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Das eBook zur stART11

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Transmediales Erzhlen

Hrsg.: Anna E. Rentsch, Dirk Schtz, Christian Henner-Fehr

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Das eBook Transmediales Erzhlen ist entstanden in Kooperation von kulturkurier inside, Kulturmanagement Network und der stARTconference.

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Inhaltsverzeichnisber dieses eBook...................................................................................................................................................................4 Die Kunst des digitalen Erzhlens (Christian Henner-Fehr)............................................................................................7 Transmedia-Storytelling in der Praxis: das wilde Dutzend (Dorothea Martin)..........................................................14 Transmediale Kommunikation: die Kunst der modernen Geschichtenerzhler und ihre digitalen Werkzeuge (Frank Tentler) ......................................................................................................................................................................16 Das Asisi Projekt (Anna E. Rentsch)...................................................................................................................................27 Wenn der Browser laufen lernte (Manuel Scheidegger).................................................................................................32

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ber dieses eBookGeschichten haben die Menschen schon immer fasziniert. Ob es um Jahrhunderte alte Mrchen geht oder um Harry Potter, wir lassen uns gerne fesseln von Erzhlungen, die unsere Phantasie anregen und uns so zum Mitmachen auffordern. Viele von uns verbinden mit solchen Geschichten Erinnerungen an die Kindheit, in denen uns Mrchen vorgelesen wurden oder wir uns irgendwo mit einem Buch verkrochen haben und lngere Zeit nicht mehr ansprechbar waren. Die Zeiten haben sich gendert, Geschichten werden nicht mehr nur ber das Medium Buch transportiert, sondern ber eine Vielzahl hchst unterschiedlicher Medienkanle. Film, Comic oder Hrspiel, ja sogar ber Spiele lassen sich Geschichten erzhlen. Whrend wir die verschiedenen Medienformate frher meist nebeneinander und unabhngig voneinander nutzten, erleben wir nun, wie sie sich immer mehr annhern. Als das Internet aufkam, sahen viele das Ende des Buches als gekommen. Weit gefehlt, unter dem Stichwort Medienkonvergenz subsumieren wir eine Entwicklung, die nicht zu einem Verdrngungswettbewerb fhrt, sondern versucht, die verschiedenen Formate sinnvoll miteinander zu verbinden. Das ist eine der Voraussetzungen fr Transmedia Storytelling, das Erzhlen einer Geschichte mit Hilfe verschiedener Medienformate, so eine zugegeben etwas saloppe Erklrung. Ist Transmedia Storytelling nun einfach nur ein Hype, der vorbergehen wird? Wie funktioniert Transmedia Storytelling genau und handelt es sich dabei um eine Entwicklung, die vor allem die Film- und Buchbranche interessiert und damit etwa an Theatern und Museen vorbei gehen wird? Um diese und viele andere Fragen wird es auf der stARTconference gehen, die Mitte November 2011 zum dritten Mal in Duisburg stattfinden wird. Dieses eBook soll Ihnen einen ersten Einblick in die Welt des

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Sebastian Michalke / pixelio.de

Seite 6 Transmedia Storytelling vermitteln. Dafr haben kulturkurier inside, Kulturmanagement Network sowie das Team der stARTconference fnf spannende Artikel herausgesucht und hier zusammengefasst. Christian Henner-Fehr beschreibt im ersten Beitrag dieses eBooks die theoretischen Grundlagen fr Transmedia Storytelling. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt Dorothea Martin am Beispiel von Das wilde Dutzend. Dahinter verbergen sich Loge und Verlag fr Rtselhaftes und Verborgenes und die Idee, rund um die Schreckenschronik Die Guten, die Bsen und die Toten des 1899 pltzlich verschwundenen Totenfotografen Johan von Riepenbreuch eine transmediale Welt zu kreieren. Wie aber entwickelt man eine solche transmediale Welt? Whrend Christian Henner-Fehr in seinem Artikel auf die theoretischen Grundlagen von Transmedia Storytelling eingeht, erklrt Frank Tentler, welche digitalen Werkzeuge sich dafr nutzen lassen. Und wie sieht das dann in der Praxis aus? Anna E. Rentsch hat sich das Pergamon-Projekt von Yadegar Asisi angeschaut und zeigt, wie sich Kulturgeschichte vermarkten lsst. Klingt unmglich? Dann lassen sie sich berraschen. Welche Rolle dabei das Internet spielt, beschreibt Manuel Scheidegger, der als Grnder eines Startups eine WebAnwendung entwickelt hat, die es jedem User mglich macht, verschiedene Webinhalte zu kombinieren und zu inszenieren. Wir wnschen Ihnen viel Spa bei der Lektre dieses eBooks und freuen uns, wenn wir mit diesem Dokument auch Ihre Freunde, Kollegen und weitere Interessierte fr das Thema Transmedia Storytelling begeistern knnen. Anna E. Rentsch (kulturkurier inside) Dirk Schtz (Kulturmanagement Network) Christian Henner-Fehr (stARTconference)

