. Das hatte sie schon zweimal gemacht. Verstimmt war sie garantiert nicht. Vielleicht sollte sie noch ein wenig proben und ihren Song durchgehen.40

Nein. Sie kannte ihn praktisch in und auswendig. Delia lie sich zurck aufs Bett fallen und kniff die Augen fest zu. Schlafen. Schlafen. Sie wrde den Talentwettbewerb nie gewinnen, wenn sie mitten in ihrem Stck anfing zu ghnen. Ruhelos drehte sie sich auf die Seite. Ihre Beine hatten sich in der Bettdecke verheddert. Ich frage mich, was Karina gerade macht, dachte Delia. Ich wsste gerne, ob sie auch an die Decke starrt und so hellwach ist wie ich. Und ob sie sich wegen morgen auch solche Sorgen macht. Ach was. Bestimmt schlief Karina schon seit einer Stunde. Wahrscheinlich war sie sofort eingeschlafen, weil sie genau wusste, dass Delia kein Auge zubekam! Was fr verrckte Gedanken Krieg jetzt blo keinen Verfolgungswahn, redete Delia sich gut zu. Wieder schloss sie die Augen und zwang sich, an Zuckerwatte zu denken. Luftige Zuckerwatte riesige Mengen, die vom Himmel fielen und wie Schnee den Boden bedeckten. Zuckerwatte. So weich. So still Es funktionierte immer. Ein paar Minuten spter fiel sie in einen leichten Schlaf. Aber kurz darauf wurde sie blinzelnd wieder wach. Erschrocken fuhr Delia von ihrem warmen Kissen hoch. Was war das fr ein Gerusch? Ein seltsames Kratzen. Delia wandte sich zur Tr und war pltzlich hellwach. Ein kratzendes Gerusch. Gefolgt von einem Husten. Wer ist da?, rief sie, ihre Stimme noch heiser vom Schlaf. Ein Schritt. Aber keine Antwort. In dem grauen Rechteck ihrer offenen Zimmertr entdeckte Delia eine dunkle Gestalt, die sich auf sie zubewegte. Wer ist da? Keine Antwort. Delia wollte sich gerade aufsetzen. Doch bevor sie sich bewegen konnte, legte sich eine Hand ber ihren Mund und ihre Nase. Presste ihre Wangen zusammen. Drckte41

sie ins Kissen und erstickte ihren Schrei. Angstvoll warf Delia den Kopf hin und her und krmmte ihren Krper. Versuchte sich unter der Hand hervorzuwinden. Aber sie konnte dem harten Griff nicht entkommen. Die Handflche lag fest ber Delias Nase und nahm ihr die Luft. Whrend sie mit aller Kraft kmpfte, sich wand und mit den Beinen strampelte, starrte Delia zu ihrem Angreifer hinauf. Sah das helle Haar. Die zusammengekniffenen, entschlossenen Augen. Und erkannte sie. Karina! Mit einer verzweifelten Kraftanstrengung riss Delia beide Arme hoch und schlug Karinas Hand beiseite. Karina, stie sie mit heiserer Stimme hervor. Was tust du denn da? Karinas Augen blitzten in der Dunkelheit auf. Gefolgt von einem anderen Blitzen. Ein metallisches Leuchten in Hhe ihrer Taille. Der Umriss einer kleinen Pistole. Es wird nicht weh tun, Delia, flsterte Karina. Delia sank hilflos zurck, als sie die Pistole hob. Hoch ber Delias Kopf. Es wird nicht weh tun, wiederholte sie mit rauer Stimme. Du wirst berhaupt nichts merken.

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Kapitel 10Der silberne Schimmer schwebte ber ihrem Kopf. Voller Entsetzen starrte Delia nach oben. Wartete auf den Knall. Wartete auf den Schmerz. Ohh! Sie keuchte erstaunt auf, als sie merkte, dass sie gar keine Pistole anstarrte. Karina hielt die silberne Hlse eines Lippenstifts in der Hand. Bitte warte!, flehte Delia. Sie sprte, wie Karinas mit der freien Hand ihre Brust herunterdrckte. Und dann lie sie den Lippenstift sinken. Immer tiefer. Presste ihn mit aller Kraft gegen Delias Wange. Delia sprte, wie er ihre Haut verschmierte. Sie kmpfte angestrengt, um sich aufzurichten. Aber Karina hielt sie unerbittlich niedergedrckt. Verteilte den klebrigen Lippenstift auf Delias Stirn. Rieb ihn in ihre Ohren. Strich damit ihre Nasenflgel entlang. Karina hr auf!, flehte Delia. Bitte, hr doch auf! Warum machst du das? Lass mich! Bitte! Whrend sie noch bettelte, merkte Delia pltzlich, dass sie trumte. Sie befand sich gleichzeitig innerhalb und auerhalb ihres Traums. Mhsam zwang sie sich zum Aufwachen und ffnete die Augen. Ihr Gesicht kribbelte. Sie setzte sich auf und fuhr sich mit beiden Hnden ber das Gesicht. Kein Lippenstift. Keine Karina und kein Lippenstift. Nur ein Traum. Ein entsetzlicher Traum Karina, ich habe Angst vor dir, wenn ich wach bin. Und jetzt bedrohst du mich auch noch in meinen Trumen, murmelte Delia. Was soll ich blo tun? Was? Delia war Nummer sieben. Die Letzte.43

