SEPP ARNOLD, Die wilden Heuer - Gueti Gschichte ... Die wilden Heuer Akrobatisches Bauern an...

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    26-Jan-2021
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  • SCHWEIZER ILLUSTRIERTE78

    Die wilden Heuer Akrobatisches Bauern an steilsten Berghängen:

    Das Wildheugebiet von Isenthal UR ist «Landschaft des Jahres 2016». SEPP ARNOLD, 73, ist einer der

    erfahrensten Wildheuer. Ein Tag mit ihm «i de Wildi».

    Job mit Aufstiegs-Chancen Hoch über dem Isenthal recht Sepp Arnold Wildheu zusammen. Hinten Mitte die Berge Uri Rotstock und Schlieren.

  • SCHWEIZER ILLUSTRIERTE 81

    «Häb Sorg!» Bevor Sepp losmarschiert, bekreuzigen sich er und seine Frau Therese, 65, mit Weihwasser.

    Üfa und opsi! Mit dem Fell­ tornister chräs­ met Sepp den Berg hoch. Zwei Stunden durch wilde, steile Landschaften.

    Oberi Schwändi Der Hof von Familie Arnold. Hoch oben, direkt unter dem Bergkamm, liegt ihre steile Wildheuwiese.

    Koffeinschub Seit 65 Jahren ist Sepp Wild­ heuer, schon als Bub half er mit. Er trinkt seinen Zmorgekafi in der Küche.

  • SCHWEIZER ILLUSTRIERTE82

    Das Leben eines Wildheuers ist hart.

    Doch Sepp ist

    «glicklich und ai zfridä»

    Hat viel gesehen im Leben Nach zwei Stunden Aufstieg verschnauft Sepp in der Schutzhütte, die auf seinem Wildheu­Blätz steht.

  • SCHWEIZER ILLUSTRIERTE 85

    So steil am Hang heissts:

    «Üfpasse» Tritt man aufs Heu, rutscht man weg

    Rechenzentrum Sepp und seine Söhne Andy, 34 (r.), und Markus, 28. Oben: Kontrollblick Markus späht mit dem Feldstecher zur anderen Talseite. Dort, auf der Wiese oberhalb der Fels­ wand rechts, ist sein Bruder Martin am Wildheuen.

  • SCHWEIZER ILLUSTRIERTE 87

    TEXT MARCEL HUWYLER FOTOS REMO NÄGELI

    Berg, Heu und Heu-er – wild sind hier alle. Steile Matten mit pikanten Kräu-tern und seltenen Blumen, hoch oben, unter dem Bergkamm, schroff, stotzig, aus- gesetzt, zwischen Felsbändern, wo kein Rindvieh mehr weiden kann. Ein falscher Tritt – und fer- tig ists. Die Urner Wildheuer sel- ber sagen, sie gingen «i d Wildi».

    Sepp Arnold hockt am Küchen- tisch, nippt am Zmorgekafi, nagt an einem Chäs-Chüächä. Ob wir einen Schluck Schnaps ins Kaffee wollen? Man schluckt (leer), dankt, verneint – es ist halb acht am Morgen! Sepps Frau Therese, 65, packt ihm den Fell- tornister, Käse, Brot, Hobelfleisch, eine Guttere Wasser, ein Ersatz- hemd und das Handy, das die Fa- milie Sepp geschenkt hat, «damit wir ihn erreichen, wenn wir uns Sorgen machen», sagt Therese.

    Samstagmorgen, wolkenlos, heiss soll es heute werden, Heu- wetter. Sepp Arnold, 73, stemmt sich vom Tisch hoch. An den holz- getäferten Wänden hängen eine Postkarte aus Lourdes, Bilder von Verstorbenen und Fotos der Grosskinder. Ein Gartenzwerg dient als Stubentür-Stopper, in ei- ner Ecke stapeln sich «Jäger»- Heftli. Sepp und Therese tunken die Finger in ein Weihwasser- gefäss. Vor 37 Jahren haben sie geheiratet, er ist von hier (Sepp vo de Bärchi), sie ist von hier (The- rese vo de Oberi Schwändi). An- stelle einer Hochzeitsreise fuhren sie damals für einen Tag nach Lu- zern, um das Ehebett zu kaufen. Die Arnolds bekreuzigen sich gegenseitig mit Weihwasser. The- rese sagt: «Häb Sorg!» Ihr Onkel stürzte in den 70er-Jahren «i de Wildi» zu Tode, Wildheuer war er, wie Sepp auch. «Häb bitte Sorg.»

