Unverkäufliche Leseprobe aus: Jorge Bucay Drei Fragen

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    30-Dec-2016
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  • Unverkufliche Leseprobe aus:

    Jorge BucayDrei Fragen

    Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere fr die Vervielfltigung, bersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

  • Die erste Frage:

    WER BIN ICH?

  • 15

    1 Die Allegorie von der Kutsche

    Eines Tages klingelt das Telefon.Der Anruf ist fr mich.Kaum habe ich meinen Namen gesagt, da hr ich auch

    schon eine sehr vertraute Stimme:Hallo, ich bins. Geh mal raus auf die Strae, da war-

    tet eine berraschung auf dich.In freudiger Erwartung trete ich auf den Brgersteig,

    und vor mir sehe ich das Geschenk. Eine kostbare Kut-sche steht direkt vor meiner Haustr. Sie ist aus polier-tem Nussbaum gefertigt, hat bronzene Verzierungen und Lampen aus weiem Porzellan, alles sehr fein, sehr ele-gant, sehr chic.

    Ich ffne die Tr zur Kabine und steige ein. Ein gro-er halbrunder Sitz mit bordeauxrotem Cordbezug und weie Spitzenvorhnge geben dem Innenraum etwas Vornehmes. Ich setze mich und merke, dass alles fr mich magefertigt ist: auf meine Beinlnge abge-stimmt, mit passender Sitzbreite und Dachhhe Al-les ist ausgesprochen bequem, und Platz ist hier nur fr mich.

    Ich schaue also aus dem Fenster und betrachte die Landschaft: auf der einen Seite die Fassade des Hauses, in dem ich wohne, auf der anderen diejenige meines Nachbarn Und ich sage: Was fr ein wundervolles Geschenk! Fabelhaft, so schn Und geniee dieses Gefhl.

  • 16

    Nach einer Weile fange ich an, mich zu langweilen, denn vor dem Fenster sieht man immer das Gleiche.

    Ich frage mich: Wie lang kann man sich eigentlich dieselben Sachen anschauen? Und langsam komme ich zu dem Schluss, dass dieses Geschenk eigentlich nicht besonders viel taugt.

    Lauthals beschwere ich mich darber. Irgendwann kommt mein Nachbar vorbei, und als knnte er Gedan-ken lesen, sagt er:

    Merkst du denn nicht, dass an dieser Kutsche was fehlt?

    Mit dem Was-fehlt-denn-wohl-Ausdruck im Gesicht schaue ich mir die Polsterung und die Vorhnge an.

    Na, die Pferde fehlen, sagt er, noch bevor ich ber-haupt nachfragen kann.

    Ach, deshalb sehe ich immer dasselbe, denke ich, dar-um ist es so langweilig

    Ja, stimmt, sage ich.Und ich mache mich auf den Weg zum Fuhrpark

    und erstehe zwei krftige, junge, schneidige Pferde. Ich spanne die Tiere vor die Kutsche, steige wieder ein und brlle von drinnen:

    Haahh!!Die Landschaft wird phantastisch schn, auerge-

    whnlich, sie verwandelt sich permanent und berrascht mich immer wieder neu.

    Trotzdem spre ich schon ziemlich bald eine gewisse Vibration, und auf der einen Wagenseite entsteht ein tie-fer Riss.

    Die Pferde ziehen mich ber die schlechtesten Pisten, sie springen ber jeden Graben, holpern ber Brger-steige, bringen mich in die belsten Gegenden.

    Mir wird klar, dass ich nicht die geringste Kontrolle ber die Lage habe, diese Biester zerren mich dorthin, wohin es ihnen beliebt.

  • 16

    Nach einer Weile fange ich an, mich zu langweilen, denn vor dem Fenster sieht man immer das Gleiche.

    Ich frage mich: Wie lang kann man sich eigentlich dieselben Sachen anschauen? Und langsam komme ich zu dem Schluss, dass dieses Geschenk eigentlich nicht besonders viel taugt.