Sie rutschte nervs auf ihrem Sessel im Zuschauerraum hin und her und schlug die Beine bereinander. Dabei stie sie gegen Britty. Tschuldigung, murmelte Delia und stellte die Beine wieder nebeneinander. Knntest du endlich mal still sitzen?, flsterte Britty ihr zu, den Blick auf die Bhne gerichtet, wo Stewart gerade seine Zaubernummer vorfhrte. Du wolltest doch unbedingt als Letzte auftreten. Ich hab gedacht, ich knnte mich dabei ein bisschen entspannen und erst mal sehen, was die anderen im Wettbewerb so bringen, flsterte Delia zurck. Aber diese Warterei macht mich wahnsinnig! Delia klatschte halbherzig, als Stewart seinen Beagle aus dem Zylinder zog. Britty kicherte. Wie hat er den berhaupt da rein bekommen? Woher soll ich das wissen?, murmelte Delia und schlug unruhig die Beine bereinander. Hey, entspann dich, meinte Britty. Toller Tipp, schnaubte Delia und verdrehte die Augen. Sag das mal meinem Magen. Sie stellte die Beine wieder nebeneinander. Dann hielt sie Britty ihre Hnde vors Gesicht. Sieh mal - sie sind total verschwitzt und zittern. So kann ich doch unmglich Gitarre spielen. Und wie soll ich in diesem Zustand meinen Song singen? Britty begann auf einer ihrer Haarstrhnen herumzukauen. Jetzt rei dich mal zusammen, okay? Du machst mich schon ganz nervs!, rief sie aus. Delia wischte sich die feuchten Handflchen an ihrem schwarzen Rock ab. Dann griff sie nach ihrer Tasche und zog einen kleinen Spiegel heraus. Sie berprfte ungefhr zum tausendsten Mal ihren Mitternachtsfeuer-Lippenstift, zog dann ihre leuchtend bunte Brokatweste zurecht und zupfte an den rmeln ihrer weien Bluse herum. Wenn sie doch blo nicht als Letzte dran wre. Ich wnschte, ich knnte mein Leben vorspulen, dachte Delia. Abrakadabra! Mit einer schwungvollen Bewegung zog Stewart das Seidentuch weg, das er sich ber die Hand gelegt hatte. Auf44

seinem Finger sa ein rot-gelber Papagei. Delia klatschte gemeinsam mit dem Rest des Publikums. Ungefhr 30 oder 40 Schler waren nach der Schule dageblieben, um beim Talentwettbewerb zuzuschauen. Er ist gut und hat ein paar klasse Tricks drauf, dachte Delia. Aber seine Nummer ist insgesamt nicht besonders originell. Karina hatte eine bessere Stimme als sie und wrde bestimmt eine hhere Punktzahl erreichen. Aber wenn die Schiedsrichter Delia ein paar Extrapunkte dafr gaben, dass sie ihr Stck selber geschrieben hatte, standen ihre Chancen, den Talentwettbewerb zu gewinnen, gar nicht so schlecht. Wo hat er blo den Papagei her?, prustete Britty. Stewart verbeugte sich, und alle klatschten noch ein wenig lauter. Dann sammelte er seine Requisiten zusammen. Als er seinen Kram schlielich von der Bhne trug, wirkte er irgendwie erleichtert. Delias Magen krampfte sich zusammen. Der groe Augenblick rckte immer nher. Sie musste nur noch eine Nummer durchstehen. Sie fragte sich, wie sie das aushalten sollte zumal es auch noch Karinas Auftritt war. Ich wnschte, Vincent wre hier, seufzte Delia sehnschtig. Aber seine Mutti hat ihn dazu verdonnert, mit seinem kleinen Bruder zum Zahnarzt zu gehen. Kannst du dir das vorstellen? Ich bin ja auch noch da, um dich anzufeuern, erinnerte Britty sie. Und Gabe ist direkt hinter der Bhne. Er hat versprochen, dass du in der Beleuchtung, die er fr dein Stck ausgesucht hat, groartig aussehen wirst. Zwei Jungen rollten einen wuchtigen Flgel auf die Bhne. Der gehrt Karina, erklrte Britty. Ich hab gehrt, dass sie ihn extra fr den Wettbewerb von ihr zu Hause hierher transportiert haben. Delia schttelte den Kopf. Das wird ja immer schlimmer! Eine ltere Frau setzte sich an den Flgel und begann, Tonleitern zu spielen. Karinas Gesangslehrerin, flsterte Britty. Delia umklammerte die Armlehnen ihres Sitzes und starrte gebannt auf Karina, die in d ersten Reihe sa. Sie wirkte cool und gelassen. er Und sah sehr blond und sehr schn aus. Als htte sie Delias Blick gesprt, drehte sich Karina um. Ihr Mund45