    Wildheuer- Werkzeug Mit Seil und Triegel werden die Pinggu ge­ schnürt (oben). An den rostigen Häägge seilt man sie ins Tal.

    Die Stiftung Landschafts- schutz Schweiz (SL) ernennt jährlich eine «Landschaft des Jahres». 2016 ist es die Wild- heulandschaft im Urner Isenthal. Geehrt werden jene Bauern, welche diese halsbrecherische Nutzungsform der Berglandwirt- schaft noch pflegen. SL-Ge- schäftsleiter Raimund Rodewald betitelt Wildheuen denn auch als «sportliches Wirtschaften in ei- ner vertikalen Kulturlandschaft».

    Sepp bindet sich die Wander- schuhe (in der Wildi oben wird er dann ganz andere Kaliber mon- tieren), packt seinen Haselste- cken und marschiert los. 630 Hö- henmeter, eineinhalb Stunden steil aufwärts (es werden schliess- lich zwei daraus, weil er uns im Schlepptau hat). 40 Mal pro Heu- saison steigt er «opsi und ai wii- der nitzi». Der Mann ist 73, ein Manndli, gering von Wuchs, aber zäh, gädrig, lädrig; er chräsmet den Berg hoch wie ein Wiesel und plappert dazu wie ein Äffchen. Wir schwitzen nur wie die Esel.

    Das Isenthal liegt westlich des Urnersees, ein abgeschiedenes Hochtal mit viel Wald, viel Fels und wenig Menschen, 512 Ein- wohnern. Das Schild einer Bäcke- rei («Brot und Siässes, wiä friä- ner») macht klar: Hier ist tiefstes, träfstes Urnerland.

    Der Weg ins Wildheuland – ist längst keiner mehr. Führte uns Sepp anfangs noch über Kiesweg- lein, sind wir nun seit einer Stun- de im weglosen Nirgendwo. Stei- gen hoch über Matten, durch Wildbäche und Wälder. Immer höher, steiler, keuchender. Dann mahnt Sepp zur Vorsicht, spricht von bevorstehenden Schlüssel- stellen: Unter uns jäher Abgrund, wir tappen auf einer drei Hand breiten Kante einem Felsband entlang. Hier sei er mal ausge- rutscht, erzählt Sepp (super Ti- ming), und beinahe «appeghiit», er habe sich gerade noch an einem

    Grasbüschel festhalten können. Dann, irgendwann, endlich: oben. Wir geschafft – Sepp beginnt so- fort mit Schaffen.

    Zuerst prüft er das Gras, das er hier vor zwei Tagen mit der Sense gemäht und zum Trocknen liegen gelassen hat. Er schnuppert daran, drückt es, «chrosig» muss es tönen, trockenes, raschelndes Heu, das hier sei perfekt. Sepps Wildheuland liegt auf 1630 Me- tern Höhe, eine halbe Hektare gross, weit unten, Legostein-klein, gleissen die Dächer der Bauern- höfe im Morgenlicht.

    Viele Wildheuer lassen ihr Heu, zu Bündeln gebunden («Ping- gu» genannt), grad nach dem Zu- sammenrechen an Seilen ins Tal sausen. Die Arnolds machen es an- ders. Auf ihrem Blätz Land stehen seit 1948 eine Schutzhütte und ein Schopf, «en Gade», wo sie das Wildheu den Winter über lagern. Erst im Frühjahr, wenn das Vieh- futter zur Neige geht, holen Sepp und seine drei Söhne das Wildheu und lassen es Pinggu für Pinggu an kilometerlangen Seilen ins Tal sirren, direkt vor ihren Hof. Noch aber ist der Gaden leer.