    Lauthals beschwere ich mich darber. Irgendwann kommt mein Nachbar vorbei, und als knnte er Gedan-ken lesen, sagt er:

    Merkst du denn nicht, dass an dieser Kutsche was fehlt?

    Mit dem Was-fehlt-denn-wohl-Ausdruck im Gesicht schaue ich mir die Polsterung und die Vorhnge an.

    Na, die Pferde fehlen, sagt er, noch bevor ich ber-haupt nachfragen kann.

    Ach, deshalb sehe ich immer dasselbe, denke ich, dar-um ist es so langweilig

    Ja, stimmt, sage ich.Und ich mache mich auf den Weg zum Fuhrpark

    und erstehe zwei krftige, junge, schneidige Pferde. Ich spanne die Tiere vor die Kutsche, steige wieder ein und brlle von drinnen:

    Haahh!!Die Landschaft wird phantastisch schn, auerge-

    whnlich, sie verwandelt sich permanent und berrascht mich immer wieder neu.

    Trotzdem spre ich schon ziemlich bald eine gewisse Vibration, und auf der einen Wagenseite entsteht ein tie-fer Riss.

    Die Pferde ziehen mich ber die schlechtesten Pisten, sie springen ber jeden Graben, holpern ber Brger-steige, bringen mich in die belsten Gegenden.

    Mir wird klar, dass ich nicht die geringste Kontrolle ber die Lage habe, diese Biester zerren mich dorthin, wohin es ihnen beliebt.

    17

    Am Anfang hat mir dieses Abenteuer groen Spa ge-macht, inzwischen bin ich mir aber sicher, dass die Sache ziemlich heikel ist.

    Ich bekomme es mit der Angst zu tun und stelle fest, dass auch das nicht wirklich weiterhilft.

    Da sehe ich meinen Nachbarn, der ganz nah in seinem Auto vorbeifhrt, und schimpfe auf ihn ein:

    Was hast du mir da eingebrockt!Er schreit zurck:Was dir fehlt, ist der Kutscher!Aha!, sage ich.Unter grten Schwierigkeiten und nur mit seiner

    Hilfe gelingt es mir, die Pferde zu stoppen, und ich ma-che mich auf die Suche nach einem Kutscher.

    Ich habe Glck. Ich finde einen.Er ist ein zurckhaltender, zuverlssiger Mann, und

    aus seiner Miene lsst sich schlieen, dass er vielleicht nicht gerade Spa, dafr aber umso mehr von seinem Handwerk versteht.

    Sofort tritt er seinen Dienst an.Mir scheint, erst jetzt wei ich mein Geschenk wirk-

    lich zu schtzen.Ich steige in die Kutsche, mach es mir bequem, nicke

    mit dem Kopf und sage dem Kutscher, wo ich hin will.Er hlt die Zgel in der Hand und hat die Lage vllig

    unter Kontrolle. Er bestimmt die angemessene Ge-schwindigkeit, er whlt den besten Weg.

    Whrend ich drinnen in der Kabine sitze und die Fahrt geniee.

    Diese kleine Allegorie aus Der Weg der Unabhngigkeit* veranschaulicht das ganzheitliche Konzept des Seins, wie es in dem vorliegenden Buch verstanden werden soll.

    * El camino de la autodependencia. Barcelona 2002.

  • 18

    Als Produkt aus der Vereinigung zweier winziger Zellen und des Begehrens zweier Menschen sind wir vor vielen Jah-ren entstanden. Und noch vor der Geburt haben wir bereits das erste Geschenk erhalten: unseren Krper.

    Eine Art Kutsche, magefertigt fr jeden von uns. Ein Gefhrt, das Vernderungen unterliegt, mit der Zeit gewisse Modifizierungen erlebt, aber dazu bestimmt ist, uns ein Le-ben lang zu begleiten.

    Kaum haben wir uns aus dem Schutz des Mutterhauses begeben, versprt dieser unser Krper ein Begehren, ein Bedrfnis, eine instinktive Notwendigkeit und setzt sich in Bewegung.