verzog sich zu einem hmischen Grinsen. Aber dann schienen ihr die Schiedsrichter wieder einzufallen. Sie lchelte strahlend und winkte zu ihr hinber. So ne falsche Schlange, zischte Delia Britty zu. Delia musste wieder daran denken, was letzte Woche passiert war. Wie Karina sie beim Lauschen erwischt und ihr gedroht hatte. Seitdem war sie ihr mehrmals im Flur begegnet. Und jedes Mal war Karina so zuckers zu ihr gewesen, dass es Delia den Magen umgedreht hatte. Die Schiedsrichter riefen jetzt Karinas Namen auf. Delia beobachtete, wie sie aufstand und auf die Bhne ging. Was fr ein traumhaftes Kleid, murmelte Britty bewundernd. Ja, dachte Delia. Traumhaft schn. Der blaue Satin lag eng an und betonte Karinas schlanke Figur. Karina schwebte zur Mitte der Bhne und sagte ihr Lied an. Ihre Stimme klang dabei ruhig und gelassen. Dann trat sie zurck, whrend ihre Klavierbegleiterin die Einleitung des Stcks spielte. Als Karina zu singen begann, war das ganze Publikum wie verzaubert. Wow!, hauchte Britty. Karina hatte nicht nur eine gute Stimme. Sie hatte eine auergewhnliche Stimme rein und klar. Und obwohl Delia nicht ein Wort der italienischen Arie verstand, die Karina sang, wusste sie genau, dass es ein Liebeslied war. Ein wunderschnes Liebeslied. Wunderschn. Genau wie Karina. Delia gab sich Mhe, unbeeindruckt zu wirken, als sie sich in ihrem Sessel umdrehte, um die Reaktion der Schiedsrichter zu sehen. Die drei Mitglieder der Jury saen seitlich im Zuschauerraum und lchelten, whrend sie gebannt zur Bhne hochschauten. Als Delia sich wieder nach vorne drehte, fiel ihr auf, dass jemand sie vom anderen Ende der Reihe her anstarrte. Sie beugte sich vor und reckte den Hals, um an Britty vorbeizusehen. Sarah?, flsterte sie verblfft. Was macht die denn hier? Pscht! Britty stie sie in die Seite. Warum sollte Sarah? Sie ist deine kleine Schwester, flsterte Britty. Ist doch klar, dass sie hier ist, um zu sehen, wie es bei dir luft.46

Das zeigte, dass Britty Sarah nicht besonders gut kannte. Stimmt. Jede normale Schwester wrde mir fr meinen Auftritt die Daumen drcken. Aber Sarah ist nicht normal, schon vergessen? Pscht! Das Mdchen, das vor Delia sa, drehte sich um und legte den Finger an die Lippen. Verlegen lie sich Delia in ihren Sessel zurcksinken. Dann blickte sie wieder die Reihe entlang. Ihre Schwester starrte sie unverwandt an. Um ihre Lippen spielte ein seltsames, zufriedenes Lcheln. Freut sie sich, dass Karina ihre Sache so gut macht?, fragte sich Delia. Will sie mich verlieren sehen? Warum lchelt sie so merkwrdig? Als der Applaus einsetzte, lsten sich ihre Gedanken von Sarah. Die Zuschauer klatschten und klatschten. Delia blinzelte und starrte zur Bhne hinauf. Karina lchelte liebenswrdig ins Publikum. Delia konnte das nicht lnger ertragen. Noch bevor die Schiedsrichter ihren Namen aufgerufen hatten, sprang sie von ihrem Sessel hoch und ging hinter die Bhne, um ihren Gitarrenkoffer zu holen. Gabe kam hinter der Schalttafel fr die Beleuchtungsanlage hervor und strmte auf sie zu. Du machst das bestimmt groartig!, flsterte er ihr ins Ohr und trottete dann zurck auf seinen Posten. Delia sah zu, wie die Jungen den Flgel von der Bhne rollten und stattdessen einen hohen Hocker an seine Stelle setzten. Sie atmete tief ein und zwang sich, langsam wieder auszuatmen. Tu einfach so, als wre es gar nichts B esonderes, redete sie sich gut zu. Delia Easton?, rief einer der Schiedsrichter. Ich stell mir einfach vor, ich wre zu Hause und wrde fr Britty und Gabe singen, dachte sie. Wenn doch blo Vincent hier wre. Dann hob sie den Kopf und trat auf die Bhne. Ich habe extra fr den heutigen Talentwettbewerb einen Song geschrieben, sagte sie ins Mikro. In dem dunklen Zuschauerraum konnte Delia kaum etwas erkennen. Aber als Delia nach den Gesichtern der Schiedsrichter Ausschau hielt, fiel ihr Blick auf Karina. Sie war auf ihren Platz in der ersten Reihe zurckgekehrt, und Stewart sa neben ihr.47

Du darfst nicht zulassen, dass sie dich nervs macht, dachte Delia und lchelte Karina strahlend an. Dann fuhr sie mit ihrer Ankndigung fort: Es ist ein Lied ber einen Jungen und ein Mdchen und was sie einander bedeuten. Ich habe es Vincent genannt. Delia setzte den Gitarrenkoffer auf dem Hocker ab. Dann drehte sie dem Publikum den Rcken zu und lie die Verschlsse aufschnappen. Sie klappte den Deckel auf. Starrte auf die Gitarre hinunter. Und begann zu schreien.