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Die Kunst des digitalen Erzhlens (Christian Henner-Fehr)Geht es um Geschichten, fllt uns allen etwas dazu ein. Ob es die Geschichten selbst sind oder Geschichten ber Geschichten, meist handelt es sich um Erlebnisse, die sich durch eine besondere Atmosphre auszeichnen und uns auch aus diesem Grund in Erinnerung geblieben sind. Wem es gelingt, seine Zuhrer auf diese Weise zu verzaubern, macht seine Geschichten unvergesslich. Davon trumen wir alle und sind deshalb bemht, unsere Inhalte, wenn es irgendwie geht, in Geschichten zu packen. Aber natrlich sind wir nicht alle erfolgreich und so geraten viele Geschichten wieder in Vergessenheit. Geblieben ist aber die Frage nach dem (Erfolgs)-Geheimnis von Geschichten, um die eigenen Erlebnisse unvergesslich zu machen. Geschichten bedrfen einer Handlung, die sich, so knnen wir etwa in Aristoteles Poetik nachlesen, durch einen Anfang, eine Mitte und ein Ende auszeichnet und nach bestimmten Regeln funktioniert. Zurck in der Gegenwart beschreibt Nicole Mahne in ihrem Buch Transmediale Erzhltheorie1 das Figurenpersonal, den Ort der Ereignisse und die Zeit, in der sie sich vollziehen als die Grundelemente einer Geschichte. Als Ereignis definiert sie alle Formen der Zustandsvernderung, die entweder passiv durch ein Geschehnis oder aktiv durch eine Handlung hervorgerufen werden. Sie in eine chronologische und kausale Ordnungsstruktur zu berfhren, bildet, so Mahne, das Fundament fr die Gestaltung von Erzhlwerken, die in ihrer medialen uerungsform an die Darstellungsoptionen der Trgersubstanz gebunden sind. Erzhlmedien, wie der Roman, der Film, der Comic usw. sind demzufolge keine neutralen bertragungswege, sondern gestalten durch ihre internen Strukturgesetze den Erzhlinhalt entscheidend mit.1 Nicole Mahne: Transmediale Erzhltheorie (2007)

Seite 8 Damit sind wir beim Thema Transmedia Storytelling angekommen, der Kunst, Geschichten ber verschiedene Kanle hinweg zu erzhlen. In den letzten Wochen und Monaten ist vermutlich kein Tag vergangen, an dem sich nicht irgendjemand daran gemacht hat zu erklren, was Transmedia Storytelling ist. Noch so ein Hype, werden Sie vielleicht denken. Aber vielleicht ist genau das der Grund, sich etwas genauer damit zu beschftigen.

Was verstehen wir unter Transmedia Storytelling?Als ich im Januar den Blogbeitrag In zwei Minuten wissen Sie, was Transmedia Storytelling ist 2 online stellte, habe ich es mir noch leicht gemacht und mit Hilfe eines Videos den Begriff zu erklren versucht. So ganz ist das nicht gelungen, wie die Kommentare gezeigt haben und rckblickend wrde ich sagen, kratzt dieses Video nur an der Oberflche von dem, was Transmedia Storytelling sein kann. Sein kann deshalb, weil sich heute viele Medienproduktionen damit schmcken, eine Geschichte transmedial zu erzhlen und eigentlich gar nicht so ganz klar ist, wann wir von Transmedia Storytelling sprechen knnen und wann nicht. Wer sich mit dem Thema beschftigt, landet recht schnell bei einem Blogpost, das Henry Jenkins schon im Jahr 2007 geschrieben hat und den Titel Transmedia Storytelling 1013 trgt. Jenkins, derzeit Professor an der University of Southern California, hat darin eine Definition vorgeschlagen, die wohl auch heute noch Gltigkeit besitzt: Transmedia-Storytelling beschreibt einen Prozess, der entscheidende Bestandteile einer Geschichte systematisch2 http://bit.ly/f32kZl (26.10.2011) 3 http://bit.ly/qL6PZe (26.10.2011)

Seite 9 ber verschiedene Kanle verteilt, um so ein einzigartiges und (plattform)-bergreifendes Unterhaltungserlebnis zu erzeugen. Idealerweise trgt jedes Medium zur Entwicklung dieser Geschichte bei. Als er sich nun vier Jahre spter in dem Beitrag Transmedia 202: Further Reflections4 erneut mit dem Thema beschftigte, konnte man darin zwar viel Neues lesen, die Definition blieb aber erhalten. Fr viele bedeutet das: ich erfinde eine unterhaltsame oder spannende Geschichte und erzhle sie mit Hilfe verschiedener Formate, z.B. im Wechsel von Text und Bild. Vielleicht ist der Begriff Transmedia Storytelling auch irrefhrend, denn strenggenommen geht es gar nicht um die eine Geschichte, sondern es gilt, eine fiktionale transmediale Welt zu kreieren, in der Dinge passieren Gerd Altmann / pixelio.de4 http://bit.ly/n73Pjz (26.10.2011)

Seite 10 knnen, von denen die Autoren anfangs unter Umstnden noch gar keine Ahnung haben. Jenkins spricht von einem Prozess, aus dem heraus sich Handlungen in bestimmte vorher nicht festgelegte Richtungen entwickeln knnen. Der daraus entstehende Fluss der Inhalte lsst sich auf unterschiedliche Art und Weise erzhlen. Jenkins arbeitet in seinen beiden Beitrgen verschiedene Aspekte heraus, mit denen sich beschftigen sollte, wer transmediale Welten entwerfen mchte. Ein wichtiger Aspekt ist die Erzhlstruktur. Vor allem das Fernsehen macht deutlich, welche Anstze mglich sind. Episodenhaften Serien, bei denen jede Folge abgeschlossen ist (siehe z.B. die Krimiserie Tatort) stehen mehrteilige Filme gegenber, deren Folgen sich unmittelbar aufeinand