Studie: Auswirkungen der Einwanderung auf Arbeitsmarkt und Sozialstaat

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Trotz aktueller Einwanderungsrekorde fordert die Bertelsmann Stiftung eine strategische Neuausrichtung der Einwanderungspolitik. Um dauerhaft mehr Fachkräfte ins Land zu locken, empfiehlt sie ein Paket aus neuen Einwanderungsregeln, reformiertem Staatsbürgerschaftsrecht und besserer Willkommens- und Anerkennungskultur. Gelingt dies, werden Sozialsysteme und Arbeitsmarkt noch stärker von Einwanderung profitieren als sie das ohnehin bereits tun. In ihrem Konzeptpapier attestiert die Stiftung der deutschen Einwanderungspolitik zwar eine Öffnung über die Jahrzehnte hinweg, allerdings folge sie vom Grundsatz noch immer der Logik des Anwerbestopps aus den 70er Jahren. Aus dieser Haltung resultiere ein Steuerungsdefizit, das dafür verantwortlich sei, dass lediglich 17.000 der mehr als 300.000 Einwanderer im Jahr 2011 Fachkräfte von außerhalb der EU waren. Zudem haben 4 von 10 Drittstaatlern, die 2009 nach Deutschland eingewandert sind, das Land bereits wieder verlassen. Dauerhafte und verlässliche Einwanderung wird für Deutschland vor allem aufgrund seiner demographischen Entwicklung immer bedeutender. Herbert Brücker, Wirtschaftsprofessor an der Universität Bamberg und Forschungsbereichsleiter am IAB, weist in der Studie darauf hin, dass ohne Einwanderung das Potenzial an Erwerbstätigen bis 2050 von heute 45 auf 27 Millionen Menschen sinkt. Die Studie belegt, dass der Sozialstaat von Einwanderung nicht belastet wird, sondern profitiert. Bilanziert man alle staatlichen Transferleistungen, ergibt sich fiskalisch schon heute ein Nettogewinn für den Sozialstaat, der mit der Alterung der Bevölkerung steigen wird. Diese Wohlfahrtsgewinne werden sich desto günstiger entwickeln, je mehr und je qualifiziertere Einwanderer nach Deutschland kommen. Insbesondere die umlagefinanzierten Sozialversicherungssysteme wie Renten-, Pflege- und Krankenversicherung verzeichnen erhebliche Gewinne. Das Plus in den Sozialkassen, das Mitte der 2000er Jahre auf jährlich 2.000 € pro Einwanderer taxiert wurde, liegt bei den Neueinwanderern deutlich höher. Zudem errechnet Brücker, dass zusätzliche Einwanderung nicht zu einer höheren Arbeitslosigkeit führt, im Gegenteil: Je nach Qualifikationsniveau würde die Arbeitslosenquote bis zu 0,12 % sinken. Brücker kommt in seiner Studie auch zu dem Ergebnis, dass zusätzliche Einwanderung sich nicht negativ auf das Lohnniveau auswirkt. Eine gezielte Steuerung könnte einen Positiv-Trend erheblich verstärken, der seit einem Jahrzehnt zu beobachten ist: Das Qualifikationsniveau der Einwanderer ist stetig gestiegen. 43 % der Neuzuwanderer zwischen 15 und 65 brachten im Jahr 2009 einen Hochschul-, Meister- oder Technikerabschluss mit. Das ist nicht nur ein fast doppelt so hoher Anteil wie noch im Jahr 2000 (23 %), sondern sogar mehr als in der deutschen Bevölkerung. Zeitgleich stieg der Anteil der Studenten unter den Neuzuwanderern von 14 auf 23 %. Die Struktur der Einwanderung hat sich verändert.