Kapitel 11Die Saiten. Sie waren alle durchgeschnitten worden. Schlaff hingen sie ber dem Hals der Gitarre. Und die hingeschmierten Worte leuchteten Delia entgegen. Mit feuchter, roter Tinte hatte jemand quer ber die Gitarre geschrieben: HA HA HA. Delia blieb der Schrei in der Kehle stecken. Mit offenem Mund starrte sie ihre Gitarre an. Blinzelte. Blinzelte noch einmal. Als knnte sie dadurch das Bild auslschen. Als knnte sie dadurch den hsslichen Anblick verschwinden lassen. Und ihr Instrument wieder heil machen. Ohhh. Delia stie ein unterdrcktes Sthnen aus, als ihr Blick auf das Schallloch in der Mitte der Gitarre fiel. Was steckte dort drin? Zusammengeknllte graue Lumpen? Nein! Eine Ratte. Eine verwesende Ratte. Ihr Kopf steckte im Inneren der Gitarre, und der rosafarbene Schwanz und die drren Beine ragten in die Hhe. Neiiiiiin! Entsetzt riss Delia die Hnde vors Gesicht. Dabei stie sie an den Instrumentenkoffer. Die Gitarre fiel hinaus und knallte auf48

den Bhnenboden. Durch den Aufprall wurde die Ratte aus dem Loch geschleudert und landete mit einem widerlichen Plopp auf Delias Schuh. Angeekelt schubste sie sie weg. Der ramponierte Krper segelte nur wenige Zentimeter durch die Luft und blieb dann liegen. Die eingesunkenen Rattenaugen starrten anklagend zu ihr auf. Delia wurde es pltzlich furchtbar bel, und sie sank auf die Knie. Jetzt konnte sie die Ratte noch deutlicher sehen. Die rudigen Stellen, an denen ihr das Fell ausgegangen war. Die Hautstreifen, die sich vom Krper abschlten. Das getrocknete Blut auf ihrem Rcken. Delia hmmerte das Blut in den Ohren. Aber das Rauschen war nicht laut genug, um die Gerusche aus dem Publikum zu bertnen. Erschrockene Rufe. Schreie. berraschtes Keuchen. Ein dumpfes Stimmengewirr. Stampfende Schritte kamen auf sie zu. Dann zog Gabe sie sanft auf die Fe und fhrte sie von der Bhne. Britty rannte zu ihnen hinber. Delia? Was ist passiert? Bist du okay? Delia antwortete nicht, sondern starrte auf die erste Reihe. Karina hatte sich nicht bewegt. Ihre Lippen waren leicht geffnet. Ihre Augen weit aufgerissen. Sie wirkte vllig unschuldig als knnte sie kein Wsserchen trben. Delia stie einen Wutschrei aus und raste auf Karina zu. Wie konntest du das tun? Ihre Stimme zitterte, und sie schlotterte am ganzen Krper. Sie sah wieder die Ratte vor sich, die in ihre Gitarre gestopft worden war, und das hingeschmierte: HA HA HA. Finster starrte sie Karina an. Wie konntest du nur? Was denn? Wovon redest du?, fragte Karina ruhig. Ich wei, dass du es warst!, kreischte Delia. Karina schttelte den Kopf. Tut mir Leid. Ich wei wirklich nicht, was Spiel blo nicht den Unschuldsengel! Das zieht bei mir nicht. Du hast es getan!, schrie Delia. Das reicht jetzt, ihr beiden. Einer der Schiedsrichter trat mit strengem Gesicht zwischen sie. Wir werden herausfinden, was hier vorgefallen ist, und uns mit der Angelegenheit befassen.49

Karina stand auf und erwiderte Delias Blick. Ich habe keine Tricks ntig, sagte sie leise. Nicht, um dich zu schlagen. Dann verschwand sie ohne ein weiteres Wort. Delia sah ihr nach, wie sie mit langen Schritten den Gang hinaufeilte. Zu ihrer berraschung blieb Karina neben Sarahs Platz stehen. Sie lchelte sie an und beugte sich zu ihr hinunter, um ihr etwas zu sagen. Sarah nickte. Dann verlie sie mit Karina den Zuschauerraum, ohne Delia auch nur eines Blickes zu wrdigen. Ich glaubs einfach nicht, stie Delia hervor. Karina und meine Schwester? Als sie sich zur Bhne umdrehte, entdeckte sie Stewart, der halb verborgen in den Kulissen stand. Lchelte er? Oder war da ein Grinsen auf seinem Gesicht? Sie blinzelte angestrengt. Im Halbdunkel konnte sie ihn nicht so gut sehen. Ich suche gerade meine Requisiten zusammen, rief Stewart ihr zu. Er kam zu Delia hinber und hockte sich an den Bhnenrand, damit er mit ihr reden konnte. Bist du okay?, fragte er besorgt. Ja, murmelte Delia. Mir gehts gut. Es es war nur so ein furchtbarer Schock. Ich kann einfach nicht glauben, dass jemand Meinst du, sie lassen dich den Auftritt wiederholen?, unterbrach Stewart sie. Natrlich werden sie das! Sie mssen! Schlielich hat ihr jemand absichtlich den Auftritt vermasselt!, explodierte Gabe. Stewart hob die Hnde. War ne blde Frage, gab er zu. Aber das wrde ich als Erstes wissen wollen, wenn mir so was passieren wrde. Lasst uns von hier verschwinden, drngelte Britty ungeduldig. Gute Idee, meinte Gabe. Wir knnen uns doch ne Cola holen, whrend wir auf die Entscheidung der Jury warten. Delia schlang schtzend die Arme um sich, als sie nach drauen gingen. Aber trotzdem lief ihr ein Schauer nach dem anderen ber den Rcken. Ich glaube, Karina hat es ernst gemeint, als sie sagte, sie wrde alles tun, um zu gewinnen, murmelte Britty. Gabe legte Delia den Arm um die Schultern. Dann sind wir eben50

