Rio de Janeiro 63 AMERIKA : Rio de JaneiRo Stellen und ziehen junge Talente aus den Krisen staaten...

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  • Rio de Janeiro

  • Brasilien bleibt ein vielversprechender Partner

    Christian Müller leitet

    die Außenstelle Rio de

    Janeiro seit 2009. Die

    Außenstelle besteht seit

    dem Jahr 1972 und hat

    zurzeit acht Mitarbeiterin-

    nen und Mitarbeiter.

    Ernüchterung nach Euphorie

    Drei Jahre liegen zwischen zwei Artikeln in der britischen Zeitschrift „The Economist“: Im Dezember 2009 zeigte das legendäre Titelbild mit der Schlagzeile „Brazil takes off“ in einer Fotomontage die Christus­Statue auf dem Berg Corcovado in Rio, die auf einem Raketenstrahl von ihrer Basis abhebt. Im Dezember 2012 brachte das Magazin einen kritischen Artikel zur Lage der brasilianischen Wirtschaft mit der Schlagzeile „A Breakdown of Trust“. Was ist in diesen drei Jahren passiert – wie konnten die hohen Erwartungen in so kurzer Zeit zu einem „Zusammenbruch von Vertrauen“ führen?

    Die Meinung einer Zeitschrift darf sicherlich nicht mit der Realität verwechselt werden: Beides, erst der Enthusiasmus und jetzt das

    pessimistische Szenario, sind überzeichnet. Real allerdings waren die Reaktionen der Politiker. Erst sonnten sie sich zum Jahres wechsel 2009/10 in dem Vorgefühl auf das „Jahrzehnt Brasiliens“. Dabei zitierten sie den unabhängigen „Econo­ mist“ als Kronzeugen ihres Zukunftsglaubens. Dagegen wurde der Artikel vom Dezember 2012 als Einmischung in die inneren Angele­ genheiten der Regierung abgetan, weil sich in einem Nebensatz der Vorschlag ablesen ließ, den Finanzminister zu entlassen. Darum ging es aber nicht zentral in dem Text. Er stellte vielmehr vor allem ökonomische Risiken und Fehlentwicklungen fest.

    Vieles davon ist nicht neu, schon länger wird der Präsidentin und ihrer mächtigen Partei PT Untätigkeit vorgeworfen. Nach zwei Jahren Regierung unter Präsidentin Dilma Rousseff und zehn Jahren Vorherrschaft der PT sind grundlegende Probleme immer noch ungelöst. Die Staatsquote und die strukturellen Kosten im Industrie­ und Dienstleistungssektor sind zu hoch; der Staat investiert zu wenig; die Infra­ struktur ist marode und die staatliche Büro kratie ineffizient, die Wirtschaft weder innovativ noch wettbewerbsfähig. Mit Impulsen für den privaten Konsum konnten zwar kurzfristige Effekte erzielt werden, aber die Sorgen wach­ sen, dass für den ganz großen Sprung nach vorn die Weichen nicht richtig gestellt werden.

    Allerdings sind viele Grunddaten der Wirt­ schaft nach wie vor gut: Die Staatsverschul­ dung ist niedrig und sinkt, die registrierte

    A M E R I K A : R i o d e J a n e i R o

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    Ingenieure und Facharbeiter fehlen

    Bevorzugung armer Studierender

    Rundreise zu bedeutenden Hochschulorten

    Deutsches Wissenschafts- und Innovationshaus wird eröffnet

    Stipendienprogramm lockt junge Wissenschaftler

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    Anziehungspunkt für

    Touristen: Allee der

    Königspalmen im 1808

    gegründeten Botanischen

    Garten von Rio.

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    Arbeitslosigkeit ist auf einem historischen Tiefst stand. Die Währung konnte kontrolliert gering abgewertet werden und die Inflation liegt im Zielkorridor, wenn auch am oberen Rand von knapp 6 Prozent. Der Binnenmarkt boomt.

    Dennoch hat das Wirtschaftswachstum am Ende nur mit Not eine Eins vor dem Komma erreicht: 1,0 Prozent. Das ist eine Enttäuschung sowohl für internationale Beobachter als auch für das Wirtschaftsteam in der Regierung, das 3 bis 4 Prozent Wachstum prognostiziert hatte. So wurde 2012 ein junger Mythos erschüttert: Brasilien habe nach langer Lethargie den Weg in eine moderne, wettbewerbsfähige Wirtschaft gefunden und steige zu einem Global Player auf allen Feldern auf.

    Die ehemalige Regierung vor Gericht

    Ein weiterer Mythos wurde mit dem größten Strafprozess des brasilianischen Bundes­ gerichtshofs entzaubert. Angeklagt war die Regierung der Jahre 2002 bis 2006 unter dem damaligen Präsidenten Luis Inácio „Lula“ da Silva. Zur Debatte stand, ob sich die Regierung die Abstimmungstreue der Koalitionsparteien und ihrer Abgeordneten systematisch erkauft hatte. Der Prozess endete mit zahlreichen Ver­ urteilungen. Der ehemalige Präsident selbst stand nicht vor Gericht. Aber es ging immer auch um die Frage, was er gewusst hatte und wie weit die kriminellen Handlungen mit ihm abgestimmt waren. Dabei nahm die Partei den größten Schaden: Der Mythos einer neuen, ethischen Politik, mit dem die PT vor zehn Jahren antrat, ist zerstört.

