Sgb fss bil kongressschrift 2013

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Transcript of Sgb fss bil kongressschrift 2013

  • Auf dem Weg zur

    Hrbeeintrchtigung im Dialog

    Schweizerischer Gehrlosenbund SGB-FSS

    BilingualittGebrdensprache & gesprochene Sprache

    Fr Pdagogen und Lehrer, Therapeuten, Logopden, Audiologen, rzte, Eltern, Politiker, Mitarbeiter in Bildungsdirektionen, Medienfachleute, Betroffene und alle Interessierte.

  • Eine vielfltige Sicht ber den Stand der Forschung im Bereich Bilingualitt, Bimodalitt, Bikulturalitt und Mehrsprachigkeit bei prlingualer Hrbeeintrchtigung von renommierten Wissenschaftlern und Praktikern aus dem deutschsprachigen und franzsischsprachigen Raum.

    Yverdon-les-Bains, im Mai 2013

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    Inhaltsverzeichnis

    Editorial

    Bilingualittsforschung im berblick

    Lautsprache Gebrdensprache. Wie die Sprache in den Kopf kommt. Prof. Dr. Martin Meyer, Leiter des Psychologischen Instituts, Plastizitts- und Lernforschung des gesunden Alterns der Universitt Zrich.

    Spracherwerb bei Kindern mit Cochlea-Implantat. Prof. Dr. Gisela Szagun, emeritierte Professorin an der Universitt Oldenburg und Honorary Visiting Emeritus Professor am University College London.

    Gebrden und sprechen, zum Lesen und Schreiben lernen. Bilinguale Praxis in einer Klasse fr gehrlose Kinder.Dr. Edyta Tominska von der Forschungsgruppe TALES Thorie, Action, Langage et Savoirs der Universitt Genf.

    20 Jahre bilinguale Frderung in deutschen Hrgeschdigtenschulen. Dr. Johannes Hennies, Professurvertreter fr Sprachbehindertenpdagogik an der Pdagogischen Hochschule Heidelberg.

    Lautsprache und/oder Gebrdensprache bei Kindern mit CI.Prof. Dr. Gottfried Diller, Dekan der Fakultt fr Erziehungswissenschaften an der Pdagogischen Hochschule Heidelberg.

    Cochlea-Implantat: das knstliche Innenohr im kulturellen Wandel.Dr. med. Mattheus W. Vischer, Inselspital Bern.

    Bilinguale Erziehung in einer Schule fr alle?Prof. Dr. Claudia Becker, Leiterin der Abteilung Gebrdensprach- und Audiopdagogik an der Humboldt-Universitt zu Berlin.

    Das Recht des gehrlosen Kindes, zweisprachig aufzuwachsen.Prof. Dr. Franois Grosjean, emeritierter Professor an der Universitt Neuenburg.

    Literaturverzeichnis

    Glossar

  • Schmetterlinge im Kopf.Trotz der guten medizinischen Versorgung knnen lngst nicht alle Eltern beruhigt sein, dass ihre hrbeeintrchtigten Kinder chancengleich aufwachsen. Auch bei optimalen Verhltnissen hrt ein prlingual gehrloses Kind mit einem Cochlea-Implantat (CI) nur zwei Drittel der gesprochenen Wrter. Ein Kind mit Hrgert hat es auch nicht einfacher. Seit Lngerem ist eine ergnzende Lsung bekannt, die Bilingualitt. Genauso wie der technische Fortschritt hat auch die Bilingualitt Fortschritte gemacht. Dabei gilt es, Herz und Verstand zu einem Ganzen zusammenzufhren.

    Roland HermannPrsident des Schweizerischen Gehrlosenbundes

    Schmetterling heisst im Griechischen Psy-che und ist damit das gleiche Wort wie fr die menschliche Seele. In einer stndig anspruchsvolleren Welt ist neben dem Ver-stand, der wichtig ist, auch der Gefhls-welt gengend Platz einzurumen, gerade wenn es um gehrlose und schwerhrige Kinder geht. Mit Empathie und zugleich mit wissenschaftlichen Argumenten zu hantieren, scheint Gegenstzliches zusam-menfhren zu wollen. Genau so ist diese Broschre Auf dem Weg zur Bilinguali-tt zu verstehen. Ich verstehe Bilingualitt als eine Zusammenfhrung zweier schein-bar gegenstzlicher, jedoch gleichwertiger

    Sprachsysteme zu einem Mehrwert ein Angebot zum Nutzen unserer kommen-den Generationen.

    Was ist Bilingualitt?

    Zuerst, was ist Bilingualitt? Wir vom Schweizerischen Gehrlosenbund haben uns entschieden, diese Frage von den re-nommiertesten Fachleuten beantworten zu lassen. In dieser Broschre erhalten Sie Einblick in die Arbeit der kreativsten und faszinierendsten Forscherinnen und For-scher im deutschsprachigen und franz-sischsprachigen Raum. Sie werden sehen,

    Editorial

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  • dass es immer mehr und immer differen-ziertere wissenschaftliche Studien gibt, die die positiven Auswirkungen der Bilinguali-tt aufzeigen, zum Beispiel mit messbaren kognitiven Indikatoren, aber auch quantifi-zierbaren weichen Faktoren.

    Ja, aber die Kosten

    In vielen Gesprchen mit Eltern und mit Bildungsverantwortlichen hre ich beim Thema Bilingualitt die Gretchenfrage: Was ist mit den Kosten? Das Cochlea-Im-plantat, die Logopdie, die Audiopdago-gik, die Cued Speech-Kodierer, die Ge-brdensprachdolmetscher und -pdagogen und so weiter und so fort. Die ethische Fra-ge ist gestellt: Drfen Kosten als Argument einbezogen werden, wenn wir von Erfolg versprechenden Massnahmen innerhalb eines bilingualen Konzeptes wissen? Die Antwort sollte klar sein. Bedenken wir: Mit einem Cochlea-Implantat, wenn es optimal funktioniert, knnen 60 bis 70 Prozent der Wrter wahrgenommen werden. Stellen Sie sich bitte einen Kinoabend vor. Bei zwei Dritteln des Films gehen die Lich-ter an. Wie wrden Sie da reagieren? So fhlen sich heute noch gehrlose und schwerhrige Kinder. Sie bekommen nicht alle Informationen auch die zwischen den Zeilen mit.

    Wir meinen: Die Kosten mssen beachtet werden. Aber sie drfen kein Hauptargu-ment sein. Unsere Kinder arbeiten hart an sich in den integrierten Schulen und in den Sonderschulen. Ihnen gebhrt Chan-cengleichheit in dieser modernen Gesell-schaft.

    Schmetterlinge im Kopf.

    Als Prsident des Schweizerischen Gehr-losenbundes liegt es mir fern zu wissen, welcher Weg fr Eltern und Betroffene, was fr Personal in Schulen und fr Ent-scheider in der Politik und was fr die Be-

    hrden richtig ist. Wir sehen unsere Kern-kompetenz in der Frderung von Sprache, von Kommunikation und in der Vermitt-lung von Wissen rund um Hrbeeintrch-tigung. Wir kennen uns sehr gut damit aus, wie Hrbeeintrchtigte das Leben in zwei Welten und in Bikulturalitt erleben. Ebenso wie Kinofilme Gefhle vermitteln knnen, ist es unser Anliegen, mit dieser umfassenden Broschre Schmetterlinge nicht nur im Bauch fliegen zu lassen, son-dern auch im Verstand der Leserinnen und Leser.

    Ich lade Sie ein auf ein paar Flgelschlge auf dem Weg zu Bilingualitt.

    dass es nicht nur eine Art von Bilingualitt gibt. Es existieren viele bilinguale Modelle mit individuellen Einsatzmglichkeiten.

    Ist das Recht auf Bilingualitt ein Korsett?

    Das Recht auf Bilingualitt ist kein Korsett und zwingt niemanden, die Gebrden-sprache zu erlernen. So spricht Professor Grosjean von der Universitt Neuenburg ausdrcklich von einem Recht auf Bilin-gualitt. Er meint damit eine Mglichkeit, also eine Ressource, nicht ein Korsett. Der Gebrauch der vokalen Lautsprache in Kom-bination mit der visuellen Gebrdenspra-che ist nicht jedermanns Sache, sondern eine individuelle Frage. Gebrdensprache in Ergnzung zum Lautsprachunterricht erweitert einzig das Wahlangebot fr El-tern, Betroffene und auch Pdagogen. Bilingualitt mehrt die Mglichkeiten in Sonderschulen, aber auch in integrierten Regelklassen. Faktisch ermglicht die Wahlmglichkeit eines qualitativ hoch-stehenden bilingualen Zweiges (Diller, 2012) in der Schule erst die vollstndige Inklusion.

    Was ntzen die Gebrdensprache und die Bilingualitt?

    Der Vorteil der bilingualen (oder gar mehr-sprachigen) Frderung ist bekannt. Die Ver-besserung der kognitiven und sozial-emo-tionalen Fhigkeiten bei hrbehinderten Kindern gilt als erwiesen. Bekannt ist je-doch auch, dass bilinguale Modelle in einer hohen Qualitt zur Verfgung stehen ms-sen. Nur dann profitieren die Kinder wirk-lich vom bilingualen Konzept. Nur dann knnen Eltern das volle Vertrauen in eine fr sie noch unbekannte Kommunikations-form finden. Vertrauen ist zentral. Als Mit-arbeiter in der Flugbranche, wo Sicherheit besonders grossgeschrieben wird, weiss ich, dass das Vertrauen in gesicherte Daten sehr wichtig ist. Umso mehr freut es mich,

  • Acht international renommierte Forscherinnen und Forscher sprechen

    teilweise kontrovers ber verschiedene Modelle von Bilingualitt. Wir

    lernen Kriterien des Qualittsmanagements in der inklusiven Hrgesch-

    digtenpdagogik kennen. Wir lernen auch, dass hrende Fachleute ein

    Recht auf Bilingualitt formulieren. Die Frage ist, ob Inklusion nicht

    nur eine Gesellschaftsutopie bleibt. Dabei ist klar, dass dieses Verspre-

    chen nicht kostenneutral und nicht ohne Bilingualitt einzulsen ist.

    Die verschiedenen Seiten und Modelle von Bilingualitt.

    Im Zeichen der Vielfalt und Offenheit sowie der Lust, die Dinge immer von mindestens zwei Seiten her zu betrachten, erfahren wir in dieser Broschre den aktuellsten Stand in der Wissenschaft zum Thema Bilingualitt, oder eigentlich reden wir heute schon von Mehrsprachigkeit.

    Bilingualitt ist kein Risiko, Bilingualitt ist ein mglicher Ausweg aus der Risikozone.

    Wir springen gleich ins kalte Wasser. Doch bevor ber Bilin-gualitt gesprochen werden kann, stellt sich die Urfrage: Wie entsteht berhaupt Sprache? Wie kommt beim Menschen Sprache in den Kopf?

    Beim Hirnforscher Prof. Dr. Martin Meyer (Universitt Zrich, Schweiz) erfahren wir, wie Sprache, vokale Lautsprache oder visuelle Gebrdensprache, im Hirn verarbeitet wird. Die Kern-aussage hier: Gebrdensprache hat eine hnliche Organisation im Gehirn der Gebrdenden wie Lautsprache in den Gehirnen von Hrenden. Gebrdensprache und Lautsprache sind als gleichwertige Zeichensysteme anzuerkennen.

    Von der Sprachpsychologin Prof. Dr. Gisela Szagun (London University College, England) erfahren wir, zu welchem Zeit-punkt Sprache in den Kopf von Kindern kommen sollte. Nm-lich mglichst frh. Das erscheint sehr nachvollziehbar. Jedem

    Elternteil ist es ein Grundbedrfnis, mglichst bald mit dem Kind zu kommunizieren, am liebsten in der eigenen Sprache. Bei 90 bis 95 Prozent der Eltern ist dies di