ab jetzt deine offiziellen Bodyguards, witzelte er. Genau, rief Britty. Wo du hingehst, gehen wir auch hin. Jedenfalls solange, bis der Gewinner des Wettbewerbs bekannt gegeben worden ist. Ich glaube, das reicht Karina nicht, sagte Delia zu ihren Freunden. Sie will das Stipendium. Und Vincent. Und alles, was ich habe. Alles. Sie will mein ganzes Leben! Ihre Freunde versuchten sie zu beruhigen, aber die trstenden Worte drangen kaum zu Delia durch. Auf einmal sah sie wieder die durchgeschnittenen Gitarrensaiten vor sich. Die verwesende Ratte, die in das Schallloch gestopft worden war, und ihre drren Beinchen, die in die Hhe ragten. Und Karinas Gesicht. So unschuldig. So scheinheilig. Was soll ich blo tun?, fragte sich Delia. Was kann ich tun?

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Kapitel 12Delia lenkte ihren roten Jetta in die Auffahrt. Sie konnte es kaum erwarten, ein langes, heies Bad zu nehmen am besten mit ihrem Lieblingsbadel, das nach Jasmin duftete. Und dann wrde sie ins Bett krabbeln und sich erst mal richtig ausschlafen. Hauptsache, sie musste an nichts mehr denken. Nicht an Karina. Oder daran, dass sie den Schiedsrichtern nchste Woche ihren Song vorspielen sollte. Wenn sie doch blo nicht stndig ihre ruinierte Gitarre, die zerschnittenen Saiten und die verwesende Ratte mit den eingesunkenen Augen vor sich sehen wrde. Wer ist die wahre Ratte?, fragte sich Delia. Die miese Ratte, die mir das angetan hat? War es Karina? Wrde sie wirklich so weit gehen, um zu gewinnen? Delia griff nach ihrer Tasche und stieg aus dem Wagen. Whrend des Talentwettbewerbs hatte es leicht geschneit. Vorsichtig ging sie ber den glatten Boden zur Haustr. Hey! Ein Brief. An der Haustr klebte ein Umschlag mit ihrem Namen in groen, roten Buchstaben. Der ist von Vincent!, schoss es ihr durch den Kopf. Sie hatte seine Handschrift sofort erkannt. Delia riss den Umschlag auf und faltete das Blatt auseinander. Ich wei, dass du umwerfend warst, las sie laut vor. Ich wnschte, ich htte dabei sein knnen. Lass uns heute Abend feiern. Wie wrs mit dem Red Heat? Wow! Das Red Heat war die heieste Disco der Stadt. Pltzlich war Delia berhaupt nicht mehr mde. Sie berlegte, was sie anziehen sollte. Auf jeden Fall ihren schwarzen Minirock aus Wildleder. Dazu die schwarze Wildlederweste mit den Fransen. Darunter den dunkelroten Spitzenbody. Und diese irren roten Schuhe mit den Plateausohlen, die sie im Secondhand-Laden aufgetrieben hatte.52

Perfekt! Dummerweise aber hatte Britty sich vor ein paar Wochen ihren schwarzen Rock ausgeliehen und noch nicht zurckgegeben. Also drehte Delia sich um und ging zurck zu ihrem Auto. Es wrde nicht lange dauern, zu Britty nach North Hills zu fahren. Sie ffnete die Wagentr und glitt hinter das Lenkrad. Dann setzte sie rckwrts aus der Auffahrt und machte sich auf den Weg zu ihrer Freundin. Whrend der Fahrt versuchte sie, alle unangenehmen Gedanken aus ihrem Kopf zu verdrngen. Sie dachte n an Vincent und an den ur Abend, den sie im Red Heat verbringen wrden. Kurz darauf parkte Delia vor dem Haus der Myers und strmte den Weg hinauf. Ungeduldig drckte sie auf die Klingel. Nach wenigen Sekunden ffnete Britty in einer schokoladenverschmierten Schrze die Tr. Ihr honigblondes Haar war mit mehlbestubten Strhnen durchzogen. Delia lachte schallend los. Wie siehst du denn aus? Ich dachte, du wolltet mit Gabe fr Geschichte bffeln? Hm, ja, aber stattdessen backen wir jetzt Schokoladenkekse, gab Britty zu und fhrte Delia in die Kche. Gabe grinste sie mit mehlbestubten Wangen an. Was hast du denn gemacht in Pltzchenteig gebadet?, rief Delia. h, na ja wir haben uns ne kleine Mehlschlacht geliefert, gestand Gabe. Du solltest das gar nicht sehen, mischte Britty sich ein. Sie baute sich vor dem Kchentisch auf, als knnte sie damit verhindern, dass Delia die Schsseln, Messgefe und Zutaten bemerkte, die berall herumstanden. Es sollte eine berraschung sein, fgte Gabe hinzu. Er warf Delia einen Blick zu und errtete. Fr dich. Delia schttelte erstaunt den Kopf. Wie meinst du das? Wir wollten dich ein bisschen aufheitern, erklrte Britty. Nach allem, was heute passiert ist Sie kratzte sich an der Nase und hinterlie dabei eine weie Mehlspur. Wir haben gedacht, dass ein paar Pltzchen bestimmt deine Laune heben wrden. Delia sprte einen dicken Klo in der Kehle. Was fr gute Freunde.53