    Lula dagegen bewahrte seine magische Aus­ strahlung und konnte sie 2012 sogar mit einem glänzenden Wahlsieg unter Beweis stellen. Der von ihm ernannte Kandidat für das wichtigste

    Bürgermeisteramt, das der Stadt São Paulo mit elf Millionen Einwohnern und einem Etat von 16 Mrd. Euro, setzte sich gegen starke Konkur­ renz durch. Und das, obwohl der Bewerber in der Stadt keine Hausmacht hatte, sondern aus der Administration Brasilias kam.

    So endete das Jahr 2012 mit einem gemischten Ergebnis für die Führung des Landes. Der internationale Glanz verblasst, die Wirtschaft hat an Dynamik verloren, ein dunkler Schatten ist auf die Regierungspartei gefallen. Aber die Popularität der Präsidentin Rousseff und ihres Vorgängers ist weiterhin hoch. Es spricht viel dafür, dass die PT mit ihren Koalitionären in den nächsten zwei Jahren und auch über die Wahl 2014 hinaus die Regierung stellen wird.

    Entscheidend wird dabei sein, ob die Partei mit den Ergebnissen ihrer eigenen Sozialpolitik umgehen kann. Die Programme sind erfolgreich: Immer mehr Menschen emanzipieren sich von staatlicher Wohlfahrt und partizipieren mit eigener Kraft am Wirtschaftsleben. Sie werden von Sozialleistungsempfängern zu Steuerzah­ lern und fragen nun kritisch, was der Staat für die hohen Abgaben leistet.

    Anwerbung ausländischer Fachkräfte

    Kritikpunkte sind unter anderem die Ausbil­ dung von Fachkräften und die Schul bildung. Viele Branchen haben Probleme mit der Beset­ zung offener Stellen, insbesondere fehlen Ingenieure und Facharbeiter. Allerdings gibt es Gegenmaßnahmen: Für ausländische Fach­ kräfte ist es leichter geworden ein zu wandern. Solche Anwerbungen sind für Brasilien nicht neu. Neu ist, dass qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland zu konkurrenz fähigen Bedingun­ gen eingestellt werden können. Die Hightech­ Branchen Erdöl und Gas, Fahrzeugbau, IT und Pharmazie bieten zahlreiche gut dotierte

    Viele Branchen haben

    Probleme mit der Beset-

    zung offener Stellen, insbe-

    sondere fehlen Ingenieure

    und Facharbeiter. Aller-

    dings gibt es Gegenmaß-

    nahmen: Für ausländische

    Fach kräfte ist es leichter

    geworden einzuwandern.

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    A M E R I K A : R i o d e J a n e i R o

    Stellen und ziehen junge Talente aus den Krisen staaten Spanien und Portugal an.

    Seit 2010 steigt die Zahl der bewilligten Arbeits­ Visa, und die Regierung formulierte im Dezem­ ber 2012 mit dem Programm „Brasilien mit offenen Armen“ eine klare Politik der Anwer­ bung. Auch das Stipendienprogramm „Ciência sem Fronteiras – Wissenschaft ohne Grenzen (CsF)“ soll junge ausländische Wissenschaftler und Senior Scientists ins Land holen.

    Umstrittene Hochschulquote

    Die Bundesregierung will die Zahl der Fach­ kräfte auch durch hochschulpolitische Maß­ nahmen erhöhen: Sie hat eine Quote für den Hochschulzugang eingeführt und versucht, auch Ärmere studieren zu lassen. Der Gesetzes­ entwurf wurde heftig diskutiert, hat jetzt aber alle Hürden genommen. Im Verlauf der kom­ menden vier Jahre müssen alle Universidades

    Federais ihre Zulassungspraxis und ­regeln so verändern, dass 50 Prozent der Studienplätze an Absolventen aus dem öffentlichen Schul­ system vergeben werden; bisher waren es nur 15 bis 20 Prozent. Unter diesen 50 Prozent wird wiederum die Hälfte der Plätze an Studien­ anfänger aus Familien mit einem geringen Ein­ kommen vergeben. Außerdem werden Studie­ rende bevorzugt, die den „unterprivilegierten Ethnien“ angehören.

    Dieses Konzept ist schwer übersetzbar. Nähe­ rungsweise ist damit gemeint, dass Studie­ rende, die sich selbst als „Mischling dunkler Hautfarbe“, als „schwarz“ oder als „indiani­ scher Abstammung“ bezeichnen, bevorzugt einen Studienplatz erhalten. Nach Angaben des Zensus sehen sich 47,7 Prozent der Bevöl­ kerung in Brasilien als „weiß“, 43,1 Prozent als „Mischling dunkler Hautfarbe“, 7,6 Prozent als „schwarz“, 0,4 Prozent als „indianischer“ und die restlichen 1,1 Prozent als „asiatischer Herkunft“.

    Alumni-Seminar in Teresópolis

    Das Städtchen Teresópolis war im Januar 2011 Schauplatz der schlimmsten Naturkatas- trophe in der brasilianischen Geschichte. Über 1.000 Men- schen kamen bei schweren Regenfällen, Überschwem- mungen und Erdrutschen ums Leben, Tausende wurden obdachlos und verloren ihren Besitz. Teresópolis wurde daher als Tagungsort für ein Alumni- Seminar gewählt, das sich den Themen „Natural Hazards: Katastrophenforschung, Bevöl- kerungsschutz, Prävention und

    Katastrophenhilfe“ widmete. Es fand im Umfeld der UN- Konferenz zur Nachhaltigkeit „Rio +20“ statt.

    Deutsche und brasilianische Wissenschaftler sowie Studie rende diskutierten über Forschungsprojekte, die sich mit den natürlichen, aber auch anthropogenen Ursachen von Katastrophen befassen. Neun Stipendiaten aus verschiedenen Ländern nahmen ebenfalls am S