Rüdiger Offergeld: Kundry weint

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    08-Mar-2016
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Der Direktor des Richard-Wagner-Nationalarchivs stirbt urplötzlich während der Festspiele. War es Mord oder Suizid? In Bayreuth rumort es. Der Kriminalpsychologe Dall´Armi steht der Bayreuther Polizei beratend zur Seite. Seine Ermittlungen führen ihn in mysteriöse Wagnerwelten, in die Wahnwelt vom Heiligen Gral und seinem Mythos von ewiger Jugend und Schönheit – und direkt in die dunkle deutsche Vergangenheit.

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  • Allitera Verlag

  • R diger Offergeld, 1941 in Gelsenkirchen geboren, studierte Theologie, Philosophie und Literaturwissenschaften in Paris und Mnchen. Er hat als Autor des Bayerischen Rundfunks mehrere Hrspielfeatures ber den Mythos Bayreuth produziert. Im Herbst 2012 erschien Kundry weint in englischer Sprache unter dem Titel Hitlers Parsifal. Rdiger Offergeld ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland. Er lebt in Stock-dorf bei Mnchen und Gargnano / Italien.

    www.ruediger-offergeld.de www.hitlersparsifal.com

  • Rdiger Offergeld

    Kundry weintKriminalroman

    Allitera Verlag

  • Weitere Informationen ber den Verlag und sein Programm unter: www.allitera.de

    4. Auflage, April 2013 Allitera VerlagEin Verlag der Buch&media GmbH, Mnchen 2005 Allitera VerlagUmschlaggestaltung: Heidi Keller, MnchenPrinted in Germany isbn 978-3-86906-510-6

  • Fr Lieselotte und Beryl

  • Irgendwann sitzen wir alle in Bayreuth zusammen und begreifen gar nicht mehr, wie man es anderswo aushalten konnte.

    Friedrich Nietzsche

  • 7 1. Kapitel

    D er Tod der schwarzen Schwne ihnen waren in der Nacht vom 24. auf den 25. Mai von einem unbekannten Tter brutal die Hl-se durchschnitten worden hatte in der Bayreuther ffentlichkeit fr mehr Unruhe gesorgt als der Mord am Direktor des Richard-Wagner-Nationalarchivs, Dr. Siegfried Srgel, drei Tage spter. Eingefleischte Wagnerianer vermuteten in dieser frevelhaften Tat einen symbolischen Anschlag auf das Werk Richard Wagners, womit sie, wie sich wenig sp-ter herausstellen sollte, auch nicht ganz Unrecht hatten. Die schwarzen Schwne waren erst am 22. Mai dieses Jahres auf besondere Veranlassung des Leiters der Festspiele, Dr. Karl Friedrich Wertheim, vom Stdtischen Gartenamt im Teich des Hofgartens ausgesetzt worden. Sie sollten an das Geschenk Knig Ludwigs II. an Richard Wagner zu dessen 69. Geburts-tag des gleichen Tages erinnern.

    Die Eheleute Wagner waren damals ber das beziehungsreiche Geschenk hoch erfreut: Die Amseln erfreuen uns, und die Schwne geben eine vllige Poesie, schrieb Cosima Wagner in ihr Tagebuch und hielt so dieses Ereignis fr die Ewigkeit fest. Richard Wagner war mitten in der Arbeit am Parsifal. Er wrde ihn wenige Monate spter, am 13. Januar 1882, vollenden. Dass er die beiden Prachtexemplare von Schwnen auf die Namen Parsifal und Kundry taufte, lag deshalb nahe. Sensible Wagnernaturen waren schon immer davon berzeugt, dass der wahnsinnige Knig den nahen Tod seines Freundes geahnt hat-te und mit diesem Geschenk die rasche Vollendung des Bhnenweih-festspiels, das er sehnschtig erwartete, anmahnen wollte. Am 13. Feb-ruar des folgenden Jahres war Richard Wagner tatschlich im Palazzo Vendramin in Venedig an Herzversagen gestorben.