Ach, Leute! Delia umarmte die beiden. Das ist lieb von euch! Dann fgte sie mit bitterer Stimme hinzu: Aber im Moment wrde es mir nur besser gehen, wenn ich es Karina heimzahlen knnte. Ach, komm. Britty ttschelte aufmunternd Delias Arm und schmierte dabei Mehl auf ihre Bluse. Mit Schokokeksen wird das schon wieder. Stimmt genau!, besttigte Gabe. Sie werden dir sogar bei deinem zweiten Vorsingen helfen. Die Zeitschaltuhr des Ofens begann zu summen. Gabe griff sich einen Topflappen und zog ein dampfend heies Blech voller Kekse heraus. Wow! Riecht das nicht lecker? Mit einem Pfannenwender befrderte er die Kekse auf einen Teller. Delia, du berlegst doch nicht im Ernst, dich an Karina zu rchen, oder?, fragte Gabe. Er sah pltzlich ganz besorgt aus. Dann wrst du auch nicht besser als sie. Das ist doch nicht dein Stil. Gabe pustete auf ein Pltzchen und kostete es. Autsch! Hei! Auerdem wre es ziemlich gefhrlich, mischte Britty sich ein. Karina ist im Moment unberechenbar. Das stimmt, sagte Gabe. Bleib ihr so weit wie mglich vom Hals. Am besten lsst du sie ganz in Ruhe. Delia seufzte. Wahrscheinlich habt ihr Recht. Ich wei ja nicht mal, ob sie wirklich meine Gitarre kaputt gemacht hat. Iss erst mal einen Keks, meinte Gabe. Kekse lsen alle Probleme. Auf der Rckfahrt dachte Delia ber das nach, was ihre Freunde gesagt hatten. Sie hatten wirklich Recht. Und sie wusste es. Sie musste sich zusammenreien und durfte nicht so durchdrehen wie Karina. Heute Abend will ich einfach nur Spa haben und an nichts anderes denken, beschloss Delia. Sie warf einen Blick auf die Plastiktte auf dem Beifahrersitz, in der ihr schwarzer Wildlederminirock war. Heute Abend wrde sie sich keine Gedanken ber das Conklin Stipendium oder das College machen oder ber irgendwas anderes, das sie runterziehen konnte.54

Und dazu gehrte auch Karina! Aber als Delia in den Park Drive einbog, verschlug es ihr den Atem. Karina! Sie stand direkt an der Straenecke neben einem groen Jungen. Einem groen Jungen mit welligem, braunen Haar. Vincent! Er beugte sich dicht zu ihr, und ihre Kpfe berhrten sich beinahe. Delia fuhr langsamer, um die beiden zu beobachten. In diesem Moment schlang Karina ihre Arme um Vincent. Nein!, schrie Delia. Sie sah, wie die beiden sich kssten. Ein langer, zrtlicher KUSS. Mit einem wtenden Aufschrei stieg Delia auf die Bremse und trat daneben. Stattdessen erwischte sie das Gaspedal. Neiiin! Sie wirbelte hektisch das Lenkrad herum, als der Wagen ausbrach. Dabei geriet er auf eine vereiste Stelle und rutschte seitlich ber die verschneite Strae. In Delias Kopf drehte sich alles. Wieder geriet sie auf ein Stck Glatteis. Der Wagen drehte sich einmal um die eigene Achse. Mit aller Kraft umklammerte sie das Lenkrad und versuchte, ihn wieder unter Kontrolle zu bekommen. Whrend der Wagen den Hgel hinunterschlidderte, wurde er immer schneller. Auf einmal sah Delia den Baum vor der Windschutzscheibe. Sie sprte einen harten Sto. Hrte das Knirschen von Glas und Metall. Und dann wurde alles schwarz.

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Kapitel 13Alles wurde schwarz, weil sich der Airbag aufblies und in ihrem Gesicht landete. Delias Kopf ruckte zurck und knallte gegen die Nackensttze. Dann wurde sie wieder nach vorne geschleudert. Dabei grub sich der Sicherheitsgurt in ihren Oberkrper. Der Airbag presste sich gegen ihr Gesicht. Krampfhaft versuchte sie, tief einzuatmen. Delia? Delia, kannst du mich hren?, rief jemand. Es hrte sich panisch an. Sie strengte sich an, den Airbag beiseite zu schieben. In diesem Moment wurde die Autotr aufgerissen und Karina beugte sich zu ihr hinein. Sie packte Delia an der Schulter. Delia, rief sie, bist du okay? Delia schttelte benommen den Kopf. Mit zitternden Hnden strich sie sich die Haare aus den Augen. Ich ich glaub schon. Sie versuchte, um den Airbag herumzublinzeln. Ist der Wagen? Alles nicht so schlimm, meinte Karina beruhigend. Du hast ne groe Beule in der Motorhaube. Und ein Scheinwerfer ist im Eimer. Nichts Ernstes. Hauptsache, dir ist nichts passiert. Wo ist Vincent? Delia starrte an Karina vorbei und suchte mit den Augen den Brgersteig ab. Keine Spur von Vincent. Aber ich hab ihn doch mit dir zusammen gesehen. Delia versagte es die Stimme. Wo ist er? Er ist zu dem Haus da drben gelaufen, um deine Eltern anzurufen. Karina zeigte ber die Strae. Delia qulte sich aus dem Wagen. Ihre Beine zitterten, und ihre Finger schmerzten, weil sie das Lenkrad so fest umklammert hatte. Aber sie hatte sich nichts gebrochen, und es fhlte sich auch nicht so an, als htte sie eine Gehirnerschtterung abbekommen. Puh. Das war knapp!, sagte Karina mit einem Seitenblick auf den groen Baum. Wenn du ein bisschen mehr Speed draufgehabt httest, wre er bei dir auf dem Fahrersitz gelandet.56