    Sepp betritt die Schutzhütte. In steilem Gelände brauche er Nagelschuhe, seine Söhne (sie werden gegen Mittag dazustos- sen) arbeiteten hier oben gar mit Steigeisen, erklärt Sepp und greift nach seinen Nagelschuhen, die da speckig, schwarz glänzend am Deckenbalken baumeln. «Wegen der Mäuse, die knabbern Leder und Stoff an.» Einem Wildheuer- kollegen sei gar die Schweizer Fahne angefressen worden. Die Mäuse hätten aber nur am weis- sen Stoff genagt, das rote Tuch verschmäht. Sehe noch lustig aus, meint Sepp, eine Schweizer Fah- ne mit durchsichtigem Kreuz.

    Mit einem Rechen harkt er das chrosige Heu zusammen. Und warnt: «Üfpasse!» Man solle nicht auf das silbergrün schimmern-

    Zeigt Rückgrat Das Heu wird zu 60­Kilo­Ballen geschnürt. Andy buckelt jeden Pinggu bis zum Gaden hinunter.

    Trockenlager Das im Gaden gelagerte Vieh­ futter wird erst im Frühjahr, bei Schnee, geholt, und sirrt am Heuseil ins Tal.

    u

  • SCHWEIZER ILLUSTRIERTE88

    de Heu stehen, das sei glatt wie Eis, man könne ausrutschen, dann gebe es fast kein Halten mehr. «Üfpasse!» Man denkt noch, der alte Mann sei wohl et- was gar übervorsichtig, 24 Stun- den später sollten wir erfahren, wie ernst, todernst die Sache ist.

    Seit 65 Jahren geht Sepp zum Wildheuen. Man mäht einen Blätz nur alle zwei Jahre, lässt dem Gras Zeit, sich zu erholen. Schnei- det man es aber gar nicht mehr, nimmt die Artenvielfalt ab und, noch schlimmer, das Land verwil- dert. Die Folgen: Schneerutsche, Lawinen, Erosionsanrisse. Das Wildheuen ist für die Bauern demnach nicht nur zusätzliches Viehfutter und Nebenverdienst (Direktzahlungen vom Bund und ein Förderprogramm des Kan- tons), sondern auch Landschafts- schutz, Pflege eines alten Hand- werks und somit Bewahrung ih- rer Identität. Der Kanton Uri liegt beim Wildheuen europaweit an der Spitze. Im Isenthal wildheu- en noch 30 Bauern.

    Seit zwei Stunden chrampfet Sepp am Hang. Ohne ausser Atem zu kommen, balanciert er herum, so trittsicher wie die 40 Gämsen, die ihm letzthin hier oben be- gegneten. Immer auf Sohlen- kanten, Sohlenspitzen, das geht in die Glieder. Manche Wildheuer legen sich einen Zweifränkler in den Schuh, unter die Fusssohle, das soll Krämpfe verhindern.

    Die Söhne kommen. Andy, 34, mit Cowboyhut, macht die Aus- bildung zum Förster. Markus, 28, mit Baseballkappe, hat den elter- lichen Hof übernommen (6 Kühe, 2 Rindli, 3 Kälber, 13 Schafe und unzählige Katzen). Nachdem sie ihre eigene Arbeit heute Mor- gen verrichtet haben, sind sie zum Vater hochgestiegen (Andys Rekord beträgt 34 Mi- nuten). Der dritte Sohn, Martin, 32, ist ebenfalls am Wildheuen – auf der an-

    deren Seite des Isenthales, auf ei- nem schauderhaften Hang. Mar- kus äugt mit dem Feldstecher hi- nüber, wo auf einer grasbewach- senen Felsnase, nah dem Abgrund, sein Bruder arbeitet. Nach dem optischen Check folgt der akus- tische, urchige: Andy juhuuuu- juchzet in Street-Parade-Laut- stärke – Sekunden später juchzt es zurück. Martin ist wohlauf.

    Mittag. Sepp kocht in der Hüt- te über dem Feuer Kaffee. In einer Ecke erspähen wir ein Bier. Das wär jetzt fein. Doch das Ablaufda- tum: 17. 3. 2010. «Ihr hätten diese Reportage mit mir halt schon frü- her machen sollen», stichelt Sepp.

    Nach der Pause sammeln