    Selbstverstndlich hatten die Tageszeitungen in ihren Montagsausga-ben an diesen interessanten historischen Zusammenhang erinnert. Aber gab es ber den zeitlichen Zusammenhang hinaus auch einen ursch-lichen? Darber war in der Presse breit spekuliert worden. Es waren zunchst nur Vermutungen. Konkrete Anhaltspunkte gab es ja nicht. Auch die Polizei, die in beiden Fllen sofort ihre Ermittlungen aufge-nommen hatte, konnte zwischen den beiden Vorgngen keine innere Beziehung feststellen. Der Zeitpunkt sei auch noch zu frh, hatte es in einer schnell herausgegebenen Presseerklrung am Dienstag danach geheien. Polizeirat Eichelsdrfer hatte jedoch schnelle Aufklrung versprochen. Die Pressesprecherin der Festspielleitung, Helen Brkel, hatte noch am selben Tag dementiert und von einer absolut zuflligen

  • 8Koinzidenz der Ereignisse gesprochen. Nichts anderes war auch erwar-tet worden. Brkel hatte hierzu eventuell auftauchenden Gerchten von vornherein entgegentreten wollen. In den folgenden Tagen waren solche Gerchte auch tatschlich aufgetreten. Sie hatten sich allerdings nicht auf die Frage bezogen, ob es eine wie auch immer geartete Verknpfung zwischen den beiden Ereignissen geben knnte, sondern hatten behaup-tet, dass der- oder dieselben Tter, die die schwarzen Schwne ermor-det hatten, auch fr den Tod Direktor Srgels verantwortlich waren. Diese Gerchte sollten in den nchsten Wochen nicht verstummen, im Gegenteil, sie wurden immer lauter. In Bayreuth rumorte es.

    Die versprochene schnelle Aufklrung erfolgte nicht. Dafr war etwas anderes ans Tageslicht gekommen, etwas sehr Merk-

    wrdiges. Etwas, das nur intimen Bayreuthkennern begreiflich war. In der Stadt waren schwarze Federn aufgetaucht, die zweifelsfrei von den beiden toten Schwnen stammten. Einige Damen hatten sie bei der eine Woche spter stattfindenden Beerdigung Srgels als Zeichen ihrer Trauer getragen, angeheftet an Kostmen und Kleidern. Der Journa-list An dr Beck hatte darber im Nordbayerischen Kurier in seiner Kolumne Festspiele aktuell berichtet. Der Artikel hatte einen kleinen Skandal ausgelst.

    Beck hatte herausgefunden, dass einige Bedienstete des Stdtischen Gartenamtes, die mit der Entsorgung der Schwanenkadaver beauftragt waren, diesen zuvor die Federn ausgerupft hatten, um sie dann zu einem bemerkenswert guten Preis an Reliquienjger zu verkaufen. Das war aber nicht Anlass des Skandals, sondern nur eine geschmack-lose Arabeske, von denen es im Bayreuth zur Festspielzeit viele gibt. ber derlei Dinge regt man sich in der Stadt auch nicht besonders auf. Dass aber im Polizeibericht ber den Tod Srgels bewusst Tatsachen verschwiegen wurden, darber regte man sich sehr wohl auf. Beck hatte von einem Informanten aus dem Bayreuther Polizeiapparat in Erfahrung gebracht, dass in der Hand des toten Srgel eine schwarze Schwanenfeder gefunden worden war, die, was die labortechnischen Untersuchungen zweifelsfrei ergeben hatten, von einem der beiden getteten Tiere stammte. Diese Feststellung war zunchst im Polizei-bericht aufgenommen, spter aber wieder getilgt worden. Fragen, die in der ffentlichkeit sofort gestellt wurden, waren: Wer hat dem Toten die Feder in die Hand gelegt? Wer konnte so etwas Piettloses getan haben? War/waren es der/die Tter? Waren Dritte beteiligt? Wer hat-te Zugang zum Tresorraum des Archivs im Keller des Hauses Wahn-fried, wo der Tote gefunden worden war? Wer hatte veranlasst, dass der Polizeibericht korrigiert wurde? Fragen, aber keine Antworten. Die Polizei schwieg. Der zustndige Minister schwieg. Die Festspiel-leitung schwieg.