Ein entsetzlicher Gedanke. Delia wandte sich schaudernd ab und starrte Karina an. Ich begannen Delia und Karina gleichzeitig. Ich meine Wieder setzten beide auf einmal an. Du zuerst, sagte Karina. Okay, seufzte Delia. Ich hab gesehen Aber sie konnte sich nicht dazu berwinden, es auszusprechen. Dass sie beobachtet hatte, wie Vincent und Karina sich geksst hatten. Also, ich hab dich und Vincent zusammen gesehen. Ich wusste nicht Dass er sich mit uns beiden trifft?, beendete Karina den Satz fr sie. Nein, ich auch nicht. Jedenfalls bis vor ein paar Tagen - als ich deinen Lippenstift auf seiner Wange entdeckt habe. Wetten, er hat dir nie versprochen, dass er nicht mit anderen Mdchen ausgeht?, meinte Delia. Nein. Er hat mich nicht angelogen. Karinas blaue Augen blitzten vor Wut. Aber er hat es mir leicht gemacht zu glauben, was ich glauben wollte. Er htte es mir sagen mssen. Und dir auch. Er hat uns beide belogen. Ich denke, jetzt gibt es nichts mehr, um das wir kmpfen mssen, fgte sie leise hinzu. Ich meine wir wissen beide ber Vincent Bescheid. Nichts mehr. Bis auf das Conklin Stipendium, erinnerte Delia sie. Es stimmte, und beide wussten es. Fr einen Moment breitete sich erneut Schweigen zwischen ihnen aus. Karina Delia Wieder begannen sie gleichzeitig zu sprechen. Du zuerst, sagte Delia lachend. Karinas Wangen frbten sich zartrosa. Ich hab mich ziemlich daneben benommen. Es tut mir furchtbar Leid, dass ich dich neulich in der Sporthalle angegriffen habe. Und all diese schrecklichen Dinge zu dir gesagt habe. Ich bin einfach ausgerastet ich gebs zu. Aber deine Gitarre hab ich nicht kaputt gemacht. Das schwre ich. Lass uns einen Waffenstillstand schlieen, okay? Delia sah Karina prfend an. Es schien ihr ernst zu sein. Aber bei Karina war das schwer zu sagen. Sie sah immer aus wie die57

Unschuld in Person. Okay, stimmte Delia zu. Das hie ja noch lange nicht, dass sie Karina hundertprozentig vertrauen musste. Kommst du hier so weit klar?, fragte Karina. Ich muss jetzt nmlich dringend nach Hause. Ja, alles in Ordnung, sagte Delia. Ich hab Glck gehabt. Sie sah Karina hinterher, die eilig davonlief. Ihr blondes Haar wehte durch die winterlichen Luft. Kurz darauf kam Vincent aus dem Haus auf der anderen Straenseite. Delias Puls beschleunigte sich so wie immer, wenn sie ihn sah. Ihr Waffenstillstand mit Karina bedeutete ja nicht, dass sie Vincent aufgeben musste. Sie wrden einen fantastischen Abend im Red Heat verbringen, und sie wrde die schrfste Geburtstagsparty aller Zeiten fr ihn schmeien. Und schon bald wrde er Karina vllig vergessen haben! Ich wei, dass ich mit dir ins Red Heat gehen wollte. Es war schlielich meine Idee. Aber heute Abend wird es doch nichts. Wir holen es am Wochenende nach, versprochen. Vincent hielt den Hrer ein Stck vom Ohr weg. Er brauchte sich Delias Antwort gar nicht anzuhren er wusste sowieso, was sie sagen wrde. Als Erstes wrde sie ihn fragen, was wichtiger sein knnte als ihr gemeinsamer Abend im Red Heat. Dann wrde sie sagen, es sei nicht fair, und sie htte extra fr ihn besonders schicke Klamotten rausgesucht. Und sie wrde ihn daran erinnern, was fr einen furchtbaren Tag sie gehabt hatte. Aber es wrde nicht funktionieren. Nicht heute Abend. Delia, unterbrach Vincent sie. Ich kann auf keinen Fall. Es tut mir echt Leid, wirklich. Vincent schluckte trocken. Vielleicht ist das ein Fehler, dachte er. Vielleicht sollte ich heute doch lieber mit ihr tanzen gehen. Er wurde das Bild, wie Karina und Delia sich miteinander unterhielten, einfach nicht los. Als er heute Nachmittag Delias Eltern angerufen hatte, hatte er die beiden durch das Fenster beobachtet.58