    Der Krper ohne Wnsche, Bedrfnisse, Regungen und Affekte, die ihn zum Handeln antreiben, wre wie eine Kut-sche ohne Pferde.

    Schon von den ersten Lebensstunden an haben wir durch Weinen auf beinahe tyrannische Weise die Befriedigung un-serer Bedrfnisse erlangt. Wir brauchten blo die rmchen auszustrecken, den Mund aufzumachen und mit einem win-zigen Lcheln das Kpfchen zu heben, um ungehindert zu bekommen, was wir wollten.

    Ziemlich rasch hat man jedoch die Erfahrung gemacht, dass mancher Wunsch, lsst man ihm erst einmal freien Lauf, auf ziemlich riskante, frustrierende, ja sogar gefhrliche Wege fhren kann. Und schon bald stellt sich die Notwen-digkeit der Migung ein.

    Hier kommt die Figur des Kutschers ins Spiel: in Form unserer selbst, unseres Geistes, unseres Verstandes und un-serer Fhigkeit, rational zu denken.

    Ein tchtiger Kutscher, der die Aufgabe hat, uns den Weg zu bahnen und vor Strecken zu bewahren, auf denen man-cherlei unntige Gefahr und bergroe Risiken lauern.

    Jeder von uns vereinigt in sich jene drei Instanzen aus der Alle-gorie, das heit, auf der gesamten Strecke unseres Lebens weges

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    Als Produkt aus der Vereinigung zweier winziger Zellen und des Begehrens zweier Menschen sind wir vor vielen Jah-ren entstanden. Und noch vor der Geburt haben wir bereits das erste Geschenk erhalten: unseren Krper.

    Eine Art Kutsche, magefertigt fr jeden von uns. Ein Gefhrt, das Vernderungen unterliegt, mit der Zeit gewisse Modifizierungen erlebt, aber dazu bestimmt ist, uns ein Le-ben lang zu begleiten.

    Kaum haben wir uns aus dem Schutz des Mutterhauses begeben, versprt dieser unser Krper ein Begehren, ein Bedrfnis, eine instinktive Notwendigkeit und setzt sich in Bewegung.

    Der Krper ohne Wnsche, Bedrfnisse, Regungen und Affekte, die ihn zum Handeln antreiben, wre wie eine Kut-sche ohne Pferde.

    Schon von den ersten Lebensstunden an haben wir durch Weinen auf beinahe tyrannische Weise die Befriedigung un-serer Bedrfnisse erlangt. Wir brauchten blo die rmchen auszustrecken, den Mund aufzumachen und mit einem win-zigen Lcheln das Kpfchen zu heben, um ungehindert zu bekommen, was wir wollten.

    Ziemlich rasch hat man jedoch die Erfahrung gemacht, dass mancher Wunsch, lsst man ihm erst einmal freien Lauf, auf ziemlich riskante, frustrierende, ja sogar gefhrliche Wege fhren kann. Und schon bald stellt sich die Notwen-digkeit der Migung ein.

    Hier kommt die Figur des Kutschers ins Spiel: in Form unserer selbst, unseres Geistes, unseres Verstandes und un-serer Fhigkeit, rational zu denken.

    Ein tchtiger Kutscher, der die Aufgabe hat, uns den Weg zu bahnen und vor Strecken zu bewahren, auf denen man-cherlei unntige Gefahr und bergroe Risiken lauern.

    Jeder von uns vereinigt in sich jene drei Instanzen aus der Alle-gorie, das heit, auf der gesamten Strecke unseres Lebens weges

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    sind wir die Kutsche, die Pferde und der Kutscher, genauso wie wir der befrderte Fahrgast sind. Wir sind unser Krper, unsere Wnsche, Bedrfnisse und Gefhle, wir sind unser Ver-stand und unser Geist, genauso wie unsere spirituellen und metaphysischen Krfte.

    Un