  • 9Der Fall Srgel / Wahnfried drohte nicht nur groen Schaden fr den internationalen Ruf der Bayreuther Festspiele anzurichten, sondern auch noch politisch auer Kontrolle zu geraten. Das aber wollte die bayerische Staatsregierung unbedingt verhindern. Bayreuth hatte zwar jedes Jahr seinen Skandal fr den die Verantwortlichen der Festspiel-leitung auch immer dankbar waren , aber in diesem Jahr war alles ganz anders. Die heimliche Freude ber kostenlose Publizitt wollte nicht mehr aufkommen.

    Viele fragten sich, was genau Andr Beck wusste. Es war nmlich, zustzlich zu den Schlampereien im Polizeiapparat, der Verdacht auf-gekommen, dass die von den Behrden pltzlich in Umlauf gebrachte Suizidthese nicht zutreffe und man eher von einem Mord sprechen ms-se. Mord in der Villa Wahnfried! Unglaublich! War es Beck, der diesen Verdacht gestreut hatte?

    Vieles kam pltzlich zusammen. Einen Tag nach der Pressekonferenz in Wahnfried am Montag, den 26. Juni, war der Wagen des jungen italie-nischen Opernregisseurs Enrico Giraldi, den er auf dem Parkplatz hin-ter dem Festspielhaus abgestellt hatte, mit Hakenkreuzen beschmiert worden. In einem anonymen Brief war ihm der Tod angedroht worden. Giraldi hatte auf dieser Pressekonferenz sein Konzept fr den diesjh-rigen Parsifal vorgestellt und war damit in konservativen Wagnerkreisen auf heftige Kritik gestoen. Beck hatte ausfhrlich darber berichtet. Giraldi beabsichtigte eine Neuinterpretation des groen Bhnenweih-festspiels. Darin sollte die groe Liebe der Jdin Kundry zum deutschen Helden Parsifal nicht mehr zum Scheitern verurteilt sein. Mehr wollte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Giraldi hatte mit seinen u-erungen in der Wagnergemeinde fr groe Unruhe gesorgt. Viele fragten sich, warum Wertheim, der starke Mann der Festspielleitung, einen Knstler nach Bayreuth geholt hatte, der in dieser Weise die Wag-nergemeinde provozierte. Niemand verstand das wirklich.

    Die Atmosphre in Bayreuth war in diesen Tagen sehr angespannt. Der bayerische Ministerprsident sah sich veranlasst einzugreifen. Als Mit-glied im Stiftungsrat der Festspiele trug er eine besondere Verantwortung. Zu viel stand auf dem Spiel. Er beauftragte seinen Innenminister Aloys Mayr, sich der Sache anzunehmen. Noch am gleichen Montag rief der Dr. Firmian von DallArmi an. Er bat den ber die Grenzen Bayerns hinaus bekannten Kriminalpsychologen, der Bayreuther Polizei in der Sache Sr-gel beratend zur Seite zu stehen.

    DallArmi zgerte mit seiner Zustimmung. Er erbat sich einen Tag Bedenkzeit. Ob er denn der richtige Mann sei fr diese Aufgabe, fragte er den Minister. Ja. Ja. Fr ihn sei er der richtige Mann. Er kenne nie-manden, der sie besser erledigen knne als er. Das waren Schmeichelei-

  • 10

    en. Balsam fr sein Ego. Aber DallArmi zgerte dennoch. Das Vertrau-en des Ministers grndete auf dem guten Ruf, den sich DallArmi als Experte fr kriminelle Verhaltensforschung und Verbrechenspsycholo-gie in der Forensischen Psychologie erworben hatte. Seine wissenschaft-lichen Arbeiten zur Aufklrung von Sexualverbrechen fanden nicht nur in Fachkreisen allgemeine Anerkennung. Die Aufgabenstellung in Bay-reuth war fr ihn neu. Selbst wenn es im Falle Srgel Mord gewesen sein sollte, hatte er es mit vllig anderen Motivstrukturen zu tun als die, die er bisher gewohnt war zu analysieren. Die Aufgabe reizte ihn dennoch. Vielleicht auch deshalb, weil sie so neu fr ihn war und einmal nichts mit den Scheulichkeiten von Sexualstraftaten zu tun hatte.

    Zwei weitere Grnde hatte DallArmi fr se