Worber hatten sie wohl gesprochen? Wenn Delia und Karina sich wieder anfreundeten, wrde das sein ganzes Leben durcheinander bringen. Vincent rutschte nervs auf der Wohnzimmercouch herum. Ich hab gesehen, dass du nach deinem Unfall eine Weile mit Karina geredet hast. Sie hat dir doch nicht erzhlt ich meine, sie hat doch nicht etwa behauptet, dass wir zusammen sind, oder? Wenn ja Er atmete tief ein und versuchte ganz gelassen zu klingen. Also, wenn sie das gesagt hat, mssen wir die Sache dringend klren. Vincent schttelte besorgt den Kopf, als knnte Delia ihn sehen. Sie ist offenbar vllig durcheinander. Ich meine, denk doch nur mal dran, wie sie dich in der Sporthalle angegriffen hat. Und dann die tote Ratte in deiner Gitarre Vincent beschloss, besser auch gleich den Kuss zu erklren fr den Fall, dass Delia es gesehen hatte. Du wirst nicht glauben, was Karina heute mit mir gemacht hat. Als ich ihr auf dem Park Drive begegnet bin, hat sie einfach meinen Kopf zu sich runtergezogen und mich geksst. Sie kann einem echt Leid tun. Ich wusste doch, dass es nicht wahr ist!, rief Delia aus. Stimmt, sie hat mir tatschlich erzhlt, dass ihr miteinander geht. Und ich hab ihr das auch noch abgenommen! Ich muss von dem Unfall ganz durcheinander gewesen sein. Vincent legte den Hrer ans andere Ohr. Du brauchst dir wegen Karina und mir keine Sorgen zu machen, versicherte er Delia. Dann senkte er die Stimme, so wie er es immer tat, wenn er ihr ins Ohr flsterte. Du glaubst mir doch, oder? Dann lass uns heute Abend weggehen. Du kannst deine Eltern bestimmt berreden, sagte Delia. Nein, keine Chance. Ich kann hier nicht weg. Die Leute von der Teppichreinigungsfirma stehen gleich morgen frh auf der Matte. Und meine Mutter kriegt ne Krise, weil all unsere schweren Mbel noch weggeschoben werden mssen. Das verstehst du doch, nicht wahr, Delia? Ich denke schon. Vincent sprte, dass sie enttuscht war. Aber wenigstens war sie nicht mehr sauer auf ihn. Ich werde es wieder gutmachen, okay? Er wartete Delias Antwort gar nicht erst ab. Wir sehen uns dann59

morgen, fgte er schnell hinzu und legte auf. Vincent war ein bisschen auer Atem. Puh, das war gar nicht so einfach, wie ich gedacht hatte, gab er zu. Sie war stinkwtend. Delia wird sich schon damit abfinden. Das Mdchen neben Vincent kuschelte sich enger an ihn. Das tut sie doch immer. Vincent nickte. Er dachte nicht lnger an Delia und legte seinen Arm um die Schulter des Mdchens. Dann strahlte er sie mit seinem typischen Vincent-Milano-Lcheln an. Das Mdchen kicherte und ksste ihn auf den Mundwinkel. Vincent lachte. Du bist ganz schn boshaft, Sarah.

Kapitel 14Nervs. Nervs, murmelte Delia vor sich hin. Sie tigerte nach der Schule unruhig vor dem Kunstraum hin und her. Ich muss aufhren, so nervs zu sein. Sie rannte ein Stck den Flur hinunter zu ihrem Schrank, gab hastig die Zahlenkombination ein und riss die Tr auf. In dem kleinen Spiegel, der an der Innenseite hing, berprfte sie noch einmal ihre Frisur. Perfekt! Mit Brittys Hilfe hatte sie ihre Haare geflochten, und der lange Zopf hing ihr bis auf den Rcken hinunter. Sehr auffallend. Sehr ausdrucksvoll. Sehr knstlerisch. In einem Ohr trug sie einen silbernen Ohrring, der mit runden, roten Perlen und langen, schmalen, tiefrot gesprenkelten Steinchen besetzt war. Ideal fr den Kunstwettbewerb. Delia griff nach ihrem Ersatzlippenstift Marke Mitternachtsfeuer, den sie in ihrem Schrank aufbewahrte, und zog sich die Lippen nach. Die wenigsten Leute wrden diesen dunkelroten Farbton mit einer knallroten Jacke und einem langen, pinkfarbenen Rock kombinieren, so wie Delia sie heute trug. Aber Delia war ja auch anders als andere Leute. Sie liebte schrge Farbkombinationen. Und es wrde der Jury zeigen, dass sie einen ganz besonderen Stil hatte.60

Ich bin froh, dass ich noch ein neues Selbstportrt gemalt habe, dachte Delia. Auf der neuen Zeichnung hatte sie dasselbe Outfit an wie heute. Dieselbe Frisur, denselben Ohrring alles vllig identisch. Bestimmt wrden die Schiedsrichter sich dann leichter an sie erinnern. Delia knallte die Schranktr zu und rannte zum Kunstraum zurck. Blde Nervositt, murmelte sie wieder und warf einen Blick auf die geschlossene Tr. Pltzlich wurde ihre Schulter mit festem Griff von einer Hand umklammert. Sie jaulte erschrocken auf und fuhr herum. Stewart stand mit verlegenem Gesicht vor ihr. Tschuldigung