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  • 1. Auswirkungen der Einwanderungauf Arbeitsmarkt und Sozialstaat:Neue Erkenntnisse und Schlussfolge-rungen fr die EinwanderungspolitikHerbert Brcker
  • 2. Auswirkungen der Einwanderungauf Arbeitsmarkt und Sozialstaat:Neue Erkenntnisse und Schlussfolge-rungen fr die EinwanderungspolitikHerbert BrckerInstitut fr Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB)und Universitt BambergKontaktUlrich KoberDirectorProgramm Integration und BildungBertelsmann StiftungTelefon 05241 81-81598E-Mail ulrich.kober@bertelsmann-stiftung.dewww.bertelsmann-stiftung.deBertelsmann Stiftung, 2013
  • 3. Auswirkungen der Einwanderung auf Arbeitsmarkt und Sozialstaat | Seite 1InhaltVorwort ..................................................................................................................... 21 Einleitung ......................................................................................................... 42 Fachkrftebedarf und demografischer Wandel in Deutschland ................. 62.1 Der aktuelle Fachkrftebedarf .................................................................................... 62.2 Erwerbspersonenpotenzial und demografischer Wandel ............................................ 62.3 Folgen des sinkenden Arbeitsangebots...................................................................... 83 Die neue Struktur der Zuwanderung nach Deutschland ........................... 114 Arbeitsmarktwirkungen der neuen Zuwanderung nachDeutschland ................................................................................................... 164.1 Wie wirkt Migration auf Arbeitsmarkt und Gesamtwirtschaft? ................................... 164.2 Empirische Anstze und Erkenntnisse...................................................................... 204.3 Simulation der Effekte fr Deutschland..................................................................... 225 Auswirkungen der Migration auf den Sozialstaat ...................................... 286 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen fr dieEinwanderungspolitik ................................................................................... 31Literatur .................................................................................................................. 35Der Autor ................................................................................................................ 38
  • 4. Seite 2 | Auswirkungen der Einwanderung auf Arbeitsmarkt und SozialstaatVorwortDeutschland muss Fachkrfte auerhalb der EU gezielter anwerbenDeutschland diskutiert wieder lebhaft ber Zuwanderung: die Arbeitgeber freuen sich ber jungeFachkrfte aus Osteuropa und den sdeuropischen Krisenstaaten, die Stdte hingegen beklageneine Armutszuwanderung aus Rumnien und Bulgarien. Die aktuelle Debatte wird wie es beiMigrations- und Integrationsfragen blich ist wieder sehr emotional gefhrt. Denn in derBevlkerung sind ngste weit verbreitet, dass Einwanderer Sozialsysteme belasten undEinheimische aus dem Arbeitsmarkt verdrngen. Umso wichtiger ist es, die gesellschaftlicheDiskussion zu versachlichen und Fakten nchtern zur Kenntnis zu nehmen. Einen wichtigenBeitrag dazu leistet die vorliegende Studie von Prof. Brcker zu den Auswirkungen derEinwanderung auf Arbeitsmarkt und Sozialstaat.Die Studie zeigt, dass sich die Struktur der Zuwanderung nach Deutschland im vergangenenJahrzehnt grundlegend verndert hat: waren im Jahr 2000 die Neuzuwanderer mehrheitlich niedrigqualifiziert, so waren sie zehn Jahre spter mehrheitlich hochqualifiziert. Dabei sind vor allem dieHochschulen Magneten qualifizierter Zuwanderung: der Anteil der Studierenden unter denNeuzuwanderern stieg von 13,6 Prozent im Jahr 2000 auf 21,2 Prozent im Jahr 2009. Damit hatdie Wirklichkeit das bei vielen vorherrschende Bild des unqualifizierten Migranten lngst widerlegt.Die Studie zeigt weiter, dass diese verstrkte Zuwanderung von Fachkrften positive Effekte aufden Arbeitsmarkt haben wird. Wenn 60 Prozent der Neuzuwanderer ber einenHochschulabschluss verfgen und ihre Integration in den Arbeitsmarkt gelingt, dann sinkt dieArbeitslosenquote, whrend das Lohnniveau konstant bleibt. Die in der ffentlichkeit verbreiteteAngst, eine weitere ffnung der Arbeitsmrkte fr Zuwanderer fhre zu sinkenden Lhnen undsteigender Arbeitslosigkeit, kann damit entkrftet werden.Schlielich unterstreicht die Studie, dass der Sozialstaat von qualifizierter Zuwanderung weiterprofitiert. Bereits in der Vergangenheit haben Einwanderer mehr in die Sozialversicherungs-systeme eingezahlt als dass sie daraus entnommen haben. Das mutet zunchst erstaunlich an, dadie Arbeitslosigkeit bei Migranten bisher hher war als bei Personen ohne Migrationshintergrundund Migranten deshalb mehr steuerfinanzierte Transferleistungen beziehen. Aber sie zahlen imVergleich zu den Personen ohne Migrationshintergrund mehr in die beitragsfinanziertenRentenversicherungssysteme ein. Per Saldo trugen Migranten deshalb rund 2000 Euro zu denSozialversicherungssystemen bei. Mit der steigenden Qualifikation der Neuzuwanderer und einerverbesserten Arbeitsmarktintegration werden diese Beitrge weiter steigen.Die Studie macht damit das Potenzial qualifizierter Zuwanderung fr Staat, Wirtschaft undGesellschaft deutlich. Genutzt werden kann dieses Potenzial aber nur, so das Fazit von Prof.Brcker, wenn sich die Einwanderungs- und Integrationspolitik in Deutschland ndert. Momentanhaben wir nach Jahren eines Zuwanderungsrckgangs wieder krftige Zuwanderungsgewinnedurch die Einwanderer aus Ost- und Sdeuropa. Die Grnde dafr sind die verzgerte ffnungdes Arbeitsmarkts fr die osteuropischen EU-Staaten und die Krise in Griechenland, Spanien undItalien. Die Krise wird aber vorbergehen, so dass Deutschland sich in Zukunft auch verstrkt umqualifizierte Zuwanderer aus Nicht-EU-Staaten kmmern muss.
  • 5. Auswirkungen der Einwanderung auf Arbeitsmarkt und Sozialstaat | Seite 3Tatschlich beginnt sich das Land, nach Jahren des Denkens in den Kategorien vonAnwerbestopp und engen Ausnahmen davon, zu ffnen. Das zeigen die jngsten Entwicklungenmit der Einfhrung der Blue Card fr Fachkrfte und der nderung der Beschftigungsordnung.Hier muss Deutschland aber mutig weiter gehen und noch viel gezielter Fachkrfte von auerhalbder EU anwerben. Dazu brauchen wir eine Reform der Zuwanderungssteuerung und einegesamtgesellschaftliche Anstrengung fr eine Willkommenskultur, die Deutschland im globalenWettbewerb um Talente fr Fachkrfte auch auerhalb Europas attraktiv macht. Das gelingt nur,wenn die Bevlkerung ihre Skepsis gegenber Einwanderung ablegt. Empirische Analysen wie diehier vorliegenden von Prof. Brcker knnen dabei hilfreich sein.Jrg DrgerMitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung
  • 6. Seite 4 | Auswirkungen der Einwanderung auf Arbeitsmarkt und Sozialstaat1 EinleitungVon der breiteren ffentlichkeit weitgehend unbemerkt vollzieht sich in Deutschland eineVernderung in der Struktur der Einwanderung: Dominierte seit der Gastarbeiteranwerbung unddurch die Familienzusammenfhrung nach dem Anwerbestopp von 1973 die Einwanderung vonmanuellen Arbeitskrften und ihren Familienangehrigen, so lsst sich seit der letzten Dekade eindeutlicher Anstieg in der Qualifikationsstruktur der Neueinwanderer beobachten. Vor allem derAnteil von Hochschulabsolventen und von Studentinnen und Studenten an den Neueinwanderernist signifikant gestiegen. Angesichts der insgesamt geringen Nettozuwanderung der vergangenenDekade hat diese hochqualifizierte Zuwanderung bislang nur geringe Spuren in der Zusammen-setzung der Bevlkerung mit Migrationshintergrund in Deutschland hinterlassen. Sollte sich derdurch die Einfhrung der Arbeitnehmerfreizgigkeit und die Eurokrise ausgelste Anstieg derEinwanderung fortsetzen, drfte der Trend zu einer hher qualifizierten Einwanderung auchdeutlicher sichtbar werden und zu vernderten Effekten der Migration auf Arbeitsmarkt undSozialstaat fhren.Seit dem ersten lpreisschock von 1973 ist die Einwanderungspolitik in Deutschland wesentlichvon der Vorstellung beeinflusst worden, dass der deutsche Arbeitsmarkt gegen neue Zuwanderunggeschtzt werden muss, um einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit und sinkende Lhne zuvermeiden. Zudem wurde befrchtet, dass die berdurchschnittlichen Arbeitslosigkeitsrisiken vonMigranten zu Belastungen des Sozialstaats und der Sozialversicherungssysteme fhren knnte.Vor diesem Hintergrund wurde der Arbeitsmarktzugang fr Angehrige von Drittstaatenweitgehend beschrnkt. Zudem wurden sowohl bei der Sderweiterung als auch derOsterweiterung der Europischen Union (EU) lange bergangsfristen fr die Arbeitnehmerfreiz-gigkeit vereinbart.Abbildung 1: Bundesrepublik Deutschland: Zu- und Fortzge, 1950-2011 (Personen)1- 400 000- 200 000-200 000400 000600 000800 0001 000 0001 200 0001 400 0001 600 000195019531956195919621965196819711974197719801983198619891992199519982001200420072010Zuzge Fortzge SaldoQuelle: Statistisches Bundesamt (2012), eigene Darstellung.1Vor 1991: Westdeutschland (einschlielich Westberlin).
  • 7. Auswirkungen der Einwanderung auf Arbeitsmarkt und Sozialstaat | Seite 5Die restriktive, auf den Schutz des Arbeitsmarktes ausgerichtete Einwanderungspolitik hattejedoch zwei nicht intendierte Nebenfolgen: Erstens wurden Familienzusammenfhrung undhumanitre Migration zu den wichtigsten Eintrittskanlen fr die Migration nach Deutschland. Dieshat die Qualifikationsstruktur der Einwanderer, die ursprnglich auf die Gastarbeiteranwerbungzurck